07.08. 2024 Amerika und das Duo HARRIS/WALZ

Wenn man sich den heutigen ersten Auftritt des neuen Gespanns in voller Länge anschaut, kann man sich kaum der Aufbruchstimmung erwehren, die von der geballten Energie und der sympathischen Ausstrahlung der beiden ausgeht.
Wie könnte dagegen die toxische Aggressivität eines Donald TRUMP bestehen; das erscheint denkenden und fühlenden Menschen kaum vorstellbar.

Aber der Auftakt war auch ein Lehrstück darüber, wie Amerika so tickt:
Da wabert nicht nur ein Ausmaß an Patriotismus und Selbstüberzeugung durch die Halle, der mitteleuropäischen Bürgern die Schamröte ins Gesicht treiben würde. Es wird natürlich der ewige amerikanische Traum beschworen, in dem man bekanntlich alles erreichen kann, wenn man nur will. Wo sonst auf der Welt könnten schließlich zwei “normale” Mittelschicht-Abkömmlinge auf dem Weg zu den höchsten Staatsämtern sein?!

Doch es kommt noch eine Steigerung: Man traut kaum seinen Ohren in Bezug auf all das, worüber kein Wort verloren wird: Kein Statement zur Außenpolitik, nichts zur gesamten außeramerikanischen Welt! Kein Wort zum Thema Klima oder Nachhaltigkeit! Keins!

Trotzdem kann man nur eines tun: ganz feste die Daumen drücken, dass nicht nur TRUMP verhindert wird, sondern auch seine rechtslastigen und demokratiefeindlichen Konsorten im Kongress durch eine Welle der positiven Energie eine fulminante politische Niederlage erleiden.

“Viel Lärm um Achtsamkeit” von Jacob SCHMIDT

Bewertung: 3.5 von 5.

Viel Text (über 200 S.) über eine Erfahrung, die sich eigentlich typischerweise im Stillen, im Nonverbalen abspielt. Macht das Sinn?
Das kommt darauf an…

Zunächst eine Klarstellung: In diesem Buch lernt man keine Achtsamkeit, erhält keine Anweisungen für die Meditationspraxis, wird nicht dazu angehalten, eine neue Einstellung zu sich, dem Leben oder gar dem Universum zu finden.
SCHMIDT legt eine Analyse, also eine Betrachtung auf Meta-Ebene vor: Das Phänomen Achtsamkeit ist der Gegenstand, die Methode besteht aus Faktensammlung, Reflexion, Einordnung, Bewertung. Das ist auch deshalb so eindeutig, weil hier kein Therapeut, Coach oder Psychologe schreibt, sondern ein Soziologe. Ein größerer Spannungsbogen ist kaum denkbar, als der zwischen der Innerlichkeit von Achtsamkeitserfahrungen und der gesellschaftlichen Außenperspektive.
Da der Autor eigene Achtsamkeits- bzw. Meditationserfahrung einbringt, trägt er diesen Spannungsbogen in sich selbst. Und das ist auch gut so: Denn ohne diesen persönlichen Zugang wäre dieser Blick auf ein Zeitgeist-Phänomen eine bloße intellektuelle Spielerei.

Das Buch hat verschiedene Facetten:
– SCHMIDT berichtet von eigenen Erlebnissen im Kontext von Achtsamkeit,
– er betrachtet systematisch (kulturhistorisch) die verschiedenen Stränge und inhaltlichen Ausgestaltung der Einflüsse, die sich in der aktuellen Achtsamkeits-Welle spiegeln,
– er ordnet den Hype um die Achtsamkeit in den zeitgeschichtlichen und politischen Kontext unserer Beschleunigungs-Gesellschaft ein,
– er betrachtet die Chancen und Hoffnungen, mit Hilfe der Achtsamkeit ein irgendwie “erfüllteres” Leben zu gestalten,
– er analysiert die Gefahren, die in einem Rückzug auf Privatheit und Innerlichkeit verbunden sein könnten und
– schlägt schließlich einen Kompromiss vor, in dem die Achtsamkeit einen klar begrenzten, aber doch respektablen Platz einnehmen könnte.

Schon im Vorwort von Hartmut ROSA (eine passende Wahl!) wird die grundlegende Frage angedeutet, die auch SCHMIDT umtreibt: Im welchem Umfang kann die Suche nach dem inneren Selbst, nach der Unmittelbarkeit von Sinneserfahrungen, nach Stille und Entschleunigung missbraucht werden? Wann schlägt die Sehnsucht nach der inneren Ruhe in eine stumpfe Privatheit bzw. in eine ausbeuterische, rein funktionale Selbstoptimierung um?

