03.03.2020

Es ist ein bisschen zum Verzweifeln.

Die USA sind eine große und mächtige Nation. Die Demokratische Partei hat eine lange Geschichte und eine Reihe von Präsidenten gestellt. Am einige kann man sich erinnern: Kennedy, Carter, Obama.

Im Moment geht es darum, einen Kandidaten / eine Kandidatin zu finden, die einem der umstrittensten Amtsinhaber aller Zeiten mit einer gewissen Erfolgschance entgegentreten könnte. Es gibt sehr viele gute Gründe, den aktuellen Präsidenten abzuwählen; er bietet dafür eine kaum zu übertreffende Zahl von Angriffspunkten.

Und jetzt soll die ganze Sache daran scheitern, dass es niemanden gibt, der so viel Kompetenz, Persönlichkeit und Zuversicht ausstrahlen kann, dass er/sie die Partei hinter sich bringen kann?
Kaum zu fassen. Wie kann das sein?

Heute Nacht fällt eine Vorentscheidung.
Es gibt berechtigte Zweifel, ob die dazu führen kann, dass noch eine echte “Wechselstimmung” durch das große Land wehen kann.
Es wäre traurig und für viele wichtige Themen extrem nachteilig, wenn ein so ignoranter und charakterloser Präsident wegen der Schwäche seiner Gegner im Amt verbliebe…

“Das Gewicht der Worte” von Pascal Mecier

Ich war sehr gespannt auf den neuen Roman von Mercier. Sein ergreifendes Buch die „Die Reise nach Lissabon“ war für mich eines der prägendsten Bücher, die ich je gelesen habe.

Jetzt das Thema „Worte“. Es geht also um Sprache, insbesondere um das Übersetzen, Schreiben und Verlegen von Büchern. Da ich mich aktuell gerade – auch wegen mojoreads – besonders stark mit dem Lesen und Schreiben von Literatur beschäftige, war meine Lesemotivation sehr hoch.

Ich fange mal dort an wo ich üblicherweise mit meinem Rezensionen ende:  Wem würde ich dieses Buch empfehlen?
Da wird die Luft ziemlich dünn: Es ist ein Buch eines älteren Mannes für literaturaffine ältere Männer. Das klingt ein wenig platt, trifft die Sache aber ganz gut: Man(n) sollte (mindestens) Ü-50 sein, sich tiefgründig mit Lebensbilanzen, Verlust bzw. Endlichkeit auseinandersetzen wollen und grenzenloses Interesse an der Frage haben: „Wie finde ich das richtige Wort in der richtigen Sprache?“

Es gibt auch eine Handlung: Ein aus London stammender erfolgreicher Übersetzer erbt von seiner Frau einen Verlag in Norditalien, erhält die Diagnose „Gehirntumor“ und versucht, auf diesem Hintergrund sein Leben neu zu ordnen. Die daraus sich ergebenden Handlungstränge bestehen hauptsächlich aus den Kontakten zu einer Gruppe von befreundeten und verwandten Menschen; überwiegend stehen diese auch in Verbindung zur Literaturszene.
Mehr soll nicht verraten werden (und viel mehr gibt es auch gar nicht zu sagen).

Aber das Buch wurde nicht geschrieben, um eine Geschichte zu erzählen. Es wurde geschrieben, um die Sprache selbst, den Prozess des Schreibens, Übersetzens und Interpretierens zu feiern. Das gelingt dem Autor insofern, als dass er dazu eine Reihe von Formulierungen findet, die man in die Außenwände von Bibliotheken meißeln könnte: Man zieht sozusagen den virtuellen Hut – oder spürt fast den Impuls, überwältigt niederzuknien.

Aber – und das ist wirklich eine wesentliche Einschränkung – diese grandiosen Aussagen zum Umgang mit und dem Genuss von Sprache muss man sich schwer erarbeiten, sich durch ein Übermaß an Geduld und Disziplin zu erkämpfen.

