“Hoffnung für Verzweifelte” von Hannah RITCHIE

Dieses Buch einer englischen Wissenschaftlerin trägt den Original-Titel “Not the End of the World”. Genau das bringt wohl die Intension der Autorin auf den Punkt: Sie will in ihrem faktenreichen Werk – auf immerhin ca. 300 Textseiten – deutlich machen, dass wir nicht am (drohenden) Ende unserer Bemühungen stehen, unseren Planeten als lebenswerten Ort zu erhalten. Aus ihrer Sicht sind wir bereits mittendrin in diesem Prozess – und haben sogar einigen Anlass zum Optimismus.
An die Stelle des Mottos der Klimaaktivisten der “letzten Generation” setzt sie auf die “erste Generation”: Aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Ressourcen sieht sie eine realistische Chance, dass ihre Generation (der ca. 30jährigen) die Entwicklung zum Guten wenden könnte.
Nachdem sie in einer Einleitung ihren grundsätzlichen Ansatz (“gegen Weltuntergangsstimmung”) erläutert hat und auf die historischen Fortschritte in der zivilisatorischen Entwicklung hingewiesen hat (“die beste aller bisherigen Welten”), schaut sie sich 7 Einzelthemen genauer an: Luftverschmutzung, Klimawandel, Entwaldung, Ernährung, Artenvielfalt, Plastik, Überfischung.
RITCHIE legt dabei eine gewisse Lust am Provozieren an den Tag: Mit besonderem Elan stürzt sie sich auf vermeintliche Gewissheiten – insbesondere, wenn diese aus ihrer Sicht zu pessimistisch oder zwar “gut gemeint”, such aber letztlich nicht faktenkonform erweisen.
Die Autorin spart dabei nicht an empirischen Belegen für ihre Sichtweise, vermischt diese Sachinformation aber gerne auch mit persönlichen Prioritäten. So verblüfft z.B. die Eindeutigkeit, mit der RITCHIE das Problem der Überbevölkerung zur Seite wischt, weil in ihrer Rechnung eine angemessene Ernährung für ca. 10 Milliarden Menschen durchaus machbar wäre. (Als ob es nicht auch andere gute Gründe gäbe, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen).
Durchgängig lässt sich folgende Argumentationslinie beobachten:
– Ein (Umwelt)Problem wird identifiziert und als real und bedeutsam bewertet.
– Es wird darauf hingewiesen, dass es zu einseitig, zu undifferenziert bzw. zu dramatisch dargestellt wird (und oft mit falschen Mitteln bekämpft wird).
– Dargestellt werden dann die bereits eingesetzten Lösungsstrategien und ihre (Teil)Erfolge.
– Es wird schließlich geschlussfolgert, dass gute Chancen beständen, das Problem auch nachhaltig und endgültig zu bewältigen.
Problematisch an dieser – schlüssig wirkenden – Kette ist der Umstand, dass es natürlich von bestimmten gesellschaftlichen Stimmungen, wirtschaftlichen Einflussnahmen und politischen Entscheidungen abhängt, ob bestimmte Ziele tatsächlich weiterverfolgt werden.. Darauf weist die Autorin zwar hin – übrig bleibt aber letztlich die Botschaft, dass schon alles gut werden wird.
RITCHIE trägt mit diesem Buch und den darin aufgeführten Fakten ganz sicher zu einer sachbezogenen Diskussion über die dringenden Nachhaltigkeits-Transformation unserer westlichen Gesellschaften bei. Dass sie dabei einige vermeintliche Selbstverständlichkeiten (z.B. “Bio ist immer gut”, “Kernkraft ist böse”) angreift, ist zwar manchmal irritierend, aber auch durchaus anregend – und gehört offensichtlich zu ihrem persönlichen Stil.
Trotzdem lassen einige Passagen an der Güte und Seriosität ihrer Aussagen ernsthafte Zweifel aufkommen: So bewertet sie die extreme Steigerung der Fischzucht in Aquakulturen – völlig unkritisch – als erfolgreiche und zukunftsweisende Maßnahme zur Sicherung des entsprechenden Bedarfs (unter Vermeidung der sonst drohenden “Überfischung)”. Die seit Jahren – nicht nur als Einzelfälle – nachgewiesenen extrem skandalösen Rahmenbedingungen (bzgl. Hygiene, Parasiten, Krankheiten, Medikamentenmissbrauch) führen in weiten Teilen zu einer geradezu kriminellen Vernachlässigung von Tierwohl und damit letztlich auch zu einer Qualitätsminderung für die Konsumenten.
Es bleibt zu hoffen, dass RITCHIE in anderen Bereichen nicht vergleichbare “blinde Flecken” hat.
Letztlich kann die Autorin mit Recht darauf verweisen, dass Zuversicht eher zu Engagement und Aktivität mobilisieren kann als hoffnungslose Verzweiflung angesichts eines drohenden Untergangs. Auch muss man ihr zugestehen, dass sie wiederholt auf die Notwendigkeit weiterer Anstrengungen hinweist.
Trotzdem bleibt ein leises Gefühl übrig, dass sich RITCHIE die Gesamtlage doch ein wenig zu schönredet – vor allem, weil sie die mächtigen und finanzkräftigen Gegenspieler ganz aus ihren Betrachtungen herauslässt.
Und genau diese Gegenspieler sind zur Zeit (Frühjahr 2026) stärker als in den letzten 10 bis 20 Jahren.
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“Wie fühlst du dich?” Von Axel HACKE

Auch wenn es ein kleines Format hat: Das Buch des bekannten Autors und Kolumnisten Axel HACKE ist mehr als ein erweitertes Essay. Es ist eine informative und abwechslungsreiche Reise durch die Gefühlswelten einer verunsicherten Gesellschaft im permanenten Krisenmodus.
Der Autor wechselt zwischen eher allgemeinen Betrachtungen zur “Gefühlslage der Nation” und der konkreten Analyse einzelner (insgesamt 12) Emotionen.
In seinem – bei einer großen Leserschaft beliebten – Stil integriert HACKE Anregungen und Erkenntnisse aus ganz verschiedenen (wissenschaftlichen) Disziplinen, aber auch aus Philosophie und Kultur.
Das Hauptmerkmal seiner Schreibweise liegt wohl in dem Verzicht auf eine (didaktisch oft hilfreiche) Strukturierung seines Textes – so wie man es z.B. aus guten populärwissenschaftlichen Sachbüchern gewohnt ist. HACKE ist eher ein Erzähler: Er plaudert, statt zu dozieren; er assoziiert, statt einer klaren Argumentationslinie zu folgen.
