Das Ende der Sommerpause (in eigener Sache)

Einige werden fragen: “Welche Sommerpause? Wir sind doch von Rezensions-Links förmlich überschwemmt worden!”

Das stimmt, ich habe viel gelesen. Aber es sind viele Wochen ins Land gegangen, ohne dass ich mich zu gesellschaftlichen oder politischen Themen geäußert habe. Noch nicht mal zu Corona! Kaum jemand wird das vermisst haben (das ist für mich vielleicht ein wenig traurig – aber wahr).

Meine Motivation, jetzt wieder einzusteigen, kommt von innen. Sie hat damit zu tun, dass dieser Blog auch so etwas wie ein Tagebuch des Zeitgeschehens darstellt. Ich bin kein Journalist, ich werte keine irgendwie versteckten Quellen aus, ich weiß nicht mehr als andere, die sich in den Mainstream-Medien (von der neuen Rechten und aktuellen Demo-Elite auch gerne “Lügenpresse” genannt) auf dem Laufenden halten.

Was mich trotzdem umtreibt, sind vor allem folgende Bedürfnisse:
– Ich drücke meine Meinung gerne schriftlich aus (weil sie dann klarer und konturierter wird).
– Ich zeige mich und meine Überzeugungen gerne und mich reizt die Möglichkeit, andere (euch) von bestimmten Sichtweisen zu überzeugen oder Rückmeldung (am besten kritische Bestätigung) zu erfahren.
– Ich finde es spannend, durch den Filter meiner subjektiven Perspektive auf vergangene Ereignisse zurückzuschauen (“so hast du das also damals zu Beginn gesehen”).

Einige von euch haben mir die Erlaubnis gegeben, auf meine Posts jeweils mit einem Link hinzuweisen. Ich werde das in einem Umfang tun, wie ich es einigermaßen stimmig und vertretbar empfinde. Ich werde also filtern – inhaltlich und quantitativ. Wem es zuviel wird, möge sich bei mir melden (oder die Links einfach ignorieren); wer öfters was von mir hören möchte, kann sich gerne auch selbst auf meinem Blog umsehen; in der Regel ist dort mehr zu finden als es in den von mir gesendeten Links zum Ausdruck kommt).

Soweit die Vorrede; morgen geht’s dann los. Vermutlich mit Corona…

Darf man die Serben nicht mögen?

Meine Betrachtung kommt ein paar Tage zu spät. Angesichts der zeitgeschichtlichen Zusammenhänge erscheint mir das akzeptabel.

Es gab mal wieder einen dieser Gedenktage. Es ging um die Greueltaten serbischer Milizen an tausenden Bosnischen Männern unter den Augen von UNO-Soldaten in Srebrenica vor 25 Jahren.

Es geht mir nicht um die Vergangenheit. Ich spüre Unverständnis und Befremden gegenüber der Unfähigkeit “der Serben”, zu bedauern, zu trauern, zu bereuen oder sonst auf irgendeine Weise Verantwortung zu übernehmen. Statt dessen fanden aufgeheizte und gewalttätige Demonstrationen gegen die eigene Regierung statt, die (endlich) nach politischen Lösungen der Kosovo-Frage sucht.

Ich weiß: Es gibt keinen “Volkscharakter”. Es gibt mit Sicherheit jede Menge vernünftige, friedfertige und liebenswerte Menschen in Serbien. Vielleicht zeichnet die Berichterstattung über dieses Land auch ein einseitiges Bild. Kann alles sein.

Was ich sagen kann: Alles, was bei mir in den letzten Jahrzehnten über die Mentalität und die politische Kultur in diesem Land angekommen ist, wirkt auf mich zutiefst unsympathisch (nationalistisch, militaristisch, dogmatisch). Und deshalb spüre ich Vorbehalte und gehe auf Distanz.

Ich mag wohl die Serben nicht besonders. So richtig schlimm finde ich das nicht. Für mich ist es auch okay, wenn jemand “die Deutschen” nicht mag.

Serbien soll in die EU aufgenommen werden. Manche begründen das damit, dass man dieses “schwierige” Land dann besser “einbinden” könne. Ich bin nicht ganz sicher, ob wir nicht schon genug schwierige Mitglieder haben.

