Zwischen Welten – Juli ZEH und Simon URBAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieser Roman – ein garantierter Bestseller – schließt nahtlos an die letzte Veröffentlichung (“Über Menschen”) der Star-Autorin an. Auch in diesem Werk befassen sich ZEH und ihr Mitautor mit der vermeintlichen Spaltung in unserer Gesellschaft.
Damit unübersehbar wird, wie dicht die Autoren am Puls der Zeit schreiben, datieren sie die Beiträge ihrer beiden Protagonisten (Stefan und Theresa) chronologisch durch das Jahr 2022 (bis zum Oktober).

Der Text besteht tatsächlich ausschließlich aus Chat- und Maildialogen dieser beiden Personen; soweit Ereignisse oder Handlungen beschrieben werden, sind diese in die jeweiligen Botschaften eingewoben. Die Kommunikation zwischen Autoren/Erzählern und der Leserschaft erfolgt also “über Bande”.

Für Aussagekraft und Wirkung einer solchen Konstruktion – kontroverse gesellschaftliche Positionen zu personalisieren – ist natürlich entscheidend, welche beiden “Welten” da gegenseitig in Stellung gebracht werden.
Auf der einen Seite ist da ein erfolgreicher Journalist, der als Teil einer liberal-ökologisch-genderaffinen Szene (man nennt das heut “Blase”) damit beschäftigt ist, die Veränderungen in der Print-Medienwelt im Schatten der Social-Media-Kanäle zu gestalten und zu erleiden. Dabei steht das große Meta-Thema “Klimawandel” exemplarisch für die Grundsatzdebatte, wie der “seriöse” (neutrale) Journalismus mit der Forderung nach klaren Positionen und Haltungen umgehen soll – angesichts der Größe und Dramatik der aktuellen Herausforderungen. Kurz gesagt: Wie vertragen sich Aktivismus und Journalismus?
Ihm gegenüber steht eine Landwirtin, die sich nahezu rund um die Uhr und im Schweiße ihres Angesichts darum bemüht, einen in Brandenburg geerbten kleineren Hof durch all die Krisen zu steuern, denen sie sich durch wirtschaftliche, gesetzliche und bürokratische Zumutungen ausgesetzt fühlt.

Damit diese Kontrahenten ein ganzes Buch lang diskutieren und streiten können, muss es natürlich eine Verbindung geben: Die beiden hatten zusammen in Münster studiert und dort in einer Zweier-WG sehr vertraut (aber rein platonisch) zusammengelebt, sich dann aber wegen des plötzlichen Umzugs von Theresa aus den Augen verloren.
Während das am Anfang des Prozesses als Bindungsglied reicht, wird später noch ein (besonders bei Stefan) erwachendes erotisches Interesse als Stabílisierungelement eingeführt. Das führt dazu, dass sich die Inhalte der schriftlichen Dialoge in der zweiten Hälfte des Buches auf den privaten, emotionalen Bereich ausdehnen.

Während also die Leserschaft recht ausführlich mit Journalismus und Landwirtschaft in Kontakt kommt, findet parallel ein heftiger Schlagabtausch zu den Aufreger-Themen des Jahres 2022 statt: Gendern (er ja, sie nein), Ukraine-Unterstützung (er ja, sie skeptisch), Tierhaltung (er nein, sie liebt ihre Kühe), Klima-Engagement (er ausgeprägt, sie zunehmend genervt).
Die Autoren fokussieren immer wieder auf den Gegensatz zwischen “intellektuell-phrasenhafter Theoriewelt” und “bodenständiger Auseinandersetzung mit realen und handfesten Problemen”. Typischerweise schreibt Stefan in der Pause irgendeines “bedeutsamen” Meetings, während Theresa bereits die zweite Melk-Schicht hinter sich hat (die erste fand um 4:00 Uhr früh statt).
Es dauert nicht sehr lange, bis der Eindruck entsteht, dass die Sympathie der Autoren eher bei der “Frau der Tat” und ihren Mitstreitern liegt, als bei dem “intellektuellen Schwätzer” in der Hamburger Medien-Blase und den fanatischen AktivistInnen in seinem Umfeld.