Sein Blick auf die Thematik ist die eines Generalisten.
Da er keine eigene Theorie oder Fachmeinung zu vertreten hat, holt er sich Anregungen aus den verschiedensten Quellen und baut aus den Mosaiksteinchen eine mehr oder weniger klares Bild zusammen. Dabei spielt es für ihn keine so entscheidende Rolle, ob eine bestimmte Sichtweise bzw. Formulierung aktuell noch dem Forschungsstand entspricht. Wichtig ist für ihn eher, ob der jeweilige Aspekt dazu beiträgt, sein Bild abzurunden.
Dabei verschwindet HACKE als Person keineswegs als neutraler Beobachter im Hintergrund: In seiner grundsätzlichen Haltung zu einem demokratischen, liberalen und solidarischen Miteinander wird er immer wieder sichtbar.
Es ist daher auch eine persönliche Betrachtung, in der der Autor auch sich selbst zum Thema macht. So in etwa könnte auch ein sehr belesenes und erfahrenes Familienmitglied über seine Erkenntnisse berichten: zugewandt, anekdotisch und auf dem Weg zur Weisheit.
Es ist eher ein Buch für den Nachttisch – als dass es sich für eine sachbezogene Recherche zu den menschlichen Grundemotionen eignen würde. Die Gedanken, zu denen man als Leser/in angeregt wird, gehen über das jeweilige Detailthema hinaus.
Das Lesen dieses Textes macht auf eine eher allgemeine Art “schlauer”, weil es eher um Zusammenhänge als um Details geht. Als Prüfungsvorbereitung im Bereich “Psychologie der Emotionen” ist es ganz sicher nicht geeignet (und natürlich auch nicht gedacht).
HACKE hat mit diesem leicht zu lesenden Buch einen nützlichen Beitrag zur Erhellung der komplexen Gegenwart geschaffen. Es ist sicher ein schönes Geschenk für nachdenkliche Menschen, die sich gerne auf die hier beschrieben Weise anregen lassen.
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“Eden” von Marc ELSBERG

Es gibt bestimmte Qualitätskriterien, die sich für die Beurteilung eines aktuellen – auf ein breites, schwerpunktmäßig jüngeres Publikum zielenden – Umwelt-Thrillers anbieten. Und es gibt andere, die eher abwegig erscheinen.
Fangen wir mit den unpassenden Faktoren an:
Ein solches Buch müsste sich nicht auf der Ebene seines literarischen Sprachstils hervortun. Es müsste sich keine Mühe geben, sattsam bekannte Handlungsmuster oder insgesamt das Zurückgreifen auf Klischees zu vermeiden. Und es gäbe keine Erwartung, die Hauptfiguren in Bezug auf ihren Charakter oder ihre Persönlichkeitsentwicklung besonders auszudifferenzieren, also z.B. Schwarz/Weiß-Zuschreibungen zu vermeiden.
Kritikpunkte in diesen Bereichen wären – selbst wenn sie gut begründet wären – für den Zweck und den Erfolg einer Publikation in diesem Segment unerheblich.
Also sparen wir uns diese Mühe…
Kommen wir zu den relevanten Maßstäben:
Hier würde sich ein “gelungener” Umwelt-Thriller darum bemühen, möglichst viele, gut recherchierte und aktuelle Informationen über Risiken und Hintergründe ökologischer Fehlentwicklungen zu vermitteln. Diese sollten in einen Handlungs- und Spannungsbogen eingebettet sein, der einen ausreichende, “Lesesog” entstehen lässt, die Leserschaft also bei der Stange hält. Dabei sollte diese Handlung von einigen Protagonisten getragen werden, die dem Zielpublikum ausreichende Identifikationsmöglichkeiten bieten und möglichst untereinander in “knisternden” Beziehungsdynamiken stecken. Diesen Figuren – die natürlich auf der “richtigen” (guten) Seite stehen – sollten möglichst ein paar Gegner haben, die eindeutig genug “böse” sind, um das Ringen mit ihnen auch emotional mitfühlen zu können.
Anzustreben wäre zuletzt noch, dass einige Nebenfiguren die Komplexität des Geschehens anreichern und dazu beitragen, dass außer dem Hauptthema (hier “Umwelt”) noch ein paar andere gesellschaftlich oder emotional bedeutsame Themen zur Sprache kommen.
Um es kurz zu sagen: All das leistet “Eden” ohne jeden Zweifel – und zwar auf einem hohen professionellem Niveau.
Schauen wir auf einige Details:
Der Erfolgsautor ELSBERG schöpft hinsichtlich der aufgegriffenen Aspekte wirklich aus dem Vollen: Es ist kaum eine halbwegs relevante Umweltbedrohung vorstellbar, die in dieser Story nicht in aufrüttelnder Weise thematisiert würde: Das beginnt bei Klima und Artenvielfalt – und ist bei Bodenerosion und Massentierhaltung noch lange nicht zu Ende.
Hervorzuheben ist: In einem bemerkenswerten Umfang befasst sich die Story mit den politischen, aber vor allem den wirtschaftlichen Interessen, die sowohl für das Entstehen der Probleme, als auch für die Reaktionen darauf verantwortlich sind. Hier spielen dann heimische Parteipolitik genauso eine Rolle wie international vernetzte Finanzhaie, die z.B. durch Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln aus jeder Krise skrupellos Profit ziehen.
Darüber hinaus erfahren wir eine Menge über die Gesetzmäßigkeiten der Social-Media-Welt: Denn der Kampf zwischen den beiden Welten findet fast ausschließlich online statt.
Die positiven Helden des Romans sind eine sympathische und engagierte junge Umwelt-Wissenschaftlerin und ein cooler Internetblogger, der sich – natürlich unter ihrem Einfluss – von einem konsumorientierten Lifestyle-Influencer zu einem einflussreichen Öko-Aktivisten mausert. Die beiden markieren eindeutig das Zielpublikum: jung, technik-affin, engagiert – aber eben auch zukunftsorientiert und lebensfroh.
ELSBERG bewegt sich mit der Menge und der Intensität der dargestellten Details ziemlich am Rand von dem, was in einem Unterhaltungs-Kontext als zumutbar empfunden werden könnte: Es werden am laufenden Bande komplexe Zusammenhänge und jede Menge konkrete Zahlen genannt (z.B. prognostizierte Wahrscheinlichkeiten drohender Entwicklungen), die der Leserschaft eine gewisse Toleranz und Ausdauer abverlangen.
