
Der Autor gehört seit Jahrzehnten zu der – gefühlt schrumpfenden – Gruppe öffentlicher Intellektueller, die den links-liberal-grünen, also insgesamt progressiven, Diskurs in unserer nach rechts driftenden Gesellschaft tragen. Dabei setzt er sich nicht nur besonders kritisch mit den Folgen der digitalen Revolution auseinander (“Die smarte Diktatur“), sondern tritt durch Schrift (“Alles könnte anders seien“) und Tat (Stiftung “Futurzwei“) leidenschaftlich für die Würdigung alternativer Initiativen und Projekte ein.
Im “Haus der Gefühle” beschreibt WELZER so etwas wie das emotionale Gerüst einer Menschlichkeit, das sowohl den Schwächen und Verletzlichkeiten unserer Gattung, als auch den komplexen Anforderungen der Gegenwart gerecht werden könnte. Er trägt zusammen, welche inneren Strukturen und äußere Erfahrungen zusammenkommen und wie sie eine Basis für ein gedeihliches Miteinander bilden könnten.
Machen wir es eine Stufe konkreter:
Der Autor sammelt Beobachtungen, wissenschaftliche Theorien und kulturelle Erzeugnisse, die Bestandteile (Bausteine) eines Weltzuganges bilden, der so etwas wie Verbundenheit, Vertrauen (in sich und andere) und Gemeinschaftsfähigkeit repräsentieren könnte. Dabei berichtet er von persönlichen Begegnungen (z.B. von einer bewegenden Trauerfeier und allgemein von Freundschaften), referiert psychologische und soziologische Konzepte (z.B. die Bindungstheorie und das Resonanzmodell von ROSA) und beschäftigt sich mit Orten, die potentiell Heimatgefühle erzeugen (Kneipen, öffentliche Plätze).
Sein “Haus der Gefühle” ist dabei kein sozialpsychologischer Theorieentwurf und soll es auch nicht sein. WELZER trägt seine eher assoziativen Perspektiven ganz bewusst in einer – allerdings anspruchsvollen – Alltagssprache zusammen. Es sind insgesamt eher persönliche Betrachtungen eines aufmerksamen (und gebildeten) Zeitgenossen, dem der gesellschaftliche Zusammenhalt spürbar am Herzen liegt.
Der Autor ist überzeugt, dass die Wirkmacht rationaler Argumente nicht ausreicht, um den raffinierten Gefühlsstrategen auf dem rechten politischen Spektrum etwas entgegenzusetzen. Genau deshalb sucht er alles zusammen, was man in die andere Waagschale werfen könnte: Nähe, Empathie, Hoffnung, Unvollkommenheit, Resonanz.
WELZER benennt auch die Risiken, die Gegner. Neben den rechten Verführern findet er sie – typischer Weise – bei der Digitaltechnik. Und überhaupt bei der Rationalität, die alles berechnet, funktionalisiert, optimiert und kapitalisiert.
Zwar hat sich der Autor im Laufe der Zeit in seiner Polemik deutlich gemäßigt, aber hier gibt es sie noch, die gewissen Zuspitzungen, die eben auch ein WELZER-Markenzeichen sind.
So stimmt es beispielweise schlichtweg nicht, dass die Fridays for Future – sozusagen emotionsfrei – allein auf die Kraft der Wissenschaft gesetzt haben (was jede/r weiß, der/die mal mitmarschiert ist). Auch ist es nicht nur gefährlich oder dumm. die “einprogrammierten” Schwächen der menschlichen Spezies mithilfe Künstlicher Intelligenz kompensieren zu wollen. Und der Wein-Freund WELZER geht ganz offensichtlich ein wenig zu beschönigend mit den “Kulturgütern” Alkohol und Eckkneipe um.
Aber das alles macht den Intellektuellen WELZER eben auch sympathisch und menschlich: Er gesteht nicht nur anderen, sondern auch sich selbst Ecken und Kanten zu.
WELZER hat ein Buch vorgelegt, dass man wohl am besten einmal von vorne nach hinten liest – und dann irgendwo in Sicht- und Griffweite liegen lässt. Es lädt zum “immer mal wieder Schmökern” ein, weil es voller kleiner und großer Weisheiten steckt, die man mehr als einmal auf sich wirken lassen sollte.
In diesen – so kompliziert und bedrohlich empfundenen – Zeiten vermittelt der Text eine wohltuende Mischung aus Gelassenheit, Zuversicht und dem Wunsch, die hier beschriebene Form von Humanität zu erhalten und zu verteidigen.
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