19.04.2020

Ungeduld

Eindruck aus dem Sonntags-Talk: Anne Will möchte mit aller Macht wieder zurück zu den altgeliebten Kontroversen. Sie versucht zuzuspitzen.

Das betrifft auch die Auswahl der Gäste: Man lädt wieder Leute ein, von denen man kritische Beiträge erwarten kann.

Vielleicht ist das alles so richtig, weil in einer Demokratie ja gestritten werden soll.

Auf mich wirkt es überflüssig und vor allem ungeduldig.

18.04.2020

Ist zu Corona alles geschrieben und gesagt?

Geht es euch auch so? Ich bin ein bisschen müde und leer, vielleicht auch gesättigt.
Will oder braucht man noch mehr Zahlen, neuere Prognosen, Diskussionen über Masken, Homeoffice oder die Öffnung der Schulen?
Hat man überhaupt schon mal (außer vielleicht unmittelbar nach dem 11. September) so lange so intensiv an einem Thema verweilt?

Man ist – wenn man denn möchte – inzwischen unglaublich gut informiert. Dazu gehört inzwischen, dass man auch die Zwischentöne kennt, die (kleinen) Nuancen in den Einschätzungen selbst der Fachleute.
Jeder halbwegs aufmerksame Mensch könnte in einer Podiumsdiskussion wohl inzwischen in die Rollen von Laschet, Söder oder Lindner schlüpfen, ohne dass es groß auffallen würde.

Das Verrückte ist nur: Trotz aller Gewöhnung, trotz zunehmender Gelassenheit könnte es sein, dass das “dicke Ende” noch kommt. So ganz allgemein für uns alle, aber auch so ganz fürchterlich persönlich.

Aber: Kann man das beeinflussen, wenn man noch mehr Zeit investiert, noch mehr Informationen sammelt? Ich glaube, eher nicht.
Jede/r wird wohl inzwischen wissen, wo er/sie sich einordnet bzgl. der Vorsichtsmaßnahmen und der Umgehensweise.

Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, wenn man sich mal anderen Themen zuwendet.
Das Virus wird keinen Unterschied machen – egal wie viele Sondersendungen man versäumt hat.

17.04.2020

Ebikes

Es gibt auch noch andere Themen in der Presse. Gelegentlich.

Auf ZEIT-online gibt es eine Serie über Ebikes. Durchaus löblich!
Da erfährt man doch tatsächlich, dass Elektromobilität mit dem Fahrrad nicht nur etwas für Alte, Faule oder Invalide ist. Wow!

Es sollen sogar schon Menschen unter 40 auf einem Ebike gesichtet worden sein: unfassbar! Gerüchteweise haben sich sogar in Einzelfällen schon echte Designer mit dieser Produktklasse befasst! Kaum zu glauben!

Vermutlich werden demnächst diese Bikes auch noch außerhalb des Sanitäts-Fachhandels vertrieben…

Toll – mal was anderes als Corona zu lesen…

14.04.2020

Hochkant-Videos

Darf man in so ernsten Zeiten über die Absurditäten des Alltags schreiben?
Ich finde: ja!

Vor etwa einem Jahr habe ich so etwas wie eine Glosse über das Phänomen “Hochkant-Videos” geschrieben. Zu meinen damaligen Betrachtungen kann ich immer noch stehen.

Inzwischen hat sich der Irrwitz weiter ausgebreitet: Selbst bei Konzerten (ja, so etwas gab es vor den Corona-Zeiten) stehen inzwischen Menschen vor einer 80m breiten Bühne und schwenken mit ihrem Hochkant-Handy hin und her. Das Bild besteht hauptsächlich aus Publikum und der Hallendecke – und trotzdem kommen sie nicht auf die Idee, das Handy zu drehen, um sich damit auf natürliche Art dem Aufnahmeobjekt anzupassen.

Der letzte Trend: In der neuen “heute-App” gibt es einen extra Bereich für Hochkant-Videos. Damit passt sich selbst das klassische TV-Medium den Smartphone-Sehgewohnheiten an. Das nennt man wohl “totale Kapitulation”.

Ich schlage als nächsten Schritt vor, auch die Fernseh-Bildschirme und Kino-Leinwände auf Hochkant umzubauen.