Zum Ausgleich und zur Erholung bietet der Autor dann aber ein paar Seiten weiter wieder etwas “fürs Herz”…
Insgesamt ist es dem Bestseller-Autor hoch anzurechnen, dass er sich – ganz gegen den aktuellen Trend in Politik und Gesellschaft – in dieser Eindeutigkeit und Vehemenz dem Themakomplex Klima/Umwelt/Nachhaltigkeit widmet. Es wäre zu hoffen, dass sein Statement dazu beitragen kann, dass dieser existentiellen Menschheitsaufgabe endlich wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Dass er sich dabei besonders dem jüngeren Publikum zuwendet, ist ebenfalls sinnvoll und lobenswert; auch hier ist das Klimabewusstsein leider nicht mehr so weit verbreitet.
Es ist daher nur zu gut verständlich, dass ELSBERG alle Register zieht, um einen möglichst breiten “Mainstream-Geschmack” zu treffen.
Das kann er richtig gut!
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“Roboterliebe” von Beatrice WAGNER (Dr.)

Während sich die professionelle Nutzung der KI-Technologie inzwischen (Anfang 2026) von den Chatbots abgewandt und sich dem Coding (Programmieren), den Agents (selbständiges Erledigen von komplexen Aufgaben) und der Robotik zugewandt hat, sind für die Privatnutzung, für Pädagogik, Pflege und Psychotherapie die emotionalen Kompetenzen der KI in den Fokus gerückt.
Zwar gibt es spezifische Anwendungen für den Bereich Freundschaft und Partnerschaft schon einige Jahre (z.B. die App “Replika”), doch hat letztlich die Weiterentwicklung der großen Chatbots (ChatGPT, Gemini, Claude) den Durchbruch in den Mainstream ausgelöst.
Inzwischen ist es für junge Menschen (U30) völlig normal, Chatbots auch für sehr persönliche und intime Dialoge zu nutzen – entweder als geduldigen und verständnisvollen Zuhörer, als kompetenten Unterstützer bzw. Berater oder gleich als innigsten emotionalen Vertrauten.
Auch von ganz “offiziellen” romantischen Partnerschaften zwischen Mensch und KI berichten gelegentlich die Medien – was bei den meisten von uns vermutlich noch irritiertes Kopfschütteln auslöst.
Mit dem Sachbuch “Roboterliebe” macht die Paar- und Sexualtherapeutin WAGNER den Versuch, die rasante KI-Entwicklung der letzten Jahre speziell für diesen Bereich nachzuzeichnen, zu analysieren und zu bewerten.
Um es gleich vorweg zu sagen: Sie nimmt dabei keine neutrale Position ein, sondern beurteilt die Tendenzen rund um Bots, Avatare, Sexpuppen und Erotikroboter aus der Perspektive einer Therapeutin, die Sexualität nur dann als wirklich erfüllend ansieht, wenn diese in eine ganzheitliche Begegnung zwischen zwei Menschen eingebettet ist.
Die “Roboterliebe” wird also bei der Autorin nicht auf “Gegenliebe” stoßen…
WAGNER hat sich für ihre Reise durch die Entwicklung der KI-Beziehungsangebote einen originellen und lebensnahen Rahmen ausgedacht: Sie beschreibt in Dialogform die Etappen einer “Affäre” zwischen einem erotisch frustrierten Ehemann und einem weiblichen Avatar, die – man kennt es aus analogen Affären – irgendwann in Konflikt mit der realen Paarbeziehung gerät. Die Autorin weist darauf hin, dass diese Texte eng an reale Vorlagen angelehnt sind.
WAGNER nimmt sich zunächst den Raum, die technischen Zwischenschritte auf dem Weg zur Sex-KI recht ausführlich zu betrachten; man erhält also einen kurzen Überblick über die allgemeine KI-Historie. Dabei werden schon an dieser frühen Stelle grundlegende längerfristigen Risiken aufgeführt, die selbst von einigen frühen KI-Pionieren inzwischen gesehen werden.
Unvermeidbar ist in diesem Zusammenhang offenbar die – in fast allen KI-Aufklärungsbüchern gebetsmühlenartig wiederholte – Geschichte von der “rein statistischen Wahrscheinlichkeit”, die hinter den Reaktionen der KI stecke und die ein “wirkliches Verstehen” nur simulieren würde. Leider wird an dieser Stelle nie die Frage beantwortet, welchen Unterschied es denn aus Nutzersicht macht, ob ein (kognitives) Verstehen “vorhanden” ist oder nur “perfekt simuliert” wird.
Genau diese Unterscheidung wird von WAGNER im Bereich Beziehung/Sex als noch zentraler definiert: Menschen ließen sich durch immer perfekter simulierte emotionale und erotische Resonanz darüber hinwegtäuschen, dass das Gegenüber eben nur eine seelenlose (bewusstseinsfreie) Maschine ist, die nichts empfindet und daher zu einer echten, also authentisch-dialogischen Begegnung unfähig ist.
Etwas ratlos wirkt die Autorin immer dann, wenn sie einräumen muss, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich dieser harten Realität durchaus bewusst sind – und die es trotzdem genießen, im Kontakt mit einem KI-System Interesse, Zugewandtheit, Bestätigung, Unterstützung, Anregung und sogar erotisches Begehren und sexuelle Befriedigung zu erfahren.
An dieser Stelle kommt das – absolut nachvollziehbare und wünschenswerte – Idealbild von Beziehung/Sexualität ins Spiel: Die erotische Erfüllung als Ausdruck einer innigen, auch durch Erfahrungen von Konflikt und Korrektur reifenden Gesamtbeziehung.
Wer wollte diesem Ideal widersprechen?
Das Problem ist allerdings: Diese “Königsklasse” der Beziehungskunst schließt bestimmte Gruppen von Menschen systematisch aus: all diejenigen nämlich, die auch nach Kontakt, Bestätigung und/oder sexueller Befriedigung dürsten, dafür aber bestimmte Voraussetzungen nicht haben. Das betrifft persönliche Eigenschaften und Kompetenzen (Alter, Krankheit, Behinderung, Attraktivität, Kommunikationsfähigkeit, …) genauso wie bestimmte strukturelle Erschwernisse (Isolation, Armut, …).
Darüber hinaus gibt es Menschen, die – warum auch immer – einen anderen (eingeschränkteren) Zugang zum Thema Sex ausgebildet haben – oder die einfach gerne (zusätzlich) Sachen ausprobieren.
