“Nexus” von Yuval Noah HARARI

Bewertung: 4 von 5.

Seit seinem Welterfolg “Sapiens” (2013) ist jede Buchveröffentlichung des israelischen Historikers HARARI ein weltweit beachtetes Ereignis: intellektuell, literarisch, medial, politisch. Der Autor ist so etwas wie ein Global-Intellektueller geworden, der nicht nur auf YouTube mit Hunderten Interviews und Vorträgen präsent ist, sondern dem auch die mächtigsten Entscheider in Wirtschaft und Politik ihre kostbare Aufmerksamkeit schenken.

Schon in seinem Buch “Homo Deus” (2016) hat sich HARARI mit der technologischen Zukunft und ihren möglichen Auswirkungen befasst. Seine Prognosen über die Weiterentwicklung des Menschen durch biotechnische und digitale Hilfsmittel und Eingriffe hat viele Menschen so aufgeschreckt, dass sie den Überbringer der Botschaft mit den Inhalten verwechselt haben: Bestimmte Kreise unterstellten dem Autor, er sei ein unkritischer oder gar enthusiastischer Befürworter all dieser Zukunftsszenarien.
Wenn auch diese Interpretation schon damals abwegig war (was man dem Text unschwer entnehmen konnte), so ist dieses Missverständnis im “Nexus” ausgeschlossen: Dieses Buch ist eine einzige Warnung.

Man ahnte es natürlich schon: Wenn sich jemand wie HARARI mit einem neuen Buch in den aktuellen Diskurs einschaltet, kann es nur um ein, um DAS Thema der Stunde gehen: die Künstliche Intelligenz (KI). Der Autor tut es auf seine Weise, er tut es als Historiker. Bei ihm geht es nicht um die technischen Aspekte der KI-Revolution; er setzt diese Zeitenwende in den vergleichenden Kontext früherer Informationsnetzwerke: der mündlichen Überlieferung, der Schrift, des Buchdrucks, der Massenmedien (Radio und TV) und des Internets. Es geht ihm um das Verständnis der Gegenwart mithilfe der Analyse der Vergangenheit, es geht – wiederum – um die ganz weite Perspektive, um den großen Wurf.
Dabei nimmt HARARI die Rolle ein, die ihm so gut steht: die des Welterklärers.

Am Anfang und im Zentrum seines Geschichtsbildes steht der Mensch als soziales Wesen, der aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten zur Kooperation in großen Gruppen die Macht über unseren Planeten übernommen hat. Er arbeitet heraus, dass die entscheidende Variable dabei schon immer aus “Information” bestand; sie war und ist die Grundsubstanz in Mythen, Religionen, Wissenschaft, Wirtschaft und Machtsystemen.
Dabei begrenzen Struktur und Leistungsfähigkeit der Wege (Netzwerke), durch die Information verbreitet wurde und wird, deren Möglichkeiten: So setzt die Verwaltung eines mittelalterlichen Imperiums oder die moderne Totalüberwachung einer Bevölkerung jeweils bestimmte (technische) Hilfsmittel voraus, also eine gewisse Qualität des eingesetzten Informationsnetzwerkes.

Nach der historischen Analyse des ersten Buchteiles, konzentriert sich HARARI im zweiten Teil darauf die Besonderheiten der digitalen, auf Computer basierten Informationsnetzwerke. Dabei sieht er nochmals einen qualitativen Sprung zwischen zwischen den – schon extrem folgenreichen und gefährlichen – Algorithmen der Social-Media-Welt und den letztlich unbegrenzten Kapazitäten der KI, die dem Menschen auch noch die Schöpfung neuer Ideen und das autonome Entscheiden abzunehmen droht.
In aller Ausführlichkeit stellt HARARI die Risiken einer unkontrollierten und unregulierten Übertragung von Kontrolle und Macht an KI-basierte Informationsnetzwerke dar. Dabei geht es ihm nicht um spektakuläre Science-Fiction-Szenarien mit waffenstarrenden Kampfrobotern, sondern um den schrittweisen Rückzug des Menschen aus der Verantwortung für weitreichende soziale, ökonomische und militärische Entscheidungen.

HARARI hat eine eindringliche Sprache und eine wirksame Didaktik, deren Wirkung man sich nur schwer entziehen kann. Seine Thesen formuliert er sehr prägnant und verständlich, lässt ihnen dann ein paar sehr gut nachzuvollziehende Beispiele folgen und wiederholt dann die – jetzt plausibel untermauerte – Aussage. Da ist ohne Zweifel fast immer überaus überzeugend.
Da der Autor sich als Historiker in der Grauzone zwischen Fakten und Interpretationen bewegt, wird nicht immer ganz deutlich, ob man sich gerade einer wissenschaftlichen Tatsache oder einer Meinung anschließt. Nur wenn man selbst in einem Punkt eine sehr klare Überzeugung hat, fällt auf, dass man diese spezielle Sache ja tatsächlich auch anders sehen könnte: So könnte man z.B. durchaus der Meinung sein, dass die Bekämpfung des Klimawandels nicht zu den Punkten gehören, die dem demokratischen Spiel der Kräfte überlassen werden sollte/müsste. (Natürlich ist HARARI kein Klimawandel-Leugner; er verteidigt nur sehr vehement die Demokratie).

