
Aufgrund des vorgerückten Alters des Autors war die literarische Community schon beim vorigen Roman des Erzähl-Künstlers (“Der letzte Sessellift“) davon ausgegangen, dass es sich um sein Abschiedswerk handeln würde.
Aber IRVING hat nachgelegt – in der ihm eigenen Üppigkeit.
Auch diesmal hat sich der Autor als Protagonisten eine sehr spezielle Gruppe von Menschen ausgesucht, die – überwiegend – durch familiäre Bande zusammengehalten werden. Es sind natürlich wiederum keine Durchschnittsmenschen: Die wären IRVING zu langweilig! Er liebt das Abweichende, das Exzentrische.
Der Autor verbreitet gerne die Botschaft, dass auch skurrile Persönlichkeiten oder sonderbare Beziehungsformen eine tiefe Menschlichkeit in sich tragen – voller Zugewandtheit, Loyalität und Liebe.
Die zentralen Schauplätze sind diesmal Neuengland und Wien.
Würde dieser Roman unter einem Pseudonym erscheinen, würden halbwegs erfahrene Leser/innen das Rätsel mit absoluter Sicherheit lösen: Wer – wenn nicht IRVING – würde diese Mischung von Themen bzw. Figuren zusammenmixen: Waisenhaus, Abtreibung, Ringer-Sport, verschiedenste Aspekte von Sexualität, intensives Schwelgen in diversen Absurditäten, extrem lange und verwickelte Handlungsbogen. Und am Ende läuft alles auf einen großen Kulminationspunkt hinaus…
Als Hintergrundthema wählt IRVING diesmal das Judentum.
Die Leserschaft erfährt eine Menge über die Geschichte Israels, über Aspekte jüdischer Identitäten und letztlich auch die Hintergründe des Nahost-Konfliktes. Wie es für ihn typisch ist, sind diese Themen vollständig in die Biografien und Charaktere der Protagonisten eingewoben, so dass es immer indirekte Informationen bzw. Botschaften sind. Der Autor fesselt über seine Figuren, die – wie immer – mit der Liebe zum extremen Detail überzeichnet sind.
Auch dieser Roman fordert von seiner Leserschaft ein erhebliches Ausmaß von Toleranz: Die Intensität, mit der sich IRVING mit der Frage der Penis-Beschneidung oder dem Zusammenleben mit einem Schäferhund widmet, ist stellenweise genauso anstrengend wie die Ringer-Szenen oder die Beschreibung der Szenen, in der mehrere junge Leute in ihrer Wiener WG das gleiche Bett teilen (mit und ohne Sex).
Natürlich: IRVING übertreibt eben gerne. Um diesen Roman zu Ende zu bringen, braucht man schon eine gut geübte IRVING-Gelassenheit. Und eine gewisse Zuversicht, dass hinter all den Redundanzen, Kurven und Schleifen doch noch ein lohnender Erzählfaden lauert.
Ich würde keinem IRVING-Fan von diesem – diesmal wohl tatsächlich letzten – großen Roman abraten. Ich würde aber auch keinem IRVING-Einsteiger dieses Werk empfehlen.
Du möchtest das Buch kaufen?
Mach Amazon nicht noch reicher und probiere mal den “Sozialen Buchhandel”, der aus jeder Bestellung eine kleine gemeinnützige Spende macht. Der Preis für dich ändert sich dadurch nicht; die Lieferung erfolgt prompt. Klicke einfach auf das Logo.
Oder unterstütze einen kleinen Buchladen vor Ort.

