“Der letzte Sessellift” von John IRVING

Bewertung: 3.5 von 5.

Im meiner Generation haben viele ihre ersten intensiven Erfahrungen mit zeitgenössischer Roman-Literatur John IRVING zu verdanken. Verschlungen wurden z.B. “Garp” oder “Gottes Werk und Teufels Beitrag”. Das liegt ca. 40 Jahre zurück.
Mit seinem aktuellen Roman will es Irving, der vermutlich mit 81 Jahren am Ende seiner Schaffenskraft steht, noch einmal wissen: “Bin ich noch der Meister der weiten Spannungsbogen, der skurrilen Figuren und der absurd-verschachtelten Handlungsverläufe?”

Insgesamt kann man sagen: IRVING gibt nochmal richtig Gas, Schonung ist nicht angesagt. Ein Mainstream-Roman ist es nicht geworden und  ein Wälzer (von fast 1100 Seiten bzw. 34 Std. Hörbuch).

Das Meta-Thema ist erotische Vielfalt, sexuelle Diversität. IRVING wirkt geradezu besessen von der Vision, dass Nähe, Intimität und Liebe am besten gedeihen, wenn sie sich über alle Normalitätsvorstellungen hinweg entfalten können. So lebt der Protagonist (Adam) – überraschender Weise ein Schriftsteller – in einem stabilen Kosmos von Personen, die entweder lesbisch werden oder schon immer waren, zu einer Transfrau geworden sind oder – wie der Schriftsteller und seine zwischenzeitliche Ehefrau – ausnahmsweise heterosexuell sind und bleiben.
Auch die Generationsgrenzen sind ziemlich durchlässig: Seine Mutter hat sich einst von einem Jugendlichen schwängern lassen und ihre Gefühle zu ihrem Sohn kratzt auch an den Grenzen der Mutterliebe. Doch – obwohl immer wieder von spektakulären Orgasmen und den Vor- und Nachteilen von Penissen die Rede ist – geht es letztlich um unlösbare Bindung und bedingungslose Loyalität.

IRVINGs Figuren sind – wie gewohnt  – exzentrisch und schräg bis zum Anschlag, aber sie sind liebenswert und vor allem grenzenlos liebesfähig.
Wir begleiten die Gruppe einige Jahrzehnte durch ihr gemeinsames Leben.  Diese Oase der Zuneigung, Solidarität, Intellektualität und künstlerischer Kreativität ist dabei umgeben von einer ignoranten und feindlichen Umwelt: Da sind die Spießer, die Schwulenhasser und die Transphoben.  Die, die Aids als Strafe Gottes für Unmoral betrachten. Und natürlich die Rechten, die Reagans und später die Trumps.
Als Leser/in muss man damit leben, dass da wenig Raum für Differenzierung bleibt. Eine sympathische Normalität ist nicht IRVINGs Sache. Schrägsein ist Charakter und Modell – Mainstream ist im besten Falle uninteressant.

Der Handlungsfaden wird in zahllosen Zeitsprüngen entwickelt. Das Thema der sexuellen Identitäten ist auf mehreren Ebenen dominant. Letztlich bestimmt das Sein nicht nur die privaten Geschicke, sondern sichert den Lebensunterhalt der meisten Beteiligten. Zwei Autoren werden sogar mit der Vermarktung ihrer biografischen Erfahrungen richtig erfolgreich und reich.
Leicht zynisch könnte man also formulieren: Man dreht sich ziemlich stark um sich selbst und sein Anderssein. Letztlich sichert so – etwas zugespitzt formuliert – die Diskriminierung durch andere sogar die eigene Karriere. So wird die Identität zum zentralen Lebensinhalt.

Der Roman bewegt sich auf mehrere Erzähl- und Realitätsebenen und gewinnt dadurch an zusätzlicher Komplexität.
Da der Vater des Ich-Erzählers (Adam) ein bekannter Schauspieler geworden ist, werden immer wieder bestimmte charakteristische Szenen aus seinen Filmen einbezogen. Als Zugabe gibt es dann noch ein ganzes Arsenal an Gespenstern, die für einige der Figuren sichtbar sind. Nachdem diese zunächst eher historische Bezüge haben, werden nach und nach verstorbene Roman-Figuren selbst zu Gespenstern.
Im letzten Drittel des Buches wird sogar zwischendurch das Genre gewechselt: Weite Teile des Geschehens sind als Drehbuch verfasst.  

Warum nun der Sessellift im Titel?
Wir befinden uns in einer Szene von Skilehrerinnen, Schneeschuh-Läufern und Pisten-Wächterinnen. Entscheidende und besonders dramatische Momente finden in oder in der Nähe von Skiliften statt.

Anstrengend wird das Buch durch die Maßlosigkeit der Wiederholungen: von Szenen, von Dialogen,  von Betrachtungen.
Die Figuren und ihre Botschaften werden der Leserschaft regelrecht eingemeißelt. Es gibt nicht nur erzählerische Rückblicke, zusätzlich schauen auch die Figuren in ihren Dialogen gerne mal auf die erlebten Situationen zurück. Selbst die Filmzitate tauchen mehrfach auf. IRVING lässt nichts unversucht, um die Leserschaft an die entworfene Welt zu fesseln.