Der Autor begründet seine doch sehr einseitige Konzentration auf die Risiken der KI-Revolution in der Regel damit, dass die andere Seite (die Vorzüge und Chancen) schon genug Fürsprecher hätten – insbesondere durch die Menschen und Institutionen mit wirtschaftlichen Interessen. Es ist fraglich, ob HARARI damit sich und diesem Buch wirklich einen Gefallen tut.
Einer so grundsätzlichen und gründlichem Analyse, die in der nächsten Zeit den internationalen Diskurs prägen wird, hätte es sicher gutgetan, wenn auch den Potentialen der KI etwas mehr Beachtung geschenkt worden wäre – über ein paar Alibi-Bemerkungen hinaus. HARARI wird ja nicht müde, auf die großen, ungelösten Menschheitsprobleme hinzuweisen. Statt die KI einseitig in die Liste der apokalyptischen Bedrohungen mit aufzunehmen, hätte auch die These Aufmerksamkeit verdient, dass KI den vielleicht einzig realistischen Lösungsansatz für genau diese Herausforderungen zu bieten haben könnte. Auch dafür haben schlaue Leute schon gute Argumente geliefert. Gut: HARARI erwähnt das, beschäftigt sich aber damit nicht wirklich. Schade!

Ein wenig problematisch erscheint auch, dass der Autor bei der Diskussion einzelner KI-Risiken die Ebenen nicht immer ganz sauber auseinander hält. So schreibt er es immer wieder mal der KI auf die Fehlerliste, wenn sie aufgrund mangelhafter Ausgangsdaten oder einer unüberlegter Zieldefinition problematische Ergebnisse produziert. In gewisser Weise wird in solchen Beispielen der KI vorgeworfen, dass sie tut, was sie tun soll. Wenn z.B. die KI aus den Personal-Daten bisher erfolgreicher Bewerber herausliest, dass das männliche Geschlecht offenbar ein bedeutsamer Faktor darstellt, kann man das nicht ernsthaft der KI vorwerfen. Soll sie Muster übersehen, die sie in den Daten findet? Wenn sie das soll, dann muss man ihr das eben mit auf den Weg geben – statt über ihre Voreingenommenheit zu klagen.
Natürlich hat HARARI Recht, wenn er auf das Prinzip der menschlichen Kontrolle und Verantwortung hinweist; wenn er die Probleme beschreibt, die sich daraus ergeben, dass die Entscheidungsalgorithmen sich einer menschlichen Nachvollziehbarkeit immer mehr entziehen. Doch zum Gesamtbild gehört ja auch, dass es ja gerade die Stärke der KI ausmacht, dass sie Muster erkennt und berücksichtigt, die für menschlichen Logiken nicht erreichbar sind.

“Nexus” wird mit Sicherheit ein weltweiter Mega-Bestseller – in großem Umfang sicher auch zu recht. Vermutlich wird er aber weniger unwidersprochen bleiben, als HARARIs frühere Bücher. KI ist das Thema der Stunde, der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Die Stimme des bekannten und geschätzten Autors wird gehört werden, aber sicher weniger exklusiv.
Er hat eine Facette kompetent und erhellend beleuchtet: die historische Einbettung. Für die Fragen von Chancen und Risiken der KI wird er eine Stimme von vielen bleiben.

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“Eine Art Familie” von Jo LENDLE

Bewertung: 3.5 von 5.

Begeisterung für ein Buch macht neugierig auf den Autor und frühere Werke. So war es mit Jo LENDLE (Die Himmelsrichtungen). “Eine Art Familie” ist ein deutlich sperrigerer Text.
Der Autor taucht tief in die Geschichte seiner Familie ein und rekonstruiert die Lebensläufe einiger Personen rund um seinen Großonkel Ludwig quer durchs 20. Jahrhundert. Basis dafür sind akribische Tagebuchaufzeichnungen, die Ludwig eigentlich zur Vernichtung bestimmt hatte.

Natürlich spiegeln sich die großen Jahrhundert-Themen in den privaten und beruflichen Begebenheiten der Protagonisten: der Lebensgemeinschaft von Ludwig mit seinem nur wenig jüngeren Patenkind Alma und einer treuen Haushälterin; daneben noch dem eher fremden Bruder Wilhelm und seiner Familie.
Es geht um die beiden Kriege, die Narben des ersten Weltkriegs, die Haltung zu und die Verstrickungen mit der NS-Diktatur, um das widersprüchliche Leben in der jungen DDR, um die Erfolge der Wissenschaft, um Ruhm und Karrieren.

Aber das ist nicht der eigentliche Gegenstand dieses insgesamt leisen und sehr persönlichen biografischen Romans. In oft mikroskopischer Feinarbeit werden die eigenwilligen Persönlichkeiten der drei Hauptfiguren ausgeleuchtet; dabei halten diese keineswegs spektakuläre oder grandiose Fähigkeiten bzw. Charaktereigenschaften bereit. Eher im Gegenteil: Die so detailverliebt beschriebenen Personen sind eigentümlich unfertig, in sich zerrissen, die meiste Zeit ein wenig schräg und verschroben. Sie eignen sich nicht als Helden oder Identifikationsfiguren, ihre Menschlichkeit ist meist allzu menschlich.
Immer wieder hat man das Gefühl, dass insbesondere Ludwig und Alma irgendwie an ihrem Leben und auch an der Gestaltung ihrer Beziehung vorbeileben. Trotz räumlicher Nähe und selbstverständlicher Loyalität, findet Intimität und Kommunikation nur indirekt statt.

Auch in der äußeren Welt, in der Ludwig als Professor für Pharmakologie durchaus Erfolge hat, steht er sich doch immer wieder auch selbst im Wege, hadert und zögert, findet nicht wirklich zu sich selbst. Die Verstrickungen seiner Forschungen über Narkosemittel und giftige Gase mit dem Vernichtungskrieg der Nazis treiben ihn um; seine Wege sind nicht ohne Schleifen und Ambivalenzen. Sein Leben lang wollte er das Geheimnis des Schlafes entschlüsseln, am Ende sinniert er über den Zusammenhang zwischen Schlaf, Narkose und Tod.

