“Ich lass dich los & geb dir Halt” von Melanie KLEFELDT

Bewertung: 4.5 von 5.

Sachbücher, die aus Betroffenen-Perspektive geschrieben werden, haben – zumindest potentiell – charakteristische Vor- und Nachteile:
Die eigene Erfahrung ist ein Garant dafür, dass der/die Autor/in tatsächlich weiß, worum es geht; gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Subjektivität des eigenen Schicksals die sachbezogene Informationsvermittlung zu stark dominiert.
In diesem sehr hilfreichen und praxisnahen Ratgeber ist es gelungen, die Bilanz ganz eindeutig in positive Richtung zu lenken.

Ein Kompliment, das man diesem Buch machen könnte, wäre Folgendes: Es wäre auch dann ein gelungenes Buch geworden, wenn die Autorin nur sachkundig gewesen – und nicht auch noch selbst als Person und gleichzeitig als Mutter von den diskutierten Störungsbildern betroffen wäre. Die vermittelten Informationen, Anregungen und Ermutigungen fußen nämlich zwar auch – aber ganz eindeutig nicht nur – auf persönlichen Erfahrungen.
Man merkt dem Text durchweg an, dass die Autorin auf einer soliden wissenschaftlichen Basis argumentiert und sich auf eine angenehme und abgewogene Weise von einer kämpferischen Betroffenheits-Polemik abhebt.
Man kann sich gut vorstellen, dass sie in ihrer Arbeit als Trainerin für Eltern und Jugendliche erfolgreich und beliebt ist.

KLEFELDT hat kein neutrales Sachbuch geschrieben. Es ist ein Text, in dem viel Herzblut steckt. Die Autorin weiß sehr genau, was es bedeutet, selbst und/oder als Elternteil betroffen zu sein. Ihr Anliegen ist es deshalb, Solidarität, Mut, Zuversicht, Geduld, Verständnis und konkrete Strategien zu vermitteln.

Gleichzeitig vermeidet sie bestimmte Dinge, die man bei aktivistischen Betroffenen-Gruppen oft findet: Sie ruft nicht zum Kampf gegen die “böse” Gesellschaft auf (die es ja vermeintlich den Kindern so schwer mache), sie klagt nicht pauschal die “verantwortungslose” Pharma-Industrie an (die uns vermeintlich mit ihren gefährlichen Drogen bedrohe) und sie erzählt nicht die so beliebte Geschichte von den “alternativen” Gehirnen (die nicht defizitär, sondern nur anders und in vielen Bereichen sogar überlegen seien).
Kurz gesagt: Sie beschreibt ADHS als ein – durch physiologisch nachweisbare Abweichungen verursachtes – Störungsbild, das den Betroffenen und ihrem Umfeld echte Probleme bereitet. Genau auf dieser Grundlage nimmt sie die Betroffenen und ihre Schwierigkeiten ernst – und das ist langfristig mit Sicherheit hilfreicher als die Versuche, die objektiv vorhandenen Nöte in weichgespülten Begrifflichkeiten aufzulösen und die realen (unvermeidlichen) Frustrationen auf Außenfeinde zu lenken.

In diesem Zusammenhang ist auch die Befassung mit dem kontroversen Thema “Medikation” erfreulich sachbezogen und unaufgeregt. Es ist geradezu erholsam, wie sorgfältig und abgewogen KLEFELDT über die medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten (insbesondere durch Stimulantien) informiert. An keiner Stelle entsteht dabei auch nur die Spur eines Verdachtes, hier würde jemand eine heimliche Werbekampagne für Ritalin & Co betreiben.
Die Autorin geht auf alle Bedenken und Einwände ein und nimmt dabei – wie auch an anderen Stellen – auch die Perspektive der Jugendlichen erfreulich ernst.
Allenfalls könnte man anmerken, dass sie andere therapeutische Konzepte (z.B. Aufmerksamkeitstrainings) etwas detaillierter hätte beschreiben können.

Könnte etwas die Empfehlung für dieses – zugleich sachkundige und warmherzige – Buch einschränken?
Kritisch hinterfragen könnte man die enge Verbindung (Vermischung) zwischen den Störungsbildern ADHS und Autismus. Seitdem sich die Fachwelt und vor allem die Community der Betroffenen besonders auf die eher leichteren Fälle auf dem Autismus-Spektrum konzentriert hat, werden oft beide Symptombereiche und dem modernen Begriff der “Neurodiversität” zusammengefasst (und der “neurotypischen” Gehirnausprägung gegenübergestellt). Das mag in manchen Einzelfällen passend und hilfreich sein (und entspricht ganz offensichtlich den eigenen Erfahrungen der Autorin), kann aber für andere Konstellationen eher Verwirrung stiften. Man hätte erwarten können, dass mit dem Autismus-Begriff etwas differenzierter umgegangen worden wäre; zumindest hätte viel deutlicher werden müssen, dass mit dieser Diagnose auch oft ganz andere Ausprägungen gemeint sind.

Insgesamt lässt sich aber festhalten, dass es in diesem Buch in einem bemerkenswerten Umfang gelungen ist, das Zusammenspiel zwischen normalen Prozessen und Belastungen in der Pubertät (die schon herausfordernd genug sind) und den spezifischen Problemen einer ADHS-Störung nicht nur zu beschreiben, sondern fachkundig zu erklären und jede Menge alltagsnahe Hilfen anzubieten – auf allen erdenklichen Ebenen. Da das Ganze in einer Atmosphäre stattfindet, die von Verständnis, Solidarität und Ermutigung getragen wird, könnte dieses Buch für viele Familien zu einem kleinen Glücksfall werden.

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