“Von den Bakterien zu Bach – und zurück” von Daniel C. DENNETT

Bewertung: 4 von 5.

Manchmal wir die Bewertung eines Buches stark davon beeinflusst, wie stark es die Erwartungen erfüllt (oder enttäuscht), die man darauf projiziert hat.
Ich schreibe hier über einen sehr besonderes Buch, das aber nicht genau das erhoffte war.

DENETT ist ein amerikanischer Philosoph, der sehr stark naturwissenschaftlich orientiert ist; insbesondere ist er ein leidenschaftlicher Vertreter der darwinistischen Evolutionslehre.
Er hat sein (langes) Schaffen als Forscher und Publizist einer grundsätzlichen philosophischen Frage gewidmet: Gibt es neben der physikalischen, auf Materie und Naturgesetzen basierenden Welt noch eine zweite Dimension, die so etwas wie eine geistige Welt umfasst, die auf ein höheres Wesen und seine Schöpfungskraft hinweist. Das wäre die Theorie des Dualismus.
DENETT nimmt sich in diesem Resümee seines Lebenswerkes (er ist knapp 80) gleich das größte, spannendste und umstrittenste Thema vor, an dem man diese Frage abarbeiten kann: das menschliche Bewusstsein. Denn eines scheint klar: Wenn man das Geheimnis des Ich-Bewusstseins naturwissenschaftlich erklären könnte, dann wäre der Dualismus endgültig aus dem Rennen.

Anders als erwartet nähert sich der Autor dem Bewusstsein nicht von der Seite der Hirnforschung. Er fängt ganz vorne an, bei der Entwicklung des Lebens und den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Auslese, wie sie von Darwin (“Über die Entstehung der Arten”) und später u.a. von Dawkins (“Das egoistische Gen”) dargestellt wurden.
Der Grund für seine Akribie wird schnell deutlich. Er will eine möglichst lückenlose Argumentations- und Beweiskette schmieden, in die sich an keiner Stelle “der Feind” (die Kreationisten bzw. die Vertreter des Intelligenten Designs) mit ihrer Skepsis und ihrem Zweifel einnisten können.

Ganz grob entwirft DENNETT folgende Denklinie: Der “geistlosen” genetischen Auslese lassen sich letztlich alle biologischen Entwicklungsschritte zuschreiben – bis zu dem Punkt, an dem es zu einer Art kulturellen Explosion bei den frühen Menschen kommt.
Danach geht es – sozusagen – zweigleisig weiter: Auf der einen Seite entwickeln sich erste Kulturtechniken (vor allem die Sprache) ebenfalls nach Prinzipien der Auslese weiter (nur viel schneller als über den genetischen Weg); dazu kommt ein Prozess der Wechselwirkung, in dem sich biologische Strukturen an die Erfordernisse der Kulturerrungenschaften anpassen. Dieser Prozess ist dann aber eben nicht mehr zufallsgesteuert (durch ziellose Mutationen, die erst mühselig ihre Überlegenheit unter Beweis stellen müssen), sondern sozusagen vorgebahnt – und damit schneller.
Ganz zum Schluss entsteht dann für die immer intelligenteren (Vor-)Menschen die Notwendigkeit, auch die eigene Kommunikation zu steuern und zu reflektieren. Um diese unglaublich komplexe neuronale Leistung zu vollbringen, wurde so etwas wie eine “Benutzeroberfläche” entwickelt, die dem User das Gefühl vorspiegelt, ein autonomer, willensfreier Beherrscher seines Geistes zu sein.

Das alles ist im Detail wirklich sehr kompliziert. Es wird auf 450 eng bedruckten Seiten Schritt für Schritt ausgeführt. Die Perspektiven werden hin und hergewendet, mögliche Einwände erörtert, Alternativen abgewogen, Modelle kreiert und verworfen.
Man fühlt sich an DAWKINS erinnert, der im “Egoistischen Gen” einen vergleichbaren, fast zwanghaft gründlichen Diskussionsstil zelebriert. Wenn man wirklich jeden einzelnen Gedanken nachvollziehen wollte, müsste man sich wohl einige Wochen Zeit nehmen.

Mich brauchte DENNETT nicht zu überzeugen. Trotzdem habe ich mal wieder das sichere Gefühl genossen, dass es auf der anderen philosophischen Seite (bei den Dualisten oder den Idealisten) sicher keine vergleichbar nachvollziehbaren Darstellungen gibt.
Es erscheint angesichts der Folgerichtigkeit der Argumentation und ihrer wissenschaftlichen und logischen Belege einfach extrem abstrus zu behaupten, dass ausgerechnet das menschliche Bewusstsein den Gestaltungskräften der Natur entzogen und durch eine externe “Sonderkraft” geschaffen sein sollte.
Der einzige Grund für eine solche Annahme ist das emotionale Bedürfnis des Menschen nach Einzigartigkeit als Krone der Schöpfung.

Ein anregendes und anstrengendes Buch.
Ich hätte mir etwas weniger Evolutionstheorie und etwas mehr Neuro-Wissenschaft gewünscht.
Was man bekommt, ist auf jeden Fall einen leidenschaftlichen Wissenschaftler, der für die Verbreitung seiner Überzeugung keine Mühe scheut.

“Von hier an anders” von Robert HABECK

Bewertung: 5 von 5.

Der Verdacht liegt nahe, dass eine so positive Bewertung eines politischen Buches eher die politische Gesinnung des Rezensenten als die Qualität des Textes widerspiegelt.
Ich werde versuchen, diese Hypothese so weit wie möglich zu entkräften.