IRVINGs Buch ist das Gegenteil von einem leisen Roman: Es ist ein lauter, intensiver Roman. Es gibt von allem ziemlich viel. Oft auch zu viel (selbst von Zuneigung und Kontakt).
Wer noch einmal eine volle Dröhnung IRVING möchte, wird hier sicher nicht enttäuscht.
Gut vorstellbar ist aber auch, dass manche irgendwo auf der Strecke aussteigen – ich könnte es jedenfalls verstehen (auch wenn ich letztlich durchgehalten habe – das ist man dem “alten Meister” ja dann doch schuldig).

“Gewalt und Mitgefühl” von Robert SAPOLSKY

Bewertung: 4 von 5.

Der amerikanische Biologe, Neurowissenschaftler und Primatenforscher SAPOLSKY hat hier vor einigen Jahren ein Monumentalwerk vorgelegt, das auch einen Vielleser vor eine gewisse Herausforderung stellt. Auf insgesamt ca. 1000 Seiten (inkl. Anhang) fasst er in einer fast zwanghaft wirkenden Gründlichkeit und Differenziertheit Forschungsbefunde zusammen, die den Zusammenhang zwischen dem menschlichen Verhalten (insbesondere dem Sozialverhalten) und dessen biologischen Grundlagen beschreiben bzw. erklären.

Zunächst ist eine Begriffsklärung fällig: Der Begriff “Biologie” wird in diesem Buch in einem extrem weiten Sinne verstanden: Er beinhaltet alle wissenschaftlich untersuchbaren Einflussfaktoren, die sich in der Genetik, den Neurowissenschaften, der Anthropologie, der Tierforschung, der Psychologie und der Soziologie finden lassen. Es geht um die große Frage: Wodurch wird menschliches (Sozial-)Verhalten determiniert, was in unserer inneren und äußeren Umwelt beeinflusst also die Art, ob und wie wir kooperieren und uns bekämpfen – als Art und als Individuum, generell und in einer spezifischen Situation.
Umgekehrt würde das bedeuten: Was nicht durch dieses komplexe Zusammenspiel von beobachtbaren und messbaren Einflussgrößen erklärbar wäre, würde dann das Ergebnis einer “freien” Entscheidung sein.
Schon an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Autor diesen Spielraum für deutlich begrenzter hält, als es der Selbstwahrnehmung und der Alltagspsychologie entspricht.

Was das Lesen dieses akribischen Grundlagenwerkes so anstrengend macht, ist seine Genauigkeit und Differenziertheit. Immer wieder erwischt man sich beim Lesen dabei, dass man sich mal so eine richtig eindeutige Aussage wünscht, wie etwa: “Misshandlungserfahrungen in der Kindheit führen zu Gewalthandlungen im Erwachsenenalter”.
Der Autor macht deutlich, dass es zwar solche Zusammenhänge zweifelsfrei gibt, sie aber nur in Form von Wahrscheinlichkeitsaussagen möglich sind. Und zwar nicht deshalb, weil ein großer individueller Entscheidungsspielraum des Einzelnen bleibt (wie die meisten argumentieren würden), sondern weil es eine geradezu unendliche Zahl von weiteren Einflussfaktoren gibt, die – meist in einem komplexen Wechselspiel – das Gewaltverhalten auch beeinflussen (z.B. genetischen Prägungen, neurologisch verfestigte Erregungskreisläufe oder Besonderheiten im Hormonsystem).
Da SAPOLSKY sich als seriöser Wissenschaftler begreift, verschont er seine Leser/innen nicht mit all den “Wenns” und “Abers”. In der Regel beginnt eine Antwort auf die Frage nach einem Erklärungszusammenhang mit den Worten: “Es kommt darauf an.” (Also auf die weiteren Umstände).
Die Verhaltenswissenschaft ist komplex, die Kausalitätsketten sind verworren. Genau das verführt die meisten Menschen dazu, im Zweifelsfall eben doch das autonome “Ich” des Menschen als hauptsächliche Ursache für sein Verhalten zu postulieren.

Das Buch betreibt nicht nur Grundlagenforschung. Es reflektiert auch die Auswirkungen, die eine naturwissenschaftliche Betrachtung menschlicher Verhaltensursachen für das gesellschaftliche Zusammenleben und seine Regeln bzw. Institutionen hat. Es überrascht jetzt sicher niemanden mehr, dass SAPOLSKY auch hier irritierende Antworten und Lösungsvorschläge parat hat.

Wer sich auf diese Lese-Herausforderung einlässt erhält einen extrem weiten Einblick in den Forschungsstand der für menschliches Verhalten relevanten Fachdisziplinen (Stand 2017). Eingerahmt wird dieser Überblick von grundlegenden und schafsinnigen Reflexionen des Autors, die über die Summierung von Einzelbefunden weit hinausgehen.
Da SABLOTSKY dabei auch noch ein humorvoller und durchweg “cooler” Typ ist, bleibt das Lesen keineswegs eine trockene Angelegenheit.
Wenn nur die Zusammenhänge nicht so kompliziert wären…

Auf SAPOLSKYs für den Herbst angekündigtes Buch über Willensfreiheit (also ihre Nicht-Existenz) werde ich mich bereits am Tag seines Erscheinens stürzen. Einige Tage später werde ich davon an dieser Stelle berichten.

