“Feindliche Übernahme” von Thilo SARRAZIN

Nehmt euch etwas Zeit; es ist die längste Rezension, die ich jemals geschrieben habe.

Ich stelle mir gerade vor, wie ihr vielleicht diesen Link aus Protest erst gar nicht geöffnet habt, euch möglicherweise verwundert die Augen reibt (Fehlwahrnehmung?) oder ihr euch schon mit einer gewissen Vorfreude auf einen vernichtenden Verriss dieses Buches einstellt.
Wie anders sollte man denn umgehen mit diesem viel-verschmähten Autor, der mit seinem ersten provokanten Buch (“Deutschland schafft sich ab”) zur Galionsfigur für das “Abschotten” gegenüber einer vermeintlich bedrohlichen Migrationswelle geworden ist. Schließlich versucht die SPD seit Jahren, dieses unbequeme Mitglied loszuwerden, weil seine Thesen insbesondere bei den politischen Gegnern am rechten Rand als hochwillkommene argumentative Munition genutzt werden.

Ich werde in dieser Rezension solchen Erwartungen nicht entsprechen und gehe damit ein gewisses Risiko ein – insbesondere das Risiko, Unverständnis, Ablehnung und vielleicht sogar Besorgnis auszulösen. Macht sich da – so könnte sich mancher fragen – jemand ganz allmählich auf den Weg zu anderen politischen Gefilden? Driftet Frank – zusammen mit dem Mainstream der Gesellschaft – langsam nach rechts?

Das Schreiben dieser Buchbesprechung ist tatsächlich eine kleines persönliches Abenteuer – auf vermintem Gelände. Ich bin selber gespannt, bei welchen Formulierungen ich letztlich landen werde. Was ich mich traue, unmissverständlich auszusprechen; was ich lieber gut verpackt darbiete; was ich alles unternehme, um Missverständnissen vorzubeugen…
Man könnte auch fragen: Wie stark empfinde ich den Druck der political correctness und in welchem Ausmaß lasse ich mich dadurch beeinflussen?
Jedenfalls spüre ich: Der einige sichere Weg wäre es, diese Rezension einfach sein zu lassen. Doch irgendwas in mir wehrt sich dagegen: Sollen etwa durch eine solche Selbstzensur diejenigen Recht bekommen, die dauernd lamentieren, dass der “linke Gesinnungsterror” eine offene gesellschaftliche Auseinandersetzung verhindere?!

Der Zufall hat mich zu diesem Buch geführt: Ich habe es bei einer Haushaltsauflösung in die Hände bekommen. Es hat mich etwas neugierig gemacht, ich hab es mitgenommen, weil es so aktuell war. “Einfach mal reingucken und die eigene Meinung bestätigen”, habe ich gedacht – und es dann innerhalb von drei Tagen gelesen.
Während der Lektüre war ich mit drei Ebenen gleichzeitig beschäftigt: mit dem Inhalt, mit der Auswirkung auf mein Weltbild und mit dem Gedanken an die bevorstehende Herausforderung, eine Rezension zu schreiben.
Insgesamt eine intensive Erfahrung!

Exkurs:
Warum schreibe ich so viel über mich, wenn ich angeblich ein Buch besprechen möchte?
Nun, mein Motiv ist es grundsätzlich nicht, rein sachlich-neutrale Rezensionen zu schreiben. Davon gibt es genug (z.B. bei Amazon); außerdem können das andere besser. Für mich ist die “Interaktion” zwischen dem Buch und mir das spannende Thema: Was macht das Buch mit mir? Warum bereichert es mich – gerade an diesem Punkt meiner persönlichen Entwicklung? Warum regt es mich so auf?
Ich gehe davon aus, dass die paar treuen Leser, die ich habe, genau daran auch ein gewisses Interesse haben. Wenn ihr nicht auch einen Gewinn darin sehen würdet, mit jeder Rezension auch ein wenig von mir zu erfahren, hättet ihr schon längst aufgehört, die Links auf die Beiträge zu öffnen, oder….?

Jetzt fange ich an:
Die Kern-Aussage des Buches lässt sich leicht zusammenfassen: “Der Islam ist vom Grundsatz her (Ausnahmen bestätigen die Regel) eine rückständige, bildungs- und fortschrittsfeindliche, intolerante, frauenverachtende, demokratieferne, integrationsunfähige und auf militante Machterweiterung ausgelegte Religion. Da Muslime auch noch (weltweit und konstant) eine deutlich höhere Geburtenrate haben als andere Gruppen, ist es falsch und gefährlich, der Einwanderung von muslimischen Migranten keine engen Grenzen zu setzen. Wenn man das nämlich nicht tut, lebt man über kurz oder lang in einem anderen Land, weil die Hoffnungen auf eine echte Eingliederung in unsere Gesellschaft und deren Grundwerte bisher nicht aufgegangen sind .”

Natürlich würden solche – aus dem Zusammenhang gerissene – Aussagen berechtigten Widerspruch hervorrufen. Je nach Geschmack könnte man solche Thesen als “einseitig”, “zugespitzt”, “polemisch”, “undifferenziert”, “übertrieben”, “verleumderisch”, “fremdenfeindlich”, “rechtsradikal”, “rassistisch” oder “menschenverachtend” brandmarken.
An all diesen Vorwürfen wäre sich auch etwas dran.

