“Bei Sturm am Meer” von Philipp BLOM

Der Autor hat mich vor einiger Zeit mit einem aktuellen gesellschaftlichen Sachbuch sehr überzeugt. Daraufhin hat es mich einfach interessiert, wie so ein Historiker und Philosoph wohl einen Roman schreibt. Wird er versuchen, seine Themen und Botschaften in das andere Genre zu übertragen? Oder zeigt er eine völlig andere Seite seiner literarischen Begabung?

Die Antwort fällt für mich eindeutig aus: Blom zeigt sich hier als reinrassiger Erzähler – nicht mehr und nicht weniger. Denkbar ist natürlich, dass er den zeitgeschichtlichen Kontext seines Romans auch mit einer fachlichen Perspektive als Historiker begleitet hat; zu spüren ist das jedenfalls nicht.

Blom schreibt einen sehr persönlichen Roman. Es geht um eine Drei-Generationen-Geschichte zwischen Hamburg und Amsterdam.
Als Rahmen wählt der Autor eine besondere Situation: Ben wartet auf die – auf dem Postweg verloren gegangene – Urne seiner Mutter. Diese paar Tage nutzt er, um seinem noch sehr jungen Sohn einen Brief zu schreiben, den dieser 40 Jahre später (also im aktuellen Alter von Ben) lesen soll. Dieser Brief besteht aus einer kaleidoskopartigen Mischung zwischen der bereits bekannten Familiengeschichte und den überraschenden Erlebnissen bzw. Erkenntnissen, die Ben in diesen Tagen selbst noch dazu gewinnt. Durch diese “live” aufgedeckten Familiengeheimnisse bekommt der Plot eine deutlich gesteigerte Dynamik.

Es geht überwiegend um dramatische und tragische Entwicklungen bei den Protagonisten, die sich überwiegend in der Eltern- und Großelterngeneration von Ben abspielten. Thematisch berührt wird die linke Protest- und Medienszene der frühen 70iger Jahre. In weiten Teilen stehen aber auch sehr persönliche (Generations-)Konflikte und leidvolle Erfahrungen rund um Einsamkeit und gescheiterte Lebensträume im Vordergrund.

Ungewöhnlicher Weise wechselt immer wieder die Erzählperspektive: Manchmal wird über Ben erzählt, manchmal ist Ben ein Ich-Erzähler. Dieser Wechsel ist nicht dadurch zu erklären, dass ich Ich-Perspektive den Inhalt des Briefes wiedergibt. Mich hat dieser Kunstgriff nicht gestört; er hat eher eine zusätzliche Betrachtungs-Ebene erzeugt.

Blom schreibt sehr eindringlich. Er kann ganz eindeutig professionell mit Sprache umgehen. Schildert er z.B. Träume oder Situationen von Verwirrung, drücken Tempo, Rhythmus und Begrifflichkeiten diese Zustände sehr gekonnt aus .
Der Autor schafft immer wieder eine hohe emotionale Dichte, ohne auch nur im Leisesten in Richtung Kitsch abzudriften.

Insgesamt ein zwar kurzer, aber kunstvoll konstrurierter und sprachlich anspruchsvoll ausgestalteter Roman.
Lesenswert.

“Der erste Mensch” von Albert CAMUS

In Corona-Zeiten haben sich viel Menschen plötzlich für Albert Camus interessiert, weil er einen berühmten Roman mit dem Titel “Die Pest” geschrieben hat.

Das hier besprochene Buch hat keinen aktuellen Bezug. Es stellt ein autobiografischen Zeugnis des Literaten und Philosophen dar. Verpackt wird das in die Geschichte eines mittelalten Mannes, der sich in Algerien auf die Spurensuche nach seinem Vater und damit nach einem verschollenen Teil seiner frühen Biografie macht. Dabei mischen sich Kindheitserinnerungen mit Eindrücken aus den Besuchen bei noch lebenden Zeitzeugen zu einem Mosaik, das schrittweise ein immer vollständigeres Bild ergibt.

Die entscheidendende Frage ist wohl: Hat so ein Buch auch für Leser einen Wert, die nicht ein spezifisches, an die Person gebundenes Interesse an dem Nobelpreisträger Camus haben?

Ich würde das bejahen! Camus schreibt eindringlich und lebendig. Die französische Besatzungsherrschaft wird in ihrer kulturellen Arroganz und langfristigen Aussichtslosigkeit spürbar. Geschichtliche Hintergründe gewinnen durch die sehr persönlichen Einblicke plastische Gestalt.

Camus widmet sich voll und ganz dem Schicksal der “kleinen Leute”, der Armen, die in ihrem alltäglichen Überlebenskampf versuchen, sich eine minimale Würde zu erhalten. Nach heutigen (westlichen) Maßstäben erscheint es unvorstellbar, unter diesen Bedingungen ein Leben zu fristen – ohne jede Aussicht auf eine bessere Zukunft oder gar so etwas wie Erfüllung oder Selbstverwirklichung.

Dieses – wegen des Todes von Camus – unvollendete Manuskript stellt eine erstaunliche Nähe zu einem zeitgeschichtlichen Geschehen her, das nicht gerade im Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit steht. Algerien als Konlonie ist ein französisches Thema; wir hatten und haben andere Dinge zu bewältigen.
Aber deshalb wird der Roman für einen Nicht-Franzosen keineswegs irrelevant. Die angesprochenen Grundthemen, die Perspektive auf das konkrete Alltagsleben, die respektvolle Beschreibung sehr einfacher und z.T. auch eingeschränkter Menschen – das alles ist übertragbar und allgemeingültig.

Natürlich hat der Roman auch eine Bedeutung für das Verständnis der Person Albert Camus und seines Werkes. Aus Expertensicht bieten sich vermutlich zahlreiche Bezüge zu seinen philosophischen und literarischen Hinterlassenschaften.
Ich bin ein solcher Experte nicht.
Nur so viel wurde mir deutlich: Es bedurfte einiger besondere Einflüsse, die intellektuellen Potentiale des kleinem Albert (der im Buch anders heißt) in dieser schwierigen Umgebung zu erkennen und letztlich – durch den Zugang zur “höheren” Bildung – auch zu entfalten.
Wie viele (potentielle) Genies haben wohl dieses besondere Glück nicht gehabt und sind in einer öden Umgebung verkümmert?

Ein anregendes Buch mit Tiefgang. Weit weg von unserem Alltag – und vielleicht gerade deswegen eine Lektüre, die nachdenklich macht. Leben auf diesem Planeten konnte und kann so extrem anders aussehen, als wir es kennen.
Man weiß das natürlich; aber so ein Buch macht es für einige Stunden spürbar.

“Die Lehren der Philosophie” von Michael HAMPE

Philosophische Texte bestehen – wie alle Texte – aus Inhalten und einer sprachlichen Umsetzung dieser Inhalte. Weil die Themen philosophischer Betrachtungen meist schon sehr abstrakt sind (Erkenntnismöglichkeiten, moralischen Grundsatzfragen, usw.), sind Reflexionen darüber – die meist auch noch auf Ausführungen anderer Denker Bezug nehmen – oft eine Herausforderung. Dazu kommt offensichtlich die berufstypische Neigung, die Qualität der eigenen Beiträge durch die Komplexität der Sprache zu demonstrieren. So entstehen dann manchmal Sätze (oder ganze Abschnitte), in denen ein Durchschnitts-Leser noch nicht einmal “Bahnhof” versteht.

Ich habe kürzlich eine Buch von HAMPE besprochen, in dem sich der Autor dem interessierten philosophischen Laien zuwendet. Das hat mich ermutigt, einen Schritt weiter zu gehen. Das war ein Fehler. Man sollte wissen, wann man seine Grenzen erreicht hat…

Ich will trotzdem versuchen, in ein paar wenigen Sätzen zu beschreiben, was ich glaube, verstanden zu haben.

Hampe führt in seinem Buch eine Art Feldzug gegen die “doktrinäre” Philosophie. Er ist überzeugt davon, dass allgemeingültige Aussagen über die Welt (das “richtige” Leben, usw.) nicht sinnvoll bzw. möglich sind. Stattdessen sollte die Menschen dazu ermutigt werden, auf der Basis ihrer individuellen Welterfahrung eigenes “kritisches Denken” zu entwickeln. Nicht das Wiederkäuen philosophischer Lehrmeinungen in akademischen Zirkeln sei anzustreben, weil es für die individuelle und gesellschaftliche Weiterentwicklung ziemlich irrelevant sei. Ziel müsse es sein, gerade die subjektive Erschließung der Welt zu lernen und zu praktizieren – weil das die Grundlage für ein ein reiches und erfülltes Leben bilden könne.

Die Betonung des Subjektiven bringt Hampe immer wieder in Kontakt zur Sprachphilosophie, weil die denkende Begegnung mit der Welt über das Medium Sprache stattfindet. Er nimmt dabei immer wieder Bezug auf den wohl bekanntesten Sprachtheoretiker Wittgenstein, über dessen Modelle man nebenher eine Menge erfährt.
Auch bzgl. der Sprache hebt Hampe wieder die Grenzen allgemeiner Regeln und Gesetzmäßigkeiten hervor und beschreibt die Bedeutung individueller und subkultureller Entwicklungen.

Da für Hampe der subjektive Zugang zum allem so wichtig ist, schätzt er die Welterklärung durch Literatur außerordentlich. An einigen Punkte stellt er ausführlich dar, warum die dichterische Darstellung von persönlichen Entwicklungen und Lebensläufen für mehr Weltverständnis sorgen kann als abstrakte Theorien des Seins und des “guten Lebens”. (Was Hampe nicht davon abhält, das Ganze sprachlich höchst komplex zu formulieren).

Da Hampe einen aufklärerischen und emanzipatorischen Anspruch hat, beschäftigt er sich auch mit Bildung und Erziehung. Natürlich strebt er nicht die Vermittlung von kaltem, abgestandenem Wissen an, sondern die Befähigung zur eigenständigen Erkundung und Durchleuchtung subjektiver Lebensoptionen. Er outet sich dabei als großen Fan von Dewey und seiner Erziehungsutopie, in der sowohl die Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen als auch die Fortentwicklung einer humanen Gemeinschaft im Fokus sind.

Natürlich finden sich in den (fast 400 extrem eng bedruckten) Seiten noch jede Menge anderer Gedanken und Exkurse. Selbst wenn ich alles verstanden hätte, wäre hier kein Raum, dies nur ansatzweise wiederzugeben.
Vielleicht ist ein erster kleiner Eindruck entstanden.

Ich kann dem Autor oder seinem Buch nicht vorwerfen, dass ich damit überfordert war. Das hätte auch bei einem medizinischen oder physikalischen Fachtext keinen Sinn. Ich kann nur einordnen und die Menschen warnen, die nicht zur verschworenen Gemeinschaft der Hardcore-Philosophen gehören.
Das habe ich hiermit getan

“Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers” von Bill Bryson

Dieses Buch habe ich gewählt, weil mich ein Vorgänger-Werk des Autors sehr beeindruckt hatte (“Eine kurze Geschichte von fast allem”). Der Journalist hat inzwischen eine kleine Reihe ähnlicher Titel publiziert.

Zum Inhalt muss man nicht viel sagen: Der menschliche Körper wird systematisch beschrieben – hinsichtlich seines Aufbaus, seiner Funktionsweise und den damit verbundenen Risiken und Krankheiten. Wie für Bryson typisch, erfährt man auch eine Menge darüber, wer unter welchen Umständen bestimmte Erkenntnisse gewonnen hat und wie sie zum Bestandteil des anerkannten Wissens geworden sind.

Interessanter ist da wohl der Stil bzw. die Didaktik.
Dass Bryson Journalist – und kein trockener Wissenschaftler – ist, spürt man fast in jeder Zeile. Der Autor bemüht sich sozusagen ununterbrochen darum, Fakten möglichst anschaulich und mit einem humoristischen Unterton zu vermitteln. Dazu benutzt er immer wieder Vergleiche bzw. Bilder, die z.B. Mengen- und Größenverhältnisse auf eine beeindruckende Art nachvollziehbar machen. Auch schildert er die manchmal allzu kleinkarierten Konflikte um den Ruhm für bestimmte Entdeckungen mit einer gewissen ironischen Zuspitzung (nach dem Motto: “Wissenschaftler sind auch nur Menschen”).
Dabei ist Bryson weder oberflächlich noch respektlos. Aber er pflegt einen “lockeren” Stil, der das Lesen (Hören) eben auch unterhaltsam und kurzweilig macht. Trotzdem ist in dem Text auch ein Staunen, manchmal auch eine fast ehrfürchtige Demut angesichts der Leistungen der “Natur” und ihrer Erforscher zu erspüren.

Bryson hat ein populärwissenschaftliches Sachbuch geschrieben, an dem es eigentlich nichts zu meckern gibt.
Die einzige Frage ist, ob man zu der passenden Zielgruppe gehört: Ein interessierter Laie mit viel Neugier bzw. Wissensdrang und einem Sinn für dezenten Humor wäre sicher der optimale Leser. Ein spezifisches Interesse für den menschlichen Körper und seine potentiellen Erkrankungen sollte man schon mitbringen – sonst ist die Informationsdichte schnell zu hoch.

Persönliche Schlussbemerkung:
Der Leser/die Leserin sollte kein Hypochonder sein! Die Konfrontation mit der Komplexität all der unzähligen und permanent aktiven biologischen Vorgänge lassen zwischendurch immer mal wieder den Gedanken entstehen, dass diese Prozesse ja nicht wirklich “in Echt” dauerhaft funktionieren können. So habe ich mich beim Hören wiederholt gewundert, dass ich am Ende des Kapitels tatsächlich immer noch lebe…

“Die Wildnis – Die Seele – Das Nichts” von Michael Hampe

Philosophie kann eine ganz schön trockene Angelegenheit sein. Zum Glück gibt es ja seit einiger Zeit populäre Autoren wie Precht, die sich öffentlichkeitswirksam um die Verbindung zwischen philosophischen Grundfragen und unserer Lebenswirklichkeit verdient machen.

Michael Hampe, der z.Zt. in Zürich lehrt, schlägt in diesem Buch einen Mittelweg zwischen akademischer Philosophie und populärer Vermittlung ein. Er schreibt thematisch und sprachlich anspruchsvoller (und damit für eine begrenztere Zielgruppe), verlässt aber ebenfalls die engen Grenzen des üblichen wissenschaftlichen Diskurses.

Tatsächlich ist das Spannendste an diesem Buch die Einbettung der drei Essays (s. Titel) in eine geschickt und kreativ konstruierte Rahmenhandlung: Sie erzählt von einem Autoren (Aaron), der den Nachlass seines verstorbenen Freundes (Moritz) sichtet. Als (kritischer) Philosoph hat dieser außer diesen drei Texten auch Briefe und Tagebücher hinterlassen. Aaron lebt in einer dystopischen Welt. Seine Gesellschaft besteht aus einer Künstlichen Intelligenz (KI), mit der er über die Texte von Moritz munter diskutiert – angereichert durch Archivmaterial, das die KI passgenau aus ihrem unbegrenzten Speicher holt.

Letztlich führt das dazu, dass der Autor (Hampe) seine eigenen Texte nicht nur präsentieren, sondern auch gleich noch auf einer Meta-Ebene kommentieren und einordnen kann; das gibt ihnen noch eine zusätzliche Tiefe und Differenzierung. Tolle Idee.

Nun zu den Inhalten. Die drei Aufsätze, die den Kern des Buches bilden, sind keine leichte Kost.
Bei dem Essay über die Wildnis geht es um die Frage, warum es Menschen in die unberührte Natur treibt. Es wird die Frage gestellt, ob die Konfrontation mit der archaischen und ungezähmten Natur eine andere Form des Erlebens und der Selbstfindung möglich macht als die zivilisatorische Schutz- und Komfortzone.
In dem Aufsatz über die Seele werden verschiedene philosophische Konzepte einer persönlichen oder unpersönlichen Seelen-Definition diskutiert.
Unter der Überschrift Nichts geht es um die Frage, ob es allgemeinverbindliche Konzepte zu Fragen geben kann, die sich mit dem Sinn des Daseins und dem Abwägen zwischen leidvollen Erfahrungen und persönlichen Sinngebung  befassen. Bis hin zu der Frage, ob nicht „Nicht-Leben“ die bessere Variante sein könnte, um Leid zu verhindern.

Das Lesen dieses Buches vermittelt durchaus ein spezielles intellektuelles Vergnügen. Das Konzept, die Themen durch eine Rahmenhandlung aufzulockern und zu erweitern, kann als gelungen betrachtet werden. Vorgeführt wird eine besondere Form des Philosophierens, die systematische Darstellungen mit anderen Zugängen verbindet, die biografischer und erzählerischer Natur sind.

Insgesamt bleibt das Buch von Hampe ein Werk für bereits philosophie-affine Menschen und kann sicherlich nicht als niederschwelliger Einstieg in die zeitgemäße Philosophie betrachtet werden.

“Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten” von Becky CHAMBERS

Wie komme ich auf so ein Buch?
Nun, auf meinem Buchportal mojoreads schaue ich immer wieder mal Empfehlungen anderer Mitglieder an; das führt dann zu ganz überraschenden Entscheidungen.

An Science-Fiktion interessieren mich keine actiongeladenen Kampfszenarien mit irgendwelchen abstrusen Super-Waffensystemen. Ich will auch keine abgedroschenen Versatzstücke aus allen möglichen Fantasy-Mythen, die einfach nur in ein Zukunfts-Setting verlagert werden. Ich brauche mich nicht ins Jahr 2380 versetzen lassen, um da mit irgendwelchen Prinzessinnen oder edlen Rittern gequält zu werden.

Was ich suche? Zwei Sachen:
Ich will entweder technische Entwicklungen, die jetzt schon erkennbar sind, konsequent – und gerne auch mit viel Fantasie – weiter gedacht bekommen. Nach dem Motto: “Wo könnte die Reise hingehen?”
Oder ich will spannende Entwürfe von zukünftigen gesellschaftlichen Formen des Zusammenlebens.

Becky Chambers liefert ganz sicher keine SF-Standard-Kost. Das ist schon mal gut!
Bei ihr liegt das Schwergewicht ganz eindeutig auf der sozialen, nicht auf der technischen Seite der Zukunftsbetrachtung. Und da hat sie doch einiges zu bieten.

Das Buch nimmt uns mit an Bord eines speziellen Raumschiffs, das dafür ausgestattet ist, Verbindungen zwischen Universen herzustellen. Dafür “bohrt” es Löcher in das Raum-Zeit-Kontinuum und überwindet so Entfernungen, die sonst völlig außerhalb jeder Vorstellung wären.
Um ganz ehrlich zu sein: Aus meiner Sicht lohnt es sich nicht besonders, sich mit den astro-physikalischen oder technischen Grundlagen der Geschichte zu befassen. Dafür sind die beschriebenen Prozesse wirklich zu abgedreht.

Kommen wir zum Kern: Es geht um die Besatzung des Raumschiffes. Sie “multi-kulturell” zu nennen, wäre eine deutliche Untertreibung. Es sind völlig unterschiedliche Spezies, die hier in einer engen Team-Situation zusammenarbeiten. Und damit sind nicht etwa leichte Abwandlungen menschlicher Rassen gemeint, sondern wirklich Aliens.
Und nicht zu vergessen: Auch eine Künstliche Intelligenz (KI) ist mit im Spiel – natürlich eine mit Empfindungsfähigkeit und Ich-Bewusstsein.

Die schriftstellerische Leistung von Chambers besteht eindeutig darin, das Zusammenleben und -arbeiten dieser “Geschöpfe” sehr alltagsnah und konkret auszugestalten.
Dabei menschelt es ziemlich stark. Das hat damit zu tun, dass Menschen die kleine Mannschaft zahlenmäßig dominieren. Zunächst entstand bei mir daher auch der Eindruck, dass alles zu sehr vermenschlicht wird; aber das hat sich im weiteren Verlauf der Story relativiert.

Es ist wirklich amüsant, wenn die Unterschiedlichkeit sozialer Regeln und Gewohnheiten der beteiligten Spezies so anschaulich beschrieben werden.
Als Botschaft kann man heraushören: Wenn es offenbar sogar möglich ist, solche grundsätzlichen Verschiedenheiten mit Toleranz zu überbrücken, wie kann es dann die Menschheit ernsthaft daran scheitern, die – im Vergleich – winzigen kulturellen Herausforderungen zu meistern?!

Alles, was mit Technik zu tun hat, wird in dem Roman eher skurril als zukunftsweisend dargestellt. Es wird geschraubt und mit Ersatzteilen vom Schrottplatz gebastelt, als ob man eine Dampfmaschine zu warten hätte und keinen hypermodernen Universen-Verbinder. Man weiß nicht genau, ob man das nun witzig oder hilflos finden soll.
Ich halte der Autorin mal zugute, dass Sie mit diesem Kontrast bewusst spielt. Insgesamt gibt es in ihrem Schreibstil viel “Augenzwinkern”: Man muss das alles nicht so ernst nehmen!
Sonst wäre es auch kaum aushalten, wenn mitten im unendlichen Raum mal eben eine Post-Drohne vorbeikommt oder man alte Bekannte wiedertrifft.

Fazit: Nette Unterhaltung, die den Gedanken einer Kooperation zwischen verschiedenen Spezies mal im lockeren Stil weiterdenkt.

Übrigens ist mir nicht bekannt, ob ich umgekehrt mit meinen Rezensionen bei anderen auch “untypische” Leseabenteuer auslöse.

“Kafka am Strand” von Haruki Murakami

Es gibt ein Problem mit dieser Rezension – so wie mit den meisten Rezensionen über Bücher des weltweit populären japanischen Autoren. MURAKAMIs Stil ist so speziell und unverwechselbar, dass man die entscheidenden Aussagen darüber eigentlich nur einmal formulieren müsste.
Also wäre die Aufgabe schnell erledigt: Kurz den Inhalt und die Thematik schildern, dann die Beschreibung der typischen Schreib- und Erzählweise aus einer anderen Rezension kopieren und als Fazit – so wie immer – darauf verweisen, dass dieser Autor die literarische Welt in zwei klar getrennte Fraktionen teilt: Wahnsinn oder Genie!
Aber darf man so eine Rezension verfassen?

Dieser Roman ist schon fast 20 Jahre alt. MURAKAMI schreibt offenbar schon immer so und wird wohl immer so schreiben. Er will uns verunsichern, will uns aus der Gewissheit und Berechenbarkeit der Alltagswelt entführen. Dazu reichen ihm ausgefallene Geschichten nicht – selbst wenn diese mit Absurditäten vollgestopft sind.
Er geht einen Schritt weiter: Er öffnet die Tore zu einer zweiten Welt, einer Schattenwelt, einer symbolischen Welt jenseits von Logik und physikalischen Gesetzmäßigkeiten.
Mit klassischer Fantasy-Literatur hat das nichts zu tun. Wir werden vom Autor nicht mitgenommen in irgendwelche mystischen Sagen-Reiche mit Drachen, Rittern, Königinnen oder Fabelwesen.
Das Absurde, der Bruch mit der Normalität vollzieht sich mitten im Alltag, völlig unspektakulär, von jetzt auf gleich: Es ist ein ganz “normaler” alter Mann – geistig etwas eingeschränkt – der die Katzensprache beherrscht und sich auf eine abenteuerliche Reise zu einem mysteriösen “Eingangs-Stein” macht. Es ist ein echter 15-jähriger Junge, der sich alleine auf den Weg in die Fremde macht und dabei ein Grundmotiv eines griechischen Dramas nacharbeitet (oder auch nicht?).
Alle Figuren sind irgendwie zugleich normal und völlig skurril.

MARAKAMI ist ein leidenschaftlicher Erzähler, das Erzählen ist ein Selbtzweck. Ich vermute sehr, dass er am Beginn eines Buches noch keine Ahnung hat, wohin ihn seine Figuren führen werden. eigentlich ist das auch gar nicht so wichtig. Es geht nicht um einen kompliziert gewebten Plot mit einer spektakulären Aufklärung. Alles kann so sein oder auch anders – denkt man. Es könnte auch so oder anders enden.

Als grobe Struktur entwickelt der Autor zwei Handlungsfäden, die sich im Laufe der Handlung berühren. Es könnten auch zwei getrennte Geschichten sein.
Es fließt auch Blut in diesem Roman, in beiden Erzähllinien. Doch wer tatsächlich wie jemanden umgebracht hat, verbleibt in einer geschickt vernebelten Grauzone. Es geht auch um Liebe: um die beginnende Sexualität des Jugendlichen und um die Suche nach der verlorenen Liebe der Eltern. Es geht auch um besondere Freundschaften, um den Verlust von Identität und Möglichkeiten des Wachstums.
Wie so oft geht es auch um Musik: Der Autor hat immer eine sehr konkrete Idee davon, was seine Figuren gerne hören – mal Klassik, mal internationale Popmusik, mal Jazz. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie MURAKAMI so seine Lieblingsmusik nach und nach unter die Leute bringt.

MURAKAMI spielt in diesem Buch mit seinen literarischen Mitteln auf eine besondere Art: Er benutzt nicht nur jede Menge Bilder (Metaphern, Allegorien, Analogien), sondern er thematisiert diese immer wieder – durch die Dialoge der handelnden Personen. Die Protagonisten machen sich also selbst Gedanken darüber, ob sie gerade mit Metaphern konfrontiert sind. Wenn man sowas mag, ist das ein großes Vergnügen!

Ich weiß nicht, ob es schon deutlich geworden ist: Ich mag dieses Buch. (es gab eine gruselige Gewaltszene; das hätte ich mir gerne erspart).
Ansonsten hat das Lesen mir großes Vergnügen bereitet. Weil ich diesem Autor seine Absurditäten nicht nur zubillige – ich warte förmlich darauf.

Verrücktheit kann auch etwas Sympathisches haben. Und ein bisschen verrückt muss jemand sein, der solche Bücher schreibt.

Und die Rezension?
Nun, ich hab sie doch ganz individuell geschrieben  – wie sich das gehört….

“Fantasyland” von Kurt ANDERSON

Ein prachtvolles Buch: Tolles Cover, fast 5 cm dick, 700 Seiten Text.
Ein anregendes Thema: Amerikas Geschichte unter der Perspektive der chronifizierten Irrationalität. Wundergläubigkeit und Realitätsverlust als Nationalcharakter.
Was könnte aktueller und dringlicher sein – angesichts der jüngsten Verrücktheiten des amerikanischen Präsidenten und seiner Gefolgsleute im Umgang mit der Corona-Krise?

Mich haben die USA schon immer interessiert. Nicht nur, weil ich als Student dort mal vor ewigen Zeiten eine besondere Reiseerfahrung gemacht habe.
Amerika war in den letzten Jahrzehnten immer eine Art Zukunftsquelle und ein Vergrößerungsglas: Viele westeuropäische Entwicklungen in Wissenschaft, Kultur und Kommerz waren zuerst in den USA sichtbar; gleichzeitig traten sie dort auch in einer besonders extremen Form auf. Faszinierend und erschreckend zugleich.
Ich habe nie unkritisch auf die USA geschaut, habe mich schon in den 70iger Jahren mit dem militärisch-industriellen Komplex beschäftigt. Aber es gab ja auch Woodstock und das vielversprechende Kalifornien – und auch gegenüber Wolkenkratzern war ich nicht völlig immun, genauso wenig wie bzgl. der digitalen Revolution.
Wenn es um die USA ging, ging es also immer auch um Ambivalenzen!

Jetzt zum Buch:
Der renommierte Journalist ANDERSON hatte sich das Ziel gesetzt, das Fiasko der Trump-Wahl aus der gesamten ca. 500-jährigen Geschichte herzuleiten. Seine Frage war: Wie konnte sowas Abstruses ausgerechnet in den USA passieren?
Seine Antwort erfolgt in einer unglaublich akribischen Analyse all der Ereignisse, Tendenzen und Entwicklungen, die als Belege für die außerordentliche Neigung der Amerikaner zur Irrationalität dienen können.
Der Autor nimmt dabei nicht eine Lupe zur Hand, er bedient sich eines Elektronenmikroskops! Er geht nicht durch die Jahrhunderte, sondern durch die Jahrzehnte und manchmal durch einzelne Jahre und produziert so eine kaum zu überblickende Menge von Einzelbeobachtungen (die er mit Namen und konkreten Fakten hinterlegt).

Damit man sich eine grobe Vorstellung machen kann, will ich ein paar Aspekte aufzählen.
Es geht in dem Buch u.a. um
– die Bereitschaft, an alle möglichen Wunder und Wunderheiler zu glauben
– das Ausmaß einer “fanatischen”, in viele Einzelsekten aufgesplitterte Religiosität (die ganz oft auf einer extrem wörtlichen Auslegung der Bibel beruht)
– einen grenzenlosen Individualismus (der sich auch gegen vernünftige Begrenzungen durch einen demokratischen Staat wehrt)
– einer romantischen Verklärung der Pionier-Mentalität des “Wilden Westens” (einschließlich des Waffen-Fetischismus)
– eine kindliche Begeisterung für alle denkbaren Fantasiewelten (perfekt repräsentiert durch die infantile Disney-Kultur, aber auch in der Hollywood-Illusionswelt, in Fantasy-Literatur und Computer-Parallelwelten)
– den unkritischen Glauben an alle möglichen übernatürlichen Kräfte (einschließlich Ufos und Aliens)
– die systematische Verdummung und Indoktrination durch Medienkonzerne (die immer stärker durch rechtsgerichtete und christlich-fundamentalistische Kräfte gesteuert sind)
– das Misstrauen und die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen
– den unglaublich verbreiteten Hang zu Verschwörungstheorien (der sich aktuell auch auf die Corona-Thematik bezieht)
– die zunehmenden Unfähigkeit und die fehlende Bereitschaft, überhaupt noch Fakten zur Grundlage von Überzeugungen und Entscheidungen heranzuziehen
– die Verbindung von all dem zum Kommerz (also zu der Begeisterung der Amerikaner, möglichst schnell möglichst reich zu werden)

Natürlich stehen alle diese Phänomene nicht nebeneinander, sondern sind vielfältig miteinander verwoben, thematisch, personell und medial. Auch das arbeitet ANDERSEN sorgfältig und detailliert heraus.
Auch wenn es sich vielleicht so anhört: Der Autor macht nicht etwa dauernd Pauschalaussagen über den oder die Amerikaner. Er präsentiert in zahlreichen Untersuchungen statistische Belege, die deutlich machen, für welchen Teil (Prozentsatz) der Menschen seine Aussagen zutreffen. Natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass es den anderen (rationalen, vernunftbetonten) Teil der amerikanischen Gesellschaft auch gibt.
Es ist auch nicht so, als ob keine Gegenbewegungen dargestellt würden: Immer wieder weißt ANDERSEN darauf hin, dass bestimmte Extrem-Auswüchse auch wieder eingefangen wurden und dass sich manchmal für eine bestimmte Phase auch die Vernunft durchsetzen konnte.
Ebenfalls würde der Vorwurf ins Leere laufen, dass der Autor seinen kritisch-analytischen Blick nur in die rechte politische Ecke werfen würde. Er entlarvt auch linke Verschwörungsneigungen (“überall lauert der CIA”) und den Wunderglauben der eher alternativ-esoterischen Gegenkultur. Schmerzlich für mich war in diesem Zusammenhang auch der sehr nüchterne Blick auf die hochgradig irrationale und drogenverseuchte Hippie- und Woodstock-Bewegung.
Der Typ macht eben vor gar nichts halt!

Es bleiben ein paar Kritikpunkte, die auch das Ausmaß meiner Empfehlung für dieses Buch betreffen:
– Kein “normaler” Mensch braucht diese Ausführlichkeit; niemand kann sich auch nur annähernd alle die Fakten und Daten merken. Auch mir hätten vermutlich 300 Seiten vollkommen ausgereicht.
– Nicht durchweg erscheinen die Darstellung und die Abfolgen optimal strukturiert (was aber bei dieser Informationsmenge wohl kaum vermeidbar wäre).
– Natürlich weiß man sowieso, welches Ziel der Autor verfolgt und welche Botschaft er vermitteln will; natürlich will hier niemand ein “neutrales” Buch schreiben. Trotzdem nimmt man sich ein wenig Seriosität und Glaubwürdigkeit weg, wenn man Darstellung von Fakten und deren Bewertung so stark miteinander vermischt, wie das ANDERSEN tut. Indem er immer wieder polemische Formulierungen wählt, macht er es den noch nicht überzeugten Lesern zu einfach, sich auf die andere Seite zu begeben.

Es ist ohne Zweifel ein wichtiges Buch. Nach dem Lesen bleibt kein Zweifel daran, dass eine Wiederwahl von Trump nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich ist.
Der Grund dafür lässt sich in einem – ebenfalls polemischen – Satz zusammenfassen: “Die spinnen, die Amis!”

Nach diesen 700 Seiten kann mir niemand mehr diese Überzeugung argumentativ streitig machen!


“Das egoistische Gen” von Richard DAWKINS

Warum – so kann man mich mit Fug und Recht fragen – sollte jemand im Jahre 2020 eine ganze Reihe von Stunden seiner Lebenszeit aufwenden, um ein wissenschaftliches Buch zu lesen, das in seiner 1. Auflage aus dem Jahr 1976, in der 2. Auflage aus 1989 stammt?

Nun: Denkbar wäre, dass es sich um ein inhaltlich epochemachendes Werk handelt oder dass die Art der Darstellung einen “zeitlosen” Wert in sich trägt.
Für dieses Buch des Evolutionsbiologen DAWKINS gilt beides in hohem Maße.
Trotzdem gab es noch ergänzende (subjektive) Gründe für diese Lektüre:
– so eine Art schlechtes Gewissen, dass ich dieses Standardwerk noch nie im Original gelesen hatte
– die weltanschauliche Nähe zu dem Autoren (der sich auch in der Thematik des “Atheismus” einen Namen gemacht hat)
– die Verfügbarkeit des Buches in der allernächsten Umgebung

Ich fühle mich an dieser Stelle nicht berufen, den Inhalt dieses Buches wiederzugeben. Die Theorie des “Egoistischen Gens” hat sein Jahrzehnten ihren Platz in jedem Lehrbuch der Biologie (erst recht natürlich der Genetik oder der Evolutionswissenschaften) gefunden. Sie ist jederzeit aus verschiedensten Quellen abrufbar.
Im Kern geht es DAWKINS darum, die durch Darwin entwickelte Theorie der “natürlichen Auslese” zu präzisieren und zu Ende zu denken: Seiner Überzeugung nach, sind nicht Individuen (also einzelne Menschen, Tiere oder Pflanzen) oder gar Gruppen solcher Lebewesen Gegenstand der evolutionären Kräfte (also der Auslese), sondern es sind bestimmte Gen-Einheiten, die jeweils für die Ausprägung bestimmter Merkmale (mit “Überlebenswert”) verantwortlich sind.
Die Individuen, die wir (aus egozentristischer Eitelkeit) als so bedeutsam betrachten, sind für DAWKINS nur Überlebensmaschinen zur Weitergabe von Gen-Abschnitten.

Da dieser Grundgedanke auf über 500 Seiten ausgeführt wird, liegt nahe, dass die Zusammenhänge recht komplex sind und viel Energie (Argumentationskraft und Befunde) darauf verwandt werden, ihn facettenreich zu erläutern.
Wenn man ehrlich ist: Das braucht kein Nicht-Experte in dieser hochdosierten Form!

Kommen wir also zum Stil der Abhandlung.
Und hier bestätigt sich rasch die Erfahrung aus seinen religionskritischen Werken (z.B. “Der Gotteswahn”): DAWKINS ist ein Autor ist, der (gerne) polarisiert.
Das liegt hier im Bereich der strengen Wissenschaft nicht daran, dass an weltanschaulichen Tabus gerüttelt wird; aber die gemeinsame Basis seines Schreibens ist eine deutlich spürbare Lust an der Konsequenz.
Dinge radikal weiter zu denken – bis an die Grenzen der vermeintlichen Absurdität – das bereitet dem Autor ganz offensichtlich ein nicht unerhebliches Vergnügen.
DAWKINS streitet gerne und scheut auch nicht, seine Argumente als “überlegen” zu kennzeichnen, wenn sie durch Beobachtungen oder Experimente bestätigt wurden.
DAWKINS lebt für die Wissenschaft, er ist Naturwissenschaftler mit Leib und Seele (an die er natürlich nicht glaubt).
Er wäre jederzeit bereit, einen Irrtum oder einen Fehlschluss einzuräumen, wenn die Fakten dies notwendig machen würden. Das ist Ehrensache! Aber bis dahin würde er “kämpfen” – um die logischte Interpretation der Daten, um die eleganteste Theorie.

Wenn man ein wenig so tickt wie der Autor, dann mag man seine Denk- und Schreibweise. Wenn einem seine Art sogar fasziniert, dann kann man diesem Klassiker eine Menge abgewinnen. Dann nimmt man auch so (vermeintliche) Absurditäten in kauf, dass das Verhalten von Tieren gegenüber ihren Verwandten dritten Grades durch den Anteil des geteilten Genmaterials erklärt wird oder das die Spieltheorie (die meist in den Wirtschaftswissenschaften zur Anwendung kommt) biologische Verhaltensmuster abbildet und voraussagt.

So richtig ernsthaft kann ich aber letztlich kaum jemandem die Lektüre des Buches empfehlen – trotz der extrem vielfältigen und anregenden Ein blicke in die Geheimnisse der Evolution.
Das Lesen ist einfach auch mühsam; DAWKINS bleibt nun mal nicht an der Oberfläche. Manchmal muss man sich auch ein wenig quälen.
Das Lesen dieses Buches setzt schon ein gehöriges Ausmaß an intrinsischer Motivation voraus.

Ich bin froh, dass ich einmal im Leben diese Motivation aufgebracht habe.
Es ist so ähnlich, wie einmal FREUD im Original zu lesen (oder SATRE, oder GOETHE).
Es geht weniger um die Fakten als um einen Eindruck vom “Geist” dieses Buches und seines Autors.

Mein (intellektuelles) Leben wird durch Menschen wie DAWKINS bereichert. Er zeigt, was man mit menschlichem Wissensdrang und der Anwendung wissenschaftlicher Methodik alles erkennen kann.
Dass dies manchmal mit “metaphysischen” weltanschaulichen Überzeugungen in Konflikt gerät, ist für mich kein Problem.