Einer der beiden GRÜNEN-Chefs und potentiellen Kanzler-Anwärter legt zu Beginn des Super-Wahljahres eine umfassende Bestandsaufnahme seiner Erfahrungen, Einsichten und Zukunftsvisionen vor. Diesen inhaltsschweren (knapp) 400-Seiten-Text eine “Skizze” zu nennen, stellt ein ausgewachsenes Understatement dar.

Wir haben es hier nicht mit einem personalisierte Parteiprogramm zu tun. Der Blick ist viel breiter, die Fragen grundsätzlicher, der Erkenntnishorizont (sozial-)wissenschaftlicher, die Abwägungen psychologischer und die Grundierung philosophischer.
Vor allem hat HABECK alles andere als ein Klima-Buch oder ein – im klassischen Sinne – Nachhaltigkeits-Buch geschrieben. Es wird sicher nicht zur Basis-Lektüre der Klima-Aktivisten werden; vielleicht werden sie sogar enttäuscht sein, weil sie Eindringlichkeit und Radikalität in den Forderungen und Strategien vermissen.

Wenn der Slogan nicht schon so verbraucht wäre, könnte man sagen: HABECK will versöhnen statt spalten. Er gibt den Anti-Trump – nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Haltung gegenüber Skeptikern und Gegnern, in der Wortwahl, in der Bereitschaft zur Selbstkritik.

HABECK bietet nicht weniger an als ein integratives gesellschaftliches Gesamtkonzept, das eben nicht nur die Richtung beschreibt (zum sozial-ökologisch eingehegten Kapitalismus, der sich vielleicht irgendwann zu einem alternatives Wirtschaftsmodell weiterentwickelt), sondern einen Schwerpunkt auf die “weichen” Themen legt.
Immer wieder betont der Autor, wie sehr es seiner Erfahrung darauf ankommt, den Teilen der Gesellschaft Respekt und Anerkennung zu zollen, die sich nicht als die wirtschaftlichen und kulturellen Gewinner der großen Trends der letzten Jahrzehnte erleben.
Eine seiner Grundfragen lautet dabei: “Waren wir – die Vertreter der grün-linksliberalen, weltoffenen, auf Emanzipation, Selbstverwirklichung und Individualisierung gepolte Bildungselite – vielleicht zu erfolgreich?”
Er stellt diese Frage nicht, weil er an den Zielen zweifelt oder irgendwas zurückdrehen möchte. HABECK guckt sich nur genauer als andere an, was das für den “anderen” Teil der Gesellschaft bedeutet – und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem bzgl. des Verlustes an Anerkennung, sozialer Einbettung und Selbstwertgefühl.

Es geht ihm nicht nur um strategische Streicheleinheiten. HABECK kann an Beispielen aus seiner Ministerzeit überzeugend darlegen, dass es tatsächlich zu handfesten Vorteilen bzw. Fortschritten führt, wenn man eine dialogische und auf Überzeugung basierende Lösungssuche betreibt. Es fühlt sich also nicht nur gut an, sondern kann gleichzeitig ein Erfolgsmodell sein. Zumindest aber führt es nicht zu Zuspitzung und Eskalation.

Ich höre sie schon im Hintergrund, die Stimmen, die HABECK Naivität angesichts der realen Interessensgegensätze und Machtverhältnisse vorwerfen. Aber auch die Rufe, die auf den Zeitdruck hinsichtlich der Klimakatastrophe hinweisen. Das ließe sich bestimmt auch alles gut begründen.
Es gibt nur einen Unterschied: Hier legt jemand ein Konzept vor, wie es tatsächlich klappen könnte mit dem Umsteuern; unter den gegebenen Rahmenbedingungen, ohne die Aufgabe von demokratischen Strukturen und Prozessen, ohne Revolution oder wirtschaftlichen Zusammenbruch. Interessanterweise findet aber auch ein klares Bekenntnis zur “Macht” als notwendiges Gestaltungsmittel seinen Platz.

Wenn es HABECK nicht – im Vergleich – an Pathos, Ausstrahlung und Charisma fehlen würde, dann könnte man ihn mit diesem Gesellschafts- und Politikentwurf als einen deutschen Obama bezeichnen. Vor einem solchen grünen Kanzler bräuchte wirklich niemand Angst zu haben (ebenso wenig wie bei Obama). HABECK zeigt sich mit diesem Buch als ein weitsichtiger, belesener und gemäßigter Realo (zum Glück ist der alte Gegensatz zu den “Fundis” weitgehend abgearbeitet), eher schon als ein weiser und verantwortungsvoller Staatsmann als ein emotional-mobilisierender Parteiführer.

Ach so: Das Buch ist übrigens sehr gut lesbar. Obwohl zahlreiche Quellen zitiert werden, wird auf Fußnoten verzichtet. Die Mischung zwischen persönlichen Erfahrungen, eigenen Reflexionen und Bezugnahme auf aktuelle soziologische Analysen (nicht zuletzt die Beiträge von RECKWITZ) lassen das Buch zu einem anregenden und informativen Panoramablick auf unsere Gesellschaft am Beginn der 20-iger Jahre werden.
Also alles andere als nur eine Skizze.

Niemand kann erwarten, dass sich nun alle hinter diesem Politikmodell versammeln – weder hinsichtlich der inhaltlichen Ziele, noch bzgl. der vorgeschlagenen Methoden von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.
Wer aber eine ganz andere Vorstellung davon hat, wie wir zukünftig leben, wohin wir streben und wie wir miteinander umgehen wollen, der/die sollte schon gute Gründe und Argumente mitbringen müssen. Einfach nur “Nein” zu diesem Entwurf, zu diesem Angebot zu sagen, sollte nicht reichen!