Was aber – und jetzt wird es eine Stufe komplizierter – wenn der Urheber solcher provokanten Thesen auf knapp 500 Seiten unaufhörlich – auf den ersten Blick plausible – Belege für seine Analysen bzw. Behauptungen anführt?
Sollte oder müsste man sich – wenn man seine Schlussfolgerungen so spontan ablehnt – überhaupt noch mit diesem Material auseinandersetzten? Sind auch solche Fakten relevant, die zu ungeliebten Konsequenzen führen könnten? Muss man nicht den Anfängen wehren – selbst wenn sie erstmal auf faktenbasierten Recherchen beruhen?

Auch wenn man SARRAZIN nicht mag – auch ich finde ihn sehr unsympathisch – muss man zunächst zugestehen, dass er in seinem Buch sehr gründlich und systematisch vorgeht. Es ist ein extrem faktenreiches Buch, vollgespickt mit Quellenangaben, Statistiken, Tabellen und Zitaten.

Die Systematik des Vorgehens spiegelt sich schon in der Gliederung:
SARRAZIN startet – nur so ist es konsequent – mit dem Koran. Natürlich hat er ihn (angeblich) ganz gelesen. Seine – von zahlreichen Zitaten unterlegte – Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass die Auslegungsversuche, die in der “heiligen Offenbarung” der Moslems Hinweise auf eine friedliche, menschenfreundliche und tolerante religöse Botschaft zu finden glauben, insgesamt einer realistischen Grundlage entbehrten. Einzelnen Textstellen, die sich so interpretieren ließen, stände eine überbordende Vielzahl von Aussagen entgegen, die den kämpferischen Alleinanspruch der Heilslehre unter Beweis stellten.
Der Autor wendet sich als nächstes der Entstehungs- und Ausbreitungsgeschichte des Islams zu, um dann einen Überblick über die islamisch geprägten Regionen der Gegenwart zu geben – in Hinblick auf deren gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Besonderheiten. Das alles passiert nicht in einem oberflächlichen Schnelldurchgang, sondern auf ca. 50 informationsintensiven Seiten.
Auf den nächsten ca. 100 Seiten fast SARAZIN dann seine Resümee bzgl. der typischen “Problemzonen” islamischer Gesellschaften zusammen, wobei insbesondere der Widerspruch zwischen der islamisch geprägten Kultur und den Ansprüchen und Vorzügen der Moderne (aufgeklärtes Weltverständnis, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Freiheit des Denkens, Freude an Wissen und Bildung, Trennung von Religion und Staat, usw.) herausgearbeitet wird.
Bis hierhin ist das Buch mehr eine – sicher einseitige und pointierte – Analyse von äußeren Gegebenheiten, über die man unter Experten zwar trefflich streiten könnte, die aber keinen großen Staub aufwirbeln würde.
Auf den nächsten knapp 200 Seiten wird es dann hochpolitisch: Dann ab jetzt geht es um die Situation der Muslime in den Staaten, in denen sie durch Einwanderung (und später auch durch Flucht) zu einer mehr oder weniger bedeutsamen Minderheit geworden sind. Auch hier werden erstmal jede Menge Zahlen (über religöse Haltungen, Bildung, politische Einstellungen, Geburtenraten und Kriminalität) zusammengetragen, deren Bewertung – im Sinne von Fehlentwicklung und Risiken – jedoch immer eindringlicher formuliert wird.
Das Buch gipfelt dann in Schlussfolgerungen und Forderungen, die man angesichts des “offiziellen” politischen Diskurses nur als “radikal” einordnen kann – was nicht automatisch heißt, dass sie sich alle einer inneren Logik und einer Nachvollziehbarkeit völlig entzögen. Letztlich geht es SARRAZIN – und da schließt sich die Verbindung zum Umfeld der AfD – um die Verhinderung einer “feindlichen Übernahme” durch eine mehr und mehr islamisch geprägte gesellschaftliche Gruppe. Da ist sie auf einmal – die drohende “Überfremdung”. Diesmal nicht als rechter Kampfbegriff, sondern als – scheinbar logisches – Ergebnis von 500 Seiten Weltanalyse.

Ich bin nicht in der Lage zu beurteilen, ob all diese aufgeführten Informationsquellen einseitig und “unfair” ausgesucht sind; ich kann nur auf die pure Quantität hinweisen.
Der Autor hat ein klares Anliegen; er macht durchaus offen, dass er von etwas überzeugt ist und mit diesem Buch überzeugen will. Das ist zumindest transparent.
SARRAZIN bemüht sich immer wieder, einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden, indem er darauf hinweist, dass die Daten eine bestimmte Interpretation nicht beweisen – aber eben aus seiner Sicht sehr nahe legen. Er spricht an, dass korrelative Zusammenhänge keine Ursachen belegen, dass andere Deutungen möglich wären.
Der Autor versucht permanent, zu erwartenden Einwänden zuvor zu kommen. Er räumt ein, dass es Ausnahmen gibt (z.B. was die eher orthodoxe Interpretation des Koran und das Fehlen einer “islamischen Aufklärung” angeht), macht aber unmissverständlich (und jeweils begründet) deutlich, dass dadurch die “Regel” nicht außer Kraft gesetzt wird.

