“Unter der Drachenwand” von Arno GEIGER

Ein Kriegsroman, der die Zeit kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges beschreibt. Es geht um einen jungen österreichischen Soldaten, dem eine Verwundung ein Jahr Auszeit in einer ländlichen Umgebung ermöglicht.

Geiger spannt ein atmosphärisch dichtes erzählerisches Netz auf, in dem nicht nur der Ich-Erzähler sondern auch seine und die Familie seiner Geliebten und ein jüdisches Einzelschicksal zu Wort kommen. So ergibt sich ein vielschichtiges Bild vom “Leben und Leiden im Krieg”, das sich vor allem durch eine – manchmal fast übertrieben detailverliebte – Alltagsnähe auszeichnet.

Alle Figuren werden sehr plastisch gezeichnet; man lernt reale Menschen mit all ihren Widersprüchen kennen. Genau das macht die Qualität dieses Buches aus: Es sind mehr die leisen, unspektakulären Erlebnisse und Beobachtungen, die den Irrsinn des Nazi-Krieges spürbar werden lassen. Nicht überwiegend auf dem Schlachtfeld, sondern in der scheinbar beschaulichen Provinz. Auch die große Politik reflektiert sich an Einzelpersonen – und es werden durchaus auch Grauzonen sichtbar. Selbst beim Erzähler, der eine existentielle Entscheidung treffen muss.

Die eingewobene Liebesgeschichte zwischen dem Soldaten und einer verheirateten Frau und die solidarische Beziehung zu einem regimekritischen Nachbarn macht deutlich, dass Menschlichkeit auch in kriegerischen Zeiten möglich und lebbar ist. Insofern macht der Roman auch Mut: Auch unter schwierigen und bedrohlichen Umständen lohnt es sich, eine elementare Grundanständigkeit zu bewahren und den Spuren von Vertrauen und Zuwendung zu folgen.

Ein aufklärender und menschenfreundlicher Roman – der vielleicht an einigen wenigen Stellen doch ein paar Längen aufweist.

“Eine Idee erscheint (Die Ermordung des Commendatore 1)” von Haruki MURAKAMI

Ich habe in den letzten 6 Jahren von keinem Autor mehr Bücher gelesen/gehört als von Haruki Murakami; ich nannte ihn deshalb oft schon „meinen Japaner“. Er hat einen wirklich sehr individuellen Schreibstil entwickelt, der sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist – aber ihn gleichzeitig seit Jahren regelmäßig auf die Kandidaten-Liste für den Literatur-Nobelpreis gebracht hat.

Der neue Roman reiht sich lückenlos in das bisherige literarisches Schaffen von Murakami ein, weist aber trotzdem eine Besonderheit auf: Er ist für sich alleine in keiner Weise abgeschlossen; endet sozusagen „mitten im Satz“. Daher wollte ich eigentlich den (zwingend notwendigen) zweiten Band abwarten, bevor ich meine Bewertung abgebe. Nun ist aber dieses Buch offenbar außerordentlich erfolgreich und schon weit oben in der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Es wird also Zeit.

Der Roman spielt in der Nähe von Tokio und ist natürlich in die japanischen Kultur und Lebensweise eingebettet; der Autor ist aber immer international aufgestellt. Diesmal spielt klassische Opernmusik aus Österreich und Deutschland eine große Rolle; es gibt auch Bezüge zur Machtergreifung der Nazis.

Der Ich-Erzähler ist (Portrait-)Maler und berichtet über eine Episode aus seinem Leben, die mit der plötzlichen Trennung seiner Frau beginnt. Dieser Einschnitt bringt ihn in eine neue Umgebung und damit in Berührung mit sehr ungewöhnlichen und skurrilen Ereignissen.
Man erfährt viel über Malerei, über Opern, über besondere menschliche Beziehungen.