Warum sollte es für all diese Menschen keine KI-gestützte Angebote geben?
Man kann der Autorin ohne weiteres zustimmen, wenn sie eine Gesellschaft fordert, in der es ausreichende “menschliche” Antworten auf jede Form von sozialer (emotionaler) Bedürftigkeit gibt. Aber ist so eine Gesellschaft realistisch? Sollte man Bedürfnisse bewusst unerfüllt lassen, weil nur so der “Druck” für eine Verbesserung der Verhältnisse aufrecht erhalten bleibt?
Damit kein falscher Gesamteindruck entsteht: Fast alle Überlegungen und Bedenken, die in diesem Buch zur Sprache kommen, sind nachvollziehbar und beachtenswert. Die Risiken eines unkontrollierten bzw. unregulierten Umgangs mit KI-Beziehungsangeboten für die soziale Zukunft unserer Gesellschaft sind real; Informationen, Aufklärung – und auch Warnungen – sind daher absolut notwendig. Das gilt natürlich besonders für die nachwachsende Generation, denen ein entwicklungsgemäßer Zugang zu den Bereichen Liebe und Sex schon jetzt immer stärker durch ungefilterte mediale Einwirkung erschwert wird.
Sich von der Autorin – auf eine angenehme und unterhaltsame Weise – durch das spannende Themenfeld leiten zu lassen, ist daher ohne Zweifel eine lohnende Entscheidung. Die von ihr dabei angelegten Maßstäbe sind ehrenwert, aber erscheinen insgesamt doch ein wenig starr und streng zu sein.
Anzumerken bleibt, dass eine Perspektive ganz außen vor geblieben ist: die (kontroverse) Diskussion, welche Auswirkungen die immer perfekteren “KI-Partnerinnen” – als Avatare oder als Sexroboter – für den Milliarden-Markt der Prostitution bzw. für das gravierende Phänomen der sexualisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen haben könnte.
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“Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!” von Hartmut ROSA

Zunächst einmal könnte man dem Autor zugute halten, dass er seiner ersten Version dieses Buches eine – leicht korrigierte – Erweiterung gegönnt hat. Tatsächlich war die Erstveröffentlichung eher eine erweiterte Predigt als ein Diskussionsbeitrag eines seriösen Wissenschaftlers und es ist ein erfreuliches Zeichen, dass er auf entsprechende Rückmeldungen reagiert hat.
Nachdem ROSA es sich beim ersten Versuch – mit dem Abdruck eines kircheninternen Festvortrages – allzu leicht gemacht hatte, erweiterte er jetzt die theoretischen Bezüge zu seinen grundlegenden soziologischen Konzepten und nimmt auch (kurz) Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahre.
Auch dem ganz offensichtlichsten Schwachpunkt seines ersten Textes widmet er sich: Er weist an verschiedenen Stellen darauf hin, dass religiöse Glaubenssysteme sich nicht nur durch Beiträge zu einer “humaneren” Welt auszeichnen, sondern sie historisch nicht nur in Gestalt von Fundamentalismus, Intoleranz, Machtstreben und Absolutheitsansprüchen viel Unheil über die Welt gebracht haben – sondern bis heute mit Einschränkung von Frauenrechten, der Kooperation mit rechtem Populismus und diversen Missbrauchsskandalen verbunden sind.
Es scheint ihm schon ein bisschen peinlich zu sein, das alles in seinem damaligen Gefälligkeits-Statement weitgehend “übersehen” zu haben…
ROSA spannt in seiner Betrachtung folgenden Bogen auf:
– Er beginnt mit einer aktuellen Gesellschafts-Diagnose, in deren Mittelpunkt der (vor allem ökonomische) Zwang zum permanenten Wachstum steht (“dynamische Stabilisierung”). Aus seiner Sicht hat sich diese strukturelle Steigerungs- und Beschleunigungsdynamik längst von den tatsächlichen menschlichen Bedürfnissen und den ökologischen Realitäten abgelöst und wirkt sich auf allen Ebenen destruktiv aus.
– Eingebettet ist dieses dysfunktionale Geschehen in eine allgemeine Grundhaltung zur Welt, die ROSA als “Aggressionsverhältnis” beschreibt: Es geht um Besitznahme, Kontrolle, Ausbeutung, Optimierung, Verwertung, Nutzen, Konkurrenz…
Dieser “rasende Stillstand” hat – laut ROSA – massive Folgen für die individuelle Psyche und das gesellschaftliche Klima – gerade auch für die aktuelle Krise der Demokratie.
– Das weitgehend verlorengegangene “Resonanzverhältnis” zur Welt beschreibt ROSA zunächst mit dem poetischen Bild des “hörenden Herzens”: Es geht dabei darum, “anrufbar” zu sein, also um die Bereitschaft, zuzuhören und mitzuschwingen – statt nur verhärtet andere Positionen abzuwehren. Resonanzerleben setze Lebendigkeit und Verbundenheit voraus – ohne die ein friedliches demokratischen Zusammenleben nicht funktionieren könne. Der Autor weist darauf hin, dass Resonanzerfahrungen nicht “verfügbar” gemacht werden können, sie können nur durch geeignete Rahmenbedingungen und eine innere Haltung erleichtert werden.
– Jetzt kommt die Kirche ins Spiel: ROSA argumentiert, dass die Religionen gut etablierte Räume, Anlässe, Traditionen und Rituale bereitstellen würden, die solche Resonanzerfahrungen anstoßen könnten – die sich also dem “Hamsterrad” der Effizienz und dem Primat der Rationalität und Zwecklogik entgegenstellen würden. Hier fänden Menschen Antworten auf ihre existentiellen Sehnsüchte nach Gehörtwerden und Aufgehobensein.
– Sein Schluss: Da unsere demokratische Ordnung ohne die Fähigkeit und Bereitschaft zu einer resonanten (lebendigen, mitfühlenden) Weltbeziehung zu scheitern drohe, sei die Religion – die dies ja insgesamt befördere – unverzichtbar.
Man könnte sich dem Autor problemlos anschließen, wenn er auf die potentiellen “Beiträge” religiöser Haltungen und Traditionen zu der – dringend notwendigen – Umsteuerung unserer Denk- und Lebensweise hinweisen würde.