“Von hier an anders” ist sicher kein Buch, das Eltern ihren (jugendlichen) FfF-Kids schenken sollten. Aber es ist mit Sicherheit ein Buch, das junge Aktivist*innen (so würde HABECK es wohl schreiben) ihren Eltern und Großeltern als Lektüre nahelegen könnten.

“Die Stille” von Don DeLillo

Bewertung: 3 von 5.

Bei mindestens zwei Literaturgattungen komme ich mit meinem bescheidenen Möglichkeiten schnell an meine Grenzen: bei den Klassikern der Weltliteratur und bei experimentellen Schreibstilen.
Der (sehr kurze) Roman von DeLillo gehört eindeutig zu der zweiten Gruppe.
Die folgenden Anmerkungen können daher nur als Versuch angesehen werden, erste subjektive Eindrücke zu formulieren.

Was mir zuerst auffällt: Ein verstörendes Ereignis – ein großflächiger Stromausfall – wird in einer verstörenden Weise literarisch dargeboten. Übliche Erzählstrukturen werden aufgebrochen, Dialoge sind episodenhaft eingefügt, Inhalte werden eher assoziativ als in logischer Abfolge vermittelt. In die Schilderung konkreter Abläufe mischen sich grundsätzliche, abstrakte Gedanken. Es geht eher um Atmosphäre als um Zusammenhänge. Strukturen lösen sich auf – in der Realität und in ihrer Beschreibung. Sicherheit, Berechenbarkeit und Klarheit gehen verloren. Sprünge sind eher die Regel als die Ausnahme.

Die aufgespannte Rahmenhandlung: Drei Personen in einer Wohnung warten auf zwei Besucher, die nur knapp einer Flugzeugkatastrophe entgehen. Ziel des Treffens war das gemeinsame Zelebrieren eines sportlichen Großereignisses. Die Besucher kommen verspätet, der Bildschirm bleibt dunkel. Ratlosigkeit, Weltuntergangsängste – zwischendurch der Versuch, Normalität zu inszenieren.
Die Beziehungen zwischen den fünf Personen werden eher in Momentaufnahmen – wie mit einem Blitzlicht – beleuchtet; ein zusammenhängender “Film” entsteht nicht.

Mit den normalen Ansprüchen an einen Roman, an eine Story, komme ich bei diesem Buch nicht weiter. Ich kann mich anmuten lassen, kann die Grundstimmung der Verunsicherung, der Auflösung von Gewissheiten, der Bruchstückhaftigkeit auf mich wirken lassen. Mehr passiert bei einem ersten Lesen nicht.
Zwei Wege ständen noch offen: Ich könnte mich schlau machen über diesen – vielfach preisgekrönten – Autor und mich damit ihm und seiner literarischen Arbeit intellektuell nähern.
Oder ich könnte den Roman (nach einer kleinen Pause) nochmal ganz in Ruhe lesen und mich – eher emotional – auf die Feinheiten einlassen.

Ich weiß noch nicht, welche Alternative ich wählen werde. Vielleicht gestehe ich mir auch ein, dass mein literarisches Verständnis und Aufnahmevermögen auf den Mainstream beschränkt ist.

“Die Mittelmeerreise” von Hanns-Josef Ortheil

Bewertung: 3.5 von 5.

Nachdem mich zwei frühere Bücher ORTHEILS (“Die Erfindung des Lebens” und “Das Kind, das nicht fragte“) sehr fasziniert hatten, habe ich es nach einer Pause nochmal mit der Mittelmeerreise versucht.
Davon will ich berichten.

Der Autor verarbeitete in diesem Buch Aufzeichnungen von einer Reise, die er im Alter von 15 Jahren zusammen mit seinem Vater unternommen hat. Man schrieb das Jahr 1967.
Der Autor erzählt also aus der Ich-Perspektive eines (frühreifen) Jugendlichen; seine literarische Umsetzung (von 2018) ist aber das Ergebnis eines weiten und weisen Rückblicks.

Zur Rahmenhandlung: Vater und Sohn sind die einzigen Passagiere auf einem Frachtschiff, das von Holland aus längs der französischen und spanischen Küste ins Mittelmeer vordringt und dort Kurs zunächst auf Griechenland und dann auf Istanbul nimmt.
Beschrieben werden insbesondere die Vater/Sohn-Dynamik und die zunehmend intensiven Beziehungen, die sich zu insgesamt fünf Besatzungsmitgliedern ergeben.
Ausgiebige Betrachtungen richten sich auf das Erleben der Schiffsreise selbst, die u.a. durch einen dramatischen Sturm geprägt wird.
Später rücken dann noch die Erfahrungen in den Fokus, die von dem Jungen und seinem Vater bei den Landgängen gemacht werden; dazu gehört auch eine erste Liebelei.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, um was es tatsächlich geht in diesem Buch, muss man kurz etwas zu den beiden Hauptpersonen sagen:
Der Junge ist ein angehender Konzertpianist, der außerhalb der klassischen bürgerlichen Kultur- und Bildungswelt bisher wenig “normale” Realitätsberührungen hatte. Sein Vater, mit dem er extrem eng verbunden ist, widmet sich außer der Lektüre antiker Literatur hauptsächlich dem Zeichnen.
Wie in allen anderen Bereichen und Interaktionen wirkt der 15-jährige auch im Kontakt mit dem Vater eher wie ein (gut entwickelter) junger Erwachsener – sowohl was den Inhalt, als auch die Form der Gespräche angeht.
In den Beziehungen zu den Personen, die auf der “offiziellen” Seite des Schiffs residieren, werden jeweils andere (geschichtliche, philosophische, existenzielle) Bereiche und Perspektiven thematisiert, mit denen sich wiederum der Junge selbstreflektierend beschäftigt. Nach und nach entwickeln sich fast gleichberechtigte Freundschaften zu diesen Erwachsenen.

