“Hochfunktionale Depression. Das übersehene Leiden” von Michelle HILDEBRANDT

Bewertung: 4 von 5.

Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie hat sich in diesem gut lesbaren Sachbuch der Aufgabe verschrieben, eine bisher eher wenig beachtete Form der Depression nicht nur zu beschreiben, sondern auch über Selbsthilfemöglichkeiten und Therapieansätze aufzuklären.
Die sog. “Hochfunktionale Depression” zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht – wie die klassische Depression – mit einem starken Verlust von Antrieb und Leistungsfähigkeit verbunden ist. Im Gegenteil sind die Betroffenen oft bis zur endgültigen Erschöpfung in privaten und/oder beruflichen Hamsterrädern aktiv – ohne ihre eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnisse und Grenzen angemessen im Blick zu haben. Auffällig Symptome sind u.a. Reizbarkeit, Schlafstörungen, Unruhe und körperliche Beschwerden.

HILDEBRANDT richtet sich mit ihrem Text eher an Betroffene und deren Angehörige als an Profis. Statt mit einer strengen systematischen Strukturierung leitet sie daher die Leserschaft mithilfe von einigen Fallbeispielen durch die Materie. Diese Vorgehensweise ist für den Charakter des Buches folgenreich:
Auf der einen Seite entsteht so ein niedrigschwelliger Zugang zu typischen Konstellationen, Prozessen und Abläufen; der Preis für diesen insgesamt eher episodenhaften Stil ist eine gewisse Unschärfe in der Darstellung des Störungsbildes.
Die Verbindung zwischen einer eher unklaren Definition der Störung und dem breit angelegten, “lockeren” Schreibstil lässt im Verlauf des Buches sogar tendenziell den Eindruck entstehen, dass es hier letztlich ganz allgemein um Ursachen und Ausdrucksformen psychischer Belastungen geht.
Diese Färbung wird noch dadurch verstärkt, dass die Autorin in den Kapiteln über Psychotherapie und Selbsthilfe (sie nennt es “Ressourcennutzung”) fast ausnahmslos allgemeine Informationen anbietet, die für jede psychische bzw. emotionale Symptomatik gelten. Das schränkt zwar den Wert bzw. die Gültigkeit dieser Ausführungen nicht ein, stellt aber den Anspruch auf eine Spezifität hinsichtlich der “Hochfunktionalen Depression” ein.
Eine deutliche Sonderstellung nimmt das Kapitel über die medikamentöse Therapie von Depressionen ein: Hier werden sehr differenzierte Aussagen getroffen, die sich deutlich von einer – häufig anzutreffenden – pauschalen Pro- oder Contrahaltung abheben.

Diese Publikation leistet sicherlich ein nützlicher Beitrag zur breiteren Auseinandersetzung mit dem (noch eher unbekannten) Störungsbild. Dabei legt sie ihren Schwerpunkt ganz eindeutig auf die Information und Unterstützung der (potentiell) Betroffenen. Für einen eher systematisch-fachlichen Zugang stehen die vorgestellten Einzelfälle und die ganz allgemeinen Hinweise und Anregungen (u.a. in Richtung Achtsamkeit/Entspannung/ Meditation) doch zu stark im Vordergrund.

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