“Später” von Stephen KING

Bewertung: 2.5 von 5.

Ach ja, lieber KING, du kannst so toll schreiben – und enttäuschst trotzdem hin und wieder mal heftig. Mit diesem (relativ kurzen) Roman ist dir das voll gelungen!

Dass man sich auf eine mystische Welt jenseits der Naturgesetze einlassen muss, wenn man diese Geschichte liest, ist nicht das Problem. Soll der Junge (der Protagonist) doch ruhig tote Menschen kurz nach ihrem Hinscheiden sehen – und gerne auch mit ihnen kommunizieren. Daraus kann man doch was machen…

Das tut KING in dem ersten Viertel des Buchers auch, und es macht Spaß, das zu lesen (oder zu hören). Jamie ist ein netter Bursche und hat eine sympathische Mutter. Beide leben unter nicht ganz einfachen materiellen Umständen.
Da trifft es sich gut, dass Jamie seine besondere Gabe dazu nutzen kann, einem plötzlich verstorbenen Schriftsteller den Plot seines mit Spannung erwarteten Abschlussband eines Fortsetzungs-Romans zu entlocken. Daraus konnte dann die Mutter etwas machen…

Hätte KING es bei solchen Episoden – auch ein Verbrechen konnte verhindert werden – belassen, wäre sicher ein unterhaltsames Buch entstanden.
Aber es musste dann noch der große Knaller kommen: In einem der Toten hat sich unglücklicher Weise das Böse schlechthin (oder auch der Teufel) eingenistet. Die Beziehung zwischen Jamie und diesem Monster wächst sich zu einem größeren Problem aus – ohne martialisch-blutigen Showdown geht da natürlich nichts!
So senkt man das Niveau eines Buches gleich um mehrere Stufen…

Der Autor entwirft auch in diesem Roman einige Figuren, die einem ans Herz wachsen. Es gibt liebevolle Beziehungen und gescheiterte Partnerschaften. Man steigt gerne ein in diese Welt und diese Story und wäre gerne noch eine Weil dabei geblieben.
Warum – so frage ich mich – musste daraus so eine letztlich belanglose und austauschbare Horror-Story werden. Daraus hätte man doch wohl mehr machen können…

“Die Vermessung des Lebens” von Peter SPORK

Bewertung: 4 von 5.

Das Thema “Systembiologie” scheint nicht auf Anhieb massentauglich zu sein. Anders als die Titel zu “Corona” und “Klimawandel” wird sich dieses Sachbuch nicht auf den Sondertischen der Buchhandlungen stapeln.
Aber es ist ohne Zweifel ein Zukunftsthema, das unmittelbar mit einigen großen Trends der nächsten Jahrzehnte zusammenhängt – mit Digitalisierung, Big Data, Bio-Technologie, Selbstoptimierung, Lebensverlängerung und Künstlicher Intelligenz (KI).

Der Neurobiologe und Biokybernetiker SPORK, als Wissenschaftsautor schon eine ganze Weile im Geschäft, legt mit diesem populärwissenschaftlichen Sachbuch (es ist schon fast ein Fachbuch) nicht nur eine umfassende Gesamtkonzeption der bisher eher verborgen wirkenden Disziplin “Systembiologie” vor. Er hat – über die Information hinaus – ganz offensichtlich auch die sehr persönliche Mission, für diesen wissenschaftlichen Ansatz zu werben.
Wir haben es also nicht mit der neutralen-distanzierten Darstellung eines Wissenschafts-Journalisten zu tun, sondern mit der Überzeugung und Begeisterung eines unmittelbar Beteiligten.

Worum geht es nun eigentlich?
Der Anspruch der Systembiologie (so wie sie STORK versteht) ist geradezu atemberaubend: Leben allgemein und Gesundheit speziell sollen in einer bisher nicht bekannten Intensität erforscht, verstanden und optimiert werden. Die Grundlage dafür wird (zunächst) in der umfassenden Durchdringung aller biologischen Bestandteile, Systeme und Prozesse gesehen, die für das menschliche Leben bedeutsam sind. Dabei geht es – an einem Ende – tatsächlich um die elementarsten Bausteine, die DNA unserer Gene, die epigenetischen Mechanismen, die Gesamterfassung aller Proteine – bis hin zu den Mikroorganismen in unserem Darm. Funktionsweise und Interaktion all dieser biologischen Basisfaktoren sollen möglichst in mathematische Algorithmen übersetzt werden, damit sie sozusagen digital “nachgebaut” werden können und so noch intensiver erforscht und mit anderen Variablen vernetzt werden können.
Am anderen Ende der Betrachtung stehen dann körperliche bzw. medizinische Befunde, angefangen von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit, über Krankheiten und Einschränkungen bis zum Altern und Sterben.
Grundprinzip der Systembiologie ist es nun, auf allen Ebenen möglichst viele Daten zu sammeln und miteinander in Bezug zu setzen. Die Werkzeuge dafür sind – Überraschung! – die modernsten Super-Computer und die Mustererkennungs-Macht der KI.
Nochmal ganz kurz: Aus einem riesigen (biologischen) Datenpool sollen auf digitalen Wegen ein neues Verständnis für (bisher unerkannte) Mechanismen und Zusammenhänge entstehen, auf deren Grundlage wir unsere Gesundheit und Lebensqualität optimieren können.
Aber das Ziel ist noch weiter gesteckt: Dem Systembiologen reichen keineswegs die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten; er möchte die ganze Sache individualisieren. Er hätte am liebsten für alle Menschen den kompletten Datensatz (natürlich nicht einmalig, sondern fortlaufend), um ganz persönliche Vorhersagen, Warnungen und Vorsorgetipps generieren zu können.
Er scheut sich nicht, von einem “digitalen Zwilling” zu schreiben, in dem sich die eigenen Datensätze zu einem mathematischen Gesamtmodell zusammenfinden könnten. Natürlich gehört dann auch die passgenaue Auswahl und Dosierung von Medikamenten dazu (Präzisionsmedizin).