Was macht nun das Buch so anders?
Murakimi schafft immer wieder eine sehr besondere Atmosphäre, in dem er eine einzigartige Verbindung schafft zwischen zwei „Welten“: Auf der einen Seite schildert er in einer unglaublich unauffälligen Selbstverständlichkeit normale Alltagssituationen bzw. -abläufe; er lullt den Leser so durch entsprechende Wiederholungen (mit hoher Redundanz) geradezu in eine fast meditativ wirkende Banalität ein. Es geht dabei z.B. oft um Alltagsverrichtungen wie Kochen und Hausarbeit. Diese geradezu langweilige Normalität dient dann Basis für die Entwicklung völlig skurriler und phantastischer Inhalte, die den normalen Realitätsrahmen oft weit hinter sich lassen. Weil diese Geschichten aber in dem gleichen „Tonfall“ und einer unveränderten – im Prinzip sehr einfachen – Erzählstruktur dargeboten werden, gelingt es dem Autor tatsächlich, den Leser mit in diese Alternativwelten zu nehmen und die sonst zu erwartenden Widerstände zu überwinden. Ein toller Trick, der immer wieder wirkt – auch wenn man ihn kennt.

Man kann nach Murakami süchtig werden oder ihn als einen verrückten Spinner zur Seite legen.
Ich jedenfalls warte auf den zweiten Band (der für April angekündigt ist). Dass man so – durch die Aufteilung in zwei Bände – deutlich mehr Gewinn erzielen kann als durch ein entsprechend dicken Einzelband, sei hiermit verziehen. Es ist halt mein Japaner. Und er wird den Nobelpreis noch bekommen. Früher oder später….

(s. a. “1Q84“)

“Future Love” von Matthias HORX

Es ist eine echte Herausforderung, eine Rezension über ein neues Beziehungs-Buch zu schreiben, wenn man selbst – zusammen mit einer Co-Autorin – seit über zwei Jahren an einem solchen Buch schreibt (vermutlich werden es letztlich zwei Bücher nach drei Jahren).

Ich muss unumwunden einräumen: Das Buch von HORX ist zu ziemlich das Beste, was ich zum Thema „Liebesbeziehungen“ jemals gelesen habe; es ist facettenreich, anregend, kreativ, visionär.

Das Buch spannt den Bogen von den Anfängen der Menschheitsentwicklung bis zu den antizipierten Zukunftstrends des mittleren 21. Jahrhunderts. Der Autor bedient sich einer sehr besonderen Mischung zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und persönlichen Bezügen zu seiner eigenen Biografie – die er immer wieder zur Illustration seiner Thesen heranzieht.

Es wird schnell deutlich, dass sich HORX nicht gerne im Mainstream aufhält: Er kennt scheinbar nur irgendwie exzentrische und leicht ausgeflippte Menschen – entsprechend breit gefächert ist seine Sichtweise auf die Variationen der menschlichen Liebe. Diese sehr offene und tolerante Haltung gegenüber allen Spielarten kommt auch dem Blick in die Zukunft der Liebe zugute: Auch hier lässt der Autor kaum eine denkbare “Verrücktheit” außen vor. Er hat offensichtlich ein gewisses Vergnügen an den Extremen, die er genüsslich darstellt, um sie dann aber letztlich doch kritisch zu hinterfragen und zu relativieren.

Die Stärke des Buches ist in gewisser Weise vielleicht auch seine Schwäche: Der „Normalo“ mit seinen ganz alltäglichen Beziehungsproblemen findet sich nicht unbedingt wieder in diesem Kaleidoskop von Trends und Utopien. Manchmal hilft dann nur ein irritiertes Kopfschütteln…

HORX greift auf eine solide Basis von Literatur-Quellen zurück, findet auch dort sehr spezielle Angebote: So scheint er ein besonders Faible für solche Liebes-Forscher zu haben, die ihre Erkenntnisse auch in mathematische Formeln übersetzen. Manchmal entsteht der Eindruck, dass nicht alle aufgeführten Theorien und Aspekte in ausreichendem Umfang auch in den Gesamtzusammenhang integriert werden. So wird z.B. die Bindungsforschung kurz auf einigen Seiten referiert, aber nicht weiter argumentativ genutzt.

Von solchen Kleinigkeiten abgesehen: ein tolles Buch für die Leser, die sich besonders für die schillernden „Ränder“ der Liebeskultur interessieren und die aktuellen Trends gerne mal in die Zukunft weiterdenken (lassen). Jede Menge Stoff zum Denken und Diskutieren!