Aber das sollen andere entscheiden. Mein Bauchgefühl kann da wohl nicht helfen.

Schicksalsfragen…

Ich bin ja – wie sicher alle Leser/innen wissen – ein leidenschaftlicher Sportbanause. Und auch die zahlreichen diffizilen Aspekte des Transgendertums gehören nicht zu meinen Lieblingsthemen. Gerade habe ich gemerkt, wie sich das anfühlt, wenn die beiden Bereiche zusammenfließen.

Auf ZEIT-online wurde ich mit den offensichtlich existenziell bedeutsamen Problemen und Konflikten konfrontiert, die sich nach einer Geschlechtsanpassung für den Spitzensport ergeben: Werden “normale” (das sagt man natürlich nicht) weibliche Sportlerinnen benachteiligt, wenn sie mit ursprünglich männlichen Konkorrentinnen zu tun bekommen? Oder werden die (inzwischen) weiblichen Athletinnen diskriminiert, weil sie in den Frauenwettbewerben nicht zugelassen werden (weil noch biologische männliche “Vorteile” in ihnen stecken)?. Darüber wird in den USA schon erbittert gestritten – auch vor Gericht.

Was soll man tun? Die Geschlechtergrenzen ganz aufheben oder den jeweils individuellen Hormonstatus erheben und den Körperbau vermessen? Wo sollen dann die Grenzen liegen?

Fragen über Fragen, alle bisher offen und ungelöst…

Eins kann ich am dieser Stelle schon verraten: Die Antworten darauf interessieren mich nicht im geringsten…

Vielleicht stimmt das nur zum Teil: Vom sportlichen Aspekt wäre mir das wirklich völlig egal. Allerdings wäre ich aus eher grundsätzlichen Erwägungen etwas irritiert, wenn man (mal wieder) wegen einer winzigen Minderheit alle bisherigen Selbstverständlichkeiten in Frage stellen würde…

Die Rechtspopulisten warten nur auf solche Beispiele, um sich als Garanten des “gesunden Menschenverstandes” in Szene zu setzen…

Easy Rider?

Es geht mal wieder um die Freiheit. Oder darum, was wir darunter verstehen. Man könnte auch fragen: um wessen Freiheit eigentlich?

Motorradfahrer demonstrieren für ihr Recht, ohne Einschränkungen ihrem Hobby nachgehen zu können. Der auf Toleranz getrimmte Bürger denkt: “Man kann ja auch nicht alles verbieten…”
Viele Menschen in landschaftlich attraktiven Gebieten (kurvige Straßen in grüner Umgebung) wünschen sich auch Freiheit: von Lärm, Abgasen und völlig überflüssigem Verkehr.

Wie soll eine demokratische Gesellschaft solche Konflikte lösen? Sind immer die, die auf eine Fehlentwicklung hinweisen, die Doofen, weil sie den anderen “den Spaß” verderben? Droht in einer “Verbotsgesellschaft” die Diktatur des Langweiler-Mainstreams? Oder ist die freiheitsverliebte Toleranz-Gesellschaft dem Untergang geweiht?

Die entscheidende Frage scheint mir zu sein, ob wir uns trauen, gesellschaftlich relevante Ziele auch zu verfolgen. Bzw. ob wir irgendwann kapieren, dass sich eine gewünschte oder gar notwendige Entwicklung nicht von selbst ergibt.
Wir müssen tatsächlich entscheiden, wie wir in Zukunft leben wollen!

Geht’s auch ein wenig konkreter? Was würde ich denn vorschlagen?

Nun, für mich wäre erstmal klar, dass das “Fahren als Selbstzweck” in einer nachhaltigen Gesellschaft, die der drohenden Klima-Katastrophe etwas entgegensetzen möchte, nicht (mehr) zu den “geschützten” Lebensinhalten gehört. Mobilität ist ein hohes Gut – egal aus welchen Gründen man von A nach B gelangen möchte. Wenn man aber von A nach A möchte, weil der Weg das Ziel ist, sieht das anders aus.

