“Alles was ich dir geben will” von Dolores REDONDO

Es sollte ein anspruchsvoller Krimi werden, sozusagen “literarisch”. So was mag ich: Die Kriminalgeschichte ist dann (nur) eine Art Rahmen für kunstvolle sprachliche und gehaltvolle inhaltliche Belletristik.

Fangen wir mit der Story an:
Durch den plötzlichen Tod seines Ehemannes erfährt der Erfolgsschriftsteller Manuel von einem bisher völlig unbekannten zweiten Leben seines Partners. Dieser war Teil einer bedeutsamen galizischen Adelsfamilie mit langer Tradition.
Im Kontext von Trauerfeier und Testamentseröffnung wird Manuel nicht nur mit dem Schock über sein “Hintergangen-Werden”, sondern auch mit den anderen Angehörigen und ihrer Familiengeschichte konfrontiert.
Der Rest ist akribische Aufklärung: Wer war wann und warum in welche Machenschaften verwickelt, die zu dem Tod des geliebten Partners geführt haben? Was war er wirklich für ein Mensch? Müssen alle vermeintlichen Gewissheiten über Bord geworfen werden? Was bleibt übrig von Manuel und seiner großen Liebe?

Ich suche immer gerne nach den grundsätzlichen Themen; ein Buch nur wegen einer Geschichte zu lesen, die keine Bedeutung für mein restliches Leben hat, reizt mich nicht.
Natürlich geht es hier um Liebe, hier homosexuelle Liebe. Damit ist schon absehbar, dass es auch um Vorbehalte und Diskriminierung geht.
Es geht auch – soweit darf man wohl spoilen – um Kindesmissbrauch.
Im Fokus des Autors stehen auch feudale Strukturen im ländlichen Spanien: Wie viel Macht konzentriert sich in den traditionellen Familiendynastien und wie wird sie missbraucht? Wie extrem werden Loyalitäten eingefordert und ausgelebt?
Auch ein (bürgerlicher) Ehekonflikt, die katholische Kirche und die Beziehung zu einem Tier spielen eine gewisse Rolle.
Damit kann man doch sicherlich eine Menge anfangen?!

Die Autorin spielt durchaus gekonnt mit diesen Themen. Sie entwirft Figuren, von denen einige durchaus differenziert gezeichnet sind, so dass auch die Leser sich in Ambivalenzen üben können. Es ist zu spüren, dass es REDONDO um psychologische Stimmigkeit geht.
Sprachlich spielt der Roman sicher auf einem guten Niveau – ohne gleich permanente Begeisterung auszulösen.
Sie schafft es ohne Zweifel, die Leser in diese galizische Adelswelt mitzunehmen. Genau das – das Eintauchen in einen anderen Kontext – sollte ein guter Roman schaffen.

Kommen wir zum Krimi-Teil.
Ich mache es mal kurz: Für mich war es am Ende zu viel Krimi!
Es mag ja für die vielen Amateur-Detektive gerade sehr reizvoll sein, nach und nach die verschiedenen – durchaus kunstvoll gelegten – Fährten zu verfolgen, um dann doch eine unerwartete Auflösung zu genießen. Für mich ist das nicht so bedeutsam; ich empfand eher eine gewisse Redundanz, auch weil immer mal wieder rekapituliert wurde, was man gerade zum aktuellen Zeitpunkt wusste.

Daher mein Urteil: Wer Krimi möchte, bekommt einen Krimi – und dazu einen besonderen Schauplatz, anregende Inhalte und eine niveauvolle Sprache.
Wer sich das Aufdeckungsspiel eher als Beiwerk wünscht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Gut unterhalten wurde er/sie trotzdem.

05.04.2020

Trump und Corona

Es ist schwer auszuhalten, was da in den USA passiert:
Da blamiert sich ein – sowieso mehr als peinlicher – Präsident vor der gesamten Weltöffentlichkeit durch seine unfassbare Ignoranz gegenüber der schon klar sichtbaren Bedrohung. Da entlarvt sich ein System, das der öffentlichen Infrastruktur nur eine minimale Bedeutung zumisst – weil alles Augenmerk dem privaten Reichtum gilt.
Da schnellen – folgerichtig – die Infektions- und Opferzahlen genauso in die Höhe wie die Arbeitslosenquote.