Doch kann man den Charakter und die Qualität dieses Buch nur dann wirklich erfassen, indem man seine Sprachkunst thematisiert. Es gelingt LENDLE nicht nur, seine Figuren sensibel und facettenreich zu zeichnen, sondern er kreiert immer wieder Formulierungen, die man sich auch eingerahmt an der Wand vorstellen könnte. Die Sprachbilder die er dabei benutzt sind so perfekt auf den zeitlichen und emotionalen Kontext abgestimmt, dass es einem kurzfristig die Sprache geradezu verschlägt.

Trotzdem: Das Lesen dieses Buches geht nicht von selbst; die Intensität und Tiefe der Betrachtungen hat auch ihren Preis und bereitet stellenweise auch mal etwas Mühe. Ohne die Bereitschaft, sich auf die Protagonisten mit all ihren Macken, Ecken und Kanten einzulassen, könnte die Lesemotivation zwischenzeitlich auch mal zur Neige gehen.
Das Buch ist etwas für Leser/innen, die weniger auf der Spur nach bestimmten Ergebnissen sind, sondern eher den Prozess des ruhigen Einlassens auf eine unbekannte Szenerie zu schätzen wissen.

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“Partikel” von Wolf HARLANDER

Bewertung: 2.5 von 5.

Warum nicht mal Mikroplastik zum Thema eines Ökokrimis machen? Thematisch liefert das ökologische Risiko jedenfalls ausreichend Stoff.

Wir begleiten in dem umfangreichen Roman eine Reihe von Protagonisten: ein an Krebs erkranktes Kleinkind mit seinem alleinerziehenden Vater, seine als Journalistin arbeitende Schwester, ein Ermittler-Paar des BND, ein vermeintlich selbstloser Öko-Unternehmer, einige Aktivisten. Drumherum noch ein paar Nebenfiguren.

Wie es sich in diesem Genre gehört, erfährt die Leserschaft eine Menge über das Ausmaß, in dem wir alle Geisel des Plastik-Tsunamis sind: Plastik ist überall, nicht nur in den Weltmeeren und in den Mägen zahlreicher Tiere, sondern – in mikroskopischer Form – auch in Lebensmitteln, Getränken und oft auch schon in unserem Blut.
Der Kampf gegen die Verseuchung unseres Planeten durch diese “Errungenschaft” des Menschen scheint aussichtslos zu sein – angesichts der unvorstellbaren Größenordnung und Hartnäckigkeit des Problems.

Dieses Buch konzentriert sich auf eine “innovative” Bio-Technologie, in der speziell gezüchtete Algen dem Mikroplastik an den Kragen gehen sollen.
Das Ganze spielt in Düsseldorf, allerdings sind auch ein amerikanischer Firmenchef und eine amerikanische Spezialklinik involviert.
Der Spannungsbogen entfaltet sich einerseits rund um das Wohlergehen der zweijährigen Zoe; zum anderen findet ein Wettlauf zwischen den beiden BND-Fahndern und einigen Bösewichtern statt. Wie man es erwarten kann, ist nicht zu jeder Zeit so ganz klar, wer auf welcher Seite steht.

Ohne Zweifel hat sich der Autor um die Konstruktion einer insgesamt ausreichend komplexen Geschichte bemüht. Schon allein die Anzahl der Figuren schafft eine gewisse Dynamik und Abwechslung. Typische Spannungshänger sind ebenfalls eingebaut: Wer will, kann so eine kleine Weile bangen, bis sich die Situation dann etwas später auflöst.
Der aufklärerischen Aufgabe eines Öko-Thrillers ist HARLANDER sicher auch gerecht geworden: Nach dem Lesen dieses Buches wird wohl niemand mehr das Plastik-Problem unterschätzen.

Aber der Plot hat auch Schwächen: So wirken die Aktionen des BND-Paares seltsam unprofessionell und isoliert; man kann sich kaum vorstellen, dass solche Aktionen nicht stärker in eine Teamarbeit integriert wären. Ob die schillernde Hauptfigur des reichen Öko-Konzern-Chefs psychologisch glaubwürdig rüberkommt, darf zumindest stark bezweifelt werden.
Und: 600 Seiten wollen gefüllt werden! Um es kurz zu sagen: Das Buch hat Längen! Nicht jede Nebenhandlung (z.B. rund um die Großeltern von Zoe) trägt zum Handlungsverlauf bzw. zum Lesegenuss bei. Ein Geheimnis bleibt auch, warum um die (verstorbenen) Eltern des männlichen BND-Agenten eine Nebenstory aufgebaut wird, die zu keinem echten Ergebnis führt. Eine Vermutung bleibt: Hier könnte sich ein Nachfolgeband anschließen…

So bietet HARLANDER letztlich nicht mehr als Durchschnittsware – wenn auch im XXL-Format. Für jemanden, der/die auch gerne Zeit mit einem Buch verbringt und für gewisse Schwächen Toleranz aufbringt, kann das ja durchaus passen.

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“Die Himmelsrichtungen” von Jo LENDLE

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieses Buch über eine junge, mutige, emanzipierte Frau wurde von einem Mann geschrieben und wird hier von einem alten weißen Mann rezensiert. Kann das gutgehen?

