22.02.2023 “Friedens-Demos” in Berlin

Foto von Disha Sheta: https://www.pexels.com/de-de/foto/natur-strand-sand-kunst-3112898/

Im Moment sieht es so aus, als ob die “Wagenknecht-Schwarzer-Demo” ein weiterer Schritt in Richtung Spaltung der LINKEN sein könnte. Die Führung der Partei hat eine Gegen-Veranstaltung vor der Russischen Botschaft angemeldet. Das ist ein gutes Signal.

Es könnte gut sein, dass sich Wagenknecht auf der Erfolgswelle ihres Manifestes endgültig in die Gründung einer populistischen Partei tragen lässt, die zwar die LINKEN schwächen, dafür aber einen Teil der bisherigen AfD-Wähler einsammeln würde.

Egal, wie man die Einzelargumente bewertet: Klar ist, dass Putin diese Demo feiern wird. Und das ist genau der Grund, warum sie falsch und schädlich ist.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

21.02.2023 Wagenknecht bei Lanz

Wikipedia

Das würde man im Russischen Staatsfernsehen gerne mal erleben: Eine Kritikerin der offiziellen politischen Linie bekommt fast eine ganze Sendung, um ihre Sichtweise darzubieten. Alle anderen Gäste waren eigentlich nur da, um auf sie zu reagieren.
Allerdings war der Neuigkeitswert verschwindend gering.

Es war, wie es immer ist: Wagenknecht (und die meisten ihrer MitstreiterInnen) tragen durchaus diskussionswürdige Gedanken vor, schaffen es dann aber durch völlig unakzeptable Formulierungen, sich selber ins Abseits zu stellen und die eigene Glaubwürdigkeit zu unterminieren. Wer von “Kriegsverbrechen auf beiden Seiten” spricht und damit die systematische Zerstörungen von Wohngebieten und ziviler Infrastruktur mit einzelnen Übergriffen auf russische Soldaten auf eine Ebene hebt, stellt sich außerhalb eines ernsthaften Dialogs. Bei vielen Äußerungen von Wagenknecht geht völlig verloren, dass dieser Krieg ausschließlich auf dem Gebiet der Ukraine stattfindet – und nicht zwischen zwei gleichermaßen verantwortlichen Kriegsparteien.

Ich bin überzeugt davon, dass eine klare und einheitliche Linie des Westerns den Krieg eher beenden kann als interne Apelle, doch bitte mehr Verständnis für die Sichtweise Putins aufzubringen.

Übrigens: Es gibt sehr gute Argumente dafür, den Krieg nicht bis zu einer Rückeroberung der Krim fortzusetzen. Für mich wäre es z.B. ein Kompromiss, nach einem Rückzug der Russen auf die Grenzen vom Januar 2022 in den besetzten Gebieten (einschließlich der Krim) Volksentscheide durchzuführen (natürlich unter internationaler Aufsicht).
Eine Verpflichtung der Ukraine zur Neutralität (außerhalb der EU und der NATO) wäre allerdings eine völlig inakzeptable Forderung), weil damit die Aufgabe der Souveränität verbunden wäre.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

20.02.2023 Schwindelig

Foto von Kammeran Gonzalez-Keola: https://www.pexels.com/de-de/foto/meer-natur-welle-blau-7925818/

Ich weiß nicht, wie es euch geht. Mir wird es geradezu schwindelig – angesichts der schier endlosen Steigerungsdynamik rund um den Ukraine-Krieg.

Seit Wochen nehmen die täglichen Meldungen rund um Kämpfe, Verluste, Drohungen, Waffenwünschen, Waffenlieferungen, Waffensysteme, Rüstungsplänen, Truppenbesuchen, Staatsbesuchen, internationalen Konferenzen, Gipfeltreffen, … kein Ende.
Heute dann die maximale Dröhnung: Biden in Kiew! Was soll jetzt noch kommen?

Ich möchte nicht missverstanden werden: Mir geht es nicht darum, die Bedeutung dieses Krieges zu relativieren. Ich will auch nicht meine Ruhe davor haben.
Ich merke nur: Es dreht sich alles in einem Tempo, das einen wirklich überfordert.
Und es wird sich in den nächsten Tagen noch einmal steigern – schließlich steht der Jahrestag bevor. Also wird es Sonder-Kämpfe, Sonder-Reden. Sonder-Dokumentationen, usw. geben.

