“Wissenschaft und Willensfreiheit” von Stephan SCHLEIM

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Neurophilosoph und Kognitionswissenschaftler SCHLEIM setzt sich in dieser 2023 erschienenen Publikation mit einem wahrlich anspruchsvollen Dauerbrenner der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte auseinander.
Mit der Frage nach dem “Freien Willen” lädt man sich eine ganze Reihe von Grundsatzthemen auf: Determinismus, Dualismus, Reduktionismus, Naturalismus, Bewusstsein, Unbewusstes, Verantwortung, Schuld, Strafrecht, …
Wie soll man das alles bewältigen?

Der Autor lässt sich nicht bange machen und geht die Sache mit vielversprechender Systematik an. Sein didaktisches Konzept zielt auf eine populärwissenschaftlich interessierte Zielgruppe, die einen lebendig verfassten Text, aber auch einen gewissen argumentativen Tiefgang zu schätzen weiß.

SCHLEIM startet in den ersten (theoretischen) Teil mit grundsätzlichen Vorüberlegungen zum Spannungsfeld zwischen zwei Menschenbildern: Sind wir (eher) Natur- oder Kulturwesen? Seine Betrachtung beginnen bei Sokrates Entscheidung für den Giftbecher und führen sehr schnell zu der Schlussfolgerung, dass zur Erklärung ein rein physikalisch-deterministischer Blick auf die Welt wohl nicht ausreichen würde.
SCHLEIMs umfassende Systematik lässt weder die Begriffsanalyse, noch die philosophische Geschichte der Willensfreiheits-Idee aus, wobei die unterschiedlichen Kombinationen zwischen Determinismus und Willensfreiheit zur Sprache kommen.
Später erfolgt eine differenzierte Betrachtung des Verhältnisses von Kausalität, Determiniertheit und Vorhersagbarkeit.
Immer wieder lässt der Autor (dezent) durchblicken, dass er von einer “kausalen Geschlossenheit” der Welt und einem grundsätzlichen Zweifel an dem Freiheitskonzept nicht viel hält.

Der auf dem Cover des Buches abgebildete berühmte Physiker Max PLANCK spielt für den Autor eine besondere Rolle, da er sich mit den Kern-Ambivalenzen der Thematik ausführlich befasst hat – und er als leidenschaftlicher Naturwissenschaftler einer rein spekulativen Haltung unverdächtig ist. PLANCK spricht sich zwar für eine kausale Determiniertheit von Willensentscheidungen aus – die aber nur in der Außenbetrachtung bzw. im Rückblick funktioniere (zusätzlich führt er noch einen ethischen Faktor ein, den der Mensch als Orientierungshilfe brauche).

SCHLEIM setzt sich auch mit verschiedenen Positionen moderner Wissenschaftler/innen auseinander und argumentiert insbesondere gegen die radikal-deterministische Sichtweise der bekannten Physikerin HOSSENFELDER. Der Autor führt dabei wiederholt ins Feld, dass sich in der realen und konkreten Welt die Absolutheit der Naturgesetzlichkeiten kaum finden ließen.

Einen weiteren Schwerpunkt des Buches bildet die Auseinandersetzung mit biologischen und neurowissenschaftlichen Forschungen bzw. Konzepten. Ausgehend von den berühmten Experimenten von Benjamin LIBET (die von einigen als Nachweis der unbewussten Determiniertheit angesehen wurden) stellt der Autor ausführlich sein Kritik an den einseitigen und “überzogenen” Schlussfolgerungen dar und positioniert sich eindeutig gegen den Anspruch der Gehirnforscher, sowohl Willensakte, als auch alle anderen Bewusstseinsinhalte letztendlich biologisch erklärbar machen zu können.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die “Praktische Freiheit”, also um die Manifestationen der Freiheitsfrage im gesellschaftlichen Zusammenleben. Hier spielen dann “Verantwortung”, “Schuld” und “Strafe” die Hauptrolle.
Noch stärker als im ersten Teil bezieht der Autor hier eigene Positionen und verteidigt traditionelle Sichtweisen und Regelungen gegen Anfechtungen von Wissenschaftlern, die auf die Bedeutung von neurologischen oder psychologischen Prägungen und Freiheitseinschränkungen hinweisen. Indem er feststellt, dass Kriterien für Verantwortung und Schuld “normativ” (und nicht biologisch) begründet sein müssten, geht es letztlich nicht mehr um eine wissenschaftliche Diskussion.
Die Frage, in welchem Umfang die Kontrolle über das eigene Verhalten besteht, wird so zuletzt gar nicht mehr ernsthaft diskutiert.

