“Triffst du Buddha, töte ihn! Ein Selbstversuch” von Andreas Altmann

Ich bin sehr dankbar, dass ich manchmal Bücher empfohlen bzw. ausgeliehen bekomme, die mir selbst wohl nicht begegnet wären. Besonders freue ich mich natürlich, wenn man sich dann noch für meine Meinung interessiert. Beim “Buddha”-Buch war das der Fall. Da ich meine Meinung schon persönlich übermittelt habe, erfolgt hier nur eine Kurz-Rezension der Vollständigkeit halber.

Manchmal sagt ja die Einschätzung (“Das Buch könnte was für dich sein”) ja  – etwas aus über die Bilder, die jemand über den potentiellen Leser im Kopf hat. Bei ALTMANN betraf das den Punkt der Religionskritik: Wenn dieser Autor doch so eindeutig und leidenschaftlich die traditionellen monotheistischen Offenbarungsreligionen ablehnt – so der Gedanke – dann könnte doch Sympathie oder Solidarität für sein Gesamtkonzept entstehen…

Nun – das hat nicht geklappt. Hier kurz die Begründung:

Der alternativ-orientierte Weltenbummler und Journalist ALTMANN treibt sich gerade in Indien  herum. Auf der Suche nach irgendwie intensiven Erfahrungen. Er will sich spüren, etwas Extremes erleben. Wie offenbar schon oft in seinem rastlosen Leben und auf seinen zahlreichen Reisen, die man wohl – leicht untertrieben – als “anti-touristisch” bezeichnen kann. Es sucht das wahre Leben, er taucht ein, bis es weh tut: Auf der Suche nach Authentizität und Intensität gibt es wohl kaum etwas, was er nicht tun oder essen, wo er nicht schlafen, wen oder was er nicht an sich heranlassen würde.

In diesem Buch geht es um das Durchleben und Durchleiden eines buddhistischen Meditations-Marathons in einem abgelegenen Camp. Es geht um viele Tage mit unglaublich vielen langen Stunden, in denen nur still gesessen und geatmet wird. Jede Form von Kommunikation in der Gruppe ist verboten. Input kommt nur vom Meditations-Lehrer.
ALTMANN nimmt uns mit in seine inneren Prozesse und Kämpfe, beschreibt seine Schmerzen, seine Zweifel und sein Durchhalten. Es geht um Selbstüberwindung, um das Überschreiten von riesengroßen Stopp-Schildern – nach dem Motto: Was kommt hinter dem Schmerz, hinter dem Gefühl von endlos und zäh fließender Zeit, hinter den unaufhörlich rotierenden Gedanken, hinter der Leere?

ALTMANN mutet sich Unglaubliches zu; sein Motiv, innere Grenzen zu überwinden muss nahezu grenzenlos sein. Er will wissen, wie viel Weisheit und Selbsterkenntnis die Power-Meditation ihm bringen kann.
Dabei setzt er sich nicht nur von den – als naiv empfundenen – Glücks- und Jenseitsversprechungen der Ein-Gott-Religionen ab, sondern räumt bei dieser Gelegenheit gleich die Erleuchtungs-Ansprüche der buddhistischen Gurus mit ab. Er will und sucht keine Abwendung vom Ich und vom Alltag; er will sein Ego und seinen Intellekt nicht auflösen im Einssein mit dem Kosmos. Er will sich nicht von prallen Leben abwenden. Dafür ist ALTMANN viel zu lebensgierig. Hinter seiner Extrem-Askese lauert letztlich der Genuss-Mensch.

Mir kommt das so vor, dass hier jemand mit einer – für mich schon etwas pathologisch zwanghaft anmutenden – Konsequenz letztlich eine weitere Extremerfahrung konsumiert. Für mich ist der Autor ein Getriebener, dem schon der Gedanke an ein etwas normaleres Leben ein wohl geradezu körperlich schmerzhaftes Grauen verursacht.

Nein. Mich verbindet kaum etwas mit diesem Menschen.
Meditieren finde ich übrigens lohnend und sinnvoll. Aber es gibt sicher viele motivierendere Einladungen dazu.

“Die Macht der Affäre” von Esther Perel

Im privaten Leben lässt man sich von Büchern häufig in unbekannte Welten führen – seien es nun Lebenswelten anderer Personen oder anregende Sachthemen. Eine Ausnahme bildet dabei die Ratgeber-Literatur: Diese sucht man sich doch meist aufgrund einer persönlichen Nähe zum Thema aus, meist in der Rolle des Laien, der auf das Wissen und die Erfahrung von Experten vertraut.

Meine Ausgangslage hinsichtlich des hier besprochenen Buches ist noch einmal sehr besonders: Ich bin nicht nur Betroffener, sondern als jemand, der selbst (zusammen mit einer Co-Autorin) seit über drei Jahren zum Thema “Liebes- und Nebenbeziehungen” schreibt, auch so etwas wie ein Experte. Ich habe Hunderte von Stunden nachgedacht, gelesen, geschrieben, diskutiert, Theorien und Systematiken entworfen, Fragebogen entwickelt. In all dieser Zeit habe ich eine ganze Menge der angesprochenen Punkte auch hautnah durchlebt und durchlitten.
Was ich damit sagen will: Dies ist vielleicht die fundierstete Rezension, die ich jemals geschrieben habe – oder überhaupt schreiben könnte. Ich kenne mich tatsächlich ein wenig aus in der Materie (was natürlich nicht bedeutet, dass ich privat vor Fehlern oder Fallstricken gefeit wäre).