Wir alle leben seit einem Jahr in einer Dauer-Anspannung – denn der Verlauf bleibt unberechenbar.
Ich hätte gerne eine Lösung – und dann mal ein paar Monate etwas mehr Ruhe auf der Weltbühne. Vielleicht erinnert man sich dann auch an den Klimawandel.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

19.02.2023 Afghanische Schaufenster

Foto von Chris Panas: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-foto-von-entschuldigung-wir-sind-geschlossen-zeichen-auf-glasfenster-2467649/

SPIEGEL-online berichtet, dass die Taliban-Machthaber darauf bestehen, dass weibliche Schaufensterpuppen keine Gesichter zeigen. Wobei es eine großzügige Wahlfreiheit gibt: Man kann ihnen entweder die Köpfe entfernen, oder diese verhüllen (z.B. mit Tüchern oder Plastiktüten) – beides erweckt so richtig anheimelnde Assoziationen…

Sind solche Praktiken durch eine eigene Kultur zu rechtfertigen? Durch Tradition oder Religion? Ist es westlicher Kultur-Imperialismus, wenn hier allgemeine Maßstäbe im Sinne der Menschenrechte angelegt werden?

Das sind Fragen, mit denen man sich u.a. moral-philosophisch, politisch oder feministisch auseinandersetzen kann. Wo hört das Recht auf eigene Normen und Werte auf, wo fängt die unakzeptable Unterdrückung an, wo beginnt sogar die Pflicht zum Eingreifen von außen – im Extremfall auch mit Gewalt?

Nicht alle westlichen gesellschaftlichen Errungenschaften können für sich Vorbildcharakter reklamieren – weder die fast zwanghafte Konsumorientierung, noch der der extreme Individualismus oder die Sexualisierung bzw. Pornografisierung der Medienwelt.
Haben da nicht traditionell orientierte Gesellschaften das Recht, sich davon abzugrenzen?

Doch, haben sie! Aber nicht durch das Vorenthalten basaler Menschenrechte, die inzwischen als zivilisatorische Leistung der gesamten Menschheit anzusehen sind.
Diesen Minimal-Maßstab sollten wir offensiv verteidigen und bewerben. Massive Verstöße dagegen dürfen wir auch sanktionieren (z.B. wirtschaftlich).
Mit militärischen Interventionen haben wir allerdings in den letzten Jahrzehnten keine guten Erfahrungen gemacht….

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

18.02.2023 Frieden durch China?

Foto von Lara Jameson: https://www.pexels.com/de-de/foto/fahnen-china-karte-sehr-klein-8828351/

Ich weiß: Misstrauen ist durchaus angebracht.
Es wäre naiv, davon auszugehen, dass die aktuelle diplomatische Friedensinitiative Chinas auf der Münchner Sicherheitskonferenz nicht auch ein Schachzug im zunehmenden Kalten Krieg mit der USA wäre. Vermutlich hat sie (auch) das Ziel, den engen Schulterschluss zwischen Europa und den USA anzukratzen. Alles zugestanden.

Aber: Muss man nicht trotzdem nach jedem Strohhalm greifen?!
Was wäre, wenn China einen weltweiten Image-Gewinn dadurch gewinnen wollte, dass es ernsthaft versucht, in diesem Krieg zu vermitteln? Könnte es nicht sein, dass China mit einem Ende des Krieges tatsächlich auch eigene (wirtschaftliche) Interessen verfolgt? Wäre es nicht zumindest denkbar, dass auch den Chinesischen Machthabern bewusst ist, dass auf die Menschheit riesige Herausforderungen warten?
Man weiß das alles vermutlich nicht so genau.

Aus meiner Sicht wäre es ein grober Fehler, wenn man die Ernsthaftigkeit der Ankündigungen nicht zumindest prüfen würde – immerhin wurde von Wang Yi (einem früheren Außenminister) das Prinzip der “territorialen Integrität” als eine Basis für eine Friedenslösung genannt.
Der Westen muss sich ja nicht gleich “einwickeln” lassen; man kann doch die Entwicklung beobachten. Doch jetzt nur mit abwehrendem Getöse zu reagieren, weil es gerade in die Konfrontationsstimmung passt, wäre dumm und unverantwortlich.
Sei es doch den Chinesen, den Türken oder sonst wem auf der Welt gegönnt, einen diplomatischen Erfolg dann auch politisch zu nutzen – wenn nur dafür das Kämpfen, Zerstören und Sterben aufhört.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

“A Thousand Brains” von Jeff HAWKINS

Bewertung: 4 von 5.

