
Um diesem Buch, dem “Alterswerk” eines international bekannten Psychotherapeuten und Schriftsteller, gerecht zu werden könnte man eigentlich zwei ganz verschiedene Rezensionen schreiben. Ich versuche es mal mit zwei unterschiedlichen Perspektiven innerhalb einer Besprechung.
Setzen wir mal die Informationsbasis an einen (gemeinsamen) Anfang:
Irving D. YALOM hat jahrzehntelang mit großem Erfolg und begleitet durch viel öffentliche Anerkennung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie gearbeitet. Einen besonderen fachlichen Namen hat er sich durch die Ausarbeitung der sog. “Existenziellen Psychotherapie” und im Bereich Gruppentherapie erworben. Er hatte als Dozent, Ausbilder und Fachbuchautor prägende Einflüsse auf für eine ganze Psychotherapeuten-Generation.
Zu seinem öffentlichen Bekanntheitsgrad, in der er fast so etwas wie einen “Guru-Status” zugeschrieben bekam bzw. bekommt, trugen vor allem seine weltweit erfolgreichen, stark literarisch orientierten “Sach-Romane” bei, in denen er Aspekte aus Psychologie bzw. Philosophie und eigene therapeutische Erfahrungen zu einem für ein breites Publikum attraktives Gesamtkunstwerk verwob.
Ein Dokumentarfilm über sein Leben und eigene biografisch orientierte Publikationen (zuletzt “Unzertrennlich“) trugen dazu bei, dass auch die Person YALOM im Blickpunkt blieb.
In dem hier besprochenen Buch schildert der Autor die letzte Phase seines psychotherapeutischen Schaffens: Angesichts seines nachlassenden Erinnerungsvermögens hatte YALOM sich entschlossen, nur noch einmalige (und einstündige) “Konsultationen” anzubieten. Da die meisten dieser Gespräche während der Corona-Pandemie stattfanden, handelt sich (fast ausnahmslos) um Video-Sitzungen.
Die Gliederung des Buches ergibt sich aus den 14 “Fallgeschichten”, in denen der Autor zwischen konkreten Verlaufsschilderungen, der Darstellung seiner begleitenden Gedanken bzw. Gefühle und der fachlich-theoretischen Einordnung seines therapeutischen Ansatzes wechselt. Auch seine persönliche Lebenssituation, die stark durch die Auswirkungen des Todes seiner Frau geprägt wird, ist immer wieder Thema.
Strukturell betrachtet handelt es sich am ehesten um Erst- bzw. Klärungsgespräche, in denen der Anlass zur Kontaktaufnahme, die Motivation bzw. Zielsetzung der “Patienten” und eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen (durchweg in Richtung “längerfristige Psychotherapie”) zum Thema werden. In den meisten Fällen erfährt die Leserschaft auch etwas über die unmittelbaren Reaktionen auf den Konsultationstermin (meist in Form eines kurzen Email-Austausches).
Methodisch konzentriert sich YALOM auf den Aufbau einer möglichst “intimen” therapeutischen Beziehung, innerhalb derer die Gesprächspartner ihre Blockaden und Vermeidungsstrategien überwinden und zu ihren “eigentlichen” (meist existenziellen) Problemstellungen finden. Um den Prozess zu beschleunigen bietet YALOM an, sich selbst auf eine sehr private bzw. persönliche Art einzubringen: Er lädt die Patienten ein, ihm entsprechende Fragen zu stellen. Der Ankerpunkt für de Gesprächsführung ist immer wieder die Fokussierung auf das unmittelbare Geschehen und Empfinden im “Hier und Jetzt”.
Die positive Perspektive:
Dem Autor gelingt es auch in diesem Buch (es ist wohl das 26.), seinen besonderen Zugang zur Psychotherapie auf eine lebendige und menschlich-sympathische Art zu vermitteln. Obwohl er altersbedingt seinen gewohnten (langfristig ausgerichteten) Therapieansatz aufgibt und unter den Einschränkungen seiner Gedächtnisfunktionen sichtbar leidet, treibt ihn weiter seine Mission an: deutlich zu machen, dass es in der psychotherapeutischen Arbeit in erster Linie um eine vertrauensvolle bzw. authentische Beziehung und (meist) um existentielle Grundfragen geht.
