13.01.2020

Im Iran drücken sehr mutige Menschen ihren Protest gegen das erzreaktionäre Mullah-Regime unter Einsatz ihres Lebens aus.
Was tut Trump: Er twittert seine Unterstützung in der Landessprache Farsi.

Ein tolles Geschenk für die Mullahs! So können sie wunderbar behaupten, dass der Protest vom Ausland ferngesteuert ist und nur den Feinden des Staates nützt.

Das ist Trump im Zweifelsfall egal. Es bringt Punkte im Wahlkampf und lenkt von anderen Themen ab.

“Woodstock” von Michael LANG

Nun ist es doch noch auf deutsch erschienen – das Woodstock-Buch des Festival-Machers. Zehn Jahre nach seinem Erscheinen in den USA.
Wann – wenn nicht jetzt zum 50. Jubiläum – kann man das noch vermarkten?!

WOODSTOCK ist ein zeitgeschichtliches Phänomen – ähnlich wie die erste Mondlandung, die im gleichen Jahr stattfand. Welchem Ereignis man mehr Bedeutung zumisst, das hängt auch in meiner Generation von den persönlichen Prägungen ab.
Es wird wohl niemanden überraschen, dass ich wohl eher auf die Apollo-Mission als auf das legendäre Festival der “Gegenkultur” verzichten wollte…

Man kann das Festival und seine Bedeutung auf ganz unterschiedlichen Ebenen betrachten, analysieren und bewerten. Welchen Blickwinkel man auch immer auswählt: Man hat es immer mit einem Mythos, einer Projektionsfläche, einem ganzen Bedeutungskonglomerat zu tun.
Der Begriff steht nie ganz nüchtern für die drei Tage im August 1969; er ist aufgeladen mit Sehnsüchten, Illusionen, Wehmut, Unverständnis, Ablehnung, usw.

Mal kurz zum Buch:
Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht nach 50 Jahren all die Details, all die Namen von beteiligten Personen, all die Konflikte und Abläufe. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich auf fast 400 Seiten darin vertiefen würde.
Vermutlich wusste das auch der Autor. Er hat diese akribische Darstellung der Planung, des Vorlaufes und der Durchführung dieses Mammut-Events trotzdem geschaffen. Vermutlich, weil er mit Hilfe all dieser Einzelheiten einen authentischen Einblick in die Atmosphäre dieser Zeit geben wollte. Und sicherlich auch, weil er seine Innensicht abheben wollte von den vielen anderen Versuchen, dieses Festival und seine Zeit zu dokumentieren. Hier spricht der wahre Insider, der Macher selbst. Er hat sozusagen das letzte Wort; wer wollte ihm widersprechen?!

Was wird nun in diesem Buch deutlich, das nicht besser und schneller durch den grandiosen Film über das WOODSTOCK-Festival dokumentiert, hörbar und sehbar gemacht wird?
Nun: Es ist mit heutigen Maßstäben kaum vorstellbar, mit welch bescheidenen Ausgangsmitteln dieses Event geplant und vorbereitet wurde. Es ist absolut unglaublich, wie oft das ganze Unternehmen an irgendeinem seidenen Faden hing, der jederzeit zerreißen konnte. Es erscheint kaum fassbar, in welchem Umfang die beteiligten Personen unter einem mehr oder weniger kontinuierlichen Drogeneinfluss standen – und trotzdem irre Sachen auf die Beine gestellt haben.
Wenn irgendwas deutlich wird, dann das kreative Chaos hinter diesem Ereignis.

Mich haben ein Leben lang zwei Dinge an WOODSTOCK fasziniert:
Einmal die grandiosen Auftritte einiger Weltstars der Rockgeschichte (Santana, Joe Cocker, Jimi Hendrix, The Who, Ten Years After, ….); für mich beim Hören und Sehen immer wieder hochemotional besetzt.
Zum anderen die Erfahrung bzw. Botschaft, dass es tatsächlich eine im Kern friedliebende und solidarische Subkultur war, die das Motto “Love & Peace” mit Inhalt gefüllt hat. Ich war – sozusagen persönlich – stolz darauf, dass diese riesige Menschenmenge unter solch chaotischen Bedingungen ein Vorbild an Geduld und Rücksichtnahme war. Nicht zufällig, sondern auf der Basis einer Lebenseinstellung.
Auch das wird natürlich in diesem Buch groß gemacht.

