“Kintsugi” von Tomás NAVARRO

Bewertung: 2.5 von 5.

Mit psychologischen Selbsthilfebüchern ist das so eine Sache: Sie sind immer gut gemeint, darin steht (fast) immer eine Menge sinnvoller Dinge, ihr konkreter Nutzen für eine bestimmte Person mit einem bestimmten Problem in einer bestimmten Konstellation kann extrem unterschiedlich ausfallen.
Kann es da überhaupt überhaupt Maßstäbe für eine “objektive” Bewertung geben?
Ja: Eine Rezension ist zwar auch dann grundsätzliche subjektiv, wenn es um eine Sachthema geht; aber es gibt doch ein paar Kriterien, auf die eine bewertende Einordnung basieren kann. Dabei macht es sicher einen Unterschied, ob dies aus der Perspektive einer betroffenen (ratsuchenden) Person erfolgt oder auf der Basis einer gewissen Expertise.
Ich ordne mich der zweiten Gruppe zu.

Als Rahmen für dieses Buch definiert der spanische Psychologe NAVARRO eine alte japanische Handwerks-Tradition: Geht ein wertvolle Keramik zu Bruch, werden nicht nur die Scherben sorgfältig wieder zusammengefügt, sondern – statt sie so gut wie möglich zu verstecken – betont man die Risse/Klebestellen ganz bewusst z.B. mit einer goldenen Färbung. Diese Idee lässt sich zweifelllos sehr gut als Metapher für psychische (Zusammen-)Brüche nutzen: Eine überwundene Krise, eine gelungene Wiederherstellung der persönlichen Integrität kann auch als eine Art “Veredelung” durch neue Erfahrungen und Reifungsschritte betrachtet werden. Die (psychischen) Narben sind so keine Makel, sondern Zeichen von Lebenserfahrung und Bewältigungskompetenz.
Schaut man sich allerdings erwartungsvoll an, wie weit dieses schöne Bild den Gesamttext begleitet und trägt, entsteht eher Enttäuschung: Letztlich schreibt NAVARRO ein ganz normales Selbsthilfebuch; mindestens 90% des Textes wären unter einem anderen Titel genauso gut (oder schlecht) untergebracht.

Der Autor ist in einem ständigen Dialog mit seinen Leser/innen. Er bemüht sich mit großem Einsatz, sie abzuholen – bei ihrem Leid, ihrem Zweifel, ihrer Mutlosigkeit, ihrer Resignation, ihrer Kraftlosigkeit. “Ich verstehe euch”, sagt NAVARRO ohne Pause.
Man kann ihm das glauben: Er hat als Psychologe (als Psychotherapeut bezeichnet er sich nicht) offenbar viele psychisch belastete Menschen erlebt und begleitet; sicher kann er auch eine Menge eigene Lebenserfahrung einbringen (was er auch tut). Als Hilfesuchender fühlt man sich erstmal gut aufgehoben; der Umgang ist empathisch und einladend.
Inhaltlich geht es um gravierende Lebenskrisen (in Beruf, Beziehungen und Gesundheit), aber auch um psychische Störungen (insbesondere um Depression). Der Autor beschreibt, wie man sich in solchen Situationen fühlen kann und hat jeweils (mindestens) ein Fallbeispiel zur Hand, um das Thema mit Leben zu füllen. So weit, so gut.

Leider tut NAVARRO etwas, was in vielen solcher Ratgebern passiert: Er macht ziemlich große Versprechungen! Er bietet seine Unterstützung, sein “Handwerkszeug” mit der festen Überzeugung (das sei ihm zugestanden) an, dass man auf seinem Wege auch zum Erfolg kommen kann. Er hat nämlich – so sein Angebot – die notwendigen Schritte herausgearbeitet und kann daher ganz genau sagen, was zu tun ist. Tolle Sache!?
So bekommt man in diesem Buch unglaublich viele konkrete Anweisungen bzw. Ratschläge, die (fast) alle nachvollziehbar und logisch erscheinen. Manchmal kommt NAVARRO sogar selbst auf die Idee, dass sich das vielleicht für die Betroffenen gerade etwas schwierig anfühlt: zu analysieren, Prioritäten zu setzen, an sich zu glauben, sich von Bewertungen anderer zu befreien, wieder Begeisterung zu empfinden, sich wertvoll zu finden…
Das hält ihn aber nicht davon ab, genauso weiter zu machen: Eine Aufforderung nach der anderen, die man – ein wenig zugespitzt – auch gleich so formulieren könnte: “Sei doch nicht mehr traurig, verzweifelt, einsam, antriebslos, negativ; versuch einfach, anders zu sein!”

Ja, es stimmt natürlich: Etwas mehr leistet der Autor in seinem Buch dann doch. Durch seine Systematisierungen und Aufgliederungen werden diffuse Zustände etwas klarer; scheinbar unüberwindbare Aufgaben werden in Einzelschritte aufgeteilt. NAVARRO macht Mut, motiviert, weißt auch auf die Punkte hin, wo Hilfe von außen notwendig wäre.
Es ist nur etwas ärgerlich, dass der Autor zwischendurch den Eindruck erweckt, als seien auch ziemlich ernste Krisen bzw. Brüche mit seinem System (“du wirst es schon schaffen, wenn du meinen Vorschlägen folgst”) zu überwinden. Da fragt man sich dann doch, wie viel Erfahrung NAVARRO mit wirklich gravierenden psychischen Problemen hat (vor einer echten Depression hat er wohl doch ein wenig Respekt).

Ein Grund für diesen (leicht übertriebenen) Optimismus lässt sich ohne große Mühe in der Persönlichkeit des Autors finden: Er ist scheinbar eine Art Tausendsassa: naturverbunden, in körperlicher Höchstform (Bergsteiger, Marathonläufer), entscheidungsstark, voller Zuversicht, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeitserfahrungen.
So einem Menschen fällt es natürlicherweise ein wenig schwerer nachzuvollziehen, warum jemand die naheliegenden und logischen nächsten Schritte eben nicht hinbekommt.