Es war wohl nicht ganz einfach, die Inhalte dieses Buches in einen aussagekräftigen Titel zu packen. So hat man sich mit der Übernahme des Originals beholfen – aber muss schon etwas genauer hinschauen, um tatsächlich eine Idee von dieser Publikation zu bekommen, die irgendwo zwischen einem anspruchsvollen Sachbuch und einem Fachbuch anzusiedeln ist.

HAWKINS präsentiert im ersten Teil des Buches eine umfangreich ausgearbeitete Theorie über den Aufbau und die Arbeitsweise unseres Großhirns (Cortex), das bekanntermaßen für die höheren kognitiven Funktionen zuständig ist (also für alles, was mit Denken, Planen, Sprache und Selbstreflexion zu tun hat).
Die Bedeutung der älteren Teile des Gehirns, die für unsere Vitalfunktionen, unsere Instinkte und Emotionen entscheidend sind, stellt der Autor natürlich nicht in Abrede. Aber er interessiert sich eben besonders für die oberen Gehirnwindungen, die beim Menschen so viel großzügiger bemessen sind als bei anderen Säugetieren.
Wie wir später im Buch erfahren, hat das auch damit zu tun, dass HAWKINS auch als Unternehmer im Bereich der KI (Künstlichen Intelligenz) tätig ist. Seine Forschungsarbeiten dienen also sowohl einem Erkenntnis- als auch ein Gewinnstreben.

Grob gesagt ist HAWKINS davon überzeugt, dass er mit seinem Team auf der Spur einer recht revolutionären neuen Sichtweise der Organisation unserer Großhirnrinde ist. Diese bestehe nämlich aus einer Vielzahl von relativ autonom arbeitenden Bereichen, die in dünnen Säulen angeordnet seien (etwa wie Spaghetti). in diesen – insgesamt ca. 150.000 – Säulen finde unsere Erkenntnisarbeit statt. Diese wiederum beruhe darauf, dass aufgrund von permanenten Vorhersagen (“was werde ich als nächstes spüren, hören, fühlen sehen”) und deren Korrektur durch die erhaltenen Rückmeldungen innere Modelle unserer Außenwelt gebildet und verfeinert würden, die jeweils in einem (räumlichen oder inhaltlichen) Bezugsrahmen eingeordnet seien. Da jedes Objekt in der Außenwelt von hunderten (oder tausenden) neuronalen Säulen in leicht unterschiedlicher Form modelliert werde, bilde sich in der Zusammensicht ein komplexes und realistisches Gesamtmodell (die Säulen sind natürlich reichlich “verdrahtet” und stimmen sozusagen per Mehrheitswahl ab).
In diesem Sinne spricht HAWKINS also von den “Tausend Gehirnen” in unserem Kopf.
Natürlich führt der Hirnforscher Beobachtungen und Befunde an, die diese etwas ungewöhnliche Sichtweise stützen. Selbstbewusst, wie er ist, sieht er sich schon auf der Gewinnerstraße.

Im Rest des Buches wandelt sich HAWKINS von strengen theoriegeleiteten Hirnforscher zum alltagsbezogenen Anwender.
Er macht deutlich, dass er der Entwicklung der KI hin zu wirklich intelligenten (und flexiblen) Problemlösungsmaschinen nur dann eine Chance gibt, wenn diese den Funktionsprinzipien unseres Gehirns nachempfunden bzw. nachkonstruiert würden. Das entscheidende Ziel sei es, dass auch KIs komplexe Modelle ihrer Umwelt entwickeln lernen – also irgendwann “wüssten”, was z.B. eine Katze sei (statt sie nur auf Bildern immer perfekter identifizieren zu können). HAWKINS ist überzeugt davon, dass solche Maschinen gebaut werden können und er zweifelt nicht daran, dass sich dann auch irgendwann “Bewusstsein” einstellen wird.
Die Bedenken und Befürchtungen hinsichtlich der drohenden Weltherschafft durch eine übermächtige KI hält er für unrealistisch und übertrieben. Es fehle solchen Apparaten der eigene (emotionale und motivationale) Antrieb für so etwas.