“Kompass für die Seele” von Bas KAST

Bewertung: 2.5 von 5.

Was würde wohl auf das sensationelle Erfolgsbuch “Ernährungskompass” folgen?
Das fragte sich wohl mancher Beobachter des Sachbuch-Marktes. Ich selbst habe mich vor einigen Monaten dabei erwischt, gezielt nach einer Neuerscheinung des Autors zu suchen.
Jetzt ist es soweit – und die Spannung war groß.

Ausgehend von einer depressiven Krise, die – ausgerechnet(?) – kurz nach dem kometenhaften Aufstieg zum Bestseller-Autor einsetzte, hat sich KAST (wie auch beim ersten Buch) aus eigener Betroffenheit auf den Weg gemacht. Diesmal mit dem Ziel, ganz verschiedene Verfahren und Methoden zu untersuchen, die das Potential in sich tragen, psychische Beeinträchtigungen zu lindern bzw. das Risiko solchen Belastungen präventiv zu vermindern.
Das Kriterium für Auswahl der geschilderten Ansätze war dabei subjektiv: Zwar hat KAST das Feld wohl wieder mit der ihm eigenen Gründlichkeit beackert (durch Sichtung von zahlreichen Studien); in das Buch geschafft haben es aber nur die 10 Bereiche, von deren Wirksamkeit sich der Autor selbst überzeugen konnte (bzw. wollte).

Schon die Grobgliederung in drei Schwerpunkt-Teile lässt aufhorchen: Da gibt es einmal die körperbasierten Elemente (wie Ernährung, Bewegung, Schlaf, Naturkontakt), dann die psychischen Aspekte (Meditation, stoische Lebenseinstellung, Sozialkontakte) und am Ende – Überraschung! – den Einsatz psychedelischer Substanzen (insbesondere MDMA und Psilocybin).
Wow! Ein bekannter Bestseller-Autor schreibt für ein Millionen-Publikum einen “Kompass für die Seele”, in dem zwar der Begriff “Psychotherapie” mehrfach fällt, diese etablierteste Methode zur Behandlung von psychischen Störungen (wie die von ihm genannten Depressionen und Traumafolgen) selbst aber gar nicht zum Thema wird. Statt dessen bekommen Ecstasy und sog “Zauberpilze” ein ausführliches eigenes Kapitel, gespickt mit geradezu euphorischen Erfahrungsberichten, differenzierten Empfehlungen (und eher zaghaften Warnungen).
Gab es schonmal etwas Vergleichbares? Ich glaube kaum!

Doch fangen wir vorne an.
Mit Ernährung kennt sich KAST aus; das ist keine Überraschung. Doch auch in den anderen Kapiteln im Bereich “Körper und (psychische) Gesundheit” beweist der Autor seine Stärken: Umfassende Recherche des aktuellen Forschungsstandes, gut nachvollziehbare Schlussfolgerungen und eine motivierend-eindeutige Art der Vermittlung. Man will am liebsten schon während des Lesens (oder Hörens) das Olivenöl aus dem Schrank holen , Omega-3-Pillen bestellen, durch den Wald joggen und seine Einschlaf-Routine neu ordnen.

Dann kommt die Psyche und man beginnt sich zu wundern: Wo man als Lesender vordringlich kompetent aufbereitete Informationen (und Erfahrungen) zu unterschiedlichen Ansätzen aus Psychotherapie, Beratung und Coaching (inkl. deren Wirksamkeit und Grenzen) erwartet, fährt KAST genau zwei Möglichkeiten auf, die Psyche aus der Krise zu helfen oder einer solchen vorzubeugen: die Praxis der Meditation und die Prinzipien der philosophischen Stoiker.
Bei allem Respekt vor den Potentialen dieser beiden Ansätze: Diese Betrachtung fällt gegenüber der Darstellung der körperbasierten Faktoren doch ziemlich stark ab.

Überraschend ist dann – wie schon angedeutet – das Gewicht der dritten Perspektive: der Einflussnahme auf psychische Befindlichkeit und Gesundheit durch psychoaktive Substanzen. Hier hat sich KAST offenbar voller Eifer und Experimentierfreude eingelassen und so eindrückliche Erfahrungen gemacht, dass seinen Ausführungen schon fast etwas Missionarisches anhaftet.
Sicher spricht nichts dagegen, über die erstaunlichen therapeutischen Effekte von MMDA und Psilocybin im Bereich von Depression und Traumafolgen zu berichten. Im Gegenteil: Das ist ganz sicher ein hochinteressantes Thema und die Konsequenzen für die zukünftige psychiatrische und psychotherapeutische Arbeit könnten durchaus erheblich sein.
Die Anwendung solcher Substanzen aber zum jetzigen Zeitpunkt einem breiten Publikum quasi als Eigentherapie alternativ zu Meditation, Sauna oder Ernährungsumstellung anzubieten, erscheint doch ein wenig abwegig (um es zurückhaltend auszudrücken).