Das alles geht ziemlich stark ins Detail und hat zwischendurch eher wissenschaftlichen als journalistischen Charakter.
Beispielsweise nennt SCHMIDT bei den Darstellungen der asiatischen Wurzeln immer wieder auch die ursprünglichen Begrifflichkeiten. Er nimmt seine anfängliche Systematik von drei Hauptrichtungen der Achtsamkeitsbewegung ernst und bezieht sich – wie in einem guten Fachbuch üblich – im späteren Text immer wieder darauf.
Insgesamt entsteht so eine Informations- und Reflexionsdichte, die in einem gewissen Widerspruch zu dem Gegenstand und den damit verbundenen Erwartungen der Leserschaft stehen könnte. Das gilt übrigens auch für den großen Raum, den gesellschaftliche und politische Überlegungen in dem Text einnehmen. Gewisse Redundanzen waren dabei offenbar nicht zu vermeiden…

Es kommt also darauf an, was man will und sucht: Wer Achtsamkeit einfach “nur” verstehen, lernen und leben möchte, findet jede Menge geeignetere Quellen. Wenn jemand mal einen ersten distanziert-kritischen Blick auf das Phänomen werfen möchte, könnte er/sie durch die Gründlichkeit und Detailliertheit der Betrachtungen ein wenig frustriert werden. Wer sich allerdings bewusst der soziologischen Perspektive zuwenden möchte oder sich selbst schon länger die Frage stellt, ob dieser Weg in die “Innerlichkeit” vielleicht mit problematischen Nebenwirkungen erkauft werden muss, findet hier einen sorgfältig und kenntnisreich vorbereiteten Boden.

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“Der Geist aus der Maschine” von Andrian KREYE

Bewertung: 5 von 5.

Dieses Buch ist ein echter Glücksfall: Das Thema, der Schreibstil, die Informationstiefe, der Unterhaltungswert, die Aktualität!
Eigentlich ist damit alles gesagt: Wer sich für die Geschichte unserer digitalen Welt interessiert – insbesondere auf dem Hintergrund des Hypes um die Künstliche Intelligenz – sollte dieses Buch lesen (oder hören).
Man versteht danach einfach viele Dinge besser!

KREYE, etablierter Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, ist tatsächlich so etwas wie ein Zeitzeuge. Er war schon früh persönlich involviert, hat lange in den USA gearbeitet und viele relevante Digital-Pioniere persönlich kennengelernt. Auch wenn er selbst nie ein Technik-Nerd war, so kann er doch glaubhaft vermitteln, dass er mit der Geschichte der digitalen Revolution auch ein wenig die Geschichte seines eigenen Lebens erzählt. Dabei bekommen die biografischen Bezüge aber keine störende Intensität oder werden gar zur Selbstbespiegelung.

Obwohl dieses Sachbuch die Entwicklung einer Technologie beschreibt, handelt es nicht von Prozessoren, Speichermedien und Datenvolumen; mit solchem Kram hält sich KREYE nicht auf. Dem Autor geht es um die kulturelle, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Einordnung eines historischen Phänomens, das er mit der Zähmung des Feuers, der Erfindung des Buchdrucks und der Elektrifizierung unserer Welt vergleicht. Mit kleineren Maßstäben – so ist KREYE überzeugt, wird man der aktuellen Umwälzung unseres Lebens nicht gerecht.
Statt mit technischen Superlativen um sich zu werfen, fängt KREYE sensibel den “Spirit” der verschiedenen Phasen ein, in denen entscheidende Weichen für die aktuelle KI-Revolution gestellt wurden. Dabei beginnt er in den 50-iger Jahren im Media-Lab des MIT, verfolgt die Verzahnung zwischen der alternativen Westcoast-Hippie-Bewegung mit den weitreichenden Prophezeiungen der ersten Technik-Gurus, malt den kulturellen Umbruch aus, der mit der Modernität und Technikoffenheit der Ära Clinton/Al Gore verbunden war, lässt uns an den Anfängen des Silicon-Valleys und ihrer zukünftigen Gründer-Milliardäre teilhaben, schildert die erstaunliche deutsche KI-Grundlagenforschung in den 90-igern und schafft – über den Siegeszug der Social-Media und deren sozialen und politischen Folgen – eine lückenlose Verbindung zu den Chatbots, die ab 2023 plötzlich für jeden Privatanwender verfügbar sind und so die Welt zum Staunen und zum Fürchten bringen.
Man könnte auch sagen: Der Autor versteht es, mit seiner Art, Geschichten zu erzählen, aus dem – für die meisten sowieso unverständlichen – technischen Prozessen menschliche und kulturelle Zeitgeschichte zu destillieren. So wird Technologieentwicklung lebendig und erfahrbar, eingebettet in und getragen von gesellschaftlichen Trends und Visionen.

KREYE bietet eine schier grenzenlose Fülle von Inhalten und Perspektiven, ohne jemals den gut ausgeleuchteten journalistischen Pfad zu verlassen, der Orientierung und Struktur sicherstellt. Dabei trifft er genau den Ton zwischen seriöser Sachdarstellung und unterhaltsamer Aufbereitung, der das Lesen (Hören) dieses Buches zu einem intellektuellen und emotionalen Vergnügen macht.

