“Paradox: Am Abgrund der Ewigkeit” von Philllip P. PETERSON

Ja – es ist Science-Fiction. Aber vielleicht sollte das nicht gleich ein K.-o.-Kriterium sein!
Es geht um die klassische Situation: Mit neuen Technologien beginnt der Aufbruch zu unerforschten Welten. Trotzdem empfehle ich das Buch auch Lesern, die nicht zu den Fans dieses Genres gehören.
Warum?

Weil das Buch wirklich vielschichtig ist.
Natürlich geht es auch um Raumfahrt und ihre Geschichte. Wie zu erwarten werden eine Menge physikalische und technische Details dargestellt und deren Entwicklung in die Zukunft projiziert. Und natürlich stellt sich die Frage nach dem außerirdischen Leben.
Aber es gibt (mindestens) drei weitere Ebenen, die das Lesen zu einem anregenden Gesamt-Erlebnis werden lassen:

1.  Die Protagonisten
Es werden vier Hauptpersonen und einige wichtige Nebenfiguren in ihrem Beziehungsgeflechten dargestellt. Das gelingt dem Autor recht überzeugend (wenn auch nicht völlig klischeefrei).

2.  Die Beziehung zwischen Staat und Privatwirtschaft
Am Beispiel der Raumfahrt wird dargestellt, wohin die Konzentration von Finanzmacht in den Händen von Einzelpersonen führen kann.

3.  Die Außenperspektive auf die Erde
Das bekannte Thema taucht immer wieder auf. Man kann wirklich gut nachvollziehen, welche Gefühle und philosophische Betrachtungen es auslöst, unsere letztlich winzige und extrem verletzliche Heimat-Kugel aus der Distanz zu betrachten. Die Zweifel an der “Intelligenz” der dominanten Spezies auf diesem Planeten nehmen durch das Lesen dieses Buches sicher nicht ab….

Somit bietet das Buch mehr als einen Grund, als Lesestoff in Betracht gezogen zu werden.

P.S.:  Ich würde mich sehr über Rückmeldungen zu meinen Empfehlungen freuen. Gerne auch dann, wenn nach dem Lesen eine ganz andere Einschätzung entstanden ist.
Schreibt doch einfach einen kurzen Kommentar!

Drei große Zukunfts-Sachbücher im Vergleich

Al GORE: Die Zukunft
HARARI: Homo Deus
LESCH / KAMPHAUSEN: Die Menschheit schafft sich ab

Ja – ich habe sie wirklich alle drei gelesen in den letzten Monaten (alles ziemlicher Wälzer). Mit großem Gewinn. Da nicht jede/r so viel Zeit hat, möchte ich durch den Vergleich der drei Bücher eine Entscheidungshilfe geben.

Zu den Gemeinsamkeiten:
Alle drei Bücher bieten eine fast unerschöpfliche Quelle von Fakten und Zusammenhängen über die Trends und die Risiken an, die das Schicksal der Menschheit in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. Die Argumente und deren wissenschaftliche Untermauerung sind absolut überzeugend, geradezu zwingend. Natürlich geht es um Klima, Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, wachsende soziale Ungleichheit, Bedrohung der Demokratie, künstliche Intelligenz, Genmanipulation und die Digitalisierung aller Lebensbereiche. In den Grundaussagen und den Schlussfolgerungen sind sich die Autoren sehr einig – wenn sie auch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Wo also liegen die Besonderheiten bzw. Unterschiede?

Das Buch von Al GORE ist aus der Perspektive eines amerikanischen Politikers geschrieben, von einem Insider des Systems. Die von ihm analysierten Fehlentwicklungen der US-Demokratie sind beeindruckend klar und unmissverständlich beschrieben – geradezu entlarvend. Diese detaillierte Auseinandersetzung mit dem Versagen eines politischen Systems findet sich in den anderen beiden Büchern nicht.  Dabei bleibt Al GORE ein amerikanischer Patriot und hofft darauf, dass die USA sich von dem Einfluss des Großkapitals, der Lobbyisten und der rechten Medien-Zaren wieder befreien kann und dann (wieder) eine verantwortliche Führungsmacht für die ganze Welt werden kann. (Er konnte sich wohl nicht ernsthaft vorstellen, dass Trump eine US-Wahl gewinnen könnte – sonst hätte wohl sein Optimismus noch mehr Schaden genommen).
Al GORE ist in erster Linie ein Klima- und Umwelt-Aktivist; diese Schwerpunkte sind dem Buch auch anzumerken.
Seine Darstellung ist gut gegliedert; der rote Faden ist immer zu erkennen. Es wird keine Behauptung aufgestellt, die nicht auch faktenreich untermauert wird. Der Stil ist eher unaufgeregt und sachlich.

