“Kopf hoch” von (Prof. Dr.) Volker BUSCH

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Psychiater BUSCH liefert hier den zweiten Band aus der “Kopf-Serie” ab: Diesmal soll der Kopf nicht frei (dazu Infos hier), sondern hoch sein. Warum hoch, wird ausführlich erklärt, ist aber an dieser Stelle nicht wichtig.
Es handelt sich wiederum ein um ein niveauvolles Lebenshilfe-Buch – auch diesmal mit dem Ziel, über die Einflussnahme auf unser Gehirn unsere geistige und psychische Gesundheit zu fördern. Er benutzt dazu das Bild von einem “mentalen Immunsystem”, das er mit den angebotenen Strategien stärken, also resilient machen will.

Seine Themenschwerpunkte sind diesmal: Der Umgang mit Unsicherheiten (“mal freiwillig die eingetretenen Pfade verlassen”), den Blick auf das Gute und die Chancen richten (“sich vor dem Tsunami an negativen Informationen abschotten”), Grübeleien und Hektik abschalten (“sich und seinem Gehirn Auszeiten schenken”). Auch um die Vorteile von Heiterkeit/Humor und Zuversicht (statt Ängstlichkeit) geht es in aller Ausführlichkeit.

Der Autor holt seine Leserschaft im Alltag ab, schafft es, gleichzeitig niederschwellig zu schreiben und trotzdem immer wieder Bezug zu wissenschaftlichen Untersuchungen bzw. Befunden einzustreuen. Dadurch bekommt das Buch einen seriösen Anstrich, der durch Informationen über die Funktionsweise unseres Denkapparates und gelegentliche Erfahrungsberichte aus dem psychiatrischen Berufsalltag noch unterstrichen wird.
Sein Stil ist aber insgesamt eher persönlich und Geschichten erzählend als journalistisch sachlich. Man könnte auch sagen: Dieser Autor hat einen gewissen Mitteilungsdrang und schmückt seine Themenbereiche sehr großzügig aus – was unweigerlich zu einer gewissen Redundanz führt. Wenn es auch löblich ist, am Ende eines Kapitels nochmal zusammenzufassen: Gelegentlich beschleicht einen der Eindruck, dass diese Kurzform vielleicht auch gereicht hätte…

“Kopf hoch” ist ein geeignetes Buch für Menschen, die Anregungen für alltagstaugliche und pragmatische Möglichkeiten suchen, etwas mehr Ruhe, Gelassenheit, Zuversicht, Mut und Heiterkeit in ihr Leben fließen zu lassen. Am besten bringen sie die Bereitschaft mit, sich vertrauensvoll von einem sympathischen und wohlmeinenden Experten an die Hand nehmen zu lassen. Dann kann man den – manchmal etwas ausschweifenden – Gedankengängen entspannt folgen und kann sicher sein, gut unterhalten und nicht überfordert zu werden – und trotzdem einiges zu lernen.
Es wird allerdings Menschen geben, denen das – trotz Faktenbezug – alles ein wenig zu seicht rüberkommt, denen der Optimismus (“wir sehen die Dinge viel zu negativ”) ein bisschen übertrieben erscheint und die manchmal hinter dem Wissenschaftler eher den leicht oberlehrerhaften Alleswisser durchschimmern sehen, der nicht zuletzt auch seine persönlichen Lebensweisheiten mit großem Vergnügen wortreich verbreitet.
Am besten entscheiden Sie selbst, welcher Lesertyp Sie eher sind…

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“Danke, nicht gut” von Franz HIMPSL und Judith WERNER

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buchprojekt erweckt von der ersten Seite ab einen persönlichen, privaten Eindruck. Hier denken zwei Gleichgesinnte über Wege nach, mit welchen Grundhaltungen man den Herausforderungen des menschlichen Daseins wohl am sinnvollsten begegnen könnte.
Angestoßen wurde dieses Vorhaben durch den offensichtlichen Widerspruch zwischen den realen Belastungen und existentiellen Zumutungen des Lebens (hier in Form einer Krebserkrankung) und den oft marktschreierischen Statements, mit denen der grenzenlose Glaube an die Machbarkeit von Erfolg, Glück und Selbstvervollkommnung propagiert wird.
Kurz gesagt: Das Autorenpaar glaubt nicht daran, dass mithilfe von Optimismus und Selbstsuggestion alles erreichbar ist, man sich also den unvermeidlichen tragischen Aspekten des Lebens durch das richtige Mindset entziehen kann.

