“UDO” von Udo LINDENBERG und Thomas HÜETLIN

Der Leser / die Leserin meines Bücher-Blogs wird sich vielleicht fragen: Warum lese (höre) ich überhaupt so ein Buch – wo es doch unzählige “wertvollere”  literarische Themen und Texte in der Warteschlange gibt?

Nun: Udo Lindenberg ist ein Teil meiner persönlichen Zeitgeschichte, musikalisch, politisch und bezogen auf Konzertbesuche. Es gibt dadurch eine Art von Verbundenheit, die als Motivationsquelle für die Beschäftigung mit seiner aktuelle Biografie völlig ausreicht.

Viele – etwas jüngere Menschen – haben Udos erste musikalische Schaffensphase nicht “live” verfolgen können. Sie haben ihn eher als ein öffentliche Figur kennengelernt, die irgendwo zwischen einer schon etwas angestaubten Galionsfigur des “Deutsch-Rocks”  und einem insgesamt sympathischen Politclown durch die Medienwelt geisterte. Udo war irgendwie schon früh sein eigenes Denkmal, der durch die gut gepflegten Attribute seines Markenzeichens die Jahrzehnte überdauerte.
Übersehen wird dabei, dass er Anfang bis Mitte der 70iger einige musikalisch und textlich überragende Platten angeliefert hat, die heute noch fast alles in den Schatten stellen, was je in deutscher Rockmusik produziert wurde.

Ach so – das Buch!
Nach einem kurzen Einstieg in der Come-Back-Phase stellt die (Auto-)Biografie das private, musikalische und öffentliche Leben des Künstlers facettenreich und detailverliebt dar. Das ist zunächst alles ganz interessant und unterhaltsam. Man staunt, wie früh der jugendliche Udo damals schon in die Musik-Szene eingetaucht ist (wie die meisten wissen werden, als Jazz-Schlagzeuger) und wie übergangslos er von dem Alkoholismus seines Vaters in die eigene Säufer-Karriere gerutscht ist.

Da wären wir auch schon beim entscheidenden Stichwort: “Alkohol”.
Sowohl das persönliche Leben von Udo als auch dessen literarische Beschreibung leiden an diesem Thema. Selbst der gutmütigste Leser wird irgendwann ermüden oder verzweifeln an der nicht enden wollenden Schilderung von Alkohol-Exzessen, kurzen Ausstiegsversuchen und ewigen Rückfällen. Es ist wirklich nur schwer erträglich und irgendwann – wenn die Fassungslosigkeit abgeklungen ist – einfach auch langweilig.

Eine besondere Rolle spielt in der Darstellung die Rolle von Udo als ziviler Kämpfer für die Durchlöcherung der innerdeutschen Mauer – exemplarisch ausgetragen in dem zähen Kampf um eine Auftrittserlaubnis im abgeschotteten Osten. Seine besondere “diplomatischen” Beziehung zu Erich Honecker wird ausführlich beschrieben – ebenso wie die große symbolische Bedeutung, die Udo für seine treuen Fans in der DDR hatte.

Natürlich ist das Buch so aufgebaut, dass es ja nicht auf ein endgültiges Scheitern dieser zwiespältigen Figur hinausläuft, sondern auf das große Come-Back. Es erscheint wirklich fast wie ein Wunder, dass dieser kaputte Typ nochmal ganz nach oben kam. Die Geschichte dieses “letzten Aufbäumens” gehört sicher zu den informativen Teilen dieses Buches.

Bleibt die Bilanz:
Für Udo-Fans eine Menge Infos aus dem sehr persönlichen Umfeld. Für den allgemein Interessierten eine Portion Zeitgeschichte. Für den Musik-Liebhaber ein wachsendes Unverständnis und Unbehagen angesichts der scheinbar so dominanten Rolle des Alkohols in dieser Subkultur.

Persönliche Schlussbemerkung:
Ich kann mich nicht davon freimachen, dass der Respekt vor der Person Udo doch ein wenig gelitten hat. Eignen sich solche Menschen wirklich als Vorbilder bzw. Idole; als Instanzen, die der Jugend Orientierung geben können?
Anderseits: Vielleicht erreicht so jemand wie Udo gerade deshalb – wegen der eigenen Unvollkommenheit und inneren Zerrissenheit – eben auch Gruppen, die sonst gar nicht oder durch weitaus gefährlichere Verführer angesprochen würden.
Er steht ja doch irgendwie auf der richtigen Seite!

Die Bewertung der aktuellen musikalischen Leistung findet sich hier.

“Der begrabene Riese” von Kazuo ISHIGURO

Ich wollte mich mal wieder der ernsthafteren Literatur zu wenden. Was kann man da besseres tun, als den  – immer noch aktuellen – Nobelpreisträger von 2017 zu wählen. Dachte ich.

Vor dem Schreiben dieser Rezension musste ich mich sehr beherrschen: war ich doch wirklich sehr neugierig darauf, wie wohl die vielen positiven Bewertungen (z.B. bei amazon) begründet werden.
Möglicherweise habe ich ja mit meinem mangelhaften literarischen Wissen die wesentlichen Stärken dieses Romans übersehen, womöglich gar nicht verstanden. Vielleicht war diese Geschichte aus längst vergangenen Zeiten voller Symbole und Allegorien, die einem halbwegs gebildeten Leser einen intellektuellen Genuss bereiten.
Ich werde es später nachlesen.
Jetzt sage ich erstmal meine Meinung.

