“Diese gottverdammten Träume” von Richard Russo

Es hat einige Jahre gedauert, bis dieser 2001 erschienene Roman ins Deutsche übersetzt wurde – obwohl er den angesehenen Pulitzer-Preis erhalten hat.
Mich hat er neugierig gemacht, weil ich schon immer einen gewissen Drang hatte, die amerikanische Denk- und Lebensweise zu ergründen. Und genau das sollte angeblich in diesem Werk geschehen.

Erzählt wird die Geschichte einer US-Kleinstadt in Neuengland, also an der Ostküste. Das Hintergrund-Thema ist der allmähliche wirtschaftliche Niedergang einer ehemals prosperierenden Gemeinde, der aus zwei Perspektiven persönlich in den Fokus genommen wird: Aus der Sicht der prägenden Unternehmer-Dynastie, deren Fabriken einst entscheidend für den Wohlstand der ganzen Stadt waren, und durch das Alltagsleben einer Familie, die sich in dem typischen Kleinstadt-Milieu mit ganz privaten Problemen befassen muss.

Der Handlungsverlauf – der durchaus einen gewissen Spannungsbogen aufmacht – speist sich aus den Querbezügen zwischen den beiden Familien-Systemen, die es sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene gibt.

Was macht diesen Roman lesenswert (hörenswert)?
– Die ca. 10 Hauptfiguren sind differenziert und insgesamt psychologisch sehr stimmig gezeichnet. Man lernt sie wirklich gut kennen und wird Schritt für Schritt mit in ihr Leben mitgenommen. Der Autor lässt sich Zeit dafür, beschreibt Situationen und Interaktionen mit einer ausgeprägten Liebe zum Detail und zu atmosphärischen Feinheiten.
– Die Themen decken ein weites Spektrum dessen ab, was Menschen umtreibt: Konflikte zwischen den Generationen, Liebe und Trennung, Schuld und Wiedergutmachung, Geheimnisse und deren Langzeitfolgen, usw..
– In weiten Teilen des Buches geht es nicht um spektakuläre Ereignisse, sondern um den Alltag – der allerdings scharfsinnig und aufmerksam ausgeleuchtet wird.
– Durch die eher ruhige, unaufgeregte  Erzählstruktur schafft es der Roman, den Leser immer weiter eintauchen zu lassen in den beschriebenen Ausschnitt des amerikanischen Seins. Wenn man durchhält, entsteht irgendwann so ein Gefühl, wie wir alle es aus guten Büchern kennen: Man wird ein Teil des Geschehens und merkt am Ende, dass man sich fast ein wenig eingerichtet hat in dieser anderen Welt…

Was ist schwierig?
– In gewisser Weise ist das Buch eben sehr amerikanisch. Wer sich für die Alltagskultur der USA nicht interessiert, der könnte Überdruss empfinden – angesichts der wiederkehrenden Schilderungen typischer Gewohnheiten.
– Detailverliebtheit kann auch zu Längen führen. Davon ist dieser Roman sicher nicht ganz frei.
– Einige wenige Figuren sind vielleicht ein wenig zu eindimensional geraten. So kann man wirklich nur mühsam nachvollziehen, warum die Ehefrau der Hauptperson der Geschichte an diesen neuen Partner (und dann auch Ehemann) gerät – der so offensichtlich gar nichts zu bieten hat.

Und die Bilanz:
Für mich war es lohnend. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich so ein Buch mal eben zwischendurch “weghören” kann, ohne gleich mehrere kostbare Wochenenden oder einen halben Jahresurlaub darauf verwenden zu müssen. Wenn man im Jahr nur fünf Bücher schafft, dann würde ich nicht unbedingt diesen Roman auf die Liste setzen. Wenn man die Muße hat, sich immer mal wieder in andere Lebenszusammenhänge hineinzulesen, ist er durchaus eine Empfehlung.

“Eine bessere Welt – Die Abnormen 2” von Marcus Sakey

Eigentlich lese ich ja keine Thriller. Ich verstehe nicht so recht, warum so viele Autoren und Leser daran Interesse haben, interessante Geschichten bzw. anregend ausgestaltete Figuren immer wieder in einen Kontext von Kriminalität, Gewalt oder Horror zu stellen. Warum selbst so begnadete Erzähler wie Stephen King einfach von diesem Genre nicht lassen können.
Es ist mir übrigens genauso schleierhaft, warum ausgerechtet die TATORT-Serie seit Jahrzehnten als ein gelungenes Spiegelbild unser gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachtet wird. Als ob es ohne einen Mord als Auftakt keine treffenden und unterhaltsamen Einblicke in unser Leben gäbe. Als ob verschiedene Teams von Sozialarbeitern oder Reportern sich nicht mindestens genauso gut dafür anböten, gesellschaftliche Trends und komplexe Persönlichkeiten bzw. deren Beziehungskisten abzubilden.

Diesmal geht es aber tatsächlich um einen Thriller. Er hat mich thematisch angesprochen und er hat mich beim Lesen so gepackt, dass ich das Nachfolgebuch gleich hinterher gelesen habe.
Wie konnte das passieren?