Persönlich wirkt nicht nur der Zugang zum Thema, sondern auch die Form der Betrachtung. HIMPSEL und WERNER berühren zwar ein weites Spektrum von Inhalten aus den Bereichen Psychologie und Philosophie, handeln jedoch die vielfältigen Aspekte nicht im Stil einer systematischen Analyse ab, sondern durchstreifen die Landschaft der Einstellungen, Haltungen und Glaubenssätze im Rahmen einer langen, ruhig dahinfließenden Plauderstunde.
Dabei mixen sie Lebensweisheiten der angewandten Philosophie, wissenschaftliche Untersuchungsbefunde und persönliche Erfahrungen bzw. Erkenntnisse zu einem kohärenten roten Faden zusammen. Was dabei herauskommt, ist viel mehr als eine Abrechnung mit den Abstrusitäten der Positiven Psychologie: Letztlich entfalten die Autoren nichts weniger als eine Art ganzheitlichen “Lebensratgeber”.

Im Laufe des Parcours durch das Labyrinth der – letztlich toxischen – Haltungen und Erwartungen, die man dem Leben gegenüber entwickeln kann, lassen die beiden kaum einen Aspekt aus: Es geht um das Werben der Motivationstrainer (“anything goes”), um die Verantwortung für die eigenen Kognitionen (“du musst nur richtig denken”), um die Relativierung aller äußeren Geschehnisse (“wichtig ist nur, was du daraus machst”), um den unstillbaren Drang zur Perfektionierung und Selbstoptimierung (“man kann immer noch besser werden”), um die Manipulationstechniken des NLP, um die steigende Angst, etwas zu verpassen oder falsch zu entscheiden (“lebe das bestmögliche Leben”),
Dieser Welt des zwanghaften Optimismus und der permanenten Perfektionierung stellen die Autoren zunächst eine radikale Negation entgegen. Die Antithese heißt bei ihnen “Zynismus” (oder Skeptizismus). Ganz im Sinne der Dialektik führen sie aus, dass eine solche Lebenseinstellung (natürlich) auch nicht die Lösung sein kann.: Depressivität und Pessimismus haben ihren Preis.

Was dann zwangsläufig auf die Synthese, also die goldene Mitte hinausläuft: Die hat für die Autoren viel mit Realismus, Pragmatismus, Gelassenheit, Selbstbeschränkung, Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Anerkennung von Begrenzungen und Endlichkeit, der Kunst der kleinen Schritte und alltäglichen Freuden zu tun.
Auf dem Weg dahin wird noch die ein oder andere Schleife durch die Philosophiegeschichte geflogen – Diogenes, Sokrates, Marc Aurel, Kierkegaard, Schopenhauer, Kant, Beauvoir, Hume, Nietzsche, Heidegger und viele andere lassen grüßen.
Im Schlusskapitel gewinnt dann doch eine – auf realistisches Maß reduzierte – optimistische Lebenssicht. Es gibt sie ja wirklich – die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Und im Zweifel sollte man sie in positiver Richtung nutzen – aber mit Maß, Gelassenheit und Vernunft.

Wer sich gerne mal treiben lässt, sich vertrauensvoll in die Hände kundiger Reiseführer begibt und auch vor überraschenden Wendungen nicht bange ist – der kann es mit dem Autoren-Duo mal versuchen. Man muss die Mischung mögen und darf sich auch von einem zwischenzeitlichen Plauderton nicht abschrecken lassen.
HIMPSEL und WERNER bieten ihre Quintessenz im Umgang mit den großen Fragen des Lebens an. Anregend ist das auf jeden Fall.

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12.08.2024 Wie tief kann man noch sinken?

Es ist kaum zu fassen: Eine einstmals respektable Freiheits-Partei ist sich nicht zu schade, als Lobbyverein für “mehr Autos in den Innenstädten” auf dem tiefsten denkbaren Niveau notzulanden.

Während weltweit zukunftsweisende Projekte für die Vermenschlichung des urbanen Lebens gefeiert werden (u.a. in der Olympiastadt Paris); spricht sich die Blockiererpartei FDP gegen Fußgängerzonen und Fahrradwege aus.

Während überall Stadtplaner, Klimawissenschaftler und Verkehrsexperten an kreativen Lösungen für die Vereinbarung von Mobilität und Nachhaltigkeit tüfteln, will Lindner das Parken in den Stadtkernen verbilligen bzw. kostenlos machen.