Dieses Buch handelt deshalb vom Fliegen, weil sich die Protagonistin – eine reale Person namens Amelia Earhart, als Weg zu ihrer Selbstfindung, zu ihrem Ausbruch aus Rollenklischees und zum Ausleben ihres unbändigen Freiheitsbedürfnisses spektakuläre Grenzerfahrungen am Steuerknüppel von Flugzeugen gewählt hat. Wäre sie durch ihre Energie, ihre Abenteuerlust und Tollkühnheit in eine andere Richtung getrieben worden, wäre möglicherweise ein Buch über eine Artistin oder Bergsteigerin entstanden.
Obwohl es also vermeintlich thematisch um den Menschheitstraum “Fliegen” geht, handelt das Buch im Kern von einer sehr besonderen Frau und ihrer faszinierenden Biografie.

Wie man dem Cover des Buches entnehmen kann, befinden wir uns nicht im Zeitalter der großen Passagier-Jets, sondern in der Anfangsphase der Fliegerei, in der die Maschinen noch winzig, extrem unkomfortabel und in einem kaum mehr vorstellbaren Maße den Kräften der Natur ausgeliefert waren.
Natürlich war die abenteuerliche und extrem gefährliche Sache damals (in den 20iger Jahren) zunächst eine reine Männerdomäne. So gab es wohl kaum einen anderen Bereich, in dem die ersten weiblichen Akteure mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnten.
Amelia war die erste Frau, die bei einer Atlantik-Überquerung mitflog; einige Jahre später (1932) überquerte sie den Ozean im Alleinflug.

Das Buch selbst beginnt allerdings mit dem letzten ultimativen Abenteuer: dem 1937 gestarteten Versuch, den gesamten Erdball in Äquatornähe zu umfliegen. Von seinem offenen Ende aus verfolgen wir die entscheidenden Stationen dieser faszinierenden Frauen-Biografie entgegen der Chronologie, rollen also die Entwicklung dieser Ausnahme-Persönlichkeit von hinten auf.
Dabei lernen wir eine Frau kennen, die nicht nur an technischen und körperlichen Grenzen rüttelt, Rollenerwartungen auf den Kopf stellt und so zu einem weltweiten Vorbild für die Idee der Emanzipation wird. Experimentierfreudig und kompromisslos lebt sie auch ihre Vorstellungen von Beziehung, Lust und Liebe aus – einschließlich eines sehr persönlichen Kontaktes zur Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt.

Grundlage für dieses packende und lebendige Buch bilden persönliche Aufzeichnungen der Protagonistin. Fairerweise macht der Autor selbst darauf aufmerksam, dass somit in großen Teilen Amelia Earhart dieses Buch selbst verfasst habe.
Trotzdem gebührt dem Schriftsteller und Verleger LENDLE die Anerkennung für die Ausgestaltung dieses berührenden biografischen Romans. Allein die ungewohnte Zeitperspektive ermöglicht eine erhellende Betrachtung der inneren Logik der jeweiligen Entwicklungsschritte. Von dem (bekannten) Ergebnis her, gewinnen sich die vorausgegangenen Episoden eine raffinierte Zwangsläufigkeit.

Das Lesen dieses Buches bereitet auf mehreren Ebenen Vergnügen: Es liefert auf unterhaltsame Art zeitgeschichtliches Wissen, feiert mir psychologischem Feingefühl eine wahrhaft starke Frauen-Persönlichkeit, lässt aber auch einen Blick auf die Abgründe einer schier grenzenlosen Risikobereitschaft zu.
Es erscheint nur schwer vorstellbar, dass jemand das Lesen dieses Buches ernsthaft bereuen könnte. Das gilt keineswegs nur für Frauen – Autor und Rezensent bürgen dafür.

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“Krise” von Ulrich SCHNEIDER

Bewertung: 4 von 5.

In seinem aktuellen Buch liefert der langjährige Verbandsvorsitzende SCHNEIDER (Paritätischer Wohlfahrtverband) eine umfassende Analyse der Sozialpolitik der letzten ca. 5 Jahre.
Er begründet mit dieser Bilanz seine Überzeugung, dass die „Krise“ unserer Gesellschaft nicht nur das (unvermeidbare) Ergebnis externer Herausforderungen ist, sondern auch eine Folge einer verfehlten Sozial- und Wirtschaftspolitik. Diese habe nämlich mit unzureichenden bzw. falsch adressierten Maßnahmen reagiert und so die soziale Spaltung unserer Gesellschaft noch verschärft und neue Gräben aufgerissen. Seine Kernthese lautet dabei: Es mangelte an Gerechtigkeit und Solidarität gegenüber den wirklich Bedürftigen, den Armen.

Zunächst erfolgt eine kritische Betrachtung der Einzelentscheidungen, die seit Beginn der Corona-Pandemie umgesetzt wurden. Gestützt auf umfangreiches Zahlenmaterial entwickelt SCHNEIDER seine Argumentationslinie: In einer Vielzahl von Ausgleichs- und Unterstützungsprogrammen seien – zunächst noch von der Merkel-Regierung – riesige Summen eingesetzt worden, insbesondere um die Wirtschaft zu stabilisieren und Kurzarbeit zu finanzieren. Es werden dann auch alle weiteren Maßnahmen und Hilfsprogramme der Ampel-Regierung im Kontext von Pandemie, Energiepreisentwicklung und Inflation daraufhin überprüft, in welchem Umfang und in welcher Reihenfolge sie jeweils welche Zielgruppen erreicht haben. Auch diese Bilanz – so ist SCHNEIDER ganz sicher – fällt durchweg zuungunsten der Menschen in prekären Lebensverhältnissen aus.