Daraus folgt: Wir sollten uns für alle Mobilitäts-Konzepte einsetzen, die nicht die Art des Fortbewegens zum Fetisch bzw. Genussmittel macht, sondern die Funktionalität des Ankommens – bei minimaler Belastung von Umwelt und Mitmenschen.
Damit wären alle Arten von Hobby- und Statusgeräten raus, die in den meisten Fällen einzig den Zweck haben, die Jugendträume großer Jungs zu erfüllen: hochgezüchtete PS-Protzmaschinen mit zwei, drei oder vier Rädern (natürlich auch alle Wasserfahrzeuge, deren einziger Sinn es ist, Adrenalin beim Nutzer und Ohrenschmerzen bei den unfreiwilligen Zuhörern zu erzeugen).

Wie setzt man sowas durch? Richtig: durch Umsteuern, Anreize und Einschränkungen!
Man muss es nur wollen, genauso wie das Rauchverbot oder eine grüne Landwirtschaft.

Meine spontane Liste:
– allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzungen auch auf Autobahnen
– PS- und Lärmgrenzen für alle zukünftigen Autos und Zweiräder
– Verbot reiner “Spaßgeräte” (Quads, Jet-Ski, Kleinstflugzeuge)
– Sperrung von typischen “Raserstrecken” für Motorräder
– konsequente Besteuerung von Fahrzeugen nach Lärm, Verbrauch und Schadstoffausstoß
– Ausbau und stärkere Subventionierung moderner Verkehrskonzepte
– (weitgehend) autofreie Innenstädte

Und dann? Einfach nur immer den Leuten was wegnehmen? Wo ist die Perspektive?

Ich hätte kein Problem damit, zukünftig bestimmte Gebiete bereitzustellen, in denen Menschen ihre Lust nach dynamischer Fortbewegung ausfahren können. Voraussetzung wäre natürlich, dass dabei kein CO2 emittiert würde (erste E-Motorbikes gibt’s schon, fehlt nur noch der regenerative Strom). Gerne sollte mit dem Eintritt in diese Raserzonen auch das zusätzliche Risiko für Unfall-Behandlungskosten abgedeckt werden.

Es geht mir also nicht um das Verbieten als Selbstzweck. Es geht um die Prioritäten und darum, dass die Kosten der individuellen “Freiheit” nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.

Es nervt mich zusehends, dass jede perverse Extrementwicklung der letzten 20 Jahre als Maßstab für die zu verteidigende Freiheit definiert wird! Das gilt für Energieverbrauch, PS-Wahnsinn, Hyperkonsum, Flug- und Kreuzfahrttourismus, Massentierhaltung oder Lebensmittelverschwendung.
Ist es nicht das denkbar größte Freiheitsziel, dass auch unsere Kinder und Enkel diesen Planeten noch bewohnen können?

Nicht wichtig, aber bemerkenswert…

Es sind oft die kleinen Nachrichten, die besonders berühren.
Wer wird heutzutage noch über den 386. Schwachsinn eines bekannten Präsidenten irritiert oder staunt gar über das systematische Abfackeln des Regenwaldes als offizielle Regierungspolitik?!

Liest man aber, dass zum ersten Mal seit über 50 Jahren eine neue Single der Rolling Stones den ersten Platz der deutschen “Hitparade” (so hieß das früher) innehat, so gerät man doch kurz ins Stutzen. Bei mir ist das ein angenehmes Stutzen…

Ist es nicht irre – so denke ich – dass inzwischen ein Großteil der (noch) lebenden deutschen Mitbürger (heute muss man ja ergänzen “und Mitbürgerinnen”) eine Welt ohne Rolling Stones gar nicht kennen, gar nicht erlebt haben!? Das sie so etwas wie ein selbstverständlicher Teil des Lebens sind: Meist nicht präsent, aber doch irgenwie immer da, Im Hintergrund, wie das Bundesverfassungsgericht oder die Versorgung mit Coca Cola.

Für die meisten Menschen sind solche “Institutionen” weder besonders wichtig noch besonders bewusst. Aber sie prägen unser Leben wie ein Grundrauschen, das man erst wahrnimmt, wenn es plötzlich verschwindet.

