“Hirn statt Moral” von Liya YU

Bewertung: 4 von 5.

Es lässt sich nicht übersehen: Die Künstliche Intelligenz als gesellschaftliches und wissenschaftliches Mega-Thema hat den Hype um die Neurowissenschaften abgelöst.
Zunehmend wird das Gehirn aktuell aus der Vergleichs-Perspektive betrachtet: “Was kann die KI von unserer biologischen Hard- und Software lernen?” “Wodurch unterscheiden sich Prozesse und Ergebnisse der beiden Intelligenzformen?”

Die bikulturell (chinesisch/deutsch) sozialisierte Autorin Liya YU konfrontiert uns mit einer ganz anderen Sichtweise: Sie versucht mit ihrem aktuellen Buch die – bei uns noch weitgehend unbekannte – Disziplin der “Neuropolitik” zu etablieren. Nachdem wir uns an “Neuropsychologie”, “Neurophilosophie” oder “Neurobiologie” gewöhnt haben stellt sich also die Frage, ob es hier eher um Marketing oder um eine zukunftsträchtige fachliche Spezialisierung geht.

Die zentrale Idee des Buches ist erstmal nachvollziehbar: Wo – wenn nicht in unserem Gehirn – entstehen politische Einstellungen, relevante Emotionen und letztlich auch politisches Verhalten? Mit diesen Phänomenen haben sich bisher insbesondere so etablierte Disziplinen wie Soziologie, Psychologie und diverse Sozial- bzw. Gesellschaftswissenschaften befasst. Welche Vorteile, welchen Erkenntnisgewinn kann ein neurowissenschaftlicher Zugang bringen?

Die Grundthese von YU lässt sich so zusammenfassen: Nur wenn wir die biologischen (evolutionären) Vorprogrammierungen unseres Denkapparates kennen und berücksichtigen, haben wir die Chance, unsere liberale Demokratie gegen die Feinde zu verteidigen, die genau diese Mechanismen systematisch ausnutzen.
Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen stehen drei kognitive Konzepte bzw. Prozesse
Es geht um
– die biologisch tief angelegte Tendenz, Menschen entweder der eigenen Gruppe zuzuordnen oder sie als fremd wahrzunehmen (“in-group vs. out-group”),
– die unterschiedlich ausgeprägte Kompetenz, sich in andere Menschen “hineinzudenken”, ihren geistigen und emotionalen Zustand zu mentalisieren (“theory of mind”) und
– die extrem bedeutsame Möglichkeit, Individuen oder ganzen Gruppen ihre Menschlichkeit (ganz oder teilweise) abzusprechen, sie also zu dehumanisieren.

Anhand zahlreicher Beispiele und Untersuchungen legt die Autorin dar, welche grundlegende Rolle diese Mechanismen für gesellschaftliche Konflikte (Diskriminierungen, Gewalt, Kriege) und deren Lösungen spielen. Sie ist davon überzeugt, dass es ohne die Beachtung dieser (und ähnlicher) neuronaler Voreinstellungen und Verzerrungen dauerhaft kein zivilisiertes und demokratisches Zusammenleben geben kann.

Inhaltlich sind die Thesen bzw. Schlussfolgerungen zweifellos gut abgeleitet und belegt. Besonders die Beispiele für “Dehumanisierung” von (nationalen oder ethnischen) Minderheiten sind eindrucksvoll und überzeugend. Spannend sind auch die unmittelbar abgeleiteten Strategien für die – so dringend notwendige – Gegenstrategien: So ruft der Befund, dass schon die Frage nach dem bevorzugten Gemüse einer abgelehnten Gruppe eine “Vermenschlichung” bewirken kann, sowohl Kopfschütteln, als auch Hoffnung aus.
Gerne liest man auch als Anhänger eines aufgeklärten und solidarischen Gesellschaftsmodells, dass liberal-fortschrittliche Gehirne schlichtweg diejenigen sind, die in den entscheidenden (präfrontalen) Bereichen größer und differenzierter sind.

Letztlich stellt sich aber die Frage, ob sich nicht alle Fragestellungen und Befunde auch in einem sozialpsychologischen bzw. evolutionär-biologischen Theoriekontext diskutieren und beantworten ließen: z.B. im Bereich der Vorurteilsforschung oder bei der Betrachtung der bekannten kognitiven Verzerrungen (Bias).
Anders gefragt: Rechtfertigt der Umstand, dass hier – meist mit entsprechenden bildgebenden Verfahren – die neuronalen Korrelate von Mentalisierung, Abwertung und Ausgrenzung untersucht werden, die Definition einer neuen Disziplin?

Auch wenn man diese Frage nicht spontan bejaht, bietet das Buch dieser facettenreichen und engagierten Wissenschaftlerin ein lohnendes und besonderes Leseerlebnis: Es ist mit Sicherheit extrem nützlich, unsere biologisch einprogrammierten kognitiven bzw. emotionalen Grundprozesse zu kennen und einzuplanen, auf denen unsere politischen Urteile letztlich beruhen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass auch im 21. Jahrhundert noch Massaker und Kriege unter Nutzung archaischer Mechanismen der Entmenschlichung von als “fremd” definierten Gruppen begründet werden können. Ein systematisches Training der Fähigkeit zum Einfühlen (Mentalisieren) sollte Teil unseres pädagogischen und gesellschaftlichen Alltags sein.

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