Auf welchem politischen Hintergrund ist das zu erklären?
Hier kommt die Erfahrung des langjährigen Sozialfunktionärs zum Tragen: SCHNEIDER klärt seine Leserschaft ausführlich über die Interessens-, Abhängigkeits- und Machtkonstellationen der Parteien, Verbände und sonstigen Akteure auf, die für die Ausgestaltung der Sozialpolitik in unserer Republik Bedeutung haben. Auch dabei fokussiert er auf die jeweiligen Prioritäten und kommt zu dem Schluss, dass zwar die Arbeitnehmer eine starke Lobby an ihrer Seite haben, die Interessen der auf Transferleistungen angewiesenen Menschen aber oft hintenangestellt werden.
Dabei vergisst er nicht, auf die – seiner Überzeugung nach – skandalösen Versuche hinzuweisen, mit denen wirtschaftsnahe konservative und neoliberale Kreise die Bedürftigkeit mit Begriffen wie „Faulheit“ und „Betrug“ in Verbindung bringen. Dabei ist auch die (erste Phase) der Auseinandersetzung um das Bürgergeld schon Thema.
Auch eine Analyse der – weitgehend erfolglosen – überparteilichen, zivilgesellschaftlichen Initiativen im Bereich der Armutsbekämpfung gehört zu dem von SCHNEIDER gelieferten Gesamtüberblick. Er thematisiert ebenso sein vorübergehendes parteipolitisches Engagement (bei den LINKEN); auch dies liest sich nicht wie eine Erfolgsstory.

Man merkt dem Autor seine Enttäuschung über die ausbleibenden Fortschritte bei der Armutsbekämpfung an; gelegentlich schimmert vielleicht sogar eine Spur Resignation um die Ecke…
Aber SCHNEIDER wäre nicht SCHNEIDER, wenn er an Aufgeben denken könnte. Im Gegenteil: Im Schlussteil seines Buches ruft er alle potentiellen Bündnispartner zum Weiterkämpfen auf und erstellt dafür einen umfangreichen Forderungs- bzw. Maßnahmenkatalog.

Der größte Verdienst dieses faktenreichen und meinungsstarken Buches liegt darin, das ganz grundsätzliche Versagen der wirtschaftlichen und politischen Eliten dieses Landes zu thematisieren. Wie kann es sein, so fragten sich in den letzten Krisenjahren viele und so fragt sich auch SCHNEIDER, dass es keinen ersthaften Versuch gab, den wahrhaft historischen Herausforderungen durch Pandemie, Krieg und Klimawandel mit einem nennenswerten solidarischen Beitrag der Vermögenden und Reichen zu begegnen? Wie kann es sein, dass noch nicht einmal krisenbedingte Sondergewinne zumindest anteilmäßig zur Finanzierung der Bewältigung herangezogen wurden? Wie kann es sein, dass Zahl und Vermögen der Milliardäre in der Krisenzeit noch deutlich zugenommen haben, während die Ärmsten eher mit Almosen abgespeist wurden?
Warum scheint der Gedanke so abwegig zu sein, dass es für diejenigen, die von dem Funktionieren unseres Gemeinwesens mehr als alle anderen profitiert haben, eine Ehre und eine moralische Pflicht darstellen könnte, in solchen Krisen einen Sonderbeitrag zur Bewältigung der Gemeinschaftsaufgaben zu leisten. Warum traut sich (fast) niemand, das einzufordern? Warum gilt es in den einschlägigen Kreisen nicht als „hipp“ und „trendy“, in gesellschaftlichen Notlagen Verantwortung zu übernehmen? Worum denken auch Sie beim Lesen dieser Zeilen zuerst daran, wie blauäugig und naiv solche Gedanken sind? Sind solidarische Gesellschaften bloße Utopie?

Inzwischen ist wohl klargeworden: Dieser Text wurde nicht aus wissenschaftlicher oder journalistischer Perspektive geschrieben. Hier äußert sich einer der wenigen wirklich lautstarken und unermüdlichen Armuts-Lobbyisten, der sich nicht durch parteipolitische Abhängigkeiten die Eindeutigkeit seiner Kritik und seiner Forderungen nehmen lässt. Seine Parteilichkeit steht in keinem Moment in Zweifel, die angeführten Zahlen und Fakten dienen durchweg der Untermauerung seiner Argumentation.
Das ist selbstverständlich legitim und angesichts der geradezu überwältigenden politischen und medialen Schlagkraft der neoliberalen Weltsicht wohl auch mehr als verständlich. Allerdings hat die Eindeutigkeit seiner Position auch einen Preis: Man wird SCHNEIDER kaum zugutehalten können, dass er auch nur einzelne Aspekte einer alternativen Sichtweise zu berücksichtigen oder gar integrieren versucht: Sein Weltbild zeigt keine Risse!

Man hätte sich z.B. in einem Buch, in dem es ganz zentral um Armutsbekämpfung geht, zumindest eine kurze Auseinandersetzung mit verschiedenen Armutsdefinitionen gewünscht, über die im politischen Raum ja durchaus gestritten wird. So wird z.B. immer wieder bezweifelt, ob das (in der Regel zugrunde gelegte) Konzept der „relativen“ Armut wirklich dazu geeignet sei, prekäre Lebenssituationen angemessen zu erfassen.
Der Ansatz, gesellschaftliche Armut über öffentliche Infrastruktur zu bekämpfen, wird zwar kurz genannt, spielt aber in dem Text insgesamt leider kaum eine Rolle. In einer Gesellschaft, die Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur, Teilhabe und Mobilität anders, also gerechter und für alle gleichermaßen zugänglich organisieren würde, müsste sich die soziale Frage nicht so ausschließlich um die Höhe von Transferleistungen drehen. Wenn alle gesellschaftlichen Gruppen von einem solchen öffentlichen Wohlstand profitieren könnten, würden Einkommensunterschiede zwar nicht verschwinden, deren Bedeutung für die individuelle Lebensqualität aber deutlich abnehmen. Natürlich wäre dies alles auch von einer gerechten und solidarischen Verteilung des insgesamt gesellschaftlich generierten Reichtums abhängig. In der politischen Diskussion würde es aber sicherlich einen großen Unterschied machen, ob es um eine Umverteilung von einem Portmonee ins andere oder um die Gestaltung einer gemeinschaftlichen Daseinsgrundlage ginge.