Dieses Buch kann sicher hilfreich sein, wenn man sich in einer (mäßig ausgeprägten) Krisen- oder Umbruchphase reflektieren möchte, wenn man Anregungen und Bestätigung sucht, wenn man ein wenig Mut und Zuversicht tanken möchte.
Solle man aber (momentan) zu den Menschen gehören, die schon häufig von sich selbst oder anderen vernommen haben, was eigentlich zu tun wäre, dann könnte auch schnell Frust und Resignation entstehen – denn scheinbar wäre ja alles irgendwie machbar…

(Wie man es anders – und besser – machen kann, zeigt dieses gleichnamige Buch).

“Erstaunen” von Richard POWERS

Bewertung: 5 von 5.

Vorbemerkung: Dies ist eine sehr persönliche Rezension (noch mehr als sonst)!

Wenn einer der anerkannt großen Vertreter der amerikanischen Gegenwartsliteratur einen Roman schreibt, in dem ein alleinerziehender Astro-Physiker seinem psychisch-auffälligen neunjährige Sohn jedem Abend vor dem Einschlafen von einem anderen erdachten Planeten und seinen Lebewesen erzählt – dann bin sich schon optimal aktiviert.
Wenn dann dieser Junge (Robby) sich dadurch zu regulieren lernt, dass er mit modernsten Methoden der Neuropsychologie vorgegebene Erregungsmuster von positiven Hirn-Scans nachahmt – dann nähert sich mein Zustand schon einer mittleren Euphorie.
Wenn dann dieser Junge nicht nur am Verlust seiner Mutter leidet, sondern auch an der Unfähigkeit der Menschen, die Bedürfnisse der Mitgeschöpfe und der Natur insgesamt zu berücksichtigen – dann beginne ich mir Sorgen zu machen, ob ich wohl mit den üblichen fünf Bewertungssternchen auskommen werde.

Dieses Buch ist klug, informativ, emotional, empathisch, kreativ und insgesamt extrem anregend. Alle seine Facetten wären schon als einzelne Bücher bemerkenswert: als Einführung in die moderne Astrologie (insbesondere bzgl. der Suche nach Leben auf Exoplaneten), als Vater/Sohn-Bewältigungsroman nach Verlust von Partnerin/Mutter, als Einblick in die ökologische Katastrophe des Artensterbens, als Information über das zunehmend wissenschaftsfeindliche Klima in den USA, als Grundkurs in die aktuelle Neurowissenschaft, als Diskussionsbeitrag über die Herausforderungen und Reaktionsmöglichkeiten beim Zusammenleben mit einem stark verhaltensauffälligen Kind, als ergreifende Dauer-Liebeserklärung an eine verlorene Partnerin.
In diesem Buch steckt das alles gleichzeitig!

Durch die persönliche Perspektive des Ich-Erzählers bekommt der Roman eine zusätzliche emotionale Intensität. Dieser Vater ist nicht perfekt, er leidet an seinen eigenen Widersprüchen und Grenzen. Aber es erscheint kaum möglich, sich nicht mit seinem geradezu übermenschlichen Bestreben zu identifizieren, seinem Sohn der bestmögliche Begleiter in einer schwierigen inneren und äußeren Welt zu sein. Man bangt mit ihm, man hofft mit ihm, man bewundert ihn. Man versteht, dass er manchmal an die Grenzen des Machbaren und Vertretbaren geht (und gelegentlich scheitert).
Doch das ist noch gar nichts – im Vergleich zu den Gefühlen, die man Robby entgegenbringt! Man muss dieses Kind einfach lieben – es geht gar nicht anders.
Und die Beziehung zwischen Vater und Sohn wird auf eine so ein- und mitfühlende Weise geschildert, dass man es manchmal (vor Rührung) kaum aushält.

Das ist auch der einzige Aspekt, an dem sich eine kritische Anmerkung anbieten könnte: Irgendwie sind die beiden Figuren vielleicht ein wenig zu perfekt geraten: der Vater zu verständnisvoll, der Junge schon ein wenig zu verständig, weitsichtig und weise.
Ich kann POWERS das gut nachsehen – denn er hat auf diese Weise ein wahrhaft zauberhaftes Buch geschrieben, in dem die wichtigsten Botschaften an die Leser bzw. an die Welt aus dem Munde eben dieses Jungen kommen.
Es gibt keinen Zweifel, dass dieses Buch auch wegen der Dringlichkeit des Umsteuerns geschrieben wurde. Eine kreativere Verpackung einer Message ist kaum vorstellbar.

Dass darüber hinaus in diesem genialen Text auch noch die ethischen Grenzen der Hirnforschung und die Frage der Psychopharmaka-Therapie bei Kindern thematisiert werden, ist noch eine weitere Zugabe.

Über das Ende dieses Romans zu sprechen, verbietet sich eindeutig.
Es macht jedenfalls die Antworten auf die grundsätzlichen Fragen eher schwieriger als leichter. Als Leser/in hat man noch ein bisschen zusätzliches Gepäck, das über den Lesegenuss hinausgeht.
Was kann ein Buch mehr leisten?

Ist das Buch auch unterhaltsam? In mir sperrt sich alles gegen diesen Begriff: Er ist einfach viel zu banal, um der erzählerischen und inhaltlichen Energie dieses Buches gerecht zu werden. Man durchlebt und durchfiebert dieses Buch – die Frage der Unterhaltung stellt sich dabei einfach nicht.

Ja, ich habe zwischendurch den sechsten Bewertungsstern vermisst.
POWERS hat für mich das Buch des Jahres geschrieben.

“Der Zorn des Oktopus” von Dirk Rossmann und Ralf Hoppe

Bewertung: 2.5 von 5.

Mit dem ersten Oktopus hat ROSSMANN einen durchaus bemerkenswerten Beitrag zum Genre des Nachhaltigkeits-Thrillers geschaffen. Der Nachfolge-Roman kann dieses Niveau nicht halten: Er ist letztlich belanglos!
Das Autoren-Duo siedelt diese Geschichte, die im Jahre 2029 spielt, zwar auch in dem Kontext der Öko-Revolution an, die reichlich absurde Handlung verselbständigt sich aber sehr früh von der Nachhaltigkeits-Thematik und irrt nach den Gesetzen des Standard-Spannungsbogens so vor sich hin.