Mir war und ist der Sinn und damit auch den Wert dieses Buches nicht zugänglich. Ich weiß nicht warum diese Geschichte geschrieben wurde und ich weiß nicht, warum man sie lesen (oder in meinem Fall “hören”) sollte.

Erzählt wird von einem Ehepaar, dass sich im Britannien des 5. Jahrhunderts auf die beschwerliche Reise zu einem Dorf machen, in dem sie ihren vor langer Zeit verschollenen Sohn vermuten. Erschwert wird diese Unternehmung nicht nur durch die Widrigkeiten des damaligen Lebens und Reisens, sondern auch durch einen ominösen Nebel des Vergessens. Wie sich später herausstellt, sorgt der Atem eines Drachens für diese Gedächtnisstörung.

Das – bereits ältere Ehepaar (für damalige Verhältnisse) – ist aber nicht nur auf der Suche nach dem Sohn, sondern auch nach der gemeinsamen Paar-Geschichte, die ebenfalls weitgehend der Vergessenheit anheim gefallen ist.
Ebenfalls eine Rolle spielen die Erinnerungslücken für das nur notdürftig befriedete Zusammenleben zwischen Britannien und Angelsachsen.
Wie dünn das Eis ist, zeigen die Begegnungen mit einem alten Ritter und einem jungen Kämpfer dieser Volksgruppen – die sinnigerweise beide auch irgendwie mit der verantwortlichen Drachin zu tun haben.
Zu erwähnen bleibt noch eine mysteriöse Insel, auf die ein Fährmann ein Paar nur dann überschifft, wenn dies durch eine besonders innige und vertraute Liebe verbunden ist.

Aus diesem Stoff ist diese Erzählung gebastelt. Es gibt darin viele Dialoge, manche Kämpfe, die auch zu manchem Tod führen. Und ein plötzliches und offenes Ende.

Natürlich soll diese Geschichte für irgendetwas stehen; so ansatzweise literarisch gebildet bin ich schon. Vermutlich geht es um große Fragen des Menschseins: um Beziehungen, um Krieg und Frieden, um die Vor- und Nachteile des Vergessens, um Rache, Vergebung, Tapferkeit und Opfermut. Und vermutlich um vieles mehr – wenn man sich dann die Mühe macht, es aus dem Text zu erschließen.

Ich persönlich würde niemandem nahelegen, sich dieser Aufgabe zu unterziehen. Es gibt jede Menge Bücher, die all diese Themen in einer zugänglicheren Form anbieten. Vielleicht ist das dann nicht eine so große und nobelpreiswürdige Kunst. Mag sein; dann bin ich an diesem Punkt ein Ignorant.

PS.: Ich bin wirklich aufrichtig interessiert daran, von jemandem zu erfahren, der dieses Buch mit Genuss gelesen hat!
Und ich werde jetzt die positiven Kritiken lesen (und mich vielleicht ein wenig schämen….).

“Einmal Schicksal und zurück” von Sandra PULS

Vorweg ein Warnung:
Ich bin hier erstmals als Rezensent nicht neutral, da eine persönliche Beziehung zur Autorin besteht. Das ist auch der Grund, warum ich dieses Buch schon einen Tag nach dessen Erscheinen besprechen kann: Ich kannte es schon vorher. Trotzdem schreibe ich hier natürlich meine “echte” Meinung.

Wie der Titel verrät, geht es um das Schicksal. Damit werden eine Menge – auch widersprüchliche – Assoziationen geweckt: Geht es um Vorsehung? Um die Rolle des Zufalls? Um esoterische Erkenntnisse? Oder ist jeder seines Glückes Schmied? Und warum “zurück”?

Das Buch speist sich aus zwei Quellen:
Die Autorin verarbeitet – wie sie auch auf ihrer Website verrät – ein eigenes Thema, nämlich die Erfahrung, dass sich das Unglück manchmal auf unfassbare Weise bei bestimmten Menschen bzw. Familien konzentriert.Aus dem Umgehen mit der Kontrasterfahrung – selber auf der Sonnenseite leben zu dürfen – entstand die persönliche Motivation für dieses Buch.
Darüber hinaus stellt dieses – für junge Menschen ab der Pubertät konzipierte – Werk einen unterhaltsamen und anregenden Einstieg in das Philosophieren dar.

Wann – wenn nicht im Jugendalter – werden zum ersten Mal die großen Fragen des Lebens gestellt? Und wann – wenn nicht in dieser Entwicklungsphase – besteht ein Interesse an Freundschafts-/Liebesbeziehungen und spannenden Abenteuern in virtuellen Welten?
Was liegt näher – so dachte sich Sandra PULS – als diese beiden Bedürfnisse zusammenzuführen?

Der Autorin hat diese Aufgabe – wie ich finde – außergewöhnlich kreativ gemeistert. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Paares (das sich natürlich gerade erst ganz vorsichtig findet): Der vom Glück verwöhnte Ben und die in einer vom Pech verfolgten Familie lebende Liv geraten bei einem Ausflug in digitale Spielwelten per Zufall in eine Parallelwelt, in der das Schicksal der Menschen geradezu bürokratisch verwaltet wird. Und beim Verwalten erweisen sich die “Wächter des Schicksals” als nur allzu menschlich…
Natürlich geht es bald um die entscheidende Frage: Können die beiden es schaffen, Liv und ihre Familie aus den Fängen der fehlgeleiteten Wächter zu befreien?