Zu tun hat das insbesondere mit der ungewöhnlichen Erzählstruktur des Romans: Es gibt auf der einen Seite einen externen (auktorialen) Erzähler, auf der anderen Seite die schon erwähnte Hauptfigur, die am laufenden Meter Briefe an seine verstorbene Frau schreibt und so als Ich-Erzähler auftritt. Leider führt dies zu einer – manchmal kaum erträglichen –  Redundanz, weil die gleichen Situationen doppelt geschildert werden (oft kommen dann noch Gespräch mit dritten Personen hinzu, die sich dann wiederum um die gleichen Geschehnisse drehen).

Es geht in diesem Buch auch um (vergangene) Liebe, um Freundschaft, um die Freude am großzügigen Geben. Ein echtes inhaltliches Anliegen treibt den Autor noch um: Er will deutlich machen, dass moralische (und juristische) Urteile sich auf die motivationalen Bedingungen des Einzelfalls stützen müssen  – und nicht auf abstrakte Prinzipien. Sein Beispiel ist die (private) Sterbehilfe für einen geliebten Menschen.

Das Buch ist zweifellos eine beeindruckende Liebeserklärung an die Literatur und an die Menschen, die sich ihr verschrieben haben (Wortspiel!). Andererseits ist der Roman auch eine Zumutung, weil seine Wiederholungsschleifen das tolerierbare Maß überschreiten.
Man mag die beschriebenen Menschen – aber irgendwann kann man die Namen fast nicht mehr ertragen – weil es einfach von allem zu viel ist!

“Sei du selbst” von Richard David PRECHT

Es handelt sich sich um den dritten Band der Philosophiegeschichte in vier Bänden. Behandelt werden die Denker des 19. Jahrhunderts, also Geistesgrößen wie Schopenhauer, Feuerbach, Mill, Kierkegaard, Marx, Nietzsche, Freud, usw.

Der Autor orientiert sich zwar auch an diesen Personen und ihren Theorien über Erkenntnismöglichkeiten, Zusammenspiel von Körper, Geist, Psyche und Gesellschaft bzw. das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Moral. Aber Precht wäre nicht Precht, wenn er nicht unaufhörlich Querbezüge herstellen würde zu anderen (früheren oder parallelen) Ideenwelten bzw. zu wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen.
Da der Gegenstand ja sowohl eindeutig umrissen als auch unmöglich zusammenfassbar ist, will ich mich ganz auf die Bewertung konzentrieren.

Zwar nimmt Precht seine Leser immer wieder an die Hand, schafft durch Einleitungen und Zwischenresümees eine gewisse Ordnung. Aber auch Precht, der sicher ein guter Didaktiker ist, kann nicht zaubern. Der Gegenstand seiner Betrachtungen ist geradezu überkomplex – und so ensteht beim ersten Lesen trotz noch so guter Strukturierung ein gewisses Überforderungsgefühl (je nach Vorbildung sicher verschieden ausgeprägt).
Es fallen oft einfach zu viele Namen und Buchtitel auf wenigen Seiten – und gleichzeitig muss ja noch der inhaltlichen Argumentationslinie gefolgt werden. Ein wenig übertreibt Precht m.E. auch mit den biographischen Angaben zu den genannten Personen: Ich muss nicht wirklich wissen, in welcher Reihenfolge diese – offenbar durchweg hochbegabten – Menschen (man könnte auch sagen “Männer”) an welchen Hochschulen welche Fächer studiert haben. Da schlägt eine gewisse Detailbesessenheit durch.

Genug gemeckert! Nun zum Gewinn des Ganzen.
Natürlich wird eine unglaubliche Menge kulturelles und zeitgeschichtliches Wissen vermittelt auf diesen knapp 600 Seiten; das ist keine Überraschung. Dabei geht es tatsächlich um weit mehr als um Philosophie.
Absolut anregend und informativ ist es, das Entstehen (bzw. die Abnabelung) der Wissenschaften Psychologie, Pädagogik und Soziologie aus dem Schoß der “Mutter Philosophie” zu verfolgen. Plötzlich ist man – ohne es vorher so recht zu ahnen – mittendrin in der Geschichte der Psychologie als selbständiges Fach, deren Verlauf gleich in mehreren nationalen Kontexten betrachtet wird. Ziemlich beeindruckend!

