25.04.2020

Der Corona-Podcast von Christian Drosten

Natürlich wusste ich seit Wochen, dass es diesen Podcast gibt. Seltsamerweise habe ich mir aber bisher nicht die Zeit genommen, ihn auch in Ruhe zu hören. Das erschien mir zu langwierig zu sein. Stattdessen las ich täglich viele Einzelartikel auf ZEIT- und SPIEGEL-online und schaute in diverse Talkshows hinein.

Heute habe ich dann endlich mal angefangen, mit Nr. 35.
Sehr informativ, topaktuell, gründlich und verständlich.
So will ich das!

Habe dann bei der Gelegenheit erfahren, dass es den Podcast ab sofort nur noch zweimal pro Woche geben wird. Das ist auf jeden Fall realistisch. Ich werde sicher keine Folge mehr verpassen. Die Nr. 34 habe ich inzwischen auch schon gehört (man kann es ja auch rückwärts abarbeiten).
Die einfachste Zugangs-Möglichkeit ist die “ARD-Audiothek“, die man sich am besten sowieso aufs Smartphone lädt. Dort kann man unglaublich viele interessante Beiträge (z.B. Kultursendungen und Hörspiele) hören und auch regelmäßige Podcasts abonnieren.
Man findet Drosten aber auch direkt beim NDR.

“Fantasyland” von Kurt ANDERSON

Ein prachtvolles Buch: Tolles Cover, fast 5 cm dick, 700 Seiten Text.
Ein anregendes Thema: Amerikas Geschichte unter der Perspektive der chronifizierten Irrationalität. Wundergläubigkeit und Realitätsverlust als Nationalcharakter.
Was könnte aktueller und dringlicher sein – angesichts der jüngsten Verrücktheiten des amerikanischen Präsidenten und seiner Gefolgsleute im Umgang mit der Corona-Krise?

Mich haben die USA schon immer interessiert. Nicht nur, weil ich als Student dort mal vor ewigen Zeiten eine besondere Reiseerfahrung gemacht habe.
Amerika war in den letzten Jahrzehnten immer eine Art Zukunftsquelle und ein Vergrößerungsglas: Viele westeuropäische Entwicklungen in Wissenschaft, Kultur und Kommerz waren zuerst in den USA sichtbar; gleichzeitig traten sie dort auch in einer besonders extremen Form auf. Faszinierend und erschreckend zugleich.
Ich habe nie unkritisch auf die USA geschaut, habe mich schon in den 70iger Jahren mit dem militärisch-industriellen Komplex beschäftigt. Aber es gab ja auch Woodstock und das vielversprechende Kalifornien – und auch gegenüber Wolkenkratzern war ich nicht völlig immun, genauso wenig wie bzgl. der digitalen Revolution.
Wenn es um die USA ging, ging es also immer auch um Ambivalenzen!

Jetzt zum Buch:
Der renommierte Journalist ANDERSON hatte sich das Ziel gesetzt, das Fiasko der Trump-Wahl aus der gesamten ca. 500-jährigen Geschichte herzuleiten. Seine Frage war: Wie konnte sowas Abstruses ausgerechnet in den USA passieren?
Seine Antwort erfolgt in einer unglaublich akribischen Analyse all der Ereignisse, Tendenzen und Entwicklungen, die als Belege für die außerordentliche Neigung der Amerikaner zur Irrationalität dienen können.
Der Autor nimmt dabei nicht eine Lupe zur Hand, er bedient sich eines Elektronenmikroskops! Er geht nicht durch die Jahrhunderte, sondern durch die Jahrzehnte und manchmal durch einzelne Jahre und produziert so eine kaum zu überblickende Menge von Einzelbeobachtungen (die er mit Namen und konkreten Fakten hinterlegt).