Wegen mir dürfen die Stones gerne noch ein bisschen dabeibleiben. Auch sie geben mir und meinem Leben eine innere Struktur, schaffen Heimatgefühle und sind ein Teil meiner ganz persönlichen Identität.
Dazu muss ich die beteiligten Personen nicht besonders sympathisch finden oder es toll finden, dass sie so reich geworden sind. Es reicht, dass sie da sind. Wie beruhigend: Es gibt noch Stabilität im Leben!

Nachbemerkung:
Eh’ ich es vergesse: Die Stones haben (nicht nur aus meiner Sicht) ein beeindruckendes musikalisches Lebenswerk hinterlassen. Ich könnte ohne mühe einen ganzen Abend damit bestreiten, nur die Titel zu hören, die ich wirklich bedeutsam finde (musikalisch und emotional).
Die neue Single (“Ghost Town“) finde ich auch gelungen…
(Nochmal 50 Jahre schaffen sie nun tatsächlich nicht mehr…)

Party-Szene?

Ich kann es nicht mehr hören!
Warum nennt man seit zwei Tagen die gewalttätigen Menschen, die in Stuttgart Menschenleben gefährdet und Eigentum verwüstet haben, verharmlosend “Party-Szene”?

Gehört es inzwischen zum üblichen Zeitvertreib, sich bei einer sich bietenden Gelegenheit gegen Polizeikräfte zu solidarisieren und Langeweile oder Frust in Gewalt abzuführen?
Als Event? Als antiautoritäre Befreiungsgeste?

Wie wohltuend und beruhigend muss das für diese Gruppierungen klingen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit weiter als Party-Szene bewertet fühlen. So schlimm kann es also nicht sein…
Für mich ist das unverständlich!

Die alte Auto-Welt

Wenn jemand der Illusion unterliegen sollte, dass sich das Ende der deutschen Auto-Fixierung schon auf einem guten Wege befände – dem (oder der) empfehle ich einen Wochenendausflug bei gutem Wetter Richtung Ostwestfalen; z.B. in das nette Örtchen Lippstadt.

Dort ist die Auto-Welt noch in Ordnung. Samstag abends und Sonntag vormittags werden sie gezeigt, die kleinen Flitzer oder die kraftvollen PS-Protze. Eine Runde durch die Kneipen-Straßen und ihrem Publikum gehört zum Pflichtprogramm – fast wie in den US-Filmen der 60iger Jahre.
Hier – abseits der Großstädte und Metropolen – steht das Auto noch für Freiheit, Stil und Genuss; von Auto-Scham keine Spur!

Auf dem Weg von und zur Autobahn gibt es jede Menge blitzblank-geputzte Edelkarossen zu sehen, die ungeduldig darauf warten, dass ihrem technischen Potential endlich mal wieder ein angemessenen Raum gegeben wird.

Als Kleinwagen-Hybrid-Fahrer, der möglichst entspannt mit 4,0 l Durchschnittsvorbrauch von A nach B kommen möchte, fühlt man sich ein bisschen fremd in dieser scheinbar so selbstgewissen Dinosaurier-Welt.

Es ist vermutlich ganz gut, dass ich mich einer solchen Konfrontation mit der Realität nicht allzu oft aussetze. Auf den Fahrradtrassen in Essen kann man so schön von einer Verkehrswende träumen…

Die App ist da!

Die deutsche Gründlichkeit hat mal wieder zugeschlagen: Es musste die “weltbeste” App sein, weit ab von jedem Verdacht, irgendein Datenschutzrisiko zu beinhalten.
Und natürlich ist sie freiwillig, freiwillig, freiwillig!

Ich bin gespannt, ob es trotzdem eine Boykott- und Ablehnungsszene geben wird. Einfach, weil man ja gegen das sein muss, was irgendwie “staatlich” ist. Weil Staat bedeutet ja offensichtlich, Kontrolle, Ausspionieren, Datensammeln.
Der Staat ist ja irgendwie immer der Gegner.