HAWKINS ist ein selbstbewusster Mensch, der auf sein Lebenswerk offensichtlich stolz ist und dem es auch Spaß macht, in potentiell kontroversen Themen ganz klar Stellung zu beziehen. Das liest sich durchaus unterhaltsam – wenn man damit umgehen kann, dass man es eben in solchen Momenten nicht mit einem vorsichtig abwägenden Wissenschaftler zu tun hat.

Das Buch schließt mit recht weitgehenden Betrachtungen über die Zukunft des Menschen: Vom denkbaren Hochladen des eigenen Gehirns, über die körperliche Verschmelzung mit KI-Bausteinen bis zur Überlegung, ob es denn wohl
Chancen gäbe, dem Universum irgendeine Form der Erinnerung an unsere Spezies zu hinterlassen. Das alles ist nicht tagesrelevant, aber durchaus anregend.

Gehirn-interessierten Lesern wird in diesem Buch eine Menge geboten. Möglicherweise ist nicht jede/r in diesem Ausmaß interessiert an dem “Säulen-Modell”; hier spürt man schon recht deutlich, dass HAWKINS fasziniert von und fast verliebt in seine/n Ideen ist. Für den Normalverbraucher ist dieser Teil doch etwas zu ausführlich geraten.

Zukünftig wird es spannend werden, welche Sichtweise sich bzgl. der Entwicklung unseres Bewusstseins durchsetzen wird: Eher die Forscher, die den Ursprung in den basalen Emotionen vermuten, oder diejenigen, die (wie HAWKINS) der Informationsverarbeitung den entscheidenden Impuls zuschreiben.

17.02.2023 Die Weiße Karte

Von de:Benutzer:Christian Spitschka – Erstellt von de:Benutzer:Christian Spitschka (selbstgemacht), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=287034

Fußball ist nicht gerade mein Spezialgebiet. Aber wenn sich dort gesellschaftlich relevante Dinge tun, sollen sie auch gewürdigt werden.

Ende Januar sind bei einem Frauen-Fußballspiel in Portugal (vor mehr als 15.000 Zuschauern) erstmals zwei Weiße Karten eingesetzt worden – und zwar nach offizieller Genehmigung durch die Fifa.
Sinn dieser Karte ist es, besonders faires Verhalten hervorzuheben – in diesem Fall ging es u.a. um die Hilfsbereitschaft von Sanitätern der gegnerischen Mannschaft.
Es geht also um Lob statt Mahnung oder Strafe; handfeste Vorteile sind mit dem Zücken der Karte nicht verbunden.

Mich begeistert diese Initiative sehr.
Aus meiner Sicht gibt es nicht nur beim Sport, sondern auch in den Medien und in der ganzen Gesellschaft einen eklatanten Mangel an dem Hervorheben und Zelebrieren von prosozialem Verhalten, also der Art mitmenschlichen Umgangs, der ein Gegengewicht zum überbordenden Egoismus und zur Ellbogenmentalität darstellen kann.
Es wäre eine tolle Entwicklung, wenn die Weißen Karten auf den Fußballplätzen der Welt ab sofort zu einer begehrte Auszeichnung und von den Mannschaften und ihren Fans mit Stolz registriert würden.

Es sollte grundsätzlich viel mehr Augenmerk auf positive Modelle gerichtet werden. Keine Gesellschaft kann es sich auf Dauer leisten, die erwünschten Verhaltensweisen ihrer Mitglieder unbeachtet zu lassen oder sich ihnen gegenüber neutral zu verhalten. In diesem Sinne ist sogar dem oft gescholtenem Chinesischen Punkte-System durchaus etwas abzugewinnen: Warum sollte es keine Beachtung (oder auch Vorteile) bringen, wenn man sich angemessen, gemeinschaftsbezogen und anständig verhält!?

Ich höre sie schon schreien, die Freiheits-Fanatiker, die sich jede Einflussnahme auf ihr Verhalten als pädagogischen Gutmenschen-Übergriff verbitten.
Ob wenigstes die Weiße Karte vor ihnen Bestand hat?