Doch auf einer zweiten Ebene geht es eben doch die ganze Zeit um die Grundfragen der Existenz. Wer oder was bestimmt denn nun das individuelle Schicksal? Gott, der Zufall oder das eigene Tun?
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist so geschickt in die spannende Handlung eingewoben, dass keine Spur eines pädagogischen Anspruches zu spüren ist.
Das Ergebnis: Nachdenken und Philosophieren kann also Spaß machen!

Wie könnte es anders sein: Natürlich werden keine fertigen Antworten angeboten. Das Fragen und Denken sind die eigentliche Ziele.
Und doch gibt es eine Botschaft: Es lohnt sich auch in schwierigen Situationen, Gelegenheiten beim Schopf zu packen und auf die Unterstützung von wohlwollenden Mitmenschen zu vertrauen.

Ach ja: warum eigentlich “zurück”?
Vielleicht ist es schon klar geworden: Natürlich kehren die beiden Abenteurer von ihre Reise in den normalen Alltag zurück – und werden vermutlich noch eine Weile zusammen bleiben….

Fehlt noch ein Wort zur sprachlichen Seite: Der Stil des Buches ist locker und leicht verständlich; das Lesen verursacht keinerlei Mühe. Und doch wird deutlich, dass die Autorin die Sprache nicht nur als Mittel zum Zweck einsetzt. Sie “spielt” auch mit ihr. Immer wieder mal stößt man auf bestimmte Begrifflichkeiten, die man in dieser Zusammensetzung oder in diesem Kontext nicht erwartet hätte. Man spürt förmlich, dass sie diese eine spezielle Formulierung gebraucht hat, um ein bestimmtes Gefühl oder Bild zu vermitteln – dafür nimmt sie auch ein kurzes Stutzen des Lesers in kauf.

Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt für Jugendliche beiderlei Geschlechts ab ca. 14 Jahren. Es ist ein tolles kleines Geschenk, wenn man das Ziel hat, Denkanstöße zu geben und gleichzeitig Lesevergnügen zu bereiten. Dieses Buch verstaubt ganz sicher nicht ungelesen im Regal.

Weitere Infos findet ihr beim Verlag bzw. auf der Website der Autorin.

“21 Lektionen für das 21. Jahrhundert” von Yuval Noah HARARI

Ein neues Buch des israelitischen Historikers HARARI ist inzwischen ein vielbeachtetes kulturelles Ereignis. Der Autor hat es geschafft, sich mit seinen ersten beiden Veröffentlichungen (“Eine kurze Geschichte der Menschheit”, “Homo Deus”) mitten ins Zentrum des aktuellen Diskurses um die Zukunft der Menschheit zu schreiben. HARARI hat uns etwas zu sagen – und er wird gehört (bzw. gelesen).

Da ich inzwischen ein HARARI-Fan geworden bin (wenn man so etwas in meinem fortgeschrittenen Alter überhaupt noch sein darf), habe ich mich wenige Tage nach Erscheinen des Buches geradezu darauf gestürzt.
Die gemachten Erfahrungen teile ich jetzt mit euch.

Um es kurz zu machen: HARARI erklärt uns die Welt! Nicht mehr und nicht weniger.
Natürlich lässt einen dieser Anspruch der Allzuständigkeit zunächst zurückschrecken. “Was für eine Hybris!”, denkt man instinktiv. Kann und darf man so anmaßend sein?
Vielleicht sollte man die Beantwortung dieser Frage an den Schluss dieser Betrachtungen verschieben.

Wie geht der Autor vor?
Nun, er betrachtet das Weltgeschehen aus einer Position der nüchternen Beobachtung, bündelt und interpretiert die Ereignisse und Entwicklungen in einigen grundlegenden Kategorien und leitet daraus “vernünftige” Schlussfolgerungen ab.
Er tut das insofern “neutral”, dass er sich an keine der gängigen ideologischen oder religiösen Überzeugungssysteme bindet. Seine Richtschnur ist in erster Linie ein wissenschaftlicher Weltzugang – ohne dass er blind gegenüber den Grenzen oder Fehlentwicklungen dieser Perspektive wäre.
Seine Neutralität ist natürlich in sofern relativ, als dass jede Strukturierung und Kategorisierung einen Eingriff darstellt: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte der Realität und blendet – notwendigerweise – andere Aspekte aus.