Vielleicht bin ich ja naiv. Es liegt wohl daran, dass ich noch nie in einem Unrechtsregime leben musste. Ich bin irgendwie mit dem Gefühl aufgewachsen, dass der Staat ein absolut notwendiger Dienstleister ist, der – letztlich in meinem Auftrag und meistens in meinem Interesse – Dinge für mich regelt und bereitstellt, die mir sonst sehr fehlen würde.

Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich habe schon bei dem Volkszählungs-Konflikt in den 1970-iger Jahren nicht wirklich verstanden, warum der Staat nicht wissen sollte, wo wie viele Personen leben. Tatsächlich habe ich damals – trotz grundsätzlich “progressiver” Einstellung – nicht protestiert, sondern war als Volkszähler unterwegs (habe von meinem Verdienst u.a. die stilbildende “Deep Purple in Rock” gekauft).

Von mir aus dürfte es auch einen zentralen Speicher der Corona-Daten geben. Aber wenn das nicht sein muss – ums so besser!
Ich möchte nur keine endlosen Diskussionen hören und sehen über die “Restrisiken” dieser App. Ich glaube, ich wäre kein sehr geduldiger Gesprächspartner.

Ein schlauer Mensch hat die Tage – sinngemäß – gesagt: Jeder Smartphone-Besitzer, der ein Google-, Facebook- oder Microsoft-Konto hat, sollte zwangsverpflichtet werden, auch die Corona-App zu installieren. Die Auswirkungen auf die persönliche Durchleuchtungs-Dichte wäre selbst mit den empfindlichsten Instrumenten nicht messbar.

Also bitte: Installiert die App und beschäftigt euch dann mit wesentlichen Dingen!

Nachtrag:
Ich habe gerade die – verständliche – Frage bekommen, ob die App denn unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch so sinnvoll sei.
Meine Antwort: Ich sehe in einem möglichst flächendeckenden Runterladen der App auch ein gesellschaftliches Zeichen, eine Art Volksabstimmung für Vernunft und Verantwortung.

Lachs

Komischer Titel für einen Blogbeitrag von mir?

Ich habe heute eine 90-minütige Dokumentation über den Lachs als Lebewesen und die Lachsindustrie als Wirtschaftsfaktor gesehen. Das Ergebnis: Viel Information, differenzierte Aufklärung und emotionales Berührtsein.

Ich wusste schon von der Problematik der industriellen Lachs-Produktion – durch eine ZEIT-Titelgeschichte aus dem letzten Jahr. Auch das Lesen hat damals etwas ausgelöst: Ich war seitdem häufiger (fast immer) bereit, für “Bio-Lachs” deutlich mehr zu bezahlen.

Dieser Film macht die Zusammenhänge deutlicher und vor allem eindrücklicher. Es geht – wie so oft – um Maßlosigkeit, Wachstumsfetischismus und Verantwortungslosigkeit.
Beleuchtet werden viele Aspekte: Die Romantik der ursprünglichen Lachsfischerei, die sprunghafte Entwicklung der “Zuchtfarmen” in Norwegen (und inzwischen auch in Chile), die Umweltschäden und die unsäglichen Lebensbedingungen, die geplante Steigerungsdynamik für die nächsten Jahre.

Am meisten hat mich das Interview mit einem norwegischen Geschäftsmann (Exporteur) erschüttert, der schildert, wie stolz er über jedes Flugzeug ist, das mit ca. 30 Tonnen Lachs zu den wohlhabenden Kunden in Asien oder zu den Golfstaaten startet. Oder die Geschichte eines Norwegers, der es geschafft hat, den norwegischen Lachs in Japan (und dann weltweit) als Sushi-Spezialität einzuführen. Einfach ein Irrsinn!
Und diese Menschen spüren offenbar noch nicht einmal eine kleine Ambivalenz hinsichtlich ihres – jedem ökologischen Gedanken widersprechenden – Tuns.
Der ganze Wahnsinn solle sich in den nächsten Jahren noch verfünffachen.

Guten Appetit!
Ich glaube, ich kann jetzt auch auf Bio-Lachs (weitgehend) verzichten.