Nur kurz erwähnt sei, dass der ganzheitliche Anspruch der Systembiologie noch weit über den körperlichen Bereich hinaus reicht: auch psychologische und soziale Variablen sollten in das Gesamtverständnis des (gelingenden) Lebens einbezogen werden.

Da muss man zwischendurch tatsächlich mal durchatmen – sonst könnte leichter Schwindel entstehen.
Der Autor wechselt immer mal wieder zwischen der Schilderung aktueller Forschungsvorhaben und eher als Science-Fiktion anmutende langfristige Perspektiven.
Er verspricht im Ergebnis nicht weniger als eine völlige Neuausrichtung unseres Gesundheitssystems: Die meisten Krankheiten würden nämlich erst gar nicht mehr entstehen, weil feinste Vorzeichen von drohenden Fehlfunktionen – gemessen mit allerhand Sensoren – mit Korrekturen beantwortet werden können. Der Weg zur Vorsorgemedizin ist gebahnt; der Gesundheits-Coach ersetzt den Arzt, der Krankheiten bekämpft.

Nur eine – vielleicht ein wenig despektierliche – inhaltliche Anmerkung sei erlaubt: Ein wenig entlarvend wirkt es, wenn SPORK die schöne neue Welt des datenbasierten individuellen Gesundheitsfürsorge an Beispielen konkretisiert. So wird dann dem totalüberwachten modernen Menschen tatsächlich geraten, er solle doch ein wenig bewusster essen, sich mehr bewegen, regelmäßiger schlafen und auf das psychische Gleichgewicht achten.
Da käme man natürlich ohne Systembiologie nicht drauf…

Dieses Buch ist ohne Zweifel eine gut lesbare, anregende und informative Einführung in dieses Fachgebiet. Das Lesen lohnt sich auch dann, wenn man dem ganzen Ansatz (oder einzelnen Aspekten) skeptisch oder kritisch gegenübersteht.
Man muss ganz sicher nicht die (fast) grenzenlose Begeisterung des Autors für Big Data, Super-Rechner und schlaue Algorithmen teilen, um von diesem Einblick zu profitieren. (Auf die ein oder andere Redundanz in der Darstellung könnte man auf jeden Fall verzichten).
Nicht ganz überzeugend ist die ökonomische Bilanz des Autors: Zwar argumentiert er mit der langfristigen Vermeidung von teuren medizinischen Maßnahmen; allerdings fehlt eine Kalkulation dazu, was man alles mit den ungeheuren Forschungskosten erreichen könnte, wenn man sie in Aufklärungs- und Präventionsprogramme oder in medizinische Grundversorgung in anderen Teilen der Welt investieren würde.

“Von hier bis zum Anfang” von Chris WHITAKER

Bewertung: 5 von 5.

Manchmal haben sie schlichtweg Recht – die euphorischen Stimmen von Kritikern, die ein Buch zu einem Ereignis erklären. WHITAKER hat einen Roman vorgelegt, der sich in die Spitzengruppe der aktuellen Meisterwerke gehobener Unterhaltungsliteratur katapultiert hat.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Mädchen, dem das Schicksal vor riesige Herausforderungen gestellt hat. Als Tochter einer psychisch instabilen alleinerziehenden Mutter trägt sie die Verantwortung für die Versorgung ihres jüngeren Bruders fast allein. Schaut man ihr beim Leben zu, scheint sie ausschließlich zu geben – ohne selbst Aufmerksamkeit, Fürsorge oder Orientierung zu bekommen.
Die Kraft, die Duchess trotzdem entwickelt, zieht sie aus einer Selbstzuschreibung, die sie aus ihrer Familiengeschichte zieht: Die Identität eines “Outlaws” schafft ihr eine kämpferische Unabhängigkeit, aus der sie eine Art Unverletzlichkeit zu schöpfen versucht. Sie überschreitet in dieser Rolle immer wieder Grenzen – innere und äußere – und wächst auf vielen Ebenen weit über das hinaus, was ein “normales” Mädchen am Übergang zwischen Kindheit und Jugend zu leisten im Stande ist.