HARARI hat seine Art der Weltbetrachtung als Historiker begonnen. Er ist es gewohnt, die großen Linien herauszuarbeiten, die Zusammenhänge. Genau so hält er das mit der Gegenwart und mit seinem Blick auf die Zukunft.
Das wirkt überzeugend und erleichtert es ungemein die Orientierung. Das Chaos der Gegenwartswelt ordnet sich in nachvollziehbare Muster. Dass es jetzt genau 21 Gliederungspunkte sind, schafft natürlich auch einen eingängigen Buchtitel…

Sollte ich vielleicht etwas über den Inhalt sagen?
In dem Buch geht es nicht um das “Klein-Klein”. Hier werden keine Ratschläge für einen ökologischen Alltag gegeben. HARARI schreibt nicht über Bio-Fleisch oder alternative Energiegewinnung.
Der Autor möchte, dass wir verstehen, wohin die Reise gehen könnte, wenn wir es schleifen lassen. Er sagt – wie alle relevanten Zukunfts-Autoren – dramatische Wandlungen voraus. Im Zentrum seiner Betrachtungen stehen die Verbindungen zwischen der Konzentration digitaler Datenmacht und den bevorstehenden biotechnischen Eingriffsmöglichkeiten in die Innenwelt des Menschen.
Seine Kernfragen lauten: Haben wir die Chance, den zukünftigen Manipulationsoptionen von Konzernen und Regierungen etwas entgegenzusetzen? Können wir noch verhindern, dass sich die Menschheit aufspaltet in eine bedeutungslose Masse von Abgehängten und eine Kaste der Super-Elite, die sich dank unbegrenzter Ressourcen und mithilfe digitaler und gentechnologischer Aufrüstung zu einer neuen Art von Über-Mensch entwickelt? Können wir Menschen im klassischen Sinne bleiben – als Personen, die mehr über sich und ihre inneren Gefühle und Gedanken wissen als Google oder Facebook?

Okay. Das hört sich an, als ob einem leicht schwindelig werden könnte beim Konsum dieses Buches. Das tut es aber nicht. HARARI schreibt klar und eingängig. Er wiederholt seine Grundthesen immer wieder und bietet so das Gerüst für seine Beschreibungen und Argumente. Man verirrt sich nicht.
Manchmal ist diese Form von Redundanz schon etwas nervig. Man weiß schon, was er meint – und trotzdem kommen noch zwei oder drei Beispiele. Der Autor geht auch gerne ins Detail. Er lässt uns wissen, dass er viel weiß. Über Kulturen, Ideologien, Religionen, Natur, ….
Natürlich hat das auch einen Vorteil: Er belegt seine Behauptungen.

Was könnte einen stören an einem solchen Buch?
Nun: jeder, der eine feste ideologische oder religiöse Grundüberzeugung hat, wird sich irgendwann ärgern über die selbstverständliche Klarheit bestimmter Aussagen. HARARI ist da nicht zimperlich: Wenn für ihn z.B. unzweifelhaft klar ist, dass alle Religionen menschliche Erzählungen sind und die daraus abgeleiteten Gebote und Dogmen nichts mit der Frage zu tun haben, wie irgendwann dieser Kosmos entstanden ist, dann sagt er das auch so. Es ist für ihn einfach logisch zwingend. Natürlich mindert es nicht seinen Respekt gegenüber Menschen, die gläubig sind.
Man kann sich über HARARIs Selbstgewissheit aufregen – man kann aber auch geradezu begeistert darüber sein, wie klar er Dinge bennent und in überzeugende Zusammenhänge bringt.

Damit sind wir bei der Antwort auf die oben gestellte Frage angekommen:
Ich finde HARARIs Stil eher erfrischend und anregend, manchmal etwas gebetsmühlenartig. Ja – der Mann ist von sich überzeugt. Aber er hat auch eine Menge zu bieten.
Ob man nach dem aufmerksamen Studium von “Homo Deus” dieses neue -Buch allerdings wirklich noch unbedingt braucht, ist eine schwierigere Frage. Wenn ich nicht so interessiert und begeistert wäre, hätte ich da vielleicht doch meine kleinen Zweifel…

Aber: Ich freue mich auf jede zukünftige Diskussion über dieses Buch.
Schon allein deshalb solltet ihr es lesen (oder hören)….

“Das Cafe der Existentialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails” von Sarah BAKEWELL

Ja, es ist mir klar. Diese Buchbesprechung zielt nur auf eine sehr umgrenzte Zielgruppe. Ich schreibe sie trotzdem. Weil es mich schon ganz für mich alleine reizt, meine Meinung zu einem Buch zu verschriftlichen.

Man kann sich auf mehreren Ebenen mit philosophischen Strömungen auseinandersetzen: Man  informiert sich bei Wickipedia, liest Überblickswerke (z.B. von Precht) oder setzt sich mit den Originaltexten namhafter Philosophen im Original auseinander.
Eine vierte Möglichkeit bietet das hier rezensierte Buch: Es wendet sich der Thematik ausführlich zu, bietet dabei einen deutlich tieferen Einblick als ein Lexikonartikel oder eine Philosophiegeschichte – anders als das Studium der Primärquellen jedoch mit dem Service eines angleiteten und strukturierten Zugangs.

Das Thema ist hier der Existentialismus, am engsten verknüpft mit dem Namen “Sartre”.
Warum wollte ich hier in die Tiefe gehen? Nun, ich bin bei Audible zufällig auf dieses Buch gestoßen. Es hatte gute Kritiken. Und ich fand es spannend, mich mit der philosophischen Richtung auseinanderzusetzen, die das Konzept der individuellen Freiheit geradezu grenzenlos zelebriert.
Übrigens gerade, weil ich am Konzept der Willensfreiheit schon seit Jahrzehnten meine Zweifel habe und weil diese Zweifel durch jüngste Erkenntnisse der Hirnforschung immer weitere Kreise ziehen.