“Rettet die Wahrheit” von Claus KLEBER

Ich mag das heute-journal und ich mag dort besonders Claus KLEBER.
Ich fühle mich durch diese Sendung durchweg erstklassig und niveauvoll informiert und sehe mich immer wieder in dem Eindruck bestätigt, dass dafür eine besonders engagierte journalistische Haltung der Macher verantwortlich ist.
Auf diesem Hintergrund hat mir ein aufmerksamer Mensch dieses Büchlein geschenkt und damit für meine positive Einstellung die perfekte Untermauerung geschaffen.

Claus KLEBER schafft es auf knapp 100 Taschenbuchseiten, nicht nur einen Einblick in den spannenden Arbeitsalltag der Redaktion zu vermitteln, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer für unabhängigen und aufklärerischen Journalismus und die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft insgesamt zu liefern.

Natürlich wäre KLEBER nicht KLEBER, wenn er das ohne Bezug zu den aktuellen gesellschaftlichen, politischen und medialen Herausforderungen tun würde. Es geht daher zwangsläufig um Trump, um fake-news, um die sozialen Netzwerke und den Einfluss von Macht und Geld auf die Meinungsbildung.
Facebook und Co werden dabei nicht verteufelt – aber auch an deren Beispiel wird überzeugend deutlich gemacht, wie unverzichtbar ein unabhängiger, nur den eigenen Maßstäben verpflichteter Qualitätsjournalismus für eine demokratiekonforme Informationsvermittlung ist.

Zugegebenerweise sind die medien- und gremienpolitischen Feinheiten um die umstritterne Wiederbesetzung des ZDF-Chefredakteur-Posten im Jahre 2009 nicht für jeden Leser ein spannender Stoff. KLEBER macht diesen etwas trockenen Exkurs, um zu demonstrieren, dass zwar auch Deutschland nicht frei von Versuchen politischer Einflussnahme auf öffentliche Medien ist – letztlich aber die Sicherungen und Kontrollen zuverlässig funktioniert haben.
Er macht glaubhaft, dass es in seinem gesamten Berufsleben keinen Versuch gegeben hat, seine journalistische Freiheit einzuschränken oder auch nur zu lenken.

Diese Form von gelebter Pressefreiheit mag uns demokratie- und rechtsstaatverwöhnten Deutschen wie eine pure Selbstverständlichkeit vorkommen, ist aber tatsächlich auf diesem Planeten eine seltene Ausnahmeerscheinung. Wer glaubt, seine Nachrichten genausogut von einem kontrollierten Staatsfernsehen oder von einem ideologisch verpeilten Medienzaren beziehen zu können, sollte vielleicht mal in Russland, China oder in den USA in die Glotze gucken. Und wer ernsthaft meint, dass facebook und twitter einen seriösen und professionellen Journalismus überflüssig machen würde, der spielt mit den Grundlagen unserer Demokratie.

Vielleicht hilft ja ein Blick in dieses kleine Büchlein – nach einer ca. zweistündigen Lesezeit ist man vielleicht überzeugt.

Ich jedenfalls halte unsere öffentlich-rechtlichen Medien für eine große Errungenschaft, die man gegen Zweifel und Angriffe verteidigen sollte.
Genau dies gelingt KLEBER in diesem Buch.

“Warten auf Bojangles” von Olivier BOURDEAUT

Ein kleiner französischer Roman, auf den ich sicher nie gestoßen wäre, wenn er mir nicht von einem lieben Menschen geschenkt worden wäre.
In Frankreich war dieser Debüt-Roman offenbar eine kleine literarische Sensation. Konnte ich das beim Lesen nachvollziehen?