Hinsichtlich seiner Formulierung “Demokratie braucht Religion” stellen sich allerdings – auch in dieser aktuellen Ausgabe – einige Fragen:
Warum beschränkt sich ROSA auf nur einige wenige zaghafte Andeutungen, dass es Alternativen zu dem religiösen Weg in Richtung “Resonanz” gibt (z.B. in Natur- und Kunsterfahrungen oder in einem säkularen Humanismus)?
Warum macht er nicht darauf aufmerksam, dass vielen Menschen mit einem rational-wissenschaftlichen Weltbild die religiöse Ebene – aus guten logischen Gründen – inakzeptabel erscheint?
Warum bewertet er den “Irrationalismus” der Religionen eher positiv (als Ansatzpunkt für Resonanzen), ohne zu erwähnen, dass wir die anstehenden Menschheitsprobleme ohne eine fakten- und wissenschaftsbasierte Grundhaltung nicht lösen werden können?
– Kurz gesagt: Warum trägt er – gewollt oder ungewollt – zu dem Alleinvertretungsanspruch der Religionen weiter bei?
Ja, diese zweite Auflage ist deutlich weniger ein reines “Bekenntnisbuch” und mehr ein sachlicher Diskussionsbeitrag. Es bleibt aber ein Rätsel, warum ROSA nicht so konsequent war, auch den Titel und seine abschließende Schlussfolgerung anzupassen (zu relativieren).
Er hätte damit der Religion nichts weggenommen, seinem Renommee als Gesellschaftswissenschaftler aber Gutes getan.
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“Mensch!” von Michel FRIEDMANN

Warum schreibt ein öffentlicher Intellektueller in diesen Zeiten (2025) ein solches Buch (besser gesagt “ein Büchlein”, einen etwas längeren Essay)? Warum schreibt er Sachen auf, über die er – in anderer Reihenfolge und Formulierung – sicher schon unzählige Male gesprochen hat? Anders gefragt: Für wen tut er das?
Die Antwort müsste wohl lauten: Er tut es für sich! Er tut es, weil er es muss; weil er sonst das innere Gefühlschaos nicht aushalten könnte!
FRIEDMANN trägt in seinem Statement zur “Lage der Nation” so ziemlich alles zusammen, worüber sich nachdenkliche, wohlmeinende und menschenfreundliche Zeitgenossen angesichts der weltweiten Bedrohungen von Demokratie und Menschenrechten Sorgen machen. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Frage, warum der Mensch das alles zulässt, warum er nicht dazulernt, warum er sich nicht stärker seiner Vernunft bedient:
“Kann der Mensch nicht anders – oder will er nicht?”
Der Autor stellt diese (und ähnliche) Fragen hauptsächlich in einem historisch-politischen Kontext, mit kleinen Ausflügen in die Philosophie und Anthropologie. Seine Wertgrundlage ist ein aufgeklärter Humanismus, die Basis seiner Betrachtungen ist – wer wollte ihm das verdenken – der Zivilisationsbruch des Naziregimes: “Wie konnte, wie kann es passieren, dass nach diesen Menschheitsverbrechen jetzt in so vielen Teilen der Welt wieder (bzw. immer noch) um Menschenrechte und Demokratie gerungen werden muss?”
FRIEDMANN konfrontiert seine Leserschaft und sich selbst immer wieder mit der frustrierenden Tatsache, dass er keine befriedigende Antwort auf diese Fragen hat. Hier scheint dann die Verzweiflung durch, die im Untertitel benannt ist.
Und doch will er die andere Seite nicht aufgeben: Liebe und Hoffnung! Ein Glaube auf an die Potentiale des Menschen – und ein Kampf gegen Schicksalsergebenheit und Zynismus.
Der Autor lässt sein Publikum an dieser inneren gedanklichen und emotionalen Schlingerbewegung teilhaben – nicht mehr und nicht weniger. Dabei geht es nicht darum, neue oder besonders kreative Gedanken zu entwickeln. Um es ganz klar zu formulieren: Als halbwegs informierter Zeitgenosse erhält man in diesem Buch keine neuen Informationen.
FRIEDMANN liefert aber ein Gerüst bzw. hilfreiche Anknüpfungspunkte für eigene Empfindungen und Überlegungen.
Man sollte wissen, was man in diesem Buch nicht erwarten kann: Der Autor macht keinen Versuch, (natur)wissenschaftliche Erklärungen für das “So-Sein” des Menschen mit einzubeziehen. Es gibt keine Ausflüge in Evolutions-Biologie, (Sozial)Psychologie oder Neurowissenschaften. Der Mensch ist für FRIEDMANN (nur) ein historisch-kulturelles Wesen.
Sein Glaube an die (schier unbegrenzten) Möglichkeiten von “Freiheit” und “Autonomie” speisen sich aus philosophischen Denktraditionen und aus seiner Biografie bzw. Identität. Sie sind nicht durch Erkenntnisse geprägt (relativiert), die inzwischen durch die empirischen Humanwissenschaften zusammengetragen wurden: Der Glaube an die “Selbstbestimmung” des Menschen ist zwar selbst ein mächtiger Einflussfaktor – steht aber de facto in Konkurrenz zu zahllosen anderen prägenden Einflüssen, die außerhalb der Kontrolle des Einzelnen liegen.
So ist letztlich die Beschränkung des Sichtfeldes (mit) verantwortlich dafür, dass der Autor die ganz grundsätzlichen Antworten zum Gegenstand “Mensch” nicht findet.
Bleibt man jedoch in dem erwartbaren Rahmen, lässt sich diese – sowohl persönlich, als auch gesellschaftlich angelegte – Gegenwartsbetrachtung mit Gewinn lesen. Es gelingt FRIEDMANN, relevante Aspekt unserer sozialen und politischen Zustandsbildes zu einem Gesamtbild zu verbinden, in dem sich eine aufgeklärte und gemeinschaftsorientierte “Mitte” unserer Gesellschaft wiederfinden kann.
Vielleicht gelingt es dem Autor sogar, einen Teil seiner – aus Verzweiflung und Hoffnung gespeiste – Energie an seine Leserschaft weiterzugeben.
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“Wenn der rechte Rand regiert” von Sally Lisa STARKEN

Ähnlich wie in ihrem letzten Buch (“Zu Besuch am rechten Rand“) liefert uns die engagierte Journalistin wieder eine gut lesbare Mischung von politischer Analyse und persönlicher Erfahrung.