Was erwartet einen nun in diesem Buch?
Auf jeden Fall eine Unmenge von Detailinformationen über eine ganze Gruppe von namhaften Vertretern der (eher deutschen) Phänomenologie und des (eher französischen) Existentialismus. Es geht – neben Sartre – um Denker und Autoren wie Edmund Husserl,  Martin Heidegger, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Emmanuel Levinas, Maurice Merleau-Ponty – um die wichtigsten zu nennen.

Das Besondere dieses Buches ist der personen- und beziehungsspezifische Zugang: Die Darstellung orientiert sich nicht vorrangig an den Konzepten und Ideen, sondern stellt die agierenden Personen und ihre Beziehungen und Verknüpfungen in den Mittelpunkt. Man erfährt, wer mit wem in welchen Settings einig bzw. uneinig, verbunden oder zerstritten war. Man kommt nicht nur in Kontakt mit den Biografien der Denker sondern erhält auch einen sehr plastischen Eindruck von den Lebenswelten, in denen sie sich jeweils bewegt haben.

Das alles findet mit einer manchmal geradezu zwanghaften Akribie statt. Dabei wird man immer wieder mit Details (aus einzelnen Begegnungen oder Ereignissen) überschüttet, die realistischer Weise kein Mensch braucht.
Das ermüdet auch manchmal  – zudem durch einige Schleifen im Ablauf spürbar sind – und es hat mich zwischendurch an meinem Vorhaben zweifeln lassen.

Trotzdem war ich am Ende meiner Hör-Reise (das Buch wird wirklich perfekt vorgelesen) mit dem Text versöhnt. Kurzfristig flammte sogar der Gedanke auf, ob ich nicht jetzt, wo mir die Zusammenhänge klarer sind, nicht noch einmal von vorne anfangen sollte…
Ich habe mich stattdessen für einen Roman von Sartre entschieden (“Der Ekel”). Auch das kann man als eine Art Erfolg des Buches von BAKEWELL ansehen.

Meine Bilanz:
Wer ein größeres Interesse an dieser Philosophie-Epoche hat und sich einmal  – in allen Facetten – wirklich einlassen möchte auf die Hintergründe der daran beteiligten Personen, der sollte sich dieses Buch gönnen. Es strotzt wirklich vor Detailwissen und ist von dem spürbaren Bestreben getragen, den Lesern ein möglichst lebendiges Bild von Zeitgeist und Personen zu vermitteln. Man taucht ein – mit Haut und Haaren (Kopf und Bauch).
Als philosophisch interessierter Mensch kann man sich eigentlich nur wünschen, dass es zu jeder Denk-Epoche ein vergleichbares Werk gäbe.

Ach so – ich habe ja gar nicht geschildert, was Existenzialismus nun eigentlich bedeutet. Das stimmt!
Vielleicht dazu dann doch kurz bei Wickipedia nachschlagen….

“Wir sind nicht wir” von Matthew THOMAS

900 Seiten Amerika, also Mittelschicht-Ostküsten-USA. Die richtige Dröhnung für 10 Tage Urlaub, in dem die Hitze kaum andere Aktivitäten zuließ.

Ich habe schon immer gerne amerikanische Romane gelesen. Das hat weniger damit zu tun, dass ich jemals ein kritikloser Amerika-Fan gewesen wäre. Aber ich fand es spannend, diese Kultur, diesen wichtigen Teil der Welt, zu verstehen. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die USA so etwas wie die Leitkultur für West-Europa war. Der Rest der Welt, insbesondere Asien,  war noch nicht so sichtbar und bedeutungsvoll. Was in Amerika passierte, schien unsere eigene Zukunft vorwegzunehmen.
Meine erste richtig große Reise führte mich 1975 quer durch die Staaten. Auch das hat vielleicht mein Interesse an diesem Land nachhaltig geprägt.

Soweit die Vorrede; jetzt zum Buch.

Es steckt viel typisches weißes Amerika in diesen 900 Seiten: der Kampf um den Wohlstand, die Bedeutung des passenden Hauses, die Sorge um die richtige Ausbildung der Kinder, Baseball, College, Kirchgänge, Familienrituale, usw.

Das alles bildet aber nur den detailreich beschriebenen Hintergrund für die eigentliche Geschichte. Es ist die Geschichte einer Krankheit, die das Leben einer Familie über viele Jahre bestimmt. Die Krankheit heißt Alzheimer.

Dass diese heimtückische Krankheit im Gehirn des Vaters vor sich hin wütet, bleibt dem Leser über viele Kapitel verborgen. Genauso wie es sich für die Familie darstellt. Vielleicht ahnt es der Leser etwas früher als die Ehefrau und der Sohn. Wann es der Betroffene selbst ahnt, erfährt man nie.

Was dem Autor gelingt: Er schreibt einen Roman über Amerika, der auch ohne das Thema „Alzheimer“ ein tolles Portrait einer bestimmten Art amerikanischen Lebens gewesen wäre – und er schreibt einen Roman über Alzheimer, der auch ohne die kulturellen Bezüge ein beeindruckendes Protokoll eines allmählich fortschreitenden Persönlichkeitszerfalls gewesen wäre.
Der Autor hat also eigentlich zwei Bücher in einem geschrieben.

