
Deutschlands bekanntester Philosoph nennt sein neues KI-Buch selbst einen “Essay”. Das trifft die Sache recht gut: PRECHT legt hier kein strukturiertes und systematisches Sachbuch vor, sondern er bietet – z.T. recht persönliche – Betrachtungen zum Themenbereich “KI und Kultur” an.
Eine private und emotionale Färbung bekommt der Text durch die Rahmenhandlung: PRECHT ordnet parallel zum Verfassen dieses Buches den kulturellen Nachlass seines Vaters (der seit einiger Zeit an Alzheimer erkrankt war und inzwischen – nach Fertigstellung der Publikation – verstorben ist). Inhaltlich dienen die Vater-Bezüge als eine Art Maßstab für die Entwicklungen, die PRECHT der KI-Zukunft zuschreibt: So ziemlich alles, was das kritische Denken, den Wissenserwerb, das Durchdringen/Verstehen und das Integrieren in ein persönliches Weltbild ausmachte, sieht der Autor massiv bedroht.
Natürlich besteht kein Zweifel daran, dass dieses Buch eine anregende Lektüre ist. PRECHT macht weite Ausflüge in die Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte und demonstriert dabei seinen umfangreiches philosophischen und literarischen Fundus. Dabei vertieft man als Leser/in ganz nebenbei sein kulturgeschichtliches Allgemeinwissen auf eine fast spielerische Art.
PRECHT garniert seinen bildungsbürgerlichen Nachhilfeunterricht immer wieder mit kunstvollen Formulierungen, denen man zwar anmerkt, dass sie auf Effekt getrimmt sind – die aber trotzdem Vergnügen bereiten.
PRECHT ist ein Technik-Skeptiker; das hat er schon in mehreren Publikationen bewiesen. Was man von ihm nicht erwarten kann, ist eine abgewogene Beurteilung von Chancen und Risiken der KI-Revolution. So wird sich eine Leserschaft abgeholt und bestätigt fühlen, die in dem Angebot der KI-gestützten Wissensvermittlung in erster Linie einen gravierenden Verlust sehen: an den eigenen kognitiven Prozessen, die Informationen erst zu der Bildung machen, die eingebettet, vernetzt und integriert in den persönlichen Erfahrungsschatz ein echtes Welt- Verstehen ermöglicht.
Doch nicht alles, was PRECHT dort zusammenträgt, ist wirklich überzeugend:
So leitet er wiederholt die vermeintliche Begrenztheit der von KI-Systemen generierten Informationen aus ihrer technischen Grundstruktur ab. Dabei begeht er den Fehlschluss, dass Erkenntnisse, die letztlich auf statistischen Algorithmen beruhen, prinzipiell keine echtes Verstehen beinhalten oder vermitteln könnten. So, als ob nur beliebige Assoziationen zusammengetragen würden, denen jede Tiefe und jede echte Begründung fehlen müsste. Warum – so fragt man sich – sollten denn die in Milliarden von Texten enthaltenen (zunächst menschlichen) Verstehensleistungen nicht in den Output gelangen?
Eine weitere Verkürzung findet sich in der Überzeugung PRECHTs, dass – insbesondere die jüngere Generation (die keine analoge Grundbildung mehr genossen hat) – der oberflächlichen Instant-Information der KI vermeintlich hilflos ausgeliefert wäre. Dabei unterschätzt der Autor m.E. sowohl die Kreativität (eines Teils) der jungen Leute, als auch die (bereits laufenden) didaktischen Anstrengungen, einen kompetenten und souveränen Umgang mit dem neuen Werkzeug zu vermitteln.
Ebenfalls neigt PRECHT dazu, die spezifischen Möglichkeiten von KI-Tutoren systematisch zu unterschätzen: Weder ist die Rede von den geradezu grenzenlosen Möglichkeiten der Individualisierung von Lernprozessen; noch wird erwähnt, dass man natürlich auch gezielt genau die Kompetenzen trainieren kann, die angeblich dem KI-Zeitalter zum Opfer fallen: das kritische Nachfragen, das kontroverse Argumentieren, den sokratischen Dialog, das Sich-Selber-Infragestellen. KI kann nicht nur verdummen, sondern auch sehr schlau machen – und zwar eben nicht nur an der Oberfläche!
Natürlich entwerten diese (und ähnliche) Einseitigkeiten nicht die Grundaussagen dieses Buches; sie zeigen aber, dass hier nicht nur Informationen, sondern auch Meinung angeboten wird. Das ist in einem Essay auch legitim – und wird auch vom Autor selbst nicht verschwiegen.
Insbesondere die Einbettung in die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge – Stichwort “kultureller Kapitalismus” – weitet die Perspektive und macht auf extrem problematische gesellschaftliche und geopolitische Risiken aufmerksam. Hier geht es um die extreme Machtkonzentration im Silicon-Valley und in China – und damit um weit mehr als um die vermeintlich kulturgefährdenden Algorithmen der KI.
Auf dieser großen Linie fällt es tatsächlich schwer, sich dem pessimistischen Blick des Autors zu entziehen. So ist es keine Überraschung, dass die positive Utopie einiger Technik-Enthusiasten, die sich in einer moralisch fundierten KI-Weltregierung sogar eine Überlebenschance für die Menschheit erhoffen, hier keinen Raum gefunden hat.
Ohne Zweifel ist diesem KI-kritischen Buch ein kommerzieller Erfolg sicher. Schade, dass es in einigen Bereichen nicht ein wenig ausgewogener daherkommt.
Den alten weißen/weisen Männern fehlt vielleicht manchmal doch eine Spur jugendliche Aufbruchstimmung…
Der Bezug zu meinem Web-Projekt “WELTVERSTEHEN”:
Die größte Nähe besteht zu der Themenseite “KI“. Hier finden Sie die Einbettung in einen größeren Zusammenhang und weitere inhaltliche Hinweise bzw. Anregungen.
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