“Wenn die KI zur besten Freundin wird” von Matthias HAINSKI

Bewertung: 4.5 von 5.

Die Entwicklung der großen KI-Modelle verläuft in einem atemberaubenden Tempo. Haben sie zunächst nach und nach die bis dahin übliche Internet-Suche ersetzt und wurden als Recherche- und Schreibwerkzeug benutzt, spielen neben professionellen Anwendungen (Agenten-Systeme, Coding) inzwischen die persönlichen Resonanzangebote eine große Rolle. KI-Chatbots sind mittlerweile – insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene – zu emotionalen Begleitern und Beratern geworden. Was liegt da näher als der Versuch, für die damit verbundenen Herausforderungen einen pädagogischen Ratgeber zu schaffen?
Der Medienpädagoge Matthias HAINSKI hat sich dieser Aufgabe gestellt und hat ein bemerkenswertes Ergebnis abgeliefert.

Das verständlich und klar strukturiert geschriebene Buch wendet sich an Eltern und pädagogische Fachkräfte. Sein Schwerpunkt liegt auf dem unmittelbaren Praxisbezug.
Der Autor beweist ein gutes Gespür dafür, in welchem Umfang und mit welchem Tiefgang theoretische Erkenntnisse – insbesondere aus der Psychologie – dazu betragen können, beobachtbare Phänomene zu erklären und sinnvolle Handlungsoptionen abzuleiten.
Um es anders zu sagen: HAINSKI ist ganz offensichtlich ein kompetenter Didaktiker, der seine Erfahrung im Bereich der medienbezogenen Fort- und Weiterbildung gewinnbringend auf das Medium Buch übertragen konnte. Dabei nutzt er alle sinnvollen Möglichkeiten: Alltagsnahe Beispiele als Startpunkt, gut gegliederte Texte mit eindeutigen Zwischenüberschriften, an den Kapitelenden ein “Kurz-Check” (Fragen zur eigenen Situation) und eine thesenförmige Zusammenfassung (“Auf den Punkt gebracht”).

In pädagogischen und psychosozialen Kreisen kann man sich mit einer extrem kritischen Haltung zur Digitalisierung allgemein – und zur KI-Revolution speziell – recht schnell Freunde machen. Der Autor hat glücklicher Weise der Versuchung widerstanden, in ein allgemeines Wehklagen bzw. in einen Panikmodus zu verfallen. Auch wenn er den Großteil des Buches den Risiken einer problematischen KI-Nutzung widmet, betrachtet er das Spannungsfeld zwischen “Nutzen und Gefahren” mit einer sehr angenehmen sachlichen Differenziertheit. Das betrifft sowohl seine Analysen der betrachteten Einzelfälle, als auch die allgemeine Bewertungsebene.

Der größte Nutzen dieses Ratgebers liegt sicherlich darin, dass er dem Thema “KI-Freundschaften” mit entwicklungspsychologischem Basiswissen und pädagogischem Einfühlungsvermögen begegnet. Es gibt daher wenig absolute Aussagen und keine einfachen Patentrezepte. Aber trotzdem lässt der Autor seine Leserschaft keinesfalls mit einer komplexen Realität allein: Er nennt nämlich die Regeln (sozusagen die Algorithmen), die dabei helfen, eine angemessene Lösung zu finden. Statt zu sagen: “Die Ausgangslage A (“dein Kind zieht sich sozial zurück und chattet abends lange mit seiner KI”) muss man mit dem Verhalten “B” (“eingreifen und das Handy wegschließen”) beantworten, nennt HAINSKI sehr klar die Bedingungen und Aspekte, die für eine Beurteilung entscheidend sind (z. B. die tatsächliche soziale und familiäre Beziehungssituation).
Sehr positiv fällt dabei auf, dass der Autor nicht nur für die Eltern-Seite Verständnis hat, sondern auch die Bedürfnisse und Sichtweisen der betroffenen Kids sehr ernst nimmt.
Wann immer möglich, spricht sich der Autor für Lösungswege aus, die eine aktive Beteiligung der Kinder und Jugendliche beinhalten.

Wo bleibt die Kritik?
Das Buch ist tatsächlich rundum gelungen. Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob man als Leser/in eines populärwissenschaftlichen Ratgebers wirklich geduzt werden will. Vermutlich ist der Medienpädagoge das aus seinem Arbeitsfeld so gewohnt. Ist ja auch kein Problem.
Vermisst habe ich nur ein Inhaltsverzeichnis. Der Autoren-Name auf dem Cover ist ein wenig klein geraten, im Text tauchen ein paar vergessene Trennstriche auf. Kleinkram!
Ansonsten merkt man diesem Buch an keiner Stelle seinen “Selfpublishing-Charakter” an.
Falls der Autor vergeblich versucht haben sollte, einen etablierten Verlag für sein Manuskript zu finden, so wäre das angesichts des inhaltlich und formal professionellen Charakters absolut unverständlich!

Übrigens: HAINSKI macht im Impressum offen, dass sein Lektorat aus einem Menschen und zwei Chatbots bestand. Das ist realistisch, mutig und ehrlich! Und es zeigt noch einmal, dass es in diesem hilfreichen und anregenden Buch nicht um platte KI-Schelte geht.

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