In den weiteren Kapiteln verabschiedet sich SCHLEIM weiter von einer eher neutralen Betrachtung des Gegenstandes und konzentriert sich auf die subjektiven und biografischen Hintergründe für “neurologische Fehlschlüsse”. Er zeichnet ein Bild, in dem sich naturwissenschaftlich-deterministische Sichtweisen letztlich in persönliche oder statusbezogene Fehlinterpretationen auflösen.
Das Schlusskapitel befasst sich dann mit der Beeinflussung durch Werbung und Umgebungsmanagement und den Möglichkeiten, durch Information, Bewusstwerdung und Achtsamkeit bestimmten Manipulationen eine gesteigerte Autonomie entgegenzusetzen.

Erstaunlich – und angesichts der Breite des Themenansatzes auch kritikwürdig – ist die weitgehende Ignoranz des Autors gegenüber einem Faktor, den man “psychologische Determiniertheit” nennen könnte. An keiner Stelle wird angemessen abgewogen, in welchem Umfang frühe biologische bzw. psychologische Entwicklungseinflüsse die Grundlagen der Persönlichkeit in einem solchen Maße festlegen, dass schon aus dieser Perspektive eine Entscheidungsfreiheit angezweifelt werden könnte.
Sich hier allein auf die traditionelle anerkannten psychischen Erkrankungen zurückzuziehen, wird der Bedeutung von z.B. frühen Traumatisierungen oder Störungen in Erregungs- und Impulssteuerungssystemen nicht gerecht.

Etwas pointiert könnte man zusammenfassend sagen: Ein vielversprechendes – weil breit angelegtes, kenntnisreiches und gut verständliches – Buchprojekt hat sich immer stärker in Richtung eines Generalangriffs auf eine vermeintlich übergriffige und angeblich in weiten Teilen unseriöse Neurowissenschaft entwickelt. Das ist in dieser Einseitigkeit bedauerlich – angesichts der Tatsache, dass der Autor ganz zweifellos über profunde Sachkenntnis in diesem Themenbereich verfügt.
Als ein meinungsstarker Beitrag zu einer kontroversen Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen der Aussagemöglichkeiten der Wissenschaft zur Willensfreiheit kann das Buch aber sicherlich bestehen – wenn es auch am Ende ein wenig thematisch ausfranst.

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“Beziehungsgrenzen neu denken” von Sandra PULS & Frank WECKER

keine Bewertung

(Vorbemerkung: Da ich Co-Autor dieses Buches bin, ist eine neutrale Rezension nicht möglich. Um das Buch hier listen zu können, füge ich zur ersten Information den “Klappentext” ein).

Wie fertig ist meine Meinung zum Thema Nebenbeziehung?
Welche Kräfte halten meine Partnerschaft zusammen?
Wie ist es um die Faktoren bestellt, die meine Beziehungsgrenzen lockern könnten?
In wie weit darf ich andere Menschen in mein Leben lassen, ohne meinen Partner zu verletzen? Wie weit darf ich Sehnsüchten nachgehen?
Gibt es auch harmlose Nebenbeziehungen? Oder schafft jede Form von Parallelbeziehungen automatisch immer Chaos und Leid?
Wie fühlen sich die unterschiedlichen Positionen in einem Beziehungs-Dreieck an?
Bin auch ich innerlich bereit für eine Nebenbeziehung?
Wie sieht mein persönlicher moralischer Anspruch an Beziehungen aus?

Wir wollen in diesem Buch zwei Ziele miteinander verbinden: sich einem sensiblen Thema strukturiert und ohne Tabus nähern und Ihnen dabei die Gelegenheit geben, sich selbst unmittelbar einzubringen.