Zuerst zum Thema:
Es geht um den Konflikt zwischen den Normal-Menschen und einer kleinen Gruppe von „Genialen“. Seit einem bestimmten Zeitpunkt – so der Rahmen der Geschichte – werden ca. 10 % der Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten geboren. Diese „Genialen“ unterscheiden sich dann nochmal in dem Ausprägungsgrad ihrer extrem erweiterten Kompetenzen im Bereich Wahrnehmung, Intelligenz, Kreativität, Körperbeherrschung, usw..
Erzählt wird, wie sich aus ersten gesellschaftlichen Spannungen allmählich ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft wird. Wobei diese Zuspitzung nicht nur aus der Ausgangslage hervorgeht, sondern von machtgierigen Einzelpersonen befeuert wird.
Mich reizte an dieser Thematik die Nähe zu der Diskussion um Transhumanismus, also um die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten mit Hilfe von Gen-Technologie und digitaler Mensch-Maschine-Systemen. Viele Forscher sind ja ernsthaft der Meinung, dass schon in 20 bis 30 Jahren eine Elite von genmanipulierten Super-Wesen entstehen könnte, die den „Homo Sapiens“ hinter sich lassen und eine neue Gattung bilden könnten. Über die moralischen und politischen Implikationen einer solchen Entwicklung wird schon eifrig diskutiert – nicht nur von vermeintlich durchgeknallten Silicon-Valley-Phantasten, sondern auch von ganz seriösen Philosophen.
Also erschien mir das Szenario dieses Buches vielversprechend: Ein Science-Fiction-Thriller zum Thema „Übermenschen“ – warum nicht?!.

Und die Umsetzung?
Ich muss zugeben: Da bin ich letztlich dem ganz normalen Strickmuster einer Heldengeschichte „Gut gegen Böse“ verfallen. Ja – es gibt jede Menge Klischees aus dem Standard-Baukasten der konventionellen Spannungs-Literatur (wenn man diesen Begriff wirklich benutzen will). Und es gibt auch jede Menge Gewalt: „böse“ und „gute“ Gewalt.
Alles wie immer: Man identifiziert sich mit dem Helden und seinen Liebsten; wundert sich, was einzelne Menschen alles leisten können und ist immer wieder überrascht, welche vielfältigen Komplikationen einem guten Ausgang entgegenstehen können. Und wie böse die Bösen sein können.
Kurz gesagt: Wenn man sich einmal eingelassen hat, ist es einfach spannend.
Der Autor ist ohne Zweifel ein Profi; er versteht sein Handwerk.

Für mich war das Lesen dieser beiden Bücher (das erste Buch der Trilogie habe ich ausgelassen; man bekommt den Inhalt ausführlich genug erzählt) eine gute Erfahrung. Ich habe mich drei Tage gut unterhalten gefühlt und konnte meine manchmal etwas hochnäsige Haltung gegenüber den „Thriller-Süchtigen“ mal ein wenig relativieren: Es darf tatsächlich auch mal was anderes als seriöse Belletristik oder ein Sachbuch sein.

“Der Trafikant” von Robert Seethaler

Ein kleines aber feines Stück Literatur!

Ich bekam den Trafikanten in die Hände, als ich mich Weihnachten mit Freunden über die bevorzugte Literatur der letzten Zeit austauschte. Ich hatte von dem Autor und dem Titel zuvor nichts gehört.

Die Geschichte spielt in dem von den Nazis besetzten Wien. Ein junger Mann wird aus der verarmten österreichischen Provinz zu einem Verwandten in die Hauptstadt geschickt, um dort in einem Zeitungskiosk auszuhelfen. Er lernt das zunehmend von Gewalt und Antisemitismus bestimmte Alltagsleben aus dieser speziellen Perspektive kennen. Er verliebt sich unglücklich. Und er trifft einen schon kränkelnden alten Herrn: Professor Sigmund Freud.

Aus diesen Zutaten entsteht ein leiser, unaufgeregter Roman. Eine Milieustudie, die sich ganz auf die Seite der kleinen, rechtschaffenden Leute stellt. Es sind alltägliche Mühen und bescheidene Sehnsüchte, die das Leben bestimmen. Zu den persönlichen Enttäuschungen kommt die Willkür und Brutalität der Besetzer und ihrer einheimischen Helfershelfer.  Während Freud – mit dem eine seltsam anmutende kleine Freundschaft entsteht – schließlich mit seinem Hausrat emigrieren kann, sind die Durchschnitts-Menschen, die ihre Anständigkeit bewahren wollen, dem System wehrlos ausgeliefert.

Es gibt keine großen Helden in diesem Roman, nur kleine mutige Gesten. Auch kein Sieg des Guten. Aber man erhält einen sehr authentisch wirkenden Einblick, wie sich Geschichte von unten anfühlt.

Die, die wir heute so selbstverständlich (und manchmal auch eitel und selbstverliebt) mit der Optimierung unserer Karrieren, Beziehungen und Körper beschäftig sind, werden mal für einige Stunden darauf gestoßen, wie Leben auch verlaufen könnte. Unter anderen Bedingungen. Auf die wir genauso wenig Einfluss haben würden, wie der Trafikant es hatte.

