“Projekt Zukunft” von Dirk STEFFENS

Bewertung: 4 von 5.

Was muss ein Nachhaltigkeits-Buch im Jahre 2022 bieten, um es noch über die Wahrnehmungsschwelle zu schaffen?
Es könnte z.B. von einem namhaften Autoren stammen (was der Fall ist), es könnte ein besonderes Vermittlungskonzept verfolgen (ist auch vorhanden) oder könnte gleich eine ganze Gruppe ausgesuchter Experten/Expertinnen zu Wort kommen lassen (was natürlich auch passiert).

STEFFENS stellt diesmal zentrale Themen der Ökologie- und Nachhaltigkeitsbewegung in Dialog-Form dar: Er spricht mit jeweils einer wissenschaftlichen Koryphäe u.a. über die Themen “notleidende Weltmeere”, “Zerstörung der Böden”, “Rettung der Wälder”, “Klimawandel und Wetter”, “zukünftige Pandemien”, “moderne Sklavenwirtschaft”, “verantwortlichen Konsum” und über die Zukunft der Spezies Menschen ganz allgemein.
Diese “Gespräche” sind keine Kontroversen: Man ist sich über die jeweilige (katastrophale) Ausgangslage genauso einig wie über die (eigentlich) notwendigen Maßnahmen. So agiert STEFFENS eher als Stichwortgeber und Strukturierer – und eben nicht als Vertreter einer Gegenposition.
Damit das Verfolgen der Argumentation nicht am fehlenden Verständnis scheitert. werden da, wo es hilfreich erscheint, zusätzliche Sachinformationen eingespeist.

Der gewählte Aufbau lockert das Buch auf und macht es auch für solche Interessierte gut lesbar, die nicht unbedingt die Systematik eines durchstrukturierten Textes suchen. Dazu trägt natürlich auch bei, dass die interviewten Personen einen jeweils unterschiedlichen Gesprächsstil haben. So wird die Darstellung eben auch persönlicher: Sichtbar werden nicht nur die Inhalte, sondern auch die Menschen, die sich diesen jeweils leidenschaftlich verschrieben haben.
Dazu passt es auch, dass STEFFENS nicht nur nach Fakten und inhaltlichen Einschätzungen fragt, sondern auch nach dem Umgang mit der gefühlten Verantwortung und den durchlittenen Frustrationen bzw. Enttäuschungen: Denn eine Erfahrung haben alle Gesprächspartner/innen gemeinsam: Die bisherigen Reaktionen auf die massiven Herausforderungen und gravierenden Risiken bleiben hinter dem längst zur Verfügung stehenden Wissen weit zurück, sehr weit…

Man kann dem Buch kaum vorwerfen, dass es für vorinformierte Menschen wenig Neues enthält. Diese Publikation ist sicher nicht für eine Zielgruppe gemacht, deren Bücherregale schon von der Last der Nachhaltigkeits-Bücher ächzen.
Durchaus überraschend ist aber doch an einigen Stellen die Differenziertheit der Diskussion: So wird z.B. bei Gespräch über den Zusammenhang zwischen Wetter und Klima durchaus vor Pauschalisierungen und Vereinfachungen gewarnt.

Auch eine philosophischen bzw. anthropologischen Ebene berührt das Buch – wenn es am Ende um die Frage geht, wieweit die evolutions-biologische Basis des Menschen möglicherweise ein baldiges und endgültiges Scheitern unserer Spezies unvermeidlich macht.
Es tut gut, dass Hoffnung und Optimismus (als Bespiele für kulturelle Errungenschaften) ihren Platz behalten – zumindest in diesem empfehlenswerten Sachbuch.

“In 100 Tagen zu einem jüngeren Gehirn” von Dr. Sabina Brennan

Bewertung: 4 von 5.

Man könnte etwas zurückschrecken – angesichts des etwas marktschreierischen Titels. Aber das wäre wirklich voreilig und total ungerechtfertigt.

Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin BRENNAN hat hier einen Sachbuch-Ratgeber vorgelegt, das durch seine Informationstiefe, seine Strukturiertheit und seine Didaktik beeindruckt.

Als Leser/in erfährt man wirklich extrem viel über die Bedingungen für gute Hirnfunktionen (und deren Erhalt bis ins hohe Alter). Dabei stellt sich von Thema zu Thema deutlicher heraus: Nahezu alles, was der Allgemeingesundheit dient, ist auch gut für unser Gehirn: ausreichender Schlaf, gute Ernährung, ein “bewegtes” Leben, soziale Einbettung, Stressresistenz, positive Einstellungen (zum Leben und zum Älterwerden) und die Früherkennung (und Bekämpfung) von Bluthochdruck und Diabetes.
Das hört sich vielleicht irgendwie banal an: Man weiß doch eigentlich schon, wie man gesünder leben könnte (und müsste)! Worin liegt dann der Mehrwert dieses Buches?

