
Dieses Buch fordert seine Leserschaft – es schenkt ihr aber auch eine Leseerlebnis von ungewöhnlicher Intensität.
Erzählt wird die (faktenorientierte) Geschichte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Bankiersfamilie (Ephrussi), deren Mitglieder – und damit auch deren wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss – sich über die Stationen Odessa, Paris, Wien und Tokio ausbreiteten und damit auch ein Spiegelbild bedeutsamer geschichtlicher Epochen und Ereignisse der letzten ca. 150 Jahre wurden.
Die Perspektive, die dabei eingenommen wird, speist sich aus zwei Quellen:
Zunächst durch den Autor und Ich-Erzähler, der dem dokumentarischen Roman dadurch eine autobiografische Note gibt, dass er selbst als Nachkomme der Ephrussi-Dynastie die Familien-Recherche durchführt.
Zum anderen – und da kommen wir auf den Buchtitel – stehen im Mittelpunkt des Erzählfadens eine Sammlung japanischer Miniatur-Schnitzereien (sog. “Netsuke”): Ihr Weg durch die zeitlichen und geografischen Räume eröffnet detailreiche Blicke auf Lebensverhältnisse, Karrieren, Epochen und Katastrophen.
Im ersten Teil des Buches werden wir Zeuge des spektakulären wirtschaftlichen Aufstiegs der Brüder Charles (in Paris) und Ignaz (in Wien).
Der Autor zeichnet nicht nur den – scheinbar unaufhaltsam – wachsenden Wohlstand der Familien, sondern schildert vor allem in diesem Kontext aufblühende großbürgerliche (fast feudale) Lebensart, die sich insbesondere durch die Integration in die “besseren Kreise” und die Sammlung, und Zurschaustellung von Kunstgegenständen aller Art manifestiert.
Der Blick hinter dies Kulissen dieser wirtschaftlichen und kulturellen Oberschicht wird in einer solch geschärften Intensität geworfen, dass hinter jeder zweiten Ecke durch den Schleier der Kultiviertheit eine Ahnung von der fast perversen Übersteigerung dieser Luxuswelt durchscheint.
Diese Gradwanderung zwischen einer Faszination durch die Leidenschaft und Expertise der Kunstliebhaber und dem Bewusstsein hinsichtlich ihrer ungeheuren materiellen Privilegien zieht sich über weite Strecken des Buches. Dabei trägt auch der Autor selbst zu diesem labilen Gleichgewicht bei: Während er gegenüber dem früheren Lebensstil der Ephrussis (und deren Umfeld) durchaus eine innere Distanz zeigt, steht er als Künstler und Kunstexperte mit großer Anteilnahme in der Tradition der internationalen Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte.
Allein die Beschreibung der Herstellung und Eigenschaften der japanischen Miniaturen – um deren Schicksal es ja in dem Buch gehen soll – zeugt von einer Begeisterung und einer geradezu überwältigendem Differenziertheit in der Wahrnehmung und im Sprachausdruck.
Die entscheidende Dynamik des Buches entfaltet sich mit der Machtergreifung der Nazis in Wien: War man bis dahin hin- und hergerissen zwischen Respekt und Befremden gegenüber der in Reichtum schwelgenden Elite, klärt der Kultur- und Zivilisationsbruch die Bewertungen in einer radikalen Eindeutigkeit: Hier werden nicht nur Kunstwerke geraubt und ein gewachsener Lebensstil – im wörtlichsten Sinne – zertrümmert; hier nimmt sich eine barbarische Menschenverachtung Raum, die im denkbar schärfsten Kontrast zu jeder Form der Kultiviertheit steht.
De WAAL schafft durch seine Rahmenhandlung immer wieder eine Distanz zum eigentlichen Geschehen. Er beschreibt auch sein Recherchieren und Dokumentieren, seine Besuche an Originalschauplätzen, Museen und Archiven. Auch das Kunstschaffen selbst bekommt seinen Platz: Die Leser bekommen insbesondere vertiefte Einblicke in eine Epoche des japanischen Kunsthandwerks, aber auch in die Arbeit des Autors an der Töpferscheibe.
Das Einlassen auf diesen Roman kann insgesamt nur gelingen, wenn man bereit ist, sich in einer herausfordernden Intensität und Detailtiefe in die Welt der “schönen Dinge” mitnehmen zu lassen. Zwar werden auch Personen und ihr privates und gesellschaftliches Miteinander beschrieben; all das steht aber in einem permanenten Kontext mit den umgebenden kulturellen Erzeugnissen. Diese sind zwar auch – aber nie nur – Statussymbole und Aushängeschild für die Erlesenheit des eigenen Geschmacks. Sie führen sozusagen ein eigenes Leben…
Dieser sehr besondere Einblick in eine vergangene Epoche ist ohne die besondere Konstellation der Autorenschaft nicht denkbar: Nur die doppelte Beteiligung als Teil der Familiengeschichte und als Kunstschaffender bzw. Kunstexperte konnte dieses Sprachkunstwerk hervorbringen.
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