Über die sprachlichen und schriftstellerischen Fähigkeiten von Matthew Thomas könnte man sicherlich viel schreiben. Man findet – besonders im ersten Teil – Sätze, die man am liebsten ausschneiden möchte (okay, heute fotografiert man sie mit dem Smartphone).

Einen solchen Mammut-Roman ganz ohne Längen zu schreiben, ist vermutlich unmöglich. Ich hatte nur ganz selten das Gefühl, dass es jetzt ist des Guten zu viel wäre. Ich bin sicher, dass die Ausführlichkeit und die Redundanz einiger Schilderungen ein gewolltes Stilmittel sind, um ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sich das Leben mit dieser Krankheit tatsächlich auch anfühlt – eben in gewisser Weise auch spiralenförmig endlos…

Insgesamt ein tolles Leseerlebnis – wenn man an einem der beiden Thematiken interessiert ist und sich die Zeit nicht gerade irgendwo abknapsen muss.

“Vor dem Denken” von John BARGH

Dieses Buch, bei dem als Untertitel auch der überfrachtete Begriff “das Unbewusste” auftaucht, ist eine Mischung zwischen sozialpsychologischem Fachbuch und einer populärwissenschaftlichen Abhandlung. Es ist ein Fachbuch, weil viele Untersuchungen präsentiert und in einen theoretischen Rahmen eingebunden werden; es ist populärwissenschaftlich, weil es locker und leicht aufbereitet ist, den “normalen” Leser nicht überfordert und Bezüge zu dem persönlichen und wissenschaftlichen Lebensweg des Autors aufweist.

Worum geht es?
Der Autor nimmt sich einiges vor, er legt die Messlatte ziemlich hoch. Er will nicht weniger präsentieren als ein in sich stimmiges Modell über die Bedeutung der “nicht-bewussten” Prozesse auf das menschliche Verhalten. Er scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang auch den Aspekt der Willensfreiheit mit zu behandeln und auch Hinweise auf den eigenen Alltag und  auf erweiterte Möglichkeiten der Selbstbestimmung des eigenen Handelns anzubieten.

Für jemanden wie mich, der sich den Grenzen der “autonomen Selbstbestimmung” bzw. der “Willensfreiheit” sowohl philosophisch als auch neurowissenschaftlich schon ein wenig genähert hat, bietet der Zugang von BARGH tatsächlich eine Überraschung. Der Autor ist ein reinrassiger Sozialpsychologe und betrachtet das gesamt Themenspektrum aus dieser Perspektive. Darauf muss man erstmal kommen!
Das bedeutet konkret, dass er jede Menge sozialpsychologische Untersuchungen anführt, in denen nachgewiesen wird, dass bestimmte Erfahrungen, Reize oder Informationen Auswirkungen auf Bewertungen, Entscheidungen oder Verhalten haben, die Versuchspersonen danach zeigen. Und zwar – und das ist der Clou – ohne dass sie sich dieser Einflussfaktoren bewusst sind. Sie denken also subjektiv, dass sie “eigene” Entscheidungen/Meinungen usw. ausdrücken (auf rein rationaler Grundlage), tun dies aber ganz offensichtlich nicht unbeeinflusst von den zuvor “angestoßenen” Konzepten/Themen/Vorurteilen.
Zusätzlich macht er facettenreich deutlich, wie hilfreich vorbewusste, im Hintergrund laufende innere Prozesse bei der Lösung komplexer Probleme sein können.

Das ist alles recht interessant und überwiegend auch sehr einleuchtend und es erweitert sicher auch die grundsätzlichen Diskussionen über das Ausmaß der viel beschworenen Autonomie des ICHs. Trotzdem hinterlässt das Buch auf einigen Ebenen einen etwas zwiespältigen Eindruck:

  • Etwas störend ist der immer wieder spürbare Alleinstellungsanspruch des  – eigentlich sehr sympathisch rüberkommenden – Autors: Es gibt kaum Bezüge zu Nachbardisziplinen. Man hat ein wenig den Eindruck, er bewegt sich in einem abgeschlossenen Terrain und die Sozialpsychologie sei die einzige relevante Wissenschaft, die zum Thema etwas zu sagen hätte.
    Ein extremes Beispiel dafür ist sein Vorschlag, sein eigenes Verhalten durch eine geplante Manipulation der eigenen Umgebung besser im gewünschten Sinne zu steuern (ganz platt: wer weniger Alkohol trinken will, hat am besten keine gut sortierte Hausbar). Man erfährt in diesem Buch jedoch nicht, dass die Selbststeuerung durch “Stimulus-Kontrolle” eine seit Jahrzehnten praktizierte verhaltenstherapeutische Technik ist.
  • Das Buch ist – wie gesagt – gut lesbar und die großen Zusammenhänge werden immer wieder aufgegriffen. Das ist vielleicht didaktisch sinnvoll, führt aber doch zu einer ziemlichen Redundanz. Bestimmte Formulierungen kann man irgendwann mit zusammen mit dem Autor auswendig herbeten..
  • Der gute Professor BARGH ist ein netter Typ. Er hat früher Rock-Musik gehört und auch selbst im Lokalradio Patten aufgelegt. Offensichtlichist war er auch ein engagierter Vater und hat sich voller Enthusiasmus seinem Beruf gewidmet, der sicher auch seine Berufung war. Er feiert mit diesem Buch auch ein wenig sich selbst und sein Lebensweg. Das ist alles nicht schlimm – es sei denn, man wäre etwas sensibel im Bereich Selbstverliebtheit…

Und die Bilanz:
Ein anregendes Buch. Durchaus lohnenswert.
Aber es steht sehr für sich allein. Es betrachtet ein riesiges Thema aus einer speziellen Perspektive – so als ob es die anderen Zugänge nicht gäbe.
Damit bietet es nicht eine Gesamtsicht über all die Prozesse, die vor und neben dem bewussten Denken stattfinden, sondern den Ausschnitt, der sich durch den ganz persönlichen Forschungsweg des Autors aufgetan hat.
Wenn man das weiß und so auch  – vielleicht zur Ergänzung anderer Aspekte – will, dann ist das Buch eine gute Wahl.