Durch kurze Tests ist jeder Schritt mit einer Selbsterkenntnis verbunden – so dass sich rasch das Gefühl einstellt, ein ganz persönliches Buch zu lesen. Wer sich darauf einlässt, erhält eine Idee zu der Dynamik zwischen persönlicher Beziehungsbindung und potentiellen Reizen von außen. Wir schenken Ihnen auch eine grobe Einschätzung, wie es um Ihre eigene Bereitschaft bestellt ist, die Beziehungsgrenzen zu lockern.

Hier wird weder die Moralkeule geschwungen, noch das „Fremdgehen“ zu einem unbedenklichen Zeitvertreib verniedlicht. Einfühlsam werden die emotionalen Konflikte aller Beteiligten betrachtet – mit einer respektvollen Grundhaltung gegenüber allen intensiven emotionalen Bindungen.

In einem engagierten Abschluss-Dialog ringen wir um die Frage, wie sich der Konflikt zwischen dem Streben nach dem individuellen Glück und Verantwortung gegenüber einem Beziehungspartner vereinbaren lassen könnten.

(Ausführliche Informationen unter https.//beziehungsreich-online.de)

“Beziehungsglück tanken” von Sandra PULS & Frank Wecker

keine Bewertung

(Vorbemerkung: Da ich Co-Autor dieses Buches bin, ist eine neutrale Rezension nicht möglich. Um das Buch hier listen zu können, füge ich zur ersten Information den “Klappentext” ein).

Was kann meine Beziehung besonders gut?
Aus welchen Quellen stammen am ehesten Gefühle von Zufriedenheit und Glück?
In welchem Stadium befindet sich meine Beziehung?
Passen unsere Ideen von Partnerschaft überhaupt zusammen?
An welchen Stellen nehmen die Unterschiede zwischen mir und meinem Partner Einfluss auf unser Beziehungsglück?
Wie beeinflusse ich selbst die Muster und Mechanismen, die meiner Beziehung guttun oder schaden können?
Was kann ich konkret tun, wenn ich eine Schwäche in einem bestimmten Bereich ausgleichen will?

Wir arbeiten in diesem Buch mit dem Wissen, das Sie über Ihre Beziehung mitbringen. Für jedes behandelte Thema werden Fragebogen und Auswertungstools zur (Selbst-)Analyse angeboten. So gewinnen Sie nicht nur ein individuelles Profil Ihrer Beziehung, sondern werden selbst zum Experten und Berater für Ihre Partnerschaft.

Die Besonderheit dieses Ansatzes liegt darin, dass alle betrachteten Elemente in einem anschaulichen Modell aufeinander bezogen werden: Sie lernen schrittweise, Ihren Beziehungstank zu steuern – also dafür zu sorgen, dass das kostbare Paar-Substrat immer wieder aufgefüllt wird und nicht verloren geht.

Auf neugierige und interessierte Beziehungs-Menschen warten eine Menge individuell zugeschnittene Erkenntnisse und Anregungen – ganz unabhängig davon, wo Ihre Partnerschaft gerade steht. Sollten Sie dieses Buch als Paar durcharbeiten, haben Sie sogar die Chance auf einen zusätzlichen Gewinn.

(Ausführliche Informationen unter https://beziehungsreich-online.de)

“Identität in Beziehung leben” von Sandra PULS und Frank WECKER

keine Bewertung

(Vorbemerkung: Da ich Co-Autor dieses Buches bin, ist eine neutrale Rezension nicht möglich. Um das Buch hier listen zu können, füge ich zur ersten Information den “Klappentext” ein).

Was macht mich als Person wirklich aus?
Bringe ich meine gesamte Identität in meine Beziehung ein? Warum vielleicht nicht?
Wie reagiert mein Partner auf verschiedene Anteile meiner Identität?
Fühle ich mich in meinem Sein eher bereichert oder eingeschränkt?
Wie wird meine Identität auch durch die Beziehung geprägt – vielleicht sogar stärker, als mir lieb ist?
Was kann ich tun, um mehr positive Resonanz und Entfaltungsmöglichkeiten zu bekommen? Wo liegen die Grenzen?

Für immer mehr Menschen ist es bedeutsam, sich selbst und die individuelle Identität auch in Liebesbeziehungen zu erhalten und zu entfalten. Viele befürchten, dass sie mit dem Eingehen einer intensiven Beziehung einen Teil von sich verlieren könnten.
Andere wünschen sich nichts sehnlicher, als in der eigenen Beziehung mehr Interesse und Bestätigung für möglichst viele Anteile der eigenen Person zu erhalten.