Und die Kritik? Natürlich könnte man manche der vorgestellten Verästelungen als zu stark ausgeschmückt empfinden (z.B. die Story über eine bekannte rechtsradikale Website oder über den Facebook-Aufstand im Arabischen Frühling). Für diejenigen, die in einem solchen Buch eher nüchterne technische Fakten suchen, die persönliche Bezüge des Autors eher als störend empfinden und die mit den Querverweisen auch zu den jeweiligen Phasen der Pop-Kultur nichts anfangen können, könnte dieses Werk tatsächlich eine suboptimale Wahl sein. Ganz sicher würden aber auch diese potentiellen Leser/innen eine Menge über ca. 70 Jahre Technik- und Zeitgeschichte lernen.

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“Die geheimste Erinnerung der Menschheit” von Mohamed Mbougar SARR

Bewertung: 3.5 von 5.

Der viel gelobte und preisgekrönte Roman des senegalesischen Autors kann zweifellos als ein gewichtiges Werk beschrieben werden: Dafür spricht sein Umfang (engbedruckte 450 Seiten), aber insbesondere die Sprachgewalt und die Leidenschaftlichkeit seines Stils.

Thematisch geht es um afrikanische Literatur im französischen Exil, noch allgemeiner um die Suche nach Wurzeln und Identität zwischen europäischer Intellektualität und ursprünglichen heimatlicher Prägungen.

Der Autor konstruiert eine tragende Rahmenhandlung, in die er alle Aspekte seiner Betrachtungen einbettet. Sie handelt – welche Überraschung – wiederum von einem senegalesischen Schriftsteller, dessen Erstlingswerk einiges literarisches Aufsehen erregt hat, dann aber wegen Plagiatsvorwürfen in Verruf und später in Vergessenheit geraten ist. Auch die Spur des Autors verliert sich im Nichts.
Der Ich-Erzähler, ein junger Schriftsteller (der Dritte im Bunde) kommt Jahrzehnte später mit dem verschwundenen Buch in Berührung und schildert ausführlich seine Erlebnisse bei dem Versuch, die ominöse und wechselhafte Geschichte von Roman und Autor aufzuklären. Nach und nach lernt er dabei die wichtigsten Bezugspersonen des Verschollenen kennen, so dass sich letztlich die verschiedenen Puzzlestücke zu einer Art Gesamtbild zusammensetzen.

Der Roman handelt zwar von diesem Plot, er lebt aber von der Vielfalt, der Intensität und der kompromisslosen Direktheit, mit denen der Alltag, das Fühlen, die Begegnungen, die Sexualität und die Selbstreflexionen der beteiligten Personen in einer manchmal atemberaubenden sprachlicher Wucht dargestellt wird.
Der unangefochtene Star bleibt dabei die Literatur selbst! Ihre Möglichkeiten und Grenzen, insbesondere im Kontext der Verbindung, der Abgrenzung, des Konfliktes zweier Kulturen wird mit einer Inbrunst diskutiert, die ihresgleichen sucht.

Wenn auch die begeisterten Kritiker-Stimmen ein eindeutiges Bild erzeugen: Der Roman ist keine einfach Lektüre; er will erobert werden. Wer sich auf diesen Feldzug einlässt, sollte Neugier, Ausdauer und Toleranz mitbringen.
Ohne ein ausgeprägtes Interesse an Bikulturalität und der Kunstform Literatur, ohne die Bereitschaft, sich auf ungewohnte, exzessive und gelegentlich auch verstörende Erfahrungen bzw. Schilderungen einzulassen, könnte auf potentielle Leser/innen durchaus eine Überforderungserfahrung warten.

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“Wer wird Milliardär?” – von Heike BUCHTER

Bewertung: 4.5 von 5.

Das Thema “Superreiche” kann aus verschiedenen Gründen Interesse wecken: So könnten z.B. eigene Fantasien und Sehnsüchte nach einem unerreichbaren “Idealleben” konkretisiert werden, man könnte Stoff für Neid- und Umverteilungsdebatten finden oder endgültig die Perversität des Kapitalismus entlarven.
Für all diese Motive – und noch viele mehr – ließe sich das Buch von Heike BUCHTER nutzen.
Das liegt aber nicht daran, dass die Autorin solche Zielsetzungen direkt bedient, sondern ist die Folge der zentralen Qualität dieser Publikation: Sie liefert eine unglaubliche Menge sehr konkreter und handfester Informationen über einen immer bedeutsameren Teil unserer Weltwirtschaft.

Man kann sich das Lesen dieses Buches wie eine erlebnisreiche Reise vorstellen: Die Autorin führt uns in verschiedene geografische Zonen, in unterschiedliche Wirtschaftsbereiche, in die Welt von Familiendynastien und Ölscheichs, zu den geradezu unermesslich reichen Tech-Pionieren des Silicon-Valleys, zu den Ölmagnaten, zu den Investmentbankern und Firmen-Jongleuren und vergisst auch nicht die so dezenten deutschen Erben privater Industrie- und Handelskonzerne. Auf diesem Trip hat man immer eine gute Orientierung: Die Reiseführerin ordnet und strukturiert; Sackgassen werden vermieden.