Zum einen ist es wirklich erstaunlich, mit wie viel (gut verständlichen) Fakten die Bedeutung der jeweiligen Bereiche untermauert wird. Wer es genauer – vielleicht sogar ganz genau – wissen will, wird in diesem Buch bedient. Zwar werden keine Untersuchungen zitiert (das würde dem anwendungsbezogenen Charakter dieses Ratgebers widersprechen), aber mit medizinischem und neurologischen Hintergrundwissen wird nicht gespart.

Zum anderen gibt es da noch den Schwerpunkt der strukturierten Anleitungen: Jedes Thema wird auf die konkrete Verhaltensebene heruntergebrochen, wird in beobachtbare und zählbare Häppchen aufgeteilt und in einem ganzen Wust von Listen und Tabellen zur Erfassung vorbereitet. BRENNAN ist nicht die Freundin von Allgemeinplätzen; niemand kann sich in diesem Buch hinter unspezifischen “guten Vorsätzen” verstecken.
Wer sich auf das 100-Tage-Programm einlässt, der sieht sich mit ganz konkreten Entscheidungen und Maßnahmen konfrontiert: Wie soll mein Schlaf-Vorbereitungs-Ritual ab heute aussehen? Welche Bewegungs- und Trainingseinheiten verteile ich wie in meine Woche? Wann reduziere ich wie weit mein Rauch- und Trinkverhalten? Wie trainiere ich meine Bewertungen in eine positivere Richtung?
Was man sich genau vornimmt, bleibt dabei der eigenen Entscheidung überlassen; wenn man sich aber etwas vornimmt, dass wird es minutiös nachgehalten.

Diese “Vorzüge” von Systematik und Strukturiertheit führen gleichzeitig auch zu dem Knackpunkt dieses Buches: Wer ist wirklich so motiviert, dass er oder sie sowohl die differenzierte Selbstanalyse, als auch die exakten Zielsetzungen und die kontinuierliche Erfassung der Einzelschritte diszipliniert durchhält? Anders gefragt: Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um von diesem Buch wirklich in echt zu profitieren?

Günstig ist es auf jeden Fall, wenn man sich gerne durch wissenschaftliche Detailinformationen überzeugen lässt, nach dem Motto: Wenn mir das jemand so genau erklärt, dann bin ich eher in der Lage, meinen “inneren Schweinehund” zu überwinden.
Die zweite Eintrittskarte ist wohl ein Faible für Systematik: Wer das Ausfüllen von Tabellen eher als Belastung erlebt, wird mit dem 100-Tage-Programm nicht weit kommen.
Kritisch anzumerken wäre in diesem Zusammenhang, dass in einzelnen Passagen die Detailversessenheit schon fast zwanghafte Züge annimmt (z.B. bei der Erfassung unterschiedlicher Arten von Bewegungsintensitäten in verschiedenen Lebensbereichen – natürlich tagesgenau).

Unterm Strich bleibt ein mit Fakten gefülltes Buch, das gut lesbar und sehr motivierend geschrieben ist. Auch wenn man letztlich nicht jede Tabelle ausfüllen sollte, bleiben mit Sicherheit Anregungen übrig, die vielleicht den entscheidenden Rück zur (lange geplanten) Veränderung in Richtung gesundheitsbewusstes Leben geben.
Soviel kompaktes Gesundheitswissen, so viel konkrete Anleitung zur Umsetzung für so wenig Geld: Das ist wirklich kaum zu toppen!

“Transsexualität” von Alice SCHWARZER und Chantal LOUIS

Bewertung: 4.5 von 5.

Ein kluges Buch zu einem brisanten Thema zur richtigen Zeit!
Damit wäre eigentlich schon alles Wesentliche gesagt…

Es gibt Momente in der gesellschaftlichen Diskussion, da gewinnt man den Eindruck, dass sich die Maßstäbe in einer verstörenden Radikalität wandeln. Selbstverständlichkeiten scheinen sich aufzulösen; logische Gewissheiten wirken wie auf den Kopf gestellt.
So ähnlich ist es in den letzten Jahren vielen Menschen mit dem Diskurs über Transsexualität gegangen: Sie sahen sich einer machtvollen Beeinflussungsdynamik ausgesetzt, die aktuell in der Vorstellung gipfelt, dass die Verbindung zwischen dem biologischen Geschlecht und der empfundenen Geschlechts-Identität vollständig in Frage gestellt werden kann.
Die alleine Definitionsmacht über das Frau- bzw. Mannsein steht – im Weltbild der Trans-Aktivist:innen – jedem Individuum nicht nur selbst zu, sondern ist auch mit dem legitimen Anspruch verbunden, dass Umgebung und Gesellschaft alle sozialen, juristischen und medizinischen Anstrengungen vollziehen, der empfunden Wirklichkeit – möglichst ohne Zögern – zu entsprechen.
In der aktuellen Diskussion um die Änderung des Transsexuellen-Gesetzes manifestiert sich dieser Kampf um die “Gleichstellung”; u.a. geht es darum, Jugendlichen ab 14 Jahren die juristische Veränderung Ihres Geschlechts so einfach wie möglich zu machen.