Diese Vorrede sollte jetzt wohl ausreicht haben, um Aufmerksamkeit für dieses Buch und meine Meinung dazu aufzubauen.

Das schlechteste an diesem Buch ist der deutsche Titel. Das Original heißt: “The State of Affairs: Rethinking Infidelity” (Also z.B. : “Der Sachstand: Untreue überdenken”). Dieses Buch mit dem reißerischen Begriff “Affäre” auszustatten, ist geradezu eine Beleidigung – oder sogar eine bewusste Täuschung.

Das beste an dem Buch ist der Rest, der Inhalt!
Es geht – zum Glück – nicht nur um Affären. Es geht um alle Formen von Untreue, von Verletzung traditioneller Grenzen von monogamen Beziehungen. Wer auch immer auf diesem Gebiet persönliche Erfahrungen haben sollte – auf welcher Seite des Geschehens auch immer – wird sich in diesem Buch wiederfinden. Nicht nur gesehen, sondern auch verstanden.

Das ist nicht von Anfang an so klar ersichtlich. So entsteht angesichts des grenzenlosen Verständnisses für die Verstörung, den Schmerz und die Trauer des/der “Betrogenen” zunächst der Eindruck, dass PEREL von einer klar strukturierten Täter/Opfer-Welt ausgeht, in der kein Platz für Zwischentöne ist. Auch bekommt man in den ersten Kapiteln des Buches sehr stark das Gefühl, dass entstandene Nebenbeziehungen überhaupt keine eigene Bedeutung haben – also ausschließlich danach beurteilt werden, was sie in der Basisbeziehung angerichtet haben und bewirken könnten.
Dieses – nicht immer gut auszuhaltende – Leseerlebnis hat damit zu tun, das die Autorin “schön der Reihe nach” vorgeht. Und dabei bekommt jede Perspektive die volle Aufmerksamkeit – so wie es auch in ihrer therapeutischen Arbeit passiert. Und dieser Aufbau und diese Differenzierung von Perspektiven ist nicht zufällig gewählt, sondern entspricht den emotionalen Prozessen und Erfordernissen bei der Bewältigung einer – bisher verheimlichten – Nebenbeziehung.

So langsam wird es deutlich: Ich bin wirklich begeistert von diesem Buch!
Es ist einfühlsam, niveauvoll, gründlich, facettenreich und fachlich fundiert. PEREL schafft es, in scheinbar unversöhnlich gegenüberstehenden Standpunkten, Erlebensweisen, Sehnsüchten und Zielen etwas gemeinsames zu sehen: die urmenschliche Suche nach Glück und Erfüllung.
Dabei ist sie nicht völlig wertfrei: Bei Gewalt, Erniedrigung, dem Ausnutzen von Abhängigkeiten und Machtmissbrauch kennt sie kein Pardon. Aber hinsichtlich der Möglichkeiten, Liebesleben auf der Basis gleichberechtigter Absprachen zu gestalten, ist sie absolut offen und frei von Vorurteilen.
Natürlich kristallisieren sich mit der Zeit einige Grundhaltungen der Autorin heraus. Sie steht erstmal auf der Seite der Ausgangsbeziehung und ihrer “Rettung” nach der Krise. Und sie ist überzeugt von der großen Bedeutung der Erotik als Basiskraft einer jeden Liebesbeziehung. Es ist ihr daher auch ein großes Anliegen, nach Veränderungsmöglichkeiten auch in langjährigen Beziehungen Ausschau zu halten.

Mir fällt es schwer, hier nicht seitenlang all die Facetten aufzuführen, die dieses Buch zu einer Schatztruhe für Betroffene und Interessierte macht. Dieses Buch hat den Charakter eines Kompendiums. Man findet letztlich alle Varianten und Konstellationen. Natürlich wird auch – so ganz nebenbei – eine historische und gesellschaftliche Einordnung von Ehe und Liebesbeziehungen geliefert.

Wo bleibt die kritische Einschätzung?
Nun – es wird vielleicht einige wundern: Am Ende ist es sogar die scheinbar grenzenlose Toleranz gegenüber allen denkbaren Überschreitungen von monogamen Grenzen, die mich befremdet hat. Zwar werden diese Grenzverletzungen jetzt gemeinsam beschlossen bzw. verwaltet und bieten so eine positive Alternative zum Klassiker des “Betruges”. Aber es wird mir dann doch etwas zu dolle. Am Ende entsteht ein wenig der Eindruck, als ob ein monogames Beziehungsglück gar nicht mehr denkbar wäre – und statt dessen jede exzentrische Verrücktheit eine Überlegung wert.
Um es positiv auszudrücken: Welch ein riesiger Bogen, der da aufgemacht wird in diesem Buch, zwischen der Verzweifelung des Opfers über eine “harmlose” Affäre und den Experimenten einer “neuen Monogamie”.

Es bleibt dabei: in der Gesamtheit für mich ein konkurrenzloses Buch!

“Der Distelfink” von Donna Tartt

Dieser 2013 erschienene Roman ist nicht einfach nur ein gutes Buch; er ist ein literarisches Ereignis! Das finde nicht nur ich, sondern auch die Juroren, die ihm den Pulitzer-Preis zuerkannt haben.
Ich habe den Roman gerade zum zweiten Mal als Hörbuch gehört und währenddessen zufällig erfahren, dass seine Verfilmung im Herbst in die Kinos kommt. Kaum vorstellbar, dass man dieser Vorlage wirklich auf der Leinwand gerecht werden kann…

Diese Geschichte, diese Sprache, diese Intensität nimmt einen nicht nur mit, sie reißt einen mit.