Sollte jemand, der – wie in einem SPIEGEL-Gespräch bestätigt – keine eigenen Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht hat (und sich daher diesem Thema nicht näher widmet), wirklich einen “Kompass” für den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der psychischen Gesundheit schreiben? Wirkt das nicht ein wenig so, als ob man über die Unterwasserwelt schreibt, ohne jemals selbst einen Tauchkursus absolviert zu haben?
Es fällt auf, dass KAST (fast) ausschließlich Methoden anführt, die man (auch) ganz für sich alleine durchführen kann. Hier genau liegt der Unterschied zu dialogischen Verfahren, in denen Therapeuten, Beraterinnen oder Coaches eine Prozessbegleitung, eine Außenperspektive, Rückmeldungen und Korrekturen bieten. Warum soll das alles ungenutzt bleiben?

Selbst wenn seine Hinweise und Ratschläge im ersten Teil noch so sinnvoll und gut begründet sind und seine Darstellungsweise überzeugend rüberkommt – in diesem Buch wird ein extrem einseitiges und in keiner Weise repräsentatives Bild der psychosozialen Versorgungslandschaft und ihren Methoden gezeichnet.
Man sollte sich schon entscheiden: Entweder schreibe ich von meinen persönlichen Erfahrungen (und nenne das dann auch so), oder ich offeriere einen “Kompass” – und damit ein halbwegs realitätsgetreues Abbild des untersuchten Bereiches.

Sieht von von dieser schwerwiegenden Einschränkung ab, kann man den ersten Teil des Buches uneingeschränkt empfehlen, ebenso die informativen und motivierenden Ausführungen über den Nutzen von Meditations-Übungen..
(Die Hörbuch-Version dieses Buches ist übrigens sehr gut gelungen; der Sprecher gibt die Intentionen des Autors glaubhaft weiter).

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

“Bewusstseinskultur” von Thomas METZINGER

Bewertung: 4 von 5.

Der stark mit den Neurowissenschaften verbandelte Philosoph METZINGER hat mit seinem “Ego-Tunnel” (2014) ein Standardwerk zum Stand der Bewusstseins- und Kognitionswissenschaften veröffentlicht. Viele später erschienenen Publikationen sind nicht wesentlich über die Erkenntnisse und Interpretationen dieses inspirierenden Buches hinausgegangen.
Entsprechend groß war die Spannung hinsichtlich seines neuen Buches, das ein bereits 2014 gesetztes Thema aufgreift und vertieft.

Der gesellschaftliche Kontext, in den METZINGER seine Ausführungen zur Bewusstseinskultur stellt, ist zunächst überraschend und irritierend: Es ist die unerbittlich heranrückende Klima-Katastrophe, die seiner Analyse nach realistischer Weise nicht mehr aufzuhalten ist. Dies sei zwar möglicherweise rein physikalisch noch möglich, nicht aber bei der Berücksichtigung der psychologischen, politischen und institutionellen Trägheiten.
Genau dies nimmt der Autor zum Anlass, darüber nachzudenken, wie wir als denkende und fühlende Wesen in den bevorstehenden Zeiten psychisch überleben können – und zwar auch dann, wenn demnächst klimatische und gesellschaftliche Kipppunkte (Panikpunkte) überschritten sein sollten.
Da muss man erstmal schlucken.

Doch es geht nicht nur um die Bewältigung des menschlichen Scheiterungs-Prozesses. Natürlich geht METZINGER davon aus, dass wir – solange es eben geht – an der Eindämmung der Klimawandel-Folgen arbeiten. Für uns reiche Länder bedeutet das: ein massives “grünes Schrumpfen” zu bewerkstelligen und zu akzeptieren.
Hier könnte dann eine gelungene Bewusstseinskultur zu eine alternativen Sinngebung beitragen, die den Verlust der gescheiterten Wachstums-Konsum-Spirale auszugleichen versucht.

Was nun “Bewusstseinskultur” genau sein könnte, stellt der Autor im Hauptteil seines Buches dar. Ganz grob gesprochen geht es einerseits darum, durch bestimmte (insbesondere meditative) Praktiken mehr Kontrolle über die eigene (gedankliche) Innenwelt zu erlangen und den Fokus auf grundlegende Erfahrungen des “Seins” zu konzentrieren.
Parallel dazu sollen hinsichtlich der rationalen Erkenntnisversuche bestimmte Maßstäbe gelten, die einen gesellschaftlichen Konsens ermöglichen: Orientierung an Fakten, Empirie, Logik und einer ethischen Grundhaltung gegenüber allen empfindungs- und leidensfähigen Geschöpfen (einschließlich der zukünftigen Generationen).

Das klingt alles ehr abstrakt und es wird Zeit, etwas zum Denk-und Schreibstil von Thomas METZINGER zu sagen. Der Autor ist auf mehreren Ebenen so etwas wie ein “Grenzgänger”. Schon seit Jahrzehnten überschreitet er die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen und hat maßgeblich dazu beigetragen, die Neurowissenschaften in die Philosophie zu holen (oder umgekehrt?). Aber METZINGER kratzt auch an anderen Tabus: Er ist nicht nur an asiatischen philosophischen bzw. spirituellen Traditionen interessiert, sondern meditiert seit langer Zeit intensiv und hat mit einer ganzen Reihe von psychedelischen (psychoaktiven) Substanzen recht nahe Bekanntschaft geschlossen.
Der Hintergrund: METZINGER sucht einerseits nach wünschenswerten alternativen Bewusstseinszuständen (darin sieht er eine potentielle Bereicherung), andererseits ist er dem inneren Kern, der Grunderfahrung des “bewussten Seins” auf der Spur. Und diese ist seiner Erfahrung nach nicht nur sprachfrei, sondern beinhaltet auch eine weitgehende Auflösung des Ich-Bewusstseins.