Aus heutiger Perspektive und erst recht nach Lektüre dieses Buches gäbe es natürlich reichlich Grund zu Relativierungen. Zwischen den Machern gab es jede Menge Zoff und Konflikte, viele letztlich gelingende Umstände waren letztlich wohl doch auf Glück und Zufall zurückzuführen.
Das größte ABER: die Drogen!
Egal ob Organisatoren, Arbeiter, Publikum oder Musiker: Ohne massiven Gebrauch von Drogen lief offensichtlich kaum etwas. Mit Drogen ist dabei keineswegs das – damals noch wesentlich sanftere – Cannabis gemeint. Es geht um alle möglichen bewusstseinserweiternde Pillen, insbesondere um LSD.
Vermutlich darf man das wirklich nicht mit heutige Maßstäben betrachten; es war eine andere Zeit…

Manchmal musste ich zwischenzeitlich daran denken, dass all die spießigen Widersacher, die sich gegen die Veranstaltung zu wehren versucht haben, eigentlich ja Recht behielten: Es war nicht gut vorbereitet, es ist aus dem Ruder gelaufen, es wurden riesige Mengen Drogen verkauft und konsumiert, es bestanden erhebliche Risiken für Leib und Leben..

Aber die (Zeit-)Geschichte hat das alles untergepflügt.
WOODSTOCK wurde und blieb ein Symbol für eine friedliche Gegenbewegung zum reaktionären, rassistischen und kriegerischen – zum hässlichen – Amerika.
WOODSTOCK hat eine Legende geschaffen, ein Narrativ für einen Teil der Generation, die jetzt zwischen 65 und 75 ist.
Ich bin jedenfalls froh, dass meine Identität eher von dieser Facette des Zeitgeistes als von Kriegserlebnissen geprägt wurde.

Mein kleines persönliches WOODSTOCK fand im gleichen Jahr (1969) in der Gruga-Halle in Essen statt. In einer Nacht konnte ich – neben vielen anderen – Pink Floyd und Deep Purple live sehen. Ohne die Spur einer Droge, ohne eine Minute Schlaf. Hellwach und konzentriert.
So hätte ich es wohl auch in WOODSTOCK gehalten…

“Der kleine Gehirnversteher” von Karine und Lionel NACCACHE

Ein niedlicher Titel, ein niedliches Cover.
Ein niedliches Buch?

Ich finde nicht!
Das französische Ehepaar legt eine Einführung in den aktuellen Wissensstand über unser Gehirn vor, die durchaus ernst zu nehmen ist und eine Besprechung wert ist.

Die NACCACHEs wenden sich ganz eindeutig an ein breites Publikum. Sie setzen die Eingangsschwelle betont niedrig an und laden den interessierten Laien in einem sympathischen Plauderton zu einem Spaziergang durch die Welt unserer grauen Zellen ein. Das bedeutet aber nicht, dass sie auf dem Niveau eines Schulbuches für die Mittelstufe verbleiben.

Die angebotenen Informationen haben durchaus eine beträchtliche Tiefe und lassen ein schon recht differenziertes Bild über den Stand der Hirnforschung und ihrer Methoden entstehen – bis hin zu den spannenden aktuellen Fragen über die Geheimnisse des Ich-Bewusstseins.

Sie verfolgen dabei eine klare Didaktik: Es werden praktisch keine Vorkenntnisse vorausgesetzt und alles wird schön systematisch aufeinander aufgebaut. Wie häufig in populärwissenschaftlichen Büchern werden Bezüge zu den jeweiligen themenrelevanten Wissenschaftlern eingestreut – damit es nicht ganz so trocken und theoretisch bleibt.
Ein ganz klein bisschen schleicht sich bei der Lektüre (beim Hören) der Eindruck ein, dass die Gehirnforschung eine typisch französische Domäne ist (aber das ist sicherlich nicht beabsichtigt …).