Vermissen könnte man in diesem Text auch Überlegungen, die über die Logik der bestehenden Sozialsysteme hinausweisen. Zwar wird die Auseinandersetzung über die Transaktionssteuer exemplarisch erwähnt, aber die sich schon abzeichnenden Folgen der durch die KI- und Robotik-Revolution weiter beschleunigten technologische Transformation werden nicht thematisiert. Wer sollte angesichts dieser Dynamik heute noch seriös prognostizieren, wie lange soziale Sicherung noch an individuellen Arbeitsbiografien ausgerichtet werden kann. Es wird notwendigerweise völlig andere Wege geben müssen, gesellschaftlich generierten Reichtum so zu verteilen, dass für alle ein menschenwürdiges Dasein gesichert wird – unabhängig vom jeweiligen Bedarf an menschlichen Arbeitskräften. Eine zukunftsweisende Sozialpolitik müsste hier baldmöglichst Visionen entwickeln, die verhindern, dass sich die Gewinne bis zur Unendlichkeit in den Taschen einer Klasse von Superreichen bzw. den Eignern der Tech-Konzerne sammeln.

So ist das Buch von SCHNEIDER zweifellos eine faktenreiche und extrem informative Bilanz eines erfahrenen und engagierten Insiders. Ein Plädoyer für konsequente Armutsbekämpfung und gerechte Lastenverteilung könnte kaum klarer ausfallen.
Dass in keiner der sozialpolitisch umstrittenen Fragen Spuren von Ambivalenzen oder Zweifel auftauchen, wird vermutlich nur einen kleinen Teil der Leserschaft enttäuschen.
Ein etwas weiterer Blick in die Herausforderungen einer weiter digitalisierten Zukunft wäre sicher eine lohnende Abrundung gewesen.

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23.08.2024 Die amerikanische Woche

Was für eine Dröhnung!
Der Krönungs-Parteitag der Demokraten hat ein Amerika zelebriert, das an Intensität, Emotionalität und Selbstvergewisserung kaum noch zu übertreffen ist.

Ja, ich habe tatsächlich alle relevanten Reden in voller Länge gesehen. Es waren mindestens zehn perfekt inszenierte Auftritte vor einer zuverlässig euphorischen Menschenmenge – ausgestattet mit einem Meer an jeweils passenden Schildern.
Warum? Ich konnte mich dem Zauber dieser einladenden Botschaften und der darin enthaltenen positiven, zukunftsbezogenen und menschenfreundlichen Grundeinstellungen einfach nicht entziehen. Ehrlich gesagt: Ich konnte nicht genug davon bekommen!

Wie kann es sein, dass ein durchaus amerikakritischer Mensch, der üblicherweise auf den typischen Überschwang-Patriotismus der Amis eher mit Skepsis und Kopfschütteln reagiert, sich so weitgehend einer professionell choreografierten Polit-Show ausliefert?

Nun: Ein Grund war wohl dieser so total wohltuende Kontrast zu den toxischen Anfeindungen eines Donald Trump. Es ist wirklich gut gelungen, dem Lügen- und Hassbaron ein positives und solidarisches Welt- und Menschenbild entgegenzusetzen.
Ja, es war alles ziemlich dick aufgetragen, mit einer ordentlichen Schicht Kitsch obendrauf: die Liebe zur besten aller Nationen, die selbstlose Bereitschaft, dem Land und allen Menschen zu dienen, die Glorifizierung von Familie, Nachbarschaft und Armee. Kein Platz für Selbstzweifel oder Selbstkritik.
Aber die Themen und Werte waren ja trotzdem sympathisch und humanistisch: Es ging viel um Würde, um Charakter, um Respekt, um Empathie und Gemeinschaft. Daran ist erstmal nichts verkehrt!

Doch die emotionale Wirkung dieser extremen Wohlfühl-Dosis lässt sich wohl nur erklären, wenn man den Kontrast der bundesrepublikanischen Wirklichkeit des Sommers 2024 dagegenhält: Was würde man darum geben, wenn nur ein Bruchteil dieser optimistischen und energiegeladenen Aufbruchstimmung in unserem Lande zu spüren wäre! Wie erholsam und hoffnungsvoll wäre es, wenn es eine vergleichbar große Bewegung mit einem zukunftsbezogenen Ziel gäbe?
Ich habe einen Impuls gespürt, doch am liebsten jetzt in den enthusiastischen Wahlkampf der USA einzusteigen – statt darauf hier in Deutschland sorgenvoll darauf zu hoffen, dass uns das Schlimmste irgendwie erspart bleibt.

Es ist ein Trauerspiel, dass wir die positiven Visionen so ziemlich verloren haben. Und es ist nur schwer auszuhalten, dass dafür in erster Linie die kleinste (aber durchsetzungsfähigste) Ampelpartei die Verantwortung trägt.
Vielleicht schwappen ja – ausgelöst durch einen möglichst klaren Sieg über Trump -ermutigende Vibrations über den Atlantik und erreichen sogar unser frustriertes und demotiviertes Land.
Meine Zuversicht zielt jedenfalls im Moment eher auf die Entwicklungen in Amerika als auf ein Wunder bei uns.