Die nachdrücklichste Erfahrung geht aber noch darüber hinaus; sie hat sowohl eine intellektuelle als auch eine emotionale Qualität.
Es ist sowohl faszinierend als auch erschreckend, so klar und eindrucksvoll damit konfrontiert zu werden, was alles schon gedacht und geschrieben wurde im vorletzten Jahrhundert. Manchmal war ich wirklich irritiert, musste einzelne Aussagen zweimal lesen, um es zu fassen.
Was ich meine? Diese klugen Menschen haben praktisch alle Fragen und viele Antworten schon durchdacht und ausgesprochen, die uns heute als modern und aktuell erscheinen. Vieles von dem, was uns für die Bewältigung der Zukunftsfragen relevant erscheint, war zwischen 1850 und 1900 schon Thema niveauvoller wissenschaftlicher Kontroversen – bis zu der Frage, ob sich Bewusstsein und Ich-Gefühl restlos aus der Gehirnphysiologie ableiten lassen. Natürlich geht es auch um Willensfreiheit, Moral ohne Religion, Grenzen der Erkenntnis, um den Zusammenhang zwischen äußerer Realität und innerer Wahrnehmung und die Kunst des sozialen Miteinanders.

Emotional hat mich dabei vor allem bewegt, dass all die Klugheit und all das Wissen nicht verhindert hat, dass im letzten Jahrhundert unfassbare Menschheitsverbrechen begangen wurden. Oder – um es noch aktueller zu sagen: Wie kann es sein, dass eine so intelligente Spezies im Jahre 2020 davon ausgehen muss, das ein bestimmter Präsident in einem bestimmten Land wiedergewählt werden könnte…

So kann auch – oder gerade – eine Philosphiegeschichte Ratlosigkeit hinterlassen.

“Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte” von James. R. Doty

Dieses Buch hat ungewöhnlich widersprüchliche Gefühle und Bewertungen bei mir ausgelöst. Es war eine kleine Achterbahnfahrt, mit immer neuen Überraschungen und sogar mit einige Loopings.
Ich habe es überstanden (ich bin nicht besonders scharf auf körperliche Grenzerfahrungen); aber es war phasenweise mit intensiver Selbsterfahrung verbunden.

Der Hauptgrund für dieses spezielle Erleben liegt darin, dass dieses Buch ein wildes Durcheinander verschiedener Genres darstellt.
Es ist ein/e
– Autobiografie eines erfolgreichen Arztes
– Entwicklungsroman
– Familiengeschichte
– Anleitung zur Meditation und Körperentspannung
– Fachbuch über Auto-Suggestionstechiken und Positives Denken
– Buch über das Zaubern und die Magie
– Darstellung des Zusammenspiels von Rationalität und Emotionalität
– missionarisches Appell in Richtung Nächstenliebe und Altruismus

Vermutlich ließe sich diese Liste noch problemlos verlängern.
Doch bevor ich noch mehr über meine Eindrücke erzähle, soll grob der Inhalt des Buches skizziert werden:

Der Autor, der die Geschichte seines realen Lebens erzählt, setzt einen ersten Schwerpunkt in seiner späten Kindheit. Aufgewachsen unter schwierigen und ärmlichen familiären Verhältnissen (Vater Alkoholiker, Mutter depressiv, Familie sozial ausgegrenzt), hat er das Glück, in einem Zauberladen einer Frau zu begegnen, die seinem Lebensweg eine unerwartete Wendung gibt.
Sie führt in ein in eine “andere” Art von Magie, die insbesondere das Erlernen einer Entspannungs- und Meditationstechnik und die Anleitung zu selbstwertfördernden Imaginationen und Autosuggestionen beinhaltet. Der Junge lässt sich darauf ein, weil dieses Angebot mit der völlig ungewohnten Erfahrung von Interesse und Zuwendung verbunden ist.