Damit man sich eine grobe Vorstellung machen kann, will ich ein paar Aspekte aufzählen.
Es geht in dem Buch u.a. um
– die Bereitschaft, an alle möglichen Wunder und Wunderheiler zu glauben
– das Ausmaß einer “fanatischen”, in viele Einzelsekten aufgesplitterte Religiosität (die ganz oft auf einer extrem wörtlichen Auslegung der Bibel beruht)
– einen grenzenlosen Individualismus (der sich auch gegen vernünftige Begrenzungen durch einen demokratischen Staat wehrt)
– einer romantischen Verklärung der Pionier-Mentalität des “Wilden Westens” (einschließlich des Waffen-Fetischismus)
– eine kindliche Begeisterung für alle denkbaren Fantasiewelten (perfekt repräsentiert durch die infantile Disney-Kultur, aber auch in der Hollywood-Illusionswelt, in Fantasy-Literatur und Computer-Parallelwelten)
– den unkritischen Glauben an alle möglichen übernatürlichen Kräfte (einschließlich Ufos und Aliens)
– die systematische Verdummung und Indoktrination durch Medienkonzerne (die immer stärker durch rechtsgerichtete und christlich-fundamentalistische Kräfte gesteuert sind)
– das Misstrauen und die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen
– den unglaublich verbreiteten Hang zu Verschwörungstheorien (der sich aktuell auch auf die Corona-Thematik bezieht)
– die zunehmenden Unfähigkeit und die fehlende Bereitschaft, überhaupt noch Fakten zur Grundlage von Überzeugungen und Entscheidungen heranzuziehen
– die Verbindung von all dem zum Kommerz (also zu der Begeisterung der Amerikaner, möglichst schnell möglichst reich zu werden)

Natürlich stehen alle diese Phänomene nicht nebeneinander, sondern sind vielfältig miteinander verwoben, thematisch, personell und medial. Auch das arbeitet ANDERSEN sorgfältig und detailliert heraus.
Auch wenn es sich vielleicht so anhört: Der Autor macht nicht etwa dauernd Pauschalaussagen über den oder die Amerikaner. Er präsentiert in zahlreichen Untersuchungen statistische Belege, die deutlich machen, für welchen Teil (Prozentsatz) der Menschen seine Aussagen zutreffen. Natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass es den anderen (rationalen, vernunftbetonten) Teil der amerikanischen Gesellschaft auch gibt.
Es ist auch nicht so, als ob keine Gegenbewegungen dargestellt würden: Immer wieder weißt ANDERSEN darauf hin, dass bestimmte Extrem-Auswüchse auch wieder eingefangen wurden und dass sich manchmal für eine bestimmte Phase auch die Vernunft durchsetzen konnte.
Ebenfalls würde der Vorwurf ins Leere laufen, dass der Autor seinen kritisch-analytischen Blick nur in die rechte politische Ecke werfen würde. Er entlarvt auch linke Verschwörungsneigungen (“überall lauert der CIA”) und den Wunderglauben der eher alternativ-esoterischen Gegenkultur. Schmerzlich für mich war in diesem Zusammenhang auch der sehr nüchterne Blick auf die hochgradig irrationale und drogenverseuchte Hippie- und Woodstock-Bewegung.
Der Typ macht eben vor gar nichts halt!

Es bleiben ein paar Kritikpunkte, die auch das Ausmaß meiner Empfehlung für dieses Buch betreffen:
– Kein “normaler” Mensch braucht diese Ausführlichkeit; niemand kann sich auch nur annähernd alle die Fakten und Daten merken. Auch mir hätten vermutlich 300 Seiten vollkommen ausgereicht.
– Nicht durchweg erscheinen die Darstellung und die Abfolgen optimal strukturiert (was aber bei dieser Informationsmenge wohl kaum vermeidbar wäre).
– Natürlich weiß man sowieso, welches Ziel der Autor verfolgt und welche Botschaft er vermitteln will; natürlich will hier niemand ein “neutrales” Buch schreiben. Trotzdem nimmt man sich ein wenig Seriosität und Glaubwürdigkeit weg, wenn man Darstellung von Fakten und deren Bewertung so stark miteinander vermischt, wie das ANDERSEN tut. Indem er immer wieder polemische Formulierungen wählt, macht er es den noch nicht überzeugten Lesern zu einfach, sich auf die andere Seite zu begeben.

Es ist ohne Zweifel ein wichtiges Buch. Nach dem Lesen bleibt kein Zweifel daran, dass eine Wiederwahl von Trump nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich ist.
Der Grund dafür lässt sich in einem – ebenfalls polemischen – Satz zusammenfassen: “Die spinnen, die Amis!”

Nach diesen 700 Seiten kann mir niemand mehr diese Überzeugung argumentativ streitig machen!


22.04.2020

Wir brauchen die Corona-APP

Die ersten Tage der “Normalisierung” zeigen es überdeutlich: Die Disziplin lässt nach, die Menschen werden leichtsinnig, sie unterschätzen die – noch lange weiter bestehenden – Risiken.