Duchess Geschichte ist verwoben mit einem Umfeld, in dem ein Jahrzehnte zurückliegendes tragisches Ereignis bleibende Spuren in der Biografie einiger Personen hinterlassen hat. An den Folgen einer frühen Verfehlung (mit Todesfolge) arbeiten sich insbesondere der Täter und ein mit ihm eng befreundeter Polizist ab, die beide wiederum eine enge Verbindung zu Duchess Mutter haben. Zu den weiteren dramatischen Zuspitzungen in der Gegenwart gehört, dass Duchess mit ihrem Bruder den Haushalt der Mutter verlassen muss. Ein weiteres Verbrechen will aufgeklärt werden…
Da die Dynamik dieses Romans auch von den Verwicklungen und unerwarteten Wendungen lebt, soll hier nicht mehr verraten werden.

Es gibt ein paar Stellen, an denen man stutzt. Gelegentlich scheinen die Kräfte dieses Mädchens ein wenig zu übermenschlich gezeichnet zu sein; auch wirkt die Logik der Ausgangssituation (ein Jugendlicher verursacht einen Todesfall und kommt lange ins Gefängnis) – zumindest für deutsche Verhältnisse – eher fremd.
Aber das sind Kleinigkeiten – wenn man einmal entschieden hat, der Geschichte zu folgen.

Man bekommt eine Menge geboten, in diesem Buch: Eine kunstvoll konstruierte Geschichte, kriminalistische Spannungsbogen (mit Thriller-Anteilen), psychologisch-feinfühlig ausgearbeitete Figuren mit hohem Identifikationspotential, jede Menge emotionale Anrührungen und eine prachtvoll-bildhafte Sprache – mit einzelnen Formulierungen, die einen zum staunenden Innehalten zwingen.
Für mich ist das gleichzeitig lesbare Unterhaltung und echte Qualitäts-Literatur.

Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die sich durch tiefe menschliche Emotionen und tragische Verstrickungen berühren lassen wollen! Dieses Buch braucht zum Aufbau von Intensität keine Helden, keine drastischen Schilderungen von Gewalt oder Sex. Die Intensität entsteht im Nachfühlen der Figuren, die allesamt fehlbar und brüchig sind.

“Der Fall des Präsidenten” von Marc ELSBERG

Bewertung: 3 von 5.

Aus einem zeitgeschichtlich relevanten Thema einen Spannungs-Roman zu machen, ist erstmal eine tolle Idee. Genau das passiert zur Zeit am laufenden (Regal-)Meter beim Mega-Thema Klima/Nachhaltigkeit.
Im aktuellen Buch von ELSBERG geht es um einen anderen, sehr kontrovers diskutierten Fragenkomplex: Welche persönliche Schuld laden Oberbefehlshaber auf sich, wenn es unter ihrem Befehl bei Kampfeinsätzen zu Kriegsverbrechen kommt? Unter welchen Bedingungen kann bzw. soll der Internationale Gerichtshof in Den Haag solche Vergehen behandeln können?

Um die Sache noch ein bisschen verstrickter zu machen, hat sich der Autor folgende konkrete Ausgangslage ausgesponnen: Obwohl die USA die Zuständigkeit dieses Gerichtes für seine Bürger nicht akzeptiert, hat sich eine engagierte Gruppe von Mitarbeitern das Ziel gesetzt, den Ex-Präsidenten anzuklagen. Um seiner habhaft zu werden, nutzen sie die Kooperationsbereitschaft einer griechischen Ministerin und erreichen eine vorläufige Festnahme.
Der Roman stellt die sich daraus ergebenden Verwicklungen im Stile eines Gerichts-Thrillers dar – wobei der Hauptteil des Geschehens außerhalb des (griechischen) Gerichtssaals stattfindet.
Wie man sich unschwer vorstellen kann, unternehmen die USA alles Erdenkliche, um die Freilassung ihres Ex-Regierungschef zu erreichen. So entsteht eine klassische zwei Fronten-Konstellation, in der David (insbesondere eine engagierte Anwältin und ihr Mini-Team) gegen Goliath (den gesamten amerikanischen Staatsapparat) kämpft.
(Dass es noch eine dritte Front gibt, lasse ich mal beiseite).

Was so oft in solchen Plots passiert, geschieht auch bei ELSBERG: Wo es am Beginn noch um einen differenzierten Einblick in die Feinheiten des Völkerrechts und um die (sehr emotionalisierte) Darstellung der Folgen z.B. des Drohnenkriegs für die Zivilbevölkerung geht, findet später eine immer abstruserer Schlagabtausch zwischen “gut” und “böse” statt. Der Wettlauf gegen die Zeit kulminiert letztlich (Überraschung!) in einem klischeehaften Showdown, in dem einem die zahlreichen Drohnen nur so um die Ohren sausen.