Die treue Leserschaft, die den Autor schon länger (teilweise seit Jahrzehnten) voller Bewunderung begleitet, wird sich sicher gerne anrühren lassen von den “weisen” (gelegentlich auch mit Selbstironie angereicherten) Reflexionen einer in Ehren gealterten “Grauen Eminenz” seines Faches.
Die kritische Perspektive:
Eine Bemerkung vorweg: Nicht in der gesamten Fachöffentlichkeit genießt YALOM einen so herausgehobenen Status, wie sich das in seiner öffentlichen Fangemeinde abbildet. Seine Beträge zur Entwicklung der Psychotherapie als wissenschaftlich begründete Disziplin sind aus akademischer Perspektive nicht unbedingt spektakulär.
So wirkt es z.B. auch in dem aktuellen Buch ein wenig übertrieben und selbstverliebt, wie sehr sich der Autor die Erkenntnis “die Beziehung heilt” auf die eigenen Fahnen schreibt.
Interessanterweise nennt YALOM an keiner Stelle die Überschneidung mit dem gesprächstherapeutischen Ansatz von ROGERS (obwohl er fast identische Begrifflichkeiten benutzt).
Schaut man sich die dargestellten “Konsultationen” genauer an, findet man eine Mischung zwischen (ganz normaler) fachlicher Abklärung der Ausgangslage und einer intensiven, aber doch sehr begrenzten Gesprächssituation, die in eine “echte” Therapieempfehlung mündet. Diese sollte – nach der Überzeugung des Autors – natürlich immer “langfristig” sein; kürzeren und eher methodisch ausgerichteten Therapieformen steht er sehr skeptisch gegenüber.
Wäre es nicht der berühmte – und so offensichtlich mit seinen kognitiven Grenzen kämpfende – Guru, würde man von den beschriebenen Abläufen nicht unbedingt große “Wunder” erwarten.
Blickt man auf die Leidenschaft, mit der YALOM sein “persönliches Einbringen” in den therapeutischen Prozess beschreibt, könnte sich die (ketzerische) Frage stellen, wem dieses Vorgehen wohl am meisten nützt. Ganz offensichtlich ist dieser sehr alte Mann einfach auch sehr mit sich beschäftigt: mit der Trauer um seine Frau, mit den verbleibenden Lebensperspektiven, mit dem anstehenden Verlust seines Identitätskerns als “ewiger Therapeut”. Er genießt es ganz unzweifelhaft, sich selbst immer wieder zum Thema zu machen.
Das ist alles verständlich, ehrenvoll und absolut menschlich. Aber rechtfertigt es, für diese (sehr netten und für beiden Seiten gewinnbringenden einstündigen Begegnungen) jeweils 400 $ einzustreichen? Und daraus noch ein letztes Buch zu machen (in dem inhaltlich ganz sicher nichts Neues steht)? Wäre es nicht am Ende einer verdienstvollen Karriere und eines erfüllenden Lebensweges auch eine letzte Aufgabe gewesen, rechtzeitig loszulassen – auch als Modell für andere?
An dieser Stelle kommt sein Sohn ins Spiel, der ja als Mit-Autor genannt wird.
Benjamin YALOM ist erst spät in die (großen) Fußstapfen seines Vaters getreten – gerade rechtzeitig und en Staffelstab zu übernehmen. In dem Schlusskapitel gibt er eine Meta-Perspektive, fasst nochmal die therapeutischen und persönlichen Essentials zusammen.
Man erfährt nicht, wieviel er dazu beitragen musste, dass dieses Buch noch in dieser Form zustande kommen konnte. Es wäre interessant zu erfahren, ob es bei ihm auch ambivalente Gefühle gegenüber diesem Projektes gab.
Und mein Resümee:
Wenn einem die Person YALOM literarisch, fachlich oder emotional etwas bedeutet, sollte man dieses Buch nicht auslassen. Es ist menschlich anrührend und so etwas wie ein Vermächtnis.
Andere potentielle Interessenten mit Vorinformationen sollten sich vielleicht fragen, ob sie wirklich “mehr desselben” möchten bzw. brauchen.
Sollte man als YALOM-Einsteiger auf dieses Buch stoßen: Warum nicht? Es könnte als eine leicht zu lesende Einführung in die Welt eines bekannten Therapeuten dienen. Natürlich sollte man nicht erwarten, dass man DIE Psychotherapie kennenlernt. Vielleicht ist man danach motiviert, einen seiner Romane zu lesen…
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