Das ist keine ernsthafte Politik mehr – das ist ein klimapolitischer Amoklauf, der unser Land immer weiter aus der Innovationsspitze auf die Resterampe führt. Die Welt sorgt sich um jährlich neue Hitzerekorde – und die FDP um die Zukunft von Motorsport und Formel 1.

Es wird Zeit, daß alle alle seriösen Liberalen aufstehen und diesen heruntergekommenen Verein verlassen. Es ist zu hoffen, dass diese Art von Pseudo-Politik selbst den eingefleischten Autofans zu peinlich ist.

07.08. 2024 Amerika und das Duo HARRIS/WALZ

Wenn man sich den heutigen ersten Auftritt des neuen Gespanns in voller Länge anschaut, kann man sich kaum der Aufbruchstimmung erwehren, die von der geballten Energie und der sympathischen Ausstrahlung der beiden ausgeht.
Wie könnte dagegen die toxische Aggressivität eines Donald TRUMP bestehen; das erscheint denkenden und fühlenden Menschen kaum vorstellbar.

Aber der Auftakt war auch ein Lehrstück darüber, wie Amerika so tickt:
Da wabert nicht nur ein Ausmaß an Patriotismus und Selbstüberzeugung durch die Halle, der mitteleuropäischen Bürgern die Schamröte ins Gesicht treiben würde. Es wird natürlich der ewige amerikanische Traum beschworen, in dem man bekanntlich alles erreichen kann, wenn man nur will. Wo sonst auf der Welt könnten schließlich zwei “normale” Mittelschicht-Abkömmlinge auf dem Weg zu den höchsten Staatsämtern sein?!

Doch es kommt noch eine Steigerung: Man traut kaum seinen Ohren in Bezug auf all das, worüber kein Wort verloren wird: Kein Statement zur Außenpolitik, nichts zur gesamten außeramerikanischen Welt! Kein Wort zum Thema Klima oder Nachhaltigkeit! Keins!

Trotzdem kann man nur eines tun: ganz feste die Daumen drücken, dass nicht nur TRUMP verhindert wird, sondern auch seine rechtslastigen und demokratiefeindlichen Konsorten im Kongress durch eine Welle der positiven Energie eine fulminante politische Niederlage erleiden.

“Viel Lärm um Achtsamkeit” von Jacob SCHMIDT

Bewertung: 3.5 von 5.

Viel Text (über 200 S.) über eine Erfahrung, die sich eigentlich typischerweise im Stillen, im Nonverbalen abspielt. Macht das Sinn?
Das kommt darauf an…

Zunächst eine Klarstellung: In diesem Buch lernt man keine Achtsamkeit, erhält keine Anweisungen für die Meditationspraxis, wird nicht dazu angehalten, eine neue Einstellung zu sich, dem Leben oder gar dem Universum zu finden.
SCHMIDT legt eine Analyse, also eine Betrachtung auf Meta-Ebene vor: Das Phänomen Achtsamkeit ist der Gegenstand, die Methode besteht aus Faktensammlung, Reflexion, Einordnung, Bewertung. Das ist auch deshalb so eindeutig, weil hier kein Therapeut, Coach oder Psychologe schreibt, sondern ein Soziologe. Ein größerer Spannungsbogen ist kaum denkbar, als der zwischen der Innerlichkeit von Achtsamkeitserfahrungen und der gesellschaftlichen Außenperspektive.
Da der Autor eigene Achtsamkeits- bzw. Meditationserfahrung einbringt, trägt er diesen Spannungsbogen in sich selbst. Und das ist auch gut so: Denn ohne diesen persönlichen Zugang wäre dieser Blick auf ein Zeitgeist-Phänomen eine bloße intellektuelle Spielerei.

Das Buch hat verschiedene Facetten:
– SCHMIDT berichtet von eigenen Erlebnissen im Kontext von Achtsamkeit,
– er betrachtet systematisch (kulturhistorisch) die verschiedenen Stränge und inhaltlichen Ausgestaltung der Einflüsse, die sich in der aktuellen Achtsamkeits-Welle spiegeln,
– er ordnet den Hype um die Achtsamkeit in den zeitgeschichtlichen und politischen Kontext unserer Beschleunigungs-Gesellschaft ein,
– er betrachtet die Chancen und Hoffnungen, mit Hilfe der Achtsamkeit ein irgendwie “erfüllteres” Leben zu gestalten,
– er analysiert die Gefahren, die in einem Rückzug auf Privatheit und Innerlichkeit verbunden sein könnten und
– schlägt schließlich einen Kompromiss vor, in dem die Achtsamkeit einen klar begrenzten, aber doch respektablen Platz einnehmen könnte.