“Kopf hoch” von (Prof. Dr.) Volker BUSCH

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Psychiater BUSCH liefert hier den zweiten Band aus der “Kopf-Serie” ab: Diesmal soll der Kopf nicht frei (dazu Infos hier), sondern hoch sein. Warum hoch, wird ausführlich erklärt, ist aber an dieser Stelle nicht wichtig.
Es handelt sich wiederum ein um ein niveauvolles Lebenshilfe-Buch – auch diesmal mit dem Ziel, über die Einflussnahme auf unser Gehirn unsere geistige und psychische Gesundheit zu fördern. Er benutzt dazu das Bild von einem “mentalen Immunsystem”, das er mit den angebotenen Strategien stärken, also resilient machen will.

Seine Themenschwerpunkte sind diesmal: Der Umgang mit Unsicherheiten (“mal freiwillig die eingetretenen Pfade verlassen”), den Blick auf das Gute und die Chancen richten (“sich vor dem Tsunami an negativen Informationen abschotten”), Grübeleien und Hektik abschalten (“sich und seinem Gehirn Auszeiten schenken”). Auch um die Vorteile von Heiterkeit/Humor und Zuversicht (statt Ängstlichkeit) geht es in aller Ausführlichkeit.

Der Autor holt seine Leserschaft im Alltag ab, schafft es, gleichzeitig niederschwellig zu schreiben und trotzdem immer wieder Bezug zu wissenschaftlichen Untersuchungen bzw. Befunden einzustreuen. Dadurch bekommt das Buch einen seriösen Anstrich, der durch Informationen über die Funktionsweise unseres Denkapparates und gelegentliche Erfahrungsberichte aus dem psychiatrischen Berufsalltag noch unterstrichen wird.
Sein Stil ist aber insgesamt eher persönlich und Geschichten erzählend als journalistisch sachlich. Man könnte auch sagen: Dieser Autor hat einen gewissen Mitteilungsdrang und schmückt seine Themenbereiche sehr großzügig aus – was unweigerlich zu einer gewissen Redundanz führt. Wenn es auch löblich ist, am Ende eines Kapitels nochmal zusammenzufassen: Gelegentlich beschleicht einen der Eindruck, dass diese Kurzform vielleicht auch gereicht hätte…

“Kopf hoch” ist ein geeignetes Buch für Menschen, die Anregungen für alltagstaugliche und pragmatische Möglichkeiten suchen, etwas mehr Ruhe, Gelassenheit, Zuversicht, Mut und Heiterkeit in ihr Leben fließen zu lassen. Am besten bringen sie die Bereitschaft mit, sich vertrauensvoll von einem sympathischen und wohlmeinenden Experten an die Hand nehmen zu lassen. Dann kann man den – manchmal etwas ausschweifenden – Gedankengängen entspannt folgen und kann sicher sein, gut unterhalten und nicht überfordert zu werden – und trotzdem einiges zu lernen.
Es wird allerdings Menschen geben, denen das – trotz Faktenbezug – alles ein wenig zu seicht rüberkommt, denen der Optimismus (“wir sehen die Dinge viel zu negativ”) ein bisschen übertrieben erscheint und die manchmal hinter dem Wissenschaftler eher den leicht oberlehrerhaften Alleswisser durchschimmern sehen, der nicht zuletzt auch seine persönlichen Lebensweisheiten mit großem Vergnügen wortreich verbreitet.
Am besten entscheiden Sie selbst, welcher Lesertyp Sie eher sind…

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“Danke, nicht gut” von Franz HIMPSL und Judith WERNER

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buchprojekt erweckt von der ersten Seite ab einen persönlichen, privaten Eindruck. Hier denken zwei Gleichgesinnte über Wege nach, mit welchen Grundhaltungen man den Herausforderungen des menschlichen Daseins wohl am sinnvollsten begegnen könnte.
Angestoßen wurde dieses Vorhaben durch den offensichtlichen Widerspruch zwischen den realen Belastungen und existentiellen Zumutungen des Lebens (hier in Form einer Krebserkrankung) und den oft marktschreierischen Statements, mit denen der grenzenlose Glaube an die Machbarkeit von Erfolg, Glück und Selbstvervollkommnung propagiert wird.
Kurz gesagt: Das Autorenpaar glaubt nicht daran, dass mithilfe von Optimismus und Selbstsuggestion alles erreichbar ist, man sich also den unvermeidlichen tragischen Aspekten des Lebens durch das richtige Mindset entziehen kann.

Persönlich wirkt nicht nur der Zugang zum Thema, sondern auch die Form der Betrachtung. HIMPSEL und WERNER berühren zwar ein weites Spektrum von Inhalten aus den Bereichen Psychologie und Philosophie, handeln jedoch die vielfältigen Aspekte nicht im Stil einer systematischen Analyse ab, sondern durchstreifen die Landschaft der Einstellungen, Haltungen und Glaubenssätze im Rahmen einer langen, ruhig dahinfließenden Plauderstunde.
Dabei mixen sie Lebensweisheiten der angewandten Philosophie, wissenschaftliche Untersuchungsbefunde und persönliche Erfahrungen bzw. Erkenntnisse zu einem kohärenten roten Faden zusammen. Was dabei herauskommt, ist viel mehr als eine Abrechnung mit den Abstrusitäten der Positiven Psychologie: Letztlich entfalten die Autoren nichts weniger als eine Art ganzheitlichen “Lebensratgeber”.