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

16.02.2023 Nach Putin?

Von ВО Свобода – 200 років Тарасові Шевченку 9.03.2014, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31609467

Da denkt man nun seit fast genau einem Jahr: “Wie wird man diesen Putin los und wie könnte es in Russland danach weitergehen?”
Ein prominenter Kreml-Kritiker hat nachgedacht und sich – wie der SPIEGEL berichtet – jetzt auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu Wort gemeldet: Der frühere Oligarch Michail Chodorkowski.

Zu dem von ihm skizzierten demokatischen Neuanfang in Russland – der nicht weniger als eine echte Revolution (zumindest ein Aufstand der Eliten) voraussetzen würde – ist es sicher noch ein weiter Weg. Das sieht auch der Exil-Russe.
Aber es ist zumindest ermutigend, dass er wohl weiterhin Verbindungen zu einflussreichen Kreisen in seiner Heimat hat.

Von allen vorstellbaren Szenarien für den weiteren Verlauf dieses schrecklichen Krieges wäre ein Regime-Wechsel in Moskau das mit Abstand attraktivste – vorausgesetzt, es wäre tatsächlich mit einer politischen Neuausrichtung und einem sofortigen Rückzug der Truppen verbunden. Vielleicht können solche Menschen wie Chodorkowski ja das ein oder andere einfädeln. Möglicherweise könnte ja in inoffiziellen Verhandlungen erreicht werden, dass bestimmte Entscheidungsträger gewisse Sicherheitsgarantien bekommen (wobei damit ja durchaus auch die wirtschaftliche Sicherheit gemeint sein könnte…).

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

“Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten” von Markus GABRIEL

Bewertung: 3 von 5.

Dieses Buch fordert wohl jeden Rezensenten (m/w) heraus. Man möge mir nachsehen, dass diese Besprechung vielleicht ein bisschen zu subjektiv und emotional ausfällt.

Dieses Sachbuch ist – in meiner Wahrnehmung – ein Sammelsurium an philosophischen, ethischen, politischen/gesellschaftlichen Betrachtungen einerseits und an persönlichen Meinungen bzw. Überzeugungen des Autors auf der anderen Seite.
Das Problem dabei ist: Markus GABRIEL scheint selbst nicht zu merken und zu wissen, wann er auf einer dieser Seiten steht – was die Lektüre verwirrend und anstrengend macht.

Die zweite Irritationsebene besteht in dem Spannungsfeld zwischen den – sehr sympathischen und nachvollziehbaren – Haltungen und Zielsetzungen des Autors und seinem – wie ich finde – weit überzogene Anspruch, deren Gültigkeit in diesem Buch philosophisch-wissenschaftlich “objektiv” beweisen zu können.

Um das Ganze noch schwerer genießbar zu machen, wechselt GABRIEL in einem lockeren Galopp zwischen ganz verschiedenen Argumentations- und Begründungsebenen: Da gibt es Herleitungen aus der Philosophie- und Kulturgeschichte, Alltagsplausibilitäten, gesunden Menschenverstand, (vermeintlich) logische Schlüsse, Erklärungsversuche durch Extrembeispiele und schlichtweg unbewiesene Axiome. Manchmal liegt der “Beweis” auch “im Wesen” der Dinge, oder darin, dass es einfach nicht anders sein sollte oder dürfte.

Als Zuckerguss auf dieses Durcheinander gießt der Autor eine große Portion Selbstgewissheit und Selbstverliebtheit. Er sieht sich als Stifter einer “neuen Aufklärung”, ist sichtlich stolz auf selbst erfundene Begrifflichkeiten und stellt sich dann mit seinem “virologischen Imperativ” an die Seite eines nicht ganz unbekannten Philosophen aus dem damaligen Königsberg.
Dazu gehört auch die Gewissheit, dass Menschen mit anderen (moralischen, philosophischen oder politischen) eben schlichtweg “irren”.