Schon im Vorwort von Hartmut ROSA (eine passende Wahl!) wird die grundlegende Frage angedeutet, die auch SCHMIDT umtreibt: Im welchem Umfang kann die Suche nach dem inneren Selbst, nach der Unmittelbarkeit von Sinneserfahrungen, nach Stille und Entschleunigung missbraucht werden? Wann schlägt die Sehnsucht nach der inneren Ruhe in eine stumpfe Privatheit bzw. in eine ausbeuterische, rein funktionale Selbstoptimierung um?

Das alles geht ziemlich stark ins Detail und hat zwischendurch eher wissenschaftlichen als journalistischen Charakter.
Beispielsweise nennt SCHMIDT bei den Darstellungen der asiatischen Wurzeln immer wieder auch die ursprünglichen Begrifflichkeiten. Er nimmt seine anfängliche Systematik von drei Hauptrichtungen der Achtsamkeitsbewegung ernst und bezieht sich – wie in einem guten Fachbuch üblich – im späteren Text immer wieder darauf.
Insgesamt entsteht so eine Informations- und Reflexionsdichte, die in einem gewissen Widerspruch zu dem Gegenstand und den damit verbundenen Erwartungen der Leserschaft stehen könnte. Das gilt übrigens auch für den großen Raum, den gesellschaftliche und politische Überlegungen in dem Text einnehmen. Gewisse Redundanzen waren dabei offenbar nicht zu vermeiden…

Es kommt also darauf an, was man will und sucht: Wer Achtsamkeit einfach “nur” verstehen, lernen und leben möchte, findet jede Menge geeignetere Quellen. Wenn jemand mal einen ersten distanziert-kritischen Blick auf das Phänomen werfen möchte, könnte er/sie durch die Gründlichkeit und Detailliertheit der Betrachtungen ein wenig frustriert werden. Wer sich allerdings bewusst der soziologischen Perspektive zuwenden möchte oder sich selbst schon länger die Frage stellt, ob dieser Weg in die “Innerlichkeit” vielleicht mit problematischen Nebenwirkungen erkauft werden muss, findet hier einen sorgfältig und kenntnisreich vorbereiteten Boden.

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“Der Geist aus der Maschine” von Andrian KREYE

Bewertung: 5 von 5.

Dieses Buch ist ein echter Glücksfall: Das Thema, der Schreibstil, die Informationstiefe, der Unterhaltungswert, die Aktualität!
Eigentlich ist damit alles gesagt: Wer sich für die Geschichte unserer digitalen Welt interessiert – insbesondere auf dem Hintergrund des Hypes um die Künstliche Intelligenz – sollte dieses Buch lesen (oder hören).
Man versteht danach einfach viele Dinge besser!

KREYE, etablierter Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, ist tatsächlich so etwas wie ein Zeitzeuge. Er war schon früh persönlich involviert, hat lange in den USA gearbeitet und viele relevante Digital-Pioniere persönlich kennengelernt. Auch wenn er selbst nie ein Technik-Nerd war, so kann er doch glaubhaft vermitteln, dass er mit der Geschichte der digitalen Revolution auch ein wenig die Geschichte seines eigenen Lebens erzählt. Dabei bekommen die biografischen Bezüge aber keine störende Intensität oder werden gar zur Selbstbespiegelung.

