“Villa Rivolta” von Daniel SPECK

Manchmal ist mir – zwischen all den spannenden Sachbüchern – nach niveauvoller Unterhaltung. Dann suche ich keine literarische Spitzenleistung, sondern eine Geschichte, die ein paar Stunden trägt – weil sie emotionale Resonanz hervorruft und gleichzeitig den Intellekt nicht beleidigt.
Daniel SPECK kann sowas; davon konnte ich mich schon überzeugen (s. “Jaffa Road“).
Es ist ihm auch mit seinem aktuellen Buch (Februar 2026) souverän gelungen.

Eine Kinder-Freundschaft zieht sich – angefangen in den frühen 1960iger Jahren – durch die Jahrzehnte und überbrückt dabei nicht nur biografische Brüche, sondern auch ausgeprägte Klassen-Gegensätze.
Da ist einmal der privilegierte Spross einer Fabrikanten-Familie, dem die Welt von Beginn an offensteht und der im Umfeld von Mailand zu einem angesehen Hersteller von Luxus-Automobilen wird. Und da ist die Tochter der Hauswirtschafterin, die unter komplizierten familiären Bedingungen aufwächst und deren Weg zur eigenen Identität bzw. zum passenden Lebensentwurf einer Achterbahnfahrt gleicht.
Dass sich diese beiden Personen gegenseitig lebensbegleitend bereichern, kann man – mit etwas kritischer Distanz – sicherlich als eine Art modernes Märchen betrachten: zu schön, um wahr zu sein! Aber “Märchen” ist ja schließlich kein Schimpfwort; es kann wichtige Botschaften und manchmal auch echte Weisheiten transportieren.

So eine Familiensaga aus dem “Bella Italia” kommt – wenn es als Unterhaltensliteratur konzipiert ist – nicht ohne Klischees aus. Da gibt den die “menschenfreundliche” Unternehmerpersönlichkeit, dem das Schicksal jedes Mitarbeiters persönlich am Herzen liegt, den unnachgiebigen kommunistischen Heißsporn und den bodenständig-herzlichen sizilianischen Großvater. Und es gibt vor allem Traumautos, deren Ästhetik und Technik an den Grenzen der Vorstellung kratzt. Und es gibt die ewige Suche nach der Liebe und dem “richtigen Leben” – die natürlich alles andere als gradlinig verlaufen kann.
Das alles ist nicht nur flüssig geschrieben, sondern auch mit einer Menge zeitgeschichtlicher Atmosphäre geschmückt. Hier war jemand am Werke, der italienische Lebenskultur und schöne Dinge mag.

SPECK sorgt insbesondere durch einen literarischen Kunstgriff dafür, dass die ganze Konstruktion nicht in Richtung Banalität abrutscht: Der Autor legt über die Handlungs- bzw. Erzählebene eine zweite Schicht. Er reflektiert das Geschehen und das Erleben seiner Figuren immer wieder auf einer psychologischen bzw. philosophischen Ebene, stellt also Bezüge, Zusammenhänge und Bedeutungen dar.
Da er aber diese Meta-Betrachtungen letztlich (indirekt) den jeweiligen Protagonisten zuschreibt – weil sie aus deren aktueller Perspektive entstehen – empfindet man als Leser eine gewisse Irritation. Es wirkt einfach ziemlich unglaubwürdig, dass schon Kinder diese abstrakten und weitsichtigen Gedanken entwickeln. Man kann als kleine Schwäche in der Konzeption des Romanes betrachten; man kann es natürlich auch wohlwollend übersehen – und sich auf die jeweiligen – durchaus niveauvollen – Inhalte konzentrieren.

SPECK versucht mit diesem Roman etwas, was in der Unterhaltungsbranche wohl immer seltener gelingt: Er will gleichzeitig Frauen und Männer ins Boot holen; zumindest,
wenn man hier nochmal sehr traditionelle Klischees aufwärmt: Er kann die Männer mit den Themen Technik, Autos, Geschäftswelt, Politik und Macht einfangen – und bietet den Frauen nicht nur Ästhetik, Liebe und Familie an, sondern führt mitten hinein in die kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Rollenzuschreibungen bzw. in den Aufbruch in Richtung weiblicher Selbstermächtigung in Beziehung und Beruf.
Letztlich ist dabei die weibliche Perspektive die dominante – auch weil die weibliche Hauptfigur am stärksten ausdifferenzieret wird.

Schwerpunktmäßig richtet sich dieser Roman wohl eher an ein Publikum, das noch eigene biografische Verbindungen zu der Zeit in sich trägt, in der formschöne schnelle Autos und italienischer Lebensstil prägende Kraft entfalteten. Die berührten menschlichen Grundthemen sind – wie in jedem guten Roman – letztlich zeitlos.

So kann man mit diesem Roman nicht allzu viel falsch machen – vorausgesetzt, man ist sich klar darüber, in welchem Genre man sich hier bewegt.

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