“Der Ernährungskompass” von Bas Kast

Nein, ich schließe mich nicht einer Diät-Mode oder einer Ernährungs-Ideologie an. Ich finde auch nicht, dass bewussteres Essen jetzt das wichtigste Thema überhaupt wäre.
Ich berichte nur über ein sehr lesenswertes Buch.

Der Journalist Bas Kast hat etwas getan, was ich als einen wirklich gewinnbringenden Service empfinde: Er hat sehr viele (sicher nicht alle – wie von den Werbetextern etwas großspurig behauptet) Studien ausgewertet, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung auf der einen und Gewichtsreduktion, Gesundheit und Lebenserwartung auf der anderen Seite befassen. Sein Ausgangspunkt war nicht das Bedürfnis, Argumente für eine bestimmte  – von ihm bevorzugte – Ernährungsweise zu sammeln. Kast stellt glaubhaft dar, dass ihm das Ergebnis seiner Recherchen ziemlich egal war: Er wollte nur wissen, wie denn die wissenschaftliche Faktenlage nun tatsächlich aussieht. Vor allem: Wie sich die Widersprüche zwischen den geradezu feindlichen Diät-Lagern – insbesondere zwischen den Aposteln des “möglichst wenig Fett” und des “möglichst wenig Kohlenhydrate” aufklären lassen.

Die Art, wie der Autor seine ambitionierte Aufgabe angeht, ist aus meiner Sicht außerordentlich gut gelungen. Befunde und Zusammenhänge werden unaufgeregt, sachlich und mit einem bemerkenswerten Tiefgang dargestellt und bewertet. Kast nimmt die Leser sogar mit bis in die Feinheiten des Zellstoffwechsels – ohne den roten Faden zu verlieren oder in ein Fachchinesisch zu verfallen.
Wenn man sich auf all die Informationen einlässt, bekommt man sehr viel mehr als ein paar gut begründete Ernährungs-Tipps. Man fühlt sich aufgeklärt; man hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Auch wenn man vielleicht nicht jede Einzelheit abspeichern wird: Es bleibt der Eindruck, hier hat jemand die Materie zu durchdringen versucht und hat einen Weg gefunden, dies nachvollziehbar zu vermitteln.
Sympathisch ist dabei, dass Kast auch mit Unsicherheiten und Widersprüchen umgehen kann. Er steht dazu, wenn nur vorläufige Aussagen möglich sind. Er macht deutlich, wenn er – bei einer unklaren Datenlage –  seine persönlichen Schlussfolgerungen zieht. Er missioniert nicht, hat aber den Mut zu klaren Empfehlungen.

Natürlich werde ich an dieser Stelle keine Zusammenfassung der Ratschläge geben; das kann man an anderer Stelle nachlesen. Es geht auch gar nicht so sehr darum, dass man so viel Neues lernt (für mich war es trotzdem eine ganze Menge). Ich habe am meisten davon profitiert, dass die Art des Umgangs mit dem Modethema Ernährung so erfrischend un-ideologisch und damit überzeugend und motivierend ist.

Auf meine persönliche Ernährungsgewohnheiten hat dieses Buch – zumindest in dem bisherigen Beobachtungszeitraum – mehr Einfluss gehabt als alles, was ich jemals zuvor gehört oder gelesen habe.
Gibt es für ein Ratgeber-Fachbuch ein größeres Kompliment?

“Winklers Traum vom Wasser” von Anthony DOERR

Was für ein Buch! Was für ein Schriftsteller!

Vor ca. zwei Jahren begeisterte mich ein Buch über das Schicksal eines blinden Mädchens unter dem Nazi-Regime. Ihr Vater hatte sie auf die anstehende Trennung von ihm dadurch vorbereitet, dass er ihr ein detailgetreues Modell des Ortes gebaut hat, in dem sie den Krieg überstehen sollte. Sie konnte sich – nach entsprechendem Training – auf dieser Basis auch alleine orientieren und so letztlich überleben.
Eine irre Idee, ein gewaltiges und extrem bewegendes Buch (“Alles Licht, das wir nicht sehen”). Der Autor: Anthony Doerr.
Damals schrieb ich noch keine Rezensionen.

Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat, mich einem anderen Werk des Autors zuzuwenden. Jedenfalls ist mir jetzt klar geworden: Ich werde alles von diesem Menschen lesen! Der Mensch ist für mich ein Genie!

Jetzt endlich zum Buch:
Der Roman über den Hydrologen (also Wasser- und Wetterwissenschaftler) David Winkler erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte seines Erwachsenen-Lebens (mit kleinen Ausflügen in die Kindheit).
Er – und so auch das Buch – kommt von dem Thema “Wasser“ nicht los. Wasser ist das verbindende Element des Buches und seiner Geschichten über etwas mehr als eine handvoll Personen, deren Leben kunstvoll miteinander verwoben werden.
Wasser in all seinen Aggregatzuständen (bevorzugt auch als Schnee), und Wasser in all seinen Funktionen: von der Quelle des Lebens in jeder Körperzelle bis zur vernichtenden Flut.

