“Alles KI?” von Christoph SANTNER

Bewertung: 4.5 von 5.

Wurde nicht schon alles gesagt bzw. geschrieben – zum Trendthema KI? Ist nicht schon – ähnlich wie bei Klima- und Nachhaltigkeitsbüchern – inzwischen der Punkt erreicht, wo sich journalistische Darstellungen nur noch in Nuancen unterscheiden?
Hat der Journalist und “AI-Strategist” also ein weitgehend überflüssiges Buch geschrieben?
Meine Antwort: Nein, keineswegs!

Der Autor bedient mit seinem niederschwelligen Text durchaus eine Nische, die sich noch nicht sehr besetzt anfühlt. Er ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine offene und optimistischen Grundhaltung gegenüber der KI-Revolution, verbindet dabei die Faszination über die technologischen Optionen mit einem klar definierten humanistischen und sozialen Gesellschaftsbild. SANTNER huldigt nicht den Unsterblichkeitsfantasien der superreichen Tech-Milliardäre im Silicon-Valley; ihm ist offensichtlich ganz persönlich daran gelegen, dass die KI – zumindest mittelfristig – zu einer höheren Lebensqualität des normalen Alltagsmenschen beiträgt. Und er ist erstaunlich sicher, dass dies auch gelingen kann und (wahrscheinlich) auch gelingen wird.

Der Autor ist in diesem Buch immer wieder sichtbar. SANTNER macht sich und seine Rolle in der Szene der KI-Enthusiasten explizit zum Thema, schildert seine Erfahrungen auf diversen Konferenzen und Gremien, nennt seine internationalen Kontakte und Gesprächspartner. Einige dieser Interviews sind (auszugsweise) abgedruckt; der Rest findet sich auf der das Buch begleitenden Website.
SANTNERs Mission ist sowohl in, als auch zwischen den Zeilen permanent spürbar: Wir sollten die Chance, die uns diese Technologie bietet, nicht verstreichen lassen – aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen der unzähligen Möglichkeiten beim Lösen unserer großen Probleme, für die Befreiung von Routine-Arbeiten, zur Beschleunigung von Forschung und Wissenschaft, für eine bessere Medizin, als Assistenten bei verschiedensten Aufgabenstellungen, als Unterstützung bei kreativen Prozessen, als Werkzeug zur Effizienzsteigerung und Ressourcenschonung, für Spiel und Spaß, usw.

SANTNER will nicht nur informieren, er will auch motivieren, aktivieren und Ängste abbauen. Dazu bietet seine Website auch gleich eine “eigene” KI zum Ausprobieren, außerdem jede Menge praktischer Anwendungs-Tipps. Der Autor gibt einen gut gegliederten Überblick über Tools aus verschiedenen Sparten; so wird dem KI-Neuling schnell klar, dass der Medien-Star “ChatGPT” nur einen kleinen Teil der KI-Welt repräsentiert.

Insgesamt strahlt dieses Buch etwas Lockeres und Leichtes aus: “Ja, es gibt Gefahren, man muss aufpassen – aber lasst euch nicht durch die Bedenkenträger die Chancen und das Vergnügen nehmen, an einer besseren Welt mitzuarbeiten.” Die wird es nämlich – so ist SANTNER überzeugt – ohne KI ganz bestimmt nicht geben.
Am liebsten würde der Autor sich gleich mit allen Gleichgesinnten Lesern/Leserinnen zusammenschließen an an gemeinsamen Weltverbesserungs-Projekten arbeiten; an entsprechenden Initiativen ist er schon beteiligt.

Es gibt sicherlich tiefgründigere Betrachtungen und kritischere Abwägungen zum Thema KI. Dieses Buch richtet sich nicht an Technik-Nerds und nicht an Mitglieder von Ethik-Kommissionen; es spielt nicht in der Liga von HARARIs “Nexus”. Es ist – man verzeihe mir diese Analogie aus dem Reich der Zeitschriften – eher eine “Computer-Bild” als eine “ct”. Um es positiv zu sagen: Das KI-Buch von SANTNER ist absolut Mainstream-tauglich!

SANTNER liefert ein tolles Beispiel dafür, dass man Begeisterung für modernste Technologie mit einem klaren Bekenntnis zu menschlichen Werten und Zielen kombinieren kann. So etwas könnte es gerne häufiger geben!

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“Gedanken hinter Gittern” von Andy WEST

Bewertung: 4 von 5.

Eine ungewöhnliches Buch über eine ungewöhnliche Tätigkeit und die darin gemachten Erfahrungen.

Der Ich-Erzähler ist ein Philosophie-Dozent, der sein Fach in diversen britischen Strafanstalten vor Gruppen von freiwilligen Straftätern unterrichtet. Genau darüber schreibt WEST in diesem autobiografischen Buchprojekt. Da auch der Autor – wie sein Erzähler – aus einer Familie stammt, in der mehrere Mitglieder eigene Erfahrungen als Gefängnis-Insassen hatten bzw. haben, kann man davon ausgehen, dass dieses Buch kaum fiktionale Anteile enthält. Autor und Erzähler sind also (weitgehend) identisch.

Der Text setzt sich aus folgenden Elementen zusammen:

  • Beobachtungen und Reflexionen rund um die Besuche in den Strafanstalten (insbesondere kurze Charakterisierungen der teilnehmenden Straftäter, aber auch atmosphärische Schilderungen des Kontextes – z.B. Geräusche, Gerüche oder das Verhalten des Wachpersonals)
  • Schilderungen den Unterrichtsstunden (Themen, Fragen und Reaktionen der Gefangenen)
  • Berichte über Kontakte zu Familienmitgliedern (Abläufe und Reflexionen)
  • Selbstreflexionen zu Ängsten, Schuldgefühlen und Zwangsgedanken und -handlungen

Die Kapitel des Buches sind nach 20 praktisch-philosophischen Begriffen gegliedert; dazu gehören z.B. Wahrheit, Erlösung, Vertrauen, Freundlichkeit, Glück, Freiheit, usw.
Als Einstieg in das jeweilige Thema gibt der Dozent eine – meist aus der philosophischen Literatur bekannte – Situation oder ein Gedankenspiel vor und fragt dazu nach der Meinung seiner Gruppenteilnehmer.