Dies ist also der Hintergrund für die hier dargelegten Thesen und Vorschläge. Man muss also einkalkulieren, dass METZINGER die normale Alltagssprache schonmal verlässt, eigene Begriffs-Schöpfungen einbringt und insgesamt auf einem recht hohen Abstraktionsgrad argumentiert. Manches mag man sogar ein wenig schräg finden – wie seine Überlegungen zur Leidensfähigkeit von KI-Systemen (wobei die jüngsten Durchbrüche bei den ChatBots hier seine Kritiker vermutlich leiser werden lassen).
Jedenfalls ist das hier kein leicht lesbares Gute-Laune-Buch. Es geht nicht um esoterische Wellness-Angebote oder um Weltausstiegs-Szenarien. Der Autor ringt um eine Möglichkeit, mithilfe von (nicht-religiösen) spirituellen Praktiken die geistige Gesundheit in chaotischen Zeiten zu erhalten.
Kommen wir nochmal zu den Haltungen: METZINGER ist davon überzeugt, dass wir einen klaren Blick auf die Welt und in unseren Geist richten sollten. Wir sollten uns nichts vormachen, uns nicht ablenken oder durch irrationale Heilsversprechen trösten lassen. Für ihn führen sowohl rationales Denken als auch der Blick nach innen zu einer intellektuellen Redlichkeit. Diese mag zwar zu schmerzlichen Erkenntnissen führen, schenkt dafür aber eine weitgehend unverstellte Klarheit und geistige Reinheit.

Für die meisten Leser/innen (soweit sie noch nicht mit der Gedankenwelt des Autors vertraut sind) wird es in dem Buch immer mal wieder Stellen geben, an denen sie “aussteigen”. Metzinger mutet einiges zu, eben auch befremdliche Ideen. Für Menschen, die Meditation für eine esoterische Spinnerei halten, ist z.B. der Text sicher nicht geeignet. Die Suche nach dem innersten, puren Bewusstheitskern gehört sicher für die meisten nicht zu ihren vordringlichen Zielen.
Für alle, die rund um Philosophie, Spiritualität und Naturwissenschaft gerne die Erkenntnis- und Lösungsdimensionen erweitern möchten, bietet dieses Buch eine reich gefüllte Fundgrube.
Allerdings darf man nicht erwarten, dass hier eine Art Fortsetzung des EGO-Tunnels geboten wird: Neurowissenschaften stehen in diesem Buch eindeutig nicht im Mittelpunkt.
Es ist ein eher persönliches Buch eines klugen und tiefsinnigen Menschen, der angesichts des menschlichen Versagens um eine Minimallösung ringt – die selbst auch dann noch Sinn geben könnte, wenn das “große” Scheitern nicht mehr aufzuhalten ist.

(Übrigens: Man kann auch als Einstieg das “Philosophische Radio” vom 27.02.23 hören.)

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

“Achtsam Morden im Hier und Jetzt” von Karsten DUSSE

Bewertung: 2.5 von 5.

Karsten DUSSE hat mit “Achtsam Morden” eine eigene Marke geschaffen, mit internationalem Erfolg.
Nach einem ersten Abbruch hier der zweite Versuch einer Annäherung.

Als Protagonist lässt der Autor einen Rechtsanwalt auftreten, der seinen Lebensunterhalt durch die Verbindung zum organisierten Verbrechen bestreitet. So lebt er in einer Art Grauzone zwischen einem Mainstream-Leben als getrennt lebender Vater und Ex-Ehemann und als Edel-Ganove, der sich nach Bedarf den (kriminellen und gewalttätigen) Ressourcen seiner Organisation bedienen kann.
DUSS setzt auch auf anderen Ebenen auf ungewohnte Kontraste und hat so jede Menge Aufmerksamkeit auf seine Romane gezogen: Er verbindet Versatzstücke aus der Psycho-Welt – Coaching, Therapie, Achtsamkeitskult – mit gewaltvollen (mörderischen) Handlungen gegenüber Gegnern, die auch aus dem kriminellen Milieu stammen (und daher offenbar keiner Schonung oder Mitgefühl bedürfen). Sein Erfolgsschlüssel liegt also in der überraschenden und befremdlichen Anwendung von Prinzipien der sanften Psycho-Szene auf handfeste Gewaltausübung.
Das Ganze ist eingebettet in eine egozentrisch-ironisch-zynische Grundhaltung des Protagonisten gegenüber seinen Mitmenschen. Die Grundbotschaft lautet: Man kann also achtsam böse sein!
Gleichzeitig beinhaltet der zu opulenten Detailschilderungen neigende Schreibstil Von DUSS eine augenzwinkerndes Distanzierung zu den Inhalten – so dass man das Ganze natürlich auch als einen tollen Spaß in Richtung “Schwarzer Humor” betrachten kann (was die meisten Leser/innen vermutlich auch tun).