Obwohl dieses Sachbuch die Entwicklung einer Technologie beschreibt, handelt es nicht von Prozessoren, Speichermedien und Datenvolumen; mit solchem Kram hält sich KREYE nicht auf. Dem Autor geht es um die kulturelle, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Einordnung eines historischen Phänomens, das er mit der Zähmung des Feuers, der Erfindung des Buchdrucks und der Elektrifizierung unserer Welt vergleicht. Mit kleineren Maßstäben – so ist KREYE überzeugt, wird man der aktuellen Umwälzung unseres Lebens nicht gerecht.
Statt mit technischen Superlativen um sich zu werfen, fängt KREYE sensibel den “Spirit” der verschiedenen Phasen ein, in denen entscheidende Weichen für die aktuelle KI-Revolution gestellt wurden. Dabei beginnt er in den 50-iger Jahren im Media-Lab des MIT, verfolgt die Verzahnung zwischen der alternativen Westcoast-Hippie-Bewegung mit den weitreichenden Prophezeiungen der ersten Technik-Gurus, malt den kulturellen Umbruch aus, der mit der Modernität und Technikoffenheit der Ära Clinton/Al Gore verbunden war, lässt uns an den Anfängen des Silicon-Valleys und ihrer zukünftigen Gründer-Milliardäre teilhaben, schildert die erstaunliche deutsche KI-Grundlagenforschung in den 90-igern und schafft – über den Siegeszug der Social-Media und deren sozialen und politischen Folgen – eine lückenlose Verbindung zu den Chatbots, die ab 2023 plötzlich für jeden Privatanwender verfügbar sind und so die Welt zum Staunen und zum Fürchten bringen.
Man könnte auch sagen: Der Autor versteht es, mit seiner Art, Geschichten zu erzählen, aus dem – für die meisten sowieso unverständlichen – technischen Prozessen menschliche und kulturelle Zeitgeschichte zu destillieren. So wird Technologieentwicklung lebendig und erfahrbar, eingebettet in und getragen von gesellschaftlichen Trends und Visionen.

KREYE bietet eine schier grenzenlose Fülle von Inhalten und Perspektiven, ohne jemals den gut ausgeleuchteten journalistischen Pfad zu verlassen, der Orientierung und Struktur sicherstellt. Dabei trifft er genau den Ton zwischen seriöser Sachdarstellung und unterhaltsamer Aufbereitung, der das Lesen (Hören) dieses Buches zu einem intellektuellen und emotionalen Vergnügen macht.

Und die Kritik? Natürlich könnte man manche der vorgestellten Verästelungen als zu stark ausgeschmückt empfinden (z.B. die Story über eine bekannte rechtsradikale Website oder über den Facebook-Aufstand im Arabischen Frühling). Für diejenigen, die in einem solchen Buch eher nüchterne technische Fakten suchen, die persönliche Bezüge des Autors eher als störend empfinden und die mit den Querverweisen auch zu den jeweiligen Phasen der Pop-Kultur nichts anfangen können, könnte dieses Werk tatsächlich eine suboptimale Wahl sein. Ganz sicher würden aber auch diese potentiellen Leser/innen eine Menge über ca. 70 Jahre Technik- und Zeitgeschichte lernen.

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“Die geheimste Erinnerung der Menschheit” von Mohamed Mbougar SARR

Bewertung: 3.5 von 5.

Der viel gelobte und preisgekrönte Roman des senegalesischen Autors kann zweifellos als ein gewichtiges Werk beschrieben werden: Dafür spricht sein Umfang (engbedruckte 450 Seiten), aber insbesondere die Sprachgewalt und die Leidenschaftlichkeit seines Stils.

Thematisch geht es um afrikanische Literatur im französischen Exil, noch allgemeiner um die Suche nach Wurzeln und Identität zwischen europäischer Intellektualität und ursprünglichen heimatlicher Prägungen.

Der Autor konstruiert eine tragende Rahmenhandlung, in die er alle Aspekte seiner Betrachtungen einbettet. Sie handelt – welche Überraschung – wiederum von einem senegalesischen Schriftsteller, dessen Erstlingswerk einiges literarisches Aufsehen erregt hat, dann aber wegen Plagiatsvorwürfen in Verruf und später in Vergessenheit geraten ist. Auch die Spur des Autors verliert sich im Nichts.
Der Ich-Erzähler, ein junger Schriftsteller (der Dritte im Bunde) kommt Jahrzehnte später mit dem verschwundenen Buch in Berührung und schildert ausführlich seine Erlebnisse bei dem Versuch, die ominöse und wechselhafte Geschichte von Roman und Autor aufzuklären. Nach und nach lernt er dabei die wichtigsten Bezugspersonen des Verschollenen kennen, so dass sich letztlich die verschiedenen Puzzlestücke zu einer Art Gesamtbild zusammensetzen.

Der Roman handelt zwar von diesem Plot, er lebt aber von der Vielfalt, der Intensität und der kompromisslosen Direktheit, mit denen der Alltag, das Fühlen, die Begegnungen, die Sexualität und die Selbstreflexionen der beteiligten Personen in einer manchmal atemberaubenden sprachlicher Wucht dargestellt wird.
Der unangefochtene Star bleibt dabei die Literatur selbst! Ihre Möglichkeiten und Grenzen, insbesondere im Kontext der Verbindung, der Abgrenzung, des Konfliktes zweier Kulturen wird mit einer Inbrunst diskutiert, die ihresgleichen sucht.