Wir haben es in diesem Buch vordringlich mit den Potentialen des Quanten-Computers zu tut. Seine unglaubliche Rechenleistung könnte ein Werkzeug sein, die ökologische Katastrophe abzuwenden – denn er hat die Kapazität, auch komplexe bzw. chaotische Systeme zu erfassen.
Allerdings – es kommt so, wie es fast immer kommt: Böse Mächte greifen auf die neue Technologie zu, um eigenen Interessen zum Durchbruch zu verhelfen.

Wie in jedem ordentlichen Thriller kämpft Gut gegen Böse – und oft geht es echt hart zur Sache. Ein steinreicher indischer Guru tut sich besonders unangenehm hervor. Er nutzt sogar die besonderen intuitiven Fähigkeiten von indigenen Kindern, um dem Super-Rechner noch etwas auf die Sprünge zu helfen.
Gut, dass es einen rechtschaffenden Beamten gibt, der nach und nach zu einem echten Held mutiert. Trotzdem wird es doch am Ende – ganz unerwartet – ziemlich knapp…

Während im ersten Oktopus die Botschaft im Zentrum stand und sich die Story als Vermittlungskanal gesucht hat, scheint sich hier eine abgedrehte Handlung in einem – letztlich austauschbaren – Kontext abzuspielen.

Der Informationswert dieses Thrillers – in dem Oktopoden noch weniger bedeutsam sind als im ersten Buch – beschränkt sich tatsächlich auf die Vermittlung einiger Basics zum Thema “Quantentheorie” und “Quanten-Computer”. Dafür muss man sich dieses Buch nicht antun. Nun gut – man kann sich natürlich auch einfach ein bisschen unterhalten lassen; aber auch das geht sicher besser.

“Der Stoff, aus dem Gefühle sind” von Karl DEISSEROTH

Bewertung: 5 von 5.

Ich verstehe diesen Titel (und auch den Untertitel) nicht. Dieses Buch ist etwas anderes und so viel mehr, als eine Betrachtung von Emotionen. Der amerikanische Psychiater, Neurobiologe und Bioingenieur DEISSEROTH hat etwas sehr Besonderes geschaffen: Ich würde es “Ein persönliches Lehrbuch der Psychiatrie” nennen.
In diesem Buch werden zwei scheinbar völlig konträre Sichtweisen auf psychische Erkrankungen in einer Weise verwoben, dass auch ein mit der Materie nicht ganz unvertrauter Leser (ich meine mich) aus dem Staunen und aus der Bewunderung nicht herauskommt.

Es sind insgesamt vier Zutaten, die dieses gleichzeitig sehr private und extrem informative Sachbuch hervorheben:
– Es werden neueste Methoden (Optogenetik) und Erkenntnisse der Hirnforschung hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Erklärung der bedeutsamsten psychiatrischen Störungen dargestellt.
– DEISSEROTH, der die grundlegenden zellulären und hirnorganischen Zusammenhänge auch an Tieren erforscht, verfolgt die biologische Basis emotionaler Reaktionen bis tief in die evolutionäre Vorgeschichte hinein.
– Der Autor beschreibt jeweils an ein oder zwei Fallbeispielen, was die Begegnung mit diesen Menschen bei ihm persönlich und fachlich ausgelöst hat.
– Er benutzt dafür eine Sprache, die ebenfalls diese beiden Welten überbrückt – mit einer naturwissenschaftlichen Klarheit und einer beeindruckenden, geradezu poetischen Kraft, voller Empathie und offen für die feinsten Nuancen zwischenmenschlicher Wahrnehmung und Kommunikation.

Der Autor erzählt von den Stationen (Achtung: Wortspiel) seiner ärztlichen und psychiatrischen Karriere. Wir lernen dabei nicht nur einen kreativen und neugierigen Wissenschaftler kennen, sondern auch eine sensible und mitschwingende Person, für die die Psychiatrie nur im Rahmen echter zwischenmenschlicher Begegnungen denkbar ist.
Dieser Arzt lässt sich von seinen Patienten ganz persönlich anmuten, er nutzt seine Resonanzreaktionen sowohl für den diagnostischen Prozess als auch für den respektvollen Umgang mit dem Gegenüber.

Das Buch ist nach einigen der Hauptstörungsbilder gegliedert (u.a. Depression, Borderline-Störung, Schizophrenie, Demenz). Ausgangspunkt ist jeweils eine spezifische Patientenvorstellung, in der der Autor eine Diagnose stellen muss – oft mit weitreichenden Folgen und konkreten Risiken. DEISSEROTH nimmt uns mit in den inneren Prozess des Erfassens des jeweiligen Menschen und seiner Symptomatik, webt dabei geschickt sein psychiatrisches Wissen und den aktuellen neurobiologischen Wissensstand ein.
Während er bei anderen Krankheitsbildern zwischen den Darstellungsebenen wechselt, macht der bei der Schizophrenie das Experiment, diese Störung ausschließlich aus der Perspektive des betroffenen Patienten zu erklären. Das ist ziemlich spektakulär und geradezu genial!

Der Autor stellt das psychiatrische Diagnose- und Behandlungssystem nicht in Frage; hier äußert sich kein revolutionärer Anti-Psychiater. DEISSEROTH sieht auch keinen Widerspruch zwischen knochentrockener tierexperimenteller Grundlagenforschung und einer zugewandten, patientenzentrierten Psychiatrie. Im Gegenteil: Gerade in dem zunehmenden Verständnis der tief in unserer neuronalen Vorgeschichte angelegten emotionalen Basisfunktionen entdeckt er die Chance, dem verbal geäußerten noch besser gerecht zu werden.

Dieses Buch ermöglicht interessierten Laien einen informativen und berührenden Einblick in eine moderne Psychiatrie, die weit über das Klischee der “Psychopharmaka-Fließband-Medizin” hinausgeht. Wer so tief beteiligt und einfühlsam über Patienten denkt und schreibt, kann kein Diagnose-Roboter sein.
Wenn ich über dieses Buch nur einen Satz sagen dürfte, dann den folgenden: “Sollte ich irgendwann einmal einer psychiatrischen Behandlung bedürfen – dann bitte bei einem Arzt wie Karl DEISSEROTH.”