Vom Stil agiert hier nicht ein wutschäumender Polemiker, sondern ein Überzeugter, der offenbar in aller Ruhe seinen Argumentationsstrang entfalten kann, weil er die erdrückende Macht der Fakten auf seiner Seite spürt.
Etwas kritischer formuliert könnte man auch sagen: SARRAZIN lullt den Leser erstmal auf vielen, vielen Seiten mit faktenbasierten Analysen ein, um dann sehr weitgehende Schlussfolgerungen und politische Forderungen zu formulieren, die vor diesem Hintergrund dann den Heiligenschein der wissenschaftlichen Seriosität bekommen.
Tatsächlich würden die gleichen Forderungen (z.B. “Rückführung von Flüchtlingen ohne Bleiberecht in aufnahmeunwillige Herkunftsstaaten unter militärischer Begleitung”) in einem Parteiprogramm oder in einer Talkshow eine Protestwelle hervorrufen.
Hier ist einer konsequent bis über die Schmerzgrenze hinaus. Das kann man mögen (und irgendwie “ehrlich” finden), man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass sich da jemand aus einem ernsthaften Diskurs verabschiedet. Nur: Wenn man sich – aus guten Gründen – für die zweite Alternative entscheidet, dann ist man damit nicht aus der Pflicht, andere – und möglichst realistische – Lösungsvorschläge zu machen.

Kann es sein – so wird sich der aufmerksame Leser fragen -, dass dieser Autor mir an manchen Stellen “sogar aus dem Herzen” spricht?
Tatsächlich, auch das kommt vor. Ich teile seine Kritik an und der Ablehnung von religiösem Eifer und Fundamentalismus. Auch ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der faktenbasierte Entscheidungen getroffen und Wahrheiten nicht in der buchstabengetreuen Auslegung uralter Texte gesucht werden. Ich möchte keinen Einfluss ausländischer Staatsführer über den Schleichweg der Religion. Ich möchte statt einem staatlich kontrollierten Islam-Unterricht an unseren Schulen eine überkonfessionelle Wertevermittlung, die natürlich auch den Respekt vor Religionen beinhaltet.
Ich möchte in einer Kultur leben, die zwar nicht dem uferlosen Egozentrismus und einem pervertierten Materialismus nachjagt, die aber dem Denken keine von anderen kontrollierten Fesseln anlegt und zur kritiklosen Unterordnung unter vormittelalterlichen Prinzipien erzieht.
Tatsächlich kann ich nach dem Lesen dieses Buches mit noch einem sichereren Gefühl als vorher sagen: Ich möchte auch zukünftig nicht in einer maßgeblich vom Islam geprägten Gesellschaft leben!
Die entscheidende Frage ist für mich allerdings offen: Wie realistisch sind die beschriebenen Trends wirklich und wie weit müssen demnach “Gegenmaßnahmen” gehen? Und welche Gefahren wären wiederum damit verbunden?

Gibt es sowas wie ein persönliches Resümee?
Für mich ist es entscheidend, die Themen auseinander zu halten.
Für mich macht es einen Unterschied, ob ich mich über humanitäre Hilfe, also die Verantwortung für Menschen in Not, unterhalte oder über die Kriterien für eine geplante Einwanderungspolitik. Es ist für mich nicht dasselbe, einzelnen Muslimen Respekt vor Ihrer religiösen Überzeugung zu zollen (selbstverständlich!) oder mir Gedanken über die Begrenzung des Einflusses des Islam in unserer Gesellschaft zu machen (durchaus legitim).
Das Wichtigste ist aber: Wie kann man auf die Idee kommen, aus Sorge vor Überfremdung, finanzieller Überforderung oder Kriminalität die Achtung vor Leib und Leben realer Menschen in Frage zu stellen?! Hier muss es unverrückbare Stoppschilder geben! Und zwar von jedem, der sich zu dieser Thematik äußert!
Und wenn man – ein durchaus berechtigtes – Interesse daran hat, sich im “eigenen” Land nicht fremd zu fühlen und sich nicht berufen fühlt, die Not anderer Menschen dadurch zu mildern, dass am ihnen einen Platz in Deutschland einräumt, dann steht man in der Verantwortung, realistische Alternativen dafür zu entwickeln.
Dabei räume ich gerne ein, dass auch der deutsche Wohlstand nicht die ganze Welt retten kann und nicht alle bedrohten und notleidenden Menschen bei uns Platz haben. Aber die deutsche Politik könnte wesentlich dazu beitragen, dass der ungeheure Reichtum auf dieser Welt, der sich immer stärker in den Händen weniger Konzerne und Superreichen konzentriert, für die menschheitsrelevanten Ziele eingesetzt wird.
Wir haben die Ressourcen, diese Welt wesentlich besser zu machen; wir nutzen sie nur nicht.
Zu diesen Fragen finden sich im Buch von SARRAZIN nur einige läppische Sätze, die mehr oder weniger eindeutig auf die Selbstverantwortung der Staaten und ihrer Bevölkerung hinweisen, aus denen Flüchtlinge kommen. Das ist zu billig, Herr SARRAZIN!