Worum geht es in dem Buch eigentlich?
GABRIEL will seine Leserschaft davon überzeugen, dass es zeitlose und kulturübergreifende “moralisch Wahrheiten” gibt – und wir diese aufgrund unseres Wesenskerns als rationale und freie geistige Wesen auch prinzipiell erkennen können.
Es gibt aus seiner Sicht einen zivilisatorischen Fortschritt, der – auf lange Sicht betrachtet – diese objektive Moral (die eigentlich schon immer galt) erkennbar gemacht hat. Dies sei besonders am Beispiel der Abschaffung des Sklavenhandels, an der Aufklärung und an der Proklamation der Menschenrechte deutlich geworden. Aktuell habe die erste Reaktion auf die Corona-Pandemie deutlich gemacht, dass uns als Gesellschaft moralisches Handeln auch gegen ökonomische Interessen möglich sei. Diese Fähigkeit müsse jetzt mit aller Kraft auch für den Kampf gegen die Klimakatastrophe und für eine global gerechte Ressourcenverteilung eingesetzt werden. Es steht für den Autor fest, dass der konsumfixierte Turbo-Kapitalismus im hohen Maße unmoralisch (und damit “böse”) sei.

Natürlich – das soll hier nicht unterschlagen werden – finden sich in diesem Buch durchaus niveauvolle Auseinandersetzungen mit anderen Sichtweisen und Strömungen in der Moralphilosophie. Dabei geht es insbesondere um den Kulturrelativismus und verschiedene Theorien für die Herleitung von menschlicher Moralentwicklung insgesamt (z.B. durch Religion oder evolutionäre Mechanismen).

GABRIEL nutzt auch diese Publikation dafür, sein (offensichtliches) Lebensthema – die Auseinandersetzung mit einem rein naturwissenschaftlich-physikalischen Weltbild – weiterzuverfolgen. So lässt er kaum eine Möglichkeit aus, auf die Begrenztheit des Materialismus angesichts der schöpferisch-kulturellen Fähigkeiten und Errungenschaften des menschlichen Geistes hinzuweisen.
Mir kommt an solchen Stellen immer wieder der Verdacht, dass GABRIEL sich vielleicht einfach nicht genug mit der modernen Hirnforschung beschäftigt hat oder einfach nicht verstehen kann (oder will), dass auch theoretische Konzepte oder künstlerische Genialität in den neuronalen Netzen unseres Gehirns (in inzwischen nachvollziehbarer Weise) entstehen – ohne dass jedoch irgendein Forscher behaupten würde, dass wir uns diesen Phänomenen ab sofort nur noch durch die Betrachtung von Hirn-Scans widmen sollten.

GABRIEL hat ein herausforderndes Buch geschrieben, das sicher bei vielen anderen Lesern/Leserinnen weit weniger Abwehr und Irritation hervorrufen wird.
Es gibt auch für mich einen guten Grund, diesem Buch einen großen und nachhaltigen Erfolg zu wünschen. Nur liegt der nicht in der intellektuelle Brillanz oder in der Konsistenz bzw. Schlüssigkeit der Darlegung, sondern in den Werten und Zielen, die der Autor dankenswerter Weise leidenschaftlich vertritt.
Mit einem anderen Stil hätte er mich womöglich sogar begeistert…

15.02.2023 Ein Hoch auf den Journalismus

Foto von Suzy Hazelwood: https://www.pexels.com/de-de/foto/rot-gerahmte-brille-auf-zeitungen-3886870/

Gefühlt alle paar Monate platzt eine Nachrichten-Bombe.
Damit sind nicht die hochgepeitschten Reißer-Überschriften im Netz gemeint, sondern die Ergebnisse eines sorgfältig und langfristig recherchierten Investigativ-Journalismus.
Heute war es die Offenlegung eines privaten Syndikats, das Wahlmanipulationen gegen Cash nicht nur anbietet, sondern auch schon wiederholt durchgeführt hat.

Solche journalistischen Meisterleistungen sind heutzutage weder durch Einzelkämpfer noch durch einzelne Medien-Organe zu bewerkstelligen. Die Aufdeckung der perfekt getarnten Machenschaften z.B. von Finanzbetrugs- und Steuerhinterziehungsexperten erfordert personelle und technische Ressourcen, die nur durch die Kooperation großer Teams aus mehreren Unternehmen erreichbar sind.
Offenbar können solche Recherchen zu Ergebnissen führen, die weit über das hinausgehen, was von den eigentlich zuständigen Behörden und Strafverfolgern zu leisten ist.

Genau da liegt das Problem: Es fehlt den professionellen staatlichen Ermittlern ganz offensichtlich an Engagement, an Ressourcen oder an der politischen Rückendeckung.
Das wüsste man gerne mal genauer…

Vielleicht ein Thema für den nächsten Journalisten-Coup!

(Zu weiteren Tages-Gedanken)