Wenn auch die begeisterten Kritiker-Stimmen ein eindeutiges Bild erzeugen: Der Roman ist keine einfach Lektüre; er will erobert werden. Wer sich auf diesen Feldzug einlässt, sollte Neugier, Ausdauer und Toleranz mitbringen.
Ohne ein ausgeprägtes Interesse an Bikulturalität und der Kunstform Literatur, ohne die Bereitschaft, sich auf ungewohnte, exzessive und gelegentlich auch verstörende Erfahrungen bzw. Schilderungen einzulassen, könnte auf potentielle Leser/innen durchaus eine Überforderungserfahrung warten.

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“Wer wird Milliardär?” – von Heike BUCHTER

Bewertung: 4.5 von 5.

Das Thema “Superreiche” kann aus verschiedenen Gründen Interesse wecken: So könnten z.B. eigene Fantasien und Sehnsüchte nach einem unerreichbaren “Idealleben” konkretisiert werden, man könnte Stoff für Neid- und Umverteilungsdebatten finden oder endgültig die Perversität des Kapitalismus entlarven.
Für all diese Motive – und noch viele mehr – ließe sich das Buch von Heike BUCHTER nutzen.
Das liegt aber nicht daran, dass die Autorin solche Zielsetzungen direkt bedient, sondern ist die Folge der zentralen Qualität dieser Publikation: Sie liefert eine unglaubliche Menge sehr konkreter und handfester Informationen über einen immer bedeutsameren Teil unserer Weltwirtschaft.

Man kann sich das Lesen dieses Buches wie eine erlebnisreiche Reise vorstellen: Die Autorin führt uns in verschiedene geografische Zonen, in unterschiedliche Wirtschaftsbereiche, in die Welt von Familiendynastien und Ölscheichs, zu den geradezu unermesslich reichen Tech-Pionieren des Silicon-Valleys, zu den Ölmagnaten, zu den Investmentbankern und Firmen-Jongleuren und vergisst auch nicht die so dezenten deutschen Erben privater Industrie- und Handelskonzerne. Auf diesem Trip hat man immer eine gute Orientierung: Die Reiseführerin ordnet und strukturiert; Sackgassen werden vermieden.

Statt sich in ideologischen Tiraden zu ergehen, nennt BUCHTER in bewundernswerter Konsequenz und mit faszinierender Akribie Namen, Fakten, Zusammenhänge, Hintergründe und Konsequenzen der historisch einmaligen und vom Umfang kaum fassbaren Konzentration von Reichtum in privaten Händen.
Zwar versteckt die Autorin keineswegs ihre Überzeugung, dass dieser – vielfach im Verborgenen stattfindende – Konzentrations- und Umverteilungsprozess (von unten nach oben) eine eklatante Fehlentwicklung darstellt. Aber sie muss das nicht immer wieder thematisieren: Die Tatsachen, in diesem Fall die Zahlen, sprechen für sich.

BUCHTER hält sich nicht lange mit dem obszönen Begleiterscheinungen auf – also mit der Zurschaustellung des extremen Luxus; aber auch die kurzen Einblicke (z.B. in das Geschäft mit Luxus-Yachten oder Weltraumausflügen) lassen einen ahnen, wie abgedreht diese Welt ist, wie weit entfernt von den echten Menschheitsproblemen.
Der Autorin ist es wichtiger, nachvollziehbar zu machen, dass wir hier nicht staunend einem unvermeidbaren Naturphänomen beiwohnen, sondern dass die beschriebenen Entwicklungen völlig logische Konsequenzen von sehr konkreten Entscheidungen bestimmter politischer Kreise waren und sind. All das war und ist gewollt – und hätte anders entschieden bzw. vermieden werden können.
Darüber hinaus macht BUCHTER immer wieder darauf aufmerksam, dass die Milliardäre dieser Welt nicht einfach (in perversem Umfang) reich sind: Mit dieser wirtschaftlichen Macht ist natürlich ein enormer politischer Einfluss verbunden, der – wen wundert es – auch engagiert genutzt wird.

Insgesamt ist hier ein vorbildliches Sachbuch gelungen, das in gut lesbarer, geradezu unterhaltsamer Form über einen extrem relevanten Aspekt unserer Gegenwart aufklärt. Mit dem Hintergrundwissen dieses Buches ist man jeder Diskussion über wirtschaftspolitische Grundsatzfragen gewachsen – insbesondere dem neoliberalen Gesäusel von der der “Leistung, die sich endlich wieder lohnen müsste”.
Wer nach dem Lesen dieses Buches weiterhin die Frage nach den sinnvollen Grenzen privaten Reichtums als “Neiddebatte” abtut, hat offenbar ein kognitives Problem (oder steht selbst in direkten Diensten eines Superreichen).