Dieses Buch ist ohne Zweifel wichtig. Nicht, weil es “gut” wäre oder “zutreffend” – sondern weil es die theoretische und intellektuelle Basis für eine gesellschaftliche Bewegung darstellt, die inzwischen zu einem realen politischen Machtfaktor geworden ist. Wenn die hier dargelegte Argumentation stichhaltig wäre, dann hätten auf einmal Leute “Recht”, die man sonst (für sich) als unaufgeklärt, verirrt und insgesamt irrelevant aussortiert hat.
Die Thesen und Schlussfolgerungen dieses Buches zu ignorieren oder einfach pauschal als “rechtsradikal” abzutun, wäre dumm und gefährlich. Weil es der anderen Seite das Feld überlassen würde, weil es Wahrnehmungen von Denk- bzw. Sprechverboten stärken würde, weil es zu einer Verfestigung der Spaltung beitragen würde und weil es vielleicht auch die eigenen blinden Flecken pflegen würde.
Aber: Dieses Buch ist auch gefährlich. Weil es zu wenig die Grenzen markiert, die es zwischen einer abstrakten Betrachtung von Tendenzen/Risiken und den Umgang mit konkreten Menschen geben müsste. Weil es keine echte Verantwortung für die Herausforderungen übernimmt, die außerhalb unseres Landes bestehen.
Dieses Buch baut ein Bedrohungsszenario auf, das zwar in Einzelaspekten einer offenen Diskussion bedurfte, dass aber in seiner Massivität durchaus als Basis für “Notwehrmaßnahmen” missbraucht werden kann und missbraucht wird. Es deshalb zu ignorieren, ist m.E. nicht die Lösung.

Ungelöst bleibt letztlich die Frage, wie man differenzierte Sichtweisen in ein politisches Klima einbringen kann, das auf polemische Zuspitzungen gebürstet ist.
Kann und darf man damit das eigene Profil aufweichen, das doch auch die Grundlage von Sicherheit und Solidarität in einer definierten Bezugsgruppe darstellt?
Darf man Probleme und Risiken einräumen, die andere zu unakzeptablen Haltungen und menschenfeindlichen Reaktionen treiben? Oder basiert diese abstoßende und gefährliche Zuspitzung vielleicht gerade darauf, dass man abwägende Haltungen so stark ausgrenzt, dass sie sich nur noch in einem hässlichen Umfeld beheimatet fühlen?
Reicht es wirklich auf Dauer, eindeutig anti-rassistisch, weltoffen und solidarisch zu sein? Wird man damit auch in Zukunft jede Diskussion um das Management von Flüchtlingsströmen bestehen?

Für mich sind das offene Fragen. Wenn dieser Artikel jetzt vor einem größeren Publikum erscheinen würde, bekäme ich schnell eine Rückmeldung dazu. Vermutlich würde sich ganz schnell der übliche Schlagabtausch radikaler Meinungen ergeben.
Auf eure – sicher differenzierteren – Meinungen bin ich gespannt.

(Ich habe auch diese Rezension geschrieben, ohne mir vorher eine einzige andere Bewertung des Buches anzuschauen. Ich werde das jetzt nachholen und bin darauf sehr gespannt).

Nachtrag:
Ich habe jetzt in die Amazon-Leserrezensionen geschaut.
Es ist ein Phänomen!
Bei kontroversen Themen ist es meist so, dass die Bewertungen weit auseinander gehen – je nach Einstellung der Leser.
Für SARRAZIN gibt es fast ausschließlich gute Bewertungen.
Für mich ist das eine Bestätigung, dass diese Bücher von Andersdenkenden tatsächlich nicht gelesen werden, sie werden boykottiert.
Tatsächlich drückt sich die Spaltung der Gesellschaft auch an diesem Punkt aus.
Wenn man diese Spaltung verstehen – und vielleicht sogar ansatzweise überwinden will – ist es aus meiner Sicht durchaus sinnvoll und lohnend, sich mal auf die andere Perspektive einzulassen, auch mal intensiver.

“Das Institut” von Stephen KING

Nein – ich war nicht im zweiten Teil der Neuverfilmung von “ES”. Der erste Teil hat mir gereicht….

Aber ich habe KINGs neuen Roman gehört. Habe mal wieder etliche Stunden für einen Schriftsteller aufgewandt, dem ich hoch-ambivalent gegenüberstehe und von dem ich doch nicht lassen kann.

Es geht um eine recht abstruse Geschichte rund um ein geheimes Projekt, in dem Kinder mit besonderen (paranormalen) Fähigkeiten gegen ihren Willen dazu benutzt werden, bestimmte Effekte in der realen Welt zu bewirken. Der Roman beschreibt den Aufenthalt des 12-jährigen Protagonisten in diesem besonderen Institut, das von einer Truppe mehr oder weniger sadistisch veranlagten Aufseher, Betreuer und Ärzten betrieben wird.
Mehr Handlung soll nicht verraten werden.

KING schreibt schon seit Jahrzehnten wie ein Besessener. Er wird wohl zu Lebzeiten damit nicht aufhören. Er kann erzählen, kann Figuren entstehen lassen und Spannung erzeugen – damit hat er inzwischen viele Millionen verdient.
Auch diese Geschichte ist spannend – wenn man sich einmal eingelassen hat. Irgendwann beschließt man einfach, dass Hintergrund und Inhalt der Story eigentlich unwichtig sind. Man wird in die Geschichte gesogen und will wissen, wie sie ausgeht.
Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Der Gewalt- bzw. Horrorfaktor ist diesmal wirklich sehr dezent ausgefallen. Das habe ich sehr begrüßt. Allerdings nimmt die Erzählung einen recht gradlinigen und irgendwie vorhersehbaren Verlauf. Das könnte für KING-Fans etwas enttäuschend sein.