Es gibt einige Punkte, die diesen Roman für mich zu einem sperrigen und manchmal auch ärgerlichen Leseerlebnis gemacht haben. Damit diese Rezension nicht endlos wird, will ich dies als Aufzählung darstellen:
– Beide Figuren erscheinen öfters so naiv oder werden so klischeehaft dargestellt, dass man sie in diesen Momenten kaum als “echte” Personen anzunehmen vermag.
– Es erscheint immer wieder wenig realistisch, dass die gemeinsame Vergangenheit auf Dauer in der Lage sein könnte, die zwischendurch stark eskalierenden Angriffe und spürbaren Entfremdungen auszugleichen.
– Das erwachende gegenseitige erotische und emotionale Interesse lässt sich nur schwer aus dem Verlauf der Kommunikation nachvollziehbar ableiten. Insbesondere Stefan steigert sich gegen Ende in einem Ausmaß da hinein, wie man es kaum einem etablierten Profi-Journalisten zutrauen würde.
– Warum sich am Ende des Buches plötzlich eine Action-Szene um die Bergung einer Leiche in das Buch verirrt, bleibt wohl das Geheimnis der Autoren (und des Lektorats).

Welche Botschaften bekommt nun die Leserschaft zu den beiden Welten und deren Verbindungsmöglichkeiten?
– Es ist offenbar möglich, selbst über gravierende Überzeugungsunterschiede im Gespräch zu bleiben (wenn man entweder einen sehr feste gemeinsame Basis hat oder sich gleichzeitig angezogen fühlt – am besten beides).
– Es droht scheinbar die Gefahr, dass maßlos-radikale AktivistInnen das Kommando über die Medien übernehmen und uns ihr moralischen aufgeladenen Meinungsdiktat aufoktroyieren.
– Den “einfachen Leuten” (exemplarisch den Kleinbauern) wird von lokalen Behörden, von Berlin und von Brüssel das Leben so schwer gemacht (eigentlich “zur Hölle”), dass man sich nicht wundern muss, dass aus der Verzweiflung heraus auch illegale (und rechtslastige) Protestformen entstehen.
– So richtig führt der versuchte Dialog letztlich nicht zusammen: Die (ideologischen) Ausgangslagen, die konkreten Lebenswirklichkeiten und die persönlichen Ziele sind und bleiben dann doch inkompatibel.

Wer sich mal in dieser speziellen Form mit den klassischen Argumenten der großen gesellschaftlichen Debatten befassen möchte, wird in diesem Buch fündig. Die beiden Autoren haben den jeweiligen Sprech drauf. Weniger geeignet erscheint dieser Roman als eine erhellende Beziehungs-Studie von zwei Menschen in zwei Welten zu sein – dafür sind die Prozesse zwischen den Dialogpartnern zu irritierend.
Juli ZEH hat jedenfalls ein weiteres Mal ihre Distanz und ihre Skepsis gegenüber einem “woken” Milieu zum Ausdruck gebracht, das sie eher mit Arroganz und Übergriffigkeit in Verbindung bringt als mit ehrlichem Engagement. Das mag in Teilbereichen nachvollziehbar sein; in Bezug auf die Klimafrage scheint es aufgrund ihrer Ausgestaltung des Themas eher zweifelhaft, ob sich die Autoren der realen Dramatik und des damit verbundenen Handlungsdrucks tatsächlich bewusst sind.


28.01.2023 Sensitivity-Reading

Foto von RODNAE Productions: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-blauen-jeansjacke-lesebuch-5530681/

In der aktuellen ZEIT bin ich auf folgendes Phänomen gestoßen: Einige Verlage beschäftigen inzwischen sog. “Sensitivity-Reader”, um sicherzustellen, dass sich durch die eingereichten Manuskripte möglichst keine – potentiell diskriminierungsgefährdete – Gruppe in irgendeiner Weise “verletzt” fühlt.
Personen, die selbst solchen Minderheitsgruppen angehören (also z.B. nicht-weiß, homo-/bisexuell, transsexuell, queer, nicht deutschstämmig sind) durchforsten die Texte nach Stellen, in denen potentiell “sensible” Personen handeln, beschrieben werden, sich selbst darstellen oder in Dialogen angesprochen bzw. bezeichnet werden.
Werden dabei Formulierungen gefunden, die nach der Einschätzung des Testlesers bzw. der Testleserin als diskriminierend oder als unstimmig mit der Selbstdefinition der jeweiligen Gruppe empfunden werden könnten, werden alternative – also sicherere – Vorschläge gemacht.
Zweck des Ganzen ist es in erster Linie, mögliche Protesten der betroffenen Gruppen von vorneherein zu vermeiden.