Dieses Buch von SCHWARZER & LOUIS ist ein geradezu perfekter Beitrag zur öffentlichen Auseinandersetzung über dieses Thema. Beim Lesen entsteht sehr schnell das wohltuende Gefühl, wieder in einer Welt zu leben, in dem ein vom Baum fallender Apfel nicht in den Himmel aufsteigt, sondern auf den Boden fällt. Es gelten Gesetze von Logik und Wissenschaft; es gibt den Wunsch, einer komplexen Materie durch differenzierte und begründete Betrachtungen gerecht zu werden. Wie erholsam!

Niemand wird den Autorinnen unterstellen können, dass sie ein konservatives Welt- und Menschenbild bewahren wollen. Im Gegenteil: Es ist gerade die engagiert feministische Perspektive, aus der heraus die Irrungen und Verwirrungen (von Teilen) der Transbewegung unübersehbar werden. Es geht den Autorinnen insbesondere um die Verteidigung von Frauenrechten gegenüber biologischen Männern, die sich als Transfrauen definieren und daraus die Zugangsberechtigung für alle (bisher) geschützten Räume ableiten.

Aber den Autorinnen liegt auch das Schicksal von jungen Menschen (mehrheitlich Mädchen) am Herzen, die in extrem steigendem Umfang ihre (z.T. alterstypischen, z.T. biografisch begründeten) inneren Konflikte rund um ihre Geschlechtsrolle durch Flucht in eine andere – oft auch biologisch/medizinisch umgesetzte – Geschlechtlichkeit zu lösen versuchen. Auf die psychischen und medizinischen Risiken wird ausführlich hingewiesen.

Kaum eine andere öffentliche Person ist im letzten halben Jahrhundert so publikumswirksam gegen die (durch männlich-dominierte Zuschreibungen entstandenen) Begrenzungen und der weiblichen Rolle in unserer Gesellschaft angegangen. Auch hierbei ging es um die Trennung zwischen biologischem Geschlecht und den realen Lebensoptionen der individuellen Menschen (in der Regel ging es um Frauen).
Man merkt dem feministischen Urgestein in diesem Buch deutlich die Erschütterung darüber an, dass aktuell die Verwandlung von Frau in Mann für viele (gerade junge Frauen) scheinbar naheliegender und “attraktiver” geworden ist, als die Weiterführung des Kampfes gegen die Einschränkungen der weiblichen Rolle.

Die Autorinnen betrachten auch, wie es zu einem “Riss” zwischen dem Feminismus und der modernen Trans-Bewegung kommen konnte. Sie sehen den Grund in der zunehmenden Radikalisierung eines bestimmten Teils der Trans-Szene, die jede Abweichung von ihrer “Reinen Lehre” sofort als Verrat brandmarkten und mit ihren Vorwürfen immer häufiger einfachste Regeln von Solidarität missachteten (dabei aber selbst uneingeschränkte Solidarität einforderten).
(Erwähnt sei in diesem Zusammenhang, dass die Autorinnen natürlich davon ausgehen, dass es eine – eher kleinere – Gruppe von Menschen gibt, deren innere Not tatsächlich durch eine Transition gelöst werden kann und auch sollte).

In diesem Buch kommen eine ganze Reihe von anderen Stimmen zu Wort. Es gibt sowohl (teils schon etwas ältere) Grundsatzbetrachtungen; aber auch medizinische und psychiatrische Fachleute werden einbezogen. Das trägt dazu bei, dass dieses Buch nicht nur nicht nur die eigene Meinungsbildung fördern, sondern auch den inhaltlichen Informationsstand erweitern kann.

Die Autorinnen scheuen sich nicht, ganz konkrete Bewertungen der aktuellen politischen Diskussion vorzunehmen: Sie halten die angestrebte weitgehende Liberalisierung des Transgender-Gesetzes (insbesondere hinsichtlich der Altersgrenzen) für eine gefährliche Fehlentwicklung. Damit stellen sie sich eindeutig gegen den grün-liberalen Zeitgeist, der üblicherweise fest als Bundesgenosse für feministische Ziele eingeplant werden kann.
Hut ab!

Dieses Buch ist absolut empfehlenswert für alle, die ein wenig tiefer in die Tansgender-Materie einsteigen wollen. Wer es noch strukturierter und wissenschaftlicher haben möchte, kann jetzt das Standardwerk von Kathleen STOCK (“Material Girls”) auch auf Deutsch lesen.

“Die Psychologin” von Helene FLOOD

Bewertung: 4 von 5.

Ein vielschichtiger Roman, dessen Einordnung als “Thriller” mir nicht so glatt heruntergeht. Die Autorin hätte wohl auch einen anregenden Text verfasst, wenn es nicht um einen Kriminalfall gehen würde. Zum Glück kommt die Story ganz ohne (grausame) Gewalt aus.
Es ist nicht gerade überraschend: Es handelt sich (wenn überhaupt) um ein “Psycho-Thriller” (im doppelten Sinne).