Die Stärke des des Textes von WEST liegt vor allem in der Authentizität der dargestellten eigenen inneren emotionalen und kognitiven Prozesse und in der atmosphärischen Dichte der Beschreibungen sowohl von Situationen als auch von sozialen Reaktionen und Beziehungen.
WEST gelingt es, seinen “Schülern” selbst in den absurdesten und verletzlichsten Momenten mit Respekt zu begegnen und über sie unter Wahrung einer unzweifelhaften persönlichen Würde zu schreiben. Die Teilnehmer seiner Gruppen werden an keiner Stelle zu Objekten degradiert: selbst in schwierigsten oder vermeintlich gescheiterten Momenten geht es WEST immer um menschliche Begegnungen.

Ein Grund für dieses starke empathische Einlassen lässt sich schnell in der biografischen Verstrickung des Autors finden: Immer wieder scheint es fast einen kontinuierlichen Übergang zwischen den Innensichten aus den Gefängnissen und den Erinnerungen und Beobachtungen seines familiären Umfeldes (Vater, Bruder, Onkel) zu geben. Die für die meisten Leser wohl eindeutige Trennung der beiden Welten (drinnen und draußen) hat für den Autor niemals existiert. Dass WEST selbst aus diesem Milieu entkommen konnte, bereitet ihm offensichtlich lebenslang Schuldgefühle, die er mit seinem Engagement für die Zielgruppe abarbeitet.

Nicht übersehen werden sollte die gesellschaftliche Botschaft, die der Autor in seinen Text eingewoben hat. Für ihn besteht kein Zweifel an den prägenden und bestimmenden biografischen Faktoren, denen die Straftäter ausgesetzt waren. Es erscheint in diesem Kontext geradezu absurd, von einer “freien” Entscheidung für eine kriminelle Karriere auszugehen. Interessanter Weise sehen das die Gefangenen selber oft ganz anders – und verteidigen Ihre “Freiheit” (und damit ihren Stolz und ihren Selbstwert) gegen alle Logik.

Überhaupt stecken in den spontanen Äußerungen der Gruppenmitglieder auf die angebotenen philosophischen Ausgangslagen immer wieder verblüffende, anrührende und manchmal auch beschämend “weise” Gedanken über Gott und die Welt. Manche Antworten verdienen es, innezuhalten und Demut zu spüren. In solchen Momenten strahlt dieses Buch mit wenigen “einfachen” Worten mehr Klugheit und Verstehen aus, als das so mancher hochsprachlicher Essay es vermag.

WEST macht ganz offensichtlich einen tollen, zutiefst menschlichen Job – und hat darüber ein nachdenkliches, sehr persönliches und erhellendes Buch geschrieben.
Dass vielleicht nicht jeder Leser/jede Leserin so viel Interesse an den persönlichen Macken (biografischen Verletzungen) des Autors aufzubringen vermag, muss dabei in kauf genommen werden.

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“Eine Billion Dollar” von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 4.5 von 5.

Ein ESCHBACH aus 2001, das Hörbuch von 2014, als Serie verfilmt 2023. Von mir nach knapp 10 Jahren Pause nochmal gehört (28 Std,) und jetzt auch rezensiert.
Das hat dieses Buch ganz sicher verdient!

Der Bestseller-Autor hat hier eine Story vorgelegt, die auf mehreren Ebenen bemerkenswert ist. Allein Umfang und Intensität der Handlung führt die Leserschaft in eine eigene Welt, in der man sich nach kurzer Zeit dauerhaft einzurichten bereit ist. Das Themenkombination “Geld und Weltrettung” hat einen zweifachen Aufforderungswert: einmal für die Menschen, bei denen die Fantasie eines geradezu unendlichen Reichtums einen angenehmen Kitzel auslöst, andererseits für diejenigen, denen die Einflussnahme auf die Geschicke unseres geschundenen Planeten am Herzen liegt.

Die märchenhafte Geschichte von dem – aus historischen Quellen stammenden – überraschenden Billionen-Erbe kann ESCHBACH aber auch dafür nutzen, der kapitalistischen Wirtschaftsordnung einer gründlichen, faktenreichen und vor allem kritischen Analyse zu unterziehen. In einer akribischen Detailliertheit schildert er die Grundlagen des internationalen Finanzsystems, die halbseidenen, oft brutalen Kampf der multinationalen Konzerne um die Marktherrschaft und die hilflose Abhängigkeit der vermeintlich so mächtigen Politik..

Es ist wirklich eine herausragende Leistung des Autors, über eine so lange Strecke das Gleichgewicht zwischen dem “privaten” Handlungsbogen und seinem “Grundkurs” in Betriebs- und Volkswirtschaft zu halten. Doch damit nicht genug: Mit einer – für das Jahr Erscheinungsjahr 2001 – bemerkenswerten Klarheit und Differenziertheit werden die großen Menschheitsprobleme und -aufgaben beschrieben. Leider ist das heute alles noch genauso aktuell!

Möglich wird das alles dadurch, dass ESCHBACH eine komplexen Plot konstruiert, in dem einige wirtschaftliche Hauptakteure mit unterschiedlichen Motiven und unterschiedlicher Moral tätig sind. Daneben gibt es eine Reihe von Handlungsfäden und Figuren, die dafür sorgen, dass auch das menschlich allzumenschliche seinen Raum bekommt: der Pizza-Bote, der zum reichsten Menschen der Welt wird; eine rührend traditionelle Anwalts-Dynastie; ein machtversessener Egomane, ein neidischer Bruder; ein chaotischer Kumpel aus dem Vorleben; eine engagierte Historikerin, die später an Bedeutung gewinnt, usw.
Zusammen bildet das alles einen kunstvoll gewebten Teppich, der einen unterhaltsam durch die vielen Stunden trägt.
Dabei tragen nicht nur die wirtschaftlichen Detailschilderungen, sondern auch der häufige Bezug auf Personen und Ereignisse der realen Zeitgeschichte dazu bei, der Story eine grundlegende Glaubwürdigkeit zu verschaffen.

