Habeck for President?

Eine knappe halbe Stunde dauerte die Grundsatzrede von Habeck auf dem digitalen Pateitag der GRÜNEN. Ich habe diese Zeit investiert – vielleicht hat da ja unser nächster Kanzler gesprochen…

Die sehr speziellen Rahmenbedingungen haben dem Auftritt einen besonderen Charakter verliehen: Ohne ein Publikum und dessen Reaktionen wirkte die Rede seltsam künstlich, inszeniert und steril; sie hatte zwischendurch fast den Charakter einer Predigt.
Keine leichte Aufgabe für Habek.

Ich war mit dem Ergebnis trotzdem sehr zufrieden.
Habeck hat versucht, alle mitzunehmen, ohne allen nach dem Munde zu reden.
Er hat deutlich gemacht, dass man Mehrheiten braucht, wenn seine politischen Vorstellungen durchsetzen will. Kompromisse sind in dieser Logik die notwendige Folge von fehlenden Mehrheiten.
Das bedeutet auch – solange man den demokratischen Rahmen akzeptiert – dass man grünen Ministern nicht vorwerfen kann, dass sie Gesetze auch dann befolgen und durchsetzen, wenn sie der eigenen (grünen) Vorstellung widersprechen.
Habeck ermutigt auch die jungen Aktivisten, auf diesen Weg der demokratisch legitimierten Machtausübung zu setzen.

Habeck machte deutlich, dass die GRÜNEN mehr sein wollen als die konsequenteste Klima-Partei. Es geht um ein Gesamtpaket einer gesellschaftlichen und ökologischen Neuausrichtung, die den Menschen zwar etwas zumutet, ihnen aber nicht Verständnis und Respekt versagt.

Vor diesen GRÜNEN braucht die bürgerliche Mitte keine Angst zu haben. Gleichzeitig stehen sie aber für das notwendige Umsteuern.

Auf den Punkt gebracht: Für mich sind die GRÜNEN im Moment die einzige Partei, denen ich mich sogar im Falle einer Alleinregierung (bei einer absoluten Mehrheit) anvertrauen würde (in der Hoffnung, dass einige Überspitzungen bei Datenschutz und Gendertum unterbleiben).


“Ich bin Greta” – Ein Film von Nathan Grossmann (ARD-Mediathek)

Bewertung: 4.5 von 5.

Man muss kein bedingungsloser Greta-Fan oder gar selbst ein FfF-Aktivist sein, um das Anschauen dieses Dokumentarfilmes als eine lohnende Zeit-Investition zu erleben.
Als Motivation könnten eine ganze Reihe von Gründen dienen; z.B.:
– der Wunsch, das zeitgeschichtliche Phänomen dieser wohl größten Jugendbewegung aller Zeiten zu verstehen,
– das Interesse an der Person Greta, einem sensiblen, verletzlichen und gleichzeitig ungeheuer starken Mädchen,
– die psychologische Neugier, woher dieses Mädchen die schier endlose Energie, Kraft und Leidenschaft für ihre Mission zieht.

Zu sehen ist kein Klima-Film: Es gibt keine Fakten, keine Aufklärung und keine Propaganda. Es geht auch nicht um eine systematische Analyse der familiären und gesundheitlichen Bedingungen, die Greta geprägt haben. Die Strukturen der Fridays-Bewegung werden nicht analysiert, deren Widerhall in Öffentlichkeit und Medien nur kurz gestreift.

Der Film zeigt den Menschen Greta aus einer durch und durch persönlichen Perspektive – ausschließlich im O-Ton. Da gibt es keine erklärenden Begleitkommentare, niemand ordnet ein oder bewertet.
Dafür hat man durch diese Bilder die Chance, den Weg Gretas vom einsamen Sitzstreik vor dem Schwedischen Parlament bis in die Vollversammlung der UN hautnah zu verfolgen: nicht nur die bekannten öffentlichen Auftritte (die eher kurz dokumentiert werden), sondern in erster Linie das Geschehen vorher, nachher und drumherum. Die Bahnfahrten, die Atlantik-Überquerung im Sportboot, die Begrüßungen, ihre Reaktionen auf die Reaktionen der Politiker, den Streit mit dem Vater über ihren Perfektionsdrang und die Ernährung.