Indem wir systematisch zu einer aktiven Selbsterkundung und Selbstreflexion anleiten, verbinden wir beide Perspektiven. Sie werden von Beginn an aktiv einbezogen: Der Einsatz von Fragebogen, Übungen und kleine Tests führt dazu, dass Sie sich ganz schnell in Ihrem persönlichen Buch wiederfinden, in dem Sie Ihre individuelle Identität und Ihre eigene Beziehung betrachten. Spezifische Partner-Übungen können diesen Einblick noch erweitern.

(Ausführliche Informationen unter https.//beziehungsreich-online.de)

“Die Achse der Autokraten” von Anne APPLEBAUM

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieses preisgekrönte politische Sachbuch ist eine Fundgrube für Menschen, die es ein bisschen genauer wissen wollen.

Die bekannte US-Historikerin und Journalistin (mit polnischen Wurzeln) hat sich in diesem Werk der “autokratischen Internationalen” gewidmet. In einer – von nachprüfbaren Fakten getragenen – Übersicht analysiert und dokumentarisiert sie ein riesiges Netzwerk von finanziellen, wirtschaftlichen, militärischen, politischen und propagandistischen Kooperationen zwischen Demokratie-Feinden überall auf unserem Globus.

APPLEBAUM macht dabei wiederholt deutlich, dass sie nicht von einem “Verschwörungs-Szenario” einer festgefügten Front ausgeht – auch wenn das das Bild von der “Achse” vielleicht nahelegen könnte. Sie differenziert sehr sorgfältig zwischen den unterschiedlichen Motiv- und Interessenslagen von Ländern wie Venezuela, Simbabwe, Kuba, Russland, China, Nordkorea, Saudi-Arabien, Iran, den Golfstaaten, usw.
Die Autorin sieht die Gemeinsamkeit dieser und anderer Autokratien weniger darin, wofür sie eintreten, sondern wogegen sie sich unterstützen und verbünden: Gegner sind die freiheitlichen Demokratien und ihre – für die eigene Macht – bedrohlichen Prinzipien und Rechte wie Meinungs- und Pressefreiheit, unabhängige Justizsysteme und die echte Chance für demokratischen Wechsel.

Die Autorin malt keineswegs das Ideal-Bild eines moralisch überlegenen “freien Westens”; vielmehr deckt sie jede Menge Kumpanei mit den Demokratiefeinden auf. An zahlreichen Beispielen macht sie deutlich, dass die systematische Ausplünderung des eigenen Landes und der eigenen Bevölkerung ohne die willfährige Unterstützung westlicher Finanz-und Wirtschaftsstrukturen gar nicht möglich wäre.
Ein Merkmal der Autokratien wird einem beim Lesen dieses Buches nämlich von Seite zu Seite immer bewusster: Es handelt sich durchweg um Kleptokratien, deren ideologische Ausrichtung oft nur die ablenkende Rahmenerzählung für die Selbstbereicherung der herrschenden Eliten darstellt.

APPLEBAUM unterstreicht, dass sich die Demokratiefeinde sich hinsichtlich des Einsatzes offener Gewalt sicher unterscheiden; auch gibt es verschiedene Ansätze, Reste eines demokratischen Alibi-Mäntelchens zu bewahren. In einem sind sich die Autokraten-Systeme aber einig: Es geht um die Beherrschung der Kommunikationskanäle im eigenen Land und um eine möglichst wirksame Einflussnahme auf die internationale Öffentlichkeit.
Auch hier liegen seit Jahren entsprechende Nachweise vor – was aber bisher nicht dazu geführt hat, die systematische Propaganda zu neutralisieren. Stattdessen entstehen in den demokratischen Ländern sogar neue Allianzen – auch hier auf der Grundlage eines gemeinsamen Feindbildes (einer liberal-fortschrittlichen, gerechten, global-orientierten und nachhaltigen Gesellschaft).