“Wir Tiere” von Melanie CHALLENGER

Bewertung: 3.5 von 5.

Angesichts der existenziellen Bedrohungen durch Viren und Umweltzerstörung gibt es aktuell viele gute Gründe, sich mit der biologischen Basis unserer Spezies intensiv auseinanderzusetzen. Die Betrachtungen von CHALLENGER gehen über diese Anlässe weit hinaus und richten den Blick auf das Grundsätzliche. Es geht nicht um die Verwobenheit mit und die Abhängigkeit von der Natur; indem sie den Menschen auf sein Tier-Sein zurückwirft, stellt sie das gesamte Narrativ über die Sonderstellung des Menschen prinzipiell in Frage.
Dass dies für mache Menschen auch als provokativ wahrgenommen werden könnte, ist der Autorin bewusst.

Die Autorin ist keine Naturwissenschaftlern; sie nähert sich der Thematik als Literatin. Genau das prägt den Stil dieser Publikation, die eher ein langer Essay als ein strukturiertes Sach- oder Fachbuch ist. CHALLENGER umkreist das Thema eher als es systematisch abzuarbeiten. Ihr Stil ist eher assoziativ, sie lässt Gedanken wandern, formuliert bildhaft, oft auch poetisch.
Ihre Sprache dient nicht nur zur Übermittlung von Informationen, sie ist ein Teil der Botschaft – eher lebendig fließend als logisch gegliedert. Sie lädt ein, sich mit ihr treiben zu lassen – ohne sich jedoch zu scheuen, an vielen Stellen passende Untersuchungen oder wissenschaftliche Befunde ins Feld zu führen.
Insgesamt geht es ihr weniger um das Vermitteln von Wissen, sondern um das Werben für eine bestimmte Haltung.

Inhaltlich geht es CHALLENGER darum, die Mythen über den prinzipiellen Unterschied zwischen Tieren und Menschen zu widerlegen. Sie beschreibt die ursprünglichen Theorien über vermeintliche qualitative Sprünge und nennt die entscheidenden Befunde (bzgl. Intelligenz, Sprache, Bewusstsein, Altruismus), die diese Sichtweise inzwischen in Frage stellen. Natürlich wird auch deutlich, dass das Narrativ von der Trennung zwischen Tier und Mensch wichtige Funktionen für das (narzisstische) Selbstverständnis der überlegenen Gattung hatte und hat.

Für die Autorin überwiegen eindeutig die Nachteile, die sie mit der Abgrenzung von der übrigen Mit-Tierwelt verbunden sieht. Sie sieht uns entfremdet von unserem organischen Sein, hält die dichotome Betrachtung von “Körper” und “Geist” für einen folgenschweren Fehler und sieht in den Versuchen, uns durch die Entwicklung von Mensch/Maschine-Systemen immer mehr von dem biologischen Substrat zu entfernen, eine fatale Fehlentwicklung. Die Unsterblichkeits-Fantasien des Silicon-Valleys und die Hoffnung, den menschlichen Geist in anorganischer, digitaler Form zu erhalten und ihn womöglich dem Weltall als ewige Gabe zu hinterlassen, stellen für sie die extremste Form einer falschen Denkweise dar.

Aber CHALLENGER betrachtet die Folgen des Abgrenzungswahns (meine Formulierung) auch auf der anderen Seite des Grabens: für die (sonstigen) Tiere.
Dieses Buch ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für einen verantwortungsvollen und einfühlsamen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Sie hält es für nicht begründbar, dass wir das Attribut der “Würde” ganz für uns allein reklamieren. Genauso, wie wir menschliche Würde nicht von der aktuellen Funktionsfähigkeit eines ichbewussten Gehirns abhängig machen sollten, dürften wir auch die unzweifelhaft vorhandenen Zwischenstufen von tierischer und menschlicher Denk- und Empfindungsfähigkeit nicht unbeachtet lassen. Die von uns als selbstverständlich definierte Verfügungsgewalt über jegliches tierisches Leben bestreitet CHALLENGER mit Nachdruck.

Der eher episodische Aufbau des Buches hat auch einen Preis: Freunde strukturierter Systematik werden immer wieder mal ratlos und genervt nach dem roten Faden suchen. Redundanz ist bei dieser Form des netzartigen Umgarnens der Grundgedanken wohl kaum zu vermeiden. Manche Dinge werden sicher häufiger gesagt, als es zum Verständnis der Botschaft notwendig wäre.

Wer sich auf eine Mischung zwischen Fakten und Stimmungen einlassen kann, wer den Prozess der Vermittlung nicht nur als Erkenntnisgewinn, sondern auch als emotionales Erlebnis genießen möchte, der/die eignet sich als Leser/in für dieses Buch. Über mangelnde Denk- und Fühlanstöße wird sich kaum jemand beschweren.
Eine “Neue Geschichte der Menschheit” (Untertitel) ist dieses Buch allerdings definitiv nicht.

“Die Nachtigall” von Kristin HANNAH

Bewertung: 4 von 5.

Es mangelt nicht an literarischen Aufarbeitungen der menschlichen Tragödien rund um den 2. Weltkrieg und der im Namen des Nazi-Rassenwahns begangenen Ungeheuerlichkeiten.
Unabhängig davon kann es von dieser Form der Aufklärung und Bewältigung angesichts der Größenordnung des Geschehens kein “Zuviel” geben. Aber natürlich kann es – wie bei jeder anderen Thematik auch – unterschiedliche Formen und Qualitäten geben.

HANNAH legt einen Roman vor, der den Krieg aus der Perspektive des besetzten Frankreichs betrachtet. Die Hauptakteure sind zwei Schwestern, die zwar gemeinsam in einer sehr schwierigen Familiensituation aufgewachsen sind, sich dann aber aufgrund ihrer Persönlichkeiten und ihrer Lebenswege weit voneinander entfernen und entfremden.
Beide erleben unterschiedliche Facetten des Alltagslebens in dem unter der deutscher Besetzung leidenden Frankreich.
Der zentrale Spannungsbogen der erzählten Handlung entsteht dadurch, dass die äußeren und innerfamiliären Dynamiken in einer dramatischen Weise miteinander verknüpft werden. Wie häufig bei zeitgeschichtlichen Romanen gibt es auch bei der Nachtigall eine zweite Ebene, die einen Rückblick aus einer späteren Perspektive ermöglicht.