Diese Einblicke in das Erleben dieser “Berühmtheit” ist extrem berührend. Wir sehen keinen geltungssüchtiger Jung-Promi, sondern einen jungen Menschen, der ganz offensichtlich und subjektiv unvermeidlich an der Ignoranz und Widersprüchlichkeit der Welt der Erwachsenen verzweifelt. Und mit genau dieser Verzweiflung sieht Greta sich in der Verantwortung, anstelle der eigentlich zuständigen Politiker und Wirtschaftsbosse für die Rettung der Lebensgrundlagen unseres Planeten einzutreten.

Es zerreißt einem fast das Herz, wenn man den Kontrast zwischen diesem noch sehr kindlichen Körper und der betonschweren Bürde wahrnimmt, die auf diesen schmalen Schultern lastet.
Er erscheint absolut glaubhaft, wenn Greta deutlich macht, dass sie lieber ein ganz normales unauffälliges Teenie-Leben führen würde – wenn nur die zuständigen Menschen endlich den Wissenschaftlern glauben und ihren Job machen würden.

Natürlich wird auch deutlich, dass Greta kein ganz “normales” Mädchen ist. Sie spricht selbst kurz über ihre Asperger-Erkrankung (eine leichte Form des Autismus).
Man kann diese Krankheit als persönliche Tragik ansehen oder als Glück für die Menschheit: Ohne diese unerschütterliche, fast zwanghafte Konzentration auf dieses eine Thema, ohne diese schonungslose Konsequenz in der Verfolgung des als existenziell-bedeutsam erkannten Zieles, ohne diese Fähigkeit, (fast) alles andere als unbedeutend auszublenden (außer der Beziehung zu ihren Tieren) – ohne das alles hätte es wohl die Fridays-for-Future-Bewegung nicht gegeben.

Wer nach dem betrachten dieses Films noch davon schwafelt, dass diese Greta ja nur ein durchgedrehtes Kind, eine publicity-süchtige Influencerin oder eine ferngesteuerte Marionette grüner Systemverändern (z.B. ihrer Eltern) wäre, der hat sich als Gesprächspartner disqualifiziert.

Insofern ist dieser Film gerade dadurch so aufklärerisch, dass er kaum “neutrale” Informationen anbietet. Er überlässt Reaktionen und Bewertungen ganz den Zuschauern.
Ich rate dazu, sich dieser Herausforderung zu stellen (abrufbar in der ARD-Mediathek).


Amerikanischer Patriotismus

Nach der Betrachtung der Auftritte von Biden und Harris auf der Siegesfeier in der letzten Nacht gehen mir verschiedene Dinge durch den Kopf. Da ist Erleichterung, da ist Empathie und Rührung – aber da ist auch ein gewisses Fremdheitsgefühl angesichts der massiven Beschwörung des typisch amerikanischen Patriotismus und dem starken Bezug auf Gott.

Ich neige dazu, dem mit Verständnis und Toleranz zu begegnen.
Es ist in dieser Phase unbedingt notwendig, die tiefen Gräben zwischen den Menschen zu beseitigen. Dazu muss es gemeinsame – auch emotionale – Bezugspunkte gegen. Eine realistische Alternative zu der gemeinsamen Identifikation mit der Nation (“wir sind Amerikaner”) und der Religion ist kaum denkbar.

Angenehm ist, dass sich dieser Apell an den Nationalstolz gegen niemanden wendet. Zwar werden die grandiosen Möglichkeiten eines vereinten Amerikas in allen Farben des Regenbogens ausgemalt, aber eben nicht im Kontrast zum Rest der Welt.

Amerikaner haben jede Menge Grund, nicht stolz zu sein – auf ihr Land, auf ihre Geschichte, auf die letzten vier Jahre. Aber wenn der momentane Stolz auf die Überwindung des abstoßenden Trump-Systems die Grundlage für einen echten Stimmungswechsel bilden kann, so sei er ihnen gegönnt.