So ein Buch hinterlässt bei mir keinen Nachhall. Fertig ist fertig. Es geht um Unterhaltung und ein wenig Nervenkitzel. So ein Buch hat nichts mit dem eigenen Leben zu tun. Das finde ich schade – wo es doch so unendlich viele Alternativen gäbe, aus denen Erkenntnisse, Anregungen oder tiefes emotionales Berührtwerden gewonnen werden könnten.

Vielleicht war es doch der letzte KING – bis zum nächsten ….


Was auf uns zukommt…

Ich fand diese Werbung bemerkenswert.
Sie markiert für mich so etwas wie einen beginnenden Kulturkampf.

Natürlich haben wir uns im vergangenen Jahr bereits daran gewöhnt, dass es eine neue Trennlinie in unserer Gesellschaft gibt. Nach “links” vs. “rechts”, “arm” vs. “reich” und “Willkommenskultur vs. Abschottung” geht es spätestens seit Greta um “Klimaschutz” vs. “Klimaleugner”.
Nachdem das Thema monatelang die Talk-Shows, die Medien allgemein und die Esstische vieler Familie belagert hat, ist es jetzt im Zentrum unserer Gesellschaft angekommen: in der Werbung!

Es ist kaum zu glauben: Das demonstrative Festhalten an dem von Wissenschaftlern und Klimaaktivisten in Frage gestellten Lebensstil (SUV, Fliegen und Fleisch) wird gerade zu einem Markenzeichen für die “anderen” – für diejenigen, die sich nichts verbieten und nichts madig machen lassen wollen.
Nicht mit schlechtem Gewissen – nein mit stolz erhobenem Haupt bekennt man sich zu einer neuen Identität. Und diese Zielgruppe ist offenbar werbetechnisch relevant.

“Lass die Moralisten und Miesmacher über den Weltuntergang schwadronieren”, so hört man heraus, “wir wissen zu leben und wollen das auch nicht verstecken.”

Es wird einiges auf uns zukommen, in den nächsten Jahren. Auf jeden Fall eine Polarisierung. Sogar in der Werbung…

Systemsprenger

Ein ganz anderer Film. Eher eine Fortbildung als ein normaler Spielfilm.

Strukturell betrachtet geht es um das schwierige und oft leidvolle Dreieck von Familie, Jugendhilfe und Psychiatrie. Es geht um die mehr oder weniger hilflosen Versuche, die “passsende” Maßnahme für ein Kind zu finden, das nicht zu Hause leben kann. In einer Situation, in der kein Angebot wirklich passen kann.
Auf individueller Ebene wird eindrucksvoll die verzweifelte Suche eines neunjährigen Mädchens nach Liebe, Bindung und Halt in aufrüttelnde Bilder übersetzt. Das lässt niemanden kalt.

Dieses Mädchen sprengt alle Systeme, weil die zuständigen Systeme (Jugendhilfe und Psychiatrie) nur Pseudo-Lösungen anbieten; zumindest für dieses Mädchen.
Bei ihr kommen mehrere Faktoren zusammen: Die abgrundtiefe Enttäuschung über eine Mutter, die für sie nicht Mutter sein kann; eine untherapierte Traumatisierung, die immer wieder zu unkontrollierbaren Impulsdurchbrüchen führt und eine unbändige Lebensenergie, die tragischer Weise immer wieder destruktive Ausdrucksformen findet.
Gemeinsam halten diese Bedingungen eine Dynamik aufrecht, die alle beteiligten Institutionen und Personen überfordert. So werden dann in Hilfeplangesprächen immer wieder neue Lösungen gesucht – wo doch alle Beteiligten wissen, dass jedes Scheitern die Möglichkeiten einer Verbesserung erschweren. Hilflose Helfer in einem hilflosen System.
Die einzige Erfahrung von Macht und Kontrolle, die dieses Mädchen in diesem Leben erleben kann, ist das kompromisslose Aufbegehren: Wenn ihr schon die Erfahrung zeigt, dass niemand sie wirklich auf Dauer aushalten kann, dann sich wenigstens als die fühlen, die Auslöser und Zeitpunkt bestimmt!

Der Film versucht zu zeigen, was so ein Kind wirklich sucht und braucht; welche Not und welche ungestillten Bedürfnisse und Sehnsüchte hinter dem hemmungslosen Ausagieren von Wut und Enttäuschung stecken.
Dabei geht es einmal um die endlosen Versuche, doch noch zur mütterlichen Liebe zu finden, sie letztlich zu erzwingen. Ohne Erfolg.
Es gibt aber einen Lichtblick: Ein cooler, tougher Schulbegleiter lässt sich von dem Mädchen anrühren und schlägt eine Individualmaßnahme vor, die er sonst nur für die harten Jungs anbietet: ein paar Tage in einer abgeschiedenen Hütte im Wald.
Hier entsteht sie dann doch: die wirkliche Beziehung, das bedingungslose Aushalten in einer Begegnung ohne Ausweichmöglichkeit. Das Mädchen spürt Halt, wird weich, kann sich fallen und tragen lassen.
Letztlich scheitert auch dieser Hoffnungsschimmer an den Grenzen der beteiligten Personen unter den gegebenen Bedingungen.