Im Laufe des Parcours durch das Labyrinth der – letztlich toxischen – Haltungen und Erwartungen, die man dem Leben gegenüber entwickeln kann, lassen die beiden kaum einen Aspekt aus: Es geht um das Werben der Motivationstrainer (“anything goes”), um die Verantwortung für die eigenen Kognitionen (“du musst nur richtig denken”), um die Relativierung aller äußeren Geschehnisse (“wichtig ist nur, was du daraus machst”), um den unstillbaren Drang zur Perfektionierung und Selbstoptimierung (“man kann immer noch besser werden”), um die Manipulationstechniken des NLP, um die steigende Angst, etwas zu verpassen oder falsch zu entscheiden (“lebe das bestmögliche Leben”),
Dieser Welt des zwanghaften Optimismus und der permanenten Perfektionierung stellen die Autoren zunächst eine radikale Negation entgegen. Die Antithese heißt bei ihnen “Zynismus” (oder Skeptizismus). Ganz im Sinne der Dialektik führen sie aus, dass eine solche Lebenseinstellung (natürlich) auch nicht die Lösung sein kann.: Depressivität und Pessimismus haben ihren Preis.

Was dann zwangsläufig auf die Synthese, also die goldene Mitte hinausläuft: Die hat für die Autoren viel mit Realismus, Pragmatismus, Gelassenheit, Selbstbeschränkung, Rationalität, Wissenschaftlichkeit, Anerkennung von Begrenzungen und Endlichkeit, der Kunst der kleinen Schritte und alltäglichen Freuden zu tun.
Auf dem Weg dahin wird noch die ein oder andere Schleife durch die Philosophiegeschichte geflogen – Diogenes, Sokrates, Marc Aurel, Kierkegaard, Schopenhauer, Kant, Beauvoir, Hume, Nietzsche, Heidegger und viele andere lassen grüßen.
Im Schlusskapitel gewinnt dann doch eine – auf realistisches Maß reduzierte – optimistische Lebenssicht. Es gibt sie ja wirklich – die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Und im Zweifel sollte man sie in positiver Richtung nutzen – aber mit Maß, Gelassenheit und Vernunft.

Wer sich gerne mal treiben lässt, sich vertrauensvoll in die Hände kundiger Reiseführer begibt und auch vor überraschenden Wendungen nicht bange ist – der kann es mit dem Autoren-Duo mal versuchen. Man muss die Mischung mögen und darf sich auch von einem zwischenzeitlichen Plauderton nicht abschrecken lassen.
HIMPSEL und WERNER bieten ihre Quintessenz im Umgang mit den großen Fragen des Lebens an. Anregend ist das auf jeden Fall.

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12.08.2024 Wie tief kann man noch sinken?

Es ist kaum zu fassen: Eine einstmals respektable Freiheits-Partei ist sich nicht zu schade, als Lobbyverein für “mehr Autos in den Innenstädten” auf dem tiefsten denkbaren Niveau notzulanden.

Während weltweit zukunftsweisende Projekte für die Vermenschlichung des urbanen Lebens gefeiert werden (u.a. in der Olympiastadt Paris); spricht sich die Blockiererpartei FDP gegen Fußgängerzonen und Fahrradwege aus.

Während überall Stadtplaner, Klimawissenschaftler und Verkehrsexperten an kreativen Lösungen für die Vereinbarung von Mobilität und Nachhaltigkeit tüfteln, will Lindner das Parken in den Stadtkernen verbilligen bzw. kostenlos machen.

Das ist keine ernsthafte Politik mehr – das ist ein klimapolitischer Amoklauf, der unser Land immer weiter aus der Innovationsspitze auf die Resterampe führt. Die Welt sorgt sich um jährlich neue Hitzerekorde – und die FDP um die Zukunft von Motorsport und Formel 1.

Es wird Zeit, daß alle alle seriösen Liberalen aufstehen und diesen heruntergekommenen Verein verlassen. Es ist zu hoffen, dass diese Art von Pseudo-Politik selbst den eingefleischten Autofans zu peinlich ist.

07.08. 2024 Amerika und das Duo HARRIS/WALZ

Wenn man sich den heutigen ersten Auftritt des neuen Gespanns in voller Länge anschaut, kann man sich kaum der Aufbruchstimmung erwehren, die von der geballten Energie und der sympathischen Ausstrahlung der beiden ausgeht.
Wie könnte dagegen die toxische Aggressivität eines Donald TRUMP bestehen; das erscheint denkenden und fühlenden Menschen kaum vorstellbar.

Aber der Auftakt war auch ein Lehrstück darüber, wie Amerika so tickt:
Da wabert nicht nur ein Ausmaß an Patriotismus und Selbstüberzeugung durch die Halle, der mitteleuropäischen Bürgern die Schamröte ins Gesicht treiben würde. Es wird natürlich der ewige amerikanische Traum beschworen, in dem man bekanntlich alles erreichen kann, wenn man nur will. Wo sonst auf der Welt könnten schließlich zwei “normale” Mittelschicht-Abkömmlinge auf dem Weg zu den höchsten Staatsämtern sein?!

Doch es kommt noch eine Steigerung: Man traut kaum seinen Ohren in Bezug auf all das, worüber kein Wort verloren wird: Kein Statement zur Außenpolitik, nichts zur gesamten außeramerikanischen Welt! Kein Wort zum Thema Klima oder Nachhaltigkeit! Keins!

Trotzdem kann man nur eines tun: ganz feste die Daumen drücken, dass nicht nur TRUMP verhindert wird, sondern auch seine rechtslastigen und demokratiefeindlichen Konsorten im Kongress durch eine Welle der positiven Energie eine fulminante politische Niederlage erleiden.