Wir müssen also dringend alle Möglichkeiten nutzen, mit denen wir die beiden Faktoren “Hygiene” und “Abstand” ergänzen können. Die Masken haben sich schon weitgehend durchgesetzt; was fehlt ist die APP.

Wie es in Deutschland nicht anders sein kann: Die rasche Umsetzung scheitert offensichtlich an unterschiedlichen Vorstellungen zum Datenschutz.

Ich kann es – ehrlich gesagt – kaum ertragen!
Auf der einen Seite werden – angesichts einer “echten” Notsituation – die angesammelten Reserven unserer Volkswirtschaft in 100-Milliarden-Paketen rausgehauen, auf der anderen Seite diskutieren schlaue und prinzipientreue Datenschützer darüber, ob nicht doch ein theoretisches Restrisiko bestehen könnte, dass einmal installierte Softwarestrukturen später mal zur Totalüberwachung durch den Staat missbraucht werden könnten.

Ich schlage vor, später mal auszurechnen, was uns diese Verzögerung letztlich am Ende gekostet hat.
Ob dann der Datenschutz noch so beliebt sein wird…..

21.04.2020

Verkehrte Welt

Heute war es dann soweit: Das erste mal in der Geschichte gab es einen negativen Preis für Öl: Wer einen Barrel Öl abnahm, bekam noch 13,40 Dollar dazu!

Das lässt natürlich meine Fantasien schweifen: Ab welcher Zuzahlungs-Summe wäre ich denn beispielsweise bereit, einen Porsche zu “erwerben”? Wie wäre es dann mit der Sonderausstattung? Könnte man damit die Kaufprämie noch erhöhen? Wäre es lohnend, verschiedene Händler gegeneinander auszuspielen? Wer bietet am meisten?

Natürlich stelle sich auch die Frage nach dem Wiederverkaufs-Verlust, wenn man ihn mal loswerden möchte: Es könnte ja sein, dass man beim Weiterverkauf des Gebrauchten noch mehr oben drauf legen müsste als man selbst beim Neukauf bekommen hat. Das wäre dann ein echtes Verlustgeschäft.

Es gibt immer so viel zu bedenken. Ich lass es doch wohl besser sein…

20.04.2020

Parallelwelten

Ich habe es in einigen Beiträgen schon angedeutet; heute ist es mir nochmal ganz klar geworden: Wir werden uns alle daran gewöhnen müssen, noch etliche Monate in zwei (vielleicht auch mehreren) Parallelwelten zu leben.

Nachdem einige Wochen unser Alltag dadurch bestimmt war, dass einige relativ klare Einschränkungen für fast alle Bereiche der Gesellschaft galten, wurde in dieser Woche eine zweite Phase eingeläutet: Die allmähliche Rückkehr in eine neue Normalität.

Mit einem Schlag wurde damit nicht nur die Situation deutlich unübersichtlicher; es begannen auch sofort eine vielstimmige Diskussion über angeblich falsche Entscheidungen – weil die Lockerung der Regelungen entweder zu schnell oder zu langsam erfolgen.

Schaute man auf diesem Hintergrund gestern bei Anne Will und heute bei Plasberg rein, wurde eines sehr schnell deutlich:
Es gibt die eine Welt, in der die Rückkehr zum normalen Leben und Wirtschaften nur noch durch überängstliche Virologen und sich autokratisch gebärdende Politiker gebremst wird.
Und es gibt die andere Welt, in der wir vielleicht bis ins übernächste(!) Jahr mit durchgreifenden Einschränkungen rechnen müssen (z.B. bzgl. der Kinderbetreuung in KITAS und Schulen) und in der möglicherweise eingeleitete Lockerungen wieder zurückgenommen werden müssen.

Diese beiden Realitäten wird es – so vermute ich sehr stark – nicht nur in der Politik und in den Medien geben. Jede/r von uns wird zwischen den beiden Polen hin- und herpendeln, manche von uns vielleicht mehrfach täglich – je nachdem in welchem Setting und in welcher Stimmung wir uns gerade befinden.