Statt sich in ideologischen Tiraden zu ergehen, nennt BUCHTER in bewundernswerter Konsequenz und mit faszinierender Akribie Namen, Fakten, Zusammenhänge, Hintergründe und Konsequenzen der historisch einmaligen und vom Umfang kaum fassbaren Konzentration von Reichtum in privaten Händen.
Zwar versteckt die Autorin keineswegs ihre Überzeugung, dass dieser – vielfach im Verborgenen stattfindende – Konzentrations- und Umverteilungsprozess (von unten nach oben) eine eklatante Fehlentwicklung darstellt. Aber sie muss das nicht immer wieder thematisieren: Die Tatsachen, in diesem Fall die Zahlen, sprechen für sich.

BUCHTER hält sich nicht lange mit dem obszönen Begleiterscheinungen auf – also mit der Zurschaustellung des extremen Luxus; aber auch die kurzen Einblicke (z.B. in das Geschäft mit Luxus-Yachten oder Weltraumausflügen) lassen einen ahnen, wie abgedreht diese Welt ist, wie weit entfernt von den echten Menschheitsproblemen.
Der Autorin ist es wichtiger, nachvollziehbar zu machen, dass wir hier nicht staunend einem unvermeidbaren Naturphänomen beiwohnen, sondern dass die beschriebenen Entwicklungen völlig logische Konsequenzen von sehr konkreten Entscheidungen bestimmter politischer Kreise waren und sind. All das war und ist gewollt – und hätte anders entschieden bzw. vermieden werden können.
Darüber hinaus macht BUCHTER immer wieder darauf aufmerksam, dass die Milliardäre dieser Welt nicht einfach (in perversem Umfang) reich sind: Mit dieser wirtschaftlichen Macht ist natürlich ein enormer politischer Einfluss verbunden, der – wen wundert es – auch engagiert genutzt wird.

Insgesamt ist hier ein vorbildliches Sachbuch gelungen, das in gut lesbarer, geradezu unterhaltsamer Form über einen extrem relevanten Aspekt unserer Gegenwart aufklärt. Mit dem Hintergrundwissen dieses Buches ist man jeder Diskussion über wirtschaftspolitische Grundsatzfragen gewachsen – insbesondere dem neoliberalen Gesäusel von der der “Leistung, die sich endlich wieder lohnen müsste”.
Wer nach dem Lesen dieses Buches weiterhin die Frage nach den sinnvollen Grenzen privaten Reichtums als “Neiddebatte” abtut, hat offenbar ein kognitives Problem (oder steht selbst in direkten Diensten eines Superreichen).

“Fast im Jenseits” von David EAGLEMAN

Bewertung: 4 von 5.

EAGLEMAN ist ein bekannter Neurowissenschaftler, der sich sich auch mit seiner Fähigkeit, das komplexeste Organ auf auf diesem Planeten anschaulich zu erklären, einen Namen gemacht hat (“The Brain“). Hier tritt er als Literat auf und legt ein kleinen Band mit Ultra-Kurzgeschichten vor (40 auf 140 Seiten).
Es sind eher Betrachtungen als Erzählungen, psychologische und philosophische Gedankenspiele, die einen gemeinsamen Bezugspunkt haben: den Übergang vom Diesseits zum Jenseits.

Der Autor spielt virtuos mit den Perspektiven, die sich aus verschiedenen Vorstellungen von dem “Leben nach dem Tode” ergeben könnten. Dabei nimmt er gängige Bilder, religiöse Ideen und symbolische Darstellungen mit einer geradezu absurden Konsequenz wörtlich und führt uns in Welten und Zwischenwelten, in denen sich nicht nur das “Menschliche, Allzumenschliche” auch im Jenseits entfaltet, sondern sich auch die diversen Götter als hilflos, ambivalent und überfordert erweisen.

Auf diesem Hintergrund entlarvt EAGLEMAN die Vordergründigkeit unserer Motive, mit denen wir der Endgültigkeit unseres Todes zu entfliehen versuchen. In vielen kreativen und humoristischen Varianten führt er vor, als wie wenig tragfähig sich die Konzepte der ewigen paradiesischen Glückseligkeit bei genauerem Hinsehen erweisen.
Seine Schlussfolgerungen sind aber keineswegs deprimierend oder nihilistisch: Der Ausflug ins Jenseits endet durchweg mit einem sehnsuchtsvollen Rückblick in die oft so achtlos geschmähte irdische Existenz.

So ist die eigentliche Botschaft des Autors eine eindeutig weltliche: Das Glück lauert nicht in einem – wie auch immer gearteten – Paradies, sondern in der Annahme all der Beschränktheiten und Zufälligkeiten des ganz normalen Erdenlebens.

Ein sehr nachdenkliches und menschenfreundliches Büchlein, das sich angenehm aus der Masse der Erbauungsliteratur abhebt.
Ob man tatsächlich 40 Varianten der Thematik bräuchte, mag genauso offenbleiben wie das Bedürfnis, die ein oder andere Konstellationen doch etwas genauer zu ergründen.
Was man ganz sicher bekommt: 40 kurze Denkanstöße, die zum Schmunzeln und Philosophieren anregen.

“Radikal emotional” von Maren URNER

Bewertung: 4 von 5.