Um es mal anders auszudrücken: Es wirkt alles ziemlich fremd, künstlich und gestelzt. Kaum ein Leser könnte sich vermutlich auch nur annähernd vorstellen, in diesem Alter (oder überhaupt als junger Mensch) so drauf gewesen zu sein.
Verunsichert wird dieses ungewöhnliche Weltbild durch einen relativ jungen Bediensteten, der das “reale” Leben in diesen abgeschotteten Elfenbeinturm hineinträgt – in Form von “Drugs and Sex and Rock ‘n Roll” (wobei ausgerechnet die harmlosen Beatles und ihr sanftes Liedchen “Penny Lane” als Ausgeburt der alternativen Gegenkultur hochstilisiert werden). Immerhin ermöglicht dieser junge Mann den Kontakt zum anderen Geschlecht – und damit einen Riesenschritt in eine bisher völlig unbekannte Erlebniswelt.
Um es abzukürzen: Es ist ein besonderer Entwicklungsroman, eingebettet in griechische Dichtungen, Altherren-Gespräche und literarische, historische bzw. geographische Betrachtungen.

Was könnte reizvoll sein, an diesem Roman?
Es gelingt ORTHEIL (der einfach ein sehr guter Erzähler ist), den Leser nach und nach einzuweben in diese kleine, überschaubare und abgeschlossene Welt. Der Detailreichtum, die fein nuancierten Beobachtungen erzeugen eine fast meditative Atmosphäre. Als Reaktionen bleiben nur das Abwenden in genervter Langeweile oder das entspannte Sich-Einlassen auf das Tempo, auf den Rhythmus, auf die Wiederholungen.
Man sollte sich Zeit nehmen für diesen Roman; mit einem Durchhecheln wird man dem Stoff und der literarischen Umsetzung nicht gerecht.

Bei aller Wertschätzung, eine kleine Warnung sei ausgesprochen: Wer mit (heute eher ungewohnten) Bildungsbürger-Perspektiven gar nichts am Hut hat oder gar einen “normalen” zeitgeschichtlichen Einblick in die späten 60-iger Jahre sucht, findet das in diesem Buch sicher nicht.
Wer jedoch einen kunstvollen Blick auf eine außergewöhnliche Biografie eines sehr früh gereiften jungen Mannes werfen will, kann gerne zugreifen.

“Fühlen, was die Welt fühlt” von Joachim BAUER

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Autor ist ganz offensichtlich ein sympathischer und engagierter Mensch (Arzt, Neurowissenschaftler, Psychotherapeut) und sein neues Buch beschäftigt sich mit einem, vermutlich dem existenziellen Thema der Gegenwart. Und das so aktuell, dass die Corona-Pandemie schon eine nennenswerte Rolle spielt.
Als halbwegs informierter Leser neige ich dazu, sowohl seiner Bestandsaufnahme, als auch seinen Schlussfolgerungen fast ausnahmslos zuzustimmen.
Warum bin ich nicht vollständig überzeugt oder sogar begeistert?

Beginnen wir mit der Problemanalyse: BAUER nennt einen großen Teil der bekannten Fakten zur Situation unseres Planeten (Klima, Landwirtschaft, Artensterben, Vermüllung, Armut, usw.). Er tut das in sehr komprimierter, gut verständlicher Form; er gibt auch die jeweiligen Quellen an. Das ist alles prima, macht dieses Buch aber nicht zu etwas Besonderem.

Der Autor schreibt klar und gut lesbar. Er hat eine persönliche Mission und hat sich dem Weg der Überzeugung verschrieben. Er argumentiert, setzt Fakten in Zusammenhänge, beschreibt Folgen nicht nüchtern, sondern durchaus emotionalisierend.
Das erscheint mir alles nachvollziehbar, angemessen und legitim.

Aus all dem ein eigenes Buch zu machen, basiert letztlich auf einer zentralen Idee, sozusagen als Alleinstellungsmerkmal. BAUER hat sich das Phänomen der Empathie ausgesucht, um rund um dieses (psychologische) Konzept sowohl die Ursachen, als auch die Lösungen für die drohenden Umweltkatastrophen zu ergründen.
Die entscheidende Frage ist daher: Wie überzeugend ist dieser Ansatz?

Klar ist: Wir brauchen mehr als Faktenvermittlung, um die notwendigen Transformationen in Richtung Nachhaltigkeit im Denken und Handeln der Menschen in Gang zu bringen. Wir brauchen eine positive Erzählung, ein Narrativ, das auch die Emotionalität anspricht.
So ein Narrativ bietet der Autor an.