Aber das ist nur der eine Teil der Story, sozusagen der nationale.
Daneben wird es aus vielen Teilen der Welt (so wie gestern aus Südafrika und vor einigen Tagen aus Indien) noch eine geraume Zeit Meldungen geben, die uns immer wieder fassungslos und hilflos machen werden. Die Konfrontation mit der schreienden Ungleichverteilung von Lebensbedingungen und Ressourcen löst offenbar unter den Corona-Bedingungen etwas Besonderes aus: Zwar wissen wir im Prinzip alle, wie unglaublich privilegiert wir hier alle vergleichsweise leben (ja: alle!); aber die Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit der Auswirkungen dieses globalen Ereignisses bringt es jetzt wirklich auf den Punkt!
Auf einmal steht die ganze Welt gleichzeitig vor der gleichen Herausforderung – und die Risiken und Bewältigungschancen unterscheiden sich wie Tag und Nacht!
Die Parallelwelten lassen grüßen!

Es gibt noch eine weitere Parallelwelt; die heißt Trump und spielt sich in den USA ab.
Ich will mich dazu hier nicht äußern, aber auf einen wirklich lesenswerten Artikel aus ZEIT-online verweisen. Es ist ein etwas längerer Text, aber er ist sehr informativ. Ich empfehle in sehr!

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19.04.2020

Ungeduld

Eindruck aus dem Sonntags-Talk: Anne Will möchte mit aller Macht wieder zurück zu den altgeliebten Kontroversen. Sie versucht zuzuspitzen.

Das betrifft auch die Auswahl der Gäste: Man lädt wieder Leute ein, von denen man kritische Beiträge erwarten kann.

Vielleicht ist das alles so richtig, weil in einer Demokratie ja gestritten werden soll.

Auf mich wirkt es überflüssig und vor allem ungeduldig.

18.04.2020

Ist zu Corona alles geschrieben und gesagt?

Geht es euch auch so? Ich bin ein bisschen müde und leer, vielleicht auch gesättigt.
Will oder braucht man noch mehr Zahlen, neuere Prognosen, Diskussionen über Masken, Homeoffice oder die Öffnung der Schulen?
Hat man überhaupt schon mal (außer vielleicht unmittelbar nach dem 11. September) so lange so intensiv an einem Thema verweilt?

Man ist – wenn man denn möchte – inzwischen unglaublich gut informiert. Dazu gehört inzwischen, dass man auch die Zwischentöne kennt, die (kleinen) Nuancen in den Einschätzungen selbst der Fachleute.
Jeder halbwegs aufmerksame Mensch könnte in einer Podiumsdiskussion wohl inzwischen in die Rollen von Laschet, Söder oder Lindner schlüpfen, ohne dass es groß auffallen würde.

Das Verrückte ist nur: Trotz aller Gewöhnung, trotz zunehmender Gelassenheit könnte es sein, dass das “dicke Ende” noch kommt. So ganz allgemein für uns alle, aber auch so ganz fürchterlich persönlich.

Aber: Kann man das beeinflussen, wenn man noch mehr Zeit investiert, noch mehr Informationen sammelt? Ich glaube, eher nicht.
Jede/r wird wohl inzwischen wissen, wo er/sie sich einordnet bzgl. der Vorsichtsmaßnahmen und der Umgehensweise.

Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, wenn man sich mal anderen Themen zuwendet.
Das Virus wird keinen Unterschied machen – egal wie viele Sondersendungen man versäumt hat.

17.04.2020

Ebikes

Es gibt auch noch andere Themen in der Presse. Gelegentlich.

Auf ZEIT-online gibt es eine Serie über Ebikes. Durchaus löblich!
Da erfährt man doch tatsächlich, dass Elektromobilität mit dem Fahrrad nicht nur etwas für Alte, Faule oder Invalide ist. Wow!

Es sollen sogar schon Menschen unter 40 auf einem Ebike gesichtet worden sein: unfassbar! Gerüchteweise haben sich sogar in Einzelfällen schon echte Designer mit dieser Produktklasse befasst! Kaum zu glauben!

Vermutlich werden demnächst diese Bikes auch noch außerhalb des Sanitäts-Fachhandels vertrieben…

Toll – mal was anderes als Corona zu lesen…

“Das egoistische Gen” von Richard DAWKINS

Warum – so kann man mich mit Fug und Recht fragen – sollte jemand im Jahre 2020 eine ganze Reihe von Stunden seiner Lebenszeit aufwenden, um ein wissenschaftliches Buch zu lesen, das in seiner 1. Auflage aus dem Jahr 1976, in der 2. Auflage aus 1989 stammt?

