Ein neues Jahr, ein neues Projekt. Ab sofort werde ich für jeden Tag des Jahres einen Beitrag posten – einen Gedanken, eine kleine Betrachtung, eine Meinungsäußerung, einen Appell o.ä.
Für mich wäre es ein gutes und passendes Zeichen gewesen, nicht nur in diesem Jahr, sondern dauerhaft, auf die private Pyrotechnik zu verzichten. Oder – um es deutlicher zu sagen – diesen Brauch schlichtweg zu verbieten.
Die Gründe dafür sind zahlreich und liegen auf der Hand: Verschwendung von Ressourcen, Feinstaub- und CO2-Belastung, Belastung für Rettungsdienste und Krankenhäuser, Quälerei für bestimmte Tiere, usw. Nein – ich will nicht alles verbieten, was Tradition hat und vielen Menschen Spaß macht. Aber ich möchte gerne, dass wir uns als Gesellschaft hinterfragen, welche Anpassungen an die aktuellen Herausforderungen dringend notwendig sind. Und ich halte es für richtig, dabei auch sichtbare Zeichen zu setzen – selbst wenn die Auswirkungen für die großen Ziele (z.B. Nachhaltigkeit) letztlich begrenzt sind. Es ist wie mit dem Tempolimit: Damit rettet man nicht die Welt und nicht das Klima – aber unbegrenzte Geschwindigkeit passt nicht mehr in eine Zeit, in der nachhaltige Mobilität das Gebot der Stunde ist. Genauso wenig passt dieses Böllern und Raketenschießen noch in die Zeit einer Umsteuerung und neuer Prioritätensetzung.
Dieses Buch ist in verschiedenerlei Hinsicht eine echte Überraschung. Im Vordergrund steht dabei sein inhaltlicher Schwerpunkt: Wer würde denn ernsthaft erwarten, dass der bekannteste (und wohl auch umstrittenste) Gesundheitspolitiker des Landes nach drei Jahren Pandemie ein ziemlich reinrassiges Klimabuch schreibt?! Das lässt aufhorchen!
Zwar betrifft das Meta-Thema von LAUTERBACHs Betrachtungen die Bedeutung wissenschaftlicher Expertise für die zukünftige Politik. Betrachtet man aber die tatsächliche Aufteilung des Textes, findet man sich plötzlich in einer recht systematischen Darstellung des Klimawandels – mitsamt seiner Entstehungsgeschichte, seiner aktuellen Ausprägung, seiner konkret drohenden Konsequenzen (u.a. in Bezug auf Verteilungskämpfe, Klima-Migration und Wassermangel) – bis zu den möglichen bzw. notwendigen Gegenmaßnahmen (die wiederum sehr differenziert dargestellt und bewertet werden).
Und da wartet die zweite Überraschung: Diese zusammenfassende Darstellung der Klimakrise ist außerordentlich gut gelungen. Sie wäre geeignet, auch Neueinsteigern in die Thematik (falls es die noch gibt) die grundlegenden Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen – ohne mit einem Wust von Tabellen oder Schaubildern zu verschrecken. Gleichzeitig kann diese Form der Aufarbeitung auch für diejenigen nützlich sein, die schon das ein oder andere Klimabuch gelesen haben – aber vielleicht in bestimmten Teilsaspekten den Überblick verloren haben. Als Argumentationsgrundlage für die Überzeugungsarbeit mit Uninformierten oder Zweiflern kann die hier vorgelegte schlanke Klarheit und Folgerichtigkeit ganz sicher gute Dienste leisten.
Doch soll ja das Thema “Klima” eigentlich nur als Beispiel dienen für die Notwendigkeit, den großen Menschheitsproblemen mit einem größeren Einfluss von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf die Politik zu begegnen. Gekonnt nutzt LAUTERBACH seine reichlich vorhandene Innenperspektive aus, um die Hindernisse und Widerstände zu beschreiben, die dem Einfließen empirischer Befunde in politisches Handeln entgegenstehen. Dabei verliert er sich nicht in einer radikalen Systemkritik (nach dem Motto: “die parlamentarische Demokratie ist den Herausforderungen nicht gewachsen”), sondern zeigt einiges – wenn auch leicht ungeduldiges – Verständnis für die oft schwerfälligen und mühsamen Abläufe auf dem Weg zu mehrheitsfähigen Kompromissen. Doch mit vorbildlicher Klarheit zieht LAUTERBACH eine Grenze zwischen den “normalen” gesellschaftlichen Themen und dem Klimawandel: Hier müsse die Politik sehr viel schneller und konsequenter handeln – und zwar ab sofort und mit aller Kraft auf der Basis der Wissenschaft.
Nachdem der Autor verschiedene Varianten durchgespielt hat, plädiert er leidenschaftlich für einen spezifischen Ansatz der Verankerung von Wissenschaft in der Politik: Es ist – sicher nicht ganz zufällig – sein eigener Weg, nämlich die unmittelbare Beteiligung der Wissenschaftler/innen am politischen Entscheidungsprozess, also als Mandatsträger in den Parlamenten.
Ja, die Corona-Pandemie wird dann schließlich doch noch zum Thema gemacht. LAUTERBACH bilanziert die verschiedenen Phasen der Entwicklung und Bekämpfung dieser weltweiten Herausforderung. Für den Autor ist folgerichtig, dass Deutschland im Umgang mit Covid solange ziemlich erfolgreich gewesen sei, wie es einen engen Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Politik gegeben habe; dieser sei aber leider in einer späteren Phase verloren gegangen. LAUTERBACH warnt sehr eindringlich vor zukünftig drohenden pandemischen Heimsuchungen und stellt dabei – was die ganze Argumentation abrundet – besonders die Rolle der klimatischen Einflüsse auf die Einschränkung der Lebensräume für Tier und Mensch dar.