Und dann muss dieser Präsident nur eine paar martialische Sprüche loslassen, eine Art Kriegserklärung verkünden, an den Nationalstolz appellieren und Dollars verteilen. Und schon liegt ihm ein Großteil der amerikanischen Nation zu Füßen.
Dem Gegner, den er gerade noch als irrelevant verhöhnt hat, tritt er jetzt als größter Feldherr aller Zeiten entgegen und die Nation guckt gebannt auf den bösen Feind – und nicht auf die Schwächen des Systems und der Regierung.

Irgenwie erscheint es nicht wirklich schwer, dieses Land zu regieren. Selbst ein Trump scheint auf den ersten Blick dazu in der Lage zu sein.

Es ist schwer auszuhalten…

“Nemesis” von Philip Roth

Einer der ganz großen amerikanischen Autoren hat etwas über eine Epidemie geschrieben. Nein, kein Grippe-Virus. Es geht um Kinderlähmung (Polio), die während des 2. Weltkrieges u.a. in den USA wütete. Damals gab es noch keinen Impfstoff.
Sind das nicht genug Gründe, sich diesem Werk mitten in der Corona-Krise zu widmen?! Und das Ganze für deutlich unter 10 € (als E-book)!

Es ist kein kompliziert gewebter Plot, der da ausgebreitet wird. Ein junger engagierter Lehrer betreut während der Sommerferien den Sportplatz einer Großstadt. Es ist unerbittlich heiß. Die Kinder mögen ihn und er mag die Kinder.
Aber die Idylle währt nicht lange: ein – oft auch tödlicher – Virus breitet sich aus und bringt die Kinderlähmung speziell in das betreffende Stadtviertel.
Beschrieben wird die unglaubliche Trauer, Wut und Verzweifelung, die das tragische Geschehen bei dem Protagonisten auslöst.
Der Lehrer hat auch ein Privatleben, ein hoffnungsvolles zudem. Und doch führt gerade diese – vermeintliche – Glücksperspektive letztlich zu schicksalhaften Verstrickungen, aus denen er sich nie wieder befreien kann…

Natürlich steht die konkrete Geschichte letztlich nur exemplarisch für einige (existentielle) Grundthemen, die nicht nur Roth umtreiben, sondern sehr viele Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Kontexten:
– Kann man jemanden (z.B. Gott) verantwortlich machen für das so offensichtlich sinnlose und ungerechte Leid?
– Wie weit geht die individuelle Verantwortung und moralische Pflicht zur Hilfeleistung (und wann darf man seinem persönliches Glück die Priorität einräumen)?
– Kann und darf man sich selbst verzeihen, wenn man Schuld auf sich geladen hat (oder das zumindest nahe liegt)?

Dem Schreibstil von Roth merkt man die Schwere dieser Themen kaum an.
Er schreibt geradeheraus, in einer einfachen Sprache. Er ist nahe an den Figuren, nahe am Alltag. Es liest sich irgendwie unspektakulär, wie das normale Leben.
Und trotzdem (oder gerade deswegen?) fesselt einen dieses Buch nach wenigen Seiten. Das Buch bleibt nicht lange liegen, man will es zu Ende lesen.

Für der Wirkung des Buches spielt es überhaupt keine Rolle, dass es in längst vergangenen Zeiten spielt. Alles ist nachvollziehbar, nachfühlbar.
Man spürt vielleicht, dass es mehr Förmlichkeit, mehr Prinzipien, mehr Disziplin gab.
Aber die menschlichen Grundfragen bleiben gleich.
Deshalb veraltet gute Literatur nicht; deshalb ist es letztlich egal, ob die Geschichten in historischen oder Zukunftsszenarien spielen.

Nein, Nemesis es ist kein Corona-Buch. Aber es gibt Bezüge. Auch wir haben in diesen Zeiten Anlass, uns Fragen zu stellen, die über unseren Alltags-Tellerrand hinausgehen.
Roth lädt uns dazu ein. Auf eine vielleicht etwas “altmodische” Weise. Aber er berührt uns.

Was will man mehr?!


“Mehr Zeitwohlstand!” von Jürgen P. RINDERSPACHER

Also ein Buch über das Thema “Zeitmanagement”?
Nein, das ist es zum Glück nicht. Es geht nicht um Effektivität oder Effizienz.
Der Autor schlägt den Bogen weiter, viel weiter…

Es wäre wohl kaum übertrieben festzustellen, dass hier – in diesem unauffälligen Taschenbuch – eine Betrachtung über das gesamte moderne Leben angeboten wird.
Das ist möglich, weil “Zeit” ein so grundsätzliches Phänomen ist, dass es schlichtweg alle Bereiche und Aspekte unseres Alltagslebens irgendwie berührt.
Probiere es mal aus: Denke an ein beliebiges Thema und dann frage dich, welchen Bezug es zum Gegenstand “Zeit” hat.
Man findet immer was!
Genauso ging es offenbar Rinderspacher (der als “Zeitforscher” vorgestellt wird.
Und er nutzt diesen Umstand hemmungslos aus.

Letztlich sind es 35 Stichworte (= Kapitelüberschriften) geworden (von A wie Arbeitszeit bis Z wie Zweierbeziehung). Es hätten auch 21 oder 76 Stichworte sein können, weil …. (ja, alles hängt irgendwie auch mit der Zeit zusammen).

Der Autor ist ein sympathischer Zeitgenosse (Wortspiel!). Ein bisschen wirkt seine Welterklärung wie die Ausführungen eines netten Onkels, der einfach viel weiß und gerne davon erzählt. Dabei erklärt er – so ganz nebenbei – auch viele andere nützliche Dinge. Über die Entwicklung unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten, über Wirtschaft, Erziehung, Familienleben, Mobilität, Stress, und …
Vermutlich wäre es leichter, aufzuzählen, was der Autor auslässt (mir ist auf Anheib nichts eingefallen).

Vielleicht ist es schon deutlich geworden: Es handelt sich nicht um ein Fachbuch, es ist im lehrreichen Plauderton geschrieben. Und – um es nicht zu vergessen – es geht an keiner Stelle um das physikalische Phänomen Zeit, dessen Verständnis oder Messung.

Der Autor hat aber durchaus ein Anliegen, eine Message; auch die ist sympathisch.
Er möchte uns, den Lesern, den Menschen, einen bewussteren und einen wohltuenderen Umgang mit der Zeit ans Herz legen. Das macht er eher leise und indirekt; ein freundlicher Onkel ist ja kein Demagoge.

Das Buch eignet sich als Nachttisch-Lektüre; man kann es prima häppchenweise lesen. Für Menschen, die schon viel über alles mögliche wissen, ist es vielleicht ein wenig seicht, ein bisschen redundant.
Geradezu genervt haben mich die unendlich vielen Querverweise im Text, mit deren Hilfe der Autor wohl unter Beweis stellen wollte, das in seinem Buch irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Hätte ich auch so gemerkt!

Bilanz: ein schönes Geschenk für Menschen, die interessiert an der Welt sind, sich gerne über die Zeit Gedanken machen und nicht sowieso schon alles wissen.
Anregend, ohne aufregend zu sein.

“Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins” von Milan KUNDERA

Wer bin ich – dass ich mich mal eben an meinen Laptop setze und eines der bekanntesten literarischen Werke der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts rezensieren will.
Darf ich das einfach so – als ob es eine beliebige Neuerscheinung wäre? Oder sollte ich mich vorher schlau machen, andere Rezensionen oder literaturwissenschaftliche Aufsätze (oder wenigstens Wikipedia) studieren?
Nein, ich bleibe standhaft! Ich mache es wie immer und schreibe einfach drauflos. Wer etwas anderes möchte, kann sich gleich an die anderen Quellen wenden…

Seit meinem ersten (und letzten) Lesen des bekanntesten Kundera-Buches sind deutlich mehr als 30 Jahre vergangen. Zu gerne wüsste ich, was ich damals beim Lesen empfunden und gedacht habe. Wie sehr gleichen sich Reaktionen auf Bücher nach einem Generations-Zeitraum?

Was mir heute als erstes auffällt: Wie deutlich es von der ersten Seite an wird, dass man „echte“ Literatur (als Kunstform) in den Händen hält. Kundera erzählt keine Geschichte (das tut er natürlich auch), der Autor spielt mit der Sprache: mit den Erzähl-Ebenen, mit Metaphern, mit Assoziationen, mit Selbstbetrachtungen, mit Bezügen auf andere Kunstwerke, mit philosophischen Aussagen über existentielle Fragen, usw.
Als verbindendes Motiv taucht – immer mal wieder – die Metapher von der „Leichtigkeit“ des Lebens aus dem Untergrund auf. Diese Leichtigkeit wird ersehnt, kann aber letztlich doch nicht dauerhaft gelebt („ertragen“) werden.

Auf der inhaltlichen Ebene geht es um zwei Themen: die Liebe und die Politik.

Erzählt wird die Geschichte einer eigentlich verzweifelten, unlebbaren, alles andere als „normalen“  Liebe zwischen einem notorischen Frauenhelden (Tomas) und seiner Frau Teresa, die sich unablässig und erfolglos bemüht, die amourösen Abenteuer ihres Mannes „leicht“ zu nehmen.
Mit etwas kritischem Abstand würde man diesen Tomas wohl heute „sexsüchtig“ nennen; er braucht nahezu täglich (mindestens) eine sexuelle Erfahrung (mit möglichst vielen verschiedenen Frauen). Dabei verzweifelt er daran, dass die von ihm erlebte Trennung zwischen Sex und Liebe anderen Menschen – insbesondere Teresa – nicht gelingt. Doch ist auch diese – durchaus echte – gegenseitige Liebe nicht ganz ohne Zauber und Perspektive…

Erzählt wird aber auch die Geschichte von der Niederschlagung der sogenannten „Prager Frühlings“ durch die sowjetischen Besatzer und die Auswirkung dieser Intervention auf die tschechischen Menschen (besser gesagt: auf die intellektuellen und politisch engagierten Kreise).
Der klare historische Bezug zu dieser Entlarvung des „realen“ Sozialismus russischer Prägung war sicher der bedeutsamste Grund, warum aus diesem Roman ein weltweit beachtetes literarisches Ereignis wurde.
Es geht um Standhaftigkeit und Opportunismus, um die zersetzende Wirkung von Einschränkungen und Bedrohungen, um Achtung und Selbstachtung.
Verraten sei an dieser Stelle, dass der Protagonist (Tomas) den Weg der Selbstachtung wählt – dabei aber nicht ohne Ambivalenzen bleibt.

Ansonsten steckt das Buch voller anregender, kluger, provozierender und manchmal auch skurriler Exkurse: Es geht um Zufall, um Kitsch, um Kunst, um die Liebe zum Tier und immer wieder um den menschlichen Körper (oft, aber nicht nur als Objekt der Begierde).

Die Bilanz:
Kundera kann man nicht so im Vorbeigehen lesen. Er schreibt durchaus auch sperrig bzw. assoziativ.
Und natürlich merkt man dem Buch an, dass es aus einer anderen Zeit stammt. Wenn man zu dem zeitgeschichtlichen Hintergrund gar keinen Bezug hat, fällt es vielleicht schwer, diesen Teil der Botschaft in ihrer Tragweite nachzuvollziehen.

Für mich hat es sich gelohnt. Am liebsten würde ich alle für mich irgendwann bedeutsamen Bücher noch einmal lesen – aber was wird dann mit den Neuen?!

(Hinweis: Der Roman wurde auch verfilmt, durchaus erfolgreich).

12.03.2020

Vermutlich könnte man in den nächsten Wochen und Monaten jeden Tag über den Corona-Virus reden. Es würde wohl nie langweilig werden.
Man könnte die Situation mit früheren Krisen vergleichen, könnte die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik, Zukunftsperspektiven und die menschliche Psyche betrachten.
Vielleicht werden die Zeiten ja so schwierig, dass eine solche Fixierung auf ein Thema sogar angemessen erscheint.

Heute – jedenfalls – ist die Verbindung zwischen Trump und dem Virus daran.

Das ist ein außerordentlich interessantes Thema – denn der Virus macht sich ausgerechnet in Wahlkampfzeiten breit.
Was macht ein Trump mit einem Gegner, der sich nicht durch “twitter-tweets” provozieren, nicht durch “fake-news” beirren und nicht durch einen “perfect deal” einfangen lässt? Der sich sogar gegenüber dem Slogan “america first” taub stellt? Dem man nicht mit Anwälten und dem Zorn der “real americans” drohen kann?

Ein paar Sachen gehen noch!
Man könnte z.B. sagen, dass andere Schuld sind. Das könnten ja die gegnerischen Demokraten sein: Haben die nicht die ganze Sache erfunden oder hochgespielt, nur um den so einzigartig erfolgreichen Präsidenten zu schaden?
Und wenn es den Virus nun doch gibt: Haben nicht diese Europäer die Verbreitung ermöglicht, die wegen ihrer bekloppten humanistischen Ideen dauernd irgendwelche Ausländer reinlassen – statt ihre Grenzen durch angemessene Mauern zu schützen (“gab es da nicht schon mal irgendwo gute Ansätze…?”).
Und wenn ich (Trump) dann doch handeln muss: Dann sperre erstmal die Europäer aus – egal wie viele Infektionen schon im Land grassieren (weil das mit den eigenen Tests nicht geklappt hat).

Wir werden es sehen: Ein Land, in dem Egoismus Staatsräson ist und ein allgemeine Krankenversicherung als Sozialismus gilt – so ein Land wird ganz sicher mit dem Virus die größten Probleme kriegen.
Nach dieser Krise werden solche Dinge wie “ein starker, fürsorglicher Staat”, eine “funktionierende Verwaltung” und “eine ausgebaute Infrastruktur” eine hohe Wertschätzung genießen. Weltweit.
Wer auf persönlichen Reichtum statt auf ein geordnetes Gemeinwesen setzt, wird die globalen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte nicht meistern!
Die Klimakrise lässt grüßen!

“Der Wal und das Ende der Welt” von John IRONMONGER

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch hat mir eine besondere Erfahrung vermittelt: Ohne dass ich es vorher ahnte, hat es mitten in der Corona-Krise eine Hintergrundgeschichte aufgespannt, die eine gravierende Grippe-Epidemie zum Thema hat. So hatte ich in den letzten Tagen sozusagen auf einer zweiten -literarischen – Ebene eine Art Prognose, wohin eine solche Epidemie auch führen könnte.
Natürlich sagt diese zeitliche Koinzidenz nichts über die Qualität des Buches aus. Für mein Leseerlebnis hat es aber tatsächlich eine Rolle gespielt.

Erzählt wird folgende Geschichte: Ein vermeintlich gescheiterter Banker (genauer gesagt Analyst) setzt sich aus seinem Büro ab und landet nach einer Autofahrt sozusagen am Ende der Zivilisation. In einem kleinen, abgeschiedenen Fischer-Örtchen spielt er offensichtlich mit dem Gedanken, seinem nutzlos gewordenen Leben ein Ende zu setzen. Er wird gerettet. Dabei spielen ein Wal und die ca. 300 Einwohner des beschaulichen Ortes eine Rolle.
Ich will natürlich nicht die ganze Geschichte nacherzählen. Joe wird sehr schnell ein integriertes Mitglied dieser Dorfgemeinde und trägt maßgeblich dazu bei, dass sich dieser Ort in einer besonderen Weise auf die allseits verbreitete Grippe-Epidemie vorbereitet. Natürlich entstehen auch persönliche Beziehungen und auch an diesen lässt uns der Autor teilhaben.

Die erzählerische Dynamik speist sich auch daraus, dass es Rückblenden in das – so ganz andere – Leben des Londoner Finanzzentrums gibt. Aus dem Kontrast dieser beiden Subkulturen werden letztlich die entscheidenden Botschaften des Buches herausdestilliert: Es geht in diesem Buch um Gemeinschaft und Solidarität, die ganz offensichtlich im Gegensatz stehen zu einem rein auf den egoistischen Vorteil bezogenes Handeln und Wirtschaften.

Und nun zur Einordnung:

Der Autor erzählt so etwas wie ein modernes Märchen. Entscheidend sind dabei weniger die Einzelheiten der Handlung, sondern die „Moral von der Geschicht“.
Die Figuren sind durchweg sympathisch oder leicht ambivalent gezeichnet, richtig böse Menschen gibt es in diesem Buch nicht. Das ist sicher ein Teil der Botschaft.
Das märchenhafte des Buches liegt darin, dass man sich eine tatsächliche Umsetzung der beschriebenen Ereignisse in die Realität doch nicht ganz vorstellen kann. Insbesondere das groß zelebrierte Solidaritäts-Ereignis am Ende des Buches hat eher einen symbolischen Wert; man muss das alles nicht wörtlich nehmen.
Eine nette, vielleicht etwas sehr wohlmeinende Story mit viel moralischem Impetus. Das ist kein Buch für Intellektuelle, sondern eher für Menschen, die positive Geschichten mögen.

Insgesamt mochte ich dieses Buch, es ist menschenfreundlich und stimmt hoffnungsvoll.
Gegen Ende wurde meine Toleranz in Bezug auf das Abdriften ins Kitschige doch etwas stark strapaziert. Alles ziemlich dick aufgetragen, eben was fürs Herz. Ist ja okay…
Letztlich endet das Buch doch noch ganz originell. Immerhin.

Die echte (Corona-)Epidemie geht auch nach dem Lesen des Buches weiter. Der Grundgedanke, dass Menschen auch im echten Krisenfall nicht gleich zu egoistischen Monstern werden müssen, kann natürlich als Apell für die Realsituation betrachtet werden. Wir werden sehen, wie weit uns das Gemeinschaftsgefühl in den nächsten Monaten trägt.

“Das Ende der Illusionen” von Andreas RECKWITZ

Dies ist das zweite Buch des populären Soziologen Reckwitz, das ich innerhalb der letzten Wochen gelesen habe.
Während es im ersten Buch (“Die Gesellschaft der Singularitäten“) darum ging, die gesamte gesellschaftlicher Entwicklung der sog. “Spätmoderne” auf dem Hintergrund einer gemeinsamen Schablone zu betrachten (eben der Tendenz zur Singularität), spannt Reckwitz in seinen fünf Beiträgen der Bogen ein wenig weiter.

Diese fünf Aspekte betreffen:
– die Veränderungen im Kulturbereich und Kulturbetrieb
– die Entwicklung einer neuen gesellschaftlichen Klassen-Aufteilung
– die Ablösung eines industriellen Kapitalismus durch einen “kognitiv-kulturellen” Kapitalismus
– die Ausrichtung weiter Teile der Gesellschaft auf das Ziel der “Selbstverwirklichung” und dessen Folgen
– die Frage nach einem notwendigen und neuen politischen Rahmen für unsere Gesellschaft insgesamt (er nennt ihn: “einbettenden Liberalismus”)

Das klingt alles sehr abstrakt; ein wenig nach Soziologen-Kauderwelsch.
Und zugegeben: Wer Sätze mit mehr als zwei Fachbegriffen oder Fremdworten nicht mag, sollte nicht zu diesem Buch greifen.
Wer sich an gut hergeleiteten Analysen von zeitgeschichtlichen Entwicklungen erfreuen und die damit verbundenen “Aha-Erlebnisse” genießen kann, der ist bei Reckwitz genau richtig.

Was bekommt man?
Letztlich bekommt man ein beschreibendes und z.T. auch erklärendes Gerüst für ganz unterschiedliche Phänomene in Wirtschaft, Konsum, Bildung, Reisen, Wohnen, Partnerschaft, usw.
Damit werden bestimmte – gut nachvollziehbare – Beobachtungen (z.B. bzgl. der Wertigkeit von bestimmten Ausbildungen oder Berufsbildern) nicht als interessante Einzelphänomene betrachtet, sondern in einen verbindenden Kontext gesetzt. Viele Veränderungen ergeben – gemeinsam betrachtet – einen Trend. Aus solchen Trends ergeben sich neue Gewohnheiten, Bewertungen und letztlich auch Strukturen.
Mit Distanz und aus analytischer Perspektive betrachtet erkennt dann der Soziologe eine eine neue gesellschaftliche Epoche. In diesem Fall die “Spätmoderne”.

In den fünf Aufsätzen werden zwar unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, es geht aber immer um die gleiche Grundbetrachtung. Es gibt daher große Überschneidungen; die entscheidenden Begrifflichkeiten tauchen immer wieder auf.
Lesbar und verständlich sind die Kapitel aber auch für sich alleine.

Für psychologisch interessierte Menschen ist das Kapitel über die “Selbstverwirklichung” und ihre emotionalen Kosten ein wahrer Genuss. Es macht einfach total viel Spaß, einen Soziologen über ursprünglich psychologische Konzepte “reden” zu hören. Man möchte am liebsten die Grenzen zwischen den beiden Fachgebieten öffnen, sich auf einer gemeinsamen intellektuellen Spielwiese treffen und in einem fairen Wettkampf um die treffenderen und erkenntnisreicheren Konzepte antreten.
Mir hat es großes Vergnügen bereitet, mich selbst einzuordnen in den Irrungen und Wirrungen der Selbstverwirklichungs-Euphorie; man kann ganz gut über sich selber schmunzeln, man fühlt sich durchaus auch mal erwischt…

Okay, ich will niemandem dieses Buch als amüsante Nachttisch-Lektüre verkaufen. Es bleibt ein wissenschaftliches Fachbuch, es bleibt Lese-Arbeit.
Das (optisch) kleine und unscheinbare Büchlein ist inhaltsschwer – auch weil die Schrift recht kleingedruckt ist.

Und der Vergleich der beiden Bücher?
Das fällt mir schwer. Das Singularitäten-Buch ist auf jeden Fall das “schönere” Buch; es macht deutlich mehr her. Es ist noch systematischer aufgebaut als das hier besprochene Nachfolgewerk. Es gibt einen großen roten Faden.
Trotzdem ist man wohl als jemand, der Reckwitz und seine Theorien kennenlernen will, mit dem “Ende der Illusionen” besser bedient. Der Ansatz ist noch ein wenig breiter und nicht so stark zugeschnitten auf eine Hauptthese.

“Was auf dem Spiel steht” von Philipp BLOM

Ja, schon wieder so ein Zukunfts-Buch. Nicht nagelneu, von 2017.
Es reiht sich ein in die Veröffentlichungen von Harari, Yogishwar, Lesch, Welzer, Precht und anderen. Diese Autoren und ihre Bücher beobachten, analysieren und kommentieren aktuelle Tendenzen in Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft, Technik und Politik.
Sie tun das nicht aus einer neutralen Position heraus. Sie wollen aufklären, warnen – und sie wollen etwas bewahren: unseren demokratischen Rechtsstaat.

Was ist nun das Besondere an dem Buch von Blom?

Blom ist Historiker (das verbindet ihn z.B. mit Harari). Er erklärt, aus welchen Entwicklungssträngen heraus sich unser aktuelles Gesellschaftsmodell entwickelt hat. Er beschreibt dann die besonderen Charakteristika unser Art zu leben. Dabei spielt aus seiner Sicht die Konzentration und Fixierung auf einen “Hyperkonsum” eine entscheidende Rolle.
Er stellt dann dar, warum dieses Wirtschafts-Modell nicht zukunftsfähig ist, nicht sein kann.
Schließlich verwendet der Autor ein großes Kapitel darauf, ein mögliches Szenario aufzuspannen, wie der Übergang in eine nachhaltige Lebensweise von statten gehen könnte. Nicht als Prognose, sondern als einen exemplarischen Verlauf.

Ich habe das bewusst nüchtern und “trocken” dargestellt. Natürlich um Inhaltsangabe und Bewertung zu trennen.
Es passt aber auch: Blom ist kein emotionaler Demagoge, er wirkt nicht aufgeregt.
Blom argumentiert engagiert, aber sachlich. Man kann sich seinen Analysen kaum verschließen, man fühlt sich informiert, aufgeklärt, mitgenommen. Der Mann braucht nicht zu lärmen – er hat die Realität (die Fakten und Daten) auf seiner Seite.
Dieses Buch lässt sich einfach gut lesen; man kommt mir dem zustimmenden Nicken kaum hinterher. Vieles weiß man schon, hat man in anderen Zusammenhängen schon gelesen. Das macht aber nichts – denn Blom fügt neue, erhellende Perspektiven hinzu.

Einen echter Mehrwert stellt seine Transformations-Utopie dar. Hier traut sich jemand, mal durchzuspielen, was es denn wirklich bedeuten könnte, wenn es einen konsequenten Wechsel geben würde. Das Szenario wird insbesondere dadurch glaubwürdiger, dass es kein Schönwetter-Idealbild beschreibt. Im Gegenteil: Erst eine echte Krise hat die Umstellung erzwungen und sie verläuft alles andere als reibungslos. Das erzeugt kein wohliges Gefühl – aber es schafft endlich mal eine Grundlage für Überlegungen und Planungen: an was müsste man alles denken, damit bestimmte chaotischen Entwicklungen vielleicht eben nicht eintreten. Und welche – schon jetzt sichtbaren – gesellschaftlichen Experimente wären zu unterstützen, damit sie den Weg in die Nachhaltigkeits-Zukunft weisen können.

Ein anregendes Buch. Ein Buch zum “Weltverstehen”.
Für mich persönlich das ultimative Kompliment!

“Mister Aufziehvogel” von Haruki MURAKAMI

Eine schwierige Aufgabe: Wie schreibt man eine angemessene Rezension, wenn man das Buch eines Lieblingsautors ziemlich schlecht findet.
Es hilft nichts: Man muss sich der Realität stellen.

Ich habe die unnachahmliche Art von Murakmi, Romane zu schreiben, schon mehrfach beschrieben (zuletzt hier). Es hat immer etwas damit zu tun, dass eine zweite Ebene sich in eine zunächst oft belanglose Alltagswelt schiebt. In dieser Ebene gelten die physikalischen Grundgesetze nicht mehr; Realität, Traum und Fantasie vermischen sich genauso wie gewöhnliche Lebensräume sich mit abstrusen örtlichen Gegebenheiten abwechseln. Erstaunlich oft sind das übrigens unterirdische Höhlen, Brunnen oder Schächte. In diesem Roman sind die Brunnen der absolute Hit…

Auch in dem Aufziehvogel wird zunächst eine unspektakuläre Welt beschrieben. Die eines jungen Ehepaares, das auf keiner Ebene das Zeug mitzubringen scheint, einen langen Roman mit Inhalt füllen zu können. Es riecht nach Banalitäten; es wir gekocht und Kleidung von der Reinigung abgeholt.
Aber innerhalb weniger Tage füllt sich das Leben des männlichen Protagonisten (und Ich-Erzählers) mit einer ganzen Anzahl von – teilweise völlig skurrilen – Personen, die verblüffend viele Bezüge zu dem Bruder seiner Frau aufweisen. Ein Bruder, der im Laufe des Romans vom Unsympathen zum Hassgegner wird.

Ich will erst gar nicht anfangen, die Handlungsfäden aufzuzählen, die sich im Laufe der Zeit zu einem fast undurchdringlichen Knäuel verstricken und dabei immer stärker in die “Schattenwelt” abdriften, in der alle möglichen Grenzen zerfließen.

Ich bin normalerweise sehr tolerant, wenn es Murakami mal zu doll treibt mit seinen Verrücktheiten; das ist irgendwie eingepreist – weil man ja dafür auch etwas Besonderes bekommt.
Für mich funktioniert das bewährte Modell aber bei diesem Roman nicht.
Das hat folgende Gründe:
– Es gibt im Aufziehvogel extrem minutiöse Schilderungen von sadistischer Gewalt (das wertet für mich jedes Buch ab, grundsätzlich).
– Mir fehlt ein Thema, das mich auf einer persönlichen Ebene berührt oder betrifft (es geht inhaltlich viel um die japanische Militärgeschichte des 2. Weltkrieges).
– Das surreale Spiel mit den unterschiedlich Erzählebenen und die immer neuen Absurditäten haben mich in dieser Geschichte irgendwann nicht mehr fasziniert oder unterhalten, sondern nur noch genervt. Es ist einfach zuviel des Guten.

Vielleicht reichte diesmal mein literarisches Verständnis nicht. Vielleicht habe ich übersehen, welch vielsagenden Metaphern in diesem Roman bedeutende Aussagen über unsere Welt machen. Kann alles sein.

Ich empfehle diesen Murakami jedenfalls nicht.
Das nächst Mal, wenn ich ein Buch beim ersten Durchgang abbreche, werde ich diesem Gefühl trauen und auf den zweiten Versuch verzichten.