“10xDNA – Das Mindset der Zukunft” von Frank THELEN

Wow – was für eine Dröhnung!
Wenn man nicht aufpasst, hebt man förmlich ab und sitzt schon im Flugtaxi auf dem Weg in die nächste Smart-MegaCity, um da einen innovativen Super-Deal mit einem der Gurus des 10x-Mindsets abzuschließen. Da man so kompromisslos mutig und innovativ ist, wird man dabei steinreich und rettet nebenbei auch noch die Welt. Hauptsache: Klotzen – nicht Kleckern!

Wenn man – wie ich – kurz vorher das PRECHT-Buch “Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens” gelesen hat, erlebt man dieses Buch des bekannten Unternehmers und Start-Up-Investors THELEN als einen Kulturschock. Ein größerer Kontrast bzgl. des Blicks auf die Zukunft ist kaum vorstellbar.
Man könnte auch sagen: Dieses Buch und sein Autor eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial für das, wovon PRECHT mahnend spricht und worin er enorme Risiken für das Selbstbild des Menschen und unsere gesellschaftliche Entwicklung sieht.

THELEN ist kein Unsympath. Man kann sich an seiner Begeisterung fast ein wenig erfreuen – wie über den unbändigen Tatendrang eines Kindes, das mit seinen Freunden im Garten ein tiefes Loch gräbt, um auf der anderen Seite der Welt rauszukommen…

Es geht in diesem Buch um den unbeirrbaren Glauben an die Gestaltungskraft von menschlichen Visionen, explodierenden technischen Optionen und Segnungen der kapitalistischen Marktgesetze. Die Zukunft wird größer, schneller, besser, gesünder, und reicher – wenn man nur die Menschen machen lässt, die groß denken statt zu zaudern und zu zögern.
Der Autor singt ein Lied auf den Tatendrang all der Pioniere, die die Menschheit an den aktuellen Punkt gebracht haben. Für ihn sind insbesondere all die bekannten Stars des Silicon-Valleys wahre Helden, die ihre großen – und zunächst oft verrückten – Ideen kompromisslos verfolgt und letztlich umgesetzt haben. Den geradezu unermesslichen Reichtum, den sie dabei angehäuft haben, neidet THELEN ihnen natürlich in keiner Weise; er ist aus seiner Sicht die natürliche Konsequenz, die adäquate Belohnung dafür, dass sie schneller und mutiger waren als andere.

Auf all das will der Autor noch eine Schippe drauflegen: Es geht nicht um “normales” Wachstum in der bisherigen (kaum schon beherrschbaren) Dynamik, es geht um weitere Beschleunigung, um Potenzierung. Wer da mithalten will (am besten natürlich an der Spitze der Bewegung), der braucht die “Zehnfach-Mentalität”; sich mit weniger zu begnügen, würde heißen, sich im abgeschlagenen Mittelfeld der Looser zu verlieren.
Erstmal abwägen, bedenken, Konsequenzen abschätzen? – “Peng!” – zu spät: Jemand anderes hat die Nische erspäht und das Geschäftsmodell (ein absoluter Lieblingsbegriff) schon besetzt. Selbst schuld!

Das Buch lässt sich mehrere Bereiche aufteilen; es enthält:
– ein allgemeines Plädoyer für die schon beschriebene Geisteshaltung (10x-DNA),
– eine Art Kurz-Lexikon für bestimmte (Zukunfts-)Technologien (u.a. im Bereich “Blockchain”, Gen-Manipulation, Robotik und KI),
– eine Beschreibung der aktuellen und anstehenden technischen Entwicklungen bei Mobilität, Energie, Datenverarbeitung, Medizin, Landwirtschaft,
– eine Kurzvorstellung der wichtigsten technischen Pioniere und ihrer Leistungen und
– eine Darstellung der Startup-Unternehmen des Firmenverbundes, an dem auch THELEN beteiligt ist.

Diese unterschiedlichen Facetten hinterlassen auch unterschiedliche Eindrücke. Man fühlt sich informiert, fasziniert, amüsiert, genervt, besorgt, abgestoßen. Von allem etwas.
Wenn ich jetzt meine wichtigsten Kritikpunkte zusammenfasse, vermische ich notwendigerweise meine Meinung zu dem konkreten Buch mit meinen Grundhaltungen zu den dort dargestellten Inhalten; aber diese Inhalte stehen nun mal im Vordergrund.

THELEN ist völlig verfangen in einer optimistischen Zukunftsgläubigkeit, in der kaum Platz für grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Nutzen und der psychischen bzw. sozialen Auswirkungen all dieser technologischen Visionen ist. Was technisch möglich ist, wird und soll auch passieren. Dabei ist es ihm scheinbar egal, ob es um – sehr erstrebenswerte – Verbesserungen im Bereich Ernährung oder Medizin geht, oder um so zweifelhafte Zielsetzungen wie die Verkürzung der Reisezeit zwischen San Francisco und Los Angeles auf 35 Minuten oder die Besiedelung des Mars.

Der Autor ist kein Ignorant. Natürlich sieht er die ökologischen Probleme und Herausforderungen. Deshalb sind seine Zukunftsszenarien natürlich alle irgendwie auf Nachhaltigkeit getrimmt. Wie viele seiner Mitstreiter lässt er dabei weitgehend außer acht, dass der Aufbau und Unterhalt all der – vermeintlich so smarten – Zukunfts-Infrastrukturen einen unfassbaren Einsatz von Ressourcen und Energie voraussetzen würden. So könnte es gut sein, dass wir – bevor wir die “schöne neue Welt” nutzen könnten – die alte, aktuelle Welt schon zugrundegerichtet hätten.

THELEN weißt gelegentlich (in größeren Abständen) darauf hin, dass bestimmte Entwicklungen (z.B. Humangenetik) auch schwerwiegende ethische Fragen aufwerfen würden. Für mich fühlt sich das ein wenig nach Alibi-Floskel an, die den eigenen Taten- und Reichtumsdrang kaum aufhalten könnten. Vielleicht müsste ja irgendwo mal eine Ethik-Kommision tagen, aber die 10x-DNA hat im Zweifelsfall schon Fakten geschaffen…

Geradezu ärgerlich finde ich Äußerungen, die sich darauf beziehen, dass all die visionären Errungenschaften möglichst nicht nur den reichen Ländern bzw. Menschen zur Verfügung stehen sollten, sondern allen. So naiv kann niemand sein!
Glaubt jemand, der sich in vollem Umfang (und geradezu begeistert) der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und deren Logik unterwirft, tatsächlich daran, dass die Quantencomputer, die medizinischen Roboter-Operationstechniken, die Lufttaxis und menschenfreie Produktionsabläufe insbesondere das Leben der “einfachen” Menschen verbessern wird? Glaubt jemand, der beschreibt, dass ein Großteil der Menschen demnächst in Mega-Citys wohnt und arbeitet, daran, dass sich dann abends Millionen von Mini-Jets in die Luft erheben, um in ihre 300 km entfernten Anwesen zu entfliehen?
Dieser Mensch betrachtet die Welt und die Bedürfnisse aus der Sicht eines privilegierten Upper-Class-Geschäftsmanns, der am liebsten in der Liga von Amazon, Google und Apple spielen würde.

Mir sind Menschen ein wenig “unheimlich”, in deren Denken ein Innehalten, eine Mäßigung, jegliche Form Beschränkungen oder gar ein einsichtsbasierter Verzicht überhaupt nicht vorkommen – noch nicht einmal als entfernte Möglichkeit. Ich vermute in ihnen ein sehr einseitiges Menschenbild, dem ich meine Zukunft nicht gerne ausliefern würde.
Vielleicht muss es auch solche Menschen geben. Trotzdem stehe ich insgesamt dem Skeptiker und Mahner PRECHT näher als dem Fortschritts-Enthusiasten THELEN.
In manchen Aspekten würde ich mir eine Mischung der Sichtweisen wünschen – aber dazu könnte man ja einfach auch beide lesen und sich seinen Mix selber anrühren.

Und das Buch?
Ich fand es toll zu lesen. Ich hätte sonst nicht geglaubt, dass diese Haltung so unverblümt und selbstbewusst zur Schau gestellt wird. Es hat meinen Blick auf die Welt bereichert – allerdings eher hinsichtlich einer Schärfung meiner Abgrenzung.
Es ist auch informativ: Die Kapitel über Landwirtschaft/Ernährung und Gesundheit fand ich richtig gut.

“Ein Mann der Tat” von Richard RUSSO

Ja, dieser Mann kann Romane erzählen. Mir hat er das schon in einem anderen Buch bewiesen. RUSSO nimmt sich Zeit, Figuren auszugestalten und hat ein feines Gefühl für alltägliche Situationen und Begegnungen. Er hat ein großes Herz für leicht schräge Typen: Seine Protagonisten sind keine Helden, sie tragen Brüche und Scheiterungserfahrungen in sich. Sie kämpfen eher um das kleine Glück und tragen dabei einige Hypotheken aus Kindheit und Biografie mit sich herum.

So weit, so gut.
Trotzdem hat mich das Buch über eine Kleinstadt in den USA – die genauso ein Looser-Image hat wie die meisten beschriebenen Figuren – nicht überzeugt.

RUSSO baut den Kern seiner Geschichte auf einer gescheiterten Ehe auf. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Problematisch finde ich aber, dass bis zum Ende des Buches nicht deutlich wird, warum denn nun diese Frau diesen – so ganz offensichtlich nicht zu ihr passenden – Mann geheiratet hat. Es ist irgendwie unbefriedigend, einfach einem – geradezu notwendigerweise zum Scheitern verurteilten – Ehedrama zu folgen, wenn man die ganze Zeit denkt: “Warum haben die es nicht von vorneherein einfach gelassen?!”

Ein zweites Ärgernis: Natürlich gibt es böse Menschen; deshalb dürfen auch Figuren in Romanen böse sein. Trotzdem verbreitet es ein wenig Langeweile, wenn sich herausstellt, dass der Böse wirklich böse ist und bleibt und dann auch noch böse Dinge tut…

Das dann eine “schwierige” Liebesgeschichte tatsächlich noch gut auszugehen scheint, fällt kaum noch ins Gewicht. Das sei den Beteiligten und ihrem literarischen Schöpfer gegönnt.

Insgesamt hat ein sehr fähiger Autor einen nur mittelmäßigen Roman geschrieben.
Sowas passiert…

“Forscher aus Leidenschaft” von Richard DAWKINS

Richard DAWKINS ist eine Art Monument der Wissenschaft. Er ist insbesondere ein weltweit anerkannter Evolutions-Biologe und wohl einer der engagiertesten und publikumswirksamsten Vermittler der Lehre von DARWIN über die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese.
Sein bedeutsamster eigener Beitrag zur Weiterentwicklung der Biologie war das inzwischen berühmte Buch mit dem provokant formulierten Titel: “Das egoistische Gen“.

Das Besondere der Persönlichkeit von DAWKINS liegt jedoch darin, dass er so etwas wie ein leidenschaftlicher Missionar im Auftrage der Wissenschaft ist. Er ist zutiefst davon überzeugt, dass die systematische Erforschung der Welt mithilfe der menschlichen Vernunft und naturwissenschaftlicher Methodik nicht nur Erkenntnisse und Wissen hervorbringt, sondern auch die Grundlage für ein ein sowohl begeistertes als auch ergriffenes Staunen über die Komplexität und Schönheit des Universums darstellen kann.

Dieses eindeutige Bekenntnis bringt ihn – als einen sehr konsequenten und tabufreien Menschen – natürlicherweise schnell in Konflikt mit anderen Welt-Zugängen und insbesondere mit alternativen Welt-Erklärungsmustern. Es überrascht daher nicht, dass DAWKINS sich auch als Religionskritiker einen Namen gemacht hat (“Der Gotteswahn”). Man kann ihn als einen Begründer des modernen, kämpferischen Atheismus betrachten.

Übrigens: Ich spreche die ganze Zeit schon über das Buch, also den Gegenstand dieser Rezension. Dieses Buch hat nämlich kein anderes Ziel, als die gesamte Bandbreite des Denkens und öffentlichen Wirkens dieses Mannes abzubilden. Dazu wurde eine wirklich beeindruckende Anzahl von Aufsätzen, Vorträgen und Artikeln aus den letzten ca. 40 Jahren zusammengetragen und nach bestimmten Kriterien gruppiert.
Als zusätzlichen Service bekommt der Leser vom Herausgeber jeweils eine kurze Einführung in das jeweilige Themengebiet, in dem auch die Anlässe und Hintergründe der Beiträge erläutert werden.

DAWKINS inhaltliche Leidenschaft findet auch Ausdruck in seiner Art sich zu äußern. Er beherrscht dabei ganz unterschiedliche Stile – nur eines kann er nicht: irgendwie langweilig und unauffällig sein. Gerne formuliert er provokativ, spitzt ironisch zu, legt Konfliktlinien offen, statt sie zuzudecken. Aber kann auch enthusiastisch und voller Respekt über Personen sprechen (schreiben), die er als Vorbilder und Weggefährten oft geradezu verehrt. (Dass er sich auch selbst ziemlich toll findet, lässt sich zwischen den Zeilen erahnen).

Ist das ein Buch, das man gelesen haben sollte? Ich denke nein!
Muss muss schon ein ziemlicher DAWKINS-Fan sein, um nicht abgeschreckt zu werden durch die Vielzahl der Einzelbeiträge, die sich inhaltlich oft ziemlich überschneiden. Es ist von allem einfach ziemlich viel – und dadurch keine leichte Kost.

Gewinn bringt das Lesen am ehesten dann, wenn man
– sich mal auf unterhaltsamer Art und Weise mit den Feinheiten der Evolutionstheorie befassen will,
– an den verschiedenen Facetten der Person DAWKINS interessiert ist oder
– sich an einem engagierten und pointierten Kampf gegen Unvernunft und Wissenschaftsfeindlichkeit erfreuen kann.

Ich bin froh, dass es solche Persönlichkeiten wie DAWKINS gibt und dass ich in dem Teil der Welt und zu der Zeit der Geschichte leben darf, in der diese Art des freien Denkens und Schreibens gefahrlos möglich ist.
Natürlich darf es gerne auch Menschen geben, die etwas sanfter und diplomatischer mit anderen Weltsichten umgehen. Das Buch lässt aber keinen Zweifel, dass hinter dem oft kämpferischen Auftreten eine zutiefst humanistische Haltung steht.

“Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens” von Richard David PRECHT

Ein Buch von Precht zu lesen, ist für mich eine gewisse Herausforderung:
Finde ich – so lautet die selbstgestellte Aufgabe – wenigstens hin und wieder mal eine Stelle, an der ich im permanenten zustimmenden Nicken innehalten kann und sich zumindest mal ein zögerlicher „Ja-Aber-Gedanke“ ausbildet?
Beim Thema „Künstliche Intelligenz“ (ich spreche jetzt nur noch von „KI“) hatte ich eine kleine Hoffnung auf solche inneren Abgrenzungs-Momente, da der Autor erfahrungsgemäß mit seinem Digital-Skeptizismus über meine eher ambivalente Haltung hinausgeht.
Ich war dabei nicht besonders erfolgreich…

Precht tritt mit seinem aktuellen Buch bescheiden auf: Er nennt es einen „Essay“. Im Gegensatz zu den letzten essayhaften Publikationen von HORX und BLOM handelt es sich aber bei seiner aktuellen Abhandlung um ein ausgewachsenes Sachbuch. Man muss keine inhaltliche Unterforderung befürchten, weil nur ein oder zwei Grundgedanken in aufgeblasener Form dargeboten würden. Precht behandelt die (potentiellen) Auswirkungen der KI-Revolution auf das „Menschsein“ sowohl breit als auch mit Tiefgang.

Niemand wird von Precht erwarten, dass es um die technologischen Aspekte der KI geht. Hier meldet sich ein gesellschaftlich engagierter Philosoph zu Wort. Ein fasziniertes Staunen angesichts der Fähigkeiten und Möglichkeiten der KI-Entwicklung ist nicht seine Sache.
Natürlich nennt Precht im Laufe seiner Betrachtungen auch sinnvolle und vielversprechende Anwendungen der KI, aber diese stellen nur ein leises Grundrauschen dar gegenüber seinen sehr grundsätzlichen, kritischen und warnenden Perspektiven.

Jetzt muss ich – möglicherweise – eine Erwartung enttäuschen: Ich werde an dieser Stelle nicht durch die Grundthesen dieses Buches führen (dann wäre dieser Text ein eigener Essay). Die Inhalte kann man sich an anderen Stellen problemlos erschließen (im Netz gibt es jede Menge aktueller Precht-Auftritte; außerdem auch jede Menge anderer Rezensionen).
Aber die – aus meiner Sicht relevantesten – Themen-Komplexe sollen kurz benannt werden:
Precht beschreibt
– die erschreckende Ignoranz der KI-Propheten gegenüber den ökologischen Herausforderungen,
– die grundlegenden Irrtümer bei der Gleichsetzung von menschlicher und digitaler Intelligenz (bei denen die leibliche und emotionale Gebundenheit unserer kognitiven Leistungen ausgeblendet wird),
– die „inhumanen“ Konzepte und Visionen der Technik-Gurus aus dem Silicon-Valley (die den gegenwärtigen Menschen-Typ durch Verschmelzung mit digitalen Komponenten „erweitern“ oder durch die Entwicklung einer „starken“ KI ersetzen wollen – einige mit dem Fernziel, das ganze Universum zu erobern),
– das völlig einseitige Menschenbild der KI-Enthusiasten (in dem es keine Alternativen zu dem endloser Bedürfnis nach Kontrolle, Weiterentwicklung und Selbstoptimierung gibt),
– die Unmöglichkeit, ethische und moralische Prinzipien in digitale Strukturen zu pressen (es sei denn, man würde der Moral einen streng „utilitaristischen“ Anstrich geben – was Precht total ablehnt).

All diese (und einige andere) Überlegungen führen zu den zentralen Fragen:
Ist die angekündigte KI-Zukunft wirklich mit unseren Vorstellungen vom „Menschsein“ kompatibel?
Wenn nicht – warum sollten wir diesen Weg gehen? Warum sollte er alternativlos sein?
Warum lassen wir uns von den Vertretern bestimmter (wirtschaftlicher) Interessen einreden, das es eine Art Naturgesetz in Richtung KI gibt?
Warum fangen wir nicht endlich an, für unsere Vorstellungen von menschlicher Zukunft einzutreten?

Wo bleibt das „ja, aber…“?
Nun, das zustimmende Nicken war tatsächlich kaum zu stoppen.
Es gibt ein paar kleine Zweifel; hier ein Beispiel: Ich bin z.B. nicht so sicher wie Precht, dass der Mensch in seiner jetzigen biologisch-evolutionären Ausstattung wirklich in der Lage ist, die selbstverursachten Untergangsrisiken aus eigener Kraft zu bewältigen. Ich halte zukünftige „Eingriffe“ in die menschliche Hard- und Software nicht unbedingt für erstrebenswert – aber vielleicht für notwendig. Möglicherweise können wir uns in ein paar Jahrzehnten tatsächlich einen „Menschentyp“ nicht mehr leisten, der einen charakterlosen Primitivling zum mächtigsten Mann der Welt macht.
In wenigen Punkte schießt auch ein Precht mal über‘s Ziel hinaus: Ich glaube nicht, dass sich Dawkings Standardwerk „Das egoistische Gen“ als ein Beispiel für den Vorwurf eignet, dass man der Evolution einen bewussten Plan und Willen unterstellt.
Aber das sind Peanuts angesichts der Fülle von anregenden Gedanken und Reflexionen.

Ein wenig länger diskutieren würde ich – wenn ich jemals diese Möglichkeit bekäme – Prechts etwas fundamentalistisch wirkende Forderung, man dürfe niemals Entscheidungen auf KI-Systeme übertragen, die sich konkret auf die konkrete Zukunft von Menschen auswirken (z.B. bei der Personalauswahl, im Straßenverkehr, bei der Kreditvergabe oder bei medizinischen Fragen). Ich würde ihn fragen wollen, warum er denn die menschlichen Entscheidungs-Algorithmen grundsätzlich als „wertvoller“ betrachtet. Kann er sich wirklich keine Fälle vorstellen, in denen menschengemachte (systematische) Fehlentscheidungen und Diskriminierungen durch den Einsatz einer KI zum Positiven korrigiert werden könnten?

Ein wenig geärgert hat mich seine Ausführungen zur Beschränktheit der Gültigkeit von statistischen Aussagen für den Einzelfall. Es wirkt ein wenig naiv, jetzt der KI vorzuwerfen, dass sie bei Entscheidungen auf der Basis von Datenanalysen ja nicht die Besonderheiten und den Kontext des Individuums berücksichtigen würde. Zwar räumt Precht letztlich ein, dass das auch ohne KI – wie ich finde unvermeidlich – stattfindet; trotzdem bekommt die KI auch diesen Minuspunkt aufs Konto. Wie sollte denn – so frage ich mich – eine hochkomplexe und vielfältig vernetzte Gesellschaft ohne
Wahrscheinlichkeits-Abschätzungen auskommen? Was müssten wir dann alles in Frage stellen?!
Da hat auch ein Precht mal nicht zu Ende gedacht oder ein wenig unlauter argumentiert (finde ich).

Trotzdem gibt es diese eindeutige Bilanz:
Dieses Buch ist weit mehr als eine etwas ausgeweitete Zusammenfassung bekannter Standardargumente. Wer sich in den kommenden Monaten und Jahren mit den philosophischen und ethischen Implikationen der KI auseinandersetzen will, kommt an dieser Vorlage von Precht wohl kaum vorbei. Selbst wenn man ihm nicht in allen Punkten zustimmt, so bietet er doch so etwas wie einen Referenzrahmen für den weiteren Diskurs.

Empfehlung: Lesen (oder hören; der Autor liest selbst – ziemlich schnell).

“Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit” von Rutger BREGMAN

Ein durch und durch überraschendes und faszinierendes Buch!

Normalerweise fange ich eine Rezension nicht mit meiner Bewertung an. Es fällt mir hier aber schwer, sie zurückzuhalten. Weder möchte ich meinen Drang disziplinieren, dieses Buch vorweg zu loben, noch möchte ich das Risiko eingehen, dass jemand vielleicht vorzeitig das Lesen abbricht und dann die entscheidende Botschaft nicht bekommt.

Ich habe wirklich schon eine Menge Sachbücher gelesen – psychologische, philosophische, soziologische, politische, historische, naturwissenschaftliche – aber dieses Buch ist tatsächlich anders als alle anderen.
Es ist ein wissenschaftliches und zugleich ein sehr persönliches Buch. Es beinhaltet Themen aus allen genannten Disziplinen und bringt sie in einen ganz besonderen Zusammenhang. Diese Verbindungen, dieser rote Faden, entspringt nicht einer “sachimmanenten” Logik, sondern der subjektiven Motivation des Autors, einem niederländischen Historikers und Journalisten (es handelt sich übrigens um einen relativ jungen Mann – ganz anders als die Hörbuch-Stimme es vermuten lässt).

Anders als es der Untertitel des Buches suggeriert, wird hier keineswegs eine zusammenhängende, irgendwie chronologische Geschichtsschreibung der Menschheit geboten. Aber es wird eine andere Geschichte über die Gattung Mensch erzählt!
Es ist ein – offensichtlich sehr persönliches – Anliegen des Autors, seine positive Sichtweise der menschlichen Natur einer anderen Erzählung entgegenzustellen; einer negativen Erzählung die – seiner Überzeugung nach – auf zahlreichen Missverständnissen, Verzerrungen, Auslassungen, Fehlinterpretationen und auch eindeutigen Lügen beruht.

Nun ist BREGMAN aber kein von einer Mission beseelter naiver Gutmensch, der sein privates Glaubensbekenntnis unter die Leute bringen will.
Ganz anders: Der Mann hat Biss!
In einer an Hartnäckigkeit, empirischer Gründlichkeit und Aufwand kaum zu übertreffender Art und Weise nimmt er sich eine ganze Reihe von – scheinbar willkürlich – ausgewählten Einzelthemen vor und tut, was er offenbar am liebsten tut und am besten kann: Er zerstört Mythen und vermeintliche Gewissheiten über die so “egoistische und grausame Natur” des Menschen, die nur durch intensivste zivilisatorische Eingriffe halbwegs im Zaum gehalten werden kann.

Er schreibt u.a. über:
– das (meist sehr vernünftige und solidarische) Verhalten von Menschen in Notsituationen und bei Katastrophen,
– die (überraschend ausgeprägte) Neigung von Soldaten, auch mitten im Krieg das Töten zu vermeiden,
– die erstaunlichen Erfolge von alternativen Modellen, mit Straftätern und Gefangenen umzugehen.

In einige Themen verbeißt sich der Autor förmlich. So stellt er sehr gründlich und anschaulich seine These dar, wie der – durch die Evolution auf “freundlich” getrimmte – Jäger und Sammler durch Sesshaftigkeit, Landnahme und Besitz erst einige unsympathische Charakterzüge entwickelt hat. Auch die Kultur der Osterinseln und deren so schockierendes Ende wird von BREGMAN sehr systematisch aufgerollt und in ein völlig verändertes Licht gestellt. Der (erschreckenden) Botschaft des weltberühmten Romans “Herr der Fliegen” stellt er eine wahre Geschichte entgegen, die so erfreulich anders verlaufen ist. Ein Kapitel über amerikanische Polizeigewalt liest sich wie ein Kommentar zu den gerade aktuellen Ereignisse in den USA (Stand Juni 2020).

Stärker als alles andere hat mich aber die (nachvollziehbare) Infragestellung einiger grundlegender experimenteller Befunde aus der Sozialpsychologie berührt und geradezu schockiert. Dabei ging es um nicht weniger als die bekanntesten “Indizien” für die Verführbarkeit und Bösartigkeit des Menschen (z.B. das “Gefängnis-Experiment von Zimbardo oder das Gehormsakeits-Experiment von Milgram).
In weiten Teilen geht es bei dieser akribischen Analyse von Daten und Schlussfolgerungen nicht um neue Interpretationen, sondern um die Aufdeckung von Fälschungen und Betrug!
Eigentlich kaum zu glauben!

Was fängt nun BREGMAN mit all dem an?
Er unterfüttert unermüdlich und faktenreich seine Grundthese, dass der Mensch eine Grundanlage zur Kooperation und Empathie in sich trägt. Er ist überzeugt davon, dass es sich auf allen Ebenen lohnt, seinen Mitmenschen erstmal mit Vertrauen zu begegnen, dass es sinnvoll und effektiv ist, auch benachteiligten oder gestrauchelten Menschen würdevoll zu begegnen. Für ihn ist klar belegt, dass das Verhalten der Menschen sehr häufig die Art des erfahrenen Umgangs wiederspiegelt, dass Fehlverhalten oft das Ergebnis von Diskriminierung und negativen Zuschreibungen ist.

Der Autor vermittelt und bewertet zwar eine Menge Fakten und Befunde, sein Schreibstil ist aber eindeutig journalistisch. BREGMAN schreibt für den interessierten Laien. Er fängt den Leser dadurch ein, dass er “Geschichten” erzählt – nicht trocken und nüchtern, sondern spannend und lebensnah. So wird Erkenntniszuwachs zum Vergnügen!

Selten hat mich ein Buch so überrascht, irritiert und stellenweise schockiert – selbst in Bereichen, in denen ich mich seit einigen Jahrzehnten (durch Studium und Beruf) ganz gut auskennen sollte. Gleichzeitig habe ich ein sehr menschliches, optimistisches und anrührendes Buch genossen, das Mut zur Menschlichkeit macht.
Angesichts der faszinierenden Einblicke und Erkenntnisse fallen gelegentliche Längen oder Redundanzen nicht ins Gewicht.

Für mich ist es eines der besten Sachbücher, die ich jemals gelesen habe!

“Die Zukunft nach Corona” von Matthias HORX

Es ist scheinbar die Zeit der kleinen bzw. dünnen Bücher. Das Buch von HORX ist geradezu winzig – es wäre sonst für ein Buch tatsächlich zu dünn. Von dem ebenfalls kurz gefassten Buch von BLOM war kürzlich die Rede.
Ich will nicht unterstellen, dass es um den “schnellen Euro” geht; bei HORX Corona-Buch geht es auf jeden Fall aber um die Aktualität: Autor und Verlag wollen das Thema offenbar so früh wie möglich besetzen. Von einem großen Interesse und damit von guten Marktchancen ist auszugehen.

Horx ist Zukunftsforscher. Daher ist es logisch, dass er nicht die bestehende Corona-Krise untersucht sondern die Zeit danach. Dass der Autor dabei ein erstaunliches Tempo an den Tag legt, hat er mit einem ersten kurzen Text zum gleichen Thema schon Mitte März (!) bewiesen. Damit hat er in gewisser Weise schon die Spur gelegt zu dem jetzt erschienenen Buch.
Auch marketing-technisch nicht ungeschickt.

Der Grundgedanke, der diesem Buch einen roten Faden verleiht, ist schnell erklärt, aber deswegen nicht weniger anregend und pfiffig: HORX lädt uns alle ein, selbst nicht nur Zukunfts-Forscher sondern auch Zukunfts-Gestalter zu werden. Die Methode dazu verbegrifflicht er – im Gegensatz zu der üblichen “Pro-Gnose” – als “Re-Gnose”.
Wenn wir uns nämlich als Gedankenspiel in eine vorgestellte nahe Zukunft (nach der Krise) versetzen und von diesem Punkt zurück auf den Corona-Umbruch schauen, könnte deutlich werden, welches bedeutsame Veränderungspotential in der Krise und deren Bewältigung stecken könnte. Diese innere Zukunftsschau – bzw. das staunende Zurückschauen aus der Zukunft – könnte dann genau die Kräfte mobilisieren oder stärken, die dazu beitragen, dass positiv die antizipierten Bilder (z.B. neue Prioritäten, weniger Hektik, mehr Nachhaltigkeit) auch zur Realität werden.
Sein Ansatz ist von der Zuversicht getragen, dass die Erschütterung produktiven Wandel und kreative Erneuerung auslösen kann.

Aber gehen wir mit HORX Schritt für Schritt vor.
Der Autor ist sich – im Gegensatz zu anderen schlauen Menschen (wie z.B. PRECHT) – sicher, dass Corona einen wirklich fundamentalen Einschnitt darstellt, eine “Tiefenkrise”. Ein solches “disruptives” Ereignis wirkt nachhaltig in die Zukunft, weil es eine neue Weltsicht, ein neues Narrativ mit Symbolkraft erschafft.
HORX geht davon aus, dass eine reale Herausforderung (wie Corona) Kompetenzen und Ressourcen der Überlebensmaschine Mensch mobilisieren kann. So finden sich ansonsten eher resignierte Zeitgenossen plötzlich – nach der ersten lähmenden Angstreaktion – in einem aktiven Bewältigungsgeschehen wieder und erfahren Selbstwirksamkeit.
HORX beschreibt die denkbaren positiven Überraschungen, die mit dem Lockdown verbunden sein konnten: Es geht um Besinnung auf das Wesentliche, die Fähigkeit zum Verzicht und zur Solidarität. Wir kennen das aus diversen Talkrunden.
Auch hier geht es um eine Rückschau: Das so andere (gebremste) Corona-Leben enthüllt sozusagen die Banalitäten und Absurditäten des Alltags (mit seinem Hyperkonsum und Kreuzfahrtwahnsinn), die wir bis vor wenigen Wochen als normal und alternativlos betrachtet haben.
Anhand eines aus der Psychologie entlehnten Modells beschreibt HORX die Chance, zwischen dem Abrutschen in ein Trauma und der leugnenden Ignoranz einen dritten Weg zu gehen: einen Zukunfts- oder Möglichkeitsraum zu betreten, in dem ein Wandel aktiv gestaltet werden kann.

Fairer Weise legt der Autor in einem nächsten Kapitel die Nähe seines Modells zum Prinzip der “Positiven Psychologie” selbst offen: Es geht darum, die (positiv) imaginierte Zukunft als Kraft und Orientierung zu nutzen – statt passiv im Problem-Modus steckenzubleiben.
Auch das Prinzip der “Kognitiven Dissonanz” und das “Re-Framing” (Umdeuten) wird genutzt, um die Möglichkeiten einer produktiven Krisen-Nutzung zu untermauern. Dabei unterscheidet er (offene) Visionen von (eher blockierenden) Konstrukten.

Dann lädt HORX seine Leser doch noch ein in eine neugierig-tastende Annäherung an die Zukunft im Sinne einer Pro-Gnose; natürlich in einer “holistisch-systemischen” Betrachtungsweise:
– Aus einer Globalisierung wird eine GloKALisierung
– Effektivität wird wichtiger als Effizienz
– Es entwickelt sich eine “Donut-Ökonomie” (in der es einen Ausgleich zwischen öffentlichen und privaten Interessen gibt)
– Demokratien gewinnen an Wertschätzung und Bedeutung
– Die Arbeitswelt wird flexibler
– Die Digitalisierung wird sinnvoller eingebunden
– Kulturelle Werte und Umgangsformen passen sich an
– Bösartigkeit verliert an Attraktivität
– Der Umgang mit (körperlicher) Nähe verändert sich durch neue “Ekel-Schwellen”
– Die Kreuzfahrt-Industrie verschwindet für immer
– Das Gesundheitssystem und seine Arbeitskräfte werden aufgewertet
– Der Trend zur Nachhaltigkeit wird verstärkt

HORX beendet seine Ausführungen mit einer vergleichenden Betrachtung von “alter” und “neuer” Normalität und einem letzten Glaubensbekenntnis zur Macht der “selbstkonstruierten” Zukunft.

Und was halte ich nun von dem Ganzen?
Je länger ich darüber nachdenke (und das Schreiben dieser Rezension hat mich schon einige Stunden gekostet), desto skeptischer werde ich bzgl. des Gewinns, den man durch das Lesen dieses Büchleins mitnehmen kann.
Ich will meine Kritikpunkte mal so zusammenfassen:
– HORX überbewertet die Bedeutung und die Auswirkungen von Corona; ich glaube eher nicht an einen epochalen Einfluss dieses Ereignisses
– Er betrachtet (einseitig) die möglichen positiven Folgen (vielleicht weil er in einer Umgebung lebt/e, in der es eher um Verlangsamung und Besinnlichkeit ging, nicht um Stress und Existenzangst)
– Sein “Trick” mit dem Perspektivwechsel (aus der Zukunft zurückschauen) ist ja als Idee ganz nett; ob er ein tragendes Gerüst für so ein solches Buch darstellt, ist mir etwas zweifelhaft

HORX wollte schnell sein, schneller als andere. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen.
Das Buch ist auch weder schlecht noch überflüssig; es ist ein Beitrag zur Diskussion.
Es ist nur – meiner bescheidenen Meinung nach – kein großer Wurf.

“Das große Welttheater” von Philipp BLOM

Ich schreibe hier über ein ganz aktuelles Büchlein, das eher ein Essay als ein Sachbuch ist.

Das Lesen dieses Textes hat mir sowohl ein literarisches Vergnügen bereitet als auch einen inhaltlichen Gewinn hinterlassen.
Das will ich kurz begründen.

BLOM habe ich bereits schätzen gelernt: sowohl als Autor eines Sachbuches (in der großen Nachhaltigkeit-Thematik), als auch als Erzähler eines Romans.
Der aktuelle Text ist eine kulturhistorische Betrachtung, in dessen Zentrum ganz klar die unabdingbare Notwendigkeit einer Transformation unseres gesamten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens steht. Die Gründe für diesen Veränderungsdruck sind hinlänglich bekannt. BLOM fasst die Ausgangslage nur ganz kurz zusammen. Auch das gelingt ihm in einer beeindruckenden Klarheit und Konsequenz. In wirklich sehr eindrücklicher Weise wird z.B. dem Leser vor Augen geführt, welch winzigen historischen Ausschnitt des menschlichen Lebens auf diesem Planeten wir gerade als Maßstab für Wohlstand und Konsum betrachten.

Die eigentliche Leistung des Textes – sein Alleinstellungsmerkmal – liegt  jedoch an einem anderen Punkt: Er besticht durch den besonderen Zugang zum Thema und die inhaltliche und sprachliche Ausgestaltung. Dieser Essay ist – ganz unabhängig von der Thematik – ein eigenes Sprachkunstwerk!

BLOM präsentiert seine Ausführungen auf der der Bühne der Kultur. Das macht nicht nur der Titel deutlich, dass zieht sich durch den gesamten Text. Der Autor schöpft aus einem großen Fundus von Literatur und Drama und bezieht (poetische) Zitate und künstlerische Grundthemen auf seine große Argumentationslinie.  Dieser – sowieso schon beeindruckende und intelligente – Bogen von Kulturgeschichte zu Gegenwartsproblemen wird noch angereichert durch ein biografischen Anker-Bild, das den Begriff Welttheater noch lebendiger macht. Ziemlich genial!

Die Kernthese des Essays ist zwar nicht neu, wird hier aber auf eine einzigartige und geradezu elegante Art hergeleitet: Gesellschaften orientieren sich an sinnstiftenden Erzählungen (heute nennt man sie Narrative), die dem Leben und Wirtschaften eine Struktur, ein Ziel und eine Legitimation geben. Umbruchphasen – wir erleben ohne Zweifel gerade eine davon – sind dadurch gekennzeichnet, dass ein altes Gesellschafts-Modell nicht mehr funktioniert, es aber noch kein neues, verbindendes Narrativ als Leitlinie für die anstehende Transformation gibt. Nachhaltigkeit ist zwar ein bedeutsamer und passender Begriff, der aber noch nicht in eine tragende und auch emotional verankerte Erzählung eingewoben ist.
Es ist anrührend, dass in diesem hochgeistigen Text ausgerechnet Greta mit ihrem Klimastreik-Plakat als einziges Beispiel einer Blaupause für ein Zukunfts-Narrativ genannt wird.

Gibt es etwas zu kritisieren?
Man muss zunächst akzeptieren, dass BLOM hier einen Text vorlegt, der sich wohl eher an das klassische Bildungsbürgertum richtet als an den Nachhaltigkeits-Mainstream. Wie schon gesagt: Es ist ein anderer Zugang.
Was dazu passt: Der Essay wird hier sozusagen zweitverwertet. Es handelt sich ursprünglich um eine Art Auftragsarbeit zum 100. Jubiläum der Salzburger Festspiele. Das erklärt sicher auch die besondere Affinität zur literarischen und darstellenden Kultur.
Darf man so einer Publikation vorhalten, dass 18 € für knapp zwei Stunden Lesezeit viel Geld ist? Das muss wohl jeder selbst entscheiden. Es geht hier nicht um Gebrauchs-Literatur, die man nach Seitenzahlen bemisst, zumal man diesen Text sich gerne ein zweites Mal liest.

Mein Schlussurteil:
Gelegentlich hat man in den Feuilletons der letzten Jahren darüber geklagt, dass Deutschlands Intellektuelle sich nicht mehr so kraftvoll zu Wort melden würden wie in den guten alten Zeiten von Grass und Böll. Ich kann nicht beurteilen, ob das jemals so gestimmt hat. BLOM gehört mit diesem Text jedenfalls ganz eindeutig zu den Intellektuellen, auf die dieses Kulturland stolz sein kann.

“Die Knochenuhren” von David MITSCHELL

Dieser Leser passte nicht zu mir. Schade!
Dabei hat sich mein Autor so dolle angestrengt.

In mir werden gleich sechs verschiedene Geschichten erzählt, mit unterschiedlichen Grundthemen und aus verschiedenen Zeiten.
Es geht um eine wichtige Entwicklungsphase eines jungen Mädchens, um snobistische Studenten, einen engagierten Kriegsreporter und einen frustrierten Schriftsteller.
Dann wird in einem meiner Kapitel erklärt, wie das alles zusammenhängt: Der Kampf zweier übersinnlicher Bruderschaften ist nämlich auf geheimnisvolle Weise mit dem Schicksal einiger Menschen, von denen ich berichte, verbunden.
Und zum Schluss (das Mädchen vom Anfang ist inzwischen richtig alt) wird in mir ich sogar noch einen Blick in die – alles andere als rosige – Zukunft der Menschheit geworfen.

Der Typ, der mich geschrieben hat, versteht wirklich sein Handwerk. Er hat eine irre Fantasie und kann wirklich gut mit Sprache umgehen.
Wie muss man drauf sein, um davon nicht begeistert zu sein?!

Also dieser Leser war tatsächlich schwierig. Für ihn war das gar nicht so attraktiv, dass er eigentlich gleich sechs ganz verschiedene Buchsorten auf einmal bekam. Er sah darin nicht so einen großen Gewinn. Weil er nämlich gar nicht alle diese Varianten mag.
Dabei war es gar nicht so, dass ihn alle meine Themen unberührt ließen. Die Sache mit dem Irakkrieg fand er durchaus relevant, die Literaturszene und die drohenden Zukunftsrisiken interessierten ihn auch. Aber dann störte er sich plötzlich an einer angeblichen Weitschweifigkeit oder Redundanz.

Besonders bei den Dingen, die über den normalen Horizont hinausgehen, ist er viel zu kritisch und engstirnig. Wenn man schon die Realität verlässt – so denkt er – dann sollte man daraus irgendeinen Nutzen (eine Erkenntnis?) für das echte Leben ableiten können. Als ob man nicht auch einfach mal ein bisschen rumfabulieren könnte – so aus Spaß an der Freud.
Komischerweise nerven ihn besonders sämtliche Varianten von Kampfbeschreibungen: In diesen Höhepunkten, wo jeder normale Leser vor Spannung zittert, langweilt er sich fast zu Tode. Wo man doch bis zuletzt nie weiß, ob die Heldin – gegen jede Wahrscheinlich – überlebt. Ein seltsamer Mensch…

Ich habe wirklich andere Leser verdient. Solche, die sich einfach auch mal einlassen können, die eben mal abschalten wollen von der schnöden Alltäglichkeit und der nüchternen Rationalität. Die nicht immer nach dem Nutzen suchen oder nach der Botschaft.
Zum Glück gibt es jede Menge solcher Leser. Und richtige professionelle Kritiker finden mich übrigen auch toll. Es ist nämlich modern, so querbeet durch die Genres hüpfen.

Soll der Typ doch einfach was anderes lesen!

“Bei Sturm am Meer” von Philipp BLOM

Der Autor hat mich vor einiger Zeit mit einem aktuellen gesellschaftlichen Sachbuch sehr überzeugt. Daraufhin hat es mich einfach interessiert, wie so ein Historiker und Philosoph wohl einen Roman schreibt. Wird er versuchen, seine Themen und Botschaften in das andere Genre zu übertragen? Oder zeigt er eine völlig andere Seite seiner literarischen Begabung?

Die Antwort fällt für mich eindeutig aus: Blom zeigt sich hier als reinrassiger Erzähler – nicht mehr und nicht weniger. Denkbar ist natürlich, dass er den zeitgeschichtlichen Kontext seines Romans auch mit einer fachlichen Perspektive als Historiker begleitet hat; zu spüren ist das jedenfalls nicht.

Blom schreibt einen sehr persönlichen Roman. Es geht um eine Drei-Generationen-Geschichte zwischen Hamburg und Amsterdam.
Als Rahmen wählt der Autor eine besondere Situation: Ben wartet auf die – auf dem Postweg verloren gegangene – Urne seiner Mutter. Diese paar Tage nutzt er, um seinem noch sehr jungen Sohn einen Brief zu schreiben, den dieser 40 Jahre später (also im aktuellen Alter von Ben) lesen soll. Dieser Brief besteht aus einer kaleidoskopartigen Mischung zwischen der bereits bekannten Familiengeschichte und den überraschenden Erlebnissen bzw. Erkenntnissen, die Ben in diesen Tagen selbst noch dazu gewinnt. Durch diese “live” aufgedeckten Familiengeheimnisse bekommt der Plot eine deutlich gesteigerte Dynamik.

Es geht überwiegend um dramatische und tragische Entwicklungen bei den Protagonisten, die sich überwiegend in der Eltern- und Großelterngeneration von Ben abspielten. Thematisch berührt wird die linke Protest- und Medienszene der frühen 70iger Jahre. In weiten Teilen stehen aber auch sehr persönliche (Generations-)Konflikte und leidvolle Erfahrungen rund um Einsamkeit und gescheiterte Lebensträume im Vordergrund.

Ungewöhnlicher Weise wechselt immer wieder die Erzählperspektive: Manchmal wird über Ben erzählt, manchmal ist Ben ein Ich-Erzähler. Dieser Wechsel ist nicht dadurch zu erklären, dass ich Ich-Perspektive den Inhalt des Briefes wiedergibt. Mich hat dieser Kunstgriff nicht gestört; er hat eher eine zusätzliche Betrachtungs-Ebene erzeugt.

Blom schreibt sehr eindringlich. Er kann ganz eindeutig professionell mit Sprache umgehen. Schildert er z.B. Träume oder Situationen von Verwirrung, drücken Tempo, Rhythmus und Begrifflichkeiten diese Zustände sehr gekonnt aus .
Der Autor schafft immer wieder eine hohe emotionale Dichte, ohne auch nur im Leisesten in Richtung Kitsch abzudriften.

Insgesamt ein zwar kurzer, aber kunstvoll konstrurierter und sprachlich anspruchsvoll ausgestalteter Roman.
Lesenswert.

“Der erste Mensch” von Albert CAMUS

In Corona-Zeiten haben sich viel Menschen plötzlich für Albert Camus interessiert, weil er einen berühmten Roman mit dem Titel “Die Pest” geschrieben hat.

Das hier besprochene Buch hat keinen aktuellen Bezug. Es stellt ein autobiografischen Zeugnis des Literaten und Philosophen dar. Verpackt wird das in die Geschichte eines mittelalten Mannes, der sich in Algerien auf die Spurensuche nach seinem Vater und damit nach einem verschollenen Teil seiner frühen Biografie macht. Dabei mischen sich Kindheitserinnerungen mit Eindrücken aus den Besuchen bei noch lebenden Zeitzeugen zu einem Mosaik, das schrittweise ein immer vollständigeres Bild ergibt.

Die entscheidendende Frage ist wohl: Hat so ein Buch auch für Leser einen Wert, die nicht ein spezifisches, an die Person gebundenes Interesse an dem Nobelpreisträger Camus haben?

Ich würde das bejahen! Camus schreibt eindringlich und lebendig. Die französische Besatzungsherrschaft wird in ihrer kulturellen Arroganz und langfristigen Aussichtslosigkeit spürbar. Geschichtliche Hintergründe gewinnen durch die sehr persönlichen Einblicke plastische Gestalt.

Camus widmet sich voll und ganz dem Schicksal der “kleinen Leute”, der Armen, die in ihrem alltäglichen Überlebenskampf versuchen, sich eine minimale Würde zu erhalten. Nach heutigen (westlichen) Maßstäben erscheint es unvorstellbar, unter diesen Bedingungen ein Leben zu fristen – ohne jede Aussicht auf eine bessere Zukunft oder gar so etwas wie Erfüllung oder Selbstverwirklichung.

Dieses – wegen des Todes von Camus – unvollendete Manuskript stellt eine erstaunliche Nähe zu einem zeitgeschichtlichen Geschehen her, das nicht gerade im Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit steht. Algerien als Konlonie ist ein französisches Thema; wir hatten und haben andere Dinge zu bewältigen.
Aber deshalb wird der Roman für einen Nicht-Franzosen keineswegs irrelevant. Die angesprochenen Grundthemen, die Perspektive auf das konkrete Alltagsleben, die respektvolle Beschreibung sehr einfacher und z.T. auch eingeschränkter Menschen – das alles ist übertragbar und allgemeingültig.

Natürlich hat der Roman auch eine Bedeutung für das Verständnis der Person Albert Camus und seines Werkes. Aus Expertensicht bieten sich vermutlich zahlreiche Bezüge zu seinen philosophischen und literarischen Hinterlassenschaften.
Ich bin ein solcher Experte nicht.
Nur so viel wurde mir deutlich: Es bedurfte einiger besondere Einflüsse, die intellektuellen Potentiale des kleinem Albert (der im Buch anders heißt) in dieser schwierigen Umgebung zu erkennen und letztlich – durch den Zugang zur “höheren” Bildung – auch zu entfalten.
Wie viele (potentielle) Genies haben wohl dieses besondere Glück nicht gehabt und sind in einer öden Umgebung verkümmert?

Ein anregendes Buch mit Tiefgang. Weit weg von unserem Alltag – und vielleicht gerade deswegen eine Lektüre, die nachdenklich macht. Leben auf diesem Planeten konnte und kann so extrem anders aussehen, als wir es kennen.
Man weiß das natürlich; aber so ein Buch macht es für einige Stunden spürbar.