Vielleicht erbarmt sich nach ein paar 100 000 Jahren auch die Evolution und ordnet endlich unsere beiden Augen übereinander – statt wie bisher so altmodisch nebeneinander – an.

Dann wäre wieder alles in bester Ordnung!

10.04.2020

Corona – alles klar?

Es ist schon erstaunlich, besser gesagt höchst irritierend, dass die Einschätzungen zu der Corona-Pandemie noch in dieser Woche so stark auseinanderdriften.

Ich habe gerade mal die beiden LANZ-Sendungen der letzten zwei Tage nachbetrachtet.
Während Lauterbach vorgestern weiterhin darauf hinweist, dass wir noch monatelang mit einem hohen Risiko leben müssten (u.a. weil 99% der Bevölkerung noch keine Immunität hätten), stellten am Tag danach ein Hamburger Pathologe und ein Virologe dar, dass es praktisch keine Todesfälle ohne massive Vorerkrankung gäbe, die Immunität möglicherweise schon bei ca. 15% liegen könnte und die Sterblichkeit deutlich unter 1% liege. Was bedeuten würde: Eigentlich müsste sich kein halbwegs gesunder Mensch Sorgen um sich machen. Der Gipfel ist dann die Prognose, dass die Corona-Toten am Jahresende statistisch überhaupt nicht ins Gewicht fallen würden.
Und kurz vorher wurden riesige Massengräber in New York gezeigt.

Das soll nun der Wissensstand nach sechs bis acht Wochen intensivster Diskussion sein?
Lässt sich das noch auf eine gemeinsame “Wahrheit” zusammenführen?
Könnten denn – trotz all der dramatischen Bilder – immer noch diejenigen Recht behalten, die vor einer riesigen Dramatisierung warnen?

Ich habe eine Vermutung, wie sich diese Widersprüche irgendwann auflösen könnten. Letztlich wird es darum gehen, wen man als Corona-Toten zählt und wie man dann diese Zahl interpretiert.
Ich stelle mir das so vor: Würde man von den Sterbefällen alle die Menschen herausrechnen, bei denen der Corona-Virus sozusagen nur die letzten 10 oder 20 Prozent zu einem tödlichen Verlauf einer schweren Grunderkrankung “dazugetan” hat, wird man vermutlich zu weniger dramatischen Ergebnissen kommen.

Es ist denkbar, dass man irgendwann den Virologen und den Politikern vorwerfen wird, diese Zusammenhänge bewusst verschleiert zu haben, um den gesellschaftlichen Konsens herzustellen, der zur Durchsetzung der Einschränkungen notwendig war.
Ich bin gespannt auf diese Diskussion.

Thea Dorn hat auf ZEIT-online darauf hingewiesen, dass ein Teil der intensivmedizinischen Behandlung von alten Menschen wohl auch von dem fast “zwanghaften” Bedürfnis getragen werde, den Tod um jeden Preis aus unserem Leben zu verbannen. Oft bedeutet dies letztlich eine Verlängerung des Sterbens.

Ich sehe nicht zuletzt in der Diskussion um die Sterbehilfe (ein Grundsatzurteil ist vor wenigen Wochen ergangen) einen wichtigen Beitrag zu einer Veränderung.
Das Ziel könnte heißen: Sterben in Würde – auch wenn es ein paar Monate früher sein sollte, als es bei Einsatz aller Medizintechnik passiert wäre.

Wo sind die Interviews mit alten Patienten, die sich – im Falle einer Corona-Infektion – aus freien Stücken gegen eine Intensivbehandlung entscheiden würden? Gibt es diese Menschen nicht oder haben sie keine Lobby – weil die ganze Gesellschaft auf “Leben retten” gepolt ist?

Alles klar mit Corona? Offensichtlich nicht!

09.04.2020

Ostern

Ich bin ein sehr säkularer Mensch: Ich habe nichts geben Religionen oder Gläubigkeit; ich gehe nur recht selbstverständlich davon aus, dass die gelebte Religiosität eher im Privaten stattfindet – und eben nicht im öffentlichen Raum. Ganz einfach deshalb, weil wir einen weltanschaulich “neutrales” Gemeinwesen sind und die Zugehörigkeit zu christlichen Religionsgemeinschaften nicht (mehr) die selbstverständliche Normalität darstellt.

Das spricht natürlich nicht dagegen, dass an den höchsten christlichen Feiertagen auch in den normalen Nachrichtensendungen über die entsprechenden Rituale berichtet wird. Alles kein Problem.