Auch gegenüber diesem Buch und seiner Autorin gibt es bereits politische Kampagnen, die ganz offensichtlich zum Ziel haben, durch Verunglimpfung der Person von den – unbestreitbaren – Inhalten abzulenken. So wird es sicherlich gelingen, Menschen vom Lesen dieses Buches dadurch abzuhalten, dass man auf die “einseitige” (z.B. “Russland-feindliche” oder “Amerika-freundliche”) Haltung der Autorin verweist.
Irgendwann stellt sich dann die Frage, ob man über bestimmte Fakten überhaupt noch diskutieren will, wenn doch die Einordnung des Verkünders schon alles in Frage stellen kann.
Genau dann wären die Manipulationsversuche der autokratischen Machthaber schon erfolgreich: Sie könnten ungestört schalten und walten – denn es reicht ja, die Kritiker einfach in die passende Ecke zu stellen – egal wie gut ihre Recherchen und Beweise sind.
Dass auch ein Trump so agiert, wird von der vermeintlich USA-freundlichen Autorin keineswegs verschwiegen.

Wer seine Meinung noch an gut aufbereiteten Tatsachen ausrichten möchte, ist mit diesem Buch jedenfalls bestens bedient. Und das ist sicherlich nicht davon abhängig, ob man jeder einzelnen Äußerung der Autorin in vollem Umfang zustimmt.

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“Biotopia” von Sascha REH

Bewertung: 3 von 5.

Der Historiker, Philosoph und Germanist REH hat ein Zukunftsszenario verfasst, in der sich in einer digitalen Dystopie Familienbande unlösbar mit einem inhumanen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem verstricken.

Es beginnt in scheinbar noch teilweise geordneten Verhältnissen: Zwar hat sich in Berlin-Tempelhof ein US-Konzern einen abgeschotteten Lebensmittel-Konzern nach eigenen Gesetzen geschaffen – aber es gibt ja noch einen Senat mit (theoretischen) Befugnissen und Kontrollfunktionen.
Die Protagonistin Malu bekommt am Ende einer mittleren Bürokraten-Karriere den Auftrag, offensichtliche Unregelmäßigkeiten in der der fremden Welt zu untersuchen. Schnell wird klar, dass sie damit angesichts der wahren Machtverhältnisse und dem Konflikt zwischen gleich mehreren internationalen Playern nur scheitern kann.

Entscheidend verkompliziert wird die Angelegenheit durch die mehr als schwierige Familiensituation von Malu: Der Sohn Konrad wird eines sexuellen Übergriffes bezichtigt, die seit Jahren “verlorene” Tochter Golda mischt ganz offensichtlich in dem ominösen Biotopia-System an führender Stelle mit.

Als wenn das nicht alles schon spektakulär genug wäre, ist die gesamte Gesellschaft unter der Kontrolle des allwissenden und allmächtigen Supercomputers “Watson”. Das nicht weniger durchsetzungsfähige Gegenstück bei Biotopia wird “Mutter” genannt.

Was dann seinen Lauf nimmt, ist eine Mischung von Familiendrama, industriellem Gangstertum, Orwellschem Überwachungsstaat und alternativ-kämpferischer Rebellenromantik. Malu, ihre Ex-Partner und ihre Kinder sind irgendwie immer beteiligt.
Die Form und Intensität der Auseinandersetzung mit den technisch hochgerüsteten und menschenverachtenden Feinden nimmt immer skurrilere Züge an, denen eine nachvollziehbare Logik kaum mehr abzugewinnen ist.
Irgendwie löst sich alles auf…

Natürlich spricht nichts dagegen, mithilfe von dystopischen Zukunftsszenarien auf drohende Gefahren einer nachdemokratischen KI-Diktatur hinzuweisen. Es ist auch durchaus anregend, am Beispiel der hochtechnisierten “Vertikalen Stadtfarm” den möglichen Missbrauch von und Verrat an ursprünglich von Idealismus getragenen neuen Wirtschaftsmodellen durchzuspielen.
Fraglich ist allerdings, ob dies alles in diesem irritierenden Ausmaß von privaten Konflikten und kommerziellen Machtspielen durchdrungen und überlagert werden muss. Es wirkt alles ziemlich überfrachtet; es ist von allem einfach zu viel.
Vermutlich ist das vom Autor so gewollt und als Stilmittel ein Teil seiner Botschaft. Doch wenn er eine Mission hatte, so hat diese ziemlich sicher auch unter dem überbordenden Plot gelitten.