Mich hat diese Information echt schockiert!
Soll denn ernsthaft ein/e Autor/in in Zukunft nicht mehr die Möglichkeit haben, Figuren zu entwerfen oder Dialoge zu entwickeln, die nicht in Übereinstimmung mit den jeweils “woken” Korrektheitsregeln diverser Minderheitsgruppen stehen? Dürfen in einem fiktiven Dialog keine Beleidigungen mehr vorkommen – obwohl ja genau dadurch der Charakter einer Romanfigur erst zum Tragen kommt? Dürfen z.B. Transmenschen als Protagonisten in Erzählungen sich nur so empfinden und nur so auftreten, wie es die gerade (laut)stärkste Aktivistengruppe als typisch oder angemessen definiert? Was ist, wenn sich das Selbstverständnis queerer Menschen in 10 Jahren verändert hat – muss dann nachkorrigiert werden?

Um es deutlich zu machen: Nichts spräche dagegen, wenn man sich als Schreibender selbst beratende Unterstützung einholt, wenn man über Personen oder Lebenslagen textet, die einem nicht vertraut sind. Das trifft für seltene Krankheiten genauso zu wie für irgendwelche Spezialberufe. Warum sollte das nicht auch für das Schreiben über Minderheiten gelten.
Eine obligatorische “Anti-Diskriminierungs-Zensur” durch die jeweils betroffenen Gruppen stellt für mich einen unakzeptablen Eingriff in die künstlerische Freiheit des Schriftstellerberufes dar.
Wir sollten das nicht wollen und nicht akzeptieren.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

27.01.2023 Was nun, Herr Scholz?

Unterzeichnung des Koalitionsvertrages der 19. Wahlperiode des Bundestages by Sandro Halank–054.jpg

SCHOLZ war am 25.01.23 in die gleichnamige Interview-Sendung des ZDF eingeladen. In einem optimalen zeitlichen Verhältnis zur Entscheidung zu den Kampfpanzer-Lieferungen an die Ukraine.
Dank des komfortablen Mediathek-Angebots der öffentlich-rechtlichen Sender, konnte ich die Sendung nachträglich anschauen.

Ich empfehle dringend, sich diese Zeit zu nehmen.
Es werden keine Sensationen verbreitet, vieles wird mehrfach gesagt. Es lohnt sich aber trotzdem, den Gesamteindruck dieses Gespräches auf sich wirken zu lassen.
Das ruhige und sichere Auftreten des Bundeskanzlers steht in deutlichem (und angenehmen) Gegensatz zu der hektischen und überdrehten Diskussion der letzten Wochen. Zuletzt haben sich die Vorwürfe in der Politik und in den Medien geradezu überschlagen: SCHOLZ lasse die Ukraine im Stich, er verzögere die notwendigen Hilfen, er isoliere unser Land auch international, verärgere sogar die engsten Verbündeten, er sei ein Zauderer, der keine Führungsqualitäten habe, …

Was man in der Sendung sieht und erlebt, ist etwas anderes. Hier schient jemand eine klare Linie zu haben und diese auch gegen Widerstände und massiven Druck zu verfolgen. Hier scheint jemand seine Verantwortung ernst zu nehmen. Hier scheint jemand mit sich im Reinen zu sein.
Ist das keine Führung?

Ich bin kein SCHOLZ-Fan und ich stehe einer anderen Partei näher als der SPD.
Und natürlich hat die innere und äußere Diskussion auch etwas bewirkt und sicherlich auch den Kanzler in seiner Entscheidung beeinflusst.
Trotzdem: SCHOLZ hat in dieser Sache eindeutig einen Punkt gemacht und das Vertrauen in die Regierung letztlich gestärkt.
Und das tut unserem Land gut – gerade in diesen Zeiten.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

26.01.2023 Juli Zeh

Quelle: Buchcover Luchterhand Literaturverlag

Juli ZEH ist inzwischen von einer erfolgreichen Schriftstellerin zu einer gesellschaftlichen Kraft geworden. Sie hat sich als eine Intellektuelle etabliert, die dem “woken Mainstream” (den es so natürlich nur in Teilbereichen unserer Gesellschaft gibt) Paroli bietet.
Besonders deutlich wurde das in ihrem Buch “Über Menschen” (von 2021).