Okay: Wer einfach spannende Unterhaltung sucht und die dafür üblicherweise eingesetzte Action-Elemente nicht scheut, der macht mit diesem ELSBERG-Werk sicher nichts falsch. Nebenher gibt es doch eine recht gründliche Aufklärung über die Grundlagen und Mechanismen der internationalen Gerichtsbarkeit im Bereich Kriegsverbrechen.
Wenn man nach dem themenorientierten Einstieg jedoch etwas anders erwartet als die die üblichen Zutaten aus dem Spannungssortiment, dann enttäuscht dieser Roman letztlich doch.
Fairerweise muss man allerdings sagen: Es steht “Thriller” drauf – und man bekommt einen Thriller.

“Billy Summers” von Stephen KING

Bewertung: 4 von 5.

KING gibt es (meist) mit oder (manchmal) ohne Horror bzw. Mystik. Billy kommt ohne aus – für mich eine Wohltat!

Es ist ein vielschichtiges Buch: ein Krimi, ein Entwicklungsroman, ein zeitgeschichtlicher Kriegsroman, eine (fast philosophische) Auseinandersetzung um “gut” und “böse”, eine Geschichte über Freundschaft und (sexfreie) Liebe und – nicht zuletzt – eine Reflexion über das Schreiben selbst.

Die Widersprüchlichkeit des Konzepts des “Bösen” wird von Beginn an in der Hauptfigur (Billy) geradezu zelebriert: Ein Auftragskiller, der nur “schlechte” Menschen umbringt. Es ist sein Beruf, auf den er technisch und emotional durch eigene Kriegserfahrungen im Irak vorbereitet wurde.
Der Plot dieses Buches ist der berühmte “letzte Auftrag” (“das große Ding”), der ja bekannterweise – zumindest literarisch bzw. filmisch – immer ganz anders verläuft…

Die Komplexität (und damit auch die literarische Qualität) dieses Buches entsteht u.a. darin, dass
– der Protagonist seine Cover-Story (ein Schriftsteller zu sein) in die Tat umsetzt,
– sich durch das Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte ein “Buch im Buch” entfaltet,
– die zweite Hauptfigur (eine zufällig in die Handlung gerutschte junge Frau) innerhalb der Geschichte eine Art Selbstentfaltung erlebt.

Innerhalb der Story findet permanent ein “Tanz um das Böse” statt. Natürlich schafft es KING mühelos, dass wir uns alle mit dem Killer identifizieren. Interessanter Weise bleibt die Figur selbst stärker in der Ambivalenz verhaftet als die Leserschaft.
Aber KING gibt das Konzept des “Bösen” deshalb nicht ganz auf – es lauert in den Kontrahenten und in den “Zielpersonen”.
Der Autor spielt mit dem Prinzip der Selbstjustiz und stellt (indirekt) die Frage, ob das Böse nicht auch aktiv “ausgemerzt” werden darf. Man spürt sowohl Sympathien für diesen Gedanken, als auch Zweifel bzgl. der moralischen Schuld, die man als (bezahlter) “Rächer” auf sich lädt.
Als Leser/in bekommt man Raum für eigene Abwägungen – toll gemacht.

Mal wieder gibt der große Erzähler einen Einblick in die Quelle seiner – scheinbar nie endenden – Leidenschaft, Welten und Geschichten entstehen zu lassen und ihnen eine selbstbestimmte Richtung zu geben. Das abschließende Spiel mit mehreren Erzähloptionen bringt die Sache auf den Punkt.

KING schafft es, aus dem Roman über einen Berufskiller ein menschenfreundliches, stellenweise sehr empathisches Buch zu machen. Das alleine ist schon eine literarische Leistung. KING unterhält auf einem brillanten Level, weil es es so gut versteht, einer Geschichte einen inneren Drive zu verpassen.
Natürlich geht es nicht ganz ohne Gewalt – aber die Details fallen glücklicherweise weniger opulent aus als in anderen Büchern.

Am Ende bleibt vielleicht die unbeantwortete Frage, ob solche (biografischen) Gründe, die Billys böse Seite hervorgebracht haben, nicht auch für die anderen Bösewichte ins Feld geführt werden könnten. Oder anders formuliert: Gibt es wirklich “das Böse an sich” oder eben doch nur viele prägende Einzelfaktoren, die die Persönlichkeit und das Handeln von Menschen determinieren.
KING gibt diese Antwort nicht vor – aber er hat einen intelligenten, einen großen Roman geschrieben, der zum Nachdenken darüber anregt.

Wenn das keine “echte” Literatur ist…

Niemand, der gerne mal ein Buch hört, sollte darauf verzichten, sich diesen Roman von David Nathan vorlesen zu lassen. Es ist ein einziger Genuss!

“Der Algorithmus der Menschlichkeit” von Vera Buck

Bewertung: 4 von 5.