Wie bei einer so monumentalen Geschichte zu erwarten, ist nicht jede Weichenstellung von einer zwangsläufigen Folgerichtigkeit untermauert. So kann man sicherlich zwischendurch daran verzweifeln, dass der gutmeinende Billionär seinen Geschäftsführer so lange in einer Richtung gewähren lässt, die seinen Zielen eigentlich entgegenstehen. Auch vermag man nur schwer nachzuvollziehen, warum man nicht mit einem Teil des großen Vermögens schonmal eindeutig gute und vernünftige Dinge tun kann.
Aber irgendwann merkt man dann: Die Story braucht das so.

Ein wenig nagt natürlich auch der Zeitgeist an dem Plot: Dass die Künstliche Intelligenz am Ende des letzten Jahrhunderts noch keine Rolle spielte, kann man sicher gut verkraften.
Was man jedoch irgendwann kaum mehr übersehen kann, ist die Verschiebung der Maßstäbe, die sich im letzten Vierteljahrhundert vollzogen hat: Zwar wäre 1 Billion Dollar auch heute noch ein absolut riesiges Vermögen – es würde aber im globalen Maßstab bei Weitem nicht mehr die dem Buch unterlegte spektakuläre Rolle spielen. In einer Welt des geradezu perversen Reichtums, die inzwischen Menschen mit einem Privatvermögen von über 200 Milliarden Dollar beherbergt, relativieren sich auch die 1000 Milliarden.

Angesichts der Qualitäten dieses Romans verwundert es nicht, dass es doch noch zu einer Verfilmung gekommen ist (über deren Qualität hier nichts gesagt werden kann). Wenn in diesem Zusammenhang auch dem Original-Manuskript noch einmal Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist das mehr als angemessen.
Wer jemals ein ESCHBACH-Buch mit Vergnügen gelesen hat, sollte dieses Werk auf keinen Fall auslassen!

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“Moralische Ambition” von Rutger BREGMAN

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Autor von “Im Grunde gut” bleibt seinem Thema treu: Mit seinem aktuellen Werk spricht er Menschen mit dem eindeutigen Ziel an, sie zu einem beruflichen Engagement der besonderen Art zu motivieren. BREGMAN ist nämlich davon überzeugt, dass eine Tätigkeit ohne eine moralische Relevanz nichts anderes bedeutet als vergeudete Lebenszeit.
Speziell wendet er sich an eine Zielgruppe, die zwei Merkmale in sich vereinen: ein inhaltliches Interesse an Zielen, die die Welt zu einem besseren (gesünderen, gerechteren, nachhaltigeren) Ort machen würden, und die Bereitschaft sich mit vollem Einsatz dafür auf der Handlungsebene zu engagieren. Der Autor wirbt nachdrücklich dafür, bisherige Karrierepläne bzw. Berufswege zu hinterfragen und in das Team “Weltverbesserung” zu wechseln. Als Belohnung stellt er ein sinnhafteres und erfüllteres (Berufs-)Leben in Aussicht – ausgelöst durch die Gewissheit, auf der “richtigen” Seite der Geschichte zu stehen (beim moralischen Fortschritt). Ein noch so gut bezahlter “Bullshit-Job” könnte da doch keine ernsthafte Alternative sein – oder?

Wer den niederländischen Historiker kennt, weiß von seiner Fähigkeit, Geschichten aus der Geschichte zu erzählen. Genau das tut BREGMAN auch diesmal auf unterhaltsame Weise.
Der Autor führt am Beispiel einer Reihe von – mehr oder weniger bekannten – Vorbildern aus, in welchem Kontext, auf welchen Wegen und auf der Basis welcher Kompetenzen – oft spontane – persönliche Weichenstellungen zu erstaunlichen Langzeitwirkungen geführt haben. Dabei geht es ganz gewiss nicht um Kleinigkeiten, sondern um wahrhaft historische Entwicklungen wie die Abschaffung der Sklavenwirtschaft, die Gleichberechtigung der Frauen oder den Kampf um Verbraucherrechte.
BREGMAN leitet aus den exemplarischen Schilderungen auch bestimmte grundlegende Prinzipien ab, die er für die Umsetzung der moralischen Ambitionen für unerlässlich hält: Es geht um die Herabsetzung der individuellen Handlungsschwelle, um die Notwendigkeit einer Eingliederung in ein solidarisches Team, um das Inspirierenlassen durch (gerne auch etwas schräge) Modelle, um die Erweiterung des “moralischen Kreises”, um Kreativität, Hartnäckigkeit und Unbeugsamkeit.

Diese geführte Wanderung durch die Landschaft des moralischen Fortschritts ist ausgesprochen informativ und vergnüglich. Er soll aber vor allem Mut machen und Lust wecken für ein eigenes Abenteuer; auch das gelingt dem Autor.
Auch wenn BREGMAN betont, dass man im Kampf für eine bessere Welt keine halben Sachen machen sollte (“mit ein paar Klicks im Internet ist nichts gewonnen”), so warnt er am Ende doch die Übereifrigen vor einer Selbstüberforderung und erinnert an andere legitime Lebensinhalte.