Die Psychologin ist als Psychotherapeutin tätig; sie behandelt insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene. Sie tut das in Ihrer kleinen Praxis, der in ein frisch geerbtes Haus integriert wurde.
Zusammen mit ihrem Mann, einem Architekten, versucht sie, die finanziellen Voraussetzungen für die notwendige Renovierung des großen alten Hauses zu schaffen. Der damit verbundene Stress hinterlässt in der Beziehung der beiden einige Spuren.
Es dauert nicht lange bis zu dem Verbrechen, dessen Aufklärung dieser Roman beschreibt. Verraten darf man wohl, dass die erzählende Psychologin selbst in das Augenmerk der Ermittler gerät.

FLOOD nimmt insbesondere zwischenmenschliche Beziehungen unter die (psychologische) Lupe: Es geht um die Entwicklung der Beziehung und familiäre Hypotheken. Die Therapeutin lässt uns aber auch an ihrer beruflichen Rolle teilhaben und wirft dabei einen Blick auf generationstypische Problemlagen. Wie so oft gibt es innerhalb des Textes Zeitsprünge, durch die nach und nach ein differenzierteres

Das Stilmittel der Autorin ist die Introspektion, die Selbstreflexion: Die Protagonistin lässt uns tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt schauen. Dabei verliert sie im Laufe des Geschehens zunehmend die Position der analysierenden, fachlich-distanzierten Beobachterin. Wir schauen ihr bei dem zunehmenden Sicherheits- und Kontrollverlust (sozusagen von innen) zu.

Ob nun der Spannungsbogen für echte Thriller-Fans spektakulär genug, das Ende ausreichend stimmig ist, vermag ich als Laie in diesem Genre nicht zu beurteilen. Natürlich gibt es unerwartete Wendungen und ein paar dramatische Zuspitzungen. Schlecht träumen muss wohl aber wegen dieses Buches niemand.
Der Chef-Ermittler und seine etwas ambivalente Beziehung zur Psychologin schaffen noch etwas zusätzliches Krimi-Feeling.

Insgesamt ein intelligenter und tiefgründiger Krimi, den man vor allem Leser/innen empfehlen kann, denen es nicht nach Action und Gewalt gelüstet.

“Liebe in Zeiten des Hasses” von Florian ILLIES

Bewertung: 1 von 5.

Meistens verstehe ich ja, warum ein Buch, das mich nicht anspricht, für eine bestimmte Zielgruppe anregend und wertvoll sein könnte. Bei diesem Werk kostet selbst das eine gewisse Mühe.

ILLIES – so habe ich der Ankündigung entnommen – wollte eine Art kulturelles Sittengemälde eines extrem “zerrissenen” Jahrzehnts zeichnen, als eine Art Gegenentwurf zu den politischen Verwerfungen dieser Zeit.
Was ich einige Stunden gehört habe, waren immer wieder neue amouröse Verwicklungen einiger Hauptakteure, die auch nach fast einem Jahrhundert noch als künstlerische und literarische Avantgarde des letzten Jahrhunderts gelten: Jean-Paul Sartre, Henry Miller, F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Katia und Thomas Mann.
Teilweise lustvoll-euphorisch, manchmal eher manisch-getrieben werden von diesen Menschen und ihrem Umfeld immer wieder neue Beziehungsversuche gelebt und erlitten. Das alles passiert in einer “Kunstwelt”, die in weiten Teilen von den Alltagsnöten der normalen Bevölkerung klar abgegrenzt ist.

Gut: Ich kann nicht beurteilen, wie sich diese Paare und ihre Wechselwirkungen mit der Zeitgeschichte weiter entwickelt haben. Mir war nach vier Stunden einfach so langweilig, dass ich das Buch abbrechen musste.

Für wen könnte dieses Buch geschrieben worden sein?
Nun, es verschafft kulturbeflissenen Menschen sicher ungewohnt intime und detaillierte Einblicke in die privaten Welten ihrer Idole. Auch wer aus historischem Interesse diesen Ausschnitt der jüngeren Geschichte unter einer sehr speziellen Perspektive betrachten möchte, kann sicherlich von diesem Text profitieren.

Konkret empfehlen kann ich dieses Buch niemandem. Mir leuchtet nicht unmittelbar ein, welche wirklich relevanten Erkenntnisse man aus dem komplizierten Liebesleben einer abgehobenen kulturell-intellektuellen Klasse gewinnen könnte.

“Hybris” von Johannes KRAUSE und Thomas TRAPPE

Bewertung: 2.5 von 5.

Als ausgewachsener Sachbuch-Fan kann ich mich kaum erinnern, einmal eine ähnlich schlechte Bewertung für ein offenbar erfolgreiches populärwissenschaftliches Buch abgegeben zu haben. Das liegt wohl daran, dass ich mich tatsächlich richtig geärgert habe.
Wie konnte es dazu kommen?