“Die Mitte der Welt” von Andreas STEINHÖFEL

Der Auto schreibt Kinder- und Jugendbücher. Erzählt wird hier die Geschichte eines jugendlichen Homosexuellen.
Ist damit alles Wesentliche gesagt?
Nein. Nicht mal in Ansätzen!

Es handelt sich weder um ein Buch speziell für Jugendliche noch um ein typisches Buch über das “coming-out” eines schwulen Jungen.
STEINHÖVEL hat ein Buch über das Leben und die Liebe geschrieben. Eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe.

Ja, die meisten Hauptfiguren sind Jugendliche. Ein Geschwister-Paar (davon ist der Junge der Ich-Erzähler) und zwei bis drei wesentliche Peers aus ihrem Umfeld. Dazu kommt die – allein lebende und extrem nonkonformistische – Mutter und zwei ihrer Freundinnen. Und dann gibt es noch ein paar Männer. Viele unwichtige – denn die Mutter hat einen beträchtlichen Verschleiß – und wenige wichtige.

Der Drive der Geschichte speist sich aus mehreren fast gleichberechtigten Quellen: Der Familiendynamik zwischen den Geschwistern und ihrer – meist so unmütterlichen – Mutter, dem Outsider-Status dieser Familie in einem schlossähnlichen Gebäude außerhalb eines bürgerlichen Städtchens, der platonischen Freundschaft des Erzählers zu einer Mitschülerin und seine erste Beziehung zu einem besonderen Jungen, um dessen Liebe er so sehr kämpft. Nahe dabei ist noch ein lesbisches Pärchen und im Hintergrund lauert ein unbekannter Vater irgendwo in Amerika.

Aber was sagt schon die Aufzählung der beteiligten Figuren?! Diese Figuren werden vom Autor in einer meisterhaften Form zum Leben erweckt. Diese Figuren haben Ecken und Kanten, sind alles andere als vorhersehbare Durchschnitts-Personen. Sie sind sicher in bestimmten Aspekten überzeichnet, sind alle auf der Suche, sind verletzlich und verletzend und sind doch deshalb – und gerade deshalb – so unglaublich menschlich.

Die Suche nach “wirklicher” Liebe, nach wahrhaft intimer Begegnung, ist wohl das zentrale Thema dieses Entwicklungs-Romans. Diese Suche ist in den scheinbar wahllosen Affären der Mutter ebenso zu erahnen, wie in dem Kampf  der Schwester um mütterliche Liebe und in dem verzweifelten Versuch des Protagonisten, bei seinem vergötterten Traum-Jungen neben der körperlichen auch die emotionale Vereinigung zu finden.
Eine Botschaft dabei: Es ist schwer, jemanden zu lieben, der sich als Person nicht voll und ganz einlassen kann oder will. So jemand kann zwar als Projektionsfläche für Sehnsüchte und Begehren dienen, kann zum Sexualpartner werden – aber eine erfüllte und erfüllende ganzheitliche Begegnung ist letztlich unmöglich.

Es geht in diesem Buch auch um Aufbrüche:  ins Erwachsensein, in die eigene Identität, in die weite Welt.

Dieses Buch ist alles andere als platt pädagogisch. Seine Lebensweisheiten werden  – und das macht die Kunst aus – nebenher und indirekt vermittelt. Durch die emotionale Identifikation mit den Akteuren und ihren Geschichten.

Man liest dieses Buch einfach gerne. Es ist unterhaltsam, anrührend und spricht viele Kernthemen des Menschwerdens und Menschseins nachvollziehbar und intelligent an.
Der Autor ermutigt seine Leser, zu ihren ureigensten Zielen und Sehnsüchten zu stehen – auch wenn das bzgl. der gesellschaftlichen Bewertung vielleicht einen hohen Preis hat. Umwege sind erlaubt, Scheitern ist erlaubt. Nur nicht aufhören, das Leben und die Liebe zu suchen!

(Das Buch ist übrigens 20 Jahre alt. Es ist zeitlos!)

“Wie man die Zeit anhält” von Matt HAIG

Autoren überlegen sich immer wieder neue Rahmenhandlungen, um durch Eröffnung einer neuen, ungewohnten Perspektive den Fokus auf menschliche Grundthemen zu lenken. Sie tun das mit der Hoffnung, dass der “andere” Blick Aspekte ins Bewusstsein rückt, die sonst im Grundrauschen der Alltäglichkeit untergehen könnten.
Science-Fiction-Romane bieten oft so eine Außen-Perspektive: Aus der Sicht galaktischer Dimensionen oder gar fremder Intelligenzen werden vermeintliche menschliche Alternativlosigkeiten plötzlich in ihrer Absurdität entlarvt.