Die Ernsthaftigkeit und der Anspruch des Autors wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass BREGMAN sein Buch mit einem eigenen international angelegten Projekt hinterlegt hat. In seiner “School für Moral Ambition” will er konkrete Projekte anstoßen und begleiten und so aus seiner theoretischen Idee reale gesellschaftliche Initiativen erwachsen lassen. Nur logisch erscheint auf diesem Hintergrund, dass BREGMAN u.a. die Erlöse dieses Buches in diese Stiftung einfließen lassen will.

Man kann diesem anregenden und engagierten Buch mit gutem (moralischen) Gewissen einen großen Erfolg wünschen.

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“Systemsturz” von Kohei SAITO

Bewertung: 2.5 von 5.

Dieses Buch könnte ein wichtiger Beitrag zum politischen Diskurs sein: Es entlarvt die Schwächen der Idee vom “grünen Kapitalismus” (der immer noch viel zu viele Ressourcen verbrauchen würde) und zeigt eine Alternative auf, die sich von der heiligen Kuh des Wirtschaftswachstums befreit und auch traditionelle Konzepte integriert, die von einem Allgemeineigentum an grundsätzlichen Ressourcen ausgehen. Er nennt sein Konzept “Degrowth-Kommunismus”.
Das ist alles zwar ziemlich radikal (und ein wenig utopisch) – aber durchaus stichhaltig und überzeugend (wenn man die ökologische Krise unseres Planenten wirklich ernst nimmt). Sich mit Post-Wachstums-Modellen intensiver zu befassen, wäre also ein Gebot der Stunde.

Das Problem mit diesem Buch liegt woanders: Es wurde ganz offensichtlich für Menschen geschrieben, deren Weltbild auf dem Marxismus fußt. Das führt dazu, dass der japanische Philosoph SAITO einen großen Teil seiner Ausführungen auf den Nachweis verwendet, dass der “späte Marx” (nach Veröffentlichung des “Kapitals”) von einigen seiner Grundpositionen abgerückt sei und sich – tatsächlich auch aus ökologischen Erwägungen – eben einem Kommunismus ohne Orientierung an weiterem Wirtschaftswachstum zugewandt habe.

Umgekehrt bedeutet das leider: Für eine Leserschaft, denen der Grad der Vereinbarkeit von ökologischen Zukunftskonzepten mit dem Denken von Karl Marx völlig nebensächlich erscheint, wird das Lesen von SAITOs Buch über weite Strecken zu einer echten Zumutung.
Das ist auch deshalb so eindeutig, weil der – aufgrund der vielen gestelzten (neo-)marxistischen Begrifflichkeiten (“Produktivismus”, “Konsumismus”, usw.) – sowieso schon hölzern wirkende Schreibstil auch noch extreme Redundanzen aufweist.

Der “Systemsturz” ist mit Sicherheit für Marxismus-Seminare eine große Bereicherung und wird vermutlich auch deshalb in entsprechenden akademischen Kreisen weltweit Beachtung finden.
Wem es schlichtweg um die ökologische Transformation unserer Lebens- und Wirtschaftsweise geht, sollte sich mit einem kurzen Blick auf die Kernthesen begnügen bzw. die Post-Wachstums- und Gemeinwohl-Ideen aus anderen Quellen schöpfen.

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“Wir. Tagebuch des Untergangs” von Dmitry GLUKHOVSKY

Bewertung: 4 von 5.

Es ist ein umfangreiches politisches Tagebuch, das der russische Bestseller-Autor hier vorlegt. Aus den letzten ca. 10 Jahren stammen die Statements (Blogbeiträge, Essays), die sich jeweils auf aktuelle politische Ereignisse in Putins Russland beziehen.
Der Autor wertet die Original-Texte dadurch auf, dass er sowohl den zeitgeschichtlichen Kontext ausführlich erläutert, als auch eine Bewertung aus der aktuellen Perspektive (Sommer 2024) beifügt. So ist sichergestellt, dass alle Ausführungen auch ohne genaues historisches Detailwissen nachvollziehbar sind.

In diesem Buch geht es permanent zur Sache: Hier wird nicht über Bande kommuniziert, hier werden keine Gleichnisse aufgemacht oder Bilder benutzt. GLUKHOVSKY betätigt sich als politischer Kommentator, immer direkt am Thema, faktenbasiert, angriffslustig, parteilich.
Was seinen Beiträgen auszeichnet: Der Autor bringt seine – aus seinen literarischen Werken bekannte und geschätzte – Sprachkunst und Sprachgewalt unüberhörbar auch in diese Texte ein. Er formuliert eindeutig, intensiv, ohne Rücksicht auf irgendwelche diplomatischen oder taktischen Gepflogenheiten. er spricht von “Kleptokratie”, von “Gangsterbande”, von “faschistoiden Methoden”.

GLUKHOVSKY prangert auf der einen Seite Putin und seine Machtclique an, nimmt aber auch immer wieder sein Volk ins Visier: Er sieht zwar die Mechanismen der Propaganda, der Lügen und der systematischen Verdummung durch die Staatsmedien – gleichzeitig beklagt er aber auch die Gleichgültigkeit und die Verführbarkeit. Verständnis hat er für die Ängste: Es gibt schon lange keinen Spielraum mehr für abweichende Meinungen.

Das Buch endet mit dem Tod von Nawalny. Für den Autor ist dieser wohl bekannteste Oppositionelle der letzten Jahren ein Vorbild und ein Held – jemand, der Putin durch die Kraft seiner Persönlichkeit hätte gefährlich werden können.
GLUKHOVSKY selbst lebt im Exil. Seine öffentlichen Äußerungen machen ihn zu einem Outlaw, dieses Buch sicher noch stärker als jemals zuvor.

Wer eine starke, unverfälschte und kämpferische Stimme der russischen Opposition hören möchte, bekommt das in diesem Buch geliefert. Nicht erwarten kann man abwägende Differenzierungen: Die Gegner sind klar identifiziert; sie werden als menschenverachtend und kompromisslos machtgeil und korrupt vorgeführt.
Wer sich die Entwicklung der letzten 10 Jahre aus dieser Perspektive noch einmal vorführen lassen will, ist mit diesem Buch bestens bedient. Wer eine distanzierte journalistische Analyse sucht, sollte woanders zugreifen.