“Fast im Jenseits” von David EAGLEMAN

Bewertung: 4 von 5.

EAGLEMAN ist ein bekannter Neurowissenschaftler, der sich sich auch mit seiner Fähigkeit, das komplexeste Organ auf auf diesem Planeten anschaulich zu erklären, einen Namen gemacht hat (“The Brain“). Hier tritt er als Literat auf und legt ein kleinen Band mit Ultra-Kurzgeschichten vor (40 auf 140 Seiten).
Es sind eher Betrachtungen als Erzählungen, psychologische und philosophische Gedankenspiele, die einen gemeinsamen Bezugspunkt haben: den Übergang vom Diesseits zum Jenseits.

Der Autor spielt virtuos mit den Perspektiven, die sich aus verschiedenen Vorstellungen von dem “Leben nach dem Tode” ergeben könnten. Dabei nimmt er gängige Bilder, religiöse Ideen und symbolische Darstellungen mit einer geradezu absurden Konsequenz wörtlich und führt uns in Welten und Zwischenwelten, in denen sich nicht nur das “Menschliche, Allzumenschliche” auch im Jenseits entfaltet, sondern sich auch die diversen Götter als hilflos, ambivalent und überfordert erweisen.

Auf diesem Hintergrund entlarvt EAGLEMAN die Vordergründigkeit unserer Motive, mit denen wir der Endgültigkeit unseres Todes zu entfliehen versuchen. In vielen kreativen und humoristischen Varianten führt er vor, als wie wenig tragfähig sich die Konzepte der ewigen paradiesischen Glückseligkeit bei genauerem Hinsehen erweisen.
Seine Schlussfolgerungen sind aber keineswegs deprimierend oder nihilistisch: Der Ausflug ins Jenseits endet durchweg mit einem sehnsuchtsvollen Rückblick in die oft so achtlos geschmähte irdische Existenz.

So ist die eigentliche Botschaft des Autors eine eindeutig weltliche: Das Glück lauert nicht in einem – wie auch immer gearteten – Paradies, sondern in der Annahme all der Beschränktheiten und Zufälligkeiten des ganz normalen Erdenlebens.

Ein sehr nachdenkliches und menschenfreundliches Büchlein, das sich angenehm aus der Masse der Erbauungsliteratur abhebt.
Ob man tatsächlich 40 Varianten der Thematik bräuchte, mag genauso offenbleiben wie das Bedürfnis, die ein oder andere Konstellationen doch etwas genauer zu ergründen.
Was man ganz sicher bekommt: 40 kurze Denkanstöße, die zum Schmunzeln und Philosophieren anregen.

“Radikal emotional” von Maren URNER

Bewertung: 4 von 5.

Die Neurowissenschaftlerin hat die Sachbuch-Bühne im Jahr 2019 mit Betrachtungen zum “Konstruktiven Journalismus” betreten; mit “Radikal emotional” legt sie ihre dritte Publikation vor.

URNER gehört zu den öffentlichkeitswirksamen Wissenschaftler/innen, die all das in Worte, Zielsetzungen und Begründungen fassen, worüber sich gutmeinende und aufgeklärte Menschen “eigentlich” sowieso einig sein müssten: Wir stehen vor dermaßen riesigen Herausforderungen bei den Themen Klima, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Konfliktlösung, Autokratie und gesellschaftlicher Machtverteilung, dass es völlig absurd erscheint, wie ahnungslos, ignorant, resignativ oder gar böswillig-egoistisch wir auf die verschiedenen Abgründe, Kipppunkte oder Zuspitzungen zusteuern.
So eindeutig – so allseits beschrieben und bekannt.