Seit gestern liegt ihr neues Buch vor und ich lese (höre) es bereits mit großer Neugier.
ZEH und ihr Mit-Autor haben sich die “Spaltung” unserer Gesellschaft zum Thema gemacht. Daraus ist ein Dialog-Roman geworden, in dem das Jahr 2022 aus Sicht eines klimabewussten und genderkorrekten Journalisten und einer “bodenständigen” Landwirtin betrachtet wird, die sich (fast im Tagesrhythmus) Mails schreiben.

Ich bin sehr gespannt, ob das das Ganze eher zu einer Brückenbildung zwischen den Lagern betragen könnte oder gegenseitige Klischees nur verfestigt…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

25.01.2023 Der Koran und die NATO

Foto von Abdulmeilk Aldawsari: https://www.pexels.com/de-de/foto/graustufenfoto-des-geoffneten-korans-36704/


In Schweden wurde bei einer rechtslastigen Demonstration ein Koran verbrannt – natürlich medienwirksam inszeniert. Das war keine besonders intelligente Aktion – Bücherverbrennungen haben zu recht keinen guten Ruf.
Es sollte halt eine Provokation sein – die im (immer noch) liberalen und säkularen Schweden nicht verboten ist.

Wer ist Nutznießer dieser Aktion?
Natürlich Erdogan, der gerade mit allen Mitteln versucht, trotz Wirtschaftskrise und galoppierender Inflation noch einmal wiedergewählt zu werden.
Da kann man doch ein brennendes Buch als neuen “Beweis” dafür nehmen, dass Schweden auf der falschen Seite steht und den eigenen Anhängern dadurch Macht demonstrieren, dass man gegen alle anderen NATO-Mitglieder den Beitrag Schwedens blockiert.
Das ist der Politik-Stils eines Verbündeten! Das ist nur schwer zu ertragen…

Ein Politik-Wechsel in der Türkei wäre ein großes Geschenk für Europa und die NATO.
Wir werden leider noch eine Menge schräger Aktionen erleben, die den Machterhalt Erdogans sichern sollen. Ob die deutsche oder europäische Diplomatie darauf eine Antwort finden wird, ist sehr zweifelhaft.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

24.01.2023 Über 10%?

Foto von Pixabay: https://www.pexels.com/de-de/foto/verschiedene-banknoten-und-runde-silberfarbene-munzen-210574/

Mich stört die Maßlosigkeit der aktuellen Lohnforderung von Ver.di.
Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn vor allem die unteren Lohngruppen einen deutlichen Aufschlag bekommen – angesichts der gestiegenen Preise gerade für Nahrungsmittel.
Mich nervt aber die Erwartungshaltung von Menschen, die scheinbar selbstverständlich davon ausgehen, dass möglichst alle Konsequenzen der eingetretenen Krisenlage irgendwie ausgeglichen werden müssen: durch diverse Sonderzahlungen des Staates, Energiebeihilfen und dann noch durch vollen Inflationsausgleich beim Lohn.

Wenn es – nachgewiesenermaßen – infolge des Krieges in der Ukraine einen deutlichen volkswirtschaftlichen Wohlstandsverlust gibt: Warum darf das die Bevölkerung eigentlich nicht zumindest ein wenig spüren? Warum sollen auch Gehälter von gutverdienenden Angestellten und Beamten im öffentlichen Dienst um 10% steigen? Müssen wir alle finanzielle Lasten den zukünftigen Generationen aufhalsen, um aktuell jede Unzufriedenheit im Keim zu ersticken?

Wo sind die Politiker/innen, die sich angesichts der notwendigen Kraftanstrengungen (Klima, Infrastruktur, Sicherheit, Bildung, globale Gerechtigkeit…) mal dezent darauf hinweisen, dass es vielleicht mal ein paar Jahre weniger um die private Wohlstandsvermehrung geht, sondern um die Gestaltung und Sicherung der Zukunft.