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“Vom Mythos des Normalen” von Dr. Gabor MATÉ

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch hat nicht nur einen beträchtlichen Umfang (570 Textseiten), sondern bringt auch inhaltlich einiges auf die Waage.
Für die Besprechung und Bewertung ist dabei vor allem bedeutsam, dass der Text ein weites Spektrum an Perspektiven und Facetten beinhaltet, die durchaus unterschiedliche Reaktionen auslösen können. Genau das wird in dieser Rezension zum Thema werden.

In diesem persönlich und engagiert geschriebenen Sachbuch geht es um Zusammenhänge zwischen (meist frühen) Lebenserfahrungen (Traumatisierungen, Belastungen) und (überwiegend psychischen) Störungen bzw. Erkrankungen im Erwachsenenalter. Dabei werden solche Zusammenhänge nicht nur dargestellt und mit empirischen Belegen unterfüttert, sondern es werden zahlreiche erklärende Wirkmechanismen beschrieben, z.B. Einflüsse auf neuronale Stress-, Selbstregulations- und Belohnungssysteme, aber auch auf (chronifizierte) Entzündungszustände.

MATÉ bleibt aber nicht aus der individuellen Betrachtungsebene stehen, sondern fokussiert auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die einerseits die spezifischen Risikofaktoren zulassen, andererseits eine – aus seiner Sicht – geradezu toxische kulturelle Umgebung schaffen. Die Beschreibung der Aspekte dieser entwicklungsfeindlichen Umwelt ist ein zweiter inhaltlicher Schwerpunkt dieser Publikation. Im Kern geht es um unsere auf Konkurrenz, Selbstbezogenheit und Konsum ausgerichtete Wirtschaftsordnung, in der die kindlichen bzw. menschlichen Grundbedürfnisse nicht die notwendige Berücksichtigung finden.

In seiner Argumentation bezieht sich der Autor auf ein grundlegendes Persönlichkeits- bzw. Gesundheitsmodell, in dem jedes (erzwungenes) Abweichen von einem – bei jedem Menschen angelegten – “authentischen Selbst” eine Gefährdung für das langfristige körperliche und psychische Wohl darstellt. Umgekehrt sieht MATÉ die größte Chance der Heilung weniger in symptombezogenen Maßnahmen (der er keineswegs prinzipiell in Frage stellt), sondern in der Bewusstwerdung der eigenen biografischen Verletzungen und in einer Abkehr von fremdgesteuerten Zielen und Konzepten – die sich z.B. in einer übertriebenen Anpassung an sozialen Erwartungen bzw. in der Unfähigkeit der Selbstfürsorge zeigt).

Im letzten Teil des Buches erweitert MATÉ den Rahmen seiner Betrachtungen um spirituelle Dimensionen und verlässt dabei die – bis dahin sorgsam gepflegte – empirische Grundierung. Hier geht es um die Zusammenarbeit mit Schamanen, indigenen Heilern und den Einsatz von psychedelischen Substanzen. Es wird deutlich, dass dem Autor die wissenschaftlich erfassbare Welt zu eng wird, um seine eigenen Erfahrungen und die Vorstellungen von einem ganzheitlichen menschlichen Sein dort unterzubringen.

Um es kurz zu sagen: Was als kenntnisreicher und faktenbasierter Überblick über die Auswirkungen früher Belastungen und gesellschaftlicher Risiken auf die psychische Gesundheit beginnt, mündet in einem spirituell-esoterischen Weltbild, das wohl von den sehr persönlichen – auch drogeninduzierten – Bewusstseinsreisen des Autors nicht mehr zu trennen ist.

Gehen wir zurück zum ersten Teil:
Der Autor löst folgenden Widerspruch nicht auf: Auf der einen Seite führt er überzeugende Befunde für die Bedeutung früher Prägungen für die basalen physiologischen und psychischen Strukturen an, spricht aber gleichzeitig permanent von einem “wahren Selbst”, zu dem man irgendwie wieder finden muss, um gesund zu werden. Wie entsteht denn bitte dieses wahre Selbst?
MATÉ ist überzeugt davon, dass es keine (psychischen) Krankheiten gibt, die nicht Ausdruck und Folge belastender Lebensereignisse sind. Er bestreitet dabei nicht, dass sich organische Korrelate im Gehirnstrukturen bzw. bei den beteiligten Neurotransmittern finden lassen; seine Kausalkette hat aber eine eindeutige Richtung: Das Leben macht das Gehirn “krank” – und nicht umgekehrt! Ob das wirklich ohne Ausnahme gilt, darf bezweifelt werden; jedenfalls dient es nicht der Glaubwürdigkeit, wenn etwas so unumstößlich formuliert wird.
Der Autor führt immer wieder beeindruckende Fallbespiele an, in denen eine innere Einsicht bzw. eine Neuausrichtung von Lebensprioritäten zu spektakulären Heilungserfolgen führte (mit und ohne begleitende schulmedizinische Maßnahmen). In diesem Übergangsbereich des Buches werden also keine kontrollierten Untersuchungen mehr angeführt (der Autor verweist in einigen Fällen auf geprüfte Krankenunterlagen).

Es besteht kein ernstzunehmender Zweifel daran, dass – z.B. durch Therapie angestoßene – psychische Prozesse (Einsicht, Aufgabe jahrzehntelanger Selbstverleugnung und Neuorientierung) eine enorme Selbstheilungswirkung (sogar auf Krebserkrankungen) entfalten können. Trotzdem ist natürlich der Erkenntnisgewinn anekdotischer Berichte immer begrenzt.
Auch ist glaubhaft (und inzwischen auch zuverlässig belegt), dass Erfahrungen die im Kontext von angeleiteten spirituellen Verfahren (mit oder ohne Drogenunterstützung) gemacht werden, bemerkenswerte Wirkungen auf sogar verfestigte Störungsbilder haben können.
Das alles ist spannend und einer näheren Betrachtung wert.