Kurz gesagt lautet es: Wir haben die Empathie gegenüber der Natur verloren. Statt uns in einer lebendigen und resonanten Austauschbeziehung zu erleben, uns eingebettet und als Teil des Ganzen zu fühlen, haben wir uns daran gewöhnt, die Natur und ihre Ressourcen zu funktionalisieren, zu instrumentalisieren und bis zur Erschöpfung bzw. Zerstörung auszubeuten.
Immer wieder macht BAUER darauf aufmerksam, dass wir in diesem Prozess auch eine psychische und emotionale Entfremdung vollzogen haben: Das empathische Mitfühlen mit unseren tierischen und pflanzlichen Mitgeschöpfen, mit dem Gesamtsystem der Natur ist uns verloren gegangen. Gleichzeitig leiden wir selber darunter, dass uns den tragenden und heilenden Kräften der Natur immer mehr entzogen haben. Dass diese Kräfte geradezu therapeutische Wirkung haben können, macht er auch anhand wissenschaftlicher Befunde deutlich.

Der Autor reichert diese Analyseebene noch durch eine Prise Philosophie an: Was würde sich da besser eignen als die KANTsche Vernunftsethik, die hier ganz schnell zu einer ökologischen Ethik erweitert wird.
Auch eine gesellschaftliche Perspektive fehlt nicht: BAUER beschreibt u.a. die mediale Spaltung und das Entstehen narzisstischer Affektgruppen, die letztlich In Egoismus, Fanatismus und Verschwörungsmythen enden.
Es wird damit auch deutlich: So ganz alleine trägt die Empathie-Perspektive nicht durch das ganze Thema und das ganze Buch.

Möglicherweise spricht diese Idee von der Natur-Empathie aber Menschen persönlich an, die sich in einem sehr basalen Sinne als naturverbunden fühlen. Insofern hat dieser Zugang, dieses Narrativ, durchaus seine Berechtigung.
Für die bereits auf anderen Wegen Überzeugten trägt der Gedanke einer empathischen Wechselbeziehung mit der Natur nicht unbedingt etwas Bedeutsames bei. Dass sich diese Perspektive zu einer großen Kern-Botschaft entwickeln könnte, halte ich eher für unwahrscheinlich.
Aber einen Versuch ist es ja wert!



“Mr. Mercedes” von Stephen KING

Bewertung: 4 von 5.

Ich lasse mal meine grundsätzliche Ambivalenz gegenüber den Werken von KING beiseite und konzentriere mich auf diesen Roman, den ich als Hörbuch konsumiert habe. Er wird inzwischen als erster Band einer Trilogie bezeichnet – verbunden durch den pensionierten Kriminalbeamten Bill Hodges als Ermittler.

Motiviert hat mich vor allem, dass ein KING ohne Mystik und Horror angekündigt wurde. Das entspricht genau meinem Beuteschema. Dass ich nicht ohne explizite Schilderungen von Gewalt davonkommen könnte, war mir natürlich klar. Darüber werde ich mich deshalb auch nicht beklagen.

Der im Titel genannte Mercedes diente einem psychisch gestörten jungen Mann als Tatwaffe bei einer Amok-Fahrt. Sein Gegenspieler, der Cop Hodges, leidet sehr darunter, dass er dieses Verbrechen vor seinem Dienstende nicht aufklären konnte; auch sonst gibt sein Leben als Ruheständler nicht mehr viel her.
Der Auto-Mörder findet Gefallen daran, noch eine ordentliche Portion Salz in diese offene Wunde zu streuen und eröffnet damit einen Zweikampf auf Leben und Tod.

Natürlich bevölkern noch ein paar andere Figuren diesen klassischen Gut gegen Böse-Plot. Das ist auf der einen Seite die Mutter des Täters (wie zu erraten keine so ganz unproblematische Person); auf der anderen Seite treten gleich eine ganze Handvoll von Sympathieträgern auf, die mehr oder weniger aktiv in die Jagd auf den Psychopathen einbezogen werden. Auch die Romantik bleibt dabei nicht außen vor.

Mit der Beschreibung der erzählerischen Qualitäten von KING würde man jeden Bücherfan langweilen. Es ist bekannt, dass der Autor eher eine einfache, klare Sprache nutzt, originelle Metaphern einsetzt und gekonnt Spannungsbogen inszeniert.

Auch in diesem Roman wird wieder ein (vermeintlicher?) Widerspruch deutlich: KING kann sowohl mit einer geradezu fanatischen Detailliertheit sadistische Fantasien und Gewalthandlungen schildern, erweist sich an vielen anderen Stellen aber mit großer Empathie als menschenfreundlicher Erzähler, der einem die Rührung in die Augen treiben kann. Ein Meister der heftigen Emotionen! (Wobei er nach meinem Geschmack an dem einen Ende ruhig ein paar extreme weglassen könnte).

Besonders sympathisch und überzeugend fand ich den liebevollen Blick auf die Figuren, die gerade durch ihre kleinen und großen Schwächen eben nicht in das klassische Heldenschema passen. Man muss nicht perfekt sein, um auf der richtigen Seite zu stehen!

Streiten könnte man allenfalls darüber, wie psychologisch oder psychopathologisch stimmig die Biografie des Mr. Mercedes bewertet wird. Dass man da bei einem so extremen Typen nicht ganz ohne die einschlägigen Klischees auskommt, ist wohl unvermeidlich (und letztlich auch nicht unrealistisch).

Insgesamt eine spannende und emotionale Geschichte, von einem Erzähl-Genie serviert.
Wer vor den “harten” Stellen nicht zurückschreckt, wird hier bestens bedient.
Natürlich ist und bleibt es Unterhaltungsliteratur – aber das weiß jeder KING-Leser.

Zwei Worte zur Hörbuch-Bearbeitung: David Nathan!
Für Hörbuch-Kenner ist damit alles gesagt. Alle anderen sollten es einfach mal ausprobieren.