(Ja, ich weiß: 10,5% ist erstmal nur eine Forderung und kein Abschluss. Aber das ändert nichts am Prinzip).

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

23.01.2023 Insekten essen?

Bild von ivabalk auf Pixabay


In der EU dürfen ab morgen zwei Insektenarten als Lebensmittel eingesetzt werden; für acht weitere Arten laufen entsprechende Anträge. In anderen Teilen der Welt stellen Insekten und anderes Kleingetier schon lange eine wertvolle Proteinquelle dar.
Wollen wir das wirklich auch bei uns?

Ja, wir sollten es wollen!
Im Vergleich mit dem, was sich bei uns in den Fabrik-Ställen, Schlachthöfen und in der Fleischverarbeitung abspielt, ist der Einsatz von Insekten & Co ganz sicher eine deutlich weniger ekelige Sache. Wie wir alle wissen, ist das alternative Verzehren von noch mehr Fisch aus mehreren Gründen keine annehmbare Alternative.
Das in der Insektenzucht hergestellte Protein produziert weniger Emissionen, benötigt viel weniger Ressourcen und verursacht weniger Tier-Leid (weil die Empfindungs- und Leidensfähigkeit deutlich geringer ist als bei den von uns bevorzugten Tieren).
Und die Ekel-Schwelle? Wir werden das Insekten-Eiweiß sicher in der Regel nicht in Form von erkennbaren Tieren zu uns nehmen; es geht also um eine reine gedankliche Umstellung.
Das wird schon zu schaffen sein…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

22.01.2023 Mädchen in Afghanistan

Foto von Ali Azad: https://www.pexels.com/de-de/foto/sand-wahrzeichen-kliff-monument-11855445/

Die Situation der Mädchen und Frauen in dem taliban-regierten Land ist trostlos und beschämend.
Es kann nicht als Ausdruck einer kulturellen oder religiösen Besonderheit akzeptiert werden, dass das weibliche Geschlecht von Bildung, Beruf und Präsenz in der Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Die grundlegenden Menschenrechte sind nicht verhandelbar.

Daraus ergibt sich allerdings ein fast unlösbares Problem für das Umgehen mit einem Land, dass in dramatischer Weise auf Unterstützung durch Hilfsorganisationen angewiesen ist.
Kann man die vor toxischer Männlichkeit strotzende Regierung unter Druck setzen, ohne die Not der Bevölkerung noch zu vergrößern?

An diesem Dilemma könnte sich eine “feministisch-orientierte” Außenpolitik beweisen.
Ich werde das im Auge behalten.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

21.01.2023 Einzelmensch und Geschichte

Vor ca. einer Woche habe ich die Lektüre eines Buches beendet, in dem der Frage nachgegangen wurde, in welchem Umfang einzelne Führungspersönlichkeiten für den Verlauf des letzten Jahrhunderts prägend waren (zur Rezension).
Seit fast einem Jahr stellen sich zahllose Menschen mit zunehmender Ratlosigkeit die Frage, ob bzw. wie tatsächlich im 21. Jahrhundert ein einzelner Machthaber – Putin – die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Entwicklungen so weitreichend beeinflussen kann.
Was sagt das über das zivilisatorischen Niveau einer vermeintlich “intelligenten” Spezies aus, wenn die globalen Organisationen und Institutionen fehlen, die solche Rückfälle in überwunden geglaubten Imperialismus verhindern könnten?
Natürlich war unser Planet auch vor dem Ukraine-Krieg alles andere als ein friedlicher Ort. Und doch macht es einen großen Unterschied, dass sich jetzt in ganz Europa auf einmal eine militärischen Perspektive auf Gegenwart und Zukunft in die Mitte der Gesellschaft gedrängt hat.
Die eingeleiteten Entwicklungen werden in den nächsten Jahren weltweit Billionen von Euro verschlingen und sind dabei auch noch ein ökologischer Wahnsinn: Energie und Ressourcen in ungeahntem Ausmaß werden verschwendet, um der Bedrohung durch einen autokratischen Herrscher und seiner Clique etwas entgegenzusetzen.