Eine tolle Idee: Ein Blick auf die Absurditäten des menschlichen Daseins aus der Perspektive einer “Liebesroboterin”, eines bewusstseinsfähigen KI-Systems in einem menschengleichen weiblichen Körper. Ihr “Leben” fristet die Protagonistin anfangs in einem Berliner Erotik-Nachtclub. Ihren “Kolleginnen”, die in erster Linie ihre Körperformen und -öffnungen zu Markte tragen, ist unsere Mari dank ihrer überlegenen Intelligenz und sozialen Flexibilität weit überlegen. Ganz offensichtlich wäre sie auch für ganz andere (und noch weit komplexere) Einsatzgebiete geeignet. Aber darüber hat sie nicht zu entscheiden: sie ist schließlich legales Eigentum der Clubbesitzerin.

Bevor es zu einem nachvollziehbaren Handlungsverlauf kommt, wirft die Autorin ihre Leser/innen zunächst mal in eine verwirrendende und irgendwie abgedrehte Situation (die erst im Nachhinein verständlich wird). Man lernt Mari und einige andere Hauptfiguren kurz kennen und bekommt das Gefühl, in einer Art Aufnahmetest zu sein: “Bin ich dem chaotischen Stil dieses Buches wirklich gewachsen?”
Entscheidet man sich für das Weiterlesen, hat man das Schlimmste schon überstanden. Es wird zwar nicht weniger absurd, aber man kann dem Plot folgen.

Wie schon deutlich wurde: Als Zugang zum Trend-Thema “Beziehung zwischen Mensch und Künstlichen Intelligenzen” wird von BUCK die ironisch-humoristische Zuspitzung gewählt. Die Autorin will aufklärerisch unterhalten. Ihre schriftstellerische Kunst liegt schwerpunktmäßig darin, möglichst viele kreative Anspielungen aus der modernen Alltags- und Technikwelt in eine schon an sich absurde Geschichte zu packen. Die so entstehenden Verrücktheiten sollen den realen Fehlentwicklungen einen Spiegel vorhalten – der zwar ein wenig verzerrt ist, aber doch genug Klarheit und Erkenntnisgewinn beinhaltet.
BUCKs Buch ist letztlich ein Plädoyer für das Menschliche, das Unvollkommene und oft auch Irrationale – also für das, das sich offensichtlich einer Algorithmierung entzieht.

Man braucht eine gewisse – im Laufe des Buches zunehmende – Toleranz gegenüber skurrilen Figuren und Situationen. Sollte diese Quelle irgendwann versiegen, dann könnten einzelne Passagen durchaus auch als albern oder klamaukig empfunden werden.
Es erscheint doch nicht ganz einfach zu sein, das anfangs bestechende Niveau an brillanten Einzelbeobachtungen und entlarvenden Formulierungen flächendeckend zu halten.
Ein bisschen enttäuscht ist man vielleicht auch, wenn dieser vor Ideen strotzender Roman irgendwann beim seit Generationen überstrapazierten “Kleinen Prinzen” landet. Das musste vielleicht nicht sein…

Obwohl sicherlich nicht jede/r die abschließenden 30 Thesen/Regeln für ein “besseres” Leben widerspruchsfrei akzeptieren wird (sie stammen schließlich aus den elektronischen Eingeweiden von Mari), so kommt die gut gemeinte und menschenfreundliche Botschaft doch an. Dass das Ganze nicht völlig klischeefrei abläuft, sei verziehen.

Für Freunde/Freundinnen eines schrägen Humors, die der KI eher kritisch gegenüberstehen, ist das Buch von BUCK eine echte Empfehlung.

(Im Laufe des Buches geht übrigens die Anfangsthematik, die Frage nach der ethischen Einordnung von lebensechten Sex-Gespielinnen (möglicherwiese sogar in Kindergestalt) verloren. Eigentlich ein wenig schade…)

“Tanz um die Wahrheit” von Bert WAGENDORP

Bewertung: 4 von 5.

Der niederländische Kolumnist WAGENDORP macht das, was viele Romanautoren seit jeher tun: Er widmet sich seinem eigenen Erfahrungs- und Berufsfeld, hier dem Journalismus in der klassischen Ausprägung, also den Printmedien.

Der Autor legt eine recht individuelle Mischung vor: Erzählt wird (aus einer externen, auktorialen Perspektive) eine ereignisreiche Phase aus dem Leben eines erfolgreichen Kolumnisten, der nach einigen Wendungen auch zum Chefredakteur aufsteigt. Umgeben ist er von einigen zentralen Figuren: seiner Schwester, die zur Beraterin des Regierungschefs wird; den männlichen Vertretern einer Verleger-Dynastie, einer bekannten älteren Star-Journalistin und einem Neffen, der sich zu einem leidenschaftlichen Uhrmacher entwickelt

Das zentrale Thema des Romans ist die das Spannungsfeld zwischen verantwortungsbewussten Journalismus und der Verpflichtung zur “absoluten Wahrheit”. Oder, anders gesagt: Welche Kompromisse sind erlaubt (oder vielleicht sogar notwendig), um höhere Werte, den gesellschaftlichen Frieden, andere Menschen, die eigen Karriere oder die wirtschaftlichen Interessen der eigenen Zeitung zu schützen?
Diese Grundsatzfrage wird durch den Protagonisten in zwei Beispiele konkretisiert durchlebt und in ihren Widersprüchen und Ambivalenzen nachvollziehbar gemacht.
Auch das Zusammenspiel von Politik und Journalismus wird thematisiert – anschaulich gemacht durch die verwandtschaftlich vermittelte Nähe zum Ministerpräsidenten.
Eingebettet sind diese beruflichen Konflikte und Abwägungen in die private Welt der Hauptfigur; dabei wird weder ein strahlender Held noch ein frustrierter Versager angeboten, sondern ein echter Mensch mit seinen Brüchen und Zweifeln.