Winkler ist ein Sonderling. Er geht ungewöhnliche Wege, trifft ausgefallene Entscheidungen, die er dann mit einer befremdlichen Konsequenz verfolgt. Er lässt sich auf eine manchmal autistisch wirkende Art kompromisslos ein – manchmal bis zur Grenze der Selbstvernichtung.
Für Winkler verschwimmen (Achtung Wortspiel, es geht immer um Wasser) immer wieder mal die Grenzen zwischen Realität und Traum. Bestimmte Bilder verfolgen ihn viele Jahre, ohne dass er sicher ist, welche Welt die Quelle darstellt. Winkler macht schon früh die Erfahrung, dass seine Träume plötzlich zur schrecklichen Realität werden können. Das könnte enorme Gefahren beinhalten…

Warum sollte uns das sehr besonders verlaufende Leben dieses David Winkler interessieren?
Nun, weil es in diesem Buch nicht nur um Wasser, sondern auch um Menschen geht. Insbesondere um familiäre Beziehungen, um deren Entstehen, deren Verlust und die nie endenden Sehnsucht, wieder in sie zurückzufließen.

Winklers Leben verläuft in Extremen, überspannt fast den gesamten Globus. Er scheint zwischendurch sein Ziel aus dem Auge zu verlieren. Aber er macht nur Pause. 25 Jahre….

Sprachlich ist dieser Roman ein Leckerbissen, ein Juwel.
Man wird geradezu gezwungen, sich dem Tempo der Geschichte und ihrer Figuren anzupassen. Man kann nicht hinweghüpfen über die Situationen und Bilder. Man muss eintauchen. Man wird festgehalten, wie von einem Sog. Es geht in die Tiefe, in die Intensität.
Es schneit nicht einfach, Schneekristalle werden zu individuellen Kunstwerken deren Struktur es zu entschlüsseln und festzuhalten gilt.
Es gibt einen Handlungsfaden – aber wer dieses Buch nur liest, um zu erfahren wie es ausgeht, hat es gründlich verpasst.
Wenn es diesen Titel nicht schon seit Jahrzehnten gäbe, könnte das Buch auch “Die Entdeckung der Langsamkeit“ heißen.

Sich auf dieses Buch einzulassen, verspricht ein echtes Erlebnis. Vielleicht mit ein paar Stellen, die Ungeduld auslösen. Weil die Detailverliebtheit überschwappt – bei Winkler oder bei Doerr.

Aber ich verspreche ein großes Lesevergnügen und einen langfristigen Gewinn. Man will dieses Buch nicht nicht gelesen haben. (Oder gehört. Das Hörbuch ist sehr zu empfehlen).

(Übrigens: Das Buch kommt fast vollständig ohne Sex and Crime aus.)

“Quest” von Andreas ESCHBACH

Bisher  bin ich weitgehend nach der Regel verfahren: „Einmal Eschbach, immer Eschbach“ (z.B. Ausgebrannt oder NSA). Diesmal war das ein Fehler.

Das will ich kurz begründen.

Das Buch “Quest” stellt eine Mischung zwischen klassischer Fantasy-Literatur und Science-Fiction dar. So wie ich finde, eine gründlich misslungene Mischung.

Eschbach versetzt seine Leser in eine ferne Zukunft, in der unvorstellbare Entfernungen mit Hilfe völlig neuer, den Prinzipien unserer Physik widersprechenden Antriebstechnologien überwunden werden können. Große Bereiche des Universums sind durch raumfahrende Wesen erforscht und zum Teil auch besiedelt worden. Da alles Leben im Weltall einen gemeinsamen Ursprung hat, hat es sich auch erstaunlich gleichförmig entwickelt. Vieles, was da kreucht und fleucht, ist ziemlich menschenähnlich.

Soweit, so gut! Das könnte ja eine Ausgangsbasis für interessante Geschichten darstellen.

Doch was fällt dem sonst so kreativen Eschbach dazu ein: Billige Versatzstücke irgendwelcher Heldenepen. Novizen, die in einem monströsen Tempel die Wissensschätze der Menschheit bewachen und später große Bedeutung erlangen (dabei natürlich auch kurz die Freuden der Liebe kosten dürfen). Sternenkaiser, die die Macht über das gesamte Universum erobern (oder verteidigen) wollen. Einsame edle Kämpfer, verdammt zur Unsterblichkeit – und damit leider nicht zu echter Liebe fähig. Vorbildliche Heilerinnen, die auf dem Weg zu von anderen missachteten Patienten von der Leiter fallen.
Wenn es nicht so traurig und trostlos wäre, könnte man wenigstens lachen.

Welches Gesellschaftsmodell hat sich diese technisch so unglaublich überlegene Kultur wohl ausgesucht? Man mag es kaum glauben: Ein Kastensystem, in dem die – qua Geburt – Edlen herrschen, ein kleiner Mittelbau durch Leistung zumindest ein wenig glänzen kann und eine große Mehrheit Niederer in Unfreiheit und Perspektivlosigkeit gehalten wird.
Tolle Aussichten.