Genug zur Handlung.
Hat dieser aufrüttelnde Film besondere Stärken oder Schwächen?
Eigentlich steht diese Frage angesichts der dramatischen Inhalte eher im Hintergrund.
Um es kurz zu sagen: Der Film ist ohne Zweifel sehr gut gemacht. Die kindliche Darstellerin spielt absolut faszinierend. Passend, aber glücklicherweise relativ sparsam, werden filmische Effekte eingesetzt, um bestimmte Bewusstseinszustände des Mädchens darzustellen. Ansonsten spricht die Handlung für sich.
Natürlich findet man nicht jede einzelne Szene stimmig: So ist es schon ein wenig klischeehaft, dass nach einem Scheitern einer Maßnahme das Mädchen ihre in Tränen zusammengebrochene Sozialarbeiterin tröstet. Auch die Tatsche, dass das weggelaufene Mädchen ohne weitere Suchmaßnahmen eine Nacht im winterlichen Wald verbringt, ist vielleicht nicht ganz realistisch.
Aber auf solche Details kommt es letztlich nicht an.

Und die Systemfrage? Können Jugendhilfe und Psychiatrie einpacken, wenn das Urbedürfnis nach bedingungsloser Annahme durch die Eltern oder Ersatz-Bezugspersonen nicht erfüllbar ist?
Sicher nicht. Aber der Film zeigt, dass in bestimmten Konstellationen wirklich alle therapeutischen und pädagogischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssen, wenn es eine Chance auf eine gute Entwicklung geben soll. Wird ein Baustein – hier die Traumatherapie – weggelassen, kracht die Hilfskonstruktion vielleicht immer wieder ein.
Der Grundbotschaft des Filmes kann man sicher nicht widersprechen: Nur ein auf Dauer verlässliches Beziehungsangebot kann so ein Kind ansatzweise “heilen” – und allzu oft scheitert dies an den Systemgrenzen.

Der Film weckt keine Hoffnungen. Das ist vielleicht insgesamt eine realistische Sichtweise.
Trotzdem ist es natürlich ein wenig schade, dass es kein Beispiel für ein Gelingen gibt. Natürlich gibt es auch positive Verläufe, in denen hoch-engagierte Fachkräfte in Therapie, Individualbetreuungen, professionellen Pflegestellen oder Auslandsmaßnahmen eine tolle Arbeit machen.
Aber das wäre dann vielleicht ein anderer Film….


Danke, AfD!

Die AFD hat sich gerade vorgenommen, ihre zukünftige Politik auf die Unsinnigkeit des Klimaschutzes zu konzentrieren, also auf den Kampf gegen den Versuch, die (sich bereits entwickelnde) Klimakatastrophe noch irgendwie zu begrenzen.

Das ein wertvoller Beitrag zur politischen Kultur.

Wer sich noch unklar darüber war, in welchem Ausmaß diese politische Strömung eine sinnvolle Erweiterung des bürgerlichen Parteien-Spektrums sein könnte, hat jetzt eine klare Orientierung.

Es ist die Partei des Irrationalismus und des grenzenlosen Egoismus.

Auf der rationalen Ebene ist das Leugnen des menschengemachten Klimawandels inzwischen eine völlig haltlose Extrem-Haltung, die geradezu im Wochentakt durch immer besser abgesicherte Erkenntnisse ad absurdum geführt wird.
Dagegen immun zu sein, setzt schon fast eine Neigung zu Verschwörungstheorien voraus; zumindest aber ein klares Bekenntnis gegen Wissenschaft und beobachtbare Fakten als Erkenntnisquellen.
Damit dürfte es halbwegs vernunftbegabten Menschen tatsächlich deutlich schwerer fallen, sich zu dieser Partei zu bekennen. Gleichzeitig könnte es einen Hinweis darauf geben, dass vielleicht auch andere Überzeugungen dieser Partei  nicht eine wackelige Grundlage haben, sondern vielleicht auch besorgniserregende Folgen in sich tragen könnten..

In Bezug auf den Egoismus bietet diese Programmatik keine neue, aber eine bestätigende Botschaft.
Während sich anfangs in der Euro-Bekämpfung die Haltung ausdrückte, dass man den deutschen Reichtum nicht mit anderen europäischen Ländern teilen wollte, wurde beim Migrations-Thema diese Haltung noch einmal verschärft: Wie können unsere Politiker nur unseren deutschen Wohlstand zugunsten von Asylanten oder Flüchtlingen nutzen?!
Die die Haltung zur Klimafrage verlagert jetzt diesen Egoismus auf die Generation-Ebene: Was haben wir heute mit den Katastrophen in 30 oder 50 Jahren zu tun?!
Auch mit dieser Haltung wird man all die Menschen abschrecken, die inzwischen ernsthaft mit dem Zustand der Welt beschäftigt sind, den wir unseren Kindern und Enkel überlassen.