Aber erstmal kurz zum Inhalt: Es ist die Geschichte eines zum Mann reifenden Jungen und es ist die Geschichte eines berühmten (realen) Gemäldes. Oder, noch besser: Es ist die Geschichte der Verbindung dieser beiden Geschichten.

Bei einem Terroranschlag auf ein Museum verliert der 13-jährige Theo seine Mutter und “gewinnt” das besagte Gemälde, den Distelfinken. Beide Ereignisse prägen sein weiteres Leben in einem kaum zu übertreffenden Ausmaß.
Der Lebenslauf des Jungen wird aus der Bahn gerissen; die damit verbundenen Traumatisierungen wird er nie überwinden. Der Leser begleitet ihn in seinem kurvenreichen und zum Teil selbst-gefährdenden Weg durch eine zerbrochene Welt, der zunächst zu einer “Ersatzfamilie” im vertrauten New York, später in das halbseidene Milieu seines Vaters in Las Vegas und letztlich zurück nach New York führt. Drei zentrale Figuren begleiten ihn über die Jahre: Ein Mädchen, das auch Opfer des Anschlages war; ein gleichaltriger Freund, der auch – mutterlos – seinem haltlosen Vater ausgeliefert war und ein väterlicher Mentor, der ihn in die Welt der Antiquitäten einführt. Allein die facettenreiche und in ihrer lebensgierigen Radikalität provozierende Figur des Freundes Boris fordert einen auf eine Art heraus, dass es alleine für ein ganzes Buch reichen würde.
Der Versuch, in wenigen Sätzen anzudeuten, was alles rund um Theo, das Gemälde und die genannten Personen passiert, wäre zum Scheitern verurteilt. Da hilft nur eins: lesen!
Man kann dabei sicher sein, dass so viele menschliche bzw. existenzielle Grundfragen berührt werden, dass da niemand etwas vermissen wird.

Man könnte sich selbst dann in die Sprachkunst der Autorin verlieben, wenn es keine Story, keinen Spannungsbogen gäbe. Sie schildert Situationen, und Atmosphären mit einer Dichte, die – meiner bescheidenden Meinung nach – die Grenzen von dem markiert, was man mit Sprache überhaupt ausdrücken kann. Manchmal möchte man vor stiller Bewunderung förmlich den Hut ziehen oder ehrfürchtig  auf die Knie fallen.

Gibt es über dieses Buch noch etwas anders zu sagen als diese Schwärmereien?
Ja, gibt es. In einigen Momenten wird vielleicht die große Stärke der Autorin – so total hemmungslos eintauchen zu können in ein bestimmtes Milieu oder eine bestimmte Szenerie, sie mit allen Facetten auszumalen, dabei auch dick aufzutragen – fast zu einer kleinen Schwäche. Manchmal erschien es mir des “Guten” zu viel. Ich hätte z.B. auf den einen oder anderen Drogen-Exzess zusammen mit dem schillernden und selbstzerstörerischen Freund Boris verzichten können.
Doch das sind eher kleine Nuancen eines beeindruckenden Gesamt-Kunstwerkes.

Inzwischen gibt es dieses Buch zum Taschenbuch-Preis. Das erscheint fast ein wenig unwürdig für so ein Werk.
Zurückhaltung bei diesem Buch empfehle ich nur dann, wenn man dem Thema Kunst und Antiquitäten so gar nichts abgewinnen kann und es ganz gerne hat, wenn sich eine Geschichte zielstrebig fortentwickelt.
Bei diesem Roman ist ganz eindeutig der Weg das Ziel.

“Diese gottverdammten Träume” von Richard Russo

Es hat einige Jahre gedauert, bis dieser 2001 erschienene Roman ins Deutsche übersetzt wurde – obwohl er den angesehenen Pulitzer-Preis erhalten hat.
Mich hat er neugierig gemacht, weil ich schon immer einen gewissen Drang hatte, die amerikanische Denk- und Lebensweise zu ergründen. Und genau das sollte angeblich in diesem Werk geschehen.

Erzählt wird die Geschichte einer US-Kleinstadt in Neuengland, also an der Ostküste. Das Hintergrund-Thema ist der allmähliche wirtschaftliche Niedergang einer ehemals prosperierenden Gemeinde, der aus zwei Perspektiven persönlich in den Fokus genommen wird: Aus der Sicht der prägenden Unternehmer-Dynastie, deren Fabriken einst entscheidend für den Wohlstand der ganzen Stadt waren, und durch das Alltagsleben einer Familie, die sich in dem typischen Kleinstadt-Milieu mit ganz privaten Problemen befassen muss.

Der Handlungsverlauf – der durchaus einen gewissen Spannungsbogen aufmacht – speist sich aus den Querbezügen zwischen den beiden Familien-Systemen, die es sowohl auf privater als auch auf beruflicher Ebene gibt.