Die Handlung ist nicht auf Spannung getrimmt. Es geht um Prozesse und Beziehungen. Immer wieder spielen dabei innere Monologe und Selbstreflexionen eine Rolle, die vom Erzähler (kursiv gedruckt) beigesteuert werden. So wird dafür gesorgt, dass der/die Leser/in auf die entscheidenden Aspekte und Fragen gelenkt wird. Der Text bekommt damit eine zusätzliche Ebene, die über das Erzählen und die Dialoge hinausgeht.

Insgesamt handelt es sich um einen lesenswerten und unterhaltsamen Roman – soweit man dem Grundthema eine Bedeutung beimisst und für einen belletristischen Zugang zu gesellschaftlichen Fragestellungen offen ist.
Dass die Frage nach der Verpflichtung zur “kompromisslosen” Aufdeckung der Wahrheit durch diesen Roman beantwortet werden könnte, wird wohl niemand ernsthaft erwarten. Aber sie auf eine literarische Art zu stellen, ist ein verdienstvoller Beitrag von WAGENDORP.

“Mensch, Erde!” von Dr. Eckart von HIRSCHHAUSEN

Bewertung: 5 von 5.

Wer sollte im Jahre 2021 eine/n Leser/in noch mit einem Klima-/Umwelt-/Nachhaltigkeitsbuch locken können? Alle Informationen sind bekannt, alle Appelle wurden gehört (und meist überhört), alle einschlägigen Autoren haben bereits (mindestens) ein schriftliches Statement abgegeben. Was soll jetzt noch kommen – außer mehr desselben?
Die Antwort gibt HIRSCHHAUSEN mit seinem Buch “Mensch, Erde!”

Die Mischung macht’s!
HIRSCHHAUSEN schreibt sehr persönlich, er informiert glasklar und gut aufbereitet, er spricht gekonnt die Emotionen an und er unterhält mit einem allgemeinverständlichen Humor. Der Autor ist mit diesen Zutaten inzwischen sein eigenes Markenzeichen geworden.
HIRSCHHAUSEN schafft eine Art “Quadratur des Kreises”: Als prominenter, mainstream-tauglicher TV-Onkel-Doktor zeigt er eine bewundernswerte Eindeutigkeit in seinen Wertungen und in seinem Engagement. Er wirkt dabei für eine große Zielgruppe in einem hohen Ausmaß glaubwürdig, weil man ihm einfach keine ideologische Motive unterstellen kann. Hier schreibt jemand, der seine Überzeugung nicht aus einem Parteiprogramm ableitet, sondern der als neugieriger Human-Wissenschaftler neueste Forschungsergebnisse mit einem menschenfreundlichen “gesunden Menschenverstand” verbindet.
Kurz gesagt: Dieser Autor und dieses Buch sind ein Glücksfall für die Nachhaltigkeits-Bewegung!

Der Aufbau des Buches macht das Lesen zu einem unterhaltsamen Vergnügen. Es wechseln sich ab: persönliche Erfahrungen und Anekdoten, Begegnungen und Interviews mit Wissenschaftlern, Fakten-Darstellung mit anschaulichen Info-Grafiken, Zitate und Liedtexte, knackige Argumentations-Thesen und emotionale Apelle an Vernunft und Verantwortung. So entsteht ein Kaleidoskop an Informationen, Anstößen und Anregungen, dem man sich kaum entziehen kann.
Damit die Stimmung nicht ins Negative bzw. ins Resignative kippt, spart HIRSCHHAUSEN nicht mit Humor und Optimismus. Locker-flockige Sprüche und positive Beispiele für gelungene Projekte verhindern so, dass sich griesgrämiger Fatalismus breit macht.
Der Autor kämpft nicht für eine Welt voller Verzicht und Einschränkungen, sondern für eine lebenswertere Zukunft – er ist alles andere als ein Genuss-Verächter.

Dieses Buch hat das Zeug, wirklich eine breite Mehrheit von gutwilligen Menschen zu erreichen und mitzunehmen – wenigstens ein kleines Stück.
Wem die hier unterhaltsam und einprägsam dargestellten Ziele am Herzen liegen, der sollte dieses Buch nicht nur lesen und weitergeben, sondern es auch möglichst vielen Menschen bei nächster Gelegenheit schenken.
Es ist die ideale Lektüre für all diejenigen, die zwar eine gewisse Besorgnis hinsichtlich Klima und Umwelt spüren, aber vielleicht gegenüber üblichen Sachbüchern eine innere Schwelle in sich tragen. Das Buch bietet aber auch denjenigen, die andere (Zweifler und Skeptiker) überzeugen wollen, eine Fülle von Material und Argumenten.