Und was machen die Tausende von Niederen auf einem Hyper-Super-Riesen-Raumschiff den ganzen Tag? Jedes Schulkind würde sich schämen, so etwas zu schreiben: Sie sind Reinigungskräfte, Mechaniker, Bedienungspersonal. Willkommen in einer fernen Zukunft!

Es geht so unglaublich und fantasielos weiter: Was tut man, wenn eines der galaktischen Antriebssysteme Schaden gelitten hat? Man bastelt per Handarbeit (tatsächlich mit dem Werkzeug von Klempnern) aus zwei kleinen ein großes neues Hyper-Maschinchen. Und wenn es nicht ganz passt, dass gibt’s noch ein mit dem Hämmerchen…

Natürlich muss dieser Nonsens noch spirituell-philosophisch aufgeladen werden. Es geht um die großen letzten Fragen. Gibt es einen Gott und was hat er sich wohl dabei gedacht? Was ist mit dem Sinn von ALLEM?

Meine Antwort: Dieses Buch ist jedenfalls grober Unsinn! Lieblos zusammengezimmert. Fast eine Unverschämtheit. Wer ein Zukunftsbuch schreibt und sich dabei weniger Gedanken über Roboter oder künstliche Intelligenz als über die diplomatischen Umgangsformen zwischen Edlen macht, hat wohl mehr als das Thema verfehlt.
Wer das klassische Fantasy-Publikum bedienen will, sollte sich vielleicht nicht so weit in die Zukunft vorwagen.

Eigentlich gibt es nur eine Erklärung: Eschbach hat seinen Namen verkauft und jemand anderes hat dieses Buch geschrieben. Mit dieser Erklärung könnte ich am ehesten leben.
Wo der Mann (der echte Eschbach) doch so tolle Bücher schreiben kann ….

“4 3 2 1” von Paul AUSTER

Darf man sich als Hobby-Rezensent wirklich an so ein Monumental-Werk eines der profiliertesten lebenden Schriftstellers heranwagen?
Ja – man darf. Man darf zu allem eine Meinung haben – dabei erhebe
ich natürlich in keiner Weise den Anspruch, auf irgendwelche literaturwissenschaftlichen Kompetenzen zurückgreifen zu können.

Vermutlich habe ich noch nie so lange ungeduldig auf ein Buch gewartet. Nach dem – von den meisten Kritikern gefeierten – Erscheinen des Romans vor genau einem Jahr wollte ich es gerne als Hörbuch genießen. Irgendwann im Spätherbst habe ich dann aufgegeben: Ich wollte es endlich persönlich kennen lernen! Also doch lesen – ca. 1300 Seiten!

Der beste – und gleichzeitig naheliegenste – Zugang zu diesem Buch ist die Frage nach dem seltsamen Zahlen-Titel. Die Antwort legt die Grundidee und das Grundkonzept dieses ur-amerikanischen Entwicklungsromans offen: Das Leben des Archie Ferguson wird in vier verschiedenen Versionen erzählt. Von einem identischen Startpunkt aus – definiert durch die Vorgeschichte seiner Eltern, deren Herkunftsfamilien und Verwandten zum Zeitpunkt seiner Geburt – ranken vier Lebensläufe bis ins junge Erwachsenenalter. Erzählt wird das überwiegend brav chronologisch in jeweils vier, später drei parallelen Kapiteln (1.1, 1.2, 1.3, 1.4; 2.1 …usw.). Warum irgendwann eine Kapitel-Version leer bleibt, vermag man sich mit etwas Fantasie auszumalen…

Bevor es also überhaupt um Personen, Geschichten und Themen geht, steht schon mal eine sehr prinzipielle philosophische Idee im Raum: Lebensläufe werden durch eine nicht zu überblickende Zahl von Umständen, Gegebenheiten und Zufällen bestimmt. Prinzipiell könnte in einem noch so kleinen Ereignis die entscheidende Weichenstellung für den weiteren Lebensweg stecken. Alles was auf diesem einen Geschehen (Begegnung, Unfall, verpasster Termin, usw.) aufbaut, wäre sonst schlichtweg nicht geschehen. Letztlich könnte sich daraus ein anderes Leben ergeben…
AUSTER beschränkt sich auf vier alternative Erzählungen – er hätte natürlich auch 23 oder 3785 Varianten wählen können. Er spielt in diesen vier Biografien mit dem Verhältnis zwischen Konstanz (bestimmte Bedingungen bleiben ja gleich oder ähnlich) und Verschiedenheit (aufgrund von eingeführten Unterschieden bei Personen und Ereignissen).

In welche Welt führt uns Paul AUSTER? Es ist die Welt der 50iger bis 70iger Jahre im Ostküsten-Amerika. Die Welt des Schmelztiegels, in dem Einwanderer ganz unten anfangen und der nächsten Generation mit viel Einsatz gute Startchancen schaffen. Die Welt des wachsenden Wohlstands einer weißen Mittelschicht, in der bald die Autos, das TV-Gerät, der Grillabend und das Tennis-Match dazugehören. Die Welt der zunehmenden Entfremdung zwischen den Generationen, exemplarisch dargestellt am Kampf um Bürgerrechte für Schwarze und die erbitterte Auseinandersetzung um den Vietnam-Krieg. Die Welt des Baseballs als Kristallisationspunkt für Heldengeschichten und einmalige emotionale Höhepunkte.
Das alles und noch viel mehr ist der zeitgeschichtliche Hintergrund für die handelnden Personen, die in diesem Umfeld leben, sich entwickeln, lernen und lieben.