Was macht diesen Roman lesenswert (hörenswert)?
– Die ca. 10 Hauptfiguren sind differenziert und insgesamt psychologisch sehr stimmig gezeichnet. Man lernt sie wirklich gut kennen und wird Schritt für Schritt mit in ihr Leben mitgenommen. Der Autor lässt sich Zeit dafür, beschreibt Situationen und Interaktionen mit einer ausgeprägten Liebe zum Detail und zu atmosphärischen Feinheiten.
– Die Themen decken ein weites Spektrum dessen ab, was Menschen umtreibt: Konflikte zwischen den Generationen, Liebe und Trennung, Schuld und Wiedergutmachung, Geheimnisse und deren Langzeitfolgen, usw..
– In weiten Teilen des Buches geht es nicht um spektakuläre Ereignisse, sondern um den Alltag – der allerdings scharfsinnig und aufmerksam ausgeleuchtet wird.
– Durch die eher ruhige, unaufgeregte  Erzählstruktur schafft es der Roman, den Leser immer weiter eintauchen zu lassen in den beschriebenen Ausschnitt des amerikanischen Seins. Wenn man durchhält, entsteht irgendwann so ein Gefühl, wie wir alle es aus guten Büchern kennen: Man wird ein Teil des Geschehens und merkt am Ende, dass man sich fast ein wenig eingerichtet hat in dieser anderen Welt…

Was ist schwierig?
– In gewisser Weise ist das Buch eben sehr amerikanisch. Wer sich für die Alltagskultur der USA nicht interessiert, der könnte Überdruss empfinden – angesichts der wiederkehrenden Schilderungen typischer Gewohnheiten.
– Detailverliebtheit kann auch zu Längen führen. Davon ist dieser Roman sicher nicht ganz frei.
– Einige wenige Figuren sind vielleicht ein wenig zu eindimensional geraten. So kann man wirklich nur mühsam nachvollziehen, warum die Ehefrau der Hauptperson der Geschichte an diesen neuen Partner (und dann auch Ehemann) gerät – der so offensichtlich gar nichts zu bieten hat.

Und die Bilanz:
Für mich war es lohnend. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass ich so ein Buch mal eben zwischendurch “weghören” kann, ohne gleich mehrere kostbare Wochenenden oder einen halben Jahresurlaub darauf verwenden zu müssen. Wenn man im Jahr nur fünf Bücher schafft, dann würde ich nicht unbedingt diesen Roman auf die Liste setzen. Wenn man die Muße hat, sich immer mal wieder in andere Lebenszusammenhänge hineinzulesen, ist er durchaus eine Empfehlung.

“Eine bessere Welt – Die Abnormen 2” von Marcus Sakey

Eigentlich lese ich ja keine Thriller. Ich verstehe nicht so recht, warum so viele Autoren und Leser daran Interesse haben, interessante Geschichten bzw. anregend ausgestaltete Figuren immer wieder in einen Kontext von Kriminalität, Gewalt oder Horror zu stellen. Warum selbst so begnadete Erzähler wie Stephen King einfach von diesem Genre nicht lassen können.
Es ist mir übrigens genauso schleierhaft, warum ausgerechtet die TATORT-Serie seit Jahrzehnten als ein gelungenes Spiegelbild unser gesellschaftlichen Wirklichkeit betrachtet wird. Als ob es ohne einen Mord als Auftakt keine treffenden und unterhaltsamen Einblicke in unser Leben gäbe. Als ob verschiedene Teams von Sozialarbeitern oder Reportern sich nicht mindestens genauso gut dafür anböten, gesellschaftliche Trends und komplexe Persönlichkeiten bzw. deren Beziehungskisten abzubilden.

Diesmal geht es aber tatsächlich um einen Thriller. Er hat mich thematisch angesprochen und er hat mich beim Lesen so gepackt, dass ich das Nachfolgebuch gleich hinterher gelesen habe.
Wie konnte das passieren?

Zuerst zum Thema:
Es geht um den Konflikt zwischen den Normal-Menschen und einer kleinen Gruppe von „Genialen“. Seit einem bestimmten Zeitpunkt – so der Rahmen der Geschichte – werden ca. 10 % der Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten geboren. Diese „Genialen“ unterscheiden sich dann nochmal in dem Ausprägungsgrad ihrer extrem erweiterten Kompetenzen im Bereich Wahrnehmung, Intelligenz, Kreativität, Körperbeherrschung, usw..
Erzählt wird, wie sich aus ersten gesellschaftlichen Spannungen allmählich ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft wird. Wobei diese Zuspitzung nicht nur aus der Ausgangslage hervorgeht, sondern von machtgierigen Einzelpersonen befeuert wird.
Mich reizte an dieser Thematik die Nähe zu der Diskussion um Transhumanismus, also um die Erweiterung menschlicher Möglichkeiten mit Hilfe von Gen-Technologie und digitaler Mensch-Maschine-Systemen. Viele Forscher sind ja ernsthaft der Meinung, dass schon in 20 bis 30 Jahren eine Elite von genmanipulierten Super-Wesen entstehen könnte, die den „Homo Sapiens“ hinter sich lassen und eine neue Gattung bilden könnten. Über die moralischen und politischen Implikationen einer solchen Entwicklung wird schon eifrig diskutiert – nicht nur von vermeintlich durchgeknallten Silicon-Valley-Phantasten, sondern auch von ganz seriösen Philosophen.
Also erschien mir das Szenario dieses Buches vielversprechend: Ein Science-Fiction-Thriller zum Thema „Übermenschen“ – warum nicht?!.