Der weitere Lebensweg des erst jungen, später dann älteren Mannes verläuft alles andere als gradlinig. Doch all das, was ihm widerfährt und was er selber vollbringt, baut auf den Erlebnissen und Kompetenzen seiner Kindheit auf.
Die zwei entscheidenden Bausteine sind einmal der Glaube an die eigenen Potentiale bzw. an die Erreichbarkeit seiner Ziele (z.B. Arzt zu werden) – und zum anderen seine besonderen Fähigkeiten beim Fokussieren seiner Aufmerksamkeit bzw. beim Nutzen seines Gedächtnisses.

Der Autor nimmt uns mit auf einige Umwege und Schleifen; einige davon erscheinen wirklich überraschend und irritierend.
Erst die Überwindung einiger Krisen führt den Arzt und Geschäftsmann letztlich zu der Erkenntnis, dass er eine wichtige Botschaft aus seinem frühen “Lebens-Coaching” übersehen hatte: Er hatte sich reduziert auf Geld und Erfolg und dabei sein “Herz” vergessen.
Soweit die Handlung; am Ende wird – damit ist wohl kaum ein Geheimnis gelüftet – alles gut.

Es wird viel Lebensweisheit vermittelt in diesem Buch. Auch ein paar konkrete Methoden, die heutzutage in Achtsamkeits-Kursen oder Psychotherapien zur Anwendung kommen. Man bekommt auch ein Gefühl dafür, wie entscheidend es für benachteiligte junge Menschen sein kann, wenigstens ein einziges Mal auf einen zugewandten und förderlichen Menschen zu treffen.
Das ist auf der “Haben-Seite”.

Man muss aber einiges in kauf nehmen dafür:
– Der Autor mutet den Lesern insgesamt ein gehöriges Maß an Redundanz, also Wiederholungen zu
– die gebetsmühlenartig wiederholte These, dass man im Leben alles erreichen könne, wenn man es sich nur immer wieder ganz lebhaft vorstellen und sich doll bemühen würde, hat zwar einen wahren Kern, ist aber in der dargebotenen Absolutheit schlichtweg unsinnig
– Das Bild vom “Herz” als Ergänzung und Gegenstück zum Gehirn wird in einer kaum noch erträglichen Form überstrapaziert (bis zu einer Art zweiten Steuerzentrale für alles, was irgendwie emotional, sozial und moralisch ist)
– die abschließend dargebotenen wohlgemeinten und durchaus sympathischen Bekenntnisse zum Altruismus sind nicht ganz frei von kitschigen Anteilen

Es wird wohl deutlich: Mich hat es einiges an Geduld und Toleranz gekostet, Mr. Doty auf seinem Lebensweg zu begleiten. Es ist eben auch eine typisch amerikanische Geschichte vom Aufstieg aus dem Ghetto in die Höhen des Reichtums, gefolgt vom Scheitern an der eigenen Hybris bis zum geläuterten Erkennen des eigentlichen Lebenssinns.
Man kann das lesen; es lässt einen nicht unberührt.
Aber ich kann wirklich keine Garantie dafür übernehmen, dass man dieses Buch nicht vielleicht auch nach der Hälfte genervt in die Ecke feuern möchte, weil die Botschaften doch als zu platt empfunden werden.

Schreibt mir gerne eure Meinung.

“Leviathan” von Paul AUSTER

Paul AUSTER ist einer der großen amerikanischen Gegenwarts-Schriftsteller; er repräsentiert  sozusagen die „offizielle“ literarische Welt; seine Bücher werden international von allen Kultur-Redaktionen beachtet. Sein aktueller Roman heißt 4-3-2-1.