“Jaffa Road” von Daniel SPECK

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Nahost-Konflikt begleitet die Menschheit inzwischen seit drei Generationen. Was unter der britischen Besatzung Ende der 40-ger Jahre begann, wird auch heute noch auf die jeweils neuen Weltpolitiker als ungelöstes Problem vererbt.
Daniel SPECK widmet dieses Buch dieser spannungsgeladenen Region, die heute überwiegend israelisches Staats- bzw. Einflussgebiet ist. Sein Medium ist ein Familienroman, in dem der Protagonist – ursprünglich ein deutscher Soldat – auf beiden Seiten lebte und liebte. Seine drei Liebesbeziehungen (und damit verbundenen familiären Netze) öffnen dem/der Leser/in die Innenperspektive einer jüdischen und einer palästinensischen Weltsicht. Hier geht es nicht um Parolen und Ideologie, sondern in erster Linie um Emotionen, um Alltagsleben und gewonnene bzw. verlorene Heimat.

Das komplexe Geflecht des um die Biografie des Deutschen geflochtene sozialen Netzes bildete schon im Vorläufer-Roman (“Picola Sicilia”) die Basis für die komplexen zeitgeschichtlichen und persönlichen Ereignisse. Der geografische Schwerpunkt hat sich in diesem zweiten Roman von Tunis nach Israel bzw. Palästina verschoben. Die Geschichte ist unabhängig von dem ersten Text verständlich: SPECK lässt alle für das Verständnis der Zusammenhänge notwendigen Informationen in gut dosierter Form einfließen.
(Dass dies gut gelungen ist, kann ich insbesondere deshalb beurteilen, weil ich den zweiten Band, also Jaffa Road, zuerst gelesen habe).
Die Verbindung zur Gegenwart wird durch eine zweite Zeitebene vollzogen: In einer Rahmenhandlung sind zwei Frauen (eine Tochter und eine Enkelin aus zwei verschiedenen Familienzweigen) damit befasst, die Hintergründe des Ablebens ihres Vaters bzw. Großvaters zu erkunden.

Den meisten historischen Familien-Romanen ist anzumerken, ob sie eher zeitgeschichtliches Wissen mit dem Medium der Personalisierung vermitteln wollen, oder ob der historische Hintergrund nur als (letztlich austauschbare) Kulisse für eine Saga dient.
Bei SPECK ist eine solche Zuschreibung kaum möglich, da er sich beiden Seiten mit der gleichen Akribie widmet. Die persönlichen Schicksale, die Leidenswege und Verluste – ebenso wie die (kurzen) glücklichen Phasen – sind untrennbar mit den Folgen des zweiten Weltkrieges für den Nahen Osten verbunden. Zeitgeschichte definiert und determiniert die menschlichen und beziehungsmäßigen Prozesse – und gleichzeitig treffen Menschen in all ihrer Individualität persönliche Entscheidungen, die ebenso schicksalhaft sind.

Dem Autor gelingt es in beeindruckender Weise, sowohl die palästinensische als auch die jüdische (israelische) Perspektive des scheinbar unlösbaren Konflikts nachfühlbar zu machen. SPECK ist ganz nahe an den Menschen; seine Figuren leben nicht nur in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort, sondern die Umstände durchdringen den Kern ihres Daseins, ihr Hoffen, Bangen und Leiden.

SPECK beschreibt nicht nur die großen Gefühle – Liebe, Hoffnung, Entwurzelung, Verzweiflung – sein Schreiben selbst ist voller intensiver Emotionalität. Er hat ganz offensichtlich keine Angst davor, dass einzelne Formulierungen als zu “aufgeladen”, “zu pathetisch” empfunden werden könnten.
Wenn man bereit ist, sich von der Geschichte (im doppelten Sinne des Wortes) einfangen zu lassen, dann erlebt man diese sprachliche Dichte und Intensität als absolut stimmig und als eine besondere Qualität dieses Romans.

Ein tolles Leseerlebnis! Es war geradezu unvermeidlich, sofort den Vorgängerband nachzulegen. Nicht, weil es zum Verständnis notwendig gewesen wäre, sondern weil man von diesem Erzähler und dieser Erzählung einfach nicht genug kriegen kann.