Die Neurowissenschaftlerin hat die Sachbuch-Bühne im Jahr 2019 mit Betrachtungen zum “Konstruktiven Journalismus” betreten; mit “Radikal emotional” legt sie ihre dritte Publikation vor.

URNER gehört zu den öffentlichkeitswirksamen Wissenschaftler/innen, die all das in Worte, Zielsetzungen und Begründungen fassen, worüber sich gutmeinende und aufgeklärte Menschen “eigentlich” sowieso einig sein müssten: Wir stehen vor dermaßen riesigen Herausforderungen bei den Themen Klima, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Konfliktlösung, Autokratie und gesellschaftlicher Machtverteilung, dass es völlig absurd erscheint, wie ahnungslos, ignorant, resignativ oder gar böswillig-egoistisch wir auf die verschiedenen Abgründe, Kipppunkte oder Zuspitzungen zusteuern.
So eindeutig – so allseits beschrieben und bekannt.

Das alles treibt die Autorin um, ganz persönlich und emotional, als Wissenschaftlerin und als Privatmensch. Ihre Konsequenz: Sie schreibt ein sehr persönliches Sachbuch über den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Politik. Sie ist nämlich überzeugt davon, dass es weder sinnvoll, noch möglich ist, vermeintlich rationale gesellschaftliche bzw. politische Prozesse und Entscheidungen von der emotionalen Basis unseres Denkens und Handelns zu trennen. URNER ist sich auch deshalb so sicher, weil sie Fühlen und Denken ganz grundsätzlich als letztlich biologisch begründete Vorgänge in einem Gesamtsystem betrachtet.
Und weil sie ganz persönlich betroffen ist, und weil es um (ihre und unsere) Emotionen geht, schreibt sie ein sehr persönlich-emotionales Buch. Sie duzt ihre Leserschaft, spricht sie immer wieder direkt an, pflegt einen beständigen Dialog. Das tut sie auch dadurch, dass sich selbst, ihre Motive, den Schreibprozess und ihre Erfahrungen dabei fast permanent thematisiert. URNER befindet sich also fast immer sowohl auf der Inhalts-, als auch auf der Metaebene, auf der sie ihr Vorgehen erklärt, Aspekte ordnet, Anekdoten erzählt oder an die Leser/innen appelliert.

Der grundlegende Unterschied zu anderen Büchern, die zu einem Umsteuern motivieren wollen, besteht darin, dass URNER gleichzeitig die Welt und das Funktionieren der eigenen Psyche erklären will. Denn sie will ja analysieren, warum uns die so eindeutig prekäre Weltlage nicht zu gleichermaßen eindeutigem Handeln veranlasst.
URNER führt die Leser/innen in drei Stufen durch ihre Systematik:
Im ersten Teil geht es um “radikale Aufmerksamkeit”, also um die Frage, was und wie wir fühlen, worauf wir achten und welche Identität wir dabei entwickeln.
Weiter geht es mit der “radikalen Ehrlichkeit”. Was hindert uns daran, aus der einlullenden “Realitäts-Simulation” zu erwachen? Welche – letztlich evolutionär entstandenen – Denk- und Bewertungsmuster müssen erkannt und überwunden werden? Welchen toxischen Belohnungsmustern sind wir ausgesetzt? Sind wir in einer “Normalitäts-Falle” gefangen?
Im letzten Teil bringt die Autorin uns die “radikale Verbundenheit” nahe, in der wir als biologische Naturwesen unausweichlich leben und die wir als soziale bzw. gesellschaftliche Wesen brauchen, um die Zukunftsaufgaben zu bewältigen. Dabei gilt es zu erkennen, dass jede private Handlung auch einen politischen Aspekt hat und welche Rolle unser elementares Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielt.

URNER sammelt die Bestandteile ihres Mosaiks auf einem weiten Feld von (sozial)psychologischen, biologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen. Das ist anregend, manchmal wirkt es vielleicht auch ein wenig willkürlich und beliebig – so, als ob die Autorin auch wirklich alles unterbringen wollte, war einem so einfallen könnte.
Man kann sich daran stören, dass sich die Autorin tatsächlich ein wenig zu stark um sich selbst dreht: um die Entstehung des Buches, um die Auswahl und Reihenfolge von Themen, um ihre Erlebnisse bei Konferenzen und um ihre kreativen und zweifelnden Momente. Für Menschen, denen es vordringlich um Sachinhalte geht, ist das sicherlich alles “too much”.
Umgekehrt: Wem die üblichen Sachbücher zu trocken, zu dröge, zu “verkopft” daherkommen, der/die wird den vertrauten, lockeren und fast intimen Stil vielleicht zu schätzen wissen.
Etwas wirklich Neues erfährt man in diesem Buch nur dann, wenn man bisher das Studium von Nachhaltigkeits- und Psycholiteratur eher vermieden hat. Es geht hier vorrangig um die Ansprache, um die Eindringlichkeit der Vermittlung, um das Wecken von Betroffenheit.
Es ist nicht zu übersehen, dass die Autorin von ihrem speziellen Zugang zur Thematik sehr überzeugt ist; sie ist ganz offensichtlich auch stolz auf ihr Ergebnis. Auch wenn das bei einem normalen Sachbuch vielleicht ein wenig zu selbstverliebt rüberkommen könnte – bei einem Buch über Emotionen kann man da sicher mal toleranter sein…