Es geht in diesem Buch um die Archäogenetik, Das ist ein recht moderner Zweig der Altertums-Forschung, der die bisherigen Methoden der Spurensuche und -auswertung um eine entscheidende Zutat bereichert hat. Seitdem das menschliche Genom entschlüsselt und serienmäßig lesbar ist, gelingt es nämlich immer häufiger, selbst jahrtausendealten Fossilien DNA-Informationen zu entlocken.
Das führt inzwischen dazu, dass mit einer unglaublichen Präzision erfasst werden kann, in welchem Umfang bestimmte genetische Anteile in der jeweiligen Probe stecken. So kann man z.B. auf das Prozent genau erkennen, wieviel “Neandertaler-DNA” zu verschiedenen Zeiten und Orten in den Menschen steckten (wir haben heute noch ein paar Prozent in uns).
Beeindruckend ist auch, welche Aussagen selbst über die allerfrühestens Migrationsbewegungen der unterschiedlichen (Vor)Menschen-Typen möglich sind. Viel besser als früher kann man nachhalten, in welchen Etappen und auf welchen Wegen allmählich die Ausbreitung des Homo Sapiens auf unserem Planeten vonstatten ging – wer also wann und wie z.B. den amerikanischen Kontinent frühbesiedelt hat.

Das klingt doch alles total spannend! Was habe ich denn bitte da zu meckern?
Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch wirklich nachhaltig stören:
Da ist einmal die verwirrende Darstellungsweise, in der man kaum einen didaktischen roten Faden erkennen kann. Am laufenden Meter werden einem immer wieder neue Jahreszahlen um die Ohren gehauen; dabei wird rücksichtlos zwischen ganz unterschiedlichen Zeiträumen hin- und hergesprungen. Zwischendurch weiß man dann manchmal gar nicht mehr, ob man sich gerade 5000, 200000 oder ein paar Millionen Jahre von der Gegenwart entfernt hat. Für jemanden, der nicht in der Materie steht, kann diese Art der Vermittlung nicht hilfreich sein. Das Ergebnis: Man ertrinkt fast in einem Meer von Fakten und Zahlen, oft ohne zu wissen, wo sich die Wasseroberfläche befindet.
(Ich gebe zu, dass möglicherweise das Medium des Hörbuches diesen Mangel noch verstärkt hat.)

Schon fast als Täuschung empfinde ich die Sache mit dem Titel! Mit dieser Anspielung auf die aktuelle Selbstüberschätzung (“Hybris”) des Menschen wird der Eindruck erweckt (und so wird das Buch auch beworben), als ob die geschichtlichen Darstellungen eigentlich nur den Hintergrund dafür bilden würden, eine gegenwartsbezogene Analyse des menschlichen Scheiterns in Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen auf diesem Planeten zu vollziehen. Doch beim Warten auf diesen (vermeintlichen) Höhepunktes des Buches stellt sich irgendwann eine quälende Ungeduld ein. Wenn von den sechs Vorlese-Stunden schon deutlich über fünf vergangen sind, kann die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation wohl nicht mehr ganz zentral werden.
Letztlich kommen sie dann, die Betrachtungen des Ist-Zustandes: Insbesondere die Pandemie, der potentielle Atom-Overkill und die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen durch den (genetisch eingebrannten?) Wachstums-Wahn erinnern – so die Autoren – schmerzhaft daran, dass wir alle nicht über der Natur stehen. Ob die Selbstausrottung durch die Potentiale der KI oder eine Flucht auf andere Planenten verhindert werden könne?

Das Ganze in drei Sätzen:
Die Verbindung von Archäologie und modernster Genetik schafft faszinierende Möglichkeiten.
Auch interessierte Laien sind durch Menge und Darstellung der Details überfordert.
Über die möglichen Schlussfolgerungen für die heutige Lage der Menschheit hätte man gerne mehr gelesen.

“Der fürsorgliche Mr. Cave” von Matt HAIG

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor hat einen sehr speziellen Stil, sich in die Tiefen der menschlichen Psyche einzugraben. Er lässt die alltäglichen Szenarien hinter sich, schafft durch ungewöhnliche Konstellationen erweiterte Perspektiven, schert sich dabei auch nicht um Grenzen der physikalischen Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum. Sein Ziel scheint immer zu sein, intensive Emotionen zu wecken, die Leser/innen intensiv zu berühren und auf jeden Fall ein irgendwie besonderes Leseerlebnis zu vermitteln.
“Mr. Cave” lässt sich problemlos einreihen in dieses literarische Konzept.

Diesmal liegt die Quelle der Intensivierung des Geschehens in den extremen Schicksalsschlägen des gleichnamigen Antiquitäten-Händlers, dessen Familie gleich von mehreren tragischen Todesfällen betroffen ist.
HAIG schildert die psychischen Folgen der entstandenen Traumatisierung in einer geradezu schonungslosen Konsequenz, die einem immer stärker den Atem verschlägt. Was mit einer gesteigerten “Fürsorge” gegenüber der verbliebenen Tochter beginnt, entwickelt sich in einer immer pathologischeren Dynamik zu einem ganzen Katastrophen-Tsunami.