Überzogen erscheint allerdings der Anspruch des Autors, aus seinem persönlichen Entwicklungsweg (den er zwischendurch immer wieder mal thematisiert) ein umfassendes und allgemeingültiges Weltbild von Krankheit und Heilung abzuleiten.
Hier wird jemand, der als Wissenschaftler gestartet ist, zum esoterischen Heiler und Prediger.
Ganz offensichtlich kann sich MATÉ nicht vorstellen, dass ein erfülltes, sinnhaftes und sozial bzw. ökologisch verantwortungsvolles Leben auch innerhalb eines rational-empirischen Kontextes möglich sein könnte – ohne Bezug auf Kräfte oder Erfahrungen, die aus einer prinzipiell anderen Dimension stammen.
Das mag ja für viele Menschen so gelten; für andere bleibt dann der – wirklich sehr informative – erste Teil des Buches.

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“Realität +” von David J. CHALMERS

Bewertung: 3 von 5.

Der Autor ist im Bereich der Bewusstseinforschung bekannt wie ein bunter Hund. Es gibt wohl kein einschlägiges Sach- oder Fachbuch, in dem er nicht mit seinem berühmten Statement vom “hard problem” zitiert wird. Es ging dabei um den von vielen Forschern als unerklärbar gehaltenen qualitativen Unterschied zwischen neurologischen Prozessen und den darauf basierenden subjektiven Empfindungen. 

CHALMERS treibt es diesmal noch weiter an die Grenzen des Denk- und Vorstellbaren. Das Kernthema seines aktuellen Buches ist die Auflösung der Grenzen zwischen verschiedenen Ebenen von Realität.

Als Ausgangspunkt für seine oft an Absurdität kaum zu übertreffenden Betrachtungen ist die sog. Simulationshypothese. Der Autor macht gleich zu Beginn des Textes deutlich, dass es es für ziemlich wahrscheinlich hält, dass wir uns gerade selbst bereits in einer digitalen Simulation befinden

CHALMERS will seine – sicherlich sehr fern des Mainstreams liegende – Leserschaft immer wieder davon überzeugen, dass es neben dem, was wir als “physikalische” Realität empfinden, auch verschiedenste Formen von “digitaler” Realität gibt. Er arbeitet mit einer geradezu zwanghaft wirkenden Detailversessenheit viele detaillierte Szenarien heraus, um zu guter Letzt bei der Erkenntnis zu landen, dass so etwas wie Realität eher etwas Strukturelles als etwas Inhaltliches ist. Damit endet das Buch mit einem Plädoyer für seine besondere Spielart einer idealistischen Weltsicht (in der Geist dann die primäre Basis darstellt und sich die Frage nach dem Übergang zwischen Materie und Bewusstsein erst gar nicht stellt).

Zwischendurch erscheinen die Annahmen und Schlussfolgerungen CHALMERSs so anti-intuitiv und konstruiert, dass sich wohl die allermeisten Leser/innen irgendwann die Frage stellen, ob man sich das wirklich weiter antun sollte. Es ist wirklich Hardcore!

Was liegt in der anderen Waagschale (die ein Weiterlesen zumindest nahelegen könnte)? 

CHALMERS ist ganz sicher ein extrem guter Kenner des Science-Fiction-Genres in Literatur, Film und virtuellen Spielewelten der letzten Jahrzehnte. Er schafft immer wieder Bezüge zu unterschiedlichsten Einzelwerken (wobei die “Matrix” wegen der Nähe zum Thema Simulation eine besondere Rolle spielt). Darüber hinaus scheint er so ziemlich jeden philosophie-technischen Beitrag zu kennen, der jemals zum Themenbereich verfasst wurde.

Gänzlich unerwartet lockt da noch ein dritter geistiger Leckerbissen: Der Autor leistet sich nämlich das (deutlich spürbare) Vergnügen, eine ganze Reihe von grundlegenden Stationen und Ideen der allgemeinen Philosophiegeschichte auf seine diversen Simulationsvarianten anzuwenden. Bis hin zu der Frage, ob man in Bezug auf die Schöpfer einer Simulation (in der man selber möglicherweise lebt), eine Art Theologie (bzw. Methoden der Anbetung) entwickeln sollte (er verneint das nach reiflicher Überlegung).

An solchen und vielen anderen Stellen beschleicht einen manchmal der Gedanke, dass CHALMERS vielleicht doch nur Schabernack mit uns treibt und sich seine Aussagen vielleicht tatsächlich nur auf unsere ganz “normale” Realität bezieht – sozusagen kunstvoll verfremdet.

Aber das würde diesem Grenzgänger zwischen den Welten nicht gerecht: Der Autor lebt seit Jahrzehnten so selbstverständlich und leidenschaftlich auch in virtuellen Welten, dass man ihn wohl meistens so richtig wörtlich nehmen muss – selbst wenn er auch die Hypothese überprüft, dass alle denkbaren Realitäten sich auch in zufälligen Staubwolken manifestieren könnten…

Für CHALMERS sind digitale Katzen in einer digitalen Simulation nicht weniger real als physikalische Katzen in einer physikalischen Welt. Das gilt insbesondere dann, wenn man sein ganzes Dasein in einer (perfekten) Simulation verbringt. Dass wir nach einer biologischen Existenz vielleicht irgendwann als upgeloadetes Bewusstsein ewig weiterexistieren könnten und dass dann eben auch ein Leben in einer Realität wäre, ist nur ein kleiner Seitenarm seiner exzentrischen Fantasien.

Ob man das Ganze wirklich als intellektuelles Vergnügen oder als abgedrehte Spinnerei empfindet, ist ganz sicher Ansichtssache. Es sei gewarnt: Dieses Buch durchzuhalten, stellt eine echte Herausforderung dar. 