In diesem Roman aus den 90-iger Jahren berichtet der Ich-Erzähler (Peter), selbst ein Schriftsteller, von der radikalen Wendung im Leben seines besten Freundes (Ben), der natürlich auch aus der Literaten-Welt kommt. Anlass für diesen Bericht ist der Umstand, dass dieser Ben durch eine – offenbar selbst gebaute – Bombe ums Leben gekommen ist. Er gerät in den Verdacht, Urheber einer ganzen Reihe von Anschlägen gewesen zu sein.
Der Erzähler sieht es als seine Freundschaftspflicht an, die wahre Geschichte über den verhängnisvollen Weg zu übermitteln, der Ben aus einer gesicherten Position in der Mitte der (intellektuellen) New Yorker Gesellschaft in die einsame Rolle eines gejagten Outlaws geführt hat.

AUSTER lässt seinen Erzähler ein ganzes Netzwerk von – größtenteils gemeinsamen – Freunden und Bekannten aufspannen; auch von parallel geliebten Frauen ist die Rede. Peters detektivische Aufklärungsarbeit ist aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben. Die Gesamtgeschichte setzt er nach und nach aus einzelnen Teilperspektiven der wichtigsten Protagonisten zusammen, mit denen er über die letzten Jahre seines Freundes spricht. Auch Ben selbst – der zwischendurch immer mal wieder für längere Zeit abtaucht – trägt an verschiedenen Stellen zu der Vervollständigung des Puzzles teil. Letztlich schafft es Peter, das ziemlich komplexe Psychogramm von Ben fertigzustellen, bevor das FBI die Sache selbst aufklärt. (Das hört sich vielleicht an wie Spoilen; spielt aber für den Spannungsbogen des Romans keine entscheidende Rolle).

Für mich ist Leviathan ein typisches Beispiel für ein Buch, in dem das Erzählen selbst der eigentliche Zweck ist. Es geht um die Kunst des Erzählens – weder um die Handlung noch um eine besondere Botschaft. Es geht um das Entfalten einer eigenen kleinen Welt auf 330 Taschenbuch-Seiten. Man lebt ein paar Stunden mit diesen Charakteren (insbesondere eben Peter und Ben) und gerät auch ein bisschen in einen Sog der Neugier und manchmal auch in eine Fassungslosigkeit gegenüber den Wirrungen des Schicksals.

Jetzt könnte man sagen: Das schafft doch jedes halbwegs gutes Buch; dafür braucht man doch kein hochgelobter Star-Schriftsteller zu sein.
Für mich war besonders, dass die Spannung bzw. die emotionale Dynamik nicht auf den üblichen Effekten (Gewalt, Action und Sex) oder einem raffiniert gewebten Spannungsbogen beruht, sondern sich aus eher leisen, psychologischen und beziehungsmäßigen Prozessen entwickeln. Viele Passagen sind nicht spektakulär, enthalten eher feine, atmosphärische Beobachtungen aus alltäglichen Interaktionen.

Auch bei diesem AUSTER-Roman muss man wohl eine gewisse Affinität zur Künstler- und Literatur-Szene des progressiven Ostküsten-Amerikas mitbringen. Ohne diesen Bezug könnte beim Leser vielleicht schnell eine gewisse Sättigung bzw. Abwehr entstehen („Was habe ich mit diesen Leuten zu tun?“).

Nicht jeder mag diese Art von Literatur. Sie ist auch ein wenig sperrig; man muss sich einlassen wollen. Für mich war auch dieser AUSTER ein Lesevergnügen auf hohem Niveau, wobei die Sprache selbst keine besonderen Anforderungen stellt. Die Kunst entsteht eher durch die besondere Komposition des Erzählens.

“Die Geschichte der Bienen” von Maja Lunde

Manchmal zögere ich mit dem Schreiben einer Buchbewertung, weil ich eine Art “soziale Hemmung” spüre. Diese Zurückhaltung bezieht sich auf Bücher, die gerade – entweder wegen des Themas oder wegen des Autors/der Autorin besonders beliebt sind. Und wenn es sich dann noch um einen Bereich dreht, dem auch meine Sympathie gilt, erscheinen mir dann kritische Anmerkungen irgendwie “verkehrt” zu sein. Fast ein bisschen gegen mich selbst gerichtet.
Das hier ist so ein Buch.
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe es abgebrochen.