Möglicherweise sind die “weichen” Botschaften, die demonstrative Veränderung der Umgangsformen und des Stils, tatsächlich als Signal an die Welt bedeutsamer als die ein oder andere politische Entscheidung. Wenn sich eine zweite “Obama-Mentalität” ausbreiten sollte, dann verändert sich die internationale öffentliche Meinung ganz sicher zu Ungunsten der Autokraten.
Auf Einladung zu Dialog und Kooperation lässt es sich viel schlechter eskalieren und polemisieren als auf schroffe Provokationen und dem Pochen auf Egoismus.

Von mir aus sollen die Amis baden in ihrem positiven Patriotismus – wenn er sich so total anders anfühlt als die letzten vier Jahre.
(Und dass Gott und Familie in den USA so unverzichtbar sind, nehme ich dann auch gerne in kauf).

“Der Datenschutz ist unantastbar. Ihn zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt” (Grundgesetz Art. 1 – in der Fassung von 2020)

Wir leben in einer total verrückten Welt – das ist vielleicht nicht unbedingt eine neue Erkenntnis. Deutschlands Umgang mit der Corona-Epidemie schreibt dazu jedenfalls gerade ein neues Kapitel.

Kein Mensch kann mir erklären, warum wir als Gesellschaft bereit sind, alle möglichen verbrieften Grundrechte (in einer Talkshow wurde die Zahl 19 genannt) zugunsten des Gesundheitsschutzes der Bevölkerung einzuschränken – nicht aber das Recht auf “Informationelle Selbstbestimmung”.
Damit ist der Datenschutz offenbar zu einer Mega-Norm aufgestiegen, an dem vorrangig die Grundsatzfrage “sind wir eine freie Gesellschaft?” festgemacht wird.
Diese Irrationalität kostet uns Milliarden von Euro und Menschenleben.

Bin ich jetzt den Verschwörungstheoretikern in die Hände gefallen?

Nein, die Zusammenhänge sind klar und für jede/n nachvollziehbar:
Eine verpflichtende App, die nachgewiesene Infektionen bzw. Kontakte zu Infizierten automatisch an die Gesundheitsbehörden melden würde, könnte einen entscheidenden Beitrag zur Eindämmung leisten. Infektionsketten könnten schneller und sicherer nachverfolgt und unterbrochen werden. Vermutlich wäre die Ausbreitung schon im Sommer weitgehend gestoppt worden.
Entsprechende Beispiele gibt es im asiatischen Raum.

Die geradezu wahnhafte Angst der Deutschen um den Missbrauch ihrer Corona-Daten steht im diametralen Gegensatz zu dem sonstigen Umgang mit personenbezogenen Daten. Google & Co lassen grüßen.
Aber da sind ja nur Konzerne – und nicht der “böse” Staat mit seinen “Big-Brother”-Allüren…

Komischer Weise wollen wir alle von diesem Staat gerettet werden, gesundheitlich und finanziell. Nur darüber, ob er den Virus effektiv nachverfolgen kann, möchten wir nach Gutdünken, nach einem diffusen Freiheits-Gefühl, entscheiden.

Ich wage die Vorhersage: Wenn man in 10 oder 20 Jahren auf diese Zeit zurückblicken wird, dann wird es die Datenschutz-Neurose sein, die am meisten Unverständnis auslösen wird.
Vermutlich wird es die teuerste Neurose aller Zeiten werden…

Wie war das nochmal mit den Masken…..???

Ja, ich weiß!
Jeder darf auch mal Fehler machen, man muss nicht auf alles gleich mit einem shitstorm reagieren, wir sollten nicht alles skandalieren.

Aber – es gibt auch öffentliche Auftritte, die sind so peinlich, unerklärlich und gefährlich, dass eine Empörungsreaktion nicht nur verständlich, sondern sogar notwendig erscheint.

Es geht noch mal um den Ärztekammerpräsident Reinhardt, der bei Lanz seine weitgehenden Zweifel an dem Sinn und der Wirksamkeit von Masken nicht nur einmal, sondern – auf wiederholtes Nachfragen – in zunehmend verschwurbelter Form mehrfach geäußert hat. Dabei hat er später zwar z.T. seiner ersten Aussage widersprochen, letztlich aber immer weitere Argumente (“Vermummungs-Gebot”) angeführt, die alle aktuellen Bemühungen zur Eindämmung von Corona konterkariert haben.

