“Demokratie braucht Religion – gerade jetzt!” von Hartmut ROSA

Bewertung: 2.5 von 5.

Zunächst einmal könnte man dem Autor zugute halten, dass er seiner ersten Version dieses Buches eine – leicht korrigierte – Erweiterung gegönnt hat. Tatsächlich war die Erstveröffentlichung eher eine erweiterte Predigt als ein Diskussionsbeitrag eines seriösen Wissenschaftlers und es ist ein erfreuliches Zeichen, dass er auf entsprechende Rückmeldungen reagiert hat.

Nachdem ROSA es sich beim ersten Versuch – mit dem Abdruck eines kircheninternen Festvortrages – allzu leicht gemacht hatte, erweiterte er jetzt die theoretischen Bezüge zu seinen grundlegenden soziologischen Konzepten und nimmt auch (kurz) Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahre.
Auch dem ganz offensichtlichsten Schwachpunkt seines ersten Textes widmet er sich: Er weist an verschiedenen Stellen darauf hin, dass religiöse Glaubenssysteme sich nicht nur durch Beiträge zu einer “humaneren” Welt auszeichnen, sondern sie historisch nicht nur in Gestalt von Fundamentalismus, Intoleranz, Machtstreben und Absolutheitsansprüchen viel Unheil über die Welt gebracht haben – sondern bis heute mit Einschränkung von Frauenrechten, der Kooperation mit rechtem Populismus und diversen Missbrauchsskandalen verbunden sind.
Es scheint ihm schon ein bisschen peinlich zu sein, das alles in seinem damaligen Gefälligkeits-Statement weitgehend “übersehen” zu haben…

ROSA spannt in seiner Betrachtung folgenden Bogen auf:
– Er beginnt mit einer aktuellen Gesellschafts-Diagnose, in deren Mittelpunkt der (vor allem ökonomische) Zwang zum permanenten Wachstum steht (“dynamische Stabilisierung”). Aus seiner Sicht hat sich diese strukturelle Steigerungs- und Beschleunigungsdynamik längst von den tatsächlichen menschlichen Bedürfnissen und den ökologischen Realitäten abgelöst und wirkt sich auf allen Ebenen destruktiv aus.
– Eingebettet ist dieses dysfunktionale Geschehen in eine allgemeine Grundhaltung zur Welt, die ROSA als “Aggressionsverhältnis” beschreibt: Es geht um Besitznahme, Kontrolle, Ausbeutung, Optimierung, Verwertung, Nutzen, Konkurrenz…
Dieser “rasende Stillstand” hat – laut ROSA – massive Folgen für die individuelle Psyche und das gesellschaftliche Klima – gerade auch für die aktuelle Krise der Demokratie.
– Das weitgehend verlorengegangene “Resonanzverhältnis” zur Welt beschreibt ROSA zunächst mit dem poetischen Bild des “hörenden Herzens”: Es geht dabei darum, “anrufbar” zu sein, also um die Bereitschaft, zuzuhören und mitzuschwingen – statt nur verhärtet andere Positionen abzuwehren. Resonanzerleben setze Lebendigkeit und Verbundenheit voraus – ohne die ein friedliches demokratischen Zusammenleben nicht funktionieren könne. Der Autor weist darauf hin, dass Resonanzerfahrungen nicht “verfügbar” gemacht werden können, sie können nur durch geeignete Rahmenbedingungen und eine innere Haltung erleichtert werden.
– Jetzt kommt die Kirche ins Spiel: ROSA argumentiert, dass die Religionen gut etablierte Räume, Anlässe, Traditionen und Rituale bereitstellen würden, die solche Resonanzerfahrungen anstoßen könnten – die sich also dem “Hamsterrad” der Effizienz und dem Primat der Rationalität und Zwecklogik entgegenstellen würden. Hier fänden Menschen Antworten auf ihre existentiellen Sehnsüchte nach Gehörtwerden und Aufgehobensein.
– Sein Schluss: Da unsere demokratische Ordnung ohne die Fähigkeit und Bereitschaft zu einer resonanten (lebendigen, mitfühlenden) Weltbeziehung zu scheitern drohe, sei die Religion – die dies ja insgesamt befördere – unverzichtbar.

Man könnte sich dem Autor problemlos anschließen, wenn er auf die potentiellen “Beiträge” religiöser Haltungen und Traditionen zu der – dringend notwendigen – Umsteuerung unserer Denk- und Lebensweise hinweisen würde.
Hinsichtlich seiner Formulierung “Demokratie braucht Religion” stellen sich allerdings – auch in dieser aktuellen Ausgabe – einige Fragen:
Warum beschränkt sich ROSA auf nur einige wenige zaghafte Andeutungen, dass es Alternativen zu dem religiösen Weg in Richtung “Resonanz” gibt (z.B. in Natur- und Kunsterfahrungen oder in einem säkularen Humanismus)?
Warum macht er nicht darauf aufmerksam, dass vielen Menschen mit einem rational-wissenschaftlichen Weltbild die religiöse Ebene – aus guten logischen Gründen – inakzeptabel erscheint?
Warum bewertet er den “Irrationalismus” der Religionen eher positiv (als Ansatzpunkt für Resonanzen), ohne zu erwähnen, dass wir die anstehenden Menschheitsprobleme ohne eine fakten- und wissenschaftsbasierte Grundhaltung nicht lösen werden können?
– Kurz gesagt: Warum trägt er – gewollt oder ungewollt – zu dem Alleinvertretungsanspruch der Religionen weiter bei?

Ja, diese zweite Auflage ist deutlich weniger ein reines “Bekenntnisbuch” und mehr ein sachlicher Diskussionsbeitrag. Es bleibt aber ein Rätsel, warum ROSA nicht so konsequent war, auch den Titel und seine abschließende Schlussfolgerung anzupassen (zu relativieren).
Er hätte damit der Religion nichts weggenommen, seinem Renommee als Gesellschaftswissenschaftler aber Gutes getan.

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