Zunächst einmal führt einen der Autor, der als Ich-Erzähler aus der Sicht eines Kindes schreibt, in eine wirklich ausgefallene Familien-Situation. Es wird ein Paar beschrieben, das ein extrem anti-bürgerliches Leben führt und sich statt an Regeln und Konventionen fast ausschließlich an der Maximierung von Genuss und Lebensfreude orientiert – und dabei vor keiner Ausschweifung Halt macht. Die entscheidende Rolle hat dabei die Frau/Mutter, die ihre Lust an Tanz, Musik und rauschhaften Zuständen in einem sowohl faszinierenden als auch selbstzerstörerischen Umfang auslebt.
Das alles wird sehr liebevoll und mit fast grenzenloser Toleranz beschrieben – denn sowohl der Ehemann als auch das Kind versuchen – solange wie eben möglich – das Bild von einer lebenslustigen und charismatischen Person aufrecht zu erhalten.

Doch wie könnte es anders sein: Irgendwann nehmen die Schattenseiten Überhand und das ach so genussvolle Lebenskonzept entpuppt sich als das, was es eben die ganze Zeit auch schon war: eine Gradwanderung diesseits und vor allem jenseits der Grenze zum Wahnsinn.

Das Lesevergnügen besteht vor allem darin, sich auf das Ausmaß der “positiven Umdeutung” einzulassen, das in dieser Familie aufrecht erhalten wird. So hat man den Eindruck, es geht um die Schilderung von etwas extravaganten “Orginalen” – wo doch das Scheitern und der Untergang schon unübersehbar sind.

Ob wohl der Autor von autobiografischen Erfahrungen berichtet?
Das würde man gerne wissen.

“Ikarien” von Uwe TIMM

Ein sehr besonderes Buch – auf das mich ein guter Freund hingewiesen hat.

Ich versuche mal zum Einstieg die Leser-Zielgruppe zu beschreiben:
Die potentiellen Leser sollten insbesondere bereit sein, sich geduldig auf einen eher langsam ablaufenden Prozess der Annäherung und des Verstehens einzulassen. Sie sollten offen sein für indirekte und verschlungene Wege des Erkenntnisgewinns und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen – da die Kurven und Umwege nicht immer gut ausgeschildert sind. Man sollte ein wenig schwindelfrei sein, weil der Wechseln zwischen Detailverliebtheit und den ganz großen Grundsatzfragen manchmal sehr plötzlich erfolgt…

Was kann man gewinnen, wenn man diese Ressourcen mitbringt und bereit wäre, sie für diese Buch einzusetzen?

Geboten wird ein ungewöhnlich tiefer  und vielschichtiger Einblick in eine zeitgeschichtlich, politisch und wissenschaftlich spannendes und bedeutsame Fragestellung:
Wie kam es dazu, dass deutsche Wissenschaftler und Mediziner vor und während der Nazi-Zeit sich der Vernichtung “lebensunwerten” Lebens verschrieben haben und unter dem Leitmotiv “Reinhaltung und Optimierung der arischen Rasse” unfassbare Verbrechen begangen haben.

Die Antwort, die das Buch darauf zu geben versucht, besteht nicht etwa in einer systematischen Analyse der nationalsozialistischen Ideologie, sondern in der akribischen Nachzeichnung der Lebensläufe von zwei Freunden. Es geht also um die persönliche, individuelle Perspektive; gesellschaftliche Entwicklungsverläufe werden gespiegelt und somit nachvollziehbar gemacht an Einzelschicksalen.

Dieser schon an sich literarisch anspruchsvoller Ansatz wird vom Autor dann noch in eine komplexe Rahmenhandlung eingewoben: Ein deutschstämmiger US-Offizier bekommt im Rahmen seines Recherche-Auftrags einen ungewöhnlich intimen Kontakt zu einem der beiden Protagonisten, der sich von seinem zum Rassenwahn driftenden Freund zwischendurch abgesetzt hatte. In der Befragung dieses Zeitzeugen entsteht dann nach und nach ein facettenreiches Bild, das über Jahrzehnte von der gemeinsamen Suche nach einer idealen Gesellschaft (am Beispiel einer Modell-Gemeinde in den USA) bis zu den brutalsten Menschenversuchen in Nazi-Kliniken führt.
Zwischendurch werden immer wieder existentielle philosophische und politische Grundsatzfragen thematisiert – manchmal fast beiläufig in einem Bericht über irgendein früheres Gespräch versteckt.
Ganz nebenbei bekommt man auch noch einen  – durchaus auch unterhaltsamen – Einblick in die Versuche der amerikanischen “Siegermacht”, sich einen Einblick in die Denk- und Empfindungswelt des Nazi-Deutschlands zu verschaffen.