Jeder halbwegs aufgeklärte Mensch macht sich Sorgen wegen der Bienen. Überhaupt ist das Artensterben eines der großen Umweltprobleme. Was liegt da näher, als einen Roman rund um die Bienen zu schreiben?!

Die Grundidee des Buch des ist super: Es werden drei unterschiedliche historische Settings konstruiert (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), die – natürlicherweise – ganz verschiedene Perspektiven auf die Bienen-Thematik ermöglichen.
In der alten Welt geht es um die Erforschung des Gegenstands, in der aktuellen Welt um die ersten konkreten Hinweise auf das Bienensterben, in der Zukunftswelt wird ein erschreckendes Szenario gestaltet, in dem menschliche Arbeitssklaven die Bestäubungsarbeit übernehmen müssen.
Zu jedem dieser drei Settings wird eine Rahmenhandlung entworfen, in der es um alle möglichen (überwiegend) familiäre Beziehungen und Konflikte geht.

Das Problem (aus meiner Sicht): Diese jeweiligen Rahmengeschichten überzeugen weder inhaltlich noch sprachlich.
Die Handlungsstränge ziehen sich endlos hin. Die Spannungbogen, die durch den regelmäßigen Wechsel der Perspektiven offenbar erzeugt werden soll, funktioniert nicht, weil zwischendurch einfach kaum etwas passiert.
Die Figuren überzeugen nicht; ihre Selbstbeschreibungen passen irgendwie nicht zu ihren Persönlichkeiten.
Die Sprache ist gewöhnungsbedürftig; für mich langatmig und gestelzt.

Letztlich tat es mir leid um die Bienen, deren Schicksal ich nicht zu Ende verfolgt habe. Ich musste mich zu sehr quälen mit den Personen, die mir nicht wirklich ans Herz gewachsen sind.
Vielleicht finde ich mal jemanden, der mir in ein paar Sätzen erzählt, wie sich das Ganze letztlich entwickelt hat. Aber wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm…

Natürlich gibt es schon ein Nachfolgewerk dieses internationalen Bestsellers: Es geht um Wasser; auch ein total bedeutsames Thema.
Ich werde lieber ein Sachbuch dazu lesen…

“Alles könnte anders sein” von Harald Welzer

Harald Welzer gehört inzwischen zu den etabliertesten Experten, wenn es um Fragen der gesellschaftlichen Risiken und um Trends auf dem Weg zur Nachhaltigkeit geht. Regelmäßig wird seine Meinung in Nachrichten- und Magazinsendungen eingeholt. Seine Bücher “Selbst Denken” und “Die smarte Diktatur” gehören zu den Standardwerken der aktuellen kritischen Gesellschaftsanalyse.

Es geht Welzer schwerpunktmäßig darum, nicht nur Fehlentwicklungen zu beschreiben und Veränderungsziele zu definieren; er will aufrütteln und zum konkreten Handeln motivieren. Sein Ziel: Statt Katastrophenszenarien zu verbreiten oder über die Notwendigkeit eines Systemwechsel zu schwadronieren will er konkrete, bereits vorhandene, Initiativen nutzen, um eine “schrittweise Transformation” anstoßen.

Welzer will eine “Utopie für freie Menschen”. Was das bedeutet, macht der Autor sehr eindrücklich und mit großem Engagement deutlich.
Es geht u.a. darum:
– ein nachhaltiges (lokales und gebremstes) Wirtschaften zu entwickeln
– sich der Überwachung und Manipulation der Internet-Konzerne zu entziehen
– das analoge, soziale Leben zu beleben, statt überflüssige “smarte” Welten zu entwickeln
– Städte autofrei und bewohnbar zu machen
– Arbeitszeiten drastisch zu reduzieren
– ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen
– ein mündiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, dessen Sinn nicht in grenzenlosem Konsum liegt