Mehr als alles andere zeigt uns aber AUSTER seine – so darf man wohl ungestraft annehmen – persönliche Lieblingswelt: die Literatur.
Ferguson befindet sich – letztlich auf allen seinen vier Wegen – im engen Kontakt mit Menschen, die schreiben, die (unglaublich viel!) lesen, die über Literatur unterrichten, die Bücher verlegen, übersetzen, verkaufen, lieben….
Natürlich werden die meisten Fergusons auch selbst Journalisten, Übersetzer, Schriftsteller….
Angesichts der – ungelogen – Hunderten genannten und angepriesenen Autoren und Werken wurde mir schon fast schwindelig. Man bekommt irgendwann das Gefühl, ein hoffnungsloser literarischer Analphabet zu sein – so selbstverständlich wird man mit dem Kanon der relevanten Literatur der letzten 200 Jahre konfrontiert. Und die Menschen (zumindest einige) dort in dem Buch scheinen das alles zu lesen (gelesen zu haben). Unfassbar!

Ja: Es geht auch um Liebe – hetero- und homosexuelle, um Freundschaft, um Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, um das ganze pralle Leben. Aber es ist immer ein intellektuelles Leben, ein Leben von Studenten, Künstlern, politischen Aktivisten.

Ich will mich etwas zügeln und zu meiner Bewertung kommen.
Vielleicht ist es schon durchgeklungen. Meine Begeisterung war und ist nicht ungetrübt.
Bei allem Respekt vor Detailverliebtheit und vor dem intensiven Eintauchen in die minutiöse Beschreibungen von Abläufen und Situationen: Es war mir manchmal einfach zu viel! Zu viel Baseball, zu viel Büchertitel, zu viel Treffen in zu vielen Studentenkneipen, usw.
Um auf den Ausgangsgedanken zurückzukommen: Mir hätte es besser gefallen, wenn sich verschiedenen Wege des Archie Fergusons etwas mehr in die Breite entfaltet hätten, wenn sie mehr unterschiedliche und gegensätzliche Lebensbereiche gestreift hätten.

Trotzdem: Wer Zeit und Ruhe für so einen “Schinken” hat, der wird auch belohnt. Immer wieder stößt man auf Überlegungen und Aussagen, die man gleich notieren möchte – für die Ewigkeit.
Toll ist es auch, wenn AUSTER zur Technik “Buch im Buch” greift: Da seine Hauptfiguren (insbesondere Archie) selbst Schriftsteller sind, werden immer mal wieder Buch-Ideen vorgestellt und zwischendurch mal eben eine originelle Kurzgeschichte eingeflochten. So kann sich ein leidenschaftlicher Geschichten-Erzähler ungebremst austoben!

Genug! Ich denke: Wer bis hierhin gelesen hat, dürfte inzwischen eine Idee davon bekommen haben, ob das ein Buch für den nächsten Urlaub sein könnte (Achtung: Kurz-Urlaube eignen sich definitiv nicht!).

“Die Hungrigen und die Satten” von Timur VERMES

Der aktuelle Bestseller von dem Autor, dessen 2012 erschienener Roman (“Er ist wieder da”) dadurch in die Schlagzeilen und in die Verkaufsregale gelangte, dass er Adolf Hitlers Rückkehr in eine – für ihn verwirrende – Gegenwart zu beschreiben und zu persiflieren versuchte.
Ich habe dieses Buch nie gelesen, weil ich in mir eine – vielleicht altmodisch anmutende – Skepsis gespürt habe, Hitler auf diese Weise zu enttabuisieren oder zu banalisieren. Hitler und Spaß passt für mich irgendwie nicht – das muss vielleicht die nächste Generation hinkriegen…

Doch jetzt geht es um ein anderes Thema, das bzgl. Aktualität und gesellschaftlicher Relevanz kaum zu überbieten ist: Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa.

Auch dieses Buch lebt von einer pfiffigen Idee, auch dieses Buch setzt das Mittel der Satire ein, um – ja …. wozu eigentlich? Um zu unterhalten? Um aufzuklären? Um Denkanstöße zu geben? Um politische Haltungen zu beeinflussen? Wir werden sehen.

Der Plot lebt von der Verknüpfung von drei Themen und Erzählsträngen: Es geht erstens um einen riesigen Flüchtlingstreck, zweitens um das große Geschäft mit Medien (hier am Beispiel eines privaten Fernsehsenders und eines Frauenmagazins) und drittens um die (hilflosen) Versuche der Politik, all dem irgendwie Herr zu werden.
Die entscheidende Verbindung besteht darin, dass der dargestellte große Marsch von Afrika in Richtung Deutschland selbst ein großes, bewusst inszeniertes Medienereignis ist und über viele Monate nach allen Mitteln der Kunst kommerziell gemolken wird. Uns wird – personifiziert durch einen strohdummen, aber extrem populären weiblichen TV-Star, einen Programmdirektor und eine begleitende Frauenblatt-Journalistin – letztlich der Zynismus der Verdummungs-Industrie in immer neuen Varianten vorgeführt. Ach so – natürlich sind auch die meisten Politiker abgezockt und zynisch. Und wenn man genau hinschaut, sogar die führenden Köpfe der Flüchtlings-Bewegung (im wahrsten Sinne des Wortes).
Übrigens: Am Ende läuft nicht alles wie erwartet. Mehr soll hier nicht verraten werden.