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“Solarstation” von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 4 von 5.

Der Vielschreiber ESCHBACH hat sich 2013 in den erdnahen Weltraum begeben und für seinen spannungsreichen Plot eine international besetzte Raumstation in 400 km Höhe gewählt. Der wissenschaftliche Hintergrund betrifft diesmal die Energieversorgung der Erde: Riesige Solar-Folien sammeln nämlich das Sonnenlicht ein und ermöglichen mithilfe eines Mikrowellen-Strahls die Übertragung auf entsprechende Empfangsanlagen.

Nach einer ersten menschlichen (sozialen) und technischen Orientierung ist die Leserschaft vorbereitet, sich der eigentlichen Handlung zuzuwenden: Es findet tatsächlich – erstmals in der Weltraumgeschichte – ein bewaffneter Überfall auf eine Orbital-Station statt.
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.
Die Handlung wird aus der Perspektive eines Protagonisten erzählt, der zunächst nur eine Art Nebenrolle in dem Wissenschaftler-Team zu spielen scheint. Diese Wertigkeit wird sich allerdings bald sehr radikal verändern…

Man muss es dem Autor lassen: Diese Story ist wirklich echt spannend! ESCHBACH holt aus der Konstellation mit einer nahezu grenzenlosen Akribie und Fantasie so ziemlich alles heraus, was sich Thriller-Fans so wünschen könnten. ESCHBACH hat ganz offensichtlich viel Zeit und Recherche darauf verwandt, dem Schauplatz und deren Bedingungen – insbesondere natürlich die Schwerelosigkeit – gerecht zu werden. Damit ergeben sich einzigartige Konstellationen und Optionen, die der Autor weidlich ausnutzt.

Auch ein echter Show-Down wird geboten: Hier zieht ESCHBACH wirklich alle Register – so als wollte er zeigen, was er alles drauf hat. Weniger Thriller-affine Leser/innen könnten hier an ihre Toleranzgrenzen stoßen – aber man kann ja mal Fünfe gerade sein lassen, wenn es für einen guten Zweck ist…

In diesem Roman hat der Autor der Spannung die Priorität über inhaltliche Botschaften bzw. Informationen zugestanden. Wenn man das Ziel akzeptiert, wird man bestens bedient.

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“Earth For All” von The Club of Rome & Wuppertal Institut

Bewertung: 3.5 von 5.

Das Autorenteam macht sich hochqualifiziert und hochengagiert an die Aufgabe, die großen internationalen Nachhaltigkeitsziele möglichst konkret auf die deutschen Rahmenbedingungen anzuwenden. In die Entwicklung der beiden exemplarischen Szenarien (“weiter so” bzw. “mutige Veränderungen”) fließen haufenweise Daten und fundierte Prognosemodelle ein.
Die – differenziert dargestellten – Ergebnisse werden eine vorinformierte Leserschaft kaum überraschen: Es macht (immer noch) einen großen Unterschied, ob wir konsequent handeln oder nicht – aber die Zeit läuft ab.

Ein besonderes Augenmerk legen die Autoren/Autorinnen auf die Verbindung von ökologischen und sozialen Veränderungsprozessen: Ohne eine Einbettung in die Gerechtigkeits- und Verteilungsfragen lassen sich die notwendigen Transformationsschritte weder rechtfertigen noch faktisch umsetzen.

Der Stil der Darstellung ist darauf ausgelegt, nicht nur Fakten und Hintergründe zu vermitteln, sondern soll auch überzeugen und motivieren. Es entsteht insgesamt eine Atmosphäre der Eindringlichkeit und des Handlungsdrucks.
Das ist inhaltlich gut nachzuvollziehen, kann aber auf längst überzeugte Leser/innen ein wenig ermüdend und zu pädagogisch wirken.

Auch angesichts seiner Qualitäten – Aktualität, Faktensicherheit und Breite der Perspektiven – muss sich diese Publikation letztlich an dem Bedarf des Zielpublikums messen lassen. Wer bereits gut mit der Thematik vertraut ist, sollte hier keine grundlegenden bzw. weitreichenden Erkenntnisgewinne erwarten.


“Über Freiheit” von Timothy SNYDER

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch ist zugleich klug, faszinierend, anstrengend und auch ein bisschen nervig.