Das macht dieser oberste Ärzte-Vertreter zu einem Zeitpunkt, wo die “zweite Welle” gerade in alle Statistiken schwappt und jede Menge Untersuchungen über die Wirksamkeit letztlich aller Masken vorliegen.

Gerade lese ich, dass Herr Reinhardt der Erstunterzeichner einer Erklärung mehrerer Fachgesellschaften ist, die sowohl den Nutzen von Masken als bewiesen ansieht als auch die dringende Empfehlung zu deren Gebrauch gibt.

Es ist ja okay, dass er sowas unterschreibt – aber wo lag der Zettel mit der Rücktrittserklärung?
Wer soll diesen Menschen denn bitte noch ernst nehmen, worauf soll seine Autorität noch beruhen?

In solchen Momenten wünsche ich mir so etwas wie einen traditionellen Begriff von “Ehre”. Fehler können passieren – aber ab einer bestimmten Größenordnung übernimmt man dann auch die Verantwortung. So hätte jemand, der von seiner Funktion her einer Elite angehört, sogar in dieser Situation noch ein gesellschaftliches Vorbild sein können.

Ist unsere Zukunft prechtig oder (th)elendig?

Gestern war es endlich so weit; mein Wunsch ging in Erfüllung: Bei Lanz trafen PRECHT und THELEN aufeinander – mit der Erwartung, dass sie ihre unterschiedlichen Visionen über unsere Zukunft in einem kontroversen Dialog austragen.
Grundlage dafür waren ihre beiden jüngsten Veröffentlichungen (s. PRECHT, THELEN).

Eine gefühlte Ewigkeit musste man warten, bis eine unsägliche und total überflüssige Diskussion über den Nutzen von Masken bei der Corona-Bekämpfung endlich vorbei war.
Was dann geboten wurde, war mir viel zu kurz und eher oberflächlich.

Natürlich konnte THELEN seine Technik-Fantasien (“Hyperloop”) und seine Bewunderung für die großen Digital-Pioniere einbringen. PRECHT trat moderat und (etwas zu) defensiv auf. Er machte deutlich, dass es ihm weder um einen Feldzug gegen Amazon, Google & Co, noch um eine allgemeine Innovationsverweigerung geht. Er machte auf die Gefahren der enormen Machtkonzentration in den wenigen Mega-Konzernen aufmerksam, brachte Beispiele für “Big-Data” und verdeutlichte, dass er insgesamt weniger Heil von einer rein technologischen Zukunftsbewältigung erwartet.
Einig war man sich dann, dass es dringend Investitionen in eine deutsche bzw. europäische Digital-Offensive geben sollte – und zwar in Bereichen, die noch nicht “uneinholbar” besetzt sind. So war der Ausklang relativ harmonisch.

Was mir eindeutig gefehlt hat, war ein mutigeres Gegenmodell zum Steigerungs-Mindset von THELEN. Es reicht mir nicht, dass man auf den Zeitdruck und auf die zusätzliche Notwendigkeit von Einschränkungen und Verboten hinweist.
Wo blieb z.B. die Frage nach dem gesellschaftlichen und ökologischen Nutzen von all den Produkten, die THELEN und seine Szene “cool” finden? Wer redet darüber, dass es zuerst um die Grundversorgung der demnächst ca. 10 Milliarden Menschen gehen muss? Welches wirklich existenzielle Menschheitsproblem wird z.B. dadurch gelöst, dass man viele Milliarden in ein futuristisches Verkehrsmittel (Vakuum-Röhre) steckt, dass dann (nachdem unglaubliche Ressourcen verbraucht wurden) eine kleine Elite von Menschen weitgehend CO2-neutral mit 1400 km/h von X nach Y bringt?
Warum weist PRECHT nicht stärker darauf hin, dass Ziele und Prioritäten für unsere Zukunft doch möglichst durch geplante gesellschaftliche Entscheidungen zustande kommen sollten – und eben nicht durch Marktmechanismen bzw. durch das, was gerade technisch möglich erscheint.