Was soll man nun von all dem halten?

Der erste Eindruck: Es gibt von allem sehr viel – manchmal und insgesamt zu viel!
Mit unermüdlichem Erfindungsreichtum arbeitet der Autor sich immer wieder an den gleichen Aspekten ab: Der weibliche Star wird – durchaus mit gelungener Situationskomik – immer wieder neu als naiv, ahnungslos und selbstverliebt entlarvt. Die TV-Macher sind unaufhörlich quotengeil und gehen dabei – nicht nur bildhaft – über Leichen. Und die “Journalistin” liefert immer wieder neue sensationelle und hautnahe Exklusivgeschichten, die vor Kitsch und Klischees nur so triefen.
Das alles ist lustig und manchmal wirklich gut, vielleicht sogar genial auf den Punkt gebracht.
Aber: Wie oft braucht man das?
Um die Mechanismen zu verstehen und sich an der karikaturistischen Fähigkeiten des Autors zu erfreuen, hätte sicher ein Drittel der Beispiele völlig ausgereicht. Gut – der Rest ist dann “mehr desselben” – weil es so spaßig ist…
Das kann man so mögen – dann ist es sicher gute und willkommene Unterhaltung.

Bei einem so brandaktuellen Thema, das unsere Gesellschaft wir kein anderes in den letzten drei Jahren aufgeregt und gespalten hat, darf man vielleicht auch nach der Botschaft fragen. Will uns der Autor etwas sagen? Benutzt er die Mittel der persiflierenden Übertreibung, um uns ein wenig bewusster oder wacher zu machen? Kompetenter im Umgang mit den Herausforderungen?
(Ich habe dazu keine Interviews oder andere Quellen studiert; auch hier leite ich meine Bewertungen nur aus dem unmittelbaren Eindruck ab.)

Ich kann und will dem Autor ein aufklärerisches Motiv nicht absprechen. Das wäre vermessen und vermutlich auch ungerecht. Trotzdem entsteht bei mir als Leser (Hörer) als Grundgefühl etwas anderes. Ich drücke es mal pointiert aus, damit es deutlicher wird (obwohl es auch für mich nur eine Facette ist):
Nutzt nicht dieser Autor das Thema auf seine Weise – nämlich zur Darbietung seiner humoristischen und dramatisierenden Fähigkeiten – nicht letztlich ähnlich aus, wie er das den Medien unaufhörlich vorhält?! Geht er nicht nur einfach eine Ebene höher? Etwas intellektueller?
Oder, anders gesagt: Für mich gerät in dieser extremen Anhäufung von “entlarvender” Komik die Sache selbst aus dem Blickfeld und der Spaß wird zum Selbstzweck.

Ich muss einräumen, dass der letzte Teil des Buches einen etwas anderen Charakter hat, der nicht ganz zu meinem Urteil passt. Aber auch hier geht es um extreme Übersteigerung, die eine Effekthascherei – wie ich finde – deutlich über die Aussage bzw. die Logik der Geschichte setzt.

Man kann über dieses Buch sicherlich trefflich kontrovers diskutieren. Ich freue mich darauf. Zu einem meiner Lieblingsbüchern ist es jedenfalls ganz gewiss nicht geworden.

Eine letzte selbstkritisch Anmerkung: Vielleicht hat sich ja ein wenig Skepsis aus dem (vermiedenen) Hitler-Buch auf dieses Werk übertragen. Man möge es mir nachsehen….



“Das wundersame Leben des Edgar Mint” von Brady UDALL

Auf diesen Roman aus dem Jahre 2001 ist eine gute Freundin zufällig gestoßen. Da er nur doch antiquarisch verfügbar ist, gebe ich hier nur eine kurze Bewertung ab. Der Vollständigkeit halber.

Es ist ein wahrhaft wundersames Leben, über das in diesem Entwicklungsroman – wechselnd zwischen einem Ich-Erzähler und einem “Er-Erzähler” – berichtet wird. Es geht um das Leben eines halb-indianischen Jungen, der “eigentlich” als Kind zu Tode kommt (sein Kopf gerät unter die Räder eines Jeeps). Es gleicht einem medizinischen Wunder, dass er trotzdem überlebt und so die Gelegenheit bekommt, in der Rückschau sein Leben zu erzählen. Sinnvoller Weise hat er schon sehr früh eine Affinität zum Tippen auf einer Schreibmaschine entwickelt, so dass er auf ein riesiges Archiv von Aufzeichnungen zurückblicken kann.
(Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Bücher von Menschen handeln, die selbst auch schreiben….).