STARKEN berichtet von drei Reisen in Länder, die bereits Erfahrungen mit der Übernahme von Regierungsmacht durch rechte bzw. rechtspopulistische Parteien haben: USA, Polen und Italien. Ihr Ziel ist es in einem ersten Schritt, gemeinsame Muster und Dynamiken aufzuspüren, die einem solchen Prozess vorausgehen, ihn begleiten, unterstützen und – im besten Falle – auch begrenzen oder gar umkehren könnten.
Das eigentliche Motiv für ihre journalistische Recherche findet sich aber in dem Bestreben, die gewonnenen Erkenntnisse für eine vorausschauende Verteidigung unserer Gesellschaft gegen einen Rechtsruck zu nutzen.
Dass dafür nicht nur eine hohe Wachsamkeit, sondern auch ein aktives solidarisches Tun notwendig ist – daran lässt die Autorin keinen Zweifel.
Es gelingt STARKEN mit Hilfe ihres flüssigen Schreistils und den persönlichen Bezügen gut, ihren drei politischen Ortsbesichtigungen fast den Charakter von Reisetagebüchern zu geben. Ihre Gespräche kommen mal durch private, mal durch berufliche Kontakte zustande; sie werden eingebettet in persönliche Eindrücke und Erlebnisse. Es geht um Atmosphäre, um Begegnung an Haustüren und in Gärten, jenseits von offiziellen Pressestatements oder aalglatten Politiker-Sprechblasen.
Auch wenn sich die Autorin – wie zu erwarten – am häufigsten im Kreise von gleichgesinnten Menschen und Initiativen bewegt, so gelingt ihr doch der ein oder andere intime Einblick in die Welt des “rechten Rands”.
Das Hauptanliegen des Buches liegt eindeutig in der Sammlung und Strukturierung von gesellschaftlichen Entwicklungen, die typisch für die – meist schleichende – Schwächung bzw. Einschränkung demokratischer Prozesse und Institutionen sind:
Dabei geht es u.a. um
– das Ausnutzen von Krisen und Verunsicherungen für das Schüren von Unzufriedenheit und Ängsten
– Angriffe auf etablierte Medien und Aufbau eigener Desinformationskanäle
– die Schwächung von Justiz und staatlichen Institutionen
– massive Abwertung politischer Gegner (auch in der Zivilgesellschaft)
– die Infragestellung oder Manipulation demokratischer Wahlabläufe
– die Eskalation gesellschaftlicher Konflikte in Richtung Gewalt.
STARKEN arbeitet sorgfältig heraus, in welchem Stadium sich diese Tendenzen jeweils befinden und in welcher Reihenfolge und Ausprägung sie sich zeigen.
Diese Analyse vollzieht sie nicht nur für die drei Beispielländer, sondern in großer Gründlichkeit auch für die Situation in unserem Lande. Denn für sie besteht kein Zweifel daran, dass von der AfD genau diese Ziele angestrebt werden – und dass es dafür bereits eine große Anzahl von Indizien gibt.
Da die Autorin sich mit den didaktischen Anforderungen eines journalistisch-orientierten Sachbuches gut auskennt, liefert sie an geeigneten Stellen immer wieder Orientierungspunkte und Zusammenfassungen.
Bei einem 300-Seiten-Buch schafft das Raum für die ein oder andere – manchmal vielleicht auch lästige – Redundanz. Andererseits sorgt STRAKEN so dafür, dass ihre Grundthesen ganz sicher einen Platz im Langzeitgedächtnis ihrer Leserschaft finden.
Auch in diesem Buch ist es nicht die Sache der Autorin, den in weiten Teilen der westlichen Welt zu beobachtenden Rechtsruck in einen Zusammenhang mit möglichen Fehlern bestimmter linker Bewegungen oder Positionierungen zu bringen. Selbstkritik – z.B. gegenüber der ein oder anderen “woken” Übertreibung – passt offenbar nicht in den Plan, die eigenen Kräfte der “progressiv-demokratischen” Zivilgesellschaft zu bündeln und zu aktivieren.
Das mag ja letztlich auch in Bezug auf die anvisierte Zielgruppe eine angemessene Methode sein. Man verzichtet dann aber eben auf die Anerkennung, die ein bestimmter Teil des Publikums für die ein oder andere Differenzierung schenken könnte.
Einen bemerkenswerten Pluspunkt sammelt die Publikation in den letzten zwei Kapiteln:
Zunächst setzt die Autorin den gängigen – eher eindimensionalen – Zukunftsprognosen eine differenzierte Perspektive auf 8 alternative Szenarien entgegen und schafft damit eine anregende Basis für Beobachtungen, Gedankenspiele und Strategien.
Im Schlusskapitel fährt STARKEN noch einmal alles auf, was sie für eine Mobilisierung der Demokratie-Verteidiger zusammengetragen hat. Sie will ermutigen, aufrütteln, appelieren.
STRAKEN will überzeugen, dass Gegenwehr sehr nötig, aber eben auch noch möglich ist.
Sie hat dieses Buch mit dem Ziel geschrieben, dass wir die Zeichen erkennen – uns aber nicht einem vermeintlich unaufhaltsamen Schicksal ergeben.
Alle, die für diesen Weckruf ein offenes Ohr haben – und mit der Materie nicht sowieso durch entsprechende Mediennutzung schon vertraut sind – finden hier eine empfehlenswerte, gut aufbereite Quelle.
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“Der neue Gott” von Claudia PAGANINI

Eine spannende Fragestellung mitten im KI-Hype: Ist die Künstliche Intelligenz auf dem Weg, traditionelle Gottesbilder zu ersetzen? Steuern wir also zu Beginn des 3. Jahrtausend unserer Zeitrechnung auf eine neue Form der Göttlichkeit zu?
Dass die Autorin diese Frage ernst und wörtlich meint, lässt sich zunächst daran ablesen, dass sie Philosophin und Theologin ist. Für sie ist der Bezug zur Begrifflichkeit “Gott” also nicht nur eine publikumswirksame Metapher, sondern sehr konkret hinterlegt.
Noch deutlicher wird dann der theologische Bezug, wenn man in den Text einsteigt: PAGANINI liefert für den Rahmen ihrer Betrachtungen zur Rolle der KI nämlich nicht weniger als einen ziemlich detaillierten religionsgeschichtlichen Grundkurs. Sie führt die Leserschaft durch die kulturellen Stufen der Ausgestaltung von Göttlichkeit – beginnend bei ersten animistischen Naturgeistern bis hin zu den weltumgreifenden monotheistischen Gottesfiguren.