Was mich irritiert: Dass ein – der Liberalität verpflichtetes – großes Wochenblatt wie Die ZEIT vor Ostern (genauso wie vor einigen Monaten anlässlich des Weihnachtsfestes) in Teilen zu einer Art Besinnungsblatt wird und so tut, als ob religiös-spirituelle Betrachtungen ein Teil des journalistischen Auftrages und Selbstverständnisses wären. Als würden sich die Leser – jeweils passend zu den Feiertagen – plötzlich an ihr christliches Erbe erinnern und in den Schoß von Mutter Kirche zurückkehren wollen.

Ich will das nicht zu groß machen; es ist nur eine Beobachtung (es betrifft ja auch nur einen kleinen Teil der Artikel).
Für mich macht es aber einfach einen Unterschied, ob über Kirche und Religion berichtet wird, oder ob der Leser direkt als “bekennender Christ” angesprochen wird.
Das kann man ja machen, in einer konfessionellen Zeitung.
In der ZEIT hätte ich es lieber etwas neutraler, weniger vereinnahmend.

08.04.2020

REZO

Die meisten werden sich an REZO erinnern, den You-Tuber, der im letzten Jahr die gesamte Politik durcheinandergewirbelt hat. Viele Millionen haben sein provokantes Video über die CDU-Klimapolitik angeschaut und vermutlich hat das auch Einfluss auf das Ergebnis der Europa-Wahl gehabt.

Was aus ihm geworden ist?
Er schreibt in unregelmäßigen Abständen Kolumnen auf ZEIT-online. Seine Texte sind durchweg anregend, nachvollziehbar argumentiert, differenziert und abgewogen. Natürlich ist es “Meinungs-Journalismus” (und keine neutrale Information), aber das wird ja nicht versteckt und das darf natürlich auch sein.
Es ist mit Sicherheit nicht der schlechteste Kommentator, der sich da aus der Alternativ-Ecke in ein seriöses Mainstream-Medium hervorgearbeitet hat.
Und es ist bestimmt nicht die schlechteste Idee der Zeit, sich in dieser Form zu öffnen.

Hier mal ein Beispiel (ich weiß nicht, wie lange dieser Link funktionieren wird…).

04.04.2020

Wie sich die Maßstäbe verschieben…

Man stelle sich mal vor, was vor einigen Wochen los gewesen wäre, wenn ein Vertreter der Führungsriege der AfD laut über eine Teilung der Partei nachgedacht hätte.
Die Talk-Show-Themen für mindestens eine Woche wären gesetzt gewesen. Jetzt bleibt es bei einem kurzen Aufhorchen…

Der Gedanke von Meuthen ist ja durchaus nachvollziehbar: Würde der rechte Rand der AfD eine separate Partei bilden, könnte sich der Rest als “bürgerlich-konservative” Ergänzung am rechten Rand der CDU etablieren und käme demnächst für Koalitionen in Frage. Die rechtsradikalen “Schmuddelkinder” wäre man auf eine elegante Weise los.
Wenn die AfD wirklich diese – selbst behauptete – “Bürgerlichkeit” hätte, müsste dieser Weg eigentlich sehr attraktiv sein.

So einfach ist es aber nicht:
Die ganz Rechten werden sich mit Zähnen und Klauen dagegen wehren, durch diese Trennung in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Die halbwegs seriösen Konservativen müssten wohl damit rechnen, von der CDU/CSU aufgesogen zu werden. Sie könnten wohl ihren Wählern nur schwer vermitteln, warum man die Union schwächen sollte, um nur ein “bisschen” konsequenter konservativ zu sein.
Dazwischen vermute ich noch eine dritte, keineswegs kleine Gruppierung: Es sind genau die AfD-ler, die sich ganz bewusst nicht von den rechten Rändern distanzieren möchten – weil sie mit ihrer Ideologie sympathisieren und deren Polemik bzw. Demagogie für die Mobilisierung von Wählern weiter nutzen wollen.

Und deshalb – so vermute ich – wird es diesen möglichen “Beweis” für den bürgerlichen Kern dieser Partei (in Form einer Spaltung) nicht geben.

Aber das alles wird im Moment kaum jemanden interessieren.
Es gelten eben andere Maßstäbe…