Neben den allgemeinen Einblicken in Armut, Hunger und den alltäglichen Überlebenskampf der in der Heimat verbliebenen Frauen und Kinder bietet das Buch spezielle Hintergrundinformationen über das geteilte Frankreich: Neben der geografischen Grenze zwischen dem von Deutschen besetzten und regierten Teil und dem “freien” Gebiet (mit einer kooperierenden französischen Verwaltung) gab es auch einen inneren, menschlichen Graben, der Schicksalsergebene, Mitläufer und Kollaborateure von den Menschen trennte, die passiv oder aktiv Widerstand leisteten.

Diese “Résistance” wird von der jüngeren der beiden Schwestern in einer geradezu heldenhaften Form praktiziert und von HANNAH auch entsprechend zelebriert. Das führt aber nicht zu einer Glorifizierung dieser Figur, die – ebenso wie die ältere Schwester und der gemeinsame Vater – als “echte” Menschen dargestellt werden (mit allen Schwächen, Zweifeln und inneren Brüchen).
Klar ist aber: Wer in diesen Zeiten als Frau das eigene Überleben und das der Kinder zu sichern versucht, ist von Abgründen umgeben: Jeder Widerspruch, jede Frage zu viel, jeder Einsatz für die Ausgesonderten kann zu Entlassung, Verhaftung, Folter oder Tod führen. Quartieren sich noch feindliche Soldaten in das eigene Haus ein, wird jeder einzelne Tag zur Bewährungsprobe mit ungewissem Ausgang.

Für manche Fragen gibt es keine “richtigen” Antworten, die einen unversehrt lassen könnten; auch das macht die Autorin nachvollziehbar: Darf ich zum Schutz fremder jüdischer Kinder das Leben meiner eigenen Kinder gefährden? Kann ich angesichts grausamer Gewalt und der Unabwendbarkeit massiver Übergriffe meine Würde bewahren? Gibt es so etwas wie einen respektvollen Umgang mit dem Feind, wenn zwischendurch seine Menschlichkeit hervorlugt? Wie weit geht Solidarität und Loyalität angesichts einer tödlichen Bedrohung?

HANNAH schafft es mit einem bemerkenswert stimmigen Stil, die unglaubliche Härte der geschilderten Vorgänge mit einer warmherzigen Empathie für die leidenden und mutigen Menschen zu verbinden. Letztlich kann man nachvollziehen, wie Menschen es vielleicht doch schaffen können, nicht zu verzweifeln und aufzugeben. Die angebotenen Antworten lauten letztlich: Es geht einmal um das Bedürfnis, im Einklang mit den eigenen humanen Grundwerten zu leben und daraus Kraft zu schöpfen, der/die zu bleiben, der/die ich sein will. Und die andere Antwort ist zugleich banal und erschöpfend: Liebe (in allen Facetten) ist vielleicht das stärkste Motiv von allen!
Wer unbedingt will, mag das kitschig finden. Dieses Buch hilft auf jeden Fall, daran zu glauben.

Wem so ein Buch zu persönlich und emotional ist, kann ja auf ein historisches Sachbuch zurückgreifen. Wer sich jedoch auch selbst gerne anrühren lässt, ist mit diesem menschenfreundlichen Roman gut bedient.



“Das amerikanische Trauma” von Mary L. Trump

Bewertung: 4 von 5.

Mary L. TRUMP, die Nichte des abgewählten Präsidenten, hat mit ihrem – halb privaten und halb fachlichen – Enthüllungsbuch „Zu viel und nie genug“ vielleicht die US-Wahl 2020 entschieden und der Welt eine zweite Amtszeit ihres Onkels erspart. Sollte das tatsächlich der Fall gewesen sein, hätte sie mit ihrer Familiengeschichte gleichzeitig Weltgeschichte geschrieben.

Mary Lynn Trump legt nun nach. Mit ihrem zweiten Buch schreibt sie diesmal eine spezielle Geschichte der Vereinigten Staaten.
Das aktuelle Buch ist daher deutlich mehr als eine Nachbetrachtung der Schluss- und Übergangsphase von Donald Trumps Präsidentschaft. Zwar prangert sie auch alle Fehlentwicklungen dieser Zeit in ihrer schonungslosen Klarheit an; ihr Anspruch geht aber weit über eine zweite „Trump-Abrechnung“ hinaus.
Die Autorin schlägt einen Bogen von der Unterdrückung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung des nordamerikanischen Kontinents, über die Sklavenwirtschaft und ihre rassistischen Nachwirkungen, bis zu der aktuellen Zerrissenheit des politischen Systems, in dem sie eindeutig faschistoide Tendenzen wahrnimmt.

Und wiederum schafft Mary L. TRUMP durch die Verbindung zweier Perspektiven eine Art Alleinstellungsmerkmal: Während sie im ersten Buch ihre Insider-Erfahrungen als Familienmitglied mit einer fachlichen Analyse als Klinische Psychologin kombinierte (überwiegend persönlichkeits- und familienbezogen), benutzt sie jetzt die Konzepte „Traumatisierung“ bzw. „Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Erklärungsschablonen für die ausbleibende Bewältigung der Geschichte und das drohende Scheitern des demokratischen Modells.