Nun: Denkbar wäre, dass es sich um ein inhaltlich epochemachendes Werk handelt oder dass die Art der Darstellung einen “zeitlosen” Wert in sich trägt.
Für dieses Buch des Evolutionsbiologen DAWKINS gilt beides in hohem Maße.
Trotzdem gab es noch ergänzende (subjektive) Gründe für diese Lektüre:
– so eine Art schlechtes Gewissen, dass ich dieses Standardwerk noch nie im Original gelesen hatte
– die weltanschauliche Nähe zu dem Autoren (der sich auch in der Thematik des “Atheismus” einen Namen gemacht hat)
– die Verfügbarkeit des Buches in der allernächsten Umgebung

Ich fühle mich an dieser Stelle nicht berufen, den Inhalt dieses Buches wiederzugeben. Die Theorie des “Egoistischen Gens” hat sein Jahrzehnten ihren Platz in jedem Lehrbuch der Biologie (erst recht natürlich der Genetik oder der Evolutionswissenschaften) gefunden. Sie ist jederzeit aus verschiedensten Quellen abrufbar.
Im Kern geht es DAWKINS darum, die durch Darwin entwickelte Theorie der “natürlichen Auslese” zu präzisieren und zu Ende zu denken: Seiner Überzeugung nach, sind nicht Individuen (also einzelne Menschen, Tiere oder Pflanzen) oder gar Gruppen solcher Lebewesen Gegenstand der evolutionären Kräfte (also der Auslese), sondern es sind bestimmte Gen-Einheiten, die jeweils für die Ausprägung bestimmter Merkmale (mit “Überlebenswert”) verantwortlich sind.
Die Individuen, die wir (aus egozentristischer Eitelkeit) als so bedeutsam betrachten, sind für DAWKINS nur Überlebensmaschinen zur Weitergabe von Gen-Abschnitten.

Da dieser Grundgedanke auf über 500 Seiten ausgeführt wird, liegt nahe, dass die Zusammenhänge recht komplex sind und viel Energie (Argumentationskraft und Befunde) darauf verwandt werden, ihn facettenreich zu erläutern.
Wenn man ehrlich ist: Das braucht kein Nicht-Experte in dieser hochdosierten Form!

Kommen wir also zum Stil der Abhandlung.
Und hier bestätigt sich rasch die Erfahrung aus seinen religionskritischen Werken (z.B. “Der Gotteswahn”): DAWKINS ist ein Autor ist, der (gerne) polarisiert.
Das liegt hier im Bereich der strengen Wissenschaft nicht daran, dass an weltanschaulichen Tabus gerüttelt wird; aber die gemeinsame Basis seines Schreibens ist eine deutlich spürbare Lust an der Konsequenz.
Dinge radikal weiter zu denken – bis an die Grenzen der vermeintlichen Absurdität – das bereitet dem Autor ganz offensichtlich ein nicht unerhebliches Vergnügen.
DAWKINS streitet gerne und scheut auch nicht, seine Argumente als “überlegen” zu kennzeichnen, wenn sie durch Beobachtungen oder Experimente bestätigt wurden.
DAWKINS lebt für die Wissenschaft, er ist Naturwissenschaftler mit Leib und Seele (an die er natürlich nicht glaubt).
Er wäre jederzeit bereit, einen Irrtum oder einen Fehlschluss einzuräumen, wenn die Fakten dies notwendig machen würden. Das ist Ehrensache! Aber bis dahin würde er “kämpfen” – um die logischte Interpretation der Daten, um die eleganteste Theorie.

Wenn man ein wenig so tickt wie der Autor, dann mag man seine Denk- und Schreibweise. Wenn einem seine Art sogar fasziniert, dann kann man diesem Klassiker eine Menge abgewinnen. Dann nimmt man auch so (vermeintliche) Absurditäten in kauf, dass das Verhalten von Tieren gegenüber ihren Verwandten dritten Grades durch den Anteil des geteilten Genmaterials erklärt wird oder das die Spieltheorie (die meist in den Wirtschaftswissenschaften zur Anwendung kommt) biologische Verhaltensmuster abbildet und voraussagt.

So richtig ernsthaft kann ich aber letztlich kaum jemandem die Lektüre des Buches empfehlen – trotz der extrem vielfältigen und anregenden Ein blicke in die Geheimnisse der Evolution.
Das Lesen ist einfach auch mühsam; DAWKINS bleibt nun mal nicht an der Oberfläche. Manchmal muss man sich auch ein wenig quälen.
Das Lesen dieses Buches setzt schon ein gehöriges Ausmaß an intrinsischer Motivation voraus.