Ganz offensichtlich kann PRECHT immer dann punkten, wenn er konkrete Vorschläge macht – z.B. bzgl. einer Sondersteuer auf den Online-Handel. Dann wird deutlich, dass THELEN zwar “im Prinzip” ähnliche Werte und Prinzipien vertritt (“es wäre schön, wenn die Städte nicht veröden würden”), aber eben keinen Gedanken darauf verschwendet, wie man die (unerwünschten) Folgen der Digitalisierung bändigen könnte. Dafür bleibt keine Zeit, denn da wartet ja das nächste coole Produkt und alle wollen es schnell haben…

Man hätte gerne mitdiskutiert…

Den relevanten Ausschnitt der Sendung gibt es hier.

(Das Wortspiel in meiner Überschrift finde ich übrigens “cool”)


Corana Mitte Oktober 2020

Warum muss man sich auch nach dieser langen Zeit, in der soviel Wissen und Erfahrung gesammelt wurde, in den Medien immer noch mit bestimmten Experten befassen, die permanent die Situation verharmlosen?

Seit Wochen muss man sich fast täglich anhören, dass ja “nur” die Infektionen steigen würden – und eben nicht die schweren Verläufe, die Intensiv-Behandlungen und die Todesfälle. Der Höhepunkt dieser Desinformation wart die Plasberg-Sendung am 05.10., in der warnende Lauterbach geradezu systematisch gemobbt wurde.

Jeder denkende und rechende Mensch konnte seit Wochen wissen, dass die anderen Zahlen mit einiger Verzögerung nachziehen würden. Im Ausland war das schon zu beobachten, Tag für Tag, Land für Land.
Und jetzt scheint es tatsächlich auch bei uns zu passieren – welche Überraschung!

Hat den das Virus überhaupt keinen Respekt vor Deutschlands Schönredner-Experten?

Die 30-Jahr-Feier

Ich habe heute die Rede unseres Bundespräsidenten und ein wenig Rahmenprogramm gesehen.
Dabei habe ich überlegt, in wie vielen Staaten dieser Welt wohl eine vergleichbare Veranstaltung zu einem Ereignis von nationaler Bedeutung in dieser angenehmen Art abgelaufen wäre.

Es geht mir nicht darum, unser Land irgendwie hervorzuheben. Was ich ausdrücken will, ist meine Dankbarkeit über das Glück, in einem Staatswesen leben zu dürfen, in dem man sich weitgehend mit dem identifizieren kann, was sein oberster Repräsentant öffentlich sagt.
Man muss sich nicht schämen für pathetischen Nationalstolz, für säbelrasselnden Patriotismus oder für überhebliche Selbstbeweihräucherung. Hier muss kein Deutschland “great again” werden oder geworden sein. Alles ist maßvoll, abgewogen, selbstkritisch und uneitel. Niemand wird ausgegrenzt, niemand muss ich unverstanden fühlen, nichts wird glorifiziert.

Die musikalischen Beiträge, die ich gesehen habe, passten ins Bild. Es war ein modernes Deutschland, das sich da gezeigt hat – keine steife Hochkultur-Klassik, erst recht keine Marschmusik.

Wie sympathisch auch eine offizielle Feierstunde sein kann!

Ob den Menschen, die sich gerade so leidenschaftlich von unserem Gemeinwesen und deren Institutionen abgrenzen wollen, das alles bewusst ist?
In welcher Art Staat wollen sie leben?
Was wurde versäumt – dass es nicht gelungen ist, sie von den Stärken unserer Gesellschaft zu überzeugen?

Ich finde jedenfalls: So darf man feiern – so darf sich auch eine Nation mal feiern!
Mit dem Stil von Trump, Putin, Erdogan (und vielen anderen) hat das nichts zu tun.

YouTube macht klug

Für viele Digital-Kritiker (insbesondere aus meiner Generation) ist diese Aussage eine mittlere Provokation. Haben diese aufgeklärten Menschen doch inzwischen mitbekommen, welch kruder Schwachsinn und welche brandgefährlichen Inhalte in diesem größten Videokanal der Welt dargeboten werden. Spätestens wenn man erfahren hat, dass manche grell-geschminkten Teenies (sog. “influencer”) Millionen damit verdienen, dass sie Pakete mit bestimmten Kosmetik-Artikeln oder Textilien vor der Kamera auspacken, sollte man ja mit diesem Medium fertig sein – so die Schlussfolgerung.

