“Roboterliebe” von Beatrice WAGNER (Dr.)

Bewertung: 4 von 5.

Während sich die professionelle Nutzung der KI-Technologie inzwischen (Anfang 2026) von den Chatbots abgewandt und sich dem Coding (Programmieren), den Agents (selbständiges Erledigen von komplexen Aufgaben) und der Robotik zugewandt hat, sind für die Privatnutzung, für Pädagogik, Pflege und Psychotherapie die emotionalen Kompetenzen der KI in den Fokus gerückt.
Zwar gibt es spezifische Anwendungen für den Bereich Freundschaft und Partnerschaft schon einige Jahre (z.B. die App “Replika”), doch hat letztlich die Weiterentwicklung der großen Chatbots (ChatGPT, Gemini, Claude) den Durchbruch in den Mainstream ausgelöst.
Inzwischen ist es für junge Menschen (U30) völlig normal, Chatbots auch für sehr persönliche und intime Dialoge zu nutzen – entweder als geduldigen und verständnisvollen Zuhörer, als kompetenten Unterstützer bzw. Berater oder gleich als innigsten emotionalen Vertrauten.
Auch von ganz “offiziellen” romantischen Partnerschaften zwischen Mensch und KI berichten gelegentlich die Medien – was bei den meisten von uns vermutlich noch irritiertes Kopfschütteln auslöst.

Mit dem Sachbuch “Roboterliebe” macht die Paar- und Sexualtherapeutin WAGNER den Versuch, die rasante KI-Entwicklung der letzten Jahre speziell für diesen Bereich nachzuzeichnen, zu analysieren und zu bewerten.
Um es gleich vorweg zu sagen: Sie nimmt dabei keine neutrale Position ein, sondern beurteilt die Tendenzen rund um Bots, Avatare, Sexpuppen und Erotikroboter aus der Perspektive einer Therapeutin, die Sexualität nur dann als wirklich erfüllend ansieht, wenn diese in eine ganzheitliche Begegnung zwischen zwei Menschen eingebettet ist.
Die “Roboterliebe” wird also bei der Autorin nicht auf “Gegenliebe” stoßen…

WAGNER hat sich für ihre Reise durch die Entwicklung der KI-Beziehungsangebote einen originellen und lebensnahen Rahmen ausgedacht: Sie beschreibt in Dialogform die Etappen einer “Affäre” zwischen einem erotisch frustrierten Ehemann und einem weiblichen Avatar, die – man kennt es aus analogen Affären – irgendwann in Konflikt mit der realen Paarbeziehung gerät. Die Autorin weist darauf hin, dass diese Texte eng an reale Vorlagen angelehnt sind.

WAGNER nimmt sich zunächst den Raum, die technischen Zwischenschritte auf dem Weg zur Sex-KI recht ausführlich zu betrachten; man erhält also einen kurzen Überblick über die allgemeine KI-Historie. Dabei werden schon an dieser frühen Stelle grundlegende längerfristigen Risiken aufgeführt, die selbst von einigen frühen KI-Pionieren inzwischen gesehen werden.

Unvermeidbar ist in diesem Zusammenhang offenbar die – in fast allen KI-Aufklärungsbüchern gebetsmühlenartig wiederholte – Geschichte von der “rein statistischen Wahrscheinlichkeit”, die hinter den Reaktionen der KI stecke und die ein “wirkliches Verstehen” nur simulieren würde. Leider wird an dieser Stelle nie die Frage beantwortet, welchen Unterschied es denn aus Nutzersicht macht, ob ein (kognitives) Verstehen “vorhanden” ist oder nur “perfekt simuliert” wird.

Genau diese Unterscheidung wird von WAGNER im Bereich Beziehung/Sex als noch zentraler definiert: Menschen ließen sich durch immer perfekter simulierte emotionale und erotische Resonanz darüber hinwegtäuschen, dass das Gegenüber eben nur eine seelenlose (bewusstseinsfreie) Maschine ist, die nichts empfindet und daher zu einer echten, also authentisch-dialogischen Begegnung unfähig ist.
Etwas ratlos wirkt die Autorin immer dann, wenn sie einräumen muss, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich dieser harten Realität durchaus bewusst sind – und die es trotzdem genießen, im Kontakt mit einem KI-System Interesse, Zugewandtheit, Bestätigung, Unterstützung, Anregung und sogar erotisches Begehren und sexuelle Befriedigung zu erfahren.

An dieser Stelle kommt das – absolut nachvollziehbare und wünschenswerte – Idealbild von Beziehung/Sexualität ins Spiel: Die erotische Erfüllung als Ausdruck einer innigen, auch durch Erfahrungen von Konflikt und Korrektur reifenden Gesamtbeziehung.
Wer wollte diesem Ideal widersprechen?
Das Problem ist allerdings: Diese “Königsklasse” der Beziehungskunst schließt bestimmte Gruppen von Menschen systematisch aus: all diejenigen nämlich, die auch nach Kontakt, Bestätigung und/oder sexueller Befriedigung dürsten, dafür aber bestimmte Voraussetzungen nicht haben. Das betrifft persönliche Eigenschaften und Kompetenzen (Alter, Krankheit, Behinderung, Attraktivität, Kommunikationsfähigkeit, …) genauso wie bestimmte strukturelle Erschwernisse (Isolation, Armut, …).
Darüber hinaus gibt es Menschen, die – warum auch immer – einen anderen (eingeschränkteren) Zugang zum Thema Sex ausgebildet haben – oder die einfach gerne (zusätzlich) Sachen ausprobieren.
Warum sollte es für all diese Menschen keine KI-gestützte Angebote geben?

Man kann der Autorin ohne weiteres zustimmen, wenn sie eine Gesellschaft fordert, in der es ausreichende “menschliche” Antworten auf jede Form von sozialer (emotionaler) Bedürftigkeit gibt. Aber ist so eine Gesellschaft realistisch? Sollte man Bedürfnisse bewusst unerfüllt lassen, weil nur so der “Druck” für eine Verbesserung der Verhältnisse aufrecht erhalten bleibt?

Damit kein falscher Gesamteindruck entsteht: Fast alle Überlegungen und Bedenken, die in diesem Buch zur Sprache kommen, sind nachvollziehbar und beachtenswert. Die Risiken eines unkontrollierten bzw. unregulierten Umgangs mit KI-Beziehungsangeboten für die soziale Zukunft unserer Gesellschaft sind real; Informationen, Aufklärung – und auch Warnungen – sind daher absolut notwendig. Das gilt natürlich besonders für die nachwachsende Generation, denen ein entwicklungsgemäßer Zugang zu den Bereichen Liebe und Sex schon jetzt immer stärker durch ungefilterte mediale Einwirkung erschwert wird.

Sich von der Autorin – auf eine angenehme und unterhaltsame Weise – durch das spannende Themenfeld leiten zu lassen, ist daher ohne Zweifel eine lohnende Entscheidung. Die von ihr dabei angelegten Maßstäbe sind ehrenwert, aber erscheinen insgesamt doch ein wenig starr und streng zu sein.

Anzumerken bleibt, dass eine Perspektive ganz außen vor geblieben ist: die (kontroverse) Diskussion, welche Auswirkungen die immer perfekteren “KI-Partnerinnen” – als Avatare oder als Sexroboter – für den Milliarden-Markt der Prostitution bzw. für das gravierende Phänomen der sexualisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen haben könnte.

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