Letztlich bleibt unterm Strich eine Empfehlung – wenn man zu der skizzierten Zielgruppe gehört. Viele Leser/innen werden sich in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken bestätigt fühlen; auch dass kann einfach guttun und vielleicht sogar motivieren.
Warnen möchte ich allerdings vor der Hörbuchfassung: Ich beurteile normalerweise ein Buch nicht nach dem Umgang mit der sprachlichen Gender-Frage – aber die (gefühlt) Tausende von gesprochenen Gender-Doppelpunkte oder -sternchen sind auch für wohlmeinende Zuhörer kaum auszuhalten.

“Die Stimme der Kraken” von Ray NAYLER

Bewertung: 4.5 von 5.

Kraken (oder Oktopoden) sind extrem spannende Wesen. Schon seit längerem ist bekannt, dass sie zu den intelligentesten Lebewesen auf diesem Planeten gehören. Für viele Menschen ist es irritierend, dass ausgerechnet ein Tier, dass uns auf allen Ebenen so fern zu sein scheint, bemerkenswerte kognitive Leistungen vollbringen kann.
Für die Biologie und die Neurowissenschaften bieten Kraken insbesondere auch deshalb ein faszinierendes Forschungsfeld, weil ihr Nervensystem so grundsätzlich anders (dezentral) strukturiert ist, als das bei Säugetieren der Fall ist.
Darüber zu spekulieren, ob und wie es zwischen diesen so unterschiedlichen Geschöpfen eine Form von Kommunikation entstehen könnte, wäre somit sicher eine anregende Herausforderung.
NAYLER nimmt diese Challenge an und konstruiert rund um dieses Thema eine Handlung, die Anteile von Science-Fiction, Thriller, Öko-Aktivismus, Gesellschaftskritik und Wissenschafts-Sachbuch in sich vereinigt. Um es vorweg zu sagen: Diese Mischung ist ihm exzellent gelungen!

Der dominante Handlungsfaden findet auf einem abgeschiedenen Archipel statt, das einem großen Tech-Konzern gehört. Dieser ist – natürlich – im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig und erforscht in diesem Zusammenhang auch die besonderen Gaben der Oktopoden. Zusammen mit einer auf diesem Gebiet erfahrenen Wissenschaftlerin und einer technisch hochgerüsteten Sicherheitsbeauftragten befindet sich dort der am weitesten entwickelte Androide, ein bereits sehr menschenähnlicher Roboter. Später kommt die Leiterin des Projektes dazu, eine bekannte Forscherin und Autorin.
Der Roman beschreibt die allmähliche und von zahlreichen Erschwernissen begleitete Kontaktaufnahme zu der örtlichen Krakenpopulation.
Ein zweiter wesentlicher Schauplatz ist ein illegaler Fischtrailer, auf dem sich hochdramatische Dinge abspielen, die in der meisten Zeit keinen unmittelbaren Bezug zur Haupthandlung haben.

Bei Romanen, die sowohl einen bedeutsamen Inhaltskern haben, als auch einen spannenden Handlungsbogen bieten, stellt sich die Frage, welcher Aspekt im Vordergrund steht. In diesem Fall gewinnt ziemlich eindeutig der Inhalt. Zwar gibt es eine ganze Reihe von Zutaten, die sich dem Plot einen gewissen thrillerhaften Drive geben (dazu gehören durchaus auch Episoden mit recht gewaltvollen Schilderungen und einige überraschende Wendungen), doch spürt man als Leser/in schnell, wofür das Herz des Autors wirklich schlägt:
Es geht NAYLER um das zugleich kreativ-spielerische und tiefgründige Ausloten der Frage, welche Formen von Bewusstsein, Kommunikationsfähigkeit und Begegnung es in dem Dreieck von Mensch, KI-System und intelligentem Tier geben kann bzw. könnte. Der Autor umspielt diese spannende und existentiell bedeutsame Thematik parallel auf zwei Ebenen: Einmal durch eine fantasievolle Ausgestaltung der Romanhandlung, zum anderen – auf der Theorieebene – durch die reflektierenden Dialoge der beteiligten Figuren.

Wenn diese Betrachtungen auch hoch abstrakt und abgehoben erscheinen mögen: Die Rahmenbedingungen in der realen Welt werden von NAYLER keineswegs außer Acht gelassen; im Gegenteil! Der Autor beschreibt nicht nur die rücksichtlosen wirtschaftlichen Ausbeutungsstrukturen, in denen finanzielle Verwertungsinteressen ohne jede ökologische Verantwortung walten. Er macht auch auf die Gefahr aufmerksam, dass die Gier nach medialen Sensationen und wissenschaftlichen Durchbrüchen genau diese bisher verborgenen Schätze gefährden bzw. zerstören könnten. Und es wird ein zukunftsweisender Blick darauf geworfen, welche ethischen Fragen uns bei der Entwicklung menschenähnlicher Maschinen vermutlich bevorstehen.