“Achtsam Morden” von Karsten DUSSE

Bewertung: 2 von 5.

Ohne Zweifel: Der Titel schreit nach Aufmerksamkeit! Die Kombination von Achtsamkeit und Mord erscheint paradox und provokant – das ist schonmal gelungen!
Doch bevor ich bei Krimi-Fans falsche Erwartungen wecke: Ich bin nach etwa einem Drittel ausgestiegen.
Von mir ist an dieser Stelle also nur zu erfahren, warum ich dieses Buch nicht mag.

Da ich kein Krimi-Junkie bin, brauche ich zusätzliche Motivation. Eigentlich brauche ich noch mehr: Da mich die Schilderung von Gewalt und Grausamkeit grundsätzlich erstmal abschreckt (warum das nicht bei allen so ist, verstehe ich nicht), muss es ein erhebliches Gegengewicht in der Waagschale liegen.
Das Achtsamkeits-Prinzip – so dachte ich – könnte so eine Rolle spielen. Sind doch die Anleitungen zu einem “achtsamen” Leben aus den Bereichen Therapie, Beratung, Coaching und Lebenshilfe seit vielen Jahren nicht mehr wegzudenken. Wer heute ein Angebot in diesen Bereichen macht, ohne das A-Wort zu erwähnen, ist wohl ziemlich out.

Das Buch basiert auf dem Grundgedanken, dass letztlich jede Handlung davon profitierte, “achtsam” vollzogen zu werden; gleichzeitig profitierten Menschen ganz grundsätzlich davon, dass sie das, was sie tun, achtsam täten.
Was würde passieren, so fragte sich DUSSE, wenn man diese vermeintlich universelle “Wahrheit” auf das Begehen von Verbrechen anwendete.

In dem Roman ist es ein – extrem unsympathischer – Anwalt, der dieses widersprüchliche Feld erkundet. Er hat sich darauf spezialisiert, seine juristischen Künste einem Gangster und dessen unternehmerischen Aktivitäten zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig hat er Eheprobleme – was ihn aber nur deshalb stört, weil er auch eine kleine Tochter hat.
Nachdem er von seiner Frau gezwungen wurde, eine Achtsamkeitstherapie zu besuchen, wendet er seine Erkenntnisse dann eben beim Morden an (natürlich gegen die Bösen).

Ich verstehe ja, wenn man ein Prinzip gerne mal ad Absurdum führen will. Prima, gute Idee!
Aber warum muss ich mir seitenweise brutale und sadistische Tötungshandlugen zu Gemüte führen, nur um auf ein Paradox gestoßen zu werden: dass nämlich Achtsamkeit eben nicht beliebig angewendet werden kann, wenn das Konzept seinen ursprünglichen Sinn behalten soll.

Vielleicht bin ich ja ein miesepetriger Spaßverderber – aber das ist einfach nicht mein Humor! Ich finde Morde nun mal nicht witzig, selbst wenn das (erste) Opfer sicher ein riesiges Arschloch war.
Ich gehe da einfach nicht mit. Situationskomik erreicht mich nicht, wenn es um die Zerstückelung von Menschen geht. Sorry!

Aber: Das Buch ist super erfolgreich.
Um das zu verstehen, rate ich ernsthaften Interessenten, lieber eine andere Rezension zu lesen.

“Das Meer” von Wolfram FLEISCHHAUER

Bewertung: 5 von 5.

Ab und zu gibt es sie: die perfekte Kombination von spannender Unterhaltung und informativer, aufrüttelnder Botschaft. Bei dem Öko-Thriller “Das Meer” ist genau das gelungen.

Grob gesagt gibt es zwei Sorten von Spannungs-Literatur, die sich auf eine aktuelle gesellschaftliche Problematik bezieht.
Die eine Gruppe benutzt das Trend-Thema (nur) als eine Art Eyecatcher, um darauf eine irgendwie austauschbare Story zu konstruieren. Bald geht es nur noch um Gut gegen Böse, um Sex and Crime, um actiongeladene Showdowns. Aber man ist ja am Puls der Zeit…
Ganz anders bei Büchern wie diesem hier: Auch hier gibt es eine Story mit Protagonisten und Identifikationspotential, es gibt einen Spannungsbogen und überraschende Wendungen. Und doch hat man das Gefühl, es geht vorrangig um den Inhalt, um eine Botschaft, um Information, um ein Wachrütteln.
“Das Meer” nutzt nicht einen Inhalt, um eine Geschichte zu erzählen, sondern erzählt eine Geschichte, um einen bedeutsamen Inhalt zu verbreiten. Und das passiert ziemlich perfekt!

Wir lernen in diesem Roman etwas über einen Wirtschaftszweig, der vergleichsweise selten im Blickpunkt der kritischen Berichterstattung steht: die illegale Fischerei-Industrie.
Das klingt vielleicht im ersten Moment banal – angesichts der Diskussion um Klimawandel allgemein und der skandalösen Massentierhaltung in einer aus dem Ruder gelaufenen Landwirtschaft.
Aber FLEISCHHAUER verrückt rasch die Proportionen. Der Raubbau an und in unseren Weltmeeren, die verantwortungslose Überfischung und die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts in den Ozeanen (insbesondere auch am Meeresboden) haben das Potential für ein mittelfristiges Desaster. Und wie bei allen großen ökologischen Krisen leiden schon jetzt die ärmsten Bewohner unseres Planeten massiv unter den Folgen.