Um es kurz zu machen: Da seine Herkunftsfamilie völlig desolat ist, landet Edgar nach einem langen Krankenhausaufenthalt in einer Art Internat, später in einer Pflegefamilie, um dann doch noch den Kreis zu schließen und an die Auslösesituation des Geschehens zurückzukehren. In einer wahrhaft überraschenden Wendung.

Was Edgar auf seinen Stationen erlebt, ist in mehrfacher Hinsicht unfassbar: hinsichtlich der armseligen Rahmenbedingungen, der erlittenen Grausamkeiten, der abstrusen Situationen und der überwiegend völlig abgedrehten Menschen, die seinen Weg säumen. Man kann sich mit den heutigen europäischen Kindeswohl-Maßstäben überhaupt nicht vorstellen, dass ein Kind all dies auch nur ansatzweise überleben könnte.

Wie ging es mir nun mit dem Roman?
Ehrlich gesagt: Es war mir zwischenzeitlich etwas zu dolle. Ich hätte all die Details nicht in dieser überbordenden Beschreibungstiefe gebraucht. Mir hätte vermutlich nichts gefehlt, wenn der Roman statt 470 nur 320 Seiten umfasst hätte.
Trotzdem bin ich froh, dass ich durchgehalten habe. Nicht nur wegen dem wirklich originellen Ende. Ich fand es tatsächlich anregend, einmal auf diese Weise und am Beispiel dieser fremden kulturellen Umgebung damit konfrontiert zu werden, was Menschen (Kinder) so alles aushalten können und wie unglaublich weit weg von unseren “Selbstverständlichkeiten” sich Leben gestalten kann. Das gilt unabhängig davon, wie viel reine Fiktion in diesem Buch steckt. Beim Lesen wird einem einfach bewusst, wie verrückt, extrem und gefährlich Leben auch sein kann, immer war und außerhalb unser geordneten Welt sicher auch weiter ist.
Ich glaube, dass dieses Buch speziell auch Menschen gut tun kann, die selbst ein Leben voller Belastungen und Brüchen hatten oder haben. Die Botschaft ist: Selbst wenn alles noch schlimmer kommt – irgendwie kann es trotzdem weitergehen – und irgendwo wartet vielleicht doch noch eine unerwartete Wendung…

(Sollte sich tatsächlich jemand ernsthaft für das Buch interessieren, kann ich sicherlich ein Ausleihen organisieren).

“Ausgebrannt” von Andreas ESCHBACH

Ich schätze diesen Autor. Er nimmt sich aktuelle und gesellschaftlich bedeutsame Themen vor und bereitet sie mit Hilfe aufwändiger Recherchen und viel Fantasie zu spannenden Geschichten auf. Dabei taucht er mit großer Akribie in technische (wirtschaftliche, historische) Welten ein, nimmt reale Entwicklungen auf und denkt sie mit einer dezenten, aber sehr anregenden  Portion an Science-Fiktion konsequent weiter.

Auch der Thriller “Ausgebrannt” ist so gestrickt: Alles in diesem Roman dreht sich um das Erdöl und um die auf dessen preiswerter Verfügbarkeit basierende Weltwirtschaft.
Es geht zunächst um Menschen und Erfindungen, die das Ziel haben, das Erdöl-Zeitalter möglichst grenzenlos zu verlängern. Dabei bilden reale wirtschaftliche und politische Zusammenhänge den Hintergrund für die agierenden Protagonisten, die ihren privaten Reichtumsträumen nachjagen . Eine besondere Rolle kommt dabei  – wenig überraschend – den Saudis und ihrer Rolle im globalen Poker um das Schwarze Gold zu.
In der zweiten Hälfte der Story ändert sich das Szenario grundsätzlich: Für die Hauptpersonen – aber auch für die ganze Welt – geht das goldene Überfluss-Zeitalter ziemlich unvermittelt zu Ende, so dass jetzt andere Kompetenzen und Erfindungen relevant werden. Dieser weitgehende Zusammenbruch der bisherigen Strukturen wird von ESCHBACH in vielen Facetten anschaulich beschrieben – natürlich wiederum unter Beteiligung der bekannten Figuren.

Meine Meinung:
Die Story selbst hat für mich im ersten Teil einige Längen, hat mich später dann mehr gepackt.
Für mich liegt der Gewinn für den Leser aber an einem anderen Punkt:
Dieser Roman öffnet tatsächlich recht wirkungsvoll den Blick auf die große Verletzlichkeit unseres gesamten realen Wirtschaftssystems, die nicht zuletzt  in der geradezu unfassbaren Abhängigkeit vom billigen Erdöl begründet liegt.
Auch wenn sich für einzelne Annahmen und Schlussfolgerungen sicher handfeste Gegenargumente finden lassen: Die Gedankenlosigkeit, mit der wir mit den Schätzen unseres Planeten umgehen, wird von ESCHBACH am Beispiel Erdöl wirkungsvoll vorgeführt.

Für mich ist das Ganze intelligente Unterhaltung – mit einem Mehrwert an Weltverständnis. Dafür nehme ich ein paar Schwächen in der Story gerne in Kauf.