Das alles treibt die Autorin um, ganz persönlich und emotional, als Wissenschaftlerin und als Privatmensch. Ihre Konsequenz: Sie schreibt ein sehr persönliches Sachbuch über den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Politik. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass es weder sinnvoll, noch möglich ist, vermeintlich rationale gesellschaftliche bzw. politische Prozesse und Entscheidungen von der emotionalen Basis unseres Denkens und Handelns zu trennen. URNER ist sich auch deshalb so sicher, weil sie Fühlen und Denken ganz grundsätzlich als letztlich biologisch begründete Vorgänge in einem Gesamtsystem betrachtet.
Und weil sie ganz persönlich betroffen ist, und weil es um (ihre und unsere) Emotionen geht, schreibt sie ein sehr persönlich-emotionales Buch. Sie duzt ihre Leserschaft, spricht sie immer wieder direkt an, pflegt einen beständigen Dialog. Das tut sie auch dadurch, dass sich selbst, ihre Motive, den Schreibprozess und ihre Erfahrungen dabei fast permanent thematisiert. URNER befindet sich also fast immer sowohl auf der Inhalts-, als auch auf der Metaebene, auf der sie ihr Vorgehen erklärt, Aspekte ordnet, Anekdoten erzählt oder an die Leser/innen appelliert.

Der grundlegende Unterschied zu anderen Büchern, die zu einem Umsteuern motivieren wollen, besteht darin, dass URNER gleichzeitig die Welt und das Funktionieren der eigenen Psyche erklären will. Denn sie will ja analysieren, warum uns die so eindeutig prekäre Weltlage nicht zu gleichermaßen eindeutigem Handeln veranlasst.
URNER führt die Leser/innen in drei Stufen durch ihre Systematik:
Im ersten Teil geht es um “radikale Aufmerksamkeit”, also um die Frage, was und wie wir fühlen, worauf wir achten und welche Identität wir dabei entwickeln.
Weiter geht es mit der “radikalen Ehrlichkeit”. Was hindert uns daran, aus der einlullenden “Realitäts-Simulation” zu erwachen? Welche – letztlich evolutionär entstandenen – Denk- und Bewertungsmuster müssen erkannt und überwunden werden? Welchen toxischen Belohnungsmustern sind wir ausgesetzt? Sind wir in einer “Normalitäts-Falle” gefangen?
Im letzten Teil bringt die Autorin uns die “radikale Verbundenheit” nahe, in der wir als biologische Naturwesen unausweichlich leben und die wir als soziale bzw. gesellschaftliche Wesen brauchen, um die Zukunftsaufgaben zu bewältigen. Dabei gilt es zu erkennen, dass jede private Handlung auch einen politischen Aspekt hat und welche Rolle unser elementares Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt.

URNER sammelt die Bestandteile ihres Mosaiks auf einem weiten Feld von (sozial)psychologischen, biologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen. Das ist anregend, manchmal wirkt es vielleicht auch ein wenig willkürlich und beliebig – so, als ob die Autorin auch wirklich alles unterbringen wollte, war einem so einfallen könnte.
Man kann sich daran stören, dass sich die Autorin tatsächlich ein wenig zu stark um sich selbst dreht: um die Entstehung des Buches, um die Auswahl und Reihenfolge von Themen, um ihre Erlebnisse bei Konferenzen und um ihre kreativen und zweifelnden Momente. Für Menschen, denen es vordringlich um Sachinhalte geht, ist das sicherlich alles “too much”.
Umgekehrt: Wem die üblichen Sachbücher zu trocken, zu dröge, zu “verkopft” daherkommen, der/die wird den vertrauten, lockeren und fast intimen Stil vielleicht zu schätzen wissen.
Etwas wirklich Neues erfährt man in diesem Buch nur dann, wenn man bisher das Studium von Nachhaltigkeits- und Psycholiteratur eher vermieden hat. Es geht hier vorrangig um die Ansprache, um die Eindringlichkeit der Vermittlung, um das Wecken von Betroffenheit.
Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin von ihrem speziellen Zugang zur Thematik sehr überzeugt ist; sie ist ganz offensichtlich auch stolz auf ihr Ergebnis. Auch wenn das bei einem normalen Sachbuch vielleicht ein wenig zu selbstverliebt rüberkommen könnte – bei einem Buch über Emotionen kann man da sicher mal toleranter sein…

Letztlich bleibt unterm Strich eine Empfehlung – wenn man zu der skizzierten Zielgruppe gehört. Viele Leser/innen werden sich in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken bestätigt fühlen; auch dass kann einfach guttun und vielleicht sogar motivieren.
Warnen möchte ich allerdings vor der Hörbuchfassung: Ich beurteile normalerweise ein Buch nicht nach dem Umgang mit der sprachlichen Gender-Frage – aber die (gefühlt) Tausende von gesprochenen Gender-Doppelpunkte oder -sternchen sind auch für wohlmeinende Zuhörer kaum auszuhalten.