Und die Umsetzung?
Ich muss zugeben: Da bin ich letztlich dem ganz normalen Strickmuster einer Heldengeschichte „Gut gegen Böse“ verfallen. Ja – es gibt jede Menge Klischees aus dem Standard-Baukasten der konventionellen Spannungs-Literatur (wenn man diesen Begriff wirklich benutzen will). Und es gibt auch jede Menge Gewalt: „böse“ und „gute“ Gewalt.
Alles wie immer: Man identifiziert sich mit dem Helden und seinen Liebsten; wundert sich, was einzelne Menschen alles leisten können und ist immer wieder überrascht, welche vielfältigen Komplikationen einem guten Ausgang entgegenstehen können. Und wie böse die Bösen sein können.
Kurz gesagt: Wenn man sich einmal eingelassen hat, ist es einfach spannend.
Der Autor ist ohne Zweifel ein Profi; er versteht sein Handwerk.

Für mich war das Lesen dieser beiden Bücher (das erste Buch der Trilogie habe ich ausgelassen; man bekommt den Inhalt ausführlich genug erzählt) eine gute Erfahrung. Ich habe mich drei Tage gut unterhalten gefühlt und konnte meine manchmal etwas hochnäsige Haltung gegenüber den „Thriller-Süchtigen“ mal ein wenig relativieren: Es darf tatsächlich auch mal was anderes als seriöse Belletristik oder ein Sachbuch sein.

“Der Trafikant” von Robert Seethaler

Ein kleines aber feines Stück Literatur!

Ich bekam den Trafikanten in die Hände, als ich mich Weihnachten mit Freunden über die bevorzugte Literatur der letzten Zeit austauschte. Ich hatte von dem Autor und dem Titel zuvor nichts gehört.

Die Geschichte spielt in dem von den Nazis besetzten Wien. Ein junger Mann wird aus der verarmten österreichischen Provinz zu einem Verwandten in die Hauptstadt geschickt, um dort in einem Zeitungskiosk auszuhelfen. Er lernt das zunehmend von Gewalt und Antisemitismus bestimmte Alltagsleben aus dieser speziellen Perspektive kennen. Er verliebt sich unglücklich. Und er trifft einen schon kränkelnden alten Herrn: Professor Sigmund Freud.

Aus diesen Zutaten entsteht ein leiser, unaufgeregter Roman. Eine Milieustudie, die sich ganz auf die Seite der kleinen, rechtschaffenden Leute stellt. Es sind alltägliche Mühen und bescheidene Sehnsüchte, die das Leben bestimmen. Zu den persönlichen Enttäuschungen kommt die Willkür und Brutalität der Besetzer und ihrer einheimischen Helfershelfer.  Während Freud – mit dem eine seltsam anmutende kleine Freundschaft entsteht – schließlich mit seinem Hausrat emigrieren kann, sind die Durchschnitts-Menschen, die ihre Anständigkeit bewahren wollen, dem System wehrlos ausgeliefert.

Es gibt keine großen Helden in diesem Roman, nur kleine mutige Gesten. Auch kein Sieg des Guten. Aber man erhält einen sehr authentisch wirkenden Einblick, wie sich Geschichte von unten anfühlt.

Die, die wir heute so selbstverständlich (und manchmal auch eitel und selbstverliebt) mit der Optimierung unserer Karrieren, Beziehungen und Körper beschäftig sind, werden mal für einige Stunden darauf gestoßen, wie Leben auch verlaufen könnte. Unter anderen Bedingungen. Auf die wir genauso wenig Einfluss haben würden, wie der Trafikant es hatte.

“Der Ernährungskompass” von Bas Kast

Nein, ich schließe mich nicht einer Diät-Mode oder einer Ernährungs-Ideologie an. Ich finde auch nicht, dass bewussteres Essen jetzt das wichtigste Thema überhaupt wäre.
Ich berichte nur über ein sehr lesenswertes Buch.

Der Journalist Bas Kast hat etwas getan, was ich als einen wirklich gewinnbringenden Service empfinde: Er hat sehr viele (sicher nicht alle – wie von den Werbetextern etwas großspurig behauptet) Studien ausgewertet, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Ernährung auf der einen und Gewichtsreduktion, Gesundheit und Lebenserwartung auf der anderen Seite befassen. Sein Ausgangspunkt war nicht das Bedürfnis, Argumente für eine bestimmte  – von ihm bevorzugte – Ernährungsweise zu sammeln. Kast stellt glaubhaft dar, dass ihm das Ergebnis seiner Recherchen ziemlich egal war: Er wollte nur wissen, wie denn die wissenschaftliche Faktenlage nun tatsächlich aussieht. Vor allem: Wie sich die Widersprüche zwischen den geradezu feindlichen Diät-Lagern – insbesondere zwischen den Aposteln des “möglichst wenig Fett” und des “möglichst wenig Kohlenhydrate” aufklären lassen.

Die Art, wie der Autor seine ambitionierte Aufgabe angeht, ist aus meiner Sicht außerordentlich gut gelungen. Befunde und Zusammenhänge werden unaufgeregt, sachlich und mit einem bemerkenswerten Tiefgang dargestellt und bewertet. Kast nimmt die Leser sogar mit bis in die Feinheiten des Zellstoffwechsels – ohne den roten Faden zu verlieren oder in ein Fachchinesisch zu verfallen.
Wenn man sich auf all die Informationen einlässt, bekommt man sehr viel mehr als ein paar gut begründete Ernährungs-Tipps. Man fühlt sich aufgeklärt; man hat einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Auch wenn man vielleicht nicht jede Einzelheit abspeichern wird: Es bleibt der Eindruck, hier hat jemand die Materie zu durchdringen versucht und hat einen Weg gefunden, dies nachvollziehbar zu vermitteln.
Sympathisch ist dabei, dass Kast auch mit Unsicherheiten und Widersprüchen umgehen kann. Er steht dazu, wenn nur vorläufige Aussagen möglich sind. Er macht deutlich, wenn er – bei einer unklaren Datenlage –  seine persönlichen Schlussfolgerungen zieht. Er missioniert nicht, hat aber den Mut zu klaren Empfehlungen.

Natürlich werde ich an dieser Stelle keine Zusammenfassung der Ratschläge geben; das kann man an anderer Stelle nachlesen. Es geht auch gar nicht so sehr darum, dass man so viel Neues lernt (für mich war es trotzdem eine ganze Menge). Ich habe am meisten davon profitiert, dass die Art des Umgangs mit dem Modethema Ernährung so erfrischend un-ideologisch und damit überzeugend und motivierend ist.

Auf meine persönliche Ernährungsgewohnheiten hat dieses Buch – zumindest in dem bisherigen Beobachtungszeitraum – mehr Einfluss gehabt als alles, was ich jemals zuvor gehört oder gelesen habe.
Gibt es für ein Ratgeber-Fachbuch ein größeres Kompliment?

“Winklers Traum vom Wasser” von Anthony DOERR

Was für ein Buch! Was für ein Schriftsteller!

Vor ca. zwei Jahren begeisterte mich ein Buch über das Schicksal eines blinden Mädchens unter dem Nazi-Regime. Ihr Vater hatte sie auf die anstehende Trennung von ihm dadurch vorbereitet, dass er ihr ein detailgetreues Modell des Ortes gebaut hat, in dem sie den Krieg überstehen sollte. Sie konnte sich – nach entsprechendem Training – auf dieser Basis auch alleine orientieren und so letztlich überleben.
Eine irre Idee, ein gewaltiges und extrem bewegendes Buch (“Alles Licht, das wir nicht sehen”). Der Autor: Anthony Doerr.
Damals schrieb ich noch keine Rezensionen.

Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat, mich einem anderen Werk des Autors zuzuwenden. Jedenfalls ist mir jetzt klar geworden: Ich werde alles von diesem Menschen lesen! Der Mensch ist für mich ein Genie!

Jetzt endlich zum Buch:
Der Roman über den Hydrologen (also Wasser- und Wetterwissenschaftler) David Winkler erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte seines Erwachsenen-Lebens (mit kleinen Ausflügen in die Kindheit).
Er – und so auch das Buch – kommt von dem Thema “Wasser“ nicht los. Wasser ist das verbindende Element des Buches und seiner Geschichten über etwas mehr als eine handvoll Personen, deren Leben kunstvoll miteinander verwoben werden.
Wasser in all seinen Aggregatzuständen (bevorzugt auch als Schnee), und Wasser in all seinen Funktionen: von der Quelle des Lebens in jeder Körperzelle bis zur vernichtenden Flut.

Winkler ist ein Sonderling. Er geht ungewöhnliche Wege, trifft ausgefallene Entscheidungen, die er dann mit einer befremdlichen Konsequenz verfolgt. Er lässt sich auf eine manchmal autistisch wirkende Art kompromisslos ein – manchmal bis zur Grenze der Selbstvernichtung.
Für Winkler verschwimmen (Achtung Wortspiel, es geht immer um Wasser) immer wieder mal die Grenzen zwischen Realität und Traum. Bestimmte Bilder verfolgen ihn viele Jahre, ohne dass er sicher ist, welche Welt die Quelle darstellt. Winkler macht schon früh die Erfahrung, dass seine Träume plötzlich zur schrecklichen Realität werden können. Das könnte enorme Gefahren beinhalten…

Warum sollte uns das sehr besonders verlaufende Leben dieses David Winkler interessieren?
Nun, weil es in diesem Buch nicht nur um Wasser, sondern auch um Menschen geht. Insbesondere um familiäre Beziehungen, um deren Entstehen, deren Verlust und die nie endenden Sehnsucht, wieder in sie zurückzufließen.

Winklers Leben verläuft in Extremen, überspannt fast den gesamten Globus. Er scheint zwischendurch sein Ziel aus dem Auge zu verlieren. Aber er macht nur Pause. 25 Jahre….

Sprachlich ist dieser Roman ein Leckerbissen, ein Juwel.
Man wird geradezu gezwungen, sich dem Tempo der Geschichte und ihrer Figuren anzupassen. Man kann nicht hinweghüpfen über die Situationen und Bilder. Man muss eintauchen. Man wird festgehalten, wie von einem Sog. Es geht in die Tiefe, in die Intensität.
Es schneit nicht einfach, Schneekristalle werden zu individuellen Kunstwerken deren Struktur es zu entschlüsseln und festzuhalten gilt.
Es gibt einen Handlungsfaden – aber wer dieses Buch nur liest, um zu erfahren wie es ausgeht, hat es gründlich verpasst.
Wenn es diesen Titel nicht schon seit Jahrzehnten gäbe, könnte das Buch auch “Die Entdeckung der Langsamkeit“ heißen.

Sich auf dieses Buch einzulassen, verspricht ein echtes Erlebnis. Vielleicht mit ein paar Stellen, die Ungeduld auslösen. Weil die Detailverliebtheit überschwappt – bei Winkler oder bei Doerr.

Aber ich verspreche ein großes Lesevergnügen und einen langfristigen Gewinn. Man will dieses Buch nicht nicht gelesen haben. (Oder gehört. Das Hörbuch ist sehr zu empfehlen).

(Übrigens: Das Buch kommt fast vollständig ohne Sex and Crime aus.)

“Quest” von Andreas ESCHBACH

Bisher  bin ich weitgehend nach der Regel verfahren: „Einmal Eschbach, immer Eschbach“ (z.B. Ausgebrannt oder NSA). Diesmal war das ein Fehler.

Das will ich kurz begründen.

Das Buch “Quest” stellt eine Mischung zwischen klassischer Fantasy-Literatur und Science-Fiction dar. So wie ich finde, eine gründlich misslungene Mischung.

Eschbach versetzt seine Leser in eine ferne Zukunft, in der unvorstellbare Entfernungen mit Hilfe völlig neuer, den Prinzipien unserer Physik widersprechenden Antriebstechnologien überwunden werden können. Große Bereiche des Universums sind durch raumfahrende Wesen erforscht und zum Teil auch besiedelt worden. Da alles Leben im Weltall einen gemeinsamen Ursprung hat, hat es sich auch erstaunlich gleichförmig entwickelt. Vieles, was da kreucht und fleucht, ist ziemlich menschenähnlich.

Soweit, so gut! Das könnte ja eine Ausgangsbasis für interessante Geschichten darstellen.

Doch was fällt dem sonst so kreativen Eschbach dazu ein: Billige Versatzstücke irgendwelcher Heldenepen. Novizen, die in einem monströsen Tempel die Wissensschätze der Menschheit bewachen und später große Bedeutung erlangen (dabei natürlich auch kurz die Freuden der Liebe kosten dürfen). Sternenkaiser, die die Macht über das gesamte Universum erobern (oder verteidigen) wollen. Einsame edle Kämpfer, verdammt zur Unsterblichkeit – und damit leider nicht zu echter Liebe fähig. Vorbildliche Heilerinnen, die auf dem Weg zu von anderen missachteten Patienten von der Leiter fallen.
Wenn es nicht so traurig und trostlos wäre, könnte man wenigstens lachen.

Welches Gesellschaftsmodell hat sich diese technisch so unglaublich überlegene Kultur wohl ausgesucht? Man mag es kaum glauben: Ein Kastensystem, in dem die – qua Geburt – Edlen herrschen, ein kleiner Mittelbau durch Leistung zumindest ein wenig glänzen kann und eine große Mehrheit Niederer in Unfreiheit und Perspektivlosigkeit gehalten wird.
Tolle Aussichten.

Und was machen die Tausende von Niederen auf einem Hyper-Super-Riesen-Raumschiff den ganzen Tag? Jedes Schulkind würde sich schämen, so etwas zu schreiben: Sie sind Reinigungskräfte, Mechaniker, Bedienungspersonal. Willkommen in einer fernen Zukunft!

Es geht so unglaublich und fantasielos weiter: Was tut man, wenn eines der galaktischen Antriebssysteme Schaden gelitten hat? Man bastelt per Handarbeit (tatsächlich mit dem Werkzeug von Klempnern) aus zwei kleinen ein großes neues Hyper-Maschinchen. Und wenn es nicht ganz passt, dass gibt’s noch ein mit dem Hämmerchen…

Natürlich muss dieser Nonsens noch spirituell-philosophisch aufgeladen werden. Es geht um die großen letzten Fragen. Gibt es einen Gott und was hat er sich wohl dabei gedacht? Was ist mit dem Sinn von ALLEM?

Meine Antwort: Dieses Buch ist jedenfalls grober Unsinn! Lieblos zusammengezimmert. Fast eine Unverschämtheit. Wer ein Zukunftsbuch schreibt und sich dabei weniger Gedanken über Roboter oder künstliche Intelligenz als über die diplomatischen Umgangsformen zwischen Edlen macht, hat wohl mehr als das Thema verfehlt.
Wer das klassische Fantasy-Publikum bedienen will, sollte sich vielleicht nicht so weit in die Zukunft vorwagen.

Eigentlich gibt es nur eine Erklärung: Eschbach hat seinen Namen verkauft und jemand anderes hat dieses Buch geschrieben. Mit dieser Erklärung könnte ich am ehesten leben.
Wo der Mann (der echte Eschbach) doch so tolle Bücher schreiben kann ….

“4 3 2 1” von Paul AUSTER

Darf man sich als Hobby-Rezensent wirklich an so ein Monumental-Werk eines der profiliertesten lebenden Schriftstellers heranwagen?
Ja – man darf. Man darf zu allem eine Meinung haben – dabei erhebe
ich natürlich in keiner Weise den Anspruch, auf irgendwelche literaturwissenschaftlichen Kompetenzen zurückgreifen zu können.

Vermutlich habe ich noch nie so lange ungeduldig auf ein Buch gewartet. Nach dem – von den meisten Kritikern gefeierten – Erscheinen des Romans vor genau einem Jahr wollte ich es gerne als Hörbuch genießen. Irgendwann im Spätherbst habe ich dann aufgegeben: Ich wollte es endlich persönlich kennen lernen! Also doch lesen – ca. 1300 Seiten!