Die Autorin hat sich für die Untersuchung ihrer Hypothese eine Systematik ausgedacht, die einer Wissenschaftlerin zur Ehre gereicht: Sie hat sich die Grunddimensionen der alleinherrschenden Götter (in Christentum, Islam und Judentum) vorgenommen und diese einzeln mit den Eigenschaften verglichen, die man (angeblich) inzwischen den KI-Systemen zuschreibt.
PAGANINI schreibt also über “Allgegenwärtigkeit”, “Allwissenheit”, “Allmächtigkeit”, “Transzendenz”, “Nahbarkeit”, “Gerechtigkeit”, “Sinnstiftung” und “Fürsorglichkeit”.
Und sie tut das wiederum in einer bemerkenswerten Detailtiefe: Bevor sie diese Aspekte in der KI-Welt untersucht, greift sie noch einmal tief in die Theologie, um die Dimensionen dort zu unterfüttern.
Die von ihr herausgearbeiteten Schnittmengen zwischen alten Göttern und dem neuen KI-Gott sind durchaus nachvollziehbar und anregend.
Allerdings stimmt die Gewichtung nicht: Um sich schlaue Gedanken über die göttlichen Attribute der KI zu machen, ist es schlichtweg nicht notwendig, die jeweils betrachtete Dimension über die gesamte Religionsgeschichte zu verfolgen. An dieser Stelle bekommt man als Leser/in eher den Eindruck, dass die Autorin einfach aus der Tiefe ihres Fundus schöpfen will. Der Fragestellung des Buches hingegen nützt es eher wenig.
Ganz überzeugend ist der Ansatz von PAGANINI trotz aller Detailkenntnis und Systematik letztlich nicht. Göttlichkeit lässt sich als Summe der zugeschriebenen Attribute – also durch die hier angewandte Schablone – nicht allumfassend definieren. Vor allem wird von gläubigen Menschen Göttlichkeit mit einer emotionalen Gesamtbedeutung unterlegt, die sich nicht aus Einzelbausteinen zusammensetzen lässt. Auch der Aspekt der “letzten Erklärung” für die Erschaffung des Universums lässt sich in das KI-Modell kaum integrieren. So bleibt die spannende Frage nach dem “neuen Gott KI” letztlich doch zu einem guten Teil unbeantwortet.
Eine spannender Alternativansatz wird übrigens von dem Historiker und Bestseller-Autor HARARI vertreten: Für ihn beinhaltet die Übernahme der Sprachfähigkeit durch die aktuellen KI-Modelle letztlich auch das Potential, völlig neue Religions-Narrative zu generieren. Die so geschaffene neue Göttlichkeit würde dann nicht auf den Funktionen der KI selbst beruhen, sondern auf die Ausgestaltung neuer Glaubens-Systeme, die perfekt auf die Bedürfnisse einzelner Menschengruppen zugeschnitten sein könnten.
Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, welche Perspektive mehr prognostische Kraft einfaltet.
Das Buch von PAGANINI ist vor allem für die Leserschaft eine Empfehlung, die bei der Reflexion über den Charakter, die Möglichkeiten und Risiken der KI gerne noch einen ausführlichen theologischen Nachhilfeunterricht mitnehmen.
Für die Meinungsbildung über das Gesamtphänomen KI liefert PAGANINI ganz sicher einen lesenswerten Beitrag.
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“Die Macht der Musik” von Ullrich Fichtner

Es gibt sie, die Themen, die unangefochten im Mittelpunkt des aktuellen gesellschaftlichen Interesses stehen: Zu nennen wären da im Moment (Anfang 2026) die geopolitischen Veränderungen und Bedrohungen, die Frage der militärischen Macht, das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen, die wirtschaftlichen Herausforderungen und die Sicherung unserer Sozialsysteme. Dazu kommt das Mega-Thema “KI”, das unaufhaltsam in alle Lebensbereiche einsickert.
Ist das die Zeit, ein Buch über Musik zu schreiben und zu lesen?
Der bekannte SPIEGEL-Journalist Ullrich FICHTNER hat diese Fragen für sich – und seine potentiellen Leserschaft – mit “ja” beantwortet.
In einem Satz könnte man es so sagen: Die Breite und der Tiefgang dieser sprachgewaltigen Reise durch das schier grenzenlose Universum der Musik vermittelt ein bemerkenswertes Leseerlebnis, das wohl kaum einen Musikfan unberührt und unbefriedigt zurücklassen wird.
Tatsächlich ist es die unglaubliche Vielfalt der betrachteten musikalischen Facetten, die einem als erstes den Atem verschlägt. Angesichts seiner eigenen – meist eher begrenzten – geschmacklichen Schwerpunktsetzungen, erscheinen die Offenheit, die Zugangswege und das Detailwissen des Autors fast übermenschlich. Man fragt sich ernsthaft: “Kann ein einzelner Mensch das alles auf sich vereinen? Kann man gleichzeitig Freund von und Experte für so viele – offensichtlich unvereinbare – Musikstile, Genres, Traditionen sein?
FICHTERs Antwort könnte diese Gegenfrage sein: “Wieso ‘unvereinbar’?
Wenn es eine zentrale Botschaft in diesem Buch gibt, dann folgende: Es gibt nur das eine große Menschheits-Phänomen ‘Musik’, das zentral und unwiederbringlich in Biologie und Kultur des Menschen eingebrannt ist.
Vor diesem Hintergrund gibt es für FICHTNER keine ‘gute’ und keine ‘schlechte’, keine ‘niveauvolle’ oder ‘banale’ Musik. Im Zentrum seiner Aufmerksamkeit steht, was Musik mit dem Menschen macht, was sie für ihn bedeutet, welchen Funktionen sie dienen kann.
Der Autor weiß ohne Zweifel viel über Musiktheorie, über die Kulturgeschichte der Musik, über die wirtschaftlichen Verwertungsmechanismen. Er teilt dieses Wissen auch mit uns.
Aber seine zentrale Botschaft ist eine andere: Er will erreichen, dass wir diesem ‘Schatz’ die Aufmerksamkeit schenken, die ihm zukommt.
Zwar tun wir das auf bestimmten Ebenen: So ist Musikberieselung überall präsent, die wirtschaftliche Bedeutung ist in Zeiten, wo Tourneen der Weltstars erstmals Milliarden einspielen, unübersehbar.