Der Roman beschreibt das Spannungsfeld zwischen zwei Methoden, gegen die mafiösen, multinational organisierten Fischerei-Syndikate vorzugehen. Es gibt den offiziellen Weg der internationalen Vereinbarungen und den darauf basierenden Kontrollversuchen. Und es gibt eine Gruppe von Aktivisten, die sich angesichts der jahrzehntelang erfolglosen Versuche zu einer Art “Notwehr-Aktion” entschlossen haben.
Mittendrin agiert der Ich-Erzähler, ein etablierter Dolmetscher, der privat bzw. beruflich zu beiden Seiten Kontakte hat. Auch für ihn stellt sich – stellvertretend für die Leser – die Frage, auf wessen Seite er steht. Dass er die Distanz zu dem Thema verliert, dafür ist gesorgt!

Der Autor pflegt den Spannungsbogen durch einen häufigen Wechsel der Perspektiven (Personen und Schauplätze); dadurch gewinnt die Story an Dynamik, bekommt einen echten Drive. Niemand muss befürchten, dass hier Umweltpädagogik mit dem erhobenen Zeigefinger betrieben wird. Die Informationen werden sehr stimmig in die Dialoge verpackt.

Dieses Buch berührt nachhaltig, weit über die eingebaute Spannung hinaus.
Es geht dabei nicht nur um das private Konsumverhalten (“Wie oft esse ich welche Sorte Fisch mit welchem Schuldgefühl?”). Es geht auch um die sehr prinzipielle Frage, ob – und unter welchen Bedingungen – es ein Widerstandsrecht zur Verteidigung unserer natürlichen Lebensgrundlagen gibt, wenn die Politik und die Institutionen ganz offensichtlich versagen.

Es bedarf wohl keiner großen prognostischen Fähigkeiten, um davon auszugehen, dass so etwas wie “Öko-Terrorismus” auf uns zukommen könnte.
Dieses Buch mit Thriller-Qualitäten setzt sich auf eine sehr anschauliche und anregende Weise mit dieser relevanten Thematik auseinander.
Toll gemacht!

“Book of Songs” von Colm Boyd

Eine wahrhaft originelle Idee!
Das Buch des Musikbloggers BOYD präsentiert ca. 70 Playlisten mit jeweils vier bis sechs Songs zu der jeweiligen Kategorie; auf jeder der 250 Buchseiten werden durchschnittlich zwei der Musikstücke kurz beschrieben. Der Autor stellt dabei nicht nur einen Bezug zu dem Thema der Playlist her, sondern versorgt die Leser und Hörer mit allerlei Insider-Infos zur Entstehung bzw. Bedeutung der Titel.

Das hört sich alles noch ein wenig trocken (besser “leise”) an. Doch für Abonnenten des großen Streaming-Dienstes Spotify tut sich eine zweite Welt auf: Wenige Augenblicke reichen der optischen Erfassungsfunktion, um die Playliste in der App anzuzeigen – natürlich sortiert in der passenden Reihenfolge. Möglich macht es ein hauseigener Strickcode, der absolut zuverlässig funktioniert.
Das Ergebnis: Schnell und extrem komfortabel entfaltet sich parallel zum Lesen der zugehörige Sound. Ein kurzes Fingertippen macht aus diesem Buch tatsächlich ein multimediales Erlebnis.
Das ist schonmal was!

Kommen wir zur Auswahl der Kategorien.
BOYD holt weit aus, er nutzt für seine Kategorien eine bunte Mischung von Stimmungen, Lebensereignissen, Kunstwerken, Filmregisseuren, Musikrichtungen und alltäglichen Begrifflichkeiten aus.
Ein System lässt sich dahinter nicht entdecken. Auf manche Überschriften wäre man sich auch selbst gekommen (Lieder über große Gefühle, bestimmte Länder oder Drogenerfahrung); andere Themen markieren dann doch sehr persönliche Vorlieben des Autors (Tarantino-Filme, Beteiligung von Jack White, Spoken-Word-Songs).
Nun gut, man lässt sich mal darauf ein.

Wie ist nun die Auswahl der Einzeltitel zu beurteilen?
Sagen wir es erstmal positiv: Der Musikblogger ist wirklich breit aufgestellt.
BOYD bedient sich aus einen extrem heterogenen Pool von Musikgenres bzw. -stilen und deckt problemlos einen zeitlichen Rahmen von ca. 70 Jahren Popmusik-Geschichte ab.
Locker wechselt er dabei vom Mainstream zu handverlesenen Insider-Titeln, gerne auch mal außerhalb des englischsprachigen Raums (deutsche Interpreten sind nicht dabei).
Es ist eine Achterbahnfahrt, die sicher jeden individuellen Musikgeschmack an bestimmten Stellen überfordert. Das ist Neugier und Flexibilität angesagt; es gibt einiges zu entdecken, was einem sicher sonst nie im Leben begegnet wäre.
Was definitiv klar ist (aber auch unvermeidbar): Jeder halbwegs interessierte Musikfan wird sich die Haare raufen – angesichts der “eindeutig fehlenden” Titel. Ich habe sie geradezu schreien gehört, die Songs, die “eigentlich” besser als jeder andere gepasst hätten (Nur ein Beispiel: Wie kann man in der Playliste über Geschlechtsidentitäten das prädestinierte “I’m a Boy” von The Who vergessen?!).