Leider ist keine Lösung in Sicht. Der Gedanke, dass das alles von den Einstellungen, Motiven und Entscheidungen eines einzelnen Menschen abhängen könnte, ist kaum zu ertragen…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


“Feuerkind” von Lone Stephen KING

Bewertung: 3.5 von 5.

Diese Rezension bezieht sich auf die aktuell erschienene Hörbuch-Ausgabe des bereits 1980 erschienenen Romans, die vermutlich durch die 2022 erfolgte Neuverfilmung (“Firestarter”) angeregt wurde.
Die Interpretation durch den Kult-Sprechen David Nathan ist auch in diesem Fall beeindruckend und über jeden Zweifel erhaben; ihm zuzuhören ist eindeutig ein Genuss.

Das Feuer-Mädchen (Charlie) ist die Tochter von Eltern, die während ihres Studiums an einem mehr als zweifelhaften medizinisch-psychologischen Experiment teilgenommen haben. Die damals verabreichte Droge führte letztlich dazu, dass die Mutter telekinetische Fähigkeiten entwickelte, der Vater (Andy) seine Mitmenschen durch Gedankenkraft beeinflussen konnte und Charlie durch Willenskraft Feuer entfachen konnte.

Das Buch handelt davon, wie eine geheime Regierungsorganisation (“Die Firma”) mit allen Mitteln versucht, sich der Personen (Andy und Charlie) und ihrer Fähigkeiten zu bemächtigen. Auf der anderen Seite werden wir Zeugen davon, wie die beiden ihre parapsychologischen einzusetzen versuchen, um sich diesem Zugriff zu entziehen bzw. sich daraus zu befreien.

Je nachdem, wie man zu dem typischen Stil von KING steht, wird man entweder eine toll erzählte Thriller-Story wahrnehmen, die durch entsprechende Schocker-Elemente “veredelt” wird – oder man wird hier einen reichlich abstrusen Plot vorfinden, der nur den einen Zweck hat: möglichst viele drastische Gewalt-und Horrorszenen unterzubringen.

Nun wird wohl niemand ernsthaft bezweifeln, dass KING ein Erzähl-Genie ist. Mit einer relativ einfachen und geradlinigen Sprache schafft er es auch in diesem Roman, dass man schnell in die Geschichten hineingezogen wird. Dabei ist sein besonderes Markenzeichen der Einsatz besonders origineller sprachlicher Vergleichsbilder; die gelingen im auch beim Feuerkind immer wieder sehr gut.
Natürlich hängt die Qualität einer Erzählung auch von der Stimmigkeit der beschriebenen Figuren ab. Bei Charlie stellt sich wiederholt die Frage, ob man ihre Entwicklung und ihr Agieren mit den psychologischen Optionen eines so jungen Mädchens vereinbaren kann. Ihr Gegenspieler ist in einer solchen Überzeichnung die Inkarnation des Bösen, dass diese Figur nicht gerade vor Glaubwürdigkeit strotzt.
Was die innere Logik und den Spannungsbogen angeht, ist dieser Roman ebenfalls nicht besonders überzeugend – insbesondere hinsichtlich der Machtverteilung zwischen “Gut” und “Böse”. Es erscheint eher willkürlich, wann und in welchem Ausmaß die besonderen Begabungen der beiden Protagonisten handlungsentscheidend sind.

KING-Fans werden sich trotzdem ohne Zweifel vortrefflich unterhalten fühlen. Dem Sog der Identifikation mit dem “Guten” (also mit Charlie und einigen wenigen Unterstützern) kann man sich kaum entziehen. Natürlich schafft es KING auch in diesem Werk, dass man sich kaum dem Impuls entziehen kann, die Gegenspieler gnadenlos ausmerzen zu wollen. Dann weidet man sich (je nach eigener Aggressionshemmung) geradezu genussvoll an den grausamen Folgen der Zusammenstöße.
Das KING-Publikum liebt es einfach, wenn die – sonst so komplexe – Welt für ein paar Stunden so klar und eindeutig gegliedert ist.

Letztlich ist das Feuerkind ein typischer KING – sicher nicht einer seiner besten. Ein Hörbuch-Erlebnis ist er – dank David Nathan – auf jeden Fall.