Der beste – und gleichzeitig naheliegenste – Zugang zu diesem Buch ist die Frage nach dem seltsamen Zahlen-Titel. Die Antwort legt die Grundidee und das Grundkonzept dieses ur-amerikanischen Entwicklungsromans offen: Das Leben des Archie Ferguson wird in vier verschiedenen Versionen erzählt. Von einem identischen Startpunkt aus – definiert durch die Vorgeschichte seiner Eltern, deren Herkunftsfamilien und Verwandten zum Zeitpunkt seiner Geburt – ranken vier Lebensläufe bis ins junge Erwachsenenalter. Erzählt wird das überwiegend brav chronologisch in jeweils vier, später drei parallelen Kapiteln (1.1, 1.2, 1.3, 1.4; 2.1 …usw.). Warum irgendwann eine Kapitel-Version leer bleibt, vermag man sich mit etwas Fantasie auszumalen…

Bevor es also überhaupt um Personen, Geschichten und Themen geht, steht schon mal eine sehr prinzipielle philosophische Idee im Raum: Lebensläufe werden durch eine nicht zu überblickende Zahl von Umständen, Gegebenheiten und Zufällen bestimmt. Prinzipiell könnte in einem noch so kleinen Ereignis die entscheidende Weichenstellung für den weiteren Lebensweg stecken. Alles was auf diesem einen Geschehen (Begegnung, Unfall, verpasster Termin, usw.) aufbaut, wäre sonst schlichtweg nicht geschehen. Letztlich könnte sich daraus ein anderes Leben ergeben…
AUSTER beschränkt sich auf vier alternative Erzählungen – er hätte natürlich auch 23 oder 3785 Varianten wählen können. Er spielt in diesen vier Biografien mit dem Verhältnis zwischen Konstanz (bestimmte Bedingungen bleiben ja gleich oder ähnlich) und Verschiedenheit (aufgrund von eingeführten Unterschieden bei Personen und Ereignissen).

In welche Welt führt uns Paul AUSTER? Es ist die Welt der 50iger bis 70iger Jahre im Ostküsten-Amerika. Die Welt des Schmelztiegels, in dem Einwanderer ganz unten anfangen und der nächsten Generation mit viel Einsatz gute Startchancen schaffen. Die Welt des wachsenden Wohlstands einer weißen Mittelschicht, in der bald die Autos, das TV-Gerät, der Grillabend und das Tennis-Match dazugehören. Die Welt der zunehmenden Entfremdung zwischen den Generationen, exemplarisch dargestellt am Kampf um Bürgerrechte für Schwarze und die erbitterte Auseinandersetzung um den Vietnam-Krieg. Die Welt des Baseballs als Kristallisationspunkt für Heldengeschichten und einmalige emotionale Höhepunkte.
Das alles und noch viel mehr ist der zeitgeschichtliche Hintergrund für die handelnden Personen, die in diesem Umfeld leben, sich entwickeln, lernen und lieben.

Mehr als alles andere zeigt uns aber AUSTER seine – so darf man wohl ungestraft annehmen – persönliche Lieblingswelt: die Literatur.
Ferguson befindet sich – letztlich auf allen seinen vier Wegen – im engen Kontakt mit Menschen, die schreiben, die (unglaublich viel!) lesen, die über Literatur unterrichten, die Bücher verlegen, übersetzen, verkaufen, lieben….
Natürlich werden die meisten Fergusons auch selbst Journalisten, Übersetzer, Schriftsteller….
Angesichts der – ungelogen – Hunderten genannten und angepriesenen Autoren und Werken wurde mir schon fast schwindelig. Man bekommt irgendwann das Gefühl, ein hoffnungsloser literarischer Analphabet zu sein – so selbstverständlich wird man mit dem Kanon der relevanten Literatur der letzten 200 Jahre konfrontiert. Und die Menschen (zumindest einige) dort in dem Buch scheinen das alles zu lesen (gelesen zu haben). Unfassbar!

Ja: Es geht auch um Liebe – hetero- und homosexuelle, um Freundschaft, um Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, um das ganze pralle Leben. Aber es ist immer ein intellektuelles Leben, ein Leben von Studenten, Künstlern, politischen Aktivisten.

Ich will mich etwas zügeln und zu meiner Bewertung kommen.
Vielleicht ist es schon durchgeklungen. Meine Begeisterung war und ist nicht ungetrübt.
Bei allem Respekt vor Detailverliebtheit und vor dem intensiven Eintauchen in die minutiöse Beschreibungen von Abläufen und Situationen: Es war mir manchmal einfach zu viel! Zu viel Baseball, zu viel Büchertitel, zu viel Treffen in zu vielen Studentenkneipen, usw.
Um auf den Ausgangsgedanken zurückzukommen: Mir hätte es besser gefallen, wenn sich verschiedenen Wege des Archie Fergusons etwas mehr in die Breite entfaltet hätten, wenn sie mehr unterschiedliche und gegensätzliche Lebensbereiche gestreift hätten.

Trotzdem: Wer Zeit und Ruhe für so einen “Schinken” hat, der wird auch belohnt. Immer wieder stößt man auf Überlegungen und Aussagen, die man gleich notieren möchte – für die Ewigkeit.
Toll ist es auch, wenn AUSTER zur Technik “Buch im Buch” greift: Da seine Hauptfiguren (insbesondere Archie) selbst Schriftsteller sind, werden immer mal wieder Buch-Ideen vorgestellt und zwischendurch mal eben eine originelle Kurzgeschichte eingeflochten. So kann sich ein leidenschaftlicher Geschichten-Erzähler ungebremst austoben!

Genug! Ich denke: Wer bis hierhin gelesen hat, dürfte inzwischen eine Idee davon bekommen haben, ob das ein Buch für den nächsten Urlaub sein könnte (Achtung: Kurz-Urlaube eignen sich definitiv nicht!).