Es ist beeindruckend, mit welcher historischen Akribie sie vor allem das düstere Kapitel der Sklaverei und ihrer Folgen aufarbeitet. TRUMP hat sich zur Aufgabe gemacht, hinter den Nebel der offiziellen Geschichtsschreibung zu schauen und deckt ein Ausmaß von (ganz konkret belegbarer) fortgesetzter Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt auf, das sicher schon damals erkennbar schändlich war, aus heutiger Sicht kaum zu fassen ist.
Die Autorin macht immer wieder deutlich, dass sie in der Weigerung und Unfähigkeit, für die systematischen Verbrechen und Verfehlungen Verantwortung zu übernehmen, Reue und Scham zu zeigen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen, ein ähnlich großes und folgenreiches Versagen sieht wie in den Taten selbst.
Sie meint das nicht nur politisch, sondern auch psychologisch: Sowohl Opfer wie Täter – so ihre Argumentation – können den Kreislauf der (Re-)Traumatisierungen nur durchbrechen, wenn dieses selbstreflektierte Innehalten, die klaren Bekenntnisse, das gemeinsame Trauern und eine echte Empathie endlich Raum bekämen. Dann könnte eine psychische und gesellschaftliche Heilung endlich beginnen – und diese würde dann auch antidemokratischen und spaltenden Populisten wie Donald Trump den Boden entziehen.

TRUMP sieht auch eine deutliche Verbindung zwischen dem exzessiven Individualismus, der mit seiner Ideologie vom „selbstbestimmten Schicksal“ eine grundsätzlich verachtende Haltung gegenüber Schwachen und Gescheiterten aufrechterhält und der Geschichte des Rassismus. Die Autorin versäumt es nicht, auch die „abgehängten“ Weißen zu thematisieren und zu erklären, warum sie in Donald Trump ihren Retter sehen und gegen ihre eigenen (wirtschaftlichen) Interessen wählen.

Ja, TRUMP fährt harte begriffliche Geschütze auf: Für Sie sind bestimmte Entwicklungen der republikanischen Partei und die Regierungsführung von Donald Trump und seiner Administration nicht nur eindeutig undemokratisch und rassistisch, sondern nichts weniger als faschistisch.
Sie weiß vermutlich genau, welche Zumutung dieser Begriff für die politischen Gegner darstellt (vermutlich kann sie sich nicht ganz vorstellen, wie das für europäische Ohren klingt). Doch sie sieht gerade in der Verleugnung und Verharmlosung von historischen und aktuellen Ereignissen und Haltungen die Ursache dafür, dass sich die unheilvollen Muster von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erhalten konnten.
Sie nimmt in kauf – und das kann man durchaus kritisch sehen – dass sie damit die Gräben zwischen den beiden politischen Welten der USA noch unüberbrückbarer machen könnte. TRUMP ist eine kluge Analytikerin, sie ergreift ganz eindeutig Partei (insbesondere für die nicht-weißen Mitbürger) – aber sie ist sicher keine Frau der Mäßigung und des Brückenbauens. Das hat damit zu tun, dass in ihrer Logik das Beschönigen und Zukleistern den Kern – also die Dynamik der genrationsübergreifenden Traumatisierung nicht auflösen kann.

Man kann Trump vorwerfen, dass sie zu wenig über wirtschaftliche Machtverhältnisse und Interessen spricht; man kann kritisieren, dass sie eine mögliche Mitverantwortung der von Rassismus und Diskriminierung Betroffenen überhaupt nicht thematisiert (noch nicht einmal um sie auszuschließen). Ja, manch redundante Stelle wäre vielleicht auch verzichtbar gewesen.

TRUMP hat ein durch und durch kämpferisches Buch geschrieben. Aus dem von ihr dargestellten Blickwinkel bleibt von dem so selbstverliebten „God`s Own Country“ nur ein kranker und verlogener Scherbenhaufen zurück. Sicher: Sie will nicht vernichten, sondern
wachrütteln; aber: Wer hört ihr außerhalb der eigenen „Blase“ zu?
Das Buch ist ganz sicher ein engagierter und faktenreicher Beitrag zur Diskussion über die Zukunft der amerikanischen Gesellschaft. Ob dabei der zentrale Begriff des „Traumas“ im engen psychopathologischen Sinne durch die Jahrhunderte trägt oder eher als eine Metapher für ein ganzen Bündel von sozialpsychologischen Dynamiken steht, ist letztlich zweitrangig.

“Das Ministerium für die Zukunft” von Kim Stanley ROBINSON

Bewertung: 4.5 von 5.

Was für ein Buch! Was für eine wilde Mischung! Was für eine heftige Dröhnung!

Der renommierte amerikanische Science-Fiction-Autor legt mit seinem aktuellen Werk eine Stilmischung vor, die sich allen gängigen Zuordnungsrastern entzieht. Schon allein das lohnt eine nähere Betrachtung. Doch auch inhaltlich sprengt ROBINSON die Grenzen der üblichen Genres. Absolut bemerkenswert!

Wir bewegen uns im Bereich der Nachhaltigkeit-Literatur. Die Grundbotschaft und das Ziel des Autors werden schnell klar: Die Menschheit muss es packen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten. Und es wird komplex und extrem schwierig.

Diese Botschaft wurde in den letzten Jahren schon sehr häufig zwischen zwei Buchrücken (bzw. in entsprechende digitale Formate) verpackt: in verschiedenste Sachbücher, in Romane, in Thriller, in Science-Fiction, in persönliche Reflexionen und Anekdoten. Gelegentlich wurde mit einer Mischung verschiedener Stilmittel gespielt.
ROBINSON legt eine riesige Schippe drauf: Sein Buch handelt von zwei Hauptfiguren (ihren inneren Welten, Handlungen und Begegnungen); es liefert Informationen über den aktuellen Stand der Klimakatastrophe und dessen bevorstehenden Folgen; es spielt faktenreich und detailliert mögliche Eingriffe in die Biosphäre des Planeten durch (“Geo-Engineering”); es entwirft ein denkbares Szenario für Öko-Terrorismus; es führt in differenzierter Form ein wirtschafts- und finanzpolitisches Alternativ-Modell vor; es schafft Zugang zu einer emotionalen Naturbetrachtung, es beinhaltet kurze philosophische Reflexions-Sequenzen…
Dieses Buch ist gleichzeitig spannend, poetisch, psychologisch, lehrreich, fantasievoll – und zwischendurch nüchtern wie ein Volkswirtschafts-Seminar.