Perspektivwechsel.
Als technik- und medienaffiner Mensch habe ich inzwischen so etwas wie eine persönliche Geschichte mit der Plattform “YouTube”.

Angefangen hat es wohl im Musik-Bereich. Während ich noch darüber nachdachte, wann ich wohl meine auf VHS-Bändern gesammelten Aufzeichnungen von irgendwelchen Rock-Konzerten digital archivieren könnte (das “Wie” war mir natürlich längst bekannt), stieß ich bei YouTube auf ein fast grenzenloses Angebot aus allen Epochen der 50-jährigen Rockgeschichte. Wahnsinn!
Dazu kam, dass bestimmte Musikstücke, die ich auf kleinem anderen Medium mehr finden konnte, oft auf YouTube präsent waren – einfach hinterlegt zu irgendeinem Standbild (meist dem Plattencover).

Deutlich später nahm ich dann zur Kenntnis, dass YouTube eine nahezu unendliche Quelle für lebenspraktische Informationen ist. Ein Tipp kam von meinem Sohn, indem er mich darauf hinwies, dass man in seiner Welt das korrekte Knüpfen eines Krawatten-Knotens nicht mehr von seinem Vater sondern aus einem YouTube-Video lernen würde.
Seitdem habe ich mir immer mal wieder etwas demonstrieren lassen, was ich selbst nicht auf Anhieb verstanden bzw. hinbekommen habe (kleine Reparaturen, technische Funktionalitäten, usw.).

Natürlich wollte ich dieses Medium nicht nur passiv nutzen. Für jemanden, der seit Jahrzehnten private Videos (in gefühlt 12 verschiedenen Formaten) herstellte, lag es nahe, auch mal etwas Eigenes hochzuladen und dann als Teil des World Wide Web zu bestaunen. Das führte übrigens zu meiner ersten (und einzigen) Abmahnung, weil ich eine kurze Szene auf Langlauf-Skiern mit einem (recht unbekannten) Song unterlegt hatte.

YouTube bekam dann irgendwann auch die Funktion einer riesigen Mediathek, in der ich verpasste oder früheren TV-Inhalte wiederfand – bevor die offiziellen Mediatheken der Sendeanstalten zum selbstverständlichen Standard wurden.

Durch das Wiederaufleben meines Schlagzeug-Spielens (nach nur 40 Jahren Pause) wurde das mit der Musik und dem Erklären der Welt auf einmal sehr konkret: Ich konnte – total fasziniert – entdecken, dass für fast jeden halbwegs bekannten Songs Lehr-Videos zu finden waren, in denen Drummer ihr “Mitspielen” dokumentiert hatten (teilweise mit mehreren Kameras zum Nachvollziehen jeder Hand- und Fußbewegung). Irre!
Natürlich sind auch jede Menge didaktisch aufbereitete Unterrichtseinheiten zu finden.
(Wenn ich das mit 16 gehabt hätte, wäre vielleicht heute eine Sammlung von Goldenen Schallplatten an meiner Wand).

Jetzt komme ich zur Gegenwart und damit zum Thema:
Zwar wusste ich schon länger, dass sich Schüler/innen komplexe Unterrichtsinhalte (vorrangig Mathe) lieber von YouTubern als von ihren Eltern oder Geschwistern erklären lassen. Aber die ganz persönlichen Erfahrung der letzten Tage war doch sehr viel beeindruckender:
Ich habe mich (mal wieder) meinem Lieblings-Thema zugewandt: dem Zusammenhang zwischen Gehirnaktivitäten und Bewusstsein. Bei meinen Recherchen (z.B. auf Amazon – wo ich natürlich nur noch selten kaufe) stieß ich auf bestimmte Namen von Buchautoren. Auf Wikipedia fand ich dann Links zu Veröffentlichungen und zu Vorträgen, die – welche Überraschung – natürlich auf YouTube abgelegt sind.
Seitdem bewege ich mich in einer bisher verborgenen akademischen und wissenschaftlichen Welt und höre den besten Forschern und Hochschullehrern zu. Ich nehme Platz in Uni-Hörsälen und in Auditorien von wissenschaftlichen Kongressen. Und bei jedem Klick auf ein Video tauchen rechts Hinweise auf ähnlich interessante Beiträge auf.
Wo soll das enden?

