
Es geht um ein Buch, das möglicherweise von einem Großteil des Publikums nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen des Autors gekauft wurde. Spannend wäre eine Untersuchung, ob das zweifellos vorhandene Interesse an dem Verfasser auch dazu geführt hat, dass dieser Text tatsächlich vollständig gelesen wurde.
Hintergrund dieser vielleicht etwas ketzerisch klingenden Einleitung ist der Umstand, dass “Artic Meltdown” tatsächlich ein reinrassiges Sachbuch ist (mit leichten Tendenzen in Richtung Fachbuch). Hier hat sich nicht ein Promi-Autor ein irgendwie geeignetes Thema gesucht, sondern es erscheint umgekehrt: Ein Thema hat sich einen Experten gesucht – der zufällig aus einem politischen Spitzenamt kam.
Große Teile dieses faktenreichen Textes hätte auch durch einen neutralen Fachmenschen geschrieben werden können. Der Ex-Vizekanzler lugt nur an wenigen Stellen um die Ecke. Überwiegend geht es nicht vorrangig um politische Einschätzungen oder gar um persönliche Erfahrungen (die durchaus mal anklingen), sondern um historische, geografische und geopolitische Fakten, Entwicklungen und Perspektiven.
Erstaunlich ist dabei die Detailtiefe, die immer mal wieder den Bereich verlässt, in dem sich ein politisch interessiertes Mainstream-Publikum üblicherweise aufhält. Es geht z.B. um sehr spezifische Einzelheiten bei Bevölkerungsgruppen, Migrationsbewegungen, Waffensystemen, Militärstrategien, Fischereirechten, Bodenschätzen und Handelsrouten – jeweils aus der Perspektive der indigenen Bevölkerung, der beteiligten Großmächte und der Anrainer.
Das alles findet auf dem Hintergrund zweier grundlegenden Entwicklungen statt:
Da ist einmal die klimatische Veränderung, die aus einst undurchdringbare Eiswüsten neue Schiffspassagen und ausbeutbare Rohstofflager macht. Und da ist die geopolitische Neuordnung, in der sich die Großmächte USA, Russland und China berufen und berechtigt fühlen, ihre Einflussbereiche mit einer neuerwachten imperialistischen Arroganz anzumelden und auszuweiten.
Das alles wird von Habeck aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet und bewertet. Er besetzt dabei gleichzeitig mehrere Rollen: die des fachkundigen Experten und die des politisch erfahrenen Beobachters bzw. Strategen. Er vermittelt Grundlagenwissen, klärt über die aktuelle Situation auf und zieht Schlussfolgerungen für die europäische Politik – natürlich in Richtung einer Stärkung der gemeinsamen Anstrengungen.
Zweifellos gelingt es Habeck mit diesem Buch, den Fokus auf einen extrem relevanten Bereich der Geopolitik zu lenken. Er tut dies mit einer Fachkundigkeit und Gründlichkeit, die deutlich über den Charakter eines politischen Buches hinausgeht. Man könnte fast auf die Idee kommen, hier ein neues Genre zu definieren: die Vereinigung von politischer und fachlicher Expertise geht in diesem Buch so weit, dass man nicht mehr sagen kann, was primär und was sekundär ist.
Das persönliche Spektrum von Robert Habeck hat sich mit dieser Publikation noch einmal erweitert: zum Kinderbuchautor, Philosophen und Politiker hat sich jetzt noch ein wissenschaftlich-orientiertes Expertentum gesellt.
Seinem Renommee als politische Leitfigur wird das sicherlich nicht schaden. Erst recht nicht in einer Zeit, in der sich das jahrelang betriebene und rein ideologisch motivierte systematische Habeck-Bashing längst als inhaltsleere Luftnummer erwiesen hat.
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