SNYDER ist ein populärer amerikanischer Historiker, der sich schwerpunktmäßig auch mit der osteuropäischen Geschichte und autokratischen Systemen beschäftigt hat; er ist auch als politischer Intellektueller Teil des gesellschaftlichen Diskurses.
“Freiheit” ist ganz offensichtlich das Lebensthema des Autors: Sein Buch ist voller autobiografischer Bezüge, greift philosophische und literarische Grundlagentexte auf, entwirft eine eigene Theorie der Freiheit und stellt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Verteidigung und Ausweitung der Freiheits-Optionen in Gegenwart und Zukunft dar.

Freiheit stellt für den Autor den obersten Wert dar, so eine Art Lebenselixier und Voraussetzung für alle anderen Werte und Tugenden. Für ihn ist ganz entscheidend, dass es nicht in erster Linie um “negative” Freiheit geht (also die Abwesenheit von Zwang), sondern um die aktiven Gestaltungsmöglichkeiten in einer konkreten gesellschaftlichen Situation.
Der Hauptteil seines Buches besteht in der Ausarbeitung von 5 grundlegenden Faktoren, durch die Freiheit – seiner Überzeugung nach – bestimmt und ermöglicht wird:
Souveränität (Kontrolle über den Körper und die eigenen Entscheidungen)
Unvorhersehbarkeit (Raum für kreative und autonome Lebensgestaltung)
Mobilität (im geographischen und sozialen Sinn)
Faktizität (die Möglichkeit, sich an Fakten und Wahrheiten zu orientieren)
Solidarität (erste der soziale Zusammenhalt ermöglicht und sichert persönliche Freiheit)

SNYDER ist ein sprachgewaltiger Autor, dem es zweifellos Freude macht mit starken Begrifflichkeiten ausgiebig zu arbeiten und zu spielen. Er schöpft die sprachlichen Möglichkeiten seiner Argumentationslinien bis an die Grenzen aus, schreckt dabei auch vor einer gewissen Redundanz und gelegentlichen Überfrachtungen nicht zurück.
Die Form seiner Darstellung hat etwas Apodiktisches: SNYDER ist sich seiner Sache ganz offenbar immer ganz sicher – fragende oder vermutende Gedanken sind seine Sache nicht. Eine Tendenz zur Selbstbezogenheit bzw. Selbstverliebtheit kann man dem Text nicht ganz absprechen…

Der Autor bleibt keineswegs auf der abstrakten Ebene stecken: Es geht ihm immer wieder auch um konkrete Ausgestaltungen der gesellschaftlichen Realität – vom lokalen Journalismus, über ökologische Verantwortung bis in die Bildungspolitik. Konkret fordert er seine Leserschaft zur aktiven Mitarbeit am demokratischen Gemeinwesen auf.

Nebenbei erfährt man von SNYDER übrigens auch eine Menge über zeitgeschichtliche Prozesse und Ereignisse; Explizit nimmt der Osteuropa-Experte Bezug auf die jüngere Geschichte der Ukraine, auf Putins Russland und auf die erste Trump-Präsidentschaft. Man bekommt einen nachhaltigen Eindruck davon, was dieser Freiheits-Fan wohl zu dem anstehenden Trump-Revival denken und sagen würde…

Dieser Text enthält eine Vielzahl von intelligent und kreativ formulierten Gedanken und Erkenntnissen, denen man sich als aufgeklärter, weltoffener und menschenfreundlicher Zeitgenosse kaum entziehen kann bzw. möchte. Oft denkt man, dass SNYDER einem “aus der Seele” spricht.
Und trotzdem könnte man es an bestimmten Punkten als einen “Tuck zu viel” empfinden – zu viel Wiederholungen, zu viel Eigenbezug, zu viel Emphase, zu viel Selbstüberzeugung.
Der Text könnte sicher davon profitieren, um ca. 20% gekürzt zu werden.

“Über Freiheit” bleibt ein lohnendes Leseerlebnis. man sollte sich allerdings auf den etwas ausladenden Stil des Autors einstellen.

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“Hoffnung” von Philipp BLOM

Bewertung: 4 von 5.