Der Mehrwert dieses Buches liegt vor allem an der besonderen Perspektive: Hier schreibt ein Wissenschaftler, der sich entschieden hat, sich ganz der (mühsamen und oft undankbaren) politische Umsetzung empirischer Erkenntnisse zu widmen. Die Übernahme der Verantwortung im Gesundheitsbereich in Zeiten von Corona hat ihn zu einer Zielscheibe für Häme und Hass gemacht. Wie dieses Buch deutlich macht, bräuchten wir mehr Menschen mit dieser Doppel-Kompetenz (idealer Weise sollten sie auch noch begabte Kommunikatoren sein…).
Dass ein Gesundheitspolitiker ein solch engagiertes Klimabuch schreibt, kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass wissenschaftliches Denken eine Grundhaltung darstellt, die einen Transfer auf ganz verschiedene Bereiche ermöglicht. Eine gewisse Tragik liegt vielleicht darin, dass die aufgeladene “Anti-Lauterbach-Stimmung” der Verbreitung dieses Buches bestimmte Grenzen setzen könnte. Auf alle, die sich dadurch nicht beeinträchtigen lassen, wartet eine sehr informative und anregende Lektüre. Es wäre allerdings sicher angemessen gewesen, den thematischen Schwerpunkt (Klima) auch schon auf dem (vorderen) Buch-Cover zu nennen.
Manchmal entscheidet sich auf den ersten Seiten eines Romans, ob man sich durch die Sprache oder Erzählweise angesprochen fühlt. In diesem Fall wurde ich geradezu angesprungen durch ein ganzes Feuerwerk ungewohnter Formulierungen, die mir sofort signalisierten, dass ich da gerade ein Ausnahme-Buch in der Hand hielt.
Thematisch werden wir von HANSEN eingeladen, uns auf das Leben auf einer Nordseeinsel einzulassen. Der Blick ist scharf auf den Übergang zwischen traditioneller Seefahrt bzw. Fischerei und modernem Tourismus zentriert. Sichtbar und erzählbar wird dieser Epochen- und Kulturwandel am Beispiel einer alteingesessenen Familie, deren Mitglieder bestimmte Rollenmuster in sehr pointierter Ausprägung darstellen. Um dieses Zentrum herum agieren eine Handvoll weiterer Protagonisten, die ebenfalls – auf jeweils spezifische Weise – in die Zeitenwende verwickelt sind.
Die Figuren sind letztlich alles echte “Originale”, was der Autorin natürlich entsprechend viel erzählerischen Stoff liefert. Die Sonderbarkeiten dieser – durch das raue Klima und das naturnahe Leben geprägte – Insulaner macht es HANSEN recht leicht, ihre offensichtliche Leidenschaft für sehr individuelle Sprach-Schöpfungen hemmungslos auszuleben. Es gelingt ihr dabei, die Charaktere der Figuren und die Lust an ausgefallenen Sprachbildern zu einer geradezu perfekten Einheit zu verschmelzen. Letztlich gewinnt man den Eindruck, dass man die Eigenarten dieses Menschenschlages entweder so oder gar nicht einfangen könnte.
Geschickt nutzt HANSEN den Kontrast, der sich zwischen den wettergegerbten Naturmenschen und den Touris bzw. wohlhabenden Neuansiedlern ergibt. Die Beobachtungen, wie sich das Insel-Leben im Takt mit den Saison-Wechseln verändert (bis in die Kinderzimmer hinein), gehören zu den amüsantesten Stellen.
Eine ganze Reihe von menschlichen bzw. beziehungsmäßigen Grundkonflikten finden in dem Roman ihren Platz: Die Suche nach Bindung und Liebe durchzieht letztlich ja alle Bereiche der Gesellschaft. Es ist sicher Geschmackssache, ob die zur Illustration benutzten Figuren so extrem konturiert werden müssen, wie dies HANSEN in ihrer Milieustudie mit großer Hingabe macht. Was sie erreicht ist mit Sicherheit ein großes Lesevergnügen – auf der Basis eines Eintauchens in eine eher unbekannte Welt (die sicher nicht immer so skurril war, wie in dieser speziellen Ausgestaltung).
Dieser (Kriminal-)Roman enthält einige Zutaten, aus denen sich eine wirklich interessante Geschichte hätte entwickeln können: Ausgangspunkt ist ein düsteres Kapitel in der DDR-Vergangenheit, das dramatische Folgen für den weiteren Lebensweg der Protagonisten dieses Romans hatte – und in der Gegenwart plötzlich noch einmal aktualisiert wird. Diese Hypothek manifestiert sich in der kurz vor der Silberhochzeit stehenden Ehe zwischen Annett und Volker, die sich als Heranwachsende zu DDR-Zeiten schon kannten. Auf der Gegenwarts-Zeitschiene begleiten wir Annett bei der schrittweisen Aufdeckung der damaligen Ereignisse und Zusammenhänge und erleben die sich daraus ergebenden Erschütterungen ihres gesamten Lebenskonzeptes.
Die eigentliche Thematik des Romans ist die Darstellung der psychologischen Dynamik, die in Annett bei diesem Prozess entsteht. Damit ist die entscheidende Frage hinsichtlich der Qualität dieses Romans, wie glaubwürdig und nachvollziehbar diese hochambivalente innere Reise geschildert wird. Mein Urteil: Das ist nur bedingt gelungen. Dem Lesenden selbst wird kaum ein Spannungsbogen vermittelt, weil die Hinweise auf die wahren Zusammenhänge schon sehr früh sehr eindeutig sind. So ist man dazu verurteilt, der Protagonistin bei ihrer inneren Achterbahnfahrt zwischen Erkenntnis und Verleugnung zuzuschauen. Das ist eine gewisse Weile auch durchaus unterhaltsam, erreicht aber irgendwann den Punkt von Ungeduld und Unverständnis: Man hält es kaum noch für möglich und mag es kaum noch aushalten.
