
Das Störungsbild AD(H)S hat in den letzten Jahren eine Art Renaissance erlebt. Im Zusammenhang mit dem Hype um die sog. “Neurodiversität” hat sich die Diskussion allerdings deutlich verschoben: Während sich in früheren Jahrzehnten alles um die Kinder (vor allem Schulkinder) drehte, richtete sich nun die Aufmerksamkeit zunehmend auf (meist junge) Erwachsene.
Neu war in diesem Zusammenhang auch die enge Verknüpfung mit dem Phänomen “Autismus”: Da hier die leichteren Ausprägungsgrade auf dem “Spektrum” in den Fokus gerieten, wurden – insbesondere in der Community der Betroffenen und Social-Media-Ratgeber – die beiden Störungsbereiche häufig fas als eine natürliche Kombination diskutiert. Eben als “neurodivers”.
Das vorliegende Buch geht noch einen Schritt weiter: Es wendet sich den Aufmerksamkeitsgestörten im fortgeschrittenen Erwachsenenalter zu – und füllt damit eine Lücke in der populärwissenschaftlichen Literatur.
Um es vorweg mit einem Satz zu sagen: Wir haben es hier mit einem extrem fachkundigen Autoren-Duo zu tun, das ein seriöses, breit angelegtes, fundiertes und gut lesbares Sachbuch vorlegt – gleichermaßen geeignet sowohl für Betroffene (und ihre Mitmenschen in Partnerschaft, Familie und Beruf), als auch für all die (potentiell beteiligten) Fachkräfte in Medizin, Pflege, Beratung und Psychotherapie.
Schon ein Blick auf das gut strukturierte Inhaltsverzeichnis macht deutlich, dass hier eine Systematik am Werke war, die sich zum Ziel gesetzt hat, keinen Aspekt, keinen Lebensbereich, keinen Belastungsfaktor, außer Acht zu lassen.
NEUY-LOKOWICZ und SCHÖTTLE sehen sich das (Alltags-)Leben der von AD(H)S betroffenen Menschen aus der Nähe an – verlieren aber selbst nie die Distanz der Fachlichkeit. Sie zeigen viel Verständnis und Empathie für die subjektiven (Leid-)Erfahrungen – aber sie sind eben nicht selbst Betroffene. Ihre Solidarität speist sich nicht aus der unmittelbaren eigenen symptomatischen Erfahrung, sondern aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und der professionellen Begleitung zahlreicher Patienten bzw. Ratsuchenden.
In ihrem Schreibstil decken NEUY-LOKOWICZ und SCHÖTTLE sowohl den Aspekt der neutralen Information als auch der zugewandten Unterstützung souverän ab.
Einzelne kurze Fallbeispiele schaffen eine zusätzliche Unmittelbarkeit.
Das Buch leistet insbesondere das, was man in der (medizinischen oder psychotherapeutischen) Behandlung “Psychoedukation” nennt: Es klärt umfassend über Symptome, Verläufe, Begleiterkrankungen, Diagnostik, Therapieansätze und Selbsthilfemöglichkeiten auf.
Dabei wechselt der Text immer wieder zwischen den beiden Schwerpunkten “Information” und “Ratgeber” – ohne ganz in den Bereich “Selbsthilfe” überzugehen. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. einer Atemübung) werden zahlreiche Strategien zwar genannt und bewertet (empfohlen), jedoch nicht konkret eingeübt. Man erfährt also – und zwar sehr umfassend – auf was man alles achten und was man alles tun kann, aber man “lernt” es nicht.
Die Autoren betonen die Bedeutung der subjektiven Erfahrungswelten von aufmerksamkeitsgestörten Menschen: ihr oft stark angegriffenes Selbstwertgefühl, ihr Erleben von Unverstandensein, ihre – oft jahrzehntelange – Suche nach einer Erklärung für Einschränkungen, für Belastungen, für das Anderssein.
Immer wieder wird dabei auf Konstellationen eingegangen, in denen die Erstdiagnostik erst spät in der zweiten Lebenshälfte erfolgte – was oft mit einer gewissen Verbitterung hinsichtlich der ungenutzten Behandlungschancen verbunden ist.
In diesem Zusammenhang bieten die Autoren auch eine ganze Reihe sinnvoller kognitiver Strategien zur Umbewertung an, verweisen aber natürlich auch auf entsprechende psychotherapeutische Hilfen.
Keine Überraschung ist wohl, dass die medikamentöse Behandlung (meist mit Stimulantien) in diesem Buch eine wesentliche Rolle spielt. Spannend sind dabei die Beobachtungen der Autoren, dass auch in Bezug auf die häufigen (psychischen und körperlichen) Begleiterkrankungen die Medikation oft eine stark entlastende Wirkung entfalten.
Das Buch ist eine klare Empfehlung für alle, die in diesem Bereich kompetente und umfassende Information und praktische Anregungen suchen – und nicht auf die Betroffenen-Community festgelegt sind. Dass es kein Seibsthilfe-Übungsbuch ist, kann man dem Buch nicht anlastet – dafür war es nicht konzipiert.
Gerade weil es scheinbar auf jede erdenkliche Frage und Problematik eine Antwort anbietet, könnte vielleicht der Eindruck einer zu “glatten” Darstellung entstehen. Aber selbst das wäre als Kritikpunkt unberechtigt, weil der Text auch vor den “unlösbaren” Punkten nicht ausweicht.
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