Hoffnung und Klugheit zu verbinden – das ist schonmal eine Ansage!
Ohne Zweifel generiert der – als Journalist und vor allem als Historiker – bekannte Autor in diesem Essay eine Menge kluger Gedanken, die weit über das Begriffsfeld “Hoffnung” hinausreichen.

BLOM steht für eine sanfte Form des Intellektualismus: Er verbindet auf eine unaufgeregte und einladende Art persönliche Erfahrungen mit philosophischen, zeitgeschichtlichen, gesellschaftlichen, psychologischen und kulturgeschichtlichen Betrachtungen.
Als Stilmittel hat der Autor eine briefliche Stellungnahme auf die Frage eines jungen Zuhörers gewählt, der nach einer Veranstaltung die Kernfrage des Buches formuliert hat: Kann man in diesen Zeiten noch realistischer Weise Hoffnung empfinden – ohne sich in naiven Illusionen zu verstricken?

BLOM umkreist die Thematik, macht unermüdlich verschiedene Perspektiven auf, startet mal bei den griechischen Göttern, mal bei den Chancen einer glücklichen Beziehung, mal bei der Klimakatastrophe und mal bei der digitalen Verflachung der Kultur.
Von seiner Haltung ist BLOM modern und konservativ zugleich: Er hält nichts von der Rückwärtsgewandtheit zu alten Zeiten oder zu religiösen Prophezeiungen (das wäre für ihn intellektuell unredlich), er sieht aber unseren Naturbezug als wesentlich bedeutsamer und heilsamer an als die Schwärmereien der KI-Visonäre.

Hoffnung ist für BLOM kein oberflächliches Gefühl, für das man sich mal so eben entscheiden könnte. Er leitet die Chance zur Hoffnung auch nicht aus irgendwelchen Trends oder Zukunftsversprechungen ab. Ganz im Gegenteil: Auf der faktischen Ebene gibt es wenig Positives zu vermelden.
Der Autor gräbt tiefer: Für ihn sind hoffnungsvolle Haltungen zur Welt eng verbunden mit dem unauflösbaren Bedürfnis nach Sinngebung für das eigene Leben und mit der Einbettung des individuellen Schicksals in eine längerfristigen Perspektive. Er hält es für eine Fehlentwicklung, dass wir eine Art Anspruchshaltung auf persönliches Lebensglück entwickelt haben – insbesondere in unseren westlich-liberalen Gesellschaften. Für BLOM ergibt sich Sinn und Hoffnung durch das alltäglich Tun, durch Anstrengungen und den Einsatz für größere Ziele. Er verschmäht die Abkürzung zum schnellen Erfolg, sieht das typisch Menschliche in dem körperlichen Austausch mit der materiellen Umwelt (statt mit ihrer digitalen Simulation).

Sinn und Hoffnung wird – da ist der Autor ganz im Trend – durch haltgebende und verbindende Narrative repräsentiert und vermittelt. Ohne gemeinsame Geschichten, die uns mit unserer Vergangenheit und unseren Mitbürgern verbinden, lässt sich weder individuelles Leben, noch funktionierende Gemeinschaft gestalten.
BLOM sieht die Lücke, die durch die verlorengegangenen religiösen Narrative entstanden ist – mit seinem Buch macht er ein paar Vorschläge, wie diese Lücke möglicherweise zu füllen wäre.
Ob man auch ohne jede Form von “Ersatzglauben” – in voller Akzeptanz der Absurdität, Zufälligkeit und Sinnlosigkeit des Daseins – ein psychisch gesundes und erfülltes Leben führen könnte, wäre vielleicht eine Diskussion wert gewesen. BLOM ist da recht eindeutig: Für ihn ist die Suche nach Sinn eine Art Naturkonstante.

BLOM hat keine fertigen, erst recht keine endgültigen Antworten auf die Frage nach der Hoffnung; er hat aber ein kluges, nachdenkliches und – und darauf kam es ihm vermutlich an – ermutigendes Plädoyer gegen das “Aufgeben” verfasst: ohne Hoffnung wäre für ihn das Leben wohl nicht lebenswert. Über Sinn und Hoffnung in einer KI-bestimmten digitalen bzw. virtuellen Welt muss sich wohl jemand anderes Gedanken machen…

Der andere Weg zum Buch:

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