Nun mag man natürlich einwenden, dass bei der Schilderung von Einzelschicksalen durchaus auch eher unwahrscheinliche Verläufe ihre Berechtigung haben. Jede/r Leser/in hat eine eigene Schwelle, ab der bestimmte Reaktionen als unvereinbar mit dem eigenen psychologischen Verständnis erlebt werden – und daran auch die Identifikation mit einer Geschichte (bzw. mit einer Hauptfigur) leidet. Vielleicht kann man es sogar als genussvoll erleben, wenn man jemanden dabei zuschauen kann, wie er/sie den “Wald vor lauter Bäumen” nicht sehen kann.
Außerhalb der Beziehungsdynamik des Ehepaares hat dieser Roman durchaus einen interessanten zeitgeschichtlichen Hintergrund zu bieten. Wer weniger empfindlich bzgl. der psychologischen Stimmigkeit ist, kann sich durch Ellen SANDBERG durchaus anregend unterhalten lassen. Ein paar kurze Thriller-Elemente sind auch dabei; die Suche danach sollte aber nicht die Hauptmotivation für dieses Buch sein.
Vorweg sei angemerkt, dass diese Rezension aus Sicht eines Psychologen geschrieben wurde – und nicht aus der Zielgruppen-Perspektive. KELLER will mit seinem handlichen Büchlein nämlich die Lehrkräfte selbst psychologisch aufrüsten – ihnen also schulpsychologisches Wissen zukommen lassen (nach dem Motto: “der KELLER in der Tasche erspart den Anruf beim Schulpsychologischen Dienst”). Was er in welcher Form vermittelt, ist aber sicher auch für schulpsychogische Fachkräfte ganz interessant: Hier wird ja auch ihr eigenes Zuständigkeits- und Kompetenzfeld beschrieben – und vor allem auch das breite Spektrum an Erwartungen an die Psychologie als Unterstützungsinstanz im Schulalltag.
Im ersten und größten Teil des Buches geht es – sortiert nach klassischen Problemfeldern – um unmittelbare Interventionen auf Belastungen bzw. Störquellen, die sich im Sozial- oder Lernverhalten von Schülern (Schülerinnen sind auch immer gemeint) zeigen. Auf jeweils ca. vier Seiten geht um 16 Probleme wie Ängste, Gewalt, Schuleschwänzen und Suizidalität. KELLERs Methode ist die Strukturierung: In seinen zahlreichen Aufzählungen findet man so ziemlich alle relevanten Aspekte der jeweiligen Problematik wieder: Art und Häufigkeit des Auftretens, mögliche Ursachen, mögliche Maßnahmen (auf den Ebenen Schüler, Lehrer, Klasse, Eltern, System Schule). Das hilft sehr dabei, alles im Blick zu haben und nichts zu übersehen. Sicher lassen sich in vielen Situationen auch erste Klärungs- und Handlungsschritte ableiten. Aber leider können solche (wunderbar systematischen) Listen von Ursachen und Lösungsansätzen auch eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen: “Wie kriege ich denn jetzt heraus, welche spezielle Kombination von Verursachungs-Faktoren in meinem Fall zusammenspielen? Und welche Interventionen sind denn unter meinen konkreten Bedingungen möglich, gewünscht, erfolgversprechend und erlaubt?”
Im 2. Kapitel wendet sich KELLER den pädagogischen Möglichkeiten zu, Lern- und Sozialverhalten grundsätzlich zu fördern (er nennt das elegant “Primäre Prävention”). Hier werden (auf knapp 30 Seiten) praxisbezogene und sehr heterogene Anregungen gegeben: von der Lernkartei bis zum Streitschlichter-Programm. Auch das geht letztlich über eine (sicherlich nützliche) Übersicht nicht hinaus.
Im folgende Kapitel steht die Methodik von Gesprächsführung und Beratung im Zentrum (der “pädagogisch-psychologische Werkzeugkasten”). Spätestens hier gerät der Ansatz von KELLER (“Kompetenzerweiterung durch Überblick und Anregungen” – meine Formulierung) endgültig an seine Grenzen: Natürlich kann man 20 Tipps für gute Gesprächsführung auflisten – aber der Hinweis darauf, dass einige der Zielsetzungen vielleicht doch ein gewisses Training erfordern könnten, dürfte eigentlich an dieser Stelle nicht fehlen.
Nachdem auf wenigen Seiten die wichtigsten psychosozialen Dienste genannt werden (so oberflächlich, dass man es sich vielleicht auch hätte sparen können), geht es im Abschlusskapitel um die Selbstfürsorge (Psychohygiene) der Lehrkräfte selbst: man solle seine Grenzen im Auge behalten, Stress erkennen und (durch Entspannungsmethoden) abbauen, sich Unterstützung holen.
