
Die Szene der Selbsthilfeliteratur hat sich in den letzten 10-20 Jahren gewandelt:
Früher konnte man davon ausgehen , dass es in Bezug auf wissenschaftliche Seriosität einen deutlichen Unterschied zwischen einem etablierten journalistischen Zugang und einer Betroffenen-Sichtweise gab. Inzwischen löst sich dieser Unterschied immer häufiger in Luft auf.
Dieses Buch von Catherine GRAY ist ein überzeugendes Beispiel dafür.
GRAY ist im Bereich kleinen und großen Süchte ganz eindeutig eine Betroffene. Sie macht nicht nur keinen Hehl daraus, sondern sie benutzt dieses Insider-Wissen als Roten Faden bei ihrer Reise durch die “Kleinen Abhängigkeiten (die im Untertitel dann noch als “schlechte Angewohnheiten” verniedlicht werden).
Sie spricht nicht nur sehr eindeutig von Ihrer (überwundenen) Alkohol-Sucht, sondern macht ihre (unterschiedlichen) Erfahrungen und Gefährdungsniveaus für alle besprochenen Bereiche zum Thema. Das Spektrum ist breit gefächert und deckt sowohl stoffgebundene (Alkohol, Nikotin, Koffein, Cannabis, hochverarbeitete Lebensmittel), als auch verhaltensbezogene problematische “Gewohnheiten” ab (Glücksspiel, Medien, Pornogafie, Beziehungen/Sex, Konsum, usw.).
Entscheidend für die Qualität und Wirkung des Buches ist jedoch die Kombination von Authentizität (“ich war/bin ein teil der Szene; ich weiß wie sich das anfühlt, ich bin alles andere als eine “Heilige”) und solider Fachkunde. Und so, wie GRAY auf der Erfahrungsebene aus dem Vollen schöpfen kann, hat sie auch im Bereich der fachlichen Vertiefung einiges zu bieten: Sie hat sich nicht nur in die psychologischen und neurophysiologischen Grundlagen eingelesen, sondern hat auch zahlreiche Gespräche mit Experten und Expertinnen geführt (u.a. in einer etablierten Entzugsklinik).
So erfahren wir eine Menge über die Arbeits- und Wirkungsweise unserer neuronalen Belohnungszentren, über sinnvolle Selbstkontroll-Strategien und therapeutische Methoden.
Für die Seriosität ihres Textes spricht auch die klare Unterscheidung zwischen “kleinen” und “großen” Abhängigkeiten. Sie gibt konkrete Hinweise, wann eine problematische Angewohnheit sich zu einem ernsthalten gesundheitlichen Risiko auswächst und professionelle Hilfe benötig.
Somit ist die Zielgruppe für diese informative und alltagsnahe Publikation klar zu umreißen: Es sind Menschen, denen ein rein sachbezogener Zugang zum Thema zu “trocken” wäre und die sich lieber von jemandem ansprechen und motivieren lassen, der den “alltäglichen Wahnsinn” mit all seinen Verlockungen und Versuchungen selbst durchlebt und durchlitten hat.
Hier, gegenüber Catherine GRAY, muss sich wirklich niemand seiner Schwächen schämen. Selbst wenn man schon viel Selbstachtung verloren haben sollte – die Autorin zeigt, dass man nicht alleine ist und – was noch wichtiger ist – dass man sich auch von ziemlich weit unten wieder hocharbeiten kann. Und GRAY vergisst auch nicht, auf die Mitverantwortung derjenigen hinzuweisen, die die entsprechenden “Suchtmittel” herstellen, bewerben und nicht regulieren bzw. extrem leicht zugänglich machen.
Wer allerdings nur die Sachinformation sucht, den werden all die persönlichen Erfahrungen und Bekenntnisse aus einem “bewegten” Leben vermutlich eher nerven.
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