So ist dieser bemerkenswerte Roman schließlich ein extrem anregender, anrührender und anklagender Apell, der uns am Beispiel der Bewusstseinsforschung bei Tieren und KI-Robotern unseren Umgang mit der uns umgebenden und von uns geschaffenen Welt widerspiegelt.
Dass diese Story auch noch unterhaltsam und spannend ist und einige Überraschungen bereithält, macht dieses Buch zu einer absoluten Empfehlung für alle, die anspruchsvolles Infotainment suchen und dabei auch die Geduld mitbringen, sich auf spekulative Details einzulassen.
Zum Vergleich: Zwischen diesem Buch und der Oktopus-Reihe von Dirk ROSSMANN tun sich literarische Welten auf.

(Für Hörbuch-Freunde steht übrigens ein zusätzlicher Genuss bereit: Der begnadete Sprecher David NATHAN liest vor!)

15.05.24 PRECHT

Es gab für mich drei Anlässe, mich mal wieder stärker mit dem wohl öffentlichkeitswirksamsten deutschen Philosophen zu befassen:
– sein neues Buch (“Das Jahrhundert der Toleranz“)
– das Gespräch bei “Hotel Matze” vom 02.06.24
– den LANZ/PRECHT-Podcast vom 14.06.24

PRECHT ist in den letzten 2-3 Jahren vom Publikumsliebling zu einer ziemlich umstrittenen Person geworden. Auch ich habe im Zusammenhang mit gewissen Corona-Aussagen, mit seiner (überzogenen) Medienkritik (“Die vierte Gewalt”), mit seinem permanenten und schädlichen GRÜNEN-Bashing und mit bestimmten Aussagen zum Ukraine-Krieg eine zunehmende Distanz empfunden. Sein aktuelles Buch hat in diesem Prozess eine Art Höhepunkt gesetzt; entsprechend kritisch hab ich es beurteilt.
Ein wenig habe ich das bedauert, weil ich damit einen bis dahin hilfreichen Bezugspunkt für meine eigenen weltanschaulichen und politischen Gedanken verloren habe.

In dem über zweistündigen Gespräch mit “MATZE” ist das Befremden über bestimmte Haltungen nicht ausgeräumt worden. Trotzdem empfand ich es als ein Gewinn, PRECHTs Bewertungen und Überzeugungen hinsichtlich der GRÜNEN, der Stellung Deutschlands in der Welt und des Umgangs mit dem Ukraine-Krieg mal im Zusammenhang mit seiner persönlichen Biografie zu einordnen zu können.
Auf “persönlicher” Ebene ist er mir tatsächlich wieder etwas näher gekommen; die ruhige und sensible Gesprächsführung von MATZE hat es der abgewogenen und sympathischen Seite von PRECHT leichter gemacht, sich gegen seine besserwisserischen Arroganz durchzusetzen.
Wer Unterstützung für die Positionen sucht, die der militärischen Stärkung gegenüber Russland etwas diplomatisch-pazifistisches entgegensetzen will, bekommt das in diesem Gespräch sicher auf einem höheren Niveau als von Wagenknecht oder der AfD.
Wer allerdings konkrete Antworten darauf sucht, wie denn die imperialistische Strategie Putins ohne eigene Stärke “eingepflegt” werden könnte, wird auch bei PRECHT eher leer ausgehen.
Auch als Alternative zum Lesen seines aktuellen Buches über Außenpolitik eignet sich dieser Podcast durchaus; man bekommt einen guten Überblick.

Der aktuelle LANZ/PRECHT-Podcast ist ein echtes Medienereignis – vorausgesetzt man interessiert sich überhaupt für diese beiden meinungsmachenden Promis.
Wer in dieses Format schonmal reingehört hat, wird sich immer wieder gewundert haben, wie die beiden zusammenfinden und -bleiben. Für mich war das nur möglich, weil LANZ oft gar nicht zu verstehen scheint, wie weit PRECHTs Ansichten von seinen entfernt sind, und weil beide bereit sind, über Differenzen immer wieder eine Decke der Beschwichtigung zu legen.
Um es gleich zu sagen: Ich empfehle diese wöchentliche Podcast-Reihe keineswegs! Zu oft findet dort ein relativ niveauloses Geplauder zweier Schlaumeier statt, mit einem sehr begrenztem Erkenntnisgewinn.
Aber: Die Folge vom 14.06. lohnt sich, ist spannend und aufschlussreich. Es geht dem Titel nach um die Europawahl, tatsächlich aber um den Klimawandel und die GRÜNEN.
PRECHT tritt dort erfrischend klar und kämpferisch auf, zeigt sich als überzeugter Kämpfer gegen Ignoranz und Relativierung gegenüber der anrollenden Klimakatastrophe.
Wer schon immer mal an der Unfähigkeit von LANZ verzweifelt ist, bestimmte Zusammenhänge wirklich in sein Denken zu integrieren, bekommt hier ein spannendes Psychogramm.
Mich hat dieses Gespräch zu folgendem Kommentar (auf YouTube) motiviert:

Hier wird endlich mal für alle offensichtlich, wie unterschiedlich die beiden in diesem Bereich ticken.
PRECHT hat eine eindeutige Analyse und redet Klartext. Super! Allerdings sollte er mal erklären, warum er seit Jahren durch sein permanentes und oft geradezu vernichtendes GRÜNEN-Bashing dazu beiträgt, deren Einflussmöglichkeiten auf die Klima- und Umweltpolitik zu schwächen. Hier nimmt er als öffentlicher Intellektueller seine Verantwortung nicht wahr – nur weil er immer noch ein bisschen schlauer und konsequenter sein will als die  – vermeintlich zu weichgespülten – Realpolitiker.
LANZ ist schlichtweg nicht in der Lage, die Dringlichkeiten zu begreifen. Sobald eine bestimmte Schwelle überschritten wird, wehrt er die notwendigen Schlussfolgerungen emotional ab: Seit Jahren nervt er mit dem Argument der “Moralisierung” – als ob es ein Makel wäre, das bestimmte Positionen (Klimaschutz) nun mal mit moralischen Zielsetzungen (lebenswerte Zukunft erhalten) übereinstimmen. LANZ will es einfach nicht wahrhaben, dass es in der Klimafrage keine zwei Seiten mit einer “neutralen” Mitte gibt, sondern jede Menge gut gesicherte Modelle, die nahezu in allen Bereichen von der Realität noch überholt werden. Obwohl er zwischendurch vernünftige Sachen sagt, kann er letztlich die Vorstellung offenbar nicht ertragen, dass die Lage wirklich so dramatisch ist und ein echtes Umsteuern erfordert. Und wenn es argumentativ eng wird, flüchtet er sich in Einzelfragen (Überschwemmungen), verwechselt Prognosen mit der Gegenwartsbeschreibung (Klima-Flüchtlinge) oder wettert zum zehnten Mal über das Moralisieren (das er mit der klaren Beschreibung einer von ihm gerne relativierten Realität gleichsetzt).
Das ist alles schwer auszuhalten…

07.06. 2024 Warum ich (trotzdem?) GRÜN wähle

Es ist nicht ganz einfach, sich in diesen Zeiten zur Wahl einer Ampel-Partei zu bekennen. Frust und Unzufriedenheit sind groß; jede/r kann Ärgernisse und Enttäuschungen nennen.
Ich werde trotzdem auch morgen nochmal zum Wahlkampfstand der GRÜNEN gehen und ein paar Flyer verteilen und Leute ansprechen. Irgendwie wäre es für mich komisch, wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht äußern würde.

Für mich ist zunächst einmal bedeutsam, dass die GRÜNEN klar und vorbehaltlos für ein demokratisches und soziales Europa stehen. Ich bin überzeugt davon, dass sich nur ein starkes und möglichst einiges Europa sich zwischen den großen Machtblöcken behaupten kann. Da wir uns nicht mehr blind auf den Schutz Amerikas verlassen können, müssen wir auch unserer Sicherheit europäisch organisieren.

Die GRÜNEN sind (meiner Überzeugung nach) die einzige (bedeutsame) Partei, die den Kampf gegen den Klimawandel nicht nur als Lippenbekenntnis vor sich herträgt, sondern auch bereit ist, die Transformation in nachhaltiges Wirtschaften mit konkreten Maßnahmen zu hinterlegen und damit abzusichern. Die Parteien, die auf die Kräfte des Marktes setzen und behaupten, das klimaneutrale Europa ließe sich über Deckelungen und CO2-Bepreisung erreichen, bieten eine Mogelpackung: Sie wissen ganz genau, dass es letztlich politisch nicht durchsetzbar sein wird, der Wirtschaft und den Bürgern damit verbundenen finanziellen Folgen zuzumuten.
Ohne eine starke GRÜNE-Fraktion droht der “Green-Deal” weiter zu verwässern. Der Landwirtschafts-Lobby, die sich schon viel zu weit durchgesetzt hat, muss etwas entgegengesetzt werden; nicht jede Umwelt-Auflage war/ist eine bürokratische Schikane!
Diejenigen, die den GRÜNEN zu große Kompromissbereitschaft vorwerfen, sollten sich ernsthaft fragen, ob man auf einem anderen Weg wirklich mehr erreichen könnte.

Manchmal ärgere ich mich auch über die GRÜNEN. Nicht alle ihre gesellschaftspolitischen Ideen, z.B. im (Trans-)Gender-Bereich, entsprechen genau meinen Vorstellungen. Doch damit kann ich leben.
Für mich ist letztlich bedeutsam, dass diese Partei nicht die egoistischen Interessen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe verfolgt, sondern sich für eine gemeinwohlorientierte Zukunftsgestaltung im Interesse unserer Kinder und Enkel einsetzt. Dabei gibt es meiner Meinung nach keinen Widerspruch zu wirtschaftlichen Zielen: Nur eine klimaneutrale und ressourcenschonende Wirtschaft hat Zukunft.