In dem hier besprochenen Buch geht es um die Bhagwan- und Tantra-Szene.
Der Anwalt gerät zufällig in eine dramatische Verwicklung, da sein Achtsamkeits-Coach plötzlich von seiner Bhagwan-Vergangenheit eingeholt wird. DUSS konstruiert auf diesem – reichlich ausgeschmückten – Hintergrund eine Art Krimihandlung, die natürlich wieder einen geschickt inszenierten Mord beinhaltet. Die Perfektion dieses Verbrechens und seine Vertuschung werden mit einem sarkastischen Zynismus zelebriert.

Man kann diesem Buch natürlich nicht jeden Unterhaltungswert absprechen. Es gibt so etwas wie Situationskomik, unerwartete Wendungen und sicher auch ein paar treffende und entlarvende Beobachtungen der von DUSSE besonders gerne bloßgestellten Milieus. Dazu gehören z.B. auch die “Öko-Spinner” mit ihren Lastenfahrrädern und E-Autos (denen vermutlich auch der Autor selbst eher kritisch gegenübersteht).
Um den Hype um dieses Genre nachvollziehen zu können, muss man aber wohl etwas anders gestrickt sein als ich. Man muss grundsätzlich dazu bereit sein, Zynismus, Gewalt und Mord in einem bestimmten Kontext “witzig” zu finden. Ich will das keineswegs moralisch verurteilen – es gibt eben unterschiedliche Arten von Humor und nicht jede/r ist so hypersensibel, die Inhalte solcher Bücher als letztlich doch eine Spur “menschenverachtend” zu empfinden.
Das ist ganz sicher Meinungssache. Ich jedenfalls brauche keinen weiteren Einblick in die Welt des achtsamen Mordens.

Willkommen im Buch-Blog “Weltverstehen”

WELTVERSTEHEN ist jetzt BUCH-BLOG und Web-PROJEKT

Ich stelle “Wissensbücher” vor und begründe meine Bewertung ihrer Qualität und ihres Nutzens.
Schwerpunktmäßig sind das Sachbücher; gelegentlich aber auch Romane, die zum Verständnis unseres Daseins beitragen können.

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Corona-Impfung: Precht und Wagenknecht auf dem Holzweg?

Ich bin selbst überrascht, dass mich das Corona-Thema nochmal aufrüttelt. Aber ich ärgere mich gerade – über die aktuelle Impf-Diskussion und wie einige Menschen sie führen. Dabei geht es mir nicht um die Ignoranten und Spinner (da kann man sowieso nichts machen), nicht um einzelne Promi-Sportler (die interessieren mich persönlich nicht), sondern um öffentliche Personen, die durch ihr politisches oder intellektuelles Wirken eine gewisse öffentliche Orientierungs-Funktion gewonnen haben.
Grundlage für meine Ausführungen sind der Auftritt von Sarah Wagenknecht bei Anne Will (am 31.10.) und der Lanz/Precht-Podcast (vom 29.10.).

In beiden Auftritten wird ein “öffentlicher Druck” beklagt, der in steigendem Umfang auf Impf-Unwillige ausgeübt werde. Dies sei (hauptsächlich) aus folgenden Gründen inakzeptabel:
– es gäbe keine rechtliche Grundlage für eine Verurteilung dieser Menschen
– die Entscheidung betreffe nur das eigene Gesundheitsrisiko
– die Ungewissheit bzgl. der Langzeitfolgen neuer Impfmethoden sei nachvollziehbar

Der erste Punkt ist schnell abgearbeitet: Es gibt keine Impfpflicht; wer sich nicht impfen lassen möchte begeht keine Straftat oder Ordnungswidrigkeit. Fertig.

Die zweite These kann so nicht stehen bleiben.
Einmal ist es erwiesen, dass eine geimpfte Person auch im Falle einer Infektion weniger ansteckend für andere ist. Damit ist der persönliche Schutz auch ein Akt der Solidarität.
Das Risiko einer eigenen Erkrankung nicht durch eine Impfung zu minimieren hat aber noch viel weitergehende gesellschaftliche Auswirkungen: Die Covid-Behandlungen verursachen täglich enorme Kosten (von denen kaum jemand spricht), belasten die Mitarbeiter/innen in den Krankenhäusern bis an die Schmerzgrenze und verhindern die angemessene und zeitnahe Behandlung andere Krankheitsfälle. All das wäre vermeidbar!
Sich dagegen zu sperren, stellt m.E. eine beklagenswerte Übersteigerung eines individuellen Freiheitsbegriff dar – der sich selbstverständlich darauf verlässt, dass andere (die Allgemeinheit) die Folgen tragen.
Es stimmt, wir lassen es auch zu, dass Menschen auf anderen Wegen ihre Gesundheit ruinieren und damit das Gesundheitssystem belasten. Aber es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen individuellem Fehlverhalten (beim Essen, Trinken und bei der Bewegung) und dem Verhalten in einer Pandemie: Der liegt in der klaren Abgrenzung zwischen ja und nein. Es geht nicht um die Komplexität einer individuellen Lebensführung, sondern um einen Piks.