Ich bin froh, dass ich einmal im Leben diese Motivation aufgebracht habe.
Es ist so ähnlich, wie einmal FREUD im Original zu lesen (oder SATRE, oder GOETHE).
Es geht weniger um die Fakten als um einen Eindruck vom “Geist” dieses Buches und seines Autors.

Mein (intellektuelles) Leben wird durch Menschen wie DAWKINS bereichert. Er zeigt, was man mit menschlichem Wissensdrang und der Anwendung wissenschaftlicher Methodik alles erkennen kann.
Dass dies manchmal mit “metaphysischen” weltanschaulichen Überzeugungen in Konflikt gerät, ist für mich kein Problem.

“Alles was ich dir geben will” von Dolores REDONDO

Es sollte ein anspruchsvoller Krimi werden, sozusagen “literarisch”. So was mag ich: Die Kriminalgeschichte ist dann (nur) eine Art Rahmen für kunstvolle sprachliche und gehaltvolle inhaltliche Belletristik.

Fangen wir mit der Story an:
Durch den plötzlichen Tod seines Ehemannes erfährt der Erfolgsschriftsteller Manuel von einem bisher völlig unbekannten zweiten Leben seines Partners. Dieser war Teil einer bedeutsamen galizischen Adelsfamilie mit langer Tradition.
Im Kontext von Trauerfeier und Testamentseröffnung wird Manuel nicht nur mit dem Schock über sein “Hintergangen-Werden”, sondern auch mit den anderen Angehörigen und ihrer Familiengeschichte konfrontiert.
Der Rest ist akribische Aufklärung: Wer war wann und warum in welche Machenschaften verwickelt, die zu dem Tod des geliebten Partners geführt haben? Was war er wirklich für ein Mensch? Müssen alle vermeintlichen Gewissheiten über Bord geworfen werden? Was bleibt übrig von Manuel und seiner großen Liebe?

Ich suche immer gerne nach den grundsätzlichen Themen; ein Buch nur wegen einer Geschichte zu lesen, die keine Bedeutung für mein restliches Leben hat, reizt mich nicht.
Natürlich geht es hier um Liebe, hier homosexuelle Liebe. Damit ist schon absehbar, dass es auch um Vorbehalte und Diskriminierung geht.
Es geht auch – soweit darf man wohl spoilen – um Kindesmissbrauch.
Im Fokus des Autors stehen auch feudale Strukturen im ländlichen Spanien: Wie viel Macht konzentriert sich in den traditionellen Familiendynastien und wie wird sie missbraucht? Wie extrem werden Loyalitäten eingefordert und ausgelebt?
Auch ein (bürgerlicher) Ehekonflikt, die katholische Kirche und die Beziehung zu einem Tier spielen eine gewisse Rolle.
Damit kann man doch sicherlich eine Menge anfangen?!

Die Autorin spielt durchaus gekonnt mit diesen Themen. Sie entwirft Figuren, von denen einige durchaus differenziert gezeichnet sind, so dass auch die Leser sich in Ambivalenzen üben können. Es ist zu spüren, dass es REDONDO um psychologische Stimmigkeit geht.
Sprachlich spielt der Roman sicher auf einem guten Niveau – ohne gleich permanente Begeisterung auszulösen.
Sie schafft es ohne Zweifel, die Leser in diese galizische Adelswelt mitzunehmen. Genau das – das Eintauchen in einen anderen Kontext – sollte ein guter Roman schaffen.

Kommen wir zum Krimi-Teil.
Ich mache es mal kurz: Für mich war es am Ende zu viel Krimi!
Es mag ja für die vielen Amateur-Detektive gerade sehr reizvoll sein, nach und nach die verschiedenen – durchaus kunstvoll gelegten – Fährten zu verfolgen, um dann doch eine unerwartete Auflösung zu genießen. Für mich ist das nicht so bedeutsam; ich empfand eher eine gewisse Redundanz, auch weil immer mal wieder rekapituliert wurde, was man gerade zum aktuellen Zeitpunkt wusste.

Daher mein Urteil: Wer Krimi möchte, bekommt einen Krimi – und dazu einen besonderen Schauplatz, anregende Inhalte und eine niveauvolle Sprache.
Wer sich das Aufdeckungsspiel eher als Beiwerk wünscht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Gut unterhalten wurde er/sie trotzdem.