Was vielleicht deutlich wird: Es ist ein anspruchsvolles Buch, für das man sich Zeit nehmen muss. Das ist der Grund, warum ich oben zunächst die Zielgruppe umschrieben habe.
Es ist ein Buch, das einen Facette des Nazi-Unrechtssystems auf eine faszinierende Weise beleuchtet und damit einen wahrhaft literarischen Kontrast zu einem historisch-analytischen Zugang schafft.
Dafür wird einem eine gewisse Mühe abverlangt – aber das sagte ich ja schon….

“Nächste Ausfahrt Zukunft” von Ranga YOGESHWAR

Nun also das vierte aktuelle Zukunftsbuch (hier die ersten drei); diesmal vom dem sympathischen Physiker und Wissenschaftsjournalisten Yogeshwar, bekannt vor allem aus der Sendung “Quarks und Co”. Dieser Mensch begleitet mich jetzt eine gefühlte Ewigkeit durch mein Leben und hat offensichtlich die Pille für die ewigen Jugendlichkeit geschluckt.

Was bietet er nun auf seiner Zukunftsreise?
Man könnte kurz sagen: Alles!

Vielleicht möchte man es doch ein wenig differenzierter:
Natürlich wird zunächst mal – und das kann man ja schon fast voraussetzen – kein wesentliches Zukunftsthema ausgelassen. Natürlich geht es um Digitales, Genetik, Klimawandel, Umweltzerstörung, Wirtschaft, Energie, Verkehr, Weltraum, Turbokapitalismus, Migration, Landwirtschaft und um den verunsicherten und überforderten Menschen auf seinem einzigartigen und gefährdeten Planeten.

Doch die erlebte Vollständigkeit bezieht sich nicht nur auf das Themenspektrum. Der Autor bietet auch eine Vielzahl von Perspektiven und Zugängen an: Er berichtet von Reisen und Interviews, fügt (eigene)Tagebuchaufzeichnungen ein, erklärt auf seine routinierte Art auch komplexe Zusammenhänge und spart auch nicht mit persönlichen Bewertungen und Warnungen. Er ist immer als engagierte Person, als Wissenschaftler und Bürger, spürbar und versteckt sich nicht hinter vermeintlich objektiven Gegebenheiten.

Zwei weitere Besonderheiten des Buches möchte ich nennen:

  • Yogeshwar schafft immer wieder die Klammer zwischen dem (vermeintlich) Bekannten und den neuesten Erkenntnissen und Trends. Er sammelt seine Leser erst mal dort ein, wo er sie mit ihrem Informationsstand vermutet; dabei geht er auf Nummer sicher und spricht noch mal vieles aus, was man so oder anders schon gehört oder gelesen hat. Das ist für viele sicher auch ein wenig redundant. Aber er bleibt dort nicht stehen, sondern führt den Leser bis an die Orte, wo jetzt gerade ganz konkret die Zukunft erfunden wird. Das schafft ein Gefühl der aufgeklärten Ahnung: man hat eine Idee, worum es gehen könnte und worauf es hinauslaufen könnte.
  • Der Autor spart zwar nicht mit bedenklichen Informationen oder eindeutigen Warnungen – trotzdem behält er eine optimistische Grundperspektive. Er sieht und beschreibt (erste) Anzeichen der ein oder anderen Trendwende, freut sich z.B. über Gegenbewegungen zum Digitalisierungswahn – ohne dabei technikfeindlich zu sein.

Mein Resümee:
Yogeshwar hat das richtige Buch für diejenigen geschrieben, die einen breiten und leicht verdaulichen Einstieg in eine aktuelle Gesamtsicht der Welt suchen und dabei die unauffällig, aber bestimmt führende Hand des wohlmeinenden und menschenfreundlichen Autors gerne akzeptieren. 
Hier wird man aufgerüttelt, aber nicht schockiert; hier werden menschliche Fehlentwicklungen gezeigt, aber keine Feindbilder definiert.
Lasst uns zusammen die Welt retten – aber seit dabei nett zueinander!
(ja, wenn nur alle so nett wären wie Ranga….)