Nun kann man einem schmalen Büchlein nicht vorwerfen, die meisten Themen nur anzureißen. Deshalb solle es hier nur um ein paar inhaltliche Schwächen gehen: – In einem so stark von gesellschaftlichen und juristischen Veränderungen bestimmten Feld wie Schule wäre eine regelmäßige Aktualisierung eines solchen breit angelegten Überblickswerkes notwendig und auch zu erwarten. In dem 2011 erschienenen Buch spiegeln sich weder die konkreten Verantwortlichkeiten beim Thema “Kindeswohlgefährdung” noch die Auswirkungen von Migration, Pandemie, Klimabedrohung und Social Media wieder. – In weiten Bereichen vermittelt der Autor den Eindruck, dass es für jedes Problem die “passende” (und auch funktionierende) Antwort gäbe: “Man nehme die richtigen Zutaten und wende sie an – und alles wird gut!” Im richtigen Leben haben es Lehrkräfte aber eben meist nicht mit motivierten, gutwilligen, veränderungsfähigen und kompetenten Akteuren zu tun. Die meisten Eltern warten nicht dankbar darauf, dass man sie auf ihre “Erziehungsfehler” aufmerksam macht; die meisten Lehrerteams arbeiten an der Belastungsgrenze; viele Schulleitungen ersticken in bürokratischen Anforderungen; die meisten psychosozialen Institutionen (auch die nicht erwähnten psychotherapeutischen Praxen) verwalten eher eine chronische Mangelsituation (als dass sie sich voller Eifer auf die nächste Kontaktaufnahme freuen). – Vernetztes Arbeiten (mit Jugendämtern und Beratungsdiensten) ist nicht immer ein Quell der Freude; hier warten auch Missverständnisse, Verantwortungsdiffusion und Konflikte um Zuständigkeiten.
Natürlich kann man von einer Einführung in die fachlichen Angebote der Schulpsychologie nicht erwarten, all diese Fragen zu thematisieren (oder gar zu klären). Es könnte nur sein, dass KELLER insgesamt doch eine etwas zu geordnete und heile Schul-Welt vermittelt, die mit dem Erleben von Lehrkräften in akuter Bedrängnis nicht sehr gut übereinstimmt. Das im Auge zu haben, hätte dem Buch sicher sehr gut getan. Auch fehlen ein paar Hinweise darauf, wo die Abgrenzungen zwischen eigenständigen Maßnahmen und der Einbeziehung anderer Dienste liegen sollten – nicht zuletzt auch aus juristischer Perspektive.
Vielleicht profitieren ja tatsächlich eher die PsychologInnen selbst (insbesondere Berufseinsteiger/innen) von diesem Buch: Sie finden dort jede Menge Checklisten für den Arbeitsalltag. Und sie müssen ganz sicher nicht befürchten, dass sie durch Lehrkräfte überflüssig werden, die dieses Buch schon selbst gelesen haben.
Wir haben es hier mit einem Sach-/Fachbuch zu tun, das auf verschiedenen Ebenen sowohl bemerkenswert, als auch herausfordernd ist. Das fängt schon bei der Zuordnung zu einem Genre an: Der international bekannte Paar- und Sexualtherapeut SCHNARCH verfasst nämlich zwei parallele Bücher unter einem Buchdeckel. Für interessierte Laien – insbesondere für Betroffene – legt er im Hauptteil ein Selbsthilfe-Text vor, der ein in sich geschlossenes Erklärungs- und Lösungssystem beinhaltet und dabei weitgehend ohne Bezug auf wissenschaftliche Befunde bzw. andere Theorien auskommt. Das wirkt insgesamt übersichtlich und – fast ein wenig zu – einfach. Zu diesen Kapiteln werden dann im hinteren Teil des Buches jeweils zugeordnete “Anhänge” angeboten, die sich fast durchweg als selbständig lesbare Texte erweisen und hinsichtlich ihrer Unterfütterung durch empirische Befunde und ihrem Bezug zu benachbarten Ansätzen eindeutig wissenschaftlichen Fachbuchcharakter haben. Hier ist die Welt auch einmal ziemlich komplex…
Das Thema “Mindmapping” ist in diesem Buch so zentral (und der Begriff taucht so unglaublich oft auf), dass man sich wirklich nur wundern kann, dass das Buch einen anderen Titel hat (von “Brain-Talk” ist seltsamer Weise innen kaum die Rede). Die zentrale Botschaft des Autors zum Mindmapping lautet etwa so: Die Fähigkeit, sich in die Gedanken (den Geist) anderer Menschen hineinzuversetzen (den “Mind” des Gegenübers zu “mappen”) sei eine zentrale menschliche Fähigkeit, die schon Kinder (ab dem 4. Lj) ausbilden würden. Gleichzeitig erwürben wir alle auch eine gewisse Übung darin, uns geben eine solche “Ausspähung” zu schützen (wir “masken” unseren “Mind” = “Mindmasking”). Das alles funktioniere im normalen Alltag eigentlich recht gut und schaffe die Grundlage für ein soziales Miteinander, in dem wir uns mit unterschiedlichem Geschick gegenseitig in die geistigen Karten gucken (und so zum Beispiel die Motive und Ziele des anderen nachzuvollziehen) bzw. uns bei Bedarf auch dagegen wehren könnten (z.B. für eine Notlüge oder um ein Geheimnis zu bewahren). Werden uns durch andere schlimme (bedrohliche, schädigende, gefährliche, gemeine, ekelhafte) Dinge zugefügt, werde unsere Mindmapping-Fähigkeit gestört (eingeschränkt): Wir fühlen uns verwirrt, überfordert, können nicht mehr klar denken, verstehen die Welt nicht mehr. Passierten solche Dinge häufiger, entstünde eine chronische Einschränkung kognitiver Fähigkeiten. Für das sog. “Traumatische Mindmapping” sei vor allem Dingen typisch, dass man sich als Opfer nicht vorstellen könne, dass der Täter seine Handlungen vollziehe, obwohl er sich (per Mindmapping) in sein Opfer hineinversetzen könne. Daher “weigere” sich das Opfer-Gehirn geradezu, diese Möglichkeit (“der weiß genau, was er tut und macht es genau deshalb”) in Betracht zu ziehen und erfinde eine – den Täter entlastende – Alternativinterpretation (oder höre ganz auf zu denken). Auf diesem Hintergrund sei es folgerichtig, dass ein wichtiger Teil der Therapie darin bestehe, durch (wiederholtes) Nacherleben der traumatisierenden Situation das korrekte Mindmapping nachzuholen: also dem Täter nachträglich die richtigen (letztlich “bösartigen”) Motive zuzuschreiben (weil er durchaus in der Lage war, das Opfer korrekt mindzumappen). Diesem Prozess der individuellen Neuverarbeitung (einschließlich dem Auffüllen von Gedächtnislücken) müsse dann eine Konfrontation mit dem Täter folgen – mit dem Ziel, dass auch dieser die Verantwortung für sein früheres Verhalten übernehme.
Das alles mag in dieser Verkürzung ein wenig skurril klingen. Ein Großteil des Buches ist aber tatsächlich damit befasst, die skizzierten Zusammenhänge zu erklären und zu belegen. Letztlich macht der Autor selbst eine hilfreiche Einordung: Seine spezifische Trauma-Theorie befasst sich mit Erlebnissen und Belastungen, die (knapp) unterhalb der Schwelle liegen, auf die sich die üblichen Trauma-Diagnosen und Therapien beziehen.
Die Zweiteilung des Buches ist ohne Zweifel ein kreativer Versuch, die gleich Thematik auf zwei unterschiedlichen Ebenen darzustellen. Diese Konstruktion hat allerdings auch ihren Preis: Geht es im Ratgeberteil ein wenig holzschnittartig und scheuklappenmäßig zu (so als stände das Konzept des Autors ganz allein auf weiter Flur), spricht die Differenzierung zwischen den verschiedenen Trauma-Theorien und die Verbindung zwischen Hirnforschungs-Befunden und dem Konzept des Autors tatsächlich nur noch spezialisierte Fachkräfte an; um all das wirklich nachzuvollziehen müsste man sich diesem Buch wirklich sehr gründlich widmen. Der Effekt: Manchmal wünscht man sich als Lesender dann doch lieber die Integration und den Kompromiss zwischen den beiden Dartstellungsformen. Der sehr selbstüberzeugte Schreibstil des Autors lässt allerdings manchmal den Verdacht aufkommen, dass es SCHNARCH schon reichen würde, wenn FachkollegInnen einfach nur beeindruckt werden durch die Masse der ins Spiel gebrachten Befunde. Auch die meisten Trauma-TherapeutInnen werden kaum in der Lage sein, die jeweiligen Schlussfolgerungen von Hirnscans auf Therapiemethoden nachzuvollziehen.
Doch am meisten wird bei diesem hochinteressanten Buch wohl die Art des Autors irritieren, seine Grundthesen immer und immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen und Formulierungen zu wiederholen. Dieses Phänomen ist in beiden Buchteilen zu beobachten; es gewinnt stellenweise den Charakter einer “Gebetsmühle”. SCHNARCH wirkt dabei wie ein sehr von sich überzeugter Fachmann, der der Welt wirklich eine bahnbrechende und einzigartige Neuigkeit zu verkünden hat. Jedenfalls leidet der Autor ganz sicher nicht unter einem Selbstwertproblem und wirkt schon auch ein wenig selbstverliebt. Zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass SCHNARCH seine Standard-Übungen aus der Paartherapie auch für die Thematik dieses Büches für extrem bedeutsam hält. Vielleicht steckten ja in diesem SCHNARCH doch ein paar Guru-Tendenzen…
Nicht ganz auflösen kann der Autor auch den Widerspruch zwischen dem im ersten Teil formulierten Anspruch einer “Selbsthilfe” (“Sie können das auch ohne externe Hilfe mit diesem Buch”) und den dann später sehr differenzierten Hinweisen auf die therapeutische Begleitung solcher Prozesse; hier hätte es einer klareren Abgrenzung bedurft.
Es bleibt der Eindruck eines sehr besonderen, teils faszinierenden, teils auch etwas irritierenden Buches. Es wäre interessant nachzuverfolgen, wie das Buch (auf diesem Hintergrund) in den engeren Fachkreisen aufgenommen wird.
Wenn ich ehrlich bin, dann hat mich der Untertitel gepackt – das ist schon ziemlich toll formuliert und macht neugierig. Selten ist meine Neugier so reichhaltig belohnt worden!
Tatsächlich hat sich der Autor (ein niederländischer Primatologe – also Menschenaffen-Forscher) in diesem Buch die Aufgabe gestellt, sich dem spannenden und hochkontroversen Thema “Sex und Gender” (also biologischem Geschlecht und empfundener Geschlechtsidentität) über den Umweg über unsere direktesten biologischen Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, zu nähern. Wobei “Umweg” schon ein problematischer Begriff ist: Für de WAAL ist es ziemlich naheliegend, die reichhaltigen Forschungsergebnisse aus der Primaten-Welt zu nutzen, um sich den biologischen Grundlagen bzw. Einflussfaktoren unserer menschlichen Geschlechtlichkeit zu nähern.
Diejenigen, die jetzt am liebsten gleich mit großem Getöse über eine “biologistische” Grundhaltung herziehen möchten, in der die Unterschiede zwischen den “instinktgesteuerten” Tieren und dem “Kulturwesen” Mensch missachtet würden, haben mit de WAAL einen schwierigen Gegner. Der Autor leugnet gar nicht, dass weitreichende Unterschiede bestehen; er arbeitet sie selbst sorgfältig heraus. Doch genauso klar und eindeutig stellt er jede Menge eindrucksvoller Belege dafür dar, dass wir hinsichtlich unserer Grundprägung als weibliche bzw. männliche Lebewesen unsere biologische bzw. evolutionäre Basis ganz sicher nicht außer acht lassen können. Sinngemäß sagt er an einer Stelle: “Wer seine biologische Prägung verleugnet, läuft vor sich selbst davon.”
Der Autor legt ein extrem facettenreiches, lebendiges und engagiertes Sachbuch vor, in dem seine Leidenschaft für die Erforschung der Primaten permanent spürbar ist. In einem Kapitel über seine Kindheit lädt er uns ein, seine persönliche Motivation für die Tierforschung aufkeimen zu sehen. In zahlreichen Einblicken in Forschungssettings bringt er sich als unmittelbarer Beobachter und Interaktionspartner seiner Lieblingstiere ein und lässt dabei seine emotionale Beteiligung nicht außen vor. Natürlich werden auch zahlreiche Befunde anderer Forscher/innen exemplarisch dargestellt und eingeordnet. Gleichzeitig zeigt er sich als ein liberaler Humanist, der sich immer wieder gegen jede Form von Diskriminierung (bzgl. Geschlecht, Gender oder sexueller Präferenz) wendet – und zwar völlig unabhängig davon, ob es nun Hinweise auf die Bedeutung biologischer Faktoren gibt (oder nicht).
Das wirklich Besondere dieses faszinierenden Sachbuches liegt darin, dass de WAAL eben nicht bei der Tierforschung stehen bleibt, sondern sich gezielt deren Aussagekraft für die Grundfragen von Sex und Gender zuwendet. Das tut er nun aber eben nicht durch irgendwelche gewagten Analogieschlüsse, sondern auch unter Rückgriff auf Befunde und Erkenntnisse aus der “Menschenforschung”. Das führt zu der wirklich bemerkenswerten Tatsache, dass man sich in diesem Buch tatsächlich auf den neuesten Stand der Forschung in Fragen von geschlechtsspezifischen Unterschieden, Transgender und sexueller Orientierung bringen kann – wohlgemerkt nicht bei Primaten, sondern bei uns Menschen! Im Grunde hat dabei die Primatenforschung dabei eher eine Hilfsfunktion: Da, wo der relative Anteil der biologischen bzw. kulturellen Einflüsse besonders strittig ist, guckt der Autor einfach zu unseren behaarten Verwandten – und schafft damit in vielen (nicht in allen) Fällen zusätzliche Klarheit.
Mal ein paar Beispiele? Ohne Zweifel ist die Präferenz von Mädchen zum Puppenspiel und zum Interesse an Babys (denen sie auch mit deutlich mehr Empathie begegnen) evolutionär fest angelegt (wobei interessanter Weise auch Affenweibchen Fürsorge und Pflege von erfahrenen Müttern lernen müssen – es ist nicht instinktmäßig programmiert). Dass Menschenjungen nicht nur körperlich (muskulär) überlegen sind, sondern auch ruppigere soziale Umgangsformen haben, auf Rivalität und Status ausgerichtet sind und mehr Gewalt ausüben, liegt ganz sicher auch an unserem gemeinsamen biologischen Erbe. Deutliche Zweifel ergeben sich durch die Primatenforschung an den grundsätzlich Prägung zu harmonischeren Sozialbeziehungen des weiblichen Geschlechts: Dort verlaufen die Konflikte nur weniger offensichtlich. Ganz eindeutig wird die (gelegentlich noch geäußerte These) widerlegt, in der Natur wären – aus Gründen der Fortpflanzungs-Logik – nur heterosexuelle Spielarten der Sexualität bekannt; das Gegenteil ist der Fall (nicht zuletzt bei den Primaten). Bei aller Eindeutigkeit wird aber auch deutlich, dass schon allein die Verschiedenheit zwischen den beiden engsten Verwandten (Schimpansen und Bonobos) der Herleitung menschlicher Prägungen aus dem biologischen Erbe Grenzen setzt. Amüsant ist in diesem Zusammenhang auch, mit welchen ideologischen Vorbehalten die – zunächst männlich dominierte – Forschergemeinschaft auf Befunde von weiblicher Dominanz und (von beiden Geschlechtern) genussvoll ausgelebter Sexualität reagierte – die dann zu allem Überfluss auch von Primaten-Wissenschaftlerinnen publiziert wurden.
Sehr sympathisch und geradezu modellhaft ist die Grundhaltung des Autors: Auf keiner Seite des ideologischen Spektrums sollten die Augen vor biologischen Tatsachen verschlossen werden. Eine fortschrittliche und tolerante Haltung bei der Gleichstellung von Geschlechtern und beim Respekt vor sexuellen Minderheiten sollte nicht auf der Basis einer Biologie-Ignoranz beruhen – denn das wäre ein sandiger Boden, der nicht auf Dauer tragfähig sein könnte. Für de WAAL braucht die Gleichwertigkeit keine Gleichheit; es gibt also überhaupt keinen Grund, tatsächliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu verleugnen. Wissenschaftlich geklärt ist für ihn die Tatsache, dass sexuelle Orientierung und Genderidentität als fester und unveränderlicher Teil unserer Persönlichkeit angelegt sind.
Insgesamt verbreitert dieses Buch auf eine sehr spezielle Weise den Horizont. Dabei bietet sich ein enormes Spektrum an Einblicken und Erkenntnissen – von konkreten Verhaltensbeschreibungen einzelner Primaten-Communities bis zur aktuellen Forschung über Zusammenhänge zwischen Hirnanatomie und Gender-Identität. Manche Befunde und Aussagen sind so erhellend und weitreichend, dass man sich zwischendurch die Augen reibt: Das alles liest man ausgerechnet in einem Buch eines Primatologen?! Vielleicht fällt es einem Tierforscher inzwischen tatsächlich leichter, bestimmte biologische Selbstverständlichkeiten als solche zu benennen – gerade weil man sich nicht unmittelbar in der aufgeladenen Gender-Debatte bewegt (also eine hilfreiche Außenperspektive einbringen kann).
Ich gebe diesem Werk eine (fast) uneingeschränkte Empfehlung; allerdings muss man auch bereit sein, sich auf die ein oder andere längere Verhaltensschilderung einzulassen (die man vielleicht nicht zwingend so ausführlich gebraucht hätte.)
Man kann die Entwicklung, die Methoden, die Leitfiguren und – vor allem – die Erkenntnisse der Astronomie systematisch und strukturiert in Lehrbüchern oder populärwissenschaftlichen Sachbüchern darstellen. Der Autor, ein österreichischer Astronom, Podcaster und Wissenschafts-Kabarettist, wäre dazu sicher in der Lage. Doch er hat sich anders entschieden: Er erzählt 100 kleine Geschichten über große Gestirne und bevölkert damit das Firmament mit einem Kaleidoskop von strahlenden Himmelskörpern, die alle auf irgendeine Art etwas mit unserem Heimatstern, der Sonne, gemeinsam haben: Irgendwann ging es (natürlich mit angemessenem Abstand vom Urknall) mit Wasserstoff und Helium los…
Die Auswahl der Sterne ist natürlich nicht zufällig, denn das didaktische Ziel des locker geschriebenen Sachbuches strahlt irgendwie aus aus allen Richtungen: FREISTETTER will mit den gewählten Beispielen einen möglichst breiten Einblick in alle Phänomene der Astronomie geben. So werden Sterne genannt, die jeweils eine Entwicklungsphase, eine Größe, eine Entfernung, eine Entdeckungsmethode, eine wissenschafts-historische Phase, eine kulturelle Bedeutung oder einen besonderen Erkenntniszuwachs repräsentieren. ‘ Was man schnell lernt: Es gibt praktisch unendlich viel Auswahl, die Dimensionen sind kaum vorstellbar und die Namen der meisten erwähnten Himmelskörper kann man sich ganz bestimmt nicht einprägen (sie ergeben sich meist aus irgendwelchen rein formalen Listen mit vielen Buchstaben und Ziffern).
Trotz aller Komplexität: Nach und nach erwirbt man als Leser/in dann doch eine gewisse Expertise. Man erkennt die grundsätzlichen Methoden von Beobachtung und Messung wieder und erfasst bald den typischen Lebenslauf eines Sterns (von der diffusen Gaswolke bis zu den unterschiedlichen Restzuständen – im Extremfall wäre das ein Schwarzes Loch). Anders ausgedrückt: Gewisse Wiederholungen sind offenbar unvermeidlich – denn man kann die kosmischen Urkräfte und deren Erforschung nicht auf 100 unterschiedliche Weisen darstellen.
Empfehlen würde ich dieses mit erhellenden Fakten und Anekdoten bis zum Bersten angefüllte Buch am ehesten solchen Menschen, die schon eine kleine Portion Basiswissen mitbringen. Dann kann man sozusagen vom ersten Stern an eintauchen in die faszinierende Vielfalt der ganz großen Dimensionen. Startet man als kosmologischer Anfänger, dauert es ein kleines Weilchen, bis sich ein Grundverständnis eingestellt hat. Schlimm ist das allerdings nicht: 100 Beispiele bieten eine mehr als ausstreichende Lernstrecke (auch wenn es sich nicht gleich um Lichtjahre handelt…). Wer neugierig auf unser Universum ist, wird sich mit diesem Buch ganz sicher nicht langweilen!
Das Hörbuch liest der Autor übrigens selbst ein. Dabei merkt man, dass er Bühnenerfahrung hat und ein geübter Sprecher ist. Die Stimme ist sehr charakteristisch, motivierend und angenehm.
Ein Buch zum Film – nach so langer Zeit? Nun, die Sache ist ein wenig komplizierter… Einmal ist dieses Avatar Buch weit davon entfernt, die Handlung des Blockbusters von 2009 in Romanform wiederzugeben. Zum anderen ist “nach dem Film” in diesem Fall “vor dem Film”: Der Kinostart des Nachfolge-Films steht kurz bevor.
“Die Wissenschaft” steht nicht zufällig in der Titelzeile. BAXTER ist nicht nur ein erfolgreicher Science-Fiction-Autor, sondern auch studierter Astronom (und Mathematiker). Er hat es sich in diesem besonderen Sachbuch zur Aufgabe gemacht, die astronomische, physikalische, geologische, biologische und technische Basis des spektakulären Avatar-Filmes daraufhin abzuklopfen, wie weit sie mit nachvollziehbaren wissenschaftlichen Prinzipien und Erkenntnissen in Einklang gebracht werden kann. Das hört sich vielleicht im ersten Moment so an, als ob so ein Buch nur für Hardcore-Fans von Interesse sein könnte. Doch das wäre zu einfach gedacht.
Der Autor verbindet zwei Ziele auf eine didaktisch gelungene Art miteinander: Um nämlich die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Avatar-Welt zu ergründen und zu erklären, schaut er sehr genau auf den jeweiligen Faktenstand und bietet so einen spannenden Einblick in ganz reales irdisches Grundlagen-Wissen: – Was hat der Zustand der Erde mit der Suche nach Rohstoffen in einem anderen Sternensystem zu tun? -Welche Antriebs- und Transportsysteme wären denkbar, welche Geschwindigkeiten überhaupt erreichbar? – Welche biologischen Möglichkeiten gäbe es, um mit den langen Reisezeiten umzugehen? – Unter welchen astronomischen Bedingungen könnte so ein Lebensraum wie auf “Pandora” entstehen? Wie groß wären die Unterschiede zu den irdischen Gegebenheiten (Schwerkraft, Atmosphäre, Temperatur, Magnetismus, Geologie, Biosphäre)? – Stimmen die filmischen Darstellungen mit den angegebenen physikalischen Bedingungen überein? – Könnten Technologien und Waffen so funktionieren, wie es gezeigt wird? – Wie weit sind wir noch von einer neuronalen Fernsteuerung von Avataren entfernt? – Wie plausibel sind die Lebewesen auf dem fernen Planeten (genauer gesagt, ist es eigentlich eine Art Mond)?
Wie in einem guten Film entfaltet BAXTER ebenfalls einen Spannungsbogen: Er beginnt mit den physikalischen, wirtschaftlichen und technischen Bedingungen – um sich am Ende der intelligenten Lebensform der Na’vi und der emotionalen Reaktion des Protagonisten (Jake Sully) zu widmen. Was dem Autor gut gelingt: Er zerstört mit seiner Art der Aufklärung nicht den Zauber des Films. Immer wieder macht er deutlich, dass die Schöpfer dieses Ausnahme-Werkes jedes Recht hatten, die Bedürfnisse der Zuschauer nach Unterhaltung und Identifikation in den Mittelpunkt zu stellen. Um so größer ist sein Respekt davor, in welchem Ausmaß sich das Filmteam um eine wissenschaftliche Unterfütterung bemüht hat.
Wer sich für Astro-Physik und Raumfahrt interessiert und den Avatar-Film zumindest einmal mit Vergnügen (oder sogar Begeisterung) gesehen hat, darf ohne Zögern zu diesem flott geschriebenen Sachbuch greifen (oder es an geeignete Leser/innen verschenken). Dass es auch eine Werbefunktion für den aktuellen Filmstart hat, kann man ihm wohl kaum vorwerfen.
Es gibt Bücher, die so besonders sind, dass man sich wünscht, für sie der/die passende Leser/in zu sein. Die klassische Philologin Irene VALLEJO hat ohne Zweifel so ein Buch geschrieben.
Dieses Buch ist nicht nur ein Buch über Bücher – es ist eine geradezu ausschweifende Liebeserklärung an das geschriebene Wort. Dessen Geschichte wird von den Vorläufern (der mündlichen Überlieferung), über die ersten Anfänge (das Entstehen alphabetischer Schriften), über die verschiedenen Verbreitungsformen, die ersten Bibliotheken, die ersten Buchhandlungen, die ersten Lesekulturen bis in die Gegenwart erzählt. Wobei die Betonung auf “erzählt” liegt: VALLEJO hat zwar ein vor Detailwissen berstendes Sachbuch geschrieben, dies aber nicht in einer nüchternen Systematik, sondern in einer vielschichtigen Breite und Tiefe, die geschichtliche Verläufe an unzähligen Beispielen und Anekdoten lebendig werden lässt.
Der thematische Einstieg und Schwerpunt ist die Griechische Antike. Von dem Startpunkt der ersten globalen Buchsammlung in der legendären Bibliothek in Alexandria aus, breitet die Autorin ein dichtes Gewebe von Fakten und Bezügen aus. Immer wieder geht sie dabei in die Tiefe, nutzt historische Einzelquellen zum Eintauchen in konkrete Lebenswelten einzelner Protagonisten (Feldherren, Bibliothekaren, Buch-Kopierer, …). So entsteht über hunderte von Seiten ein beeindruckendes Kaleidoskop des Griechischen (und später Römischen) Altertums – wobei VALLEJO in kauf nimmt, dass ihr eher assoziativer Schreibstil zu einigen historischen Schleifen führt. Kritischer formuliert: Man hat den Eindruck, sie findet aus ihrer Lieblingszeit nicht so recht hinaus.
Für jeden geschichtsaffinen und bibliophilen Menschen, insbesondere für jeden Fan der Wiege unserer klassischen Kultur, stellt dieses Buch eine fast unbegrenzte Fundgrube dar, die zum Schwelgen einlädt. Interessiert man sich hingegen eher nüchtern-wissenschaftliche für die Geschichte des Buches, dann könnte man sich auch überfordert fühlen von der an jeder Ecke spürbaren Begeisterung der Autorin für alle denkbaren Aspekte der Thematik, für jedes erreichbare Detail. Für den “normalen” Lesenden ist dieses Buch wohl nur dann empfehlenswert, wenn er/sie bereit ist, sich einem intensiven Flow zu überlassen, wenn das Ziel nicht die Informationsaufnahme, sondern das Eintauchen und Verweilen ist, wenn dieser Zeit und Konzentration vereinnahmende Text nicht in Konkurrenz mit anderen Themen und Büchern steht.
Leider war ich nicht ganz der passende Leser für dieses ganz sicher grandiose Buch. Ich habe ca. 500 von 660 Textseiten durchgehalten (ca. 100 Seiten Anhang gibt es auch noch); dann waren mein Interesse und meine Geduld endgültig verbraucht. Meine Hingabe an das Thema ist einfach nicht so grenzenlos wie die der Autorin. (Meine Sterne-Bewertung stellt einen Kompromiss zwischen der allgemeinen und persönlichen Sicht auf dieses Buch dar).