Das alles wird nicht dazu führen, dass es keine AfD-Wähler mehr geben wird. Es wird aber dazu führen, dass sich die Dinge noch klarer konturieren. In der AfD werden sich immer eindeutiger die Menschen sammeln, die man tatsächlich mit logischen oder moralischen Argumenten kaum noch erreichen kann.

Diese Menschen gab und gibt es immer, leider. Aber vielleicht muss man dann nicht mehr der Idee unterliegen, fast die gesamte Politik der anderen Parteien immer wieder auf diese Zielgruppe auszurichten.
Vielleicht kann man dann endlich etwas mutiger voranschreiten mit dem großen “Rest” der Bevölkerung, der bereit wäre, auch ambitionierte  Schritte in Richtung Nachhaltigkeit und Solidarität mitzugehen.
Vielleicht kann man dann endlich ein mutiges und positiv konnotiertes Leitbild entwickeln, für das sich eine gemeinsame Anstrengung lohnt. Von mir aus auch begründet mit wirtschaftlicher Vernunft (obwohl es nicht mein Hauptargument wäre).

Der Distelfink (nach einem Roman von Donna Tartt)

Es ist ein aktueller Film; er läuft noch in den Kinos (Stand 30.09.19).
Ich rate: Schaut ihn euch an!

Ist es sinnvoll – so könnte man sich fragen -, einen Film zu sehen, dessen Handlung man schon zweimal als Hörbuch genossen hat?

Ja, es ist sinnvoll. Literaturverfilmungen leben davon, sich an einer Vorlage zu orientieren. Für viele Menschen entsteht die Motivation zum Kinobesuch genau aufgrund der vorherigen Leseerfahrung. Man weiß, was kommt und wie es ausgeht. Aber man ist gespannt auf die filmische Umsetzung und darauf, wie eigene Fantasien mit den realen Kinobildern korrespondieren.
Aber natürlich haben auch diese Filme den Anspruch, für sich selbst zu stehen und einen Genuss auch für diejenigen zu schaffen, die unvorbereitet kommen.

Ich fand das Buch “Distelfink” grandios und habe das an anderer Stelle auch begründet. Auf den Film war ich entsprechend gespannt, habe aber versucht meine Erwartung in Grenzen zu halten. Man will ja allzu großen Enttäuschungen vorbeugen. Nach wenigen Minuten war klar, dass es nicht darum gehen würde, Frustration zu managen, sondern Begeisterung und Ergriffenheit.

An diesen Film stimmt (fast) alles. Die Atmosphäre, die Figuren, die emotionale Dichte, die Botschaft.
Und obwohl das Buch so unglaublich treffend wiedergegeben wird, hat man das Gefühl, dass das Medium Film voll zur Geltung kommt. Statt “nur” einen abgefilmter Roman zu betrachten, darf man eine eigene Kunstform genießen. Das gelingt insbesondere dadurch, dass der Aufbau der Geschichte in stark veränderter Form dargeboten wird: Aus der weitgehenden Chronologie der literarischen Vorlage wird ein durch Zeitsprünge kunstvoll aufgebautes Puzzle. So wird aus dem vermeintlichen Nachteil des Mediums (der Verkürzung und Komprimierung) ein geniales Stilmittel, mit dem man schrittweise in die inhaltlichen Zusammenhänge eingeführt wird.

Distelfink ist ein leiser Film. Es geht darum, die emotionale Dynamik der Figuren sichtbar und verstehbar zu machen.
Da ich die Versuchung des Mediums kenne, visuelle Effekte zu nutzen und zu zelebrieren, habe ich mit einiger Sorge den Handlungssequenzen entgegen gesehen, die sich dafür angeboten hätten.
Volle Punktzahl! Alles, was hätte Action-Kino werden können, wurde auf das zum Verständnis notwendige Minimalmaß reduziert. Sehr beeindruckend!

Ich bin kein Fachmann für Schauspieler oder Regie-Details. Mein Maßstab ist die Gesamt-Wirkung.
Ich kann nur sagen: Wer das Buch liebt (oder lieben würde), der/die wird auch diesen Film mögen. Sie sind aus gleichem Holz geschnitzt.

Leider kann ich nicht beurteilen, was dieser Film auslöst, wenn man nicht schon vorher so tief in die Distelfink-Welt eingetaucht war.
Ich würde es aber gerne von euch erfahren (z.B. durch einen Kommentar an dieser Stelle).
 

Warum es die SPD nicht schafft

Das Problem der SPD ist, dass sie schon so etwas wie ihre eigene Koalition ist. Sie versucht – nach dem alten Schema der Volkspartei – verschiedene Themen und Strömungen in sich zu vereinen. Sie will den Kompromiss schaffen zwischen Ökonomie, Ökologie, sozialer Gerechtigkeit, nationalen Interessen und internationaler Solidarität, usw. Das berühmte “sowohl-als-auch”.

Das ist vom Prinzip her gar nicht dumm und hat eine Weile funktioniert.

Aber: Die Gesellschaft hat sich polarisiert! Die Klimabewussten wollen grüne Politik, die Umverteiler wollen die Linken, die Wirtschaftsnahen wählen FDP oder CDU. Und die Frustrierten, Unzufriedenen, Nationalisten, Nörgler und Dummen sind schon bei der AfD gelandet.
Die Leute wollen ihre Überzeugung “pur” wählen.
Der Ausgleich der Interessen wird dann auf die Regierungsbildung, also auf Koalitionsverhandlungen verlagert.
Eine Partei, die den Ausgleich und den Kompromiss vorwegnimmt, ist wegen der eingebauten Konturlosigkeit nicht mehr attraktiv.