Gleichzeitig aber – so redet FICHTNER uns immer wieder ins Gewissen – vernachlässigen wir aufs Sträflichste die Möglichkeiten, die der verstärkte Einsatz der Musik in den Bereichen Erziehung, Bildung, Psychohygiene, Gesundheitsprophylaxe, Therapie, Resozialisierung und Rehabilitation spielen könnte. So hält er es beispielsweise für skandalös, dass ausgerechnet in Zeiten des digitalen Overflows ein beträchtlicher Teil der schulischen Musikbildung schlicht dauerhaft ausfällt.
Natürlich belegt FICHTNER seine Thesen in diesem Bereich mit entsprechenden Untersuchungen bzw. Befunden.
Über so etwas extrem Sinnliches wie Musik zu schreiben, ist schon prinzipiell eine Herausforderung. FICHTNER ist auf diesem Gebiet wahrlich ein Virtuose! Dass er es schafft, die passenden Worte für extrem unterschiedliche Musikrichtungen zu finden, ist wirklich bewundernswert.
Der Autor lässt wohl keinen Musikliebhaber mit seinen Vorlieben am Wegrand stehen: So sitzt der Wagnerianer mit dem Deep Purple-Fan in einem Boot, und zusammen steuern sie zuerst zum Klassik-Festival und dann zum Welt-Musik-Treffen. Zwischendurch gehen sie alle zusammen ins Kino und erfreuen sich an der Disney-Gassenhauern für die ganze Familie.
Sehr gut funktioniert auch seine Idee, sich durch die Leserschaft zu verschiedenen typischen Schauplätzen von Musikveranstaltungen begleiten zu lassen. So reist man mit FICHTNER rund um die Welt: zum Jazz-Festival nach Montreux, in die elitäre Klassikwelt ins Schloss Elmau, zum ewig jungen Gitarrenlehrer der Nation nach Duisburg, zum Mahler-Festival nach Amsterdam.
Einer ist offenbar überall zu Hause: Ullrich FICHTNER – und seine Liebe zur Musik!
Um dieses Buch in vollem Umfang zu genießen, sollte man wohl zwei Voraussetzungen mitbringen: Irgendeine musikalische Leidenschaft (egal welche) und die Bereitschaft, sich auf ganze andere musikalische Welten zumindest für eine Kapitellänge einmal einzulassen.
Zugegebener Weise ist letzteres nicht immer ganz einfach: FICHTNERs sprachliche Kürübungen sind zwar ohne Zweifel beeindruckend; aber in dieser Detailtiefe seitenlang über musikalische Facetten informiert zu werden, die völlig außerhalb des eigenen Spektrums liegen, ist auch eine Herausforderung. Da darf man vielleicht ein paar Abschnitte auch mal überfliegen…
Haben Sie schon länger nicht über Musik nachgedacht, obwohl sie doch eigentlich Musik lieben? Dann könnten sie sich den Gefallen tun und dieses Buch lesen!
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“Little Addictions” von Catherine GRAY

Die Szene der Selbsthilfeliteratur hat sich in den letzten 10-20 Jahren gewandelt:
Früher konnte man davon ausgehen , dass es in Bezug auf wissenschaftliche Seriosität einen deutlichen Unterschied zwischen einem etablierten journalistischen Zugang und einer Betroffenen-Sichtweise gab. Inzwischen löst sich dieser Unterschied immer häufiger in Luft auf.
Dieses Buch von Catherine GRAY ist ein überzeugendes Beispiel dafür.
GRAY ist im Bereich kleinen und großen Süchte ganz eindeutig eine Betroffene. Sie macht nicht nur keinen Hehl daraus, sondern sie benutzt dieses Insider-Wissen als Roten Faden bei ihrer Reise durch die “Kleinen Abhängigkeiten (die im Untertitel dann noch als “schlechte Angewohnheiten” verniedlicht werden).
Sie spricht nicht nur sehr eindeutig von Ihrer (überwundenen) Alkohol-Sucht, sondern macht ihre (unterschiedlichen) Erfahrungen und Gefährdungsniveaus für alle besprochenen Bereiche zum Thema. Das Spektrum ist breit gefächert und deckt sowohl stoffgebundene (Alkohol, Nikotin, Koffein, Cannabis, hochverarbeitete Lebensmittel), als auch verhaltensbezogene problematische “Gewohnheiten” ab (Glücksspiel, Medien, Pornogafie, Beziehungen/Sex, Konsum, usw.).
Entscheidend für die Qualität und Wirkung des Buches ist jedoch die Kombination von Authentizität (“ich war/bin ein teil der Szene; ich weiß wie sich das anfühlt, ich bin alles andere als eine “Heilige”) und solider Fachkunde. Und so, wie GRAY auf der Erfahrungsebene aus dem Vollen schöpfen kann, hat sie auch im Bereich der fachlichen Vertiefung einiges zu bieten: Sie hat sich nicht nur in die psychologischen und neurophysiologischen Grundlagen eingelesen, sondern hat auch zahlreiche Gespräche mit Experten und Expertinnen geführt (u.a. in einer etablierten Entzugsklinik).
So erfahren wir eine Menge über die Arbeits- und Wirkungsweise unserer neuronalen Belohnungszentren, über sinnvolle Selbstkontroll-Strategien und therapeutische Methoden.
Für die Seriosität ihres Textes spricht auch die klare Unterscheidung zwischen “kleinen” und “großen” Abhängigkeiten. Sie gibt konkrete Hinweise, wann eine problematische Angewohnheit sich zu einem ernsthalten gesundheitlichen Risiko auswächst und professionelle Hilfe benötig.
Somit ist die Zielgruppe für diese informative und alltagsnahe Publikation klar zu umreißen: Es sind Menschen, denen ein rein sachbezogener Zugang zum Thema zu “trocken” wäre und die sich lieber von jemandem ansprechen und motivieren lassen, der den “alltäglichen Wahnsinn” mit all seinen Verlockungen und Versuchungen selbst durchlebt und durchlitten hat.
Hier, gegenüber Catherine GRAY, muss sich wirklich niemand seiner Schwächen schämen. Selbst wenn man schon viel Selbstachtung verloren haben sollte – die Autorin zeigt, dass man nicht alleine ist und – was noch wichtiger ist – dass man sich auch von ziemlich weit unten wieder hocharbeiten kann. Und GRAY vergisst auch nicht, auf die Mitverantwortung derjenigen hinzuweisen, die die entsprechenden “Suchtmittel” herstellen, bewerben und nicht regulieren bzw. extrem leicht zugänglich machen.
Wer allerdings nur die Sachinformation sucht, den werden all die persönlichen Erfahrungen und Bekenntnisse aus einem “bewegten” Leben vermutlich eher nerven.
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