“Demokratie braucht Religion” von Hartmut ROSA

Bewertung: 2 von 5.

Der Soziologe Hartmut ROSA hat sich in den letzten Jahren mit den Themen “Resonanz”, “Beschleunigung” und “Unverfügbarkeit” einen Namen gemacht. Aus einer unideologischen Perspektive wies er auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen hin, die mit einem Weltzugang verbunden sei, der einseitig auf Naturbeherrschung, Funktionalität, Wohlstandssteigerung, Wachstum und technologische Kontrolle ausgerichtet ist.
Hier legt ROSA ein Büchlein zur Rolle von “Religion in der Demokratie” vor, das aus einem Vortrags-Manuskript und einem (ziemlich irrelevanten) Vorwort von Gregor GYSY besteht. Rein formal (quantitativ) kratzt der Autor damit an der untersten Grenze von dem, was sich sinnvoller Weise in Buchform veröffentlichen lässt (80 “großzügig” bedruckte Seiten für 12 €; ROSA beginnt auf Seite 17).
ROSA hat seinen Vortrag in einem kirchlichen Kontext gehalten (einem Diözesanempfang) und greift in seiner Rede mehrfach das Jahres-Motto “”Gib mir ein hörendes Herz” auf. Es war ganz offensichtlich sein Anliegen, seinen Einladern eine gute Stimmung zu bereiten; so durchforstete er seine wissenschaftlichen Theorien auf alle Aspekte, die sich in einer positiven Schnittmenge mit der (katholisch-)christlichen Lehre und Praxis bringen lassen.
Ganz explizit stellt ROSA am Beginn seiner Ausführungen zwar die Frage, ob Religion für unsere aktuelle gesellschaftliche Situation noch mehr als ein überkommener Anachronismus sein kann. Doch es wird nach wenigen Seiten klar, dass er diese Möglichkeit in keiner Weise ernsthaft betrachten will. Der Autor wägt in diesem Text nicht ab, sondern bietet längst gefundene Antworten an.

ROSA stellt ein geradezu erstaunlich einfaches Gedankenkonstrukt vor:
Religion kann aus seiner Sicht das entscheidende – und sogar alternativlose – Gegenmodell zu all den (letztlich krankmachenden) Entfremdungserfahrungen sein, die mit unserer rastlosen, wachstumsverliebten und beziehungslosen Lebensweise verbunden sind.
Glauben und Religion werden so zu einem Allheilmittel stilisiert, das sich nicht nur dem Beschleunigungs- und Wachstumszwang, sondern auch der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in feindliche Lager und der allgemeinen Erschöpfung (“Burnout”) entgegenstellen kann. Kurz gesagt: Religionen seien geeignet, sich dem entfremdeten “Aggressionsverhältnis zur Welt” mit einem “hörenden Herz” wirkungsvoll entgegenzustellen.
Wie machen sie das?
ROSA behauptet, die Kirchen verfügten “über Narrationen, über ein kognitives Reservoir, über Riten und Praktiken, über Räume, in denen ein hörendes Herz eingeübt und vielleicht auch erfahren werden kann”. Er sieht die Erfahrung “Anrufbarkeit”, also die Resonanzerfahrung, als die entscheidende Qualität an.

Ausgehend von seiner (kurz zusammengefassten) Resonanztheorie führt ROSA aus, dass das Funktionieren unserer Demokratie auf die Qualitäten einer auf Resonanz basierenden Weltbeziehung angewiesen sei: Es müsse eine Rückbesinnung auf eine “ergebnisoffene Selbstwirksamkeit” stattfinden, in der man sich von Erfahrungen und Meinungen anrühren lasse, ohne gleich nach Zwecken, Funktionalitäten und Rechthaben zu schielen.
Genau solche Erfahrungsräume – so ROSA – stellen die Religionen (mit ihren Traditionen und Riten) bereit – außerhalb von Leistungs- und Konsumzwängen, die Resonanzerfahrungen weitgehend ausschlössen.
Rosa sieht aber auch die Bedeutung der inhaltlichen Botschaften von Religion (und Esoterik), die dem “kalten und gleichgültigem Universum” sinnstiftende und tröstende Antworten entgegensetzten. So könne dann eine Resonanzachse zwischen betendem Mensch und zuhörendem Gott entstehen.
ROSA ist überzeugt: Auf diese Räume und Kräfte kann unsere Demokratie nicht verzichten.

Um es auf den Punkt zu bringen: ROSAs Vortrag nähert sich in einem erstaunlichen Umfang dem Genre einer Predigt!
Dies mag man angesichts des Kontextes eines Vortrages für legitim halten; eine Veröffentlichung in Buchform erscheint mir aber für einen Wissenschaftler mit einem gewissen Renommee ein grenzwertiges Unterfangen zu sein.
ROSA unternimmt keinerlei Versuch, dem – unbestreitbar möglichen – religiösen Resonanzerleben andere, säkulare Resonanzquellen gegenüberzustellen: Er benutzt zwar einmal die Analogie der musikalischen Resonanz, spricht dann aber (anders als in seinem großen Resonanz-Buch) nicht über Kunst, Kreativität, Naturerleben, Liebe, Altruismus, Welterkundung, politisches Engagement, usw. In diesen und vielen anderen Feldern bzw. Tätigkeiten sind “Anrufungen” und “ergebnisoffene Selbstwirksamkeit” möglich, lassen sich persönliche Sinnerfahrungen, Zugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl erleben.
Und das alles ohne den Preis, sich bestimmten Glaubenssystemen mit z.T. abstrusen Dogmen zu unterwerfen.