“Tyll” von Daniel KEHLMANN

Ich bin auf dieses ganz neue Buch von Kehlmann durch einen geradezu enthusiastischen Beitrag im “heute-journal” gestoßen. Den bekannten Vorläufer “Die Vermessung der Welt” (2009) habe ich damals mit großem Genuss gelesen.

Kehlmann nimmt den Leser mit auf eine intensive und emotionale Reise in eine historische Situation und leuchtet diese in einer bewundernswerten Tiefe und Detailbesessenheit aus.

Man erfährt etwas über das Leben, Denken und vor allem über das Leiden der Menschen im Dreißigjährigen Krieg und hat dabei das Gefühl, in einige Situationen und Ausschnitten geradezu mit dem Vergrößerungsglas oder sogar mit dem Mikroskop zuzuschauen, geradezu einzutauchen. Die Themen, die berührt werden, sind die Jagd auf Ketzer und Hexen, die bittere Armut der einfachen Leute, große Politik in Form von Konflikten zwischen den – entweder katholischen oder protestantischen – Herrscherhäusern, erste Ansätze von Wissenschaft (noch ganz nah bei der Scharlatanerie) und die Welt des Fahrenden Volkes, zu dem auch die Titelfigur Tyll gehört.

Der Lebenslauf dieses Seiltänzerin, Jongleurs und Zirkusdirektors stellt in diesem historischen Roman den roten Faden dar, der allerdings nicht in einer strengen chronologischen Ordnung erzählt wird, sondern in wiederholten Zeitsprüngen.

Meine Bewertung?

Die Stärke des Buches ist in gewisser Weise auch seine Schwäche. Einige Ausschmückungen gingen mir persönlich zu sehr ins Detail, ich erlebte sie als weitschweifig. Ich hätte lieber noch ein paar andere Szenen geschildert bekommen, statt einzelne Situationen in einer fast erschlagenden Genauigkeit und Ausführlichkeit.

Am meisten habe ich von der durch das Buch aktualisierten tiefen Dankbarkeit profitiert, zu einer besseren Zeit an einem besseren Ort leben zu dürfen als den geschilderten Menschen damals zuteil wurde. Es ist wirklich ein unglaubliches Privileg, dieser Willkür, dieser Gewalt und dieser Unwissenheit nicht ausgeliefert zu sein. Natürlich kann man dieses Bewusstsein – wie gut man es hat – auch dadurch bekommen, dass man sich in der aktuellen Welt umschaut. Dazu reicht eine Tagesschau. Und trotzdem verschafft dieser historische Vergleich eine grundsätzlichere Perspektive.

Die Menschheit hat sich – zumindest in großen Teilen der Welt – wohl doch ein bisschen weiterentwickelt!

Wir sollten peinlich darauf achten, diese Errungenschaften – Menschenrechte, Demokratie, Wissenschaft, Aufklärung, Gewaltenteilung, Rechtsstaat – nicht zu verspielen.

Wie sich das Leben ohne all diese Errungenschaften anfühlen könnte, das zeigt Kehlmanns Tyll sehr plastisch und eindrücklich.

“Sozusagen Paris” von Navid KERMAN

Eigentlich stand ein anderes Buch dieses Autors auf meiner Leseliste. In diesem Buch setzt er dem Rock-Musiker Neil Young ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich taucht der Musiker am Ende des hier besprochenen Romans noch in Erscheinung und eines seiner Lieder wird in den Gedankengang einbezogen.

Doch es geht hier nicht um Rockmusik – es geht um Liebe, genauer gesagt um die bürgerliche Ehe und was sie oft mit der Liebe macht.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: ein Romanautor – und damit meint der Autor tatsächlich sich als reale Person – trifft auf einer Lesereise eine Frau, in die er dreißig Jahre zuvor kurz aber heftig verliebt war. Sie reden eine ganze Nacht, insbesondere über ihre eheliche Beziehung und warum sie trotz allem weiter besteht. Zwischendurch erfährt man auch ein wenig über die ehelichen Erfahrungen des Autors selbst.