Welzer ist ein Kämpfer für eine “bessere” Welt. Fast alles, was er will und wofür er seine Argumente ins Feld führt, ist sympathisch, menschenfreundlich und zukunftsträchtig. Harald Welzer ist aber auch recht überzeugt von sich selbst; Zweifel und vorsichtiges Abwägen gehört nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften.
Manchmal gehen die Pferde mit ihm durch. Fast jede/r Leser/in wird in diesem Buch die ein oder andere Stelle finden, an der er/sie aussteigt. Bei manchen wird es die “Welt ohne Grenzen” sein, für andere das Grundeinkommen, oder die Arbeitszeit von maximal 15-20 Wochenstunden.
Vermutlich wird das der Autor eingeplant haben; es wird ihn nicht irritieren. Er ist sich seiner Sache sicher. Und das vor allem deshalb, weil er eben kein fertiges Konzept oder eine konsistente Ideologie auf dem Plan hat, sondern alle möglichen realen Ansätze nutzen und kombinieren möchte.

Bei aller Sympathie: An einer Stelle verrennt sich Welzer wirklich zu weit. Er schimpft wie ein Rohrspatz über die Klimaaktivisten, die durch ihre “Endzeit-Parolen” angeblich die Menschen entmutigen und in eine Schicksalsergebenheit treiben.
Bei allem Respekt: Hier merkt man dann, dass sich Welzer den Erfolg der Fridays for Future-Bewegung einfach nicht vorstellen konnte. Und gegen die Benennung von kritischen “Klima-Kipp-Punkten” zu wettern, weil dies seiner Ermutigungs-Strategie nicht in den Kram passt, zeugt auch nicht gerade von Toleranz und Weitsicht.

Welzer ist – wie gesagt – ein leidenschaftlicher Kämpfer für die gute Sache. Ihm sei daher verziehen, dass dazu auch eine Portion Selbstgewissheit gehört. Vermutlich ist das eine seiner Energiequellen. Geschenkt!

Das Buch ist voller Anregungen und guter Beispiele. Manchmal provozierend, immer engagiert. Keiner – auch Welzer nicht – erwartet, dass es ein Programm enthält, dass buchstabengetreu umgesetzt werden kann.

05.02.2020

Man muss schon einen guten Grund haben, heute nicht über die Vorgänge in Thüringen zu schreiben. Der Grund heißt “Donald Trump”.
Ich habe nämlich heute morgen (noch im Bett) seine Rede zur Lage der Nation gesehen – in voller Länge. Der Mann spricht ein einfaches Englisch; das ging also ohne Dolmetscher…

Dieser Auftritt war ein Lehrstück – auf verschiedenen Ebenen.

Einmal hat mir diese Inszenierung verdeutlicht, dass Trump mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wahl im November gewinnen wird. Er verkörpert und zelebriert ein in sich stimmiges System von Patriotismus und Selbstgewissheit. Hier gibt es keine Nachdenklichkeiten und keine (Selbst)Zweifel. Das Feiern von nationaler (wirtschaftlicher und militärischer) Stärke und eigener Grandiosität geht ineinander über und vermischt sich zu einem Rausch der Omnipotenz.
Die Mehrheit der Amerikaner wird dem nicht widerstehen können.

Gezeigt hat dieser Auftritt auch, wie perfekt man eine solche Show choreographieren kann. Trump ruft nach und nach eine ganze Serie von heldenhaften “Zeugen” für sein großartiges Amerika auf und erweckt so geschickt den Eindruck, dass diese Modell-Amerikaner auf der Balustrade sozusagen das direkte Ergebnis seiner ureigensten Politik wären. Er scheut nicht davor zurück, sogar das Kind präsentieren zu lassen, das als die bisher extremste Frühgeburt am Leben erhalten werden konnte. So werden nationale Emotionen hochgepeitscht (natürlich darf auch die Witwe eines Terroristen-Bekämpfers nicht fehlen) und für das großartigste Amerika vereinnahmt, das es je gab.
Da sich Trump in seiner Rede wiederholt auf Gott bezog, habe ich schon damit gerechnet, dass auch dieser noch in die Kamera winken würde…
(wohl wissend: wenn es ihn denn gibt, dann ließe er sicher nicht als Trump-Unterstützer missbrauchen).