ROSA enthält dem Auditorium (und damit leider auch den Lesern/Leserinnen) nämlich nicht nur mögliche Alternativen vor, sondern versäumt es auch, auf die Nebenwirkungen und Risiken hinzuweisen, die mit einer (zu) starken Hinwendung zu irrationalen Weltzugängen verbunden sein können. In einer Zeit, in der wir existentielle planetare Herausforderungen nur unter Berücksichtigung alle faktenorientierten Erkenntnisse meistern können, sind zumindest die wissenschaftsfeindlichen Auswüchse von Irrationalität, Mystik, magischem Denken und Empirie-Verweigerung keine harmlosen Privatangelegenheiten. Darauf macht nicht zuletzt die toxische Gemengelage zwischen fanatischen bzw. fundamentalistischen Glaubenshaltungen und -gemeinschaften auf der einen, und rechtspopulistischen und verschwörungstheoretischen Ideologien bzw. Gruppierungen auf der anderen Seite aufmerksam.

ROSAs Streitschrift für die Bedeutung der Religionen ist somit eine extrem einseitige Meinungsäußerung: als Vortrag im kirchlichen Setting sicher akzeptabel, als Veröffentlichung eines renommierten Soziologen ganz eindeutig zu kurz gegriffen – quantitativ und qualitativ.

“Gefährlich lecker” von Chris van TULLEKEN

Bewertung: 4 von 5.

Der englische Arzt und BBC-Moderator van TULLEKEN hat ein Ernährungsbuch der besonderen Art geschrieben. Es ist kein Ernährungsratgeber im üblichen Sinne – es ist eher eine Kampfschrift gegen die Lebensmittel-Industrie. Der Autor führt mit dieser Publikation geradezu einen Feldzug gegen die Sorte von Nahrungsmitteln, die er zum Hauptfeind der Volksgesundheit erklärt hat: die “hochverarbeiteten Lebensmittel” (HVL).

In zahlreichen Schleifen setzt sich van TULLEKEN mit den widerstreitenden Überzeugungen und Theorien auseinander, welche Nähr- und Inhaltsstoffe die größten Risikofaktoren für Übergewicht und andere ernährungsbedingte Volkskrankheiten darstellen. Diese – nicht immer ganz übersichtliche – Diskussion führt immer wieder zu seiner Erkenntnis, dass es (eher als die oft diskutierten Fette oder Kohlehydrate) die industrielle Verarbeitung und die dabei eingesetzten “fremden” Zusatzstoffe seien, die schädlich wirkten. Und zwar einmal in direkter physiologischer Form, zum anderen aber auch dadurch, dass sie das Geschmacksempfinden auf eine Art und Weise manipulierten, die geradezu unvermeidlich zu langfristigen Verschlechterung der Ernährungsgewohnheiten führe.

Obwohl der Autor immer wieder um eine möglichst klare Definition von “hochverarbeiteten” Lebensmittel ringt, wird immer wieder deutlich, dass eine klare Abgrenzung von anderen Risikoquellen (z.B. Zucker, Salz oder Kaloriengehalt) nicht immer möglich ist. Ein bisschen scheint der Streit in den Kreisen der Ernährungswissenschaftler auch ein Glaubenskrieg zu sein; an Kampfgeist fehlt es dem Autor jedenfalls nicht.

Beeindruckend sind einige Blicke hinter die Kulissen der Lebensmittel-Industrie: Der Autor stellt z.B. dar, wie generalstabsmäßig selbst dort um neue Marktanteile gerungen wird, wo ein “natürlicher” Bedarf für Industrieprodukte weit und breit nicht zu spüren ist.

Der Schreibstil des Autors ist u.a. durch seinen engen biografischen Bezüge geprägt. Er kommt nicht nur auf seine berufliche Laufbahn zu sprechen, sondern geht konkret auf die Ernährungsgewohnheiten seines Bruders ein und stellt ausführlich ein eigenes Ernährungsexperiment dar. Es geht hier also um ein persönliches Sachbuch, in dem Privates, Anekdotisches und Wissenschaftliches bunt gemischt werden.
Das lockert dieses – immerhin 400 Textseiten starke – Buch auf, geht aber auch eine wenig auf Kosten der Seriosität.

Es gibt noch einen anderen Umstand, der die Wirkung des Textes für einen Teil des Publikums schmälern könnte: Der Autor kommt stellenweise doch ziemlich missionarisch rüber, für einen Sachbuchautor vielleicht sogar ein wenig zu überengagiert. Doch vermutlich wird ein anderer Teil der Leserschaft sich genau durch diese Leidenschaft angesprochen werden.

Zwischendurch hat der Text auch einen Selbsthilfecharakter: Der Autor schlägt auf der Basis persönlicher Erfahrungen konkret vor, sich durch eine Phase der bewussten Übertreibung aus den Fängen der “falschen ” Essgewohnheiten zu befreien.

Letztlich lernt man in diesem eine Menge über ein industrielles Ernährungs-System, das weite Teile der Bevölkerung von der Zubereitung und dem Genuss “echter” Lebensmittel weitgehend entfremdet hat. Van TULLEKEN wird nicht müde zu verdeutlichen, dass die Verantwortung für die bedrohlichen gesundheitlichen Folgen eben nicht beim einzelnen Konsumenten liegt, sondern bei den Herstellern, die gezielt solche Rezepturen und Zusatzstoffe einsetzen, die ein hohes Risiko der Gewöhnung und Abhängigkeit beinhalten.
Es ist zweifellos ein Verdienst des Autors, dies in dieser Breite und Tiefe herausgearbeitet zu haben. Der Umfang dieses Unterfangens ist sicher nicht für jede/n Leser/in verlockend.

Eine verlegerische Besonderheit soll nicht unerwähnt bleiben: Anmerkungen und Literatur finden sich nicht im Anhang, sondern im Netz; das Buch wäre sonst nach 60 Seiten dicker geworden. Eine tolle Idee, die Papier, Gewicht und Geld spart, ohne den Zugang zu den Informationen wesentlich zu erschweren.