Ein nettes (kein niedliches) Büchlein. Informativ, unterhaltsam, aktuell.
Das menschliche Gehirn ist absolut faszinierend; es gibt keine vergleichbar komplexe Struktur in dem für uns zugänglichen Universum!
Wie schön, dass dieses Buch das auch für ganz normale Leser nachvollziehbar macht!

Nachtrag:
Mir ist inzwischen klar geworden, dass ich bereits ein Buch gelesen und besprochen habe, das als direkte Konkurrenz zu dem Gehirnversteher betrachtet werden kann: “The Brain – Die Geschichte von dir”.
Für mich ist die Wertung klar: The Brain hat die Nase vorn! Insbesondere, wenn man sich speziell für die Fragen von Bewusstsein und Ich-Erfahrungen interessiert.
Der Gehirnversteher ist eine eher allgemeine Einführung, The Brain ein spannendes, faszinierendes Sachbuch über das Gehirn als Basis des Menschseins.

12.01.2020

Habe mich heute über die ZEIT geärgert. In einem längeren Artikel erfolgte eine “Analyse” der Politik von Macron. Diese sei eindeutig und in einem verwerflichen Umfang arbeitnehmerfeindlich und ausschließlich an den Interessen der Wirtschaft und der Reichen ausgerichtet.

Nun bin ich kein Fachmann für französische Sozialpolitik, zugegeben. Aber ich kann es im Jahre 2020 nicht mehr gut ertragen, wenn reflexartig und undifferenziert jede Korrektur auch an unlogischen, nicht mehr zeitgemäßen oder auf Dauer unfinanzierbaren Regelungen nur deshalb in Bausch und Bogen verdammt wird, weil irgendeine Gruppe von Arbeitnehmern oder Rentnern betroffen ist.

Wer zwanghaft jede Maßnahme ablehnt, die Privilegien von normalen Menschen (also nicht Reichen) betrifft und sie prinzipiell mit dem Kampfbegriff “Sozialabbau” (oder “FDP-Politik”) versieht, ist für mich im Scheuklappen-Denken des 19. Jahrhunderts stecken geblieben.

Ja, es kann auch ungerechtfertigte und dysfunktionale Regelungen für ärmere Gruppen geben. Es gibt sicher auch in Einzelfällen Überregulation und Überversorgung. Es gibt auch in unteren Schichten Egoismus und Schmarotzertum. Nicht jede Form von Transfer und Umverteilung ist unter allen Bedingungen sinnvoll, gerecht und logisch. Diese “alte” linke Sichtweise finde ich nicht mehr zeitgemäß.

Eine moderne linke Politik würde für mich bedeuten, dass es weniger um das Umverteilen von privatem Geld geht, sondern dass stattdessen der Staat für eine sehr gute öffentliche Infrastruktur in allen Bereichen sorgt. Bei Bildung, Gesundheit, Umweltschutz, Familienhilfen, Kultur, Verkehr, menschenfreundlichen Städten, usw.

Dafür darf er gerne noch stärker auf das Geld (sehr) reicher Leute zugreifen: durch eine vernünftige Vermögenssteuer, durch eine deutlich verschärfte Erbschaftssteuer und durch ausreichend Personal im Bereich Steuerprüfung und -fahndung.

Dafür gehe auch ich gerne mal auf die Straße. Aber mit Sicherheit ohne gelbe Weste oder rote Fahne.

11.01.2020

Heute bin ich mal echt geplättet! Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Worum geht es? Die iranische Regierung musste heute einräumen, dass das ukrainische Flugzeug vom eigenen Militär versehentlich abgeschossen wurde. Ein offenbar zwangsläufiges Eingeständnis aufgrund klarer Beweislage.

Was passiert? Die Stimmung in der iranischen Bevölkerung kippt von einem Moment zum nächsten und wendet sich aus der einmütigen Solidarisierung gegen die USA in eine Protestwelle gegen den eigenen Lügen-Staat. Unglaublich!