ROBINSON liebt die Intensität: Wenn er einmal in die Antarktis führt, um dort den Gletscher-Drift zu bremsen – dann ist man auch eine Weile da: Man erfährt, wie kalt es ist, wie viele Pumpen man braucht, was das alles kostet. Wenn man sich auf die Logik des Finanzsystems einlässt und zusieht, wie eine neue Währung entsteht: dann bleiben einem die Einzelheiten nicht erspart. Die Welt braucht und will Gerechtigkeit – das Modell für die Umsetzung wird haarklein geliefert. Halbe Sachen mag der Autor nicht; nicht bei der Rettung des Planeten und nicht beim Schreiben!
Man spürt das Motiv für diese leidenschaftliche Detailverliebtheit: Der Autor will nicht nur das breite Publikum unterhalten. Er will mit Sicherheit auch die Entscheider dieser Welt erreichen: Er spricht ihre Sprache, er kennt ihre innere Logik und will mit der Genauigkeit seiner Szenarien für ein beherztes Handeln werben. Gegenargumente sind schon eingepreist, Bedenken entkräftet. Extrem beeindruckend!

Im Zentrum der strategischen Überlegungen steht dabei die Internationalität aller Bemühungen. Daher basiert das in Zürich angesiedelte Zukunftsministerium (deren Leiterin wir genauer kennenlernen) auf einem weltweiten Zusammenschluss. Weitsichtig wie der Autor nun mal ist, spielen die Chinesen eine besonders wichtige Rolle (und die Amis sind mal wieder die Nachzügler).

Der beschriebene Prozess beginnt in der ganz nahen Zukunft (2024) und zieht sich bis in die Mitte des Jahrhunderts. Es beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Hitzeperiode in Indien wird in aller Intensität und Dramatik aus Innensicht eines Beteiligten geschildert – kaum zum Aushalten. Der überlebende Berichterstatter wird zu einem der Protagonisten des Romans; seine psychischen Verletzungen lassen ihn dabei nie mehr los.
Alles was folgt, ist letztlich eine Reaktion auf diesen dramatischen Weckruf. ROBINSON spielt durch, wie die Mühlen der internationalen Politik mahlen könnten – und wie viel Druck sie dafür von außen vielleicht bräuchten.

Das “Ministerium für die Zukunft” ist ein außerordentlich kreatives, kluges und anregendes Buch. Es erscheint aufgrund seiner Faktenorientierung fast als eine Art Blaupause für die potentiellen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte.
Wer sich nicht scheut, dem Autor auch in feinste Verästelungen seiner Entwürfe zu folgen, hat für die nächsten Jahre einen Riesen-Fundus an Konzepten und Visionen.

“Crossroads” von Jonathan FRANZEN

Sie stehen gut sichtbar in meinem Bücherregal: drei umfangreiche Romane von FRANZEN (“Die Korrekturen” von 2001, “Die 27. Stadt” von 2003, “Freiheit” von 2010). Sie zeugen von einem erzählerischen Schwergewicht.
Die anstehende Veröffentlichung von “Crossroads” (ein genialer Song der Supergroup “Cream”) wurde erwartungsgemäß als literarisches Großereignis bewertet; die ersten Kritiker zeigten sich beeindruckt. Der Roman (offenbar der erste Band einer Trilogie) wird als zeitgeschichtlich relevante Spiegelung einer Epoche des Umbruchs angesehen.
FRANZEN at his best?

Die Erzählung taucht mit FRANZEN-typischer Gründlichkeit in ein überschaubares Biotop ein. Er seziert die emotionalen und psychologischen Untiefen der Mitglieder einer fünfköpfigen Familie:
Der Vater, ein sozial-engagierter Pfarrer, tut sich schwer, mit dem Leiter der Jugendgruppe (mit dem Namen “Crossroads”) mitzuhalten. Privat verstrickt er sich in einen nur schwer lösbaren Konflikt zwischen moralisch-religiösen Eheverpflichtungen und seiner Schwärmerei für eine jüngere Frau aus der Gemeinde. Das kann ja irgendwie nur schief gehen…
Die Mutter hat eine (geheime) belastende Vergangenheit, die sie letztlich für die Bewältigung der Ehekrise zu nutzen versucht. Ihre extreme Loyalität gegenüber dem jüngsten Sohn wird bis zum Äußersten beansprucht. Die religiöse Basis hilft auch beim Kampf um die Ehe.
Der älteste Sohn hat sich scheinbar erfolgreich verselbstständigt, wird dann durch die Irrungen und Wirrungen des Vietnam-Krieges eingeholt und gerät ebenfalls in eine existenzielle Krise. Er hat sich am stärksten aus dem religiösen Milieu – und damit auch von der familiären Einbettung – entfernt.
Die Tochter versucht auf schlängelnden Pfaden ihren Glauben mit dem Zeitgeist der Hippie-Generation zu verbinden. Sie leidet am stärksten unter den Belastungen, die sich auf der Geschwister-Ebene abspielen.
Der jüngste Sohn gerät sehr früh in eine Drogenkarriere, aus der es offenbar nicht mehr so viele Auswege gibt. Die Belastungen für die Familie erreicht ungeahnte Ausmaße.

Die hier nur kurz skizzierten persönlichen Themen der Figuren ziehen sich über Hunderte von Seiten, begleitet von zahlreichen Konflikten und Ambivalenzen. Das kann man mehr oder weniger interessant finden.
Doch was sagt uns dieser Roman über das Amerika der frühen 70-iger Jahre?
Die Crossroads-Jugendgruppe soll offensichtlich einen gesellschaftlichen Umbruch symbolisieren. Anstelle von formalen Rollen und steifen Umgangsfloskeln entsteht eine alternative Wertordnung mit neuen Ansprüchen an ein soziales Miteinander: Authentizität heißt die neue Währung; echte Gefühle sind angesagt; Rückmeldungen dürfen auch konfrontativ sein – wenn sie nur ehrlich sind. Gemeinschaft und Körperkontakt sind hohe Güter, aber hinter dem zelebrierten Anspruch blitzen die allzu bekannten menschlichen Schwächen aus Neid, Konkurrenz und Egoismus auf.
Und dann die Frage: Ist kirchliche Sozialarbeit in der schwarzen Schwester-Gemeinden nicht letztlich auch ein Ausdruck von Rassismus, weil sie “von oben herab” geleistet wird?
Und Vietnam: Wenn man schon den Krieg nicht stoppen kann, wird er dann gerechter, wenn man ihn nicht durch die Unterpriviligierten austragen lässt?
Unübersehbar das Meta-Thema “Religion”: Kann die starke Gläubigkeit der Amerikaner die verschiedenen Genrationen und Milieus verbinden bzw. zusammenhalten?