“Schnelles Denken, langsames Denken” von Daniel KAHNEMANN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch aus dem Jahre 2012 hat inzwischen einige Berühmtheit erworben; es wird sowohl im Bereiche der Psychologie als auch in der Wirtschaftswissenschaft zu den Standardwerken gezählt und ist sicherlich in hunderten anderer Publikationen zitiert worden. Weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, wollte ich es schließlich doch einmal im (deutschen) Original lesen.
Es war eine gemischte Erfahrung…

Fangen wir mal mit dem Stil an: In bester amerikanischer Lehrbuch-Tradition (KAHNAMANN stammt ursprünglich aus Israel) schreibt der Autor in einer eindringlicher und redundanten Klarheit, der man sich kaum entziehen kann. Wenn er von den (zahlreichen) Experimenten berichtet, kann man sicher sein, dass die Schilderungen von Erläuterungen eingerahmt werden, die den roten Faden nie aus dem Auge lassen.
Doch seine Didaktik geht darüber deutlich hinaus: Wo immer möglich lädt der Autor seine Leser/innen zum aktiven Mitmachen ein: Er stellt ihnen genau die typische Wahrnehmung- und Entscheidungsfragen, die zur Entwicklung seiner Erkenntnisse geführt haben. So kann man sich selbst dabei “erwischen”, wie schnell bestimmte Verzerrungen oder Fehlschlüsse entstehen. Das ist extrem motivierend und lehrreich.

Inhaltlich teilt sich dieses “populärwissenschaftliche Fachbuch” (so würde ich es nennen) in zwei Teile auf, die bei mir einen total unterschiedlichen Eindruck hinterlassen haben.

Die erste Hälfte des Buches hat eine stark psychologische Orientierung. Hier geht es um grundlegende Prozesse bei der Wahrnehmung, bei der Erfassung von (z.B. sozialen) Problemstellungen und bei der Entwicklung von Lösungen. Im Zentrum steht dabei die (titelgebende) Unterscheidung von zwei Denksystemen, deren Funktionsweisen und Auswirkungen sich dann durch das ganze Buch ziehen.
Grob gesagt, gibt es ein schnelles und automatisiertes Wahrnehmung- und Urteilssystem, das Routinesituationen sparsam und lautlos im Hintergrund bewältigt (“schnelles Denken”) – und ein eine zweite Ebene, in der wir bewusst unsere Aufmerksamkeit zentrieren, abwägen und stärker der Logik verpflichtet sind (“langsames Denken”). Beide Systeme sind hochwirksam, haben aber auch ihre Schwächen: Das System I ist anfällig für (unbewusste) Fehlerquellen bzw. Verzerrungstendenzen und hat Schwierigkeiten, statistische Zusammenhänge zu beurteilen, das System II ist zwar gründlicher und kritischer, benötigt aber sehr viel Ressourcen (Energie) und wäre in vielen akut bedrohlichen Situationen zu langsam.
KAHNEMANN untersucht die Charakteristika dieser beiden Reaktionssysteme und ihr Zusammenspiel in aller Gründlichkeit und deckt dabei zahlreiche “Fallen” auf, die typischerweise unsere Schlussfolgerungen und Bewertungen beeinflussen. So bestimmt z.B. die Reihenfolge von Eigenschaftsbegriffen die Gesamtbewertung einer Person; wir beachten oft unwichtige Details deshalb viel zu stark, weil sie unser Bedürfnis nach einer stimmigen “Geschichte” erfüllen; je nach der Gestaltung einer vorhergehenden Situation kommen wir zu deutlich anderen Urteilen (natürlich, ohne dass uns der Zusammenhang bewusst ist).
Das alles ist spannend und unterhaltsam – und könnte eigentlich immer so weiter gehen…

Dann kommt der zweite Teil: Hier meldet sich Wirtschaftswissenschaftler zu Wort und wendet sich Entscheidungsprozessen zu, in denen in der Regel darum geht, zwischen zwei alternativen Konstellationen zu wählen. Das Ziel dabei ist eine Optimierung des materiellen (finanziellen) Gewinns.
Ziel dieser ganzen (jahrzehntelangen) Forschung ist der Nachweis, dass der Mensch – entgegen der Traditionellen Wirtschaftslehre – kein “Homo Oekonomicus” ist, also keine streng rationalen wirtschaftlichen Entscheidungen trifft. Auch hier schlagen systematische Fehler (z.B. bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten) zu.
Ich bitte diesen Ausbruch von ungefilterten Subjektivität zu entschuldigen: Ich fand diese ganze Thematik unendlich langweilig! Man muss schon ein sehr “wirtschaftsnaher” Mensch sein, um diese immer wieder ähnlichen Fragestellungen (“Welche Kombination von Wahrscheinlichkeit und Gewinnhöhe ist lohnender?”) irgendwie attraktiv zu finden.

Zusammenfassend bleibt aus meiner Sicht festzuhalten, dass sich nur die erste Hälfte des Buches zu lesen lohnt – es sei denn, man studiert gerade Wirtschaftswissenschaften.
Vermutlich bleibt es aber ein bleibendes Verdienst von KAHNEMANN und seinen (männlichen und weiblichen) Mitarbeitern, die Psychologie in die Wirtschaftslehre eingebracht zu haben. Dass er darauf stolz ist, lässt sich kaum übersehen…

Mit dem aktuellen Buch “Noise” hat der Autor die Untersuchung von Entscheidungsfehlern (vor allen Dingen in Institutionen) weiter systematisiert.