“The Daily Feminist” von Evelyn Höllrigl TSCHAIKNER

Bewertung: 3.5 von 5.

Über Feminismus lässt sich auf der theoretischen Ebene trefflich streiten; Konflikte über Ziele und Wege gibt es dabei auch innerhalb der Frauenrechts-Community.
Die Autorin (Journalistin und Social-Media-Bloggerin) geht in diesem Buch einen anderen Weg: Sie übersetzt Feminismus konsequent in kleinschrittiges Alltagsverhalten und stellt so ein konkrete Anleitung für verschiedenste Lebensbereiche zur Verfügung – immer mit dem Ziel, durch eine “passende” Aktion oder Äußerung einen feministischen Impuls zu setzen.

Bei insgesamt 199 Einzelvorschlägen kann man wohl davon ausgehen, dass keine wesentlichen Aspekte übersehen werden – und genauso ist es: Natürlich werden die gendergerechte Sprache und der alltägliche Sexismus genauso abgehandelt wie die Bereiche Familie, Berufsleben, Schönheitsideale, Gesundheit, Care-Arbeit, Sicherheit und Partnerschaft.
Die einzelnen Verhaltens-Hinweise werden von HÖLLRIGL TSCHAIKNER in den jeweiligen Kontext eingebettet. Insofern geht es hier nicht um eine Publikation ohne theoretische Einbettung; entsprechende Literaturbezüge geben dem Text einen sozialwissenschaftlichen Anstrich.

Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, dass hier kein neutrales Sachbuch vorgelegt wird, das sich an die Mainstream-Öffentlichkeit richtet. Alles ist klar definiert und wird auch erwartungsgemäß umgesetzt: Die Zielgruppe wird in der “korrekten” Sprache adressiert, der feministische Blick auf die Einschränkungen, Benachteiligungen und Diskriminierungen des weiblichen Geschlechts (bzw. queerer Menschen) durch die patriarchalen Strukturen wird vorausgesetzt. Es geht um Bestätigung, Erweiterung und Vertiefung gemeinsamer Grunderfahrungen und Überzeugungen, nicht um das Gewinnen neuer Mitstreiter/innen.

Der entscheidende “Mehrwert” dieses Textes liegt wohl in der (in Teilbereichen) kreativen und originellen Ausgestaltung der 199 Verhaltensvorschläge. Die Autorin hat sich insgesamt recht überzeugend darum bemüht, ihre kleinen (und etwas größeren) provokanten “Nadelstiche” immer mal wieder auch ironisch-humoristisch zu verpacken und die Kraft der Überraschung zu nutzen: So schlägt sie z.B. vor, Männern bei Tragen schwerer Gepäckstücke zu helfen oder konsequent von “Männerfußball” zu reden, solange der Begriff “Frauenfußball” existiert.
HÖLLRIGL TSCHAIKNER setzt im Alltagskampf verstärkt auf feministische Solidarität und ruft dazu auf, jede Gelegenheit im privaten und öffentlichen Raum zu nutzen. um den Kampf um die Sichtbarkeit und Geltungsumfang von Frauenrechten weiterzuführen.

Dem Konzept des Buches entspricht dann auch der Umstand, dass mögliche alternative bzw. kontroverse Sichtweisen auf Grundannahmen (z.B. eine Relativierung des Ausbeutungs-Charakters der privaten Care-Arbeit oder eine stärker an biologischen Gegebenheiten orientierter Blick auf Geschlechtsunterschiede) zwar gelegentlich kurz benannt werden, dann aber mit einem entschlossenen “Federstrich” zur Seite geschoben werden. Es gibt in diesem Buch keinen ernsthaften argumentativen Austausch mit Feminismus-skeptischen Positionen.
Das ist keineswegs ein Makel – denn dieser Anspruch wird auch gar nicht erhoben. Man sollte es nur wissen.

Natürlich sind 199 Beispiele eine Menge. Die pure Masse der Aspekte könnte – zumindest eine etwas distanziertere Leserschaft – in einen Feminismus-Overload versetzen, vielleicht sogar stellenweise eine Abwehrreaktion hervorrufen. Dies ließe sich vermutlich durch einen dosierten Konsum des Buches kontrollieren.
Die meisten potentiellen Leser/innen dieses Textes bringen wohl auch die notwendige Bereitschaft und Toleranz auf, sich dem – wohl unvermeidlichen – subkulturellen Sprachcode zu stellen: So werden immer mal wieder Menschen als weiblich “gelesen” und manchmal geht es auch um “Menschen mit Uterus”. Wenn’s hilft…

Insgesamt bietet diese Schrift mit “Handbuchcharakter” einen breit aufgestellten Überblick über Anlässe und Gewohnheiten, die in unserem gesellschaftlichen Alltag noch auf einen weitergehenden Abbau patriarchaler Strukturen warten. Der Zugang wird durch eine geschickte Mischung von feministischer Basistheorie und weit heruntergebrochenem Alltagsbezug erleichtert.
Zwar wird auch über notwendige “Wut” auf bestimmte Verhältnisse gesprochen; viele Leser/innen werden aber die Anregungen auch mit einem belustigten Lächeln zur Kenntnis nehmen.
Zusammenfassend lässt sich wohl festhalten, dass die Autorin Ihre Zielgruppe bestens bedient; für andere bietet es zumindest eine große Anzahl von Denkanstößen. Dass dabei nicht gerade eine feine Ausdifferenzierung von kontroversen Perspektiven erfolgt oder die Bereitschaft zum Aushalten von theoretischen bzw. gesellschaftlichen Widersprüchen gefördert wird, ist sicherlich einkalkuliert.
Vermisst werden könnte es trotzdem.

(Nachbemerkung: Diese Rezension wurde von einem alten weißen Cis-Mann verfasst. Sie hat daher möglicherweise für die eigentliche Zielgruppe dieses Buches aus prinzipiellen Gründen kaum Relevanz. Vielleicht hat sie aber für interessierte Beobachter oder Sympathisanten der feministischen Bewegung doch einen gewissen Informationswert.)

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