“Unser soziales Gehirn” von Nicole STRÜBER

Bewertung: 4.5 von 5.

Wieviel zwischenmenschliches Miteinander braucht der Mensch?
Dieser Frage widmet sich Nicole STRÜBER in ihrem Buch Unser soziales Gehirn aus einer explizit neurowissenschaftlichen Perspektive. Die Autorin, Neurobiologin und (frühere) Psychologieprofessorin, spannt dabei einen Bogen über alle Lebensphasen hinweg: von der Geburt, über frühkindlichen Bindung, Jugend, Partnerschaft, Berufsleben – bis zum sozialen Miteinander im Pflegeheim. Ihr Anliegen: aufzuzeigen, welche biologischen Mechanismen die sozialen Prozesse im Gehirn steuern – und welche Folgen es hat, wenn diese Systeme dauerhaft vernachlässigt werden.

Im Mittelpunkt steht das Hormon Oxytocin, das in der populären Wahrnehmung oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet wird. STRÜBER zeigt eindrucksvoll, dass es dabei keineswegs nur um Wohlfühlchemie geht. Oxytocin beeinflusst zentrale Bereiche des sozialen Verhaltens: Vertrauen, Empathie, Bindung, Mitgefühl. Es wirkt beruhigend auf das Stresssystem, fördert die emotionale Resonanz und kann – im besten Fall – ein Verstärker für kooperatives und prosoziales Handeln sein. Auswirkungen sind inzwischen auch für die körperliche und psychische Gesundheit nachgewiesen – sogar für die Demenz-Prophylaxe.

Die Autorin bezieht sich auf eine große Bandbreite empirischer Studien, in denen etwa hormonelle Reaktionen auf soziale Nähe, Blickkontakt, gemeinsames Tanzen oder körperliche Berührung gemessen wurden. Dabei beschreibt sie nicht nur die Befunde, sondern häufig auch die Versuchsaufbauten – ein Ansatz, der das Buch an vielen Stellen den Charakter eines populärwissenschaftliches Fachbuch verleiht. Gleichzeitig bleibt der Stil durchgehend lesbar: dem wissenschaftlichen Anspruch (durch zahlreiche Literaturverweise) steht als Gegengewicht ein lockerer, journalistisch-persönlicher Schreibstil gegenüber.

Besonders engagiert wirkt STRÜBERs kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen: Sie diagnostiziert eine wachsende Entfremdung im Sozialen, bedingt durch digitale Kommunikationsformen, chronische Reizüberflutung und insbesondere durch die Versuchungen der Social-Media-Welt. Ihr wissenschaftlich fundierter Appell lautet: Unmittelbare, körperlich-sinnliche soziale Begegnung ist keine freiwillige Kür, sondern biologisch notwendig.

Dass die Autorin inhaltlich in die Tiefe gehen kann, zeigen exemplarisch ihre Ausführungen zu den „Schattenseiten“ des Oxytocins (das auch für die Ausgrenzung von Menschen verantwortlich ist, die nicht der eigenen Bezugsgruppe angehören), ihre kritische Stellungnahme zu der Tabuisierung von Körperkontakt in Pädagogik und Jugendhilfe (aus Gründen einer überzogenen Missbrauchsprophylaxe) und ihre Auseinandersetzung mit den Befunden über die (nachgewiesene) Wirkung von elektronischen Pflege- und Betreuungsapparaten (die ebenfalls eine Oxytocin-Ausschüttung bewirken können).

Nicht ganz frei von Schwächen bleibt das Buch dennoch: Der immer wieder bemühte Begriff der „Engelskreise“ als positiver Gegenentwurf zu „Teufelskreisen“ wirkt stilistisch unglücklich (infantil-verkitscht) und passt nicht zu einem sachlich-wissenschaftlichen Anspruch. Auch der emotionale Appellcharakter mancher Passagen (insbesondere des Schlussteils) könnte bei kritischeren bzw. rationaleren Lesern doch als ein wenig zu missionarisch empfunden werden.

Trotzdem: Unser soziales Gehirn ist ein gehaltvolles und gut lesbares Sachbuch, das sowohl informiert als auch Denk- und Handlungsimpulse liefert. Es gelingt STRÜBER, den Wert sozialer Verbundenheit auf eine fundierte biologische Grundlage zu stellen – und damit eine wichtige Perspektive in einer Zeit zu liefern, in der zwischenmenschliche Nähe längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

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