Welch aufgestautes Frustpotential muss da unter der Oberfläche lauern! Die nächsten Tage und Wochen werden sicher extrem spannend. Hoffentlich kommt etwas Gutes dabei raus. Ein demokratischer Regimewechsel im Iran würde neue Vorzeichen für die ganze Region schaffen.

Aber das ist wohl noch ein Traum…

10.01.2020

Frank SCHÄTZING, der deutsche Erfolgsschriftsteller war gestern bei Markus LANZ. Seine Ausführungen zum Klimawandel waren klar, eindeutig und engagiert. Auch wenn ich sein letztes Buch nicht sehr mochte: Sein Auftritt hat mir wirklich gut gefallen. Vielleicht schaut ihr mal in die ersten Minuten rein

09.01.2020

Ich will nicht nur über Politik schreiben. Das Leben besteht auch aus anderen Facetten.

Z.B. Werbung: Seitdem ich meinen TV-Konsum ganz überwiegend aus den Mediatheken unserer öffentlichen-rechtlichen Sender bestreite, bin ich kaum noch mit Werbung konfrontiert. Ein echter Vorteil. Manchmal schalte ich dann aber doch mal auf heute oder Tagesschau.

Was passiert: Ich muss unmittelbar vor Sendungsbeginn die denkbar nervigste Werbung aller Zeiten (gefühlt) ertragen: Irgendwelche halbwegs sympathischen Menschen erzählen dort ganz euphorisch, wie sehr ihnen Kijimea-Reizdarm geholfen hat. In einer so schrecklich auf Natürlichkeit getrimmten Künstlichkeit, dass mir regelmäßig schlecht wird.

Warum muss man im Jahre 2020 noch so eine niveaulose und penetrante Reklame produzieren?

Ich weiß es natürlich: Es kommt nur auf den einhämmernden Wiederholungseffekt an…

Wenn ich mal solche Beschwerden haben sollte, werde ich in der Apotheke sagen: “Geben sie mir irgendwas, wenn es nur nicht Kijimea heißt!”

“Quichotte” von Salman RUSHDIE

Ich bin schon so etwas wie ein Fan dieses Autors, auch wenn seine Bücher alles andere als eine leichte Lektüre darstellen. Im Gegenteil: Sie sind stets eine Herausforderung.
Das liegt vor allem daran, dass RUSHDIE so etwas wie ein “Welt-Intellektueller” ist. Er ist gleich in mehreren Kulturen so verankert, wie das ansonsten sehr belesene und gebildete Menschen mal gerade in einer (ihrer) Kultur schaffen. Er spielt mit dieser kulturellen Vielfalt und springt wie ein Tausendsassa und mit einer scheinbar nie endenden quirligen Energie zwischen den Welten hin und her.
Manchmal bleibt da auch ein wohlmeinender und motivierter Leser auf der Strecke, weil ihm die Luft ausgeht…

Der aktuelle Roman QUICHOTTE ist in gewisser Weise ein Extrembeispiel für diese Art zu schreiben. Um es schon mal vorweg zu sagen: Auch ich bin diesmal nur noch widerwillig bis zum Ende gefolgt.
Ich will kurz darlegen, warum ich mich so schwer getan habe.

Der Plot des Romans ist schon extrem verschachtelt: Der Autor schreibt über einen Autor, der einen Helden schafft (Quichotte), der wiederum selbst teilweise in einer realen und daneben in einer Fantasiewelt agiert. Er (die Kunstfigur des Autors) schafft dann in seiner Vorstellung eine Person (seinen Sohn), der im Laufe des Romans zu einer echten (realen) Person mutiert.
Man könnte auch sagen: Er arbeitet mit Meta-Meta-Ebenen.
Erzählt wird eine Reise von Quichotte quer durch die USA, die das Ziel hat, einen angebeteten TV-Star zu erobern.
Das soll reichen, weil es auf die Handlung wirklich nicht ankommt.

Was ist nun der Sinn von dem Ganzen?

Augenscheinlich geht es RUSHDIE wohl darum, bestimmte Perversionen der amerikanischen Gesellschaft, speziell der Medien-Kultur zu entlarven. Dabei werden auch Themen wie der Promi-Kult, der Medikamenten-Missbrauch und die Suche nach Alternativ-Welten angesichts eines bevorstehenden Weltuntergangs berührt.
Man könnte auch kurz sagen: “Die spinnen, die Amis!”

Doch dieser Roman lebt letztlich weder von der Handlung noch von der Botschaft. Er lebt von der Vernetzung.
RUSHDIE macht, was er am besten kann: Er spielt virtuos mit unglaublich vielen Bezügen auf alle denkbaren kulturellen Inhalte – von der klassischen Weltliteratur (worauf ja schon der Titel hinweist) bis auf die aktuelle Netflix-Serien-Sucht. Der Autor lässt seine Assoziationen sprießen und der Leser versucht mitzuhalten.
Es wirkt wie ein Spiel: Sag mir, wie gut du dich auskennst – und ich zeige dir, wie sehr du von meinem Buch profitieren kannst!
Um es anderes zu sagen: Der Genuss, den RUSHDIE seinen (bestimmten) Lesern bietet, besteht darin, dass sie ihm weiter folgen können als andere. Je vielfältiger kulturell gebildet ein Leser ist (von der Antike bis zum Silicon-Valley), desto mehr Anspielungen versteht er, desto besser fühlt er sich und gehört damit in die RUSHDIE-Welt der intellektuellen Kosmopoliten.
Alle anderen fühlen sich – mehr oder weniger – ausgeschlossen und fragen sich, was das Ganze denn nun soll.

Ich empfehle diese Buch nicht.
Vermutlich, weil ich mich zu oft ausgeschlossen fühlte. Vielleicht hat es mich auch gestört, dass diese Art der Selbstdarstellung (“was ich alles weiß”) in diesem Roman ein wenig zu sehr zum Selbstzweck wird.
Natürlich ist dieser Mann ein Genie. Sein Gehirn muss zum Platzen voll sein mit Wissen und Ideen. Absolut beeindruckend.
Aber dieses Buch muss man trotzdem nicht lesen (oder hören).
Nehmt lieber den vorherigen Roman.

“Terra Islamica – Auf der Suche nach der Welt meines Vaters” von Aatish TASEER

Ich war sehr neugierig auf dieses Buch. Es schien genau im rechten Moment zu kommen. Hatte ich doch gerade die – sehr einseitige und negativ eingefärbte – Sichtweise von SARRAZIN über den Islam als Religion zu verdauen.
Konnte vielleicht – so hoffte ich – dieses literarische Zeugnis aus dem Innern der moslemischen Welt ein positives Gegengewicht schaffen?!

Es konnte nicht!
Und ich will kurz erklären, warum nicht.

Der Autor unternimmt eine Reise, die ihn durch eine ganze Reihe von islamisch geprägten Ländern führt (vor allem Türkei, Iran, Syrien, Pakistan). Er will dem Islam im Allgemeinen und der Haltung seines Vaters zum Islam auf die Spur kommen.
Er scheut bei diesen Versuch keine Mühen und auch keine Risiken. TASEER, der aus einer sowohl indisch wie pakistanisch geprägten Familie kommt, setzt sich einer Vielzahl von Situationen aus, in die ein “normaler” Reisender niemals gelangen würde. Das hat einerseits damit zu tun, dass er als Journalist und Autor unterwegs ist und auf diesem Hintergrund die “schützende Hand” seines Verlages über sich spürt. Zum anderen ist er als Sohn eines bekannten und sehr wohlhabenden pakistanischen Geschäftsmann und Politiker kein Nobody. Dazu kommt sein Spontaneität und sein Mut; erwirkt oft sie ein Grenzgänger, der offenbar ein Vergnügen daran findet, die Erfahrungsoptionen so weit wie eben möglich auszuloten.

Der Autor ist selbst kein gläubiger Moslem; er wurde überwiegend im Westen sozialisiert. Aber der Islam – und dessen Bedeutung für seinen Vater – ist sein Lebensthema. Er möchte erfahren, erspüren, ob die Religion tatsächlich ein Bindeglied zwischen all den Moslems auf der Welt darstellt. Er möchte erkunden, ob es unter dem Schirm des Islam eher eine religiöse, eine kulturelle oder eine politische Gemeinschaft gibt und ob es eine segensreiche verbindende Identität ist.

Was der Autor zur Beantwortung der Fragen bietet ist ein verwirrendes Kaleidoskop von Eindrücken aus einer – für meine mitteleuropäischen Maßstäbe – überwiegend chaotischen, zerrissenen, gewalttätigen und korrupten Welt. In dieser Welt zählen persönliche Loyalitäten, die auf (familiäre oder gruppenspezifische) Zugehörigkeiten, finanzielle Abhängigkeiten oder Macht bzw. Unterdrückung beruhen, alles. Und das gesicherte Bürgerrecht des Einzelnen zählt fast nichts.

Diese Welt, in der sich TASEER auf seiner Reise bewegt, bringt mich dem Islam nicht näher; sie bekräftigt meine Distanz und Skepsis.
Wenn diese “Terra Islamica” das Gegenmodell zum amerikanischen “CocaCola-Imperialismus” sein soll – dann gute Nacht Weltgemeinschaft!

Selbst der wohlmeinende Autor fand sie nicht, die verbindende und heilende Kraft des Islam. Er sieht eher Tendenzen der oberflächlichen Solidarisierung/Ausgrenzung und des politischen Missbrauchs.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass das Buch bereits im Jahre 2010 erschienen ist und damit wichtige Ereignisse – auch in der islamischen Welt – gar nicht mehr berücksichtigen konnte. Ich glaube kaum, dass seine Bilanz ein paar Jahre später besser ausgefallen wäre.

Zum Schluss noch ein Blick auf zwei andere Aspekte:
Die leidvolle Geschichte der Aufteilung des indischen Subkontinents – und damit die Spannung zwischen Indien und Pakistan – stellen ein zweites großes Thema des Buches dar. Wenn man sich für eine sehr persönliche Perspektive dieses – noch immer brandgefährlichen – Konfliktes interessiert, findet man sicher einige Anregungen und Details.
Die Vater/Sohn-Dynamik hat mich nicht gefesselt; ich konnte dem psychologisch kaum etwas abgewinnen.

Insgesamt war das Buch für mich nicht lohnend und ich würde es nicht weiterempfehlen. Letztlich habe ich es nur zu Ende gelesen, weil ich es dann auch rezensieren konnte.

“Das achte Leben (für Brilka)” von Nino HARATISCHWILI

Wie soll man angemessen eine literarische Hör-Reise beschreiben, die einen durch ca. 44 Std. (das entspricht 1300 Seiten) getragen hat? Das kann nur eine vorsichtige Annäherung sein.

Wir haben es mit mit einer mächtigen Familien-Saga zu tun. Mächtig hinsichtlich der beteiligten Generationen und Personen, mächtig auch bezogen auf die Thematik: Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um ein Jahrhundert-Projekt – nämlich die Geschichte der kleinen Nation Georgien und seiner wechselhaften und leidvollen Beziehungen zum großen nördlichen Nachbarn, der UDSSR bzw. Russland. Wobei – hier wird es schon kompliziert – diese Formulierung nicht ganz korrekt ist, denn Georgien war ja lange Zeit ein integraler Bestandteil der UDSSR.

Die erste und entscheidende Frage bzgl. dieses Buches (erschienen 2014) muss also heißen: Warum sollte man sich als Mitteleuropäer im bereits fortgeschrittenen 21. Jahrhundert in diesem Ausmaße auf historische Betrachtungen dieses vermeintlich (für uns) bedeutungsarmen Gebietes einlassen? Woher soll bitteschön die Motivation für 1300 Seiten kommen?
Genau diese Skepsis habe ich auch in mir gespürt, als ich vor der Entscheidung für dieses Hörbuch stand. Ich bin sehr froh, dass ich diese Zweifel überwunden habe!
Im Rest meine Ausführungen will ich darlegen, warum es sich aus meiner Sicht gelohnt hat, diese Zeit zu investieren. Dabei will ich drei Bereiche ansprechen: die Story, die Wissensvermittlung und die Sprache.

Familiengeschichten haben einen enormen Vorteil: In Ihnen kann sich das pralle Leben in allen erdenklichen Facetten spiegeln. Weil das Leben mit all seinen Irrungen und Wirrungen sich ganz automatisch in und um Familien abspielt; in diesem Buch in besonders intensiver Weise.
Diese Familie wird in sechs Generationen angeboten. Damit daraus eine irgendwie konsistente Geschichte wird, werden einige literarische Kunstgriffe angewandt:
– Es gibt ein verbindendes Familien-Thema: das besondere Schokoladen-Rezept des Gründers der “Dynastie”.
– Es gibt einige Hauptpersonen, die als zentrale Verbindungsglieder zwischen den Generationen wirken und dem ganzen Plot – über ihre eigene Generation hinaus – eine nachvollziehbare Struktur geben.
– Es gibt – nicht zuletzt – eine Rahmenhandlung, in der die Erzählerin, die ein Teil der Familie ist, davon berichtet, wie und warum sie die wechselvolle Familiensaga für das jüngste Mitglied (ihre Nichte) aufschreibt.
Bzgl. des Inhalts möchte ich mich auf den Hinweis beschränken, das es in diesem komplexen Familiensystem an Themen nicht mangelt: Loyalität, Verrat, Liebe, Hass, Betrug, Rivalität, Unterdrückung, usw.

Was lernt man über die Welt, in diesem Familien-Epos?
Man lernt viel über Georgien. Aber das würde sicher nicht ausreichen, um aus diesem Roman auch einen historischen Leckerbissen zu machen.
Man kann wohl ohne Übertreibung sagen: Dieses Buch verschafft einen ungewohnt intensiven Einblick in das sowjetische Herrschaftssystem nach der Revolution, also nach der Zarenzeit. Um es noch schärfer zu formulieren: Das gesamte Buch ist eine Abrechnung mit dem Sozialismus/Kommunismus sowjetischer Prägung, insbesondere mit dem stalinistischen Willkür- und Unterdrückungsregime. Ohne dass ihre Namen einmal ausgesprochen würden, sind Stalin und der georgische Geheimdienstchef die beiden historischen Hauptfiguren des Romans, der in weiten Teilen auch in Moskau spielt.
Natürlich hat man es hier nicht mit einer “objektiven” Geschichtsschreibung zu tun; trotzdem fühlte ich mich faktenreich aufgeklärt über die beschämenden Hintergründe eines Systems, das antrat, das Los der unterdrückten Massen zu verbessern.
Die Autorin führt aber nicht nur durch das Sowjet-Imperium von Lenin bis Gorbatschow, sondern spiegelt auch Aspekte der westlichen Welt, insbesondere die Kulturzene der 60iger und 70iger Jahre in London.

Wie schreibt nun diese Autorin, die sich zunächst als Theaterregisseurin einen Namen machte?
Ich war fasziniert von der Intensität ihrer Sprache. Die Autorin ist zweifellos eine Künstlerin hinsichtlich des Ausdrucks von Emotionen, Beziehungsdynamiken und Selbstreflexionen. Sie benutzt starke Bilder, ihre Beschreibungen haben häufig etwas Drängendes, Tiefgründiges und Aufwühlendes. Es wird heftig geliebt, gestritten und gehasst in dieser Familie und ihrer Lebenswelt.
Wer als Leser dadurch erreicht wird, der taucht ein in diese Geschichte und will davon selbst nach 44 Std./1300 S. nicht lassen. Wem das alles zu dolle ist, wird das Buch ziemlich schnell beiseitelegen.

Insgesamt hat mir dieses Buch Empfindungen und Erfahrungen geschenkt, die ich nicht missen möchte. Vielleicht wird es für mich sogar DAS BUCH des Jahres.
Ich würde mich gerne irgendwann mit jemandem austauschen, der/die dieses Buch auch gelesen/gehört hat.
Ich werde jedenfalls das Nachfolge-Buch (“Die Katze und der General”) auch lesen (bzw. hören).