Kommen wir zu den Langzeitfolgen.
Es ist erschreckend, dass ein Berufs-Logiker wie Precht auf einem Auge blind ist. Zwar führt er an, dass man ja kurz nach der Einführung einer neuen Impfstoff-Technik späte Schädigungen vom Prinzip her nicht ausschließen könne. Er tut aber so, als ob die Wissenschaft keine Ahnung davon hätte, was da alles durch die neue Methode im menschlichen Körper passiert bzw. passieren könne. Er hat offensichtlich nicht verstanden, dass der mRNA-Wirkstoff nur deshalb funktioniert, weil man dessen Funktionsweise eben ganz genau kennt – und eben auch dessen Verhalten und Auswirkungen nach der Impfung (der Stoff wird nämlich – genauso wie die natürlich vorkommende RNA – kurzfristig abgebaut). Das, was da mit dem Virus passiert, weiß man, plant man, sieht man.
Es erscheint wie ein magisches Denken, eine Art grundsätzliche Wissenschaftsskepsis zu sein, alles was irgendwie “genetisch” ist, mit einem Misstrauen zu versehen. Wenn aufgrund der (gründlich) erforschten und verstandenen Prozesse klar ist, dass die Erbinformationen auf der DNA nicht verändert werden (können) – warum sollte man das mehr bezweifeln als alle anderen High-Tech-Medizin (der man sich bei Bedarf gerne anvertraut)?
Precht sagt (mehrfach), dass er Kinder nicht impfen lassen würde, weil deren Immunsystem ja noch “im Aufbau” wäre. Hat er sich wirklich damit befasst, was ein mRNA-Wirkstoff mit der generellen Entwicklung eines Immunsystems zu tun hat? Ich bezweifle das sehr.

Kurz gesagt: Mich ärgert, wenn Menschen mit einem öffentlichen Renommee sich anmaßen, ihre persönliche Meinung mit einer (zweifelhaften) medizinischen Argumentationen zu vermischen und zu begründen. Auch die bekundete relative Gewichtung von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität/Verantwortung finde ich bedenklich.
All das ist natürlich erlaubt – so wie fast alle Meinungsäußerungen. Aber es ist für mich enttäuschend.

“Diebe des Lichts” von Philipp BLOM

Bewertung: 4 von 5.

Der Historiker Philipp BLOM ist auch ein guter Geschichtenerzähler. Das beweist er in seinen lebendig geschriebenen historischen Sachbüchern, aber auch in Prosa-Texten, in denen Geschichte sich als an Einzelpersonen gebundener Handlungsfaden manifestiert.
Für sein neues Buch hat sich BLOM den Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert und als Schauplatz hauptsächlich das durch den Katholizismus geprägte Italien ausgesucht.
Inhaltlich steht neben den – von Machtgier und Menschenverachtung geprägten – Repräsentanten der Staatskirche – vor allem die Kunst der Malerei und das Leben der einfachen Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung. Insgesamt entsteht so ein Bild von einer Welt voller Willkür und Gewalt, in der Schicksale einzelner Menschen kaum einen Wert haben.

Erzählt wird das Leben des “Blumenmalers” Sander, der als Kind in seiner holländischen Heimat durch einen brutalen Überfall Spanischer Besatzer traumatisiert wird. Zusammen mit seinem Bruder (der durch diesen Vorfall seine Sprache verliert), schlägt sich Sander auf abenteuerliche und beschwerliche Weise quer durch Europa und entwickelt dabei seine Malkunst bis zu einem professionellen Niveau.
In Rom gerät er als Mitarbeiter eines renommierten Künstlers schließlich in die (alles andere als brüderliche) innerkirchlichen Konflikte zwischen den verschiedenen Machtzentren. Seine Aufträge – halb Kunst, halb Intrigen – führen ihn nach Neapel und Palermo.
In Neapel begleiten wir Sander bei dem Versuch, sich unter den schwierigsten Bedingungen so etwas wie ein privates Glück aufzubauen. Doch dagegen stehen nicht nur die armseligen und oft menschenunwürdigen Lebensumstände, sondern auch mächtige Gegner mit ihren Interessen.

Insgesamt ist es ein buntes und facettenreiches Bild, das uns BLOM in diesem Roman zeichnet. Das sehr wortgewaltig ausgemalte “pralle Leben” ist – sicherlich historisch korrekt – für die allermeisten Menschen in erster Linie von Gewalt, Unterdrückung und Armut geprägt. Dies spürbar zu machen, war ganz sicher das Anliegen des Autors; ohne Zweifel ist ihm das gelungen.
Vermittelt wird die zentrale Machtstellung der Kirche, deren Vertreter sich von der ursprünglichen christlichen Botschaft Lichtjahre entfernt haben. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie unauflösbar eng die Verbindung von Kunst und Religion in dieser Zeit war; ebenso wie menschenverachtend mit dem vermeintlichen Schutz der Kirche vor Zweifel und Ketzern letztlich persönliche Macht und Privilegien verteidigt wurden.
Ein Gemälde der Sittenlosigkeit.