Das gilt vor allem, wenn diese Partei, die ja schon alles miteinander abgewogen und verbunden hat, dann selbst noch in eine Koalition eintreten muss – womöglich dann als Juniorpartner.
Das kann dann eigentlich nur noch schief gehen! Den eingebauten Kompromiss von allem mit allem dann noch in einer Koalition abgeschliffen zu bekommen – daraus ist nur noch schwer ein großes Versprechen an die Wähler zu machen.

Das ist irgendwie ungerecht. Aber schwer zu ändern!

Schade, Jens Spahn!

Ich bin ja nun im Allgemeinen kein CDU-Anhänger. Aber ich mag Politiker, die “heiße Eisen” anpacken. So wie es Jens Spahn mit seinen Vorschlägen zum Organ-Spenden getan hat.
Dafür habe ich ihm schon Respekt gezollt.

Auch die Finanzierung der Homöopathie hat der Minister öffentlich in Frage gestellt, ob wohl das alles andere als populär ist.
Jetzt ist er eingeknickt. Es lohne sich – wegen der vergleichsweise “geringen” Millionensumme – nicht, einen Grundsatzstreit vom Zaum zu brechen.

Schade. In einer Zeit des Durchlavierens hätte man gerne mal jemanden erlebt, dem die Sache um des Prinzips willen so wichtig wäre, dass er Konflikte mit Lobby-Gruppen eingeht und einen Teil der Wählerschaft verärgert.
So gewönne man Glaubwürdigkeit!

Also dürfen die Kasse weiter Mittelchen finanzieren, für die es – trotz aller Bemühungen – keinen Wirksamkeitsnachweis gibt (über den Placebo-Effekt hinaus).
Die einschlägigen Firmen dürfen ihren unwissenschaftlichen Humbug weiter ganz offiziell im Rahmen des Gesundheitssystems vertreiben – schließlich zahlen es ja auch die Krankenkassen (zumindest viele).

Klimaschutz-Paket

Es gab in den letzten Tagen eine Menge sehr treffender Analysen und Kommentare zum Gesetzes-Paket der GroKo auf den von mir bevorzugten Plattformen (ZEIT-online und SPIEGEL-online). So entstand bei mir zunächst der Eindruck, als ob sich eine eigene Stellungnahme erübrigen könnte.
Alles war so eindeutig.
Dann wurde mir klar, dass ich über den vielleicht naheliegensten Aspekt dort noch nichts gelesen hatte. Vielleicht ist die größte Absurdität tatsächlich niemandem aufgefallen.
Also habe ich jetzt doch einen Grund, ein paar Zeilen zu schreiben.

Beginnen wir mit der weichgespülten und auf Selbstkritik getrimmten Öffentlichkeitsarbeit.
Die beteiligten Politiker übertrafen sich in ihren Erklärungen mit der Wertschätzung gegenüber den Klima-Aktivisten von Fridays for Future (FfF). Diese hätten durch ihr nachdrückliches Engagement den entscheidenden Anstoß dazu gegeben, dass jetzt ein solch umfangreicher – geradezu historisch zu nennender – Maßnahmenkatalog auf den Weg gebracht werden konnte.
Was ist nochmal genau das – sehr wahrscheinlich so nicht zu erreichende – Ziel der Gesetzesentwürfe?
Ach ja – es ging um ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen zur Begrenzung der Erderwärmung durch Reduktion der CO2-Emissionen (Paris, 2015).

Heißt das etwa – man vermag es sich kaum vorzustellen – dass ohne die Massenproteste davon auszugehen gewesen wäre, dass man auch die Klimaziele für 2030 einfach ignoriert hätte? Kalt lächelnd?
Mussten Zigtausende tatsächlich auf die Straße gehen, um so etwas Revolutionäres zu erreichen, dass man sich jetzt zumindest überhaupt mal der eigentlich unverhandelbaren Herausforderung stellt?
Bedeutet das ernsthaft, dass es ohne FfF gar keine ernsthafte Absicht gegeben hätte, den selbst gesetzten Zielen gerecht zu werden?
Trauen sich unsere Politiker wirklich, uns das selbst vor laufenden Fersehkameras zu sagen und sich damit auch noch auf die Schultern zu klopfen – weil sie doch so einsichtig und lernfähig waren?

Ich weiß wirklich nicht, ob ich so etwas Selbstentlarvendes schon mal gehört habe.
Man lobt eine Protestbewegung dafür, dass sie so viel Druck aufgebaut hat, dass man irgendwann beginnen musste, sich selbst ernst zu nehmen.
Wozu genau braucht man dann eigentlich noch eine Regierung?
(Ich weiß, das ist polemisch).

Über die mutlose Halbherzigkeit der Vorschläge selbst ist schon alles gesagt/geschrieben worden…

Ich habe in meinen politischen Haltungen bisher immer Kompromiss und Augenmaß verteidigt, wollte auch dieser GroKo noch eine ernsthafte Chance geben.
Im Moment habe ich das Gefühl, dass diese Art Politik nicht nur den engagierten Teil der jungen Leute verliert…