LESCH ist ein deutscher Wissenschaftler. Sein Buch ist eine sehr gründliche und umfassende Bestandsaufnahme der (aktuell stark bedrohten) Menschheitsentwicklung auf diesem Planeten. In diesem Sinne umfasst er mit seinem Buch sogar noch die erste Publikation von HARARI (Eine kurze Geschichte der Menschheit).
Es werden unglaublich viele  Aspekte nicht nur berührt sondern auch vertieft.
Das Buch von LESCH ist schon fast ein historisches, naturwissenschaftliches und umweltbezogenes Nachschlagewerk (leider ohne ein Stichwortverzeichnis).
Die Darstellungsform unterscheidet sich insbesondere dadurch, dass LESCH immer wieder einzelne Themen in separaten Exkursen vertieft (abgehoben in farbigen Kästchen). Dadurch wird ein noch größerer Tiefgang erreicht; die Darstellung bekommt dadurch einen kaleidoskopischen Charakter und verläuft nicht so stringent in einem Fließtext. Ein weiteres Stilmittel stellen eingebaute Interviews mit anderen Experten dar; ebenso werden Quellen nicht nur erwähnt sondern teilweise sehr ausführlich zitiert.
Diese Buch liest man sicher nicht nur einmal – es verführt dazu, einzelne Aspekte immer mal wieder nachzuschlagen.

Warum ist trotzdem HARARIs Buch mein Favorit?
In gewisser Weise ist dies das subjektivste Buch dieser Auswahl. Hier ist am meisten vom Autor und seinen Gedanken zu spüren. Bei HARARI geht es nicht in erster Linie um eine beeindruckende Faktensammlung sondern im Mittelpunkt steht seine sehr besondere Einordnung und seine Systematik.
Von HARARI wird man am meisten “an die Hand” genommen. Er erklärt die Welt (und den Menschen) auf dem Hintergrund seiner Denkschablonen.
Vielleicht gibt es Menschen, die das eher befremdlich finden oder sich manipuliert fühlen. Bei ihnen entsteht vielleicht eine Reaktanz.
Mir erging es anders: Ich empfand es anregend und faszinierend, mich auf diese Reise zu begeben. Ich hatte keine Probleme, mich auch auf die subjektiv-wertenden und manchmal sehr selbstüberzeugten Aspekte seiner Darstellung einzulassen. Ich habe es sehr genossen!
Natürlich gab es auch für mich einige Stellen, die mich zur Relativierung oder gar zum Widerspruch reizten – dafür habe ich über weite Strecken das Angebot ausgekostet, bekannte Tatsachen und Trends in ungewohnten und höchst kreativen und anregenden Zusammenhängen serviert zu bekommen.
Insgesamt ist der Homo Deus das philosophischste der drei Bücher; der von HARARI erstellte gedankliche Überbau ist absolut gleichrangig bedeutsam wie die angeführten Fakten.

Warum liest man drei solche Bücher, wenn man inhaltlich sowieso schon überzeugt ist?
Das ist eine gute Frage, über die ich ernsthaft nachdenken werde….

“Erkenne die Welt: Eine Geschichte der Philosophie – Band I” von Richard David PRECHT

Da hat sich der bekannteste, smarteste und medientauglichste Philosoph des Landes wirklich etwas vorgenommen: eine Philosophie-Geschichte in vier Bänden!
Was für ein Wechsel: War doch PRECHT bisher dafür bekannt, sich der praktischen Anwendung der Denk-Wissenschaft auf die Themen und Sinnfragen der Gegenwart zu verschreiben – bis hin zu eindeutig politischen Statements.
Und nun ein Grundlagenwerk: die Philosophie von der Pike an!
Nun, an dem notwendigen Selbstbewusstsein mangelt es dem Medien-Star sicher nicht. Aber vielleicht hat er sich doch inhaltlich überhoben?

Meine Bewertung wird aus Sicht eines interessierten Lesers vollzogen; ich habe weder Philosophie studiert noch andere historische Darstellungen zum Vergleich herangezogen.
Aus dieser Sicht kann ich sagen: ein tolles Buch!