Was ist nun das Besondere dieses Buches? Warum sollte man es lesen oder besser nicht lesen?Ich möchte zwei Aspekte herausstellen, die vielleicht die Entscheidung erleichtern könnten.

Der Autor gibt sich als Freund und Kenner der klassischen Liebesliteratur zu erkennen. Man könnte auch sagen: Wesentliche Teile seines Buches beinhalten Zitate aus berühmten Ehe- und Liebesromanen von STENDHAL, PROUST, FLAUBERTund BALZAC. Mit diesen Zitaten arbeitet er, kommentiert sie, lässt seine Gedanken ergänzend durch die berühmten Vorbilder ausdrücken. Man ist erstaunt (wenn man die Originale so wenig kennt wie ich), mit welcher Klarheit und Eleganz die noch heute gültigen Grundthemen schon damals formuliert wurden. Wenn man so etwas mag und „alten Meister“ liebt, ist man hier gut aufgehoben.

Das zweite Merkmal des Buches ist seine Selbstbezogenheit. Der Autor macht sich selbst, das Schreiben, die (fantasierte) Auseinandersetzung mit seinem Lektor und seine Rolle als Romanschriftsteller permanent zum Thema. So ist dieser Roman auch ein Buch über das Romanschreiben. Der Autor guckt sich zu, wie er sich beim Schreiben zuguckt. Das kann man interessant und spannend finden – insbesondere, wenn man selbst schreibt. Man kann es auch ein wenig überzogen und selbstverliebt finden.

Und was ist nun mit der Liebe in der Ehe? Ist sie möglich oder doch nicht? Auf Dauer?

Nun, es wäre ein schlechtes Buch von einem schlechten Autor, wenn es darauf eine eindeutige Antwort gäbe. Die Skepsis ist groß und schlägt manchmal in Resignation um. Die Alternativen sind nicht besonders reizvoll. Und vielleicht lohnt sich der Versuch ja doch.

Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind …. (in diesem Fall natürlich der Leser)

(Das Buch über Neil Young werde ich trotzdem lesen und das zitierte Lied habe ich während der letzten Seiten mitlaufen lassen).

Katalonien II

Ich bin am Tag der sog. Unabhängigkeitserklärung des katalonischen Parlaments zufällig vor Ort, auf Besuch bei einer Freundin. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Girona, der zweitgrößten Stadt Kataloniens.

Wir verfolgen den ganzen Tag gespannt die Nachrichtenlage. Dann passiert es: Die beiden Parteien fahren die größten Geschütze auf – ab sofort ist alles möglich. Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt; besser: Zwei Züge nehmen Fahrt auf, aufeinander zu, auf einer eingleisigen Strecke.

Betrifft mich das? Werde ich wie geplant in der nächsten Woche nach Hause fliegen können? Wird meine Freundin das Land verlassen müssen, weil deutsche Jugendämter in dieser Situation keine Maßnahmen mehr verantworten können?

Was ist mit den Menschen hier? Gestern machte ich einen Spaziergang, eine Stunde nach Verkündigung der Ablösung von Spanien. Die Leute strichen ihre Haustüren und reparierten ihre Autos. Die katalonischen Fahnen hängen müde an manchen Häusern. War was?

Alle Leute verlassen sich darauf, dass ja nichts Ernstes passieren kann. Das Leben muss doch weitergehen. Der Alltag ist doch stärker als die Politik. Hat jemand ein Gefühl dafür, dass man gerade mutwillig eine insgesamt gute und friedliche Lebenssituation aufs Spiel setzt? Größtenteils, um einer vagen Idee, einem diffusen Freiheitsgefühl nachzujagen? Man vergleicht sich in einer naiven Realitätsverzerrung mit Situationen und Menschen, bei denen es wirklich etwas ging oder geht. Um Unterdrückung, Not, Perspektivlosigkeit.

Für mich ist es unverständlich. Und verantwortungslos. Ich freue mich, dass gerade die Sonne aufgeht. Ich hoffe auf den Sieg der Vernunft. Überall. Und ich hoffe auf eine problemlose Heimkehr in der nächsten Woche.

(Es ist übrigens schön hier)