Ja, ich weiß: YouTube ist auch voller Dummheit, billigem Kommerz und Hass.
Mich macht es aber gerade (ein wenig) schlauer.
Damit ich selbst Übersicht bewahren und für andere ein paar gezielte Anregungen geben kann, werde ich in nächster Zeit auf einer neuen Seite dieses Blogs eine kommentierte Übersicht meiner Lieblings-Videos posten und dann kontinuierlich pflegen.

Und was ist mit Corona?

Vor einigen Monaten war die Corona-Pandemie ein wesentlicher Grund dafür, dass es mir sinnvoll erschien, täglich einen Blogbeitrag zu posten: Wie sollte man sonst hinterherkommen, das alles erfassen und bewältigen?
Schon dieser kleine Rückblick macht deutlich, wie sehr sich die Situation und die Wahrnehmung derselben verändert hat.

Corona hat seinen unmittelbaren Schrecken verloren, es ist kalkulierbar geworden, man kennt die Parameter, mit deren Hilfe man es managen kann. Die Berichte und Kommentare beziehen sich kaum noch auf das Virus und seine Eigenschaften, sondern auf die unterschiedlichen Schutzmaßnahmen bzw. die damit verbundenen Konflikte und auf die wirtschaftlichen Folgen bzw. die Versuche deren Linderung.

Kann sich noch jemand an die Tage erinnern, in denen man durchaus ernsthaft darüber nachdenken konnte, wie weit wohl der Zusammenbruch von Versorgungssystemen gehen könnte? Für welchen älteren Menschen ist noch das unmittelbare Bedrohungsgefühl präsent, das von den ersten Schätzungen der Todesraten ausging?

Wir haben inzwischen eine Situation, in der wieder deutlich mehr Kontrollgefühl besteht. Viele Menschen verringern ihr Infektionsrisiko auf eine selbstverständliche und ganz leise Art: Sie meiden Menschenmengen und überhaupt Kontakt zu (fremden) Menschen in (engen) Räumen, tragen Masken und halten Abstand (ja, sie waschen auch noch die Hände; aber das ist vergleichsweise nebensächlich).
Im Gegensatz zu dem social distancing der ersten Wochen haben die meisten inzwischen erweiterte Bezugsgruppen gebildet, innerhalb derer sie sich wieder halbwegs normal bewegen – wenn auch vielleicht mit weniger direktem Körperkontakt. Das kann die erweiterte Familie sein, die engsten Freunde oder vertraute Arbeitskollegen. Dabei gilt oft eine unausgesprochene Hoffnung bzw. Erwartung: “Wir sind ja alle vorsichtig und verhalten uns auch in unseren anderen Bezügen verantwortlich.”

Für diese Gruppe von Mitbürgern ist Corona sicher auch lästig und manchmal auch eine Zumutung – aber eine zumutbare Zumutung: “Wenn das der Preis dafür sein sollte, dass wir die Intensivstationen und Friedhöfe weitgehend schonen können, dann haben wir doch letztlich Glück gehabt!”
Genau dieser Gruppe von (eher älteren) Menschen haben wir es alle zu verdanken, dass die Zahlen so sind, wie sie sind. Und dass einige andere sich den Luxus leisten können, etwas leichtsinniger zu sein.

Anfangs erschien es so, als ob der Virus die ältere Generation extrem benachteiligen würde, wegen des höheren Risikos schwerer Verläufe. Heute könnte man sagen: Es gibt so etwas wie einen Ausgleich. Von den (immer noch bestehenden) Einschränkungen sind nämlich junge Leute (im Durchschnitt) deutlich mehr betroffen: bei Veranstaltungen und Konzerten, beim Ausgehen, beim Daten, beim Reisen.
Man kann es wirklich nicht bestreiten: einem 60- oder 70-jährigen Menschen fällt in der Regel ein corona-konformes Alltagsleben deutlich leichter als einem 25-jährigen.

Was zu meiner persönlichen Bilanz am Ende dieses Corona-Sommers führt: Ich bin dankbar und recht zuversichtlich bzgl. der eigenen Situation.
Zu den politischen und gesellschaftlichen Tendenzen äußere ich mich demnächst.