Ich fange trotzdem mal mit einer kritischen Bemerkung an: Von der Informationsfülle her betrachtet fühlt man sich als Laie geradezu überflutet. Man kann den vielen Namen, Details und Differenzierungen bei einem Durchgang kaum gerecht werden (insbesondere, wenn man den Fehler macht, sich dem Inhalt in Form eines Hörbuches zu nähern). Also hilft nur langsam oder zweimal lesen.

Warum es sich trotzdem lohnt:
Precht ist ein prächtiger Didaktiker! Er nimmt seine Leser an die Hand und führt sie durch das Labyrinth der verschiedenen Denkschulen. Er macht das, indem er immer wieder die Ebene wechselt und die Einordnung der jeweiligen philosophischen Idee fast genauso viel Raum gibt wie den Inhalten selbst. Das geschieht einmal dadurch, dass er die Bezüge zu den vorangegangenen Denkern erklärt (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) und dass er die Einbettung in zeitgeschichtliche Prozesse in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft  anschaulich verdeutlicht.
Der Effekt: Man kann nach und nach ein Netzwerk von Verbindungen aufbauen, in dem die Weiterentwicklung der Philosophie eben weit mehr ist als eine zufällig Abfolge von verschiedenen Welterklärungen. Ganz nebenher erhält man so einen historischen Nachhilfeunterricht, von dem man als Schüler/in nur träumen konnte.
Großartig!

Für mich ist der erste Band auf jeden Fall schon jetzt ein Standardwerk für Leser, die Philosophie nicht als isolierte Elfenbeinturm-Wissenschaft betrachten wollen.
Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man dieses Buch nicht “nebenbei” lesen kann. Man sollte schon ein etwas weitergehendes Interesse aufbringen, wenn man sich mit Richard David auf den Weg machen will. Es wird einen eine Weile beschäftigen….
Ich jedenfalls freue mich schon auf den zweiten Band im Herbst 2017. Und ich bin ganz sicher, dass ich irgendwann alle vier Bände in meinem Regal stehen habe.

“Am Ende aller Zeiten” von Adrian J. WALKER

Dieser Endzeit-Roman beschreibt die Situation einer kleinen Gruppe von Überlebenden nach einem Aufprall eines ganzen Asteroiden-Schwarms auf die nördliche Erdhalbkugel. Die Folgen für die gesamte Zivilisation erweisen sich als wahrhaft apokalyptisch.
Beschrieben wird der Versuch eines von seiner Familie getrennten Mannes, in einem eigentlich ausweglosen Unternehmen seine Angehörigen wiederzufinden.

Meine Eindrücke zu dem Buch sind zwiespältig: Es gibt einen Spannungsbogen, ein paar mit einiger Sorgfalt gezeichnete Akteure und ein sehr eindrückliches Endzeit-Szenario. Es gibt viel Beschreibung von Zerstörung und Gewalt – in einem für mich noch gerade akzeptablen Ausmaß (ich bin da eher empfindlich).
In der ersten Hälfte des Buches war ich eher enttäuscht, weil es nur wenige über die reine Handlung hinausreichenden Themen und Denkanstöße gab. Das verändert sich aber im zweiten Teil, so dass hier auch die Leser zu ihrem Recht kommen, denen es nicht nur um das Einlassen auf die Geschichte selbst sondern eher um die durch sie ausgelösten existentiellen und philosophischen Überlegungen geht.

Habe mich jedenfalls nicht geärgert das Buch ausgewählt zu haben.
Als Schulnote würde ich sowas wie eine 2- oder 3+ geben.

“Alexander von Humboldt” von Andrea WULF

Dieses Buch verführt zu Superlativen.
Das liegt an dem Thema – es geht um eine sehr herausragende Person – und an der literarischen Umsetzung – die wirklich sehr beeindruckend ist.

Normalerweise ist mein Interesse am Leben und an dem Schaffen einer einzelnen geschichtlichen Person nicht so groß, dass es mich zum Lesen einer so umfangreichen und detaillierten Darstellung motiviert. Dieses Buch bildet also eine Ausnahme und ich bin geradezu dankbar dafür, der Empfehlung (meines Schwagers) gefolgt zu sein.

Nach dem Lesen dieser Biografie habe ich das tolle Gefühl, einem der wohl facettenreichsten und zeitgeschichtlich bedeutsamsten Wissenschaftler und Naturforscher wirklich näher gekommen zu sein und Zugang zu seinen grundlegenden und bahnbrechenden Erkenntnissen und Einsichten zu haben.

Man kann nur absolut (Superlative!) beeindruckt sein von einer Persönlichkeit, bei der sich ein geradezu übermenschlicher Tatendrang mit einer universalistischen Begabung und einem so fortschrittlichen Welt- und Menschenbild vereint. Es ist wirklich kaum zu glauben!

Natürlich wiederholen sich auf über 400 Seiten bestimmte Aspekte der Darstellung von Humboldts Eigenschaften und Erkenntnissen. Für mich war das aber an keiner Stelle störend. Einerseits, weil nur in der Wiederholung der Umfang und die Bedeutung seines Lebenswerkes überhaupt fassbar werden kann. Andererseits gelingt es der Autorin auch, nicht nur eine chronologische Abfolge zu vermitteln sondern auch immer neue inhaltliche Schwerpunkte und zeitgeschichtliche Bezüge auf anregende Weise zu vermitteln.

Egal ob der Bezugspunkt in der wissenschaftliche Neugier, im abenteuerlichen Entdeckertrieb, in der intellektuellen Genialität, in der leidenschaftlichen Grenzenlosigkeit, im ganzheitlichen Blick auf die Natur, im ökologischen Bewusstsein oder in den humanistischen Überzeugungen liegt – eine Beschäftigung mit diesem Mann und diesem Buch ist absolut gewinnbringend!

“Das Labyrinth der Lichter” von Carlos Ruiz ZAFÓN

Man muss schon etwas Mut aufbringen, um sich kritisch mit einem Buch dieses gefeierten Schriftstellers auseinanderzusetzen. Er hat sich in den letzten Jahren als DER Autor für das Thema “Barcelona im Spanischen Bürgerkrieg” etabliert.
Auch für sein neues Buch hagelt es euphorische Rezensionen. (4,5 von 5 Sternen bei Audible).

Um es kurz zu sagen: Ich fand das Buch so schlecht, dass ich nach der Mitte abgebrochen habe.

Das lag nicht daran, dass ich den Schreibstil oder das Thema nicht wertschätzen kann; ich habe frühere Bücher durchaus mit Gewinn gelesen.

Das aktuelle Buch hat mich aus zwei Gründen geärgert:
Es enthält für meinen Geschmack ein Übermaß an Schilderungen von sadistischer Brutalität. Und zwar in einer Detailbesessenheit, die sicher nicht als literarisches Mittel benötigt wird, um einen realistischen Eindruck von der historischen Situation zu verschaffen.
Darüber hinaus wird extrem viel Mühe darauf verwandt, zwischen den Hauptpersonen ein komplexes System von Verbindungen, Abhängigkeiten und Intrigen zu spinnen. Dabei entstand für mich irgendwann der Eindruck, dass es weniger um eine spannende Handlung oder die Vermittlung von zeitgeschichtlichen Einblicken geht, sondern die “kunstvolle” Konstruktion dieser Verstrickungen sozusagen zum Selbstzweck des Buches geworden ist.
Dies wird spätestens an der Stelle deutlich, an der dem Autor offenbar gar nichts anderes übrig bleibt, als dieses System einmal im Zusammenhang  – eingewoben in einen Dialog – systematisch auseinanderzuklamüsern.
Bei mir entstand der Eindruck: Es ist einfach zuviel des Guten; die Qualität eines Buches bemisst sich nicht an der Raffinesse des Beziehungs-Plots.

Schade – ich kann jedenfalls nur abraten!

“Mirror” von Karl OLSBERG

In dem Roman (etwas Krimi, etwas Science Fiction) geht es um die potentiellen Risiken, die mit der technischen Weiterentwicklung des Smartphones und der sozialen Netzwerke verbunden sein könnten. Die Geschichte ist dabei der Gegenwart nur um einige Jahre – keineswegs Jahrzehnte – voraus.

Das Buch bietet eine unterhaltsame Möglichkeit, sich mit den digitalen Zukunfts-Szenarien auf eine leichte und unangestrengte Art auseinanderzusetzen. Es ist weder vom Inhalt noch vom Schreibstil anspruchsvoll und durchaus auch für ältere Jugendliche schon zu empfehlen (zumal ein junges Paar zu den Hauptpersonen gehört).
Eine nette Urlaubslektüre für Leute, die sich auch in der Freizeit gerne mit aktuellen Trends und Fragen auseinandersetzen.

Wer so etwas ähnliches für das Thema Genmanipulation sucht, ist hier gut bedient.