Auch die FDP hat jetzt die Zeichen der Zeit erkannt! Sie hat auf ihrem traditionellen Jahresauftakt eine total überraschende und kreative Lösung für die riesigen Herausforderungen der Gegenwart gefunden: Steuersenkungen!
Das einzige Problem: Lindner hat das Dreikönigs-Treffen mit Karneval verwechselt…
Kein Mensch weiß mit Sicherheit, wie sich Entscheidungen über Waffenlieferungen tatsächlich auf die Dauer, das Ergebnis und die Opferzahlen dieses grausamen Krieges auswirken werden. Klar ist allerdings: Russland würde die Ukraine überrollen und annektieren, wenn ihm nicht geballte militärische Macht entgegentreten würde.
Der Kurs von Scholz wird von beiden Seiten kritisiert: Sein Zögern und Zaudern wird ihm ebenso vorgeworfen wie seine wachsende Bereitschaft, doch schließlich immer schwerere Waffen zu liefern. Vielleicht ist das ja schon ein Hinweis darauf, dass er so ganz verkehrt nicht liegt. Ich habe die Hoffnung, dass man sein schrittweises und abgewogenes Vorgehen – eingebettet in die Linie der Alliierten – im Nachgang vielleicht sogar als eine strategische Meisterleistung anerkennen wird. Er hat Putin keinen Anlass gegeben, ihn als Kriegstreiber zu verurteilen; man konnte jeden Steigerungsschritt als Reaktion auf russische Eskalationen darstellen. Putin selbst hat durch seinen auf zivile Ziele ausgerichteten Terror dafür gesorgt, dass die intensivere Unterstützung der Ukraine den Charakter einer Unausweichlichkeit bekam.
Mir erscheinen die Einschätzungen plausibel, dass eine militärische Stärkung der Verteidiger den Wahnsinn am ehesten stoppen kann. Natürlich bleibt eine Unsicherheit – militärisch, politisch, moralisch. Wer möchte in der Haut der Entscheider stecken? Bestimmt auch nicht diejenigen, die am lautesten kritisieren.
Wir schütteln ratlos, entsetzt oder amüsiert die Köpfe, wenn wir Aufnahmen von sog. “Parlamenten” aus China, Nordkorea oder Moskau sehen. Die dortigen Mandatsträger erscheinen uns wie ferngesteuerte Roboter – ohne eigenen Willen, oft sogar ohne erkennbare Mimik. Mit einer gewissen Berechtigung gehen wir ganz selbstverständlich von der Überlegenheit unseres “westlichen” parlamentarischen Systems aus. Im Moment stellt sich – leider – mal wieder die Frage, wie vorbildlich dieses System eigentlich (noch) ist – z.B. in den USA.
Wir erleben dort ein unwürdiges Schauspiel: Eine Partei (die Republikaner) zerlegt sich gerade selbst und lähmt das gesamte politische System in Washington. Man kann live miterleben, wie um die Zustimmung einzelner Abgeordneter geschachert wird (wie auf einem Basar): Man erpresst politische Zugeständnisse und persönliche Vorteile – um sich dann darüber zu ereifern, dass der Kandidat kein Rückgrat habe. Den – überwiegend rechtsradikalen – Abweichlern sind dabei nicht nur die Interessen das Landes oder die Handlungsfähigkeit des Parlaments egal, sondern sogar das Wohlergehen der eigenen Partei. Von Kompromissfähigkeit oder Solidarität mit den eigenen Leuten keine Spur!
Wenn solche zwielichtigen Figuren angeboten und gewählt werden, um die Geschicke der mächtigsten Nation der Welt zu bestimmen, bekommt das vermeintliche demokratische Vorzeigebild doch einige Risse. Schaut man sich dann näher an, in welchem Umfang Lobbyismus und Geld die politischen Machtverhältnisse in den Staaten bestimmen, kommt man arg ins Grübeln.
Natürlich gibt es sie noch – die Unterschiede zu den autokratischen Schein-Demokratien. Es gibt eine zweite Partei und eine (halbwegs) unabhängige Medienlandschaft. Aber: Man hätte es doch lieber, wenn man der unfreien Welt ein überzeugenderes Modell vorführen könnte.
Deutschland fragt sich gerade, ob man die Welt dem Menschen (Böllerverbot) oder die Menschen den Bedingungen anpassen muss (Bestrafung). Ich würde sagen: Passt einfach alle Regeln den grundlegenden Herausforderungen und Zielen an; setzt einfach Prioritäten: Es geht um Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Gesundheitsschutz, Zusammenhalt, Gemeinwohl. Es kann nicht weiter um einen radikalen Pluralismus gehen, in dem jedes Interesse den gleichen Rang erhält. Brauchen wir für die relevanten Ziele private Pyrotechnik? Nein! Schadet sie den Zielen? Ja! Wir leben einfach nicht mehr in einer Welt, in der Spaß, die Suche nach dem Kick, Traditionen oder Modetrends als Begründung für schädliche oder gefährdende Verhaltensweisen ausreichen. Je eher wir das erkennen, desto mehr Freiheiten werden wir langfristig behalten können.
Um etwas Positives zu sagen: Es ist tatsächlich wieder möglich, über Täter-Profile bei den Silvester-Ausschreitungen öffentlich zu sprechen. Man darf es nur nicht dabei stehen lassen, sondern an den Ursachen arbeiten. Dazu gehört auch, dass der Staat von bestimmten Gruppen nicht ernst genommen wird. Aber auch, dass Chancengleichheit für Viele nur eine hohle Phrase ist. Beides könnte man, müsste man ändern.
Ohne Zweifel: Ein (ehemaliger) Papst ist eine zeitgeschichtliche Persönlichkeit und hat für Millionen von Katholiken eine unmittelbare religiöse Bedeutung. Es ist also naheliegend, dass über den Tod (und das zuvor gelebte Leben) in den Medien berichtet wird.
Bei dem aktuell vielfach gewürdigten, aus Süddeutschland stammenden und extrem konservativen Kirchenmann muss aber wohl die Frage erlaubt sein, ob denn sein Wirken im Vatikan tatsächlich irgendetwas dazu beigetragen hat, dass dieser Planet ein besserer Platz für die Menschen (oder die Schöpfung) allgemein geworden ist.
Als nur mäßig mit Kirchendingen befasster Zeitgenosse habe ich den Eindruck gewonnen, dass es diesem Vertreter der “strengen” Lehre wohl mehr um die Macht der Institution und die Verteidigung traditioneller Dogmen ging als um das Wohl der Menschheit.
Daher sollte man das mit dem öffentlichen Gedenken nicht übertreiben und diesen Kirchenführer – nur weil er Papst war – nicht zu einer moralischen Leitfigur stilisieren, die er offensichtlich nie war.
Ein neues Jahr, ein neues Projekt. Ab sofort werde ich für jeden Tag des Jahres einen Beitrag posten – einen Gedanken, eine kleine Betrachtung, eine Meinungsäußerung, einen Appell o.ä.
Für mich wäre es ein gutes und passendes Zeichen gewesen, nicht nur in diesem Jahr, sondern dauerhaft, auf die private Pyrotechnik zu verzichten. Oder – um es deutlicher zu sagen – diesen Brauch schlichtweg zu verbieten.
Die Gründe dafür sind zahlreich und liegen auf der Hand: Verschwendung von Ressourcen, Feinstaub- und CO2-Belastung, Belastung für Rettungsdienste und Krankenhäuser, Quälerei für bestimmte Tiere, usw. Nein – ich will nicht alles verbieten, was Tradition hat und vielen Menschen Spaß macht. Aber ich möchte gerne, dass wir uns als Gesellschaft hinterfragen, welche Anpassungen an die aktuellen Herausforderungen dringend notwendig sind. Und ich halte es für richtig, dabei auch sichtbare Zeichen zu setzen – selbst wenn die Auswirkungen für die großen Ziele (z.B. Nachhaltigkeit) letztlich begrenzt sind. Es ist wie mit dem Tempolimit: Damit rettet man nicht die Welt und nicht das Klima – aber unbegrenzte Geschwindigkeit passt nicht mehr in eine Zeit, in der nachhaltige Mobilität das Gebot der Stunde ist. Genauso wenig passt dieses Böllern und Raketenschießen noch in die Zeit einer Umsteuerung und neuer Prioritätensetzung.
Dieses Buch ist in verschiedenerlei Hinsicht eine echte Überraschung. Im Vordergrund steht dabei sein inhaltlicher Schwerpunkt: Wer würde denn ernsthaft erwarten, dass der bekannteste (und wohl auch umstrittenste) Gesundheitspolitiker des Landes nach drei Jahren Pandemie ein ziemlich reinrassiges Klimabuch schreibt?! Das lässt aufhorchen!
Zwar betrifft das Meta-Thema von LAUTERBACHs Betrachtungen die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für die zukünftige Politik. Betrachtet man aber die tatsächliche Aufteilung des Textes, findet man sich plötzlich in einer recht systematischen Darstellung des Klimawandels – mitsamt seiner Entstehungsgeschichte, seiner aktuellen Ausprägung, seiner konkret drohenden Konsequenzen (u.a. in Bezug auf Verteilungskämpfe, Klima-Migration und Wassermangel) – bis zu den möglichen bzw. notwendigen Gegenmaßnahmen (die wiederum sehr differenziert dargestellt und bewertet werden).
Und da wartet die zweite Überraschung: Diese zusammenfassende Darstellung der Klimakrise ist außerordentlich gut gelungen. Sie wäre geeignet, auch Neueinsteigern in die Thematik (falls es die noch gibt) die grundlegenden Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen – ohne mit einem Wust von Tabellen oder Schaubildern zu verschrecken. Gleichzeitig kann diese Form der Aufarbeitung auch für diejenigen nützlich sein, die schon das ein oder andere Klimabuch gelesen haben – aber vielleicht in bestimmten Teilsaspekten den Überblick verloren haben. Als Argumentationsgrundlage für die Überzeugungsarbeit mit Uninformierten oder Zweiflern kann die hier vorgelegte schlanke Klarheit und Folgerichtigkeit ganz sicher gute Dienste leisten.
Doch soll ja das Thema “Klima” eigentlich nur als Beispiel dienen für die Notwendigkeit, den großen Menschheitsproblemen mit einem größeren Einfluss von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Politik zu begegnen. Gekonnt nutzt LAUTERBACH seine reichlich vorhandene Innenperspektive aus, um die Hindernisse und Widerstände zu beschreiben, die dem Einfließen empirischer Befunde in politisches Handeln entgegenstehen. Dabei verliert er sich nicht in einer radikalen Systemkritik (nach dem Motto: “die parlamentarische Demokratie ist den Herausforderungen nicht gewachsen”), sondern zeigt einiges – wenn auch leicht ungeduldiges – Verständnis für die oft schwerfälligen und mühsamen Abläufe auf dem Weg zu mehrheitsfähigen Kompromissen. Doch mit vorbildlicher Klarheit zieht LAUTERBACH eine Grenze zwischen den “normalen” gesellschaftlichen Themen und dem Klimawandel: Hier müsse die Politik sehr viel schneller und konsequenter handeln – und zwar ab sofort und mit aller Kraft auf der Basis der Wissenschaft.
Nachdem der Autor verschiedene Varianten durchgespielt hat, plädiert er leidenschaftlich für einen spezifischen Ansatz der Verankerung von Wissenschaft in der Politik: Es ist – sicher nicht ganz zufällig – sein eigener Weg, nämlich die unmittelbare Beteiligung der Wissenschaftler/innen am politischen Entscheidungsprozess, also als Mandatsträger in den Parlamenten.
Ja, die Corona-Pandemie wird dann schließlich doch noch zum Thema gemacht. LAUTERBACH bilanziert die verschiedenen Phasen der Entwicklung und Bekämpfung dieser weltweiten Herausforderung. Für den Autor ist folgerichtig, dass Deutschland im Umgang mit Covid solange ziemlich erfolgreich gewesen sei, wie es einen engen Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Politik gegeben habe; dieser sei aber leider in einer späteren Phase verloren gegangen. LAUTERBACH warnt sehr eindringlich vor zukünftig drohenden pandemischen Heimsuchungen und stellt dabei – was die ganze Argumentation abrundet – besonders die Rolle der klimatischen Einflüsse auf die Einschränkung der Lebensräume für Tier und Mensch dar.
Der Mehrwert dieses Buches liegt vor allem an der besonderen Perspektive: Hier schreibt ein Wissenschaftler, der sich entschieden hat, sich ganz der (mühsamen und oft undankbaren) politische Umsetzung empirischer Erkenntnisse zu widmen. Die Übernahme der Verantwortung im Gesundheitsbereich in Zeiten von Corona hat ihn zu einer Zielscheibe für Häme und Hass gemacht. Wie dieses Buch deutlich macht, bräuchten wir mehr Menschen mit dieser Doppel-Kompetenz (idealer Weise sollten sie auch noch begabte Kommunikatoren sein…).
Dass ein Gesundheitspolitiker ein solch engagiertes Klimabuch schreibt, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass wissenschaftliches Denken eine Grundhaltung darstellt, die einen Transfer auf ganz verschiedene Bereiche ermöglicht. Eine gewisse Tragik liegt vielleicht darin, dass die aufgeladene “Anti-Lauterbach-Stimmung” der Verbreitung dieses Buches bestimmte Grenzen setzen könnte. Auf alle, die sich dadurch nicht beeinträchtigen lassen, wartet eine sehr informative und anregende Lektüre. Es wäre allerdings sicher angemessen gewesen, den thematischen Schwerpunkt (Klima) auch schon auf dem (vorderen) Buch-Cover zu nennen.
Manchmal entscheidet sich auf den ersten Seiten eines Romans, ob man sich durch die Sprache oder Erzählweise angesprochen fühlt. In diesem Fall wurde ich geradezu angesprungen durch ein ganzes Feuerwerk ungewohnter Formulierungen, die mir sofort signalisierten, dass ich da gerade ein Ausnahme-Buch in der Hand hielt.
Thematisch werden wir von HANSEN eingeladen, uns auf das Leben auf einer Nordseeinsel einzulassen. Der Blick ist scharf auf den Übergang zwischen traditioneller Seefahrt bzw. Fischerei und modernem Tourismus zentriert. Sichtbar und erzählbar wird dieser Epochen- und Kulturwandel am Beispiel einer alteingesessenen Familie, deren Mitglieder bestimmte Rollenmuster in sehr pointierter Ausprägung darstellen. Um dieses Zentrum herum agieren eine Handvoll weiterer Protagonisten, die ebenfalls – auf jeweils spezifische Weise – in die Zeitenwende verwickelt sind.
Die Figuren sind letztlich alles echte “Originale”, was der Autorin natürlich entsprechend viel erzählerischen Stoff liefert. Die Sonderbarkeiten dieser – durch das raue Klima und das naturnahe Leben geprägte – Insulaner macht es HANSEN recht leicht, ihre offensichtliche Leidenschaft für sehr individuelle Sprach-Schöpfungen hemmungslos auszuleben. Es gelingt ihr dabei, die Charaktere der Figuren und die Lust an ausgefallenen Sprachbildern zu einer geradezu perfekten Einheit zu verschmelzen. Letztlich gewinnt man den Eindruck, dass man die Eigenarten dieses Menschenschlages entweder so oder gar nicht einfangen könnte.
Geschickt nutzt HANSEN den Kontrast, der sich zwischen den wettergegerbten Naturmenschen und den Touris bzw. wohlhabenden Neuansiedlern ergibt. Die Beobachtungen, wie sich das Insel-Leben im Takt mit den Saison-Wechseln verändert (bis in die Kinderzimmer hinein), gehören zu den amüsantesten Stellen.
Eine ganze Reihe von menschlichen bzw. beziehungsmäßigen Grundkonflikten finden in dem Roman ihren Platz: Die Suche nach Bindung und Liebe durchzieht letztlich ja alle Bereiche der Gesellschaft. Es ist sicher Geschmackssache, ob die zur Illustration benutzten Figuren so extrem konturiert werden müssen, wie dies HANSEN in ihrer Milieustudie mit großer Hingabe macht. Was sie erreicht ist mit Sicherheit ein großes Lesevergnügen – auf der Basis eines Eintauchens in eine eher unbekannte Welt (die sicher nicht immer so skurril war, wie in dieser speziellen Ausgestaltung).
Dieser (Kriminal-)Roman enthält einige Zutaten, aus denen sich eine wirklich interessante Geschichte hätte entwickeln können: Ausgangspunkt ist ein düsteres Kapitel in der DDR-Vergangenheit, das dramatische Folgen für den weiteren Lebensweg der Protagonisten dieses Romans hatte – und in der Gegenwart plötzlich noch einmal aktualisiert wird. Diese Hypothek manifestiert sich in der kurz vor der Silberhochzeit stehenden Ehe zwischen Annett und Volker, die sich als Heranwachsende zu DDR-Zeiten schon kannten. Auf der Gegenwarts-Zeitschiene begleiten wir Annett bei der schrittweisen Aufdeckung der damaligen Ereignisse und Zusammenhänge und erleben die sich daraus ergebenden Erschütterungen ihres gesamten Lebenskonzeptes.
Die eigentliche Thematik des Romans ist die Darstellung der psychologischen Dynamik, die in Annett bei diesem Prozess entsteht. Damit ist die entscheidende Frage hinsichtlich der Qualität dieses Romans, wie glaubwürdig und nachvollziehbar diese hochambivalente innere Reise geschildert wird. Mein Urteil: Das ist nur bedingt gelungen. Dem Lesenden selbst wird kaum ein Spannungsbogen vermittelt, weil die Hinweise auf die wahren Zusammenhänge schon sehr früh sehr eindeutig sind. So ist man dazu verurteilt, der Protagonistin bei ihrer inneren Achterbahnfahrt zwischen Erkenntnis und Verleugnung zuzuschauen. Das ist eine gewisse Weile auch durchaus unterhaltsam, erreicht aber irgendwann den Punkt von Ungeduld und Unverständnis: Man hält es kaum noch für möglich und mag es kaum noch aushalten.
Nun mag man natürlich einwenden, dass bei der Schilderung von Einzelschicksalen durchaus auch eher unwahrscheinliche Verläufe ihre Berechtigung haben. Jede/r Leser/in hat eine eigene Schwelle, ab der bestimmte Reaktionen als unvereinbar mit dem eigenen psychologischen Verständnis erlebt werden – und daran auch die Identifikation mit einer Geschichte (bzw. mit einer Hauptfigur) leidet. Vielleicht kann man es sogar als genussvoll erleben, wenn man jemanden dabei zuschauen kann, wie er/sie den “Wald vor lauter Bäumen” nicht sehen kann.
Außerhalb der Beziehungsdynamik des Ehepaares hat dieser Roman durchaus einen interessanten zeitgeschichtlichen Hintergrund zu bieten. Wer weniger empfindlich bzgl. der psychologischen Stimmigkeit ist, kann sich durch Ellen SANDBERG durchaus anregend unterhalten lassen. Ein paar kurze Thriller-Elemente sind auch dabei; die Suche danach sollte aber nicht die Hauptmotivation für dieses Buch sein.
Vorweg sei angemerkt, dass diese Rezension aus Sicht eines Psychologen geschrieben wurde – und nicht aus der Zielgruppen-Perspektive. KELLER will mit seinem handlichen Büchlein nämlich die Lehrkräfte selbst psychologisch aufrüsten – ihnen also schulpsychologisches Wissen zukommen lassen (nach dem Motto: “der KELLER in der Tasche erspart den Anruf beim Schulpsychologischen Dienst”). Was er in welcher Form vermittelt, ist aber sicher auch für schulpsychogische Fachkräfte ganz interessant: Hier wird ja auch ihr eigenes Zuständigkeits- und Kompetenzfeld beschrieben – und vor allem auch das breite Spektrum an Erwartungen an die Psychologie als Unterstützungsinstanz im Schulalltag.
Im ersten und größten Teil des Buches geht es – sortiert nach klassischen Problemfeldern – um unmittelbare Interventionen auf Belastungen bzw. Störquellen, die sich im Sozial- oder Lernverhalten von Schülern (Schülerinnen sind auch immer gemeint) zeigen. Auf jeweils ca. vier Seiten geht um 16 Probleme wie Ängste, Gewalt, Schuleschwänzen und Suizidalität. KELLERs Methode ist die Strukturierung: In seinen zahlreichen Aufzählungen findet man so ziemlich alle relevanten Aspekte der jeweiligen Problematik wieder: Art und Häufigkeit des Auftretens, mögliche Ursachen, mögliche Maßnahmen (auf den Ebenen Schüler, Lehrer, Klasse, Eltern, System Schule). Das hilft sehr dabei, alles im Blick zu haben und nichts zu übersehen. Sicher lassen sich in vielen Situationen auch erste Klärungs- und Handlungsschritte ableiten. Aber leider können solche (wunderbar systematischen) Listen von Ursachen und Lösungsansätzen auch eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen: “Wie kriege ich denn jetzt heraus, welche spezielle Kombination von Verursachungs-Faktoren in meinem Fall zusammenspielen? Und welche Interventionen sind denn unter meinen konkreten Bedingungen möglich, gewünscht, erfolgversprechend und erlaubt?”
Im 2. Kapitel wendet sich KELLER den pädagogischen Möglichkeiten zu, Lern- und Sozialverhalten grundsätzlich zu fördern (er nennt das elegant “Primäre Prävention”). Hier werden (auf knapp 30 Seiten) praxisbezogene und sehr heterogene Anregungen gegeben: von der Lernkartei bis zum Streitschlichter-Programm. Auch das geht letztlich über eine (sicherlich nützliche) Übersicht nicht hinaus.
Im folgende Kapitel steht die Methodik von Gesprächsführung und Beratung im Zentrum (der “pädagogisch-psychologische Werkzeugkasten”). Spätestens hier gerät der Ansatz von KELLER (“Kompetenzerweiterung durch Überblick und Anregungen” – meine Formulierung) endgültig an seine Grenzen: Natürlich kann man 20 Tipps für gute Gesprächsführung auflisten – aber der Hinweis darauf, dass einige der Zielsetzungen vielleicht doch ein gewisses Training erfordern könnten, dürfte eigentlich an dieser Stelle nicht fehlen.
Nachdem auf wenigen Seiten die wichtigsten psychosozialen Dienste genannt werden (so oberflächlich, dass man es sich vielleicht auch hätte sparen können), geht es im Abschlusskapitel um die Selbstfürsorge (Psychohygiene) der Lehrkräfte selbst: man solle seine Grenzen im Auge behalten, Stress erkennen und (durch Entspannungsmethoden) abbauen, sich Unterstützung holen.
Nun kann man einem schmalen Büchlein nicht vorwerfen, die meisten Themen nur anzureißen. Deshalb solle es hier nur um ein paar inhaltliche Schwächen gehen: – In einem so stark von gesellschaftlichen und juristischen Veränderungen bestimmten Feld wie Schule wäre eine regelmäßige Aktualisierung eines solchen breit angelegten Überblickswerkes notwendig und auch zu erwarten. In dem 2011 erschienenen Buch spiegeln sich weder die konkreten Verantwortlichkeiten beim Thema “Kindeswohlgefährdung” noch die Auswirkungen von Migration, Pandemie, Klimabedrohung und Social Media wieder. – In weiten Bereichen vermittelt der Autor den Eindruck, dass es für jedes Problem die “passende” (und auch funktionierende) Antwort gäbe: “Man nehme die richtigen Zutaten und wende sie an – und alles wird gut!” Im richtigen Leben haben es Lehrkräfte aber eben meist nicht mit motivierten, gutwilligen, veränderungsfähigen und kompetenten Akteuren zu tun. Die meisten Eltern warten nicht dankbar darauf, dass man sie auf ihre “Erziehungsfehler” aufmerksam macht; die meisten Lehrerteams arbeiten an der Belastungsgrenze; viele Schulleitungen ersticken in bürokratischen Anforderungen; die meisten psychosozialen Institutionen (auch die nicht erwähnten psychotherapeutischen Praxen) verwalten eher eine chronische Mangelsituation (als dass sie sich voller Eifer auf die nächste Kontaktaufnahme freuen). – Vernetztes Arbeiten (mit Jugendämtern und Beratungsdiensten) ist nicht immer ein Quell der Freude; hier warten auch Missverständnisse, Verantwortungsdiffusion und Konflikte um Zuständigkeiten.
Natürlich kann man von einer Einführung in die fachlichen Angebote der Schulpsychologie nicht erwarten, all diese Fragen zu thematisieren (oder gar zu klären). Es könnte nur sein, dass KELLER insgesamt doch eine etwas zu geordnete und heile Schul-Welt vermittelt, die mit dem Erleben von Lehrkräften in akuter Bedrängnis nicht sehr gut übereinstimmt. Das im Auge zu haben, hätte dem Buch sicher sehr gut getan. Auch fehlen ein paar Hinweise darauf, wo die Abgrenzungen zwischen eigenständigen Maßnahmen und der Einbeziehung anderer Dienste liegen sollten – nicht zuletzt auch aus juristischer Perspektive.
Vielleicht profitieren ja tatsächlich eher die PsychologInnen selbst (insbesondere Berufseinsteiger/innen) von diesem Buch: Sie finden dort jede Menge Checklisten für den Arbeitsalltag. Und sie müssen ganz sicher nicht befürchten, dass sie durch Lehrkräfte überflüssig werden, die dieses Buch schon selbst gelesen haben.