HAIG setzt diesmal kein Alien ein, um unseren Blick für das Wesentliche zu schärfen. Er spendiert uns einen wahren  “Zeit-Zeugen”, um uns das Thema Zeit in seiner existentiellen Breite nahe zu bringen.

Es gibt – so die Grundidee des Romans – ein paar Menschen auf der Welt, die zwar nicht unsterblich sind, aber mehr als die zehnfache Lebenserwartung haben wie wir Normalos (im Buch “Eintagsfliegen” genannt). Unser Ich-Erzähler ist einer dieser Auserwählten und er lässt uns sehr intim teilhaben an den besonderen Erfahrungen, die so ein Dasein mit sich bringen kann.

Zunächst mal ist es nämlich ein ziemlicher Stress, wenn man – inmitten von Kurz-Lebern – sich so unübersehbar dem Alterungsprozess entzieht (los geht es mit der Abweichung praktischer Weise erst in der Pubertät). Die Menschen mögen nämlich keine befremdlichen Ausnahmen – sie vermuten schnell Hexen und Teufel am Werk. Dazu kommt die persönliche Tragik, wenn auch geliebte Menschen in einem so völlig asynchronen Tempo altern.
Es gibt aber auch noch zusätzliche Gegenspieler und Verstrickungen, die noch ein wenig Spannungs-Würze ins Geschehen bringen.

Welche Erkenntnisse liefert uns der Autor mit Hilfe des durch die Jahrhunderte gleitenden Protagonisten?

  • Eine dramatisch verlängerte Lebensspanne macht das Dasein nicht automatisch reicher oder erfüllter
  • Das “eigentliche” Leben spielt sich nur in der Gegenwart ab
  • Einzelne Momente – z.B. in einer erfüllenden Begegnung mit einem geliebten Menschen – können alle objektiven Zeitabläufe außer Kraft setzen und sozusagen die Ewigkeit in sich tragen
  • Das Erkennen von geschichtlichen Zusammenhängen ist eine wichtige Erkenntnisquelle, die viel zu wenig genutzt wird
  • Das Befassen mit Geschichte kann darüber hinaus einfach auch Spaß machen
  • Im Einklang mit seinem wahren Wesen zu leben – ohne eine vermeintlich schützende Fassade – ist selbst dann die bessere Alternative, wenn damit Risiken verbunden sind
  • Es gibt nichts Wichtigeres als die Liebe

Das Ganze ist niveauvoll und unterhaltsam erzählt. Auch ein Spannungsbogen wird aufgespannt, dessen Auflösung ganz akzeptabel ist.
Und es ist eine witzige und originelle Idee, bei dem Rutsch durch die Jahrhunderte ein paar geschichtlichen Figuren persönlich zu begegnen.

Ein tolles Buch von einem begnadeten Erzähler, der sich wiederum als echter Menschenfreund erweist.

“Lob der offenen Beziehung” von Oliver SCHOTT

Es handelt sich um ein kleinformatiges, schmales Büchlein, eher noch ein Heft. Darin findet sich ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen  Monogamie als unhinterfragtes Standardmodell für Liebesbeziehungen. Der  Autor hat ganz offensichtlich eine Mission. Er ist überzeugt, er will überzeugen. Er ist sicher, dass die besseren Argumente  auf seiner Seite sind. Er sieht sich als Aufklärer.

SCHOTT geht systematisch vor. Er erklärt, wie das Konzept der Monogamie sowohl historisch in der Gesellschaft als auch im individuellen Bewusstsein entstanden ist. Da er dabei realistischer Weise davon ausgeht, dass der Mensch auch ein emotionales Wesen ist, durchleuchtet er den Zusammenhang zwischen Normen, anerzogenen Selbstverständlichkeiten, gewachsenen Überzeugungen und als “natürlich” empfundenen emotionalen Prägungen.

Letztlich vertritt er folgende Kernaussagen:

  • Monogamie entspricht nicht der Natur des Menschen, sondern ist kulturell “gemacht” und daher hinterfragbar und veränderbar.
  • Sich dieser Norm unterzuordnen, schränkt die Lebens-, Entwicklungs- und Glücksmöglichkeiten von Menschen in Beziehungen extrem ein.
  • Die Vorgabe, andere Menschen nur nacheinander und nicht gleichzeitig (erotisch und/oder emotional) lieben zu können/dürfen, ist in sich widersprüchlich und verursacht jede Menge vermeidbares Leid.
  • Eifersucht – also das Bedürfnis nach Exklusivität in Beziehungen – ist überwindbar.
  • Es gibt lebbare Beziehungs-Alternativen.

Nun hängt die Qualität eines Buches ja “eigentlich” nicht davon ab, ob man die Überzeugungen des Autors teilt. Bei so einem emotional besetzten Thema gerät man aber schnell auf das Gleis der Verteidigung und Rechtfertigung eigener Haltungen. Verunsicherung ist schließlich unbequem und schafft Unruhe – die man sich am besten gleich wieder vom Hals schafft…
Ich will daher die Grundlage meiner Bewertung dieses Textes transparent machen.

Mit dem Thema “Nebenbeziehungen” