
Wir schreiben das Jahr 2026 und das Erscheinen dieses Buches liegt somit genau 10 Jahre zurück. Der Autor dieses Familien-Biografie ist inzwischen Vizepräsident der USA und einer der ideologisch gefestigtsten Vertreter der aktuellen US-Politik. Viele Beobachter halten VANCE für langfristig einflussreicher als den erratischen und pathologisch-narzisstischen Trump.
Unabhängig von der (literarischen) Qualität dieses Buches erscheint es daher sinnvoll und lohnend, sich mit der Vergangenheit und dem Weltbild dieses Menschen auseinanderzusetzen. Es passiert wohl nicht sehr häufig, dass ein so machtvoller Politiker einen so intimen Einblick in seine persönliche Geschichte freilegt – geschrieben nicht nach, sondern deutlich vor seinem Karriere-Gipfel.
Was läge also näher als der Versuch, aus dem Lebensweg, vor allem aber aus der Bewertung der eigenen Biografie, Hinweise für die Potentiale und Risiken dieses Politikers zu suchen?
In beeindruckender Klarheit und Direktheit schildert VANCE eine Kindheit und Jugend, die es nach halbwegs zeitgemäßen pädagogischen Maßstäben – zumindest in Deutschland – so in den letzten Jahrzehnten gar nicht hätte geben dürfen. Jedes denkbare Jugendamt hätte früher oder später in diese absolut desolaten Familienverhältnisse eingegriffen und die Kinder einer anderen (privaten oder öffentlichen) Betreuung zugeführt. Das Besondere an den vom Autor geschilderten Verhältnisse ist dabei, dass VANCE seine Erfahrungen nicht als tragisches Einzelschicksal beschreibt, sondern als typisch bzw. exemplarisch für eine breite gesellschaftliche Entwicklung, die durch wirtschaftlichen Wandel hervorgerufen wurde.
Hintergrund ist eine langfristige Struktur-Krise der amerikanischen Kohle- und Stahlindustrie in dem ländlich geprägter, strukturschwacher Teil der Appalachen (u. a. Ost-Kentucky/West Virginia) samt dem angrenzenden Rust-Belt-Gürtel im Mittleren Westen (z.B. in Ohio). Diese Region ist geprägt von Abwanderung und dem Niedergang klassischer Industrie- und Bergbaujobs. Das Ergebnis waren prekäre Erwerbsbiografien und eine zerbrechende Alltagsstabilität: Wohnen, Familie, Bildung, Zukunftsplanung – und damit die soziale Selbststeuerung der Gemeinden. In dem Umfeld von sinkender Kaufkraft und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit wuchsen soziale, familiäre und individuelle Belastungen und Konflikte wie Sucht, Depression und Kriminalität.
Auch wenn man nicht alle psychischen Auffälligkeiten der Menschen, unter denen VANCE aufgewachsen sind, unmittelbar mit diesen Faktoren in Verbindung bringen kann, bilden diese die Basis für die individuellen Schicksale.
Während VANCE sich zunächst sehr viel Zeit nimmt, den Ablauf seiner familiären Odyssee in allen Verästelungen zu beschreiben, versucht er im zweiten (kürzeren) Teil des Buches seinen persönlichen Ausweg bzw. Aufstieg nachvollziehbar zu machen. Hier spielen – neben der einen zuverlässigen Bindungsperson (Großmutter) – zwei Faktoren eine Hauptrolle: Die Armee als korrigierende “pädagogische” Kraft, die Defizite der familiären Sozialisation auszugleichen vermag (Struktur, Härte und Disziplin), und die prägenden Einflüsse einer akademischen Eliteausbildung, die vormals verschlossene Türen öffnen kann.
Wie wird nun ein Mensch mit diesem biografischen Hintergrund ein strammer Trump-Anhänger mit einem durch und durch konservativen und individualistischen Menschenbild?
Schon in “Hillbilly-Elegie” wird deutlich, dass der Autor zwar die erschwerenden und belastenden (wirtschaftlichen) Rahmenbedingungen sieht, letztlich aber das kollektive und individuelle Versagen (z.B. in Form von Faulheit und selbstschädigendem Verhalten) für entscheidend hält.
VANCE argumentiert etwa so: „Ja, die Bedingungen sind schrecklich (Struktur), aber die Entscheidung, morgens nicht zur Arbeit zu gehen oder die Kinder zu vernachlässigen, ist eine Entscheidung des Einzelnen (Selbstverantwortung).“
Hier ignoriert er die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen von chronischen Belastungen und Armut auf die Funktionen des Gehirns, die für Stressregulation und Selbststeuerung zuständig sind. Vance wertet das Unvermögen, unter extremem Druck „rational“ und „leistungsorientiert“ zu handeln, als moralisches Versagen oder kulturelles Defizit ab.
Dabei spielt natürlich auch die typische “Aufsteiger-Logik” eine Rolle: “Wenn man es selbst geschafft hat, prekäre Bedingungen hinter sich zu lassen, ist damit ja der Beweis erbracht, dass dieser Weg auch allen anderen offenstände.” Das ist nicht logisch, aber trotzdem ein mächtiges Narrativ.
Vance nutzt seine Biografie also eher als Begründung für Härte, nicht für Empathie im Sinne einer Systemänderung. Er sieht sich als Beweis dafür, dass das System funktioniert, sofern man sich den „richtigen“ Werten verschreibt. Damit wird seine Analyse zu einer Rechtfertigung genau jener meritokratischen (leistungsbezogenen) Ideale, die er oberflächlich kritisiert, wenn er gegen „die Eliten“ wettert.
Zurück zum Buch:
Betrachtet man diese Autobiografie einmal unabhängig von den politischen Zusammenhängen, dann findet man eine beeindruckende Milieustudie einer extrem dysfunktionalen Familie in einem kulturell desolaten Umfeld. Dem Autor gelingt es durchaus, einem gesellschaftlichen Problem ein sehr persönliches Gesicht zu geben. In der Art seiner Schilderung drückt sich Verständnis und Empathie für die beteiligten Personen aus, die er – zumindest auch – als Opfer ihrer Lebensumstände wahrnehmen kann.
Dieses Buch hat im ersten Teil ohne Zweifel die Kraft, seine Leser emotional anzusprechen und anzurühren. Dabei entsteht zunehmend auch Unverständnis und Wut über die Rahmenbedingungen, die das alles zugelassen haben.
Diese unmittelbare Wirkung kann die folgende Geschichte des persönlichen Aufstiegs nicht mehr entfalten: Hier finden sich eher die Klischees der “Erziehung durch Härte” (Armee) und “Beziehungen sind alles” (Elite-Uni) wieder.
Zweifellos erhellend ist der tiefe Einblick in die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die – auch außerhalb der Slums der Großstädte – in einer Gesellschaft entstehen konnten, die sich gerade auf wirtschaftlicher Ebene als Vorbild für die gesamte Welt gehalten hat.
Dass J.D. VANCE aus seinen persönlichen Erfahrungen die richtigen Schlussfolgerungen gezogen hat, kann schon innerhalb des Buches bezweifelt werden; aus jetziger Perspektive wohl um so mehr…
(Transparenzhinweis: In zwei Abschnitte dieses Textes sind auch KI-generierte Formulierungen eingeflossen).
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