Ohne Zweifel gehört es zu den großen Fähigkeiten von FRANZEN, sich für die Darstellung von Situationen und Personen viel Zeit zu nehmen; er lässt sich als Erzähler nicht hetzen. Anders ausgedrückt heißt das: Er geht sehr in die Tiefe und sehr ins Detail – Redundanz inklusive.
Selbst wenn man das als Stärke interpretiert, weist dieser Roman bei der Ausarbeitung der Hauptfiguren eine Besonderheit auf, die sich im Laufe der Erzählung erst zu einer Irritation und dann (fast?) zu einem Ärgernis entwickelt: Durchweg alle beschriebenen Personen weisen eine solch übertriebene Häufung von Ambivalenzsprüngen auf, dass man sich immer wieder wie in einer Achterbahn fühlt. Diese oft im Minuten- oder Seitentakt vollzogenen Brüche und Wechsel von Bewertungen und Entscheidungen sind weder psychologisch nachvollziehbar, noch tragen sie zum Handlungsverlauf erkennbar bei (außer ihn zu verlängern).
So sind Menschen einfach nicht (wenn man mal von drogensüchtigen Jugendlichen absieht)! Als Leser/in verliert man den inneren Kontakt zu solchen Figuren, ist erst fassungslos und irgendwann langweilt man sich. Das ist der worst case für einen großen Roman eines großen Erzählers!

Wer sich für die zeitgenössische amerikanische Literatur interessiert, wird den neuen FRANZEN sicherlich lesen. Ich rate davon auch keineswegs ab – zumal man viele positive Kritiken findet. Das Buch fordert dazu heraus, sich seine eigene Meinung zu bilden.
Andere sind vielleicht besser als ich in der Lage, die zeitgeschichtlich relevanten Botschaften herauszulesen. Aus meiner Sicht hat sich FRANZEN über weite Strecken in den konstruierten emotionalen Widersprüchen seiner Protagonisten regelrecht verloren.

“Dunkelblum” von Eva MENASSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein (fiktives) kleines österreichisches Städtchen, direkt an der Grenze zu Ungarn gibt diesem Roman von Eva MENASSE seinen Namen und definiert gleichzeitig den Schauplatz.
Auf zwei Zeitebenen werden diverse Psychogramme und ein Soziogramm seiner Einwohner aufgespannt. Das Thema ist die Verstrickung (fast) der gesamten älteren Männer in die Verbrechen, die im Namen des Nazi-Regimes in der Endphase des Krieges auch in diesem Ort begangen wurden.

Die damaligen Geschehnisse wurden lange Jahre erfolgreich verdrängt und als nebulöse Grauzone in einer Art kollektivem Unterbewusstsein eingeschlossen. Alte Wunden waren überwiegend verheilt; es herrscht die Überzeugung vor, dass man die Dinge besser ruhen lassen sollte.
Die selbst verordnete Amnesie wird aber durch zwei Männer gestört, die aus verschiedenen Motiven gleichzeitig in das festgefügte System eindringen. Sie haben zwar biografische Bezüge zu dem Ort, waren aber lange genug weg, um mit den Augen und mit der Unabhängigkeit von Fremden zu agieren.
Ihre Neugier, ihre Fragen decken bald die ersten Sollbruchstellen des Schweigekartells auf. Es stellt sich heraus, dass es in der vermeintlichen Homogenität doch Risse gibt – insbesondere in der nachgeborenen Generation.
Und dann kommen auch noch junge Leute, die sich um den vergessenen Jüdischen Friedhof kümmern wollen…

MENASSE konstruiert eine komplexe Enthüllungsgeschichte, in der Schicht für Schicht die Macht- und Schuldstrukturen der Vergangenheit und ihre Nachwirkung bis in die Gegenwart freigelegt werden. Exemplarisch werden in verschachtelten Zeitsprüngen die sozialen Interaktionsmuster der wichtigsten Familien seziert – bis sich irgendwann die Mosaiksteine zu einem klaren Bild zusammensetzen.

Die Autorin ist nah bei den Leuten. Sie schildert mit großer Akribie und psychologischen Gespür die jeweilsindividuellen Verleugnungsstrategien. Nicht alle Alten sind im Grunde immer noch Nazis – aber kaum jemand ist jemals bereit gewesen, sich zu Verantwortung oder Schuld zu bekennen. Es waren ja besondere Zeiten…

Als Leser/in muss man sich entscheiden, ob man wirklich all diese vielschichtigen Verstrickungen durchdringen möchte, um am Ende das bestätigt zu bekommen, was man wohl auch vorher schon ahnte. Die Schweige-Mentalität, die von MENASSE weit ausholend durch die Dunkelblum-Bewohner personalisiert wird, ließe sich ohne Probleme auch weniger aufwendig beschreiben.
Damit ist die Stärke des Romans – das erzählerische Schwelgen in Details eines von der finsteren Vergangenheit noch nicht befreiten Biotops – gleichzeitig auch seine mögliche Schwäche: Nicht jede/r mag es so breit und ausführlich; nicht für alle sind die individuellen Eigenschaften der Figuren so relevant. Man muss sich schon auf sowas einlassen wollen…

Ohne Zweifel ist MENASSEs Roman auch ein sehr besonderes (österreichisches) Sprachkunstwerk. Wenn man sich noch dazu entscheidet, sich die Geschichte von der Autorin vorlesen zu lassen, erscheint die lokale Färbung geradezu überbordend. Für hochdeutsche Ohren bekommt der Text damit noch stärker etwas Folkloristisches, Altmodisches – was wiederum zum historischen Grundthema passt.

Insgesamt hat MENASSE ein bemerkenswertes Buch zum Thema “Vergangenheitsbewältigung” geschrieben; den durch die vielen begeisterten Kritiken entstandenen Hype um diesen Roman kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen.