
Gut – das Cover ist schon mal keine Meisterleistung – echt gruselig! Und die Titelgebung ist zumindest zweifelhaft. Das Buch von Philipp LAAGE deshalb zur Seite zu legen, wäre aber möglicherweise eine Fehlentscheidung.
Der Reise-Journalist LAAGE wirft einen extrem weiten – und in weiten Teilen auch sehr kritischen – Blick auf das moderne Reiseverhalten seiner Zeitgenossen. Das führt dazu, dass hier wohl jeder Leser, jede Leserin mindestens einen Anknüpfungspunkt findet:
So könnte man z.B.
– mit genussvollem Kopfschütteln auf die absurden Auswüchse des “Instagram-Tourismus” schauen (wo man Schlange steht um das eine “angesagte” Selfie zu schießen und zu posten),
– Verständnis für die Proteste gegen den “Overtourismus” in den Reise-Hotspots (z.B. in Venedig, Barcelona oder auf Mallorca) entwickeln,
– mit guten Argumenten den ökologischen Wahnsinn der Billigflüge zu europäischen Shopping- oder Saufzielen oder den völlig aus dem Ruder gelaufenen Kreuzfahrt-Boom beklagen,
– sich über den Selbstdarstellungs-Wettbewerb der Fernreise-Community amüsieren, die ihren sozialen Status aus der vermeintlichen Einzigartigkeit ihrer Reiseziele und -verläufe abzuleiten versucht,
– sich voller Selbstzufriedenheit der Gruppe der “echten” Reisenden zuordnen, die mit ihren Trips wertige Ziele verfolgt (wie das Eintauchen in eine andere Kultur, den Wunsch nach authentischen Begegnungen oder die Weiterentwicklung eigener Erkenntnisse oder Persönlichkeitsanteile).
LAAGE bietet einen Menge Stoff für die jeweiligen Perspektiven: Er schöpft aus eigenen Erfahrungen (natürlich ist er ein absoluter Viel-Reisender), greift auf aktuelle soziologische Standardwerke (z. B. von ROSA und RECKWITZ) zurück und bezieht sich auf eine beeindruckende Vielfalt von analogen und digitalen Quellen.
Damit hat die Publikation von LAAGE durchaus den Charakter eines populärwissenschaftlichen Sachbuches, dem der Autor aber seine angenehme journalistische Handschrift mit auf den Weg gibt.
Es macht Vergnügen dieses Buch zu lesen – egal, ob man Reise-Fan oder eher Reise-Kritiker ist. Es erweitert auf jeden den Horizont in diesem Themenbereich.
Für Leser, die Veröffentlichungen von ROSA oder RECKWITZ bereits kennen, könnte der Bezug auf diese Quellen ein wenig zu umfangreich (weil redundant) ausgefallen sein.
Das Buch eignet sich perfekt dafür, die eigene Haltung zum Thema bzw. die eigene Motivation (nicht) zu reisen zu reflektieren bzw. zu überprüfen.
Auch wenn das der Autor nicht so direkt formuliert: Es wäre sicher kein Schaden für alle Beteiligten – für Umwelt, Einwohner der Urlaubsziele und für die bewusst und verantwortlich Reisenden – wenn als Ergebnis der ein oder andere Trip schlichtweg unterbleiben würde…
