
Mit diesem Buch ist dem Autor ein kleines Kunstwerk gelungen: Es ist ein gut lesbares, niedrigschwelliges Sachbuch geworden, das zugleich mit einer breiten Perspektive in das Themenfeld einführt, fundierte fachliche Informationen bereitstellt und als praxisbezogener Ratgeber für Betroffene oder pädagogische bzw. psychosoziale Fachkräfte dienen kann.
Der Arzt, Psychotherapeut und Traumaspezialist Dr. Christian FIRUS ist als Oberarzt in einer etablierten Rehaklinik tätig. Sein fachlicher Werdegang führte ihn u.a. nach Wien, wo er mit der Logotherapie, der Existenzanalyse und der analytischen Psychotherapie in Berührung kam. Auch sein Studium der Philosophie macht deutlich, dass ihm die Verbindung von medizinisch-psychologischer Fachlichkeit und geisteswissenschaftlicher Verankerung am Herzen liegt.
Das Buch gehört mit ca. 170 Seiten eher zu den handlichen Sachbüchern. Trotzdem entsteht beim Lesen der Eindruck, dass man nicht nur sachkundig in das Kernthema “Trauma” eingeführt wird, sondern fast so etwas wie ein Basiswissen für den Bereich der Klinischer Psychologie vermittelt bekommt. Das betrifft insbesondere die Zusammenhänge von Kindheitserfahrungen und dem Entstehen psychischer Störungen geht. Beim Lesen ist man immer wieder erstaunt, wie organisch und und harmonisch so bedeutsame Themen abgehandelt werden wie: Bindung, Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, verschiedenartige Traumatisierung (und deren transgenerationale Weitergabe), Dissoziation als eine zentrale Symptomatik.
Um so erstaunlicher ist es, dass in dem Band noch Raum gibt für die Grundprinzipien der Verarbeitung und Bewältigung von belastenden Kindheitserfahrungen und sogar für konkrete Anregungen in Form von Reflexionen und Übungen. Sogar dieser kurze Selbsthilfe-Teil kann den Einstieg in eine Eigenaktivierung bewirken und damit als Auslöser für weitergehende Initiativen dienen.
Dass am Ende noch über die Besonderheiten der traumatherapeutischen Ansätze aufgeklärt wird, überrascht dann nicht mehr.
Der Autor vermittelt in seinem Schreibstil eine zugewandte und empathische Haltung, in der seine Solidarität mit den Lebens- und Leidensverhältnissen der Betroffenen unüberhörbar ist. Er lässt dabei nicht außer Acht, dass auch politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen ihren Teil dazu beitragen sollten, das Kinder und Jugendliche vor toxischen Verhältnissen zuverlässig geschützt werden.
Das eigentliche Phänomen dieses Textes liegt weniger darin, dass so viele Facetten angesprochen werden – das könnte eine kurze KI-Abhandlung auch leisten. Faszinierend ist, dass – selbst aus fachkundiger Perspektive – kaum einmal das Gefühl der Oberflächlichkeit oder Einseitigkeit entsteht.
Insgesamt liegt hier (seit 2018) ein absolut empfehlenswertes Sachbuch vor, in dem sich sowohl ein interessiertes Fachpublikum (aus Nachbardisziplinen), als auch Betroffene und ihre Angehörigen bestens aufklären und anregen lassen können.
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