(Die Sendung lief auf ARTE).

Der langsame Abschied von den USA

Mein Verhältnis zu Amerika war nie kritiklos oder gar verklärt. Seitdem ich (politisch) denken kann, habe ich im “American Way of Life” immer auch Widersprüche, Doppelmoral, Rassismus, Zynismus, Imperialismus und grenzenlos egoistischen Individualismus gesehen (um nur ein paar Beispiele zu nennen). Die Betonung lag auf “auch”.
Es gab dazu ein ein gewisses Gegengewicht. Es gab das Amerika, dass uns von Hitler befreit hat. Es gab das glitzernde Wolkenkratzer- und Hollywood-Amerika. Es gab die Strahlkraft der Kennedys und von Martin Luther King. Es gab Woodstock und die Ostküsten-Intellektuellen. Es gab die Vielfalt und Weite der Landschaften, das Grenzenlose. Und zuletzt gab es mit Obama einen Präsidenten, der zwar politisch kein Heiliger war, dem man aber ohne jeden Zweifel Anstand und Charakter zubilligen kann, den man sich im persönlichen Freundeskreis hätte vorstellen können.

Wenn wir uns die heutige USA nach (fast) vier Jahren Trump anschauen, gucken wir auf ein anderes Land, letztlich auf eine andere Welt. Man muss die Einzelheiten hier nicht alle aufzählen; wir alle haben sie hunderte Male gehört und gelesen.
Was wirklich überrascht – auch noch nach den ersten drei Jahren – ist die Steigerungsdynamik, mit der Prinzipien, Maßstäbe und Werte aufgegeben bzw. in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Wie konnte man ernsthaft glauben – auch etliche deutsche Kommentatoren haben das anfangs getan – dass ein durch und durch egomanischer, narzisstischer und charakterloser Mensch schon zu einem irgendwie brauchbaren Staatsmann werden könnte? Wenn so ein Mensch zum mächtigsten Mann der Welt werden kann, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht mit diesem Land! Das konnte man nie schönreden; man hätte sich die Versuche auch gut sparen können!

Man könnte jetzt vielleicht irgendwie schadenfroh sein, nach dem Motto “Das haben die bekloppten Amis jetzt davon… (z.B. mit Corona).”
Aber es geht nicht nur um all die vernünftigen Menschen, die ja auch dort leben (ca. 50%). Es geht um unser aller Zukunft.
Ich weiß nicht, ob wir es uns leisten können, dass die USA auf der Weltbühne in zunehmendem Tempo an Bedeutung und Einfluss verlieren. Ich bin davon überzeugt, dass die falschen Leute (in Peking, Moskau, Teheran, Ankara, usw.) sich gerade voller Begeisterung die Hände reiben.
Auch wenn die Erzählung (das Narrativ) vom “Freien Westen”, der Demokratie und Menschenrechte in der Welt verteidigt, (leider) immer viel mit Propaganda und Heuchelei zu tun hatte: Wie sehen die Alternativen aus? Welche wünscht man sich wirklich? Wen möchte man als neue Supermacht an den Schaltstellen sehen?

Ich sehe nur einen gangbaren Weg: Wir müssen Europa stärken und auf das Nach-Trump-Amerika hoffen. Aber – selbst wenn uns das gelingt – ein Abschied von der USA, die uns doch irgendwie vertraut war und uns – trotz aller Schwächen – ein wenig Stabilität geschenkt hat, dieser Abschied hat schon längst begonnen.
Schaffen wir es , diesem Entfremdungsprozess etwas entgegenzusetzen? Können und wollen wir noch differenzieren zwischen Trump und seinem Land? Was ist das für ein Land, wo es normal ist, dass man nur als Multimillionär Chancen hat, als Präsident zu kandidieren? In dem ein Großteil der Medien in rechten und extrem-klerikalen Händen liegt? In dem Waffen geradezu angebetet werden? In dem das dumpfe und geistlose Macho-Gehabe mehrheitsfähig ist?

Als Vorbild für die Welt taugt dieses Amerika schon lange nicht mehr. Müssen wir es endgültig abschreiben? Dürfen wir das tun?