Und die Infos zu den Songs?
BOYD ist offensichtlich ein cooler Typ. Man darf sich hier keinen seriösen Musikjournalisten vorstellen. Hier gibt ein Szene-Blogger Einsichten, die oft hinter die Bühnen und Pressetexte führen und die darauf schließen lassen, dass der Autor Zugang zu den Stories hinter den Stories hat. Der Schreibstil ist betont alternativ, Anspielungen auf Sex and Drugs bleiben nicht aus. Manchmal sind es erstaunliche Details und Perspektiven, die sicher oft originell, aber auch nicht für jeden “Normalo” von Belang sind.
In der Regel werden einige charakteristische Text-Zeilen zitiert, um den Bezug zum Playlist-Thema zu demonstrieren.

Was übrig bleibt:
Man hat das Gefühl, eine besondere kombinierte Lese-/Hör-Erfahrung gemacht zu haben. Wer sich gerne überraschen und auch auf unbekannte Pfade führen lässt, kommt voll und ganz auf seine Kosten – jedenfalls wenn er/sie sich einer schnodderig- alternativen Perspektive auf die Musikwelt nahe fühlt.
Wer es gerne etwas gemäßigter und seriöser hätte, wer sich gerne auf einige Hauptthemen und vielleicht auf etwas mehr Rock- und Popklassiker konzentriert hätte, den/die erwartet immer noch eine interessante und oft vergnügliche Herausforderung.
Meine Lösung: Ich habe mir eine eigene Playlist gemacht, mit den Songs, die ich durch dieses Buch kennen und mögen gelernt habe. Nicht jedes Buch hat so ein konkretes Ergebnis!

“Handbuch für Zeitreisende” von K. PASSIG & A. SCHOLZ

Bewertung: 4 von 5.

Eine grandiose Idee: Ein launiges Geschichtsbuch in Form eines Reiseführers.
Die Eintrittskarte: Man lässt sich einfach mal darauf ein, dass Reiseziele nicht nur geografisch, sondern auch historisch frei wählbar sind.
Dann könnte es im Prinzip schon losgehen!

Am Anfang stehen allerdings erstmals ein bisschen moderne (Quanten-)Physik und die logische Paradoxie der Zeitreisen; ein wenig theoretische Grundlagen also.
Doch das ist nur Vorgeplänkel; sicher gut gemeint, aber für den eigentlichen Zweck des Buches nicht wirklich notwendig.
Man kann sich schonmal ein wenig an den locker-humoristischen Stil der Autoren gewöhnen – und beginnt erwartungsvoll mit den Hufen zu scharren.

Was dann folgt ist beste populärwissenschaftliche und multidisziplinäre Weiterbildung.
Diverse Orte und Zeitpunkte unserer planetaren Entwicklung (und darüber hinaus) werden daraufhin analysiert, welche Vorzüge, Erfahrungen, Probleme und Gefährdungen mit einem touristischen Besuch verbunden sein würden bzw. könnten.

Der pfiffige Clou der Darstellung liegt darin, dass (physikalische, geografische, biologische, historische, gesellschaftliche und kulturelle) Fakten indirekt, also sozusagen über Bande, vermittelt werden. Die Perspektive bleibt immer Ihre, also die des Zeitreise-Touristen.
Statt also die Zustände des jeweiligen zeitlichen und örtlichen Weltausschnittes zu beschrieben oder zu erklären, werden die sich daraus ergebenden Konsequenzen abgeleitet. Es geht um Ihre Sicherheit, um Ihre Kleidung, um Ihre Ernährung, um Ihre sozialen Anpassungsleistungen, um Ihre Gesundheit und um die jeweils notwendige Ausrüstung.
Wenn diese Fragen mit der gleichen ironischen Nüchternheit auf frühe erdgeschichtliche Zeiten, auf die Dinosaurier-Periode, das Mittelalter oder die DDR von dem Mauerfall angewandt werden, ist das fast durchweg total lehrreich und witzig zugleich.
Ein Teil ihrer kreativen Ideen lenken die Autoren auch auf die Interaktion zwischen den Welten: Was lässt sich hin oder her transportieren? Was ist mit Krankheitskeimen? Wogegen muss man sich versichern? Ist die Rückkehr immer ungefährdet?

Auch wenn sich die Autoren bemühen, nicht grundsätzlich jede frühere Epoche schlechtzureden, so ist doch eine Botschaft unüberhörbar: Im Vergleich mit den meisten denkbaren Zeitpunkten leben wir (hier im reichen Teil der Welt) heute unter vergleichsweise paradiesischen Bedingungen.
So kann – selbst der imaginierte – Zeitreisetourismus dazu beitragen, die kleinen und großen Annehmlichkeiten der Gegenwart (Hygiene, Medizin, Wohnung, Heizung, Infrastruktur, Rechtsstaat,…) mal aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten und wertzuschätzen.

Gestört haben mich zwei Dinge: Mir kam die Darstellung ziemlich unstrukturiert vor; es gibt abenteuerliche Sprünge zwischen den Zielen und Zeiten. Das war sicherlich so gewollt; ich hätte es mir aber geordneter gewünscht.
Und leider hat sich die unbestreitbare Qualität des Buches nicht auch quantitativ niedergeschlagen. Das (Hör)Buch ist einfach ziemlich kurz – etwas schade.

Die Hörbuch-Bearbeitung ist wirklich sehr gut gelungen: Der Sprecher und seine klare Stimme, vor allem sein dezent-ironischer Unterton, passen optimal zum Inhalt des Buches. Ich würde mich immer wieder für diese Form des genussvollen Geführtwerdens durch die Epochen entscheiden.

Insgesamt haben PASSING & SCHOLZ einen ziemlich originellen und amüsanten Weg gefunden, Wissen unter das Lese-/Hörvolk zu bringen. Respekt!