Die Welt spricht über den Klimawandel und ringt um Antworten. Trump ist das Thema Umwelt in dieser langen Rede einen einzigen Satz wert, der sich auf gepflanzte Bäume bezieht. Fertig.
Dafür wird gefeiert, dass die USA jetzt der weltgrößte Produzent von Öl und Gas ist.

Eine letzte Kostprobe: Unmittelbar hintereinander(!) prahlt Trump damit, dass er leidenschaftlich zwei Rechte der Amerikaner verteidigt hat und verteidigen wird: Das Recht auf das Schulgebet in öffentlichen Schulen und das Recht, Waffen zu besitzen.
Noch Fragen?

Dass am gleichen Tag in Thüringen ein Mitglied einer Fünf-Prozent-Partei von AfD, FDP und CDU zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, obwohl der bis heute regierende Amtsinhaber von über 70% aller Thüringer gewollt war, macht diesen Tag politisch endgültig zum Alptraum.

Vielleicht wird es ja morgen besser…

04.02.20

Die Verhältnisse in Polen sind für uns nicht gerade ein Top-Thema. Das läuft für die meisten so am Rande vorbei.

Tatsächlich sind die Angriffe der Regierung auf das Rechtssystem inzwischen eine echte Bedrohung für die Gewaltenteilung und damit auch für die Demokratie.

Da stellt sich dann doch die Frage, in welchem Ausmaß sich die EU als Wertegemeinschaft versteht.

Für mich erscheint es wichtig, dass die entsprechenden Untersuchungen konsequent durchgeführt werden. Ohne falsche Rücksichtnahme. Es kann nicht angehen, dass die EU nur als Geldquelle genutzt wird.

“Neujahr” von Juli Zeh

Eine Autorin, an der man dranbleibt, wenn man sie einmal entdeckt hat und durch ihren Stil eingefangen wurde.

Neujahr ist vom Umfang fast ein Zwitter zwischen Kurzgeschichte und Roman. Man kann das Buch bequem in einem Rutsch durchlesen. Nichts für das Urlaubsschmökern.

Die Geschichte des jungen Familienvaters beginnt mit einem Fahrradausflug auf Lanzerote, wo er mit Frau und zwei Kindern ein Ferienhaus gemietet hat. Zu der Ebene der einsamen Fahrt selbst (die wegen Gegenwind und Anstieg eine Herausforderung darstellt) kommen zwei weitere Erzählebenen hinzu: die Betrachtung seiner aktuellen Lebens- und Beziehungssituation und – ausgelöst durch eine Zufallsbegegnung – ein Rückblick in eine bedeutsame Episode der eigenen Kindheit. Letztlich erweisen sich die aktualisierten Erinnerungen als eine Art Schlüssel zum Verständnis seiner persönlichen und gesundheitlichen Probleme. (Ich bleibe bewusst so vage, weil ich nicht spoilen möchte).

Wie lässt sich das Leseerlebnis beschreiben?
Juli Zeh schafft es wieder einmal sehr souverän, einen in die Geschichte hineinzuziehen. Insbesondere in die Geschichte in der Geschichte. Irgendwann ist man zwangsläufig emotional beteiligt und kann bestimmte Aspekte der Situation kaum aushalten.

Die Autorin entfaltet auf wenigen Seiten ein Szenario, in dem Stimmungen, Beziehungsdynamiken und existentielle Nöte spürbar werden. So wird aus Text bzw. Sprache eine Atmosphäre, etwas Erlebbares; der Zauber literarischer Erzählkunst.

So etwas wie eine Botschaft gibt es auch. Sie hat etwas mit der prägenden Kraft früherer (traumatisierender) Erfahrungen zu tun. In diesem Buch wird die Bürde einer solchen Hypothek spürbar.

Ein beeindruckendes Buch, das trotz der Kürze nachdrücklich unter die Haut geht.