Die erzählte Lebensgeschichte enthält ausreichend Spannung und Dynamik, um auch die Leser/innen bei der Stange zu halten, deren Hauptmotivation in dem Verfolgen eines Einzelschicksals liegt. Es schadet dem Genuss an diesem Buch sicherlich nicht, wenn man sich für Malerei dieser Epoche interessiert; BLOM lässt einige Stars des Kulturlebens als Nebenfiguren auftreten.

Insgesamt bietet BLOM keinen Ausnahmeroman, schenkt aber einen vielschichtigen Einblick in eine Epoche, in der man sein persönliches Leben sicher nicht hätte verbringen wollen.
Zivilisatorischer Fortschritt ist eben doch eine gute Sache; wir müssten “nur noch” dafür sorgen, dass er bei allen Erdenbewohnern ankommt und uns auch zukünftig erhalten bleiben kann.

Der neuer Bundestag – nur ein formales Theater?

Mich erfreut die insgesamt frische und zukunftsgewandte Stimmung, die von dem sich neu konstituierenden Bundestag ausgeht. Es entsteht der Eindruck, dass ein bisschen mehr Realität, Bürgernähe und Vielfalt in das “hohe Haus” eingezogen ist.
Es gibt erstaunlich viel neue und relativ junge Abgeordnete – unter ihnen sicher sehr viele Menschen, auf die die oft pauschalen Zuschreibungen – sie gehörten einer Art bürgerfernen privilegierten Kaste an – mit Sicherheit nicht passen.
Eine Chance für die Demokratie – insbesondere für die Einbindung der jüngeren Generationen.

Ein bisschen scheinen wir als Wahlbürger Glück gehabt zu haben. Außer bzgl. der Abwahl der CDU/CSU waren die Wahlergebnisse schließlich gar nicht so außergewöhnlich. Es war letztlich ein Verdienst der Parteien selbst, dass so vielen jungen Leuten der Einstieg in die Bundespolitik ermöglicht wurde. So kriegen wir als Bürger/innen mehr Erneuerung geschenkt, als wir uns selbst “verdient” haben.
Keine schlechte Bilanz für die so oft kritisierte Parteien-Demokratie.

Seien wir also heute ruhig mal ein bisschen stolz auf unser Gemeinwesen; auch wenn niemand so naiv sein wird, die weiter bestehenden Probleme und Risiken zu verleugnen.
Dort in Berlin sitzen eine Menge Menschen zusammen, die sich für unser Land ernsthaft engagieren. Es wirkt auch sympathisch, wenn man – so wie heute – beobachten konnte, wie oft auch sehr herzliche Glückwünsche über Parteigrenzen hinweg ausgetauscht wurden.
Es gibt nicht so fürchterlich viele Parlamente auf diesem Planeten, von denen man sich besser vertreten fühlen könnte.

Sondierungs-Ergebnisse

Man hat es ja geahnt: Natürlich würde es die FDP schaffen, den Fahrplan der Ampel am stärksten zu prägen.

Lindner war klug: Er hat sich sehr früh im Wahlkampf auf seine Essentials festgelegt (keine Schulden, keine Steuererhöhungen) und hat so zu einem Zeitpunkt “Rote Linien” definiert, der noch nicht in direktem Bezug zu Verhandlungen über eine Koalition standen. Von dieser sicheren Basis aus konnte er dann die Flexibilität der anderen Parteien einfordern. Tricky!

Dazu kommt offensichtlich ein besonderer Bonus, weil sich die FDP sozusagen am stärksten auf fremdes Terrain begeben hat. Das führt dann paradoxer Weise dazu, dass ihr fast eine Heimspiel-Situation geboten wird. Man staunt!

Für die GRÜNEN ist die Situation ziemlich schwierig. Sie stehen für den Klimaschutz – was dazu führt, dass auch alle die Beschlüsse, die ihre Partner auch von alleine hätten treffen müssen, auf das Konto der GRÜNEN gebucht werden. Sie müssen jetzt also “dankbar” für den Teil der Vereinbarungen sein, die ja weitgehend längst beschlossen sind (bzw. sich aus der allgemeinen Situation von selbst ergeben hätten).
Damit sind sie weitgehend abgespeist – und müssen den anderen Parteien andere Politik-Bereich überlassen.
(Erstaunlich ist es allerdings, dass die FDP scheinbar ihr gesamtes Wirtschaftsprogramm durchsetzen konnte, den GRÜNEN aber in ihrem Bereich noch nicht einmal das Tempolimit zugestanden wurde).

Über all das könnte man sich ärgern – bringt nur nichts.
Es gibt keine sinnvolle Alternative zu dieser Koalition. Es ist zu hoffen, dass in den Ausgestaltungen des Koalitions-Vertrages noch ein paar positive Überraschungen stecken.
Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass sich insgesamt eine andere politische Stimmung im Land ausbreitet, die auch eine gewisse Eigendynamik erzeugt.
Außerdem muss man realistischer Weise davon ausgehen, dass nur die GRÜNE Regierungsbeteiligung garantieren kann, dass vereinbarte Ziele auch in konkrete Schritte umgesetzt werden. Deshalb lohnt sich das Ganze auf jeden Fall.
Bin nur gespannt, ob Kritik, Widerstand und problematische Folgen der neuen Klimapolitik dann auch gemeinsam getragen werden – und eben nicht bei den GRÜNEN abgeladen werden.