Als Leser/in wird man in diesem Buch durchaus gefordert. Es ist nicht immer ganz leicht, diesem Plot “tatenlos” beizuwohnen. HAIG schafft es (wieder einmal), dass man kaum unbeteiligt bleiben kann.

Mich hat letztlich das “Extreme”, die geradezu versessene Steigerungslogik, irgendwann innerlich aussteigen lassen. Es war mir dann doch ein wenig zu unwahrscheinlich, zu konstruiert. Vielleicht ist eine solche Reaktion ja auch eine Selbstschutz-Strategie, um die eigenen Gefühle zu regulieren…
Mein HAIG-Lieblingsbuch ist Mr. Cave ganz sicher nicht geworden. Vielleicht wird es trotzdem wieder eine Kult-Roman, weil er die menschliche Psyche auch diesmal wieder ausreizt. Nach dem Motto: Durchschnitts-Bücher sollen doch anderen schreiben….

“Das Steinzeit-Virus” von Xavier Müller

Bewertung: 2.5 von 5.

Dieses Buch kann man wohl als einen “Wissenschafts-Thriller” bezeichnen. Seine Grundidee basiert auf der Tatsache, dass in den Genen aller Lebewesen auch frühere Evolutions-Zustände gespeichert sind; diese könnten – rein theoretisch – ja auch mal aktiviert werden; vielleicht durch einen Virus.
Das passiert dann z.B. in einem abgelegenen Labor, in dem unlautere Forschungen betrieben werden.
Dann braucht es nur noch ein paar handlungstragende Protagonisten, die sich idealerweise entweder in einer (gerade komplizierten) Liebesbeziehung befinden oder in leitender Stellung für die weltweite Gesundheitspolitik zu sorgen haben – natürlich mit ganz unterschiedlichen Ambitionen und Haltungen.
Vielleicht läuft das Ganze dann irgendwann auf einen Show-Down “Gut gegen Böse” hinaus…

Auch in diesem Buch stecken ein paar originelle Ideen und – was wirklich anzuerkennen ist – ein interessantes ethisches Grundsatzthema: Es geht um die Frage, wie mit Artgenossen aus der Steinzeit tatsächlich umzugehen wäre. Anders gesagt: Wieviel Menschenrechte ständen einem Homo Erectus zu, wenn er sich plötzlich unter uns mischen würde?
Der besondere Clou in dieser Geschichte ist dabei die – leider völlig abstruse – Vorgabe, dass diese Steinzeit-Verwandten keine anonymen Mitgeschöpfe sind, sondern sich (innerhalb von Stunden bzw. Tagen) aus infizierten Mitmenschen entwickeln können. Gibt es danach noch einen irgendwie relevanten Persönlichkeitskern in diesen Ur-Menschen?

Wie bei den meisten Vorlagen dieses Genres muss man sich auch in diesem Buch damit abfinden, dass sattsam bekannte Erzählmuster kombiniert werden, um die Story mit der von Triller-Lesern offenbar erwarteten Dynamik aufzuladen. Um es anders zu sagen: Wer das ein oder andere (dick aufgetragene) Klischee in kauf nimmt, um den erhofften Spannungsbogen zu erspüren, wird sich vermutlich von MÜLLER gut bedient fühlen.
Für andere Leser/innen, deren Interesse eher den wissenschaftlichen Grundlagen oder dem moralischen Dilemma gilt, ist der (doch irgendwie banale und vorhersehbare) Plot manchmal nur mit Mühe zu ertragen.
Man muss halt wissen, was man will.

“Freiheit für alle” von Richard David PRECHT

Bewertung: 4 von 5.

Angesichts der Lage im März 2022 wirkt das neue Buch von PRECHT ein wenig aus der Zeit gefallen. So sehr ist man inzwischen daran gewöhnt, dass der medienwirksamste deutsche Philosoph sich zu tagesaktuellen Fragen äußert, dass man schon fast automatisch mit einer Betrachtung zum Ukraine-Krieg gerechnet hat (was zeitlich natürlich völlig unrealistisch wäre).
Nein, es geht nicht um die Aufreger-Themen; der Begriff “Freiheit” ist weder pandemisch noch politisch/militärisch gemeint; PRECHT widmet sich in diesem voluminösen Sachbuch in aller Ausführlichkeit seinem wohl größten und dauerhaftesten Anliegen: Er will der deutschen Gesellschaft und ihren Entscheidungsträger unmissverständlich klarmachen, dass eine weitreichende Veränderung der Arbeitswelt auf uns zukommt und dass es dringend geboten wäre, sich darauf vorzubereiten. Ihm ist das Thema so wichtig, dass er Redundanzen in kauf nimmt: Seine grundlegenden Argumentationslinien sind seit Jahren bekannt – aus früheren Büchern, diversen Vorträgen und unzähligen Medienauftritten.

Warum legt PRECHT nach?
Nun, er hatte wohl das Bedürfnis, sein vertrautes Narrativ von den dramatischen und allumfassenden Auswirkungen der Digitalisierung noch einmal faktenreich zu unterfüttern. Der Autor geht in die Tiefe und ins Detail. So ist eine Publikation entstanden, die eher ein Fach- als ein Sachbuch darstellt. Es ist kein Statement für den flüchtig interessierten Durchschnittsleser, sondern eher eine systematische Aufarbeitung der ökonomischen, historischen und gesellschaftlichen Fragen rund um die zukünftige Rolle der (Erwerbs-)Arbeit.
Als Kernthese wird formuliert: Wir sind auf dem Weg von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Sinngesellschaft – und wir sollten diese Revolution nicht ungesteuert auf uns einbrechen lassen.

Das Buch beginnt im Bereich der Wirtschaftswissenschaften: Schon nahe an dem Niveau eines volkswirtschaftlichen Seminars werden die widersprüchlichen Prognosen zu dem vermeintlichen Arbeitsplatzabbau (als Folge von Automatisierung und KI) dargestellt und bewertet. PRECHT hält es für sehr plausibel, dass sich frühere Entwicklungen (alte Arbeit wird durch neue ersetzt) eben diesmal nicht wiederholen werden. Das alles ist sehr überzeugend.
Natürlich erfolgt auch eine Differenzierung zwischen verschiedenen Berufsfeldern: Nicht verschwinden wird der Bedarf nach Empathie-Berufen (Pflege, Bildung, Coaching, Therapie), nach Handwerk und nach Spitzenkräften in IT, Projektmanagement und Forschung).

Im nächsten Teil wird es dann deutlich historischer, philosophischer und soziologischer: Der – scheinbar so zentrale und unverrückbare – Stellenwert der (Erwerbs-)Arbeit für das Selbstverständnis von Menschen und Gesellschaften wird durch eine geschichtliche Betrachtung ins Wanken gebracht. Es wird deutlich, dass es eben nicht so selbstverständlich zum Wesen des Menschen gehört, sich durch Arbeit (gegen Lohn) zu definieren; dahinter standen und stehen kulturelle und ökonomische Bedingungen. Woraus wiederum folgt, dass auch zukünftige Veränderungen möglich sind, ohne der “Natur” des Menschen zu widersprechen.

Das zentrale Thema für das restliche Buch ist dann – für PRECHT-Kenner alles andere als überraschend – das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) als Antwort auf die bevorstehenden Umwälzungen. Ganz nach dem Stil dieser recht akademischen Publikation stellt PRECHT diesen Lösungsansatz in allen historischen Ursprüngen und in aller Differenziertheit bisheriger Umsetzungen und bestehender Konzepte dar.
Dabei geht es um zwei grundlegende Ebenen: um die Finanzierbarkeit und die individuellen und gesellschaftlichen Folgen. Für beides führt PRECHT jede Menge gute Argumente
ins Feld; natürlich kommen auch Skeptiker und Gegner zu Wort.

Die Argumentationslinie wäre nicht komplett, wenn der Autor ganz am Ende nicht auch auf die Notwendigkeit eines veränderten Bildungssystems zu sprechen käme: Natürlich muss der von eintöniger und belastender Arbeit befreite Mensch (da ist sie endlich, die FREIHEIT) durch eine umfassende Persönlichkeits-Bildung auf dieses veränderte Lebenskonzept vorbereitet werden. Die erworbene Flexibilität und Offenheit für immer neue Herausforderungen soll dabei die Grundlage sowohl für sinnstiftende Arbeit (im klassischen Sinne) als auch für persönliche (kreative, soziale, künstlerische, …) Erfüllung schaffen.

PRECHT hat mit diesem Buch ohne Zweifel einen gewichtigen Diskussionsbeitrag vorgelegt, an dem die betroffenen Disziplinen und Entscheider kaum unberührt vorbeikommen werden. Er beeinflusst die gesellschaftlichen Entwicklungen damit langfristig sicher stärker als durch die letzten, etwas sehr spontan wirkenden Statements zur Tagespolitik (Corona, Regierungsbildung und Krieg).
Was PRECHT ohne Zweifel kann, ist die gründliche Aufarbeitung komplexer Themen.
Wer das für die Thematik “Zukunft der Arbeitsweilt” gerne hätte, der/die sollte hier zugreifen. Wem die Kurzfassung reicht, findet dazu in diversen Mediatheken reichlich Stoff.

“Die Erwählten” – von John McWHORTER

Bewertung: 3 von 5.

Der amerikanische Sprachwissenschaftler hat ein bemerkenswertes Buch zu einem brandaktuellen Thema veröffentlicht, das insbesondere in der akademischen Öffentlichkeit der USA ganz sicher erhebliche Aufregung auslösen wird. Das liegt daran, dass es ein bewusst provokant geschriebenes Buch zu einem echten “Aufreger-Thema” ist: Es geht um Rassismus – insbesondere um die Art und Weise, mit der die aktuellen Aktivisten und Aktivistinnen ihren antirassistischen Kampf führen.
Das bedeutet: Der Gegenstand dieses Buches ist nicht der Rassismus selbst, sondern die – aus der Sicht des Autors – dramatische Fehlentwicklung im Weltbild und im Agieren der “modernen” Antirassisten.

Mit diesem Buch will McWHORTER nicht weniger als ein Bollwerk errichten, das die Gesellschaft allgemein, aber auch die von Rassismus betroffene (schwarze) Bevölkerung vor einer immer einflussreicher werdenden Gruppe von “Eiferern” schützen soll.
Um dieses Ziel zu erreichen, fährt der Autor die ganz großen Geschütze auf. Die Kernthese seines Buches lautet nämlich: Diese bestimmte Gruppe von Menschen, die sich voller Inbrunst der Entlarvung und Bekämpfung rassistischer Tendenzen in der Öffentlichkeit verschrieben hat, ließe sich am ehesten als eine neue Religionsgemeinschaft charakterisieren. Ihre Anhänger fühlen sich – so sieht es der Autor – als die “Erwählten”, die mit unnachgiebigem Maßstab und durch nichts zu bremsender Konsequenz all die Personen öffentlich brandmarken, die durch eine mangelnde Sensibilität hinsichtlich dieser Thematik auffallen.

Wenn McWhorter einer bestimmten Ideologie als “Religion” bezeichnet, ist das ganz sicher nicht als Kompliment gemeint. Obwohl sich der Autor selbst als eher konservativen Schwarzen bezeichnet, bedeutet für ihn die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft ganz eindeutig, dass deren Anhänger/innen sich einer rationalen Diskussion entziehen, dass sie von einem missionarischen Eifer und einer von Zweifeln freien Selbstgewissheit getrieben sind und dass sie im Kampf gegen das vermeintlich “Böse” keine Kompromisse gelten lassen.
Insgesamt führten diese Haltungen nicht nur zu einer unbarmherzigen Verfolgung von Abweichlern (die dann z.B. nach ihrer Entlarvung oft Arbeitsplatz und Status verlören), sondern beinhalteten auch eine (ungewollte) Herabsetzung der Schwarzen Menschen (als ewiger Opfer) und eine Ablenkung von den konkreten Maßnahmen, die tatsächlich und konkret die Bedingungen benachteiligter Gruppen verbessern könnten. Hier nennt der Autor die Drogenpolitik, Unterrichtsmethoden und die Aufwertung nicht-akademischer Ausbildungen.

Der Autor bestreitet nicht, dass die weiter bestehenden sozialen Probleme vieler Schwarzer Menschen auch als Spätfolgen früherer systematischer Diskriminierungen gesehen werden können bzw. müssen. Er ist ab er davon überzeugt, dass nicht ein praktisch unverändert fortbestehender aktueller Rassismus der entscheidende Wirkfaktor für die Zementierung der Rückstände ist. Die Fixierung auf kleinste sprachliche “Unkorrektheiten” (auch) bei eigentlich wohlmeinenden öffentlichen Personen dient – so argumentiert McWHORTER – eher der Selbstinszenierung und Selbstbestätigung der “Erwählten” als den Menschen, für deren Rechte sie angeblich so leidenschaftlich kämpfen.
Der Autor ruft also den gesellschaftlichen (“vernünftigen”) Mainstream auf, sich der Bevormundung und dem immer weiter steigendem Einfluss dieser Ideologie zu widersetzen und sich nicht mehr in eine angstgeleitete Defensiv-Haltung drängen zu lassen. Er ruft zum Widerstand auf gegen die geschilderte Form des Antirassismus – auch mit dem Verweis auf die unbestreitbaren Fortschritte, die in den letzten Jahren bereits erzielt worden seien.

Treten wir einen Schritt zurück und stellen uns die Frage, was dieses Buch bietet bzw. was es leisten kann.
Es präsentiert einen in sich schlüssigen Gegenentwurf zu einer gesellschaftlichen Tendenz, die in den USA zwar deutlich stärker ausgeprägt ist als bei uns, aber auch hier in Deutschland als “cancel culture” gesellschaftliche Wellen schlägt. McWHORTER macht – in weiten Teilen inhaltlich nachvollziehbar – darauf aufmerksam, dass Übertreibungen und Undifferenziertheiten auch dann Schaden anrichten können, wenn sie “eigentlich” einer guten Sache dienen sollen.
Das Problem dieses Buches besteht nicht darin, dass solche Überspitzungen benannt und beklagt werden, sondern in dem Stil der Darstellung, in der es leider selbst vor polemischen Zuspitzungen nur so wimmelt. Die provokante Sprachgewalt mag einige Menschen für den Kampf gegen einen zu rigoristischen und verabsolutierten Antirassismus mobilisieren, viele andere werden sich aber eher genervt abwenden und so als Bündnispartner für mehr Augenmaß verloren gehen.
Ist es also klug, ein solches Buch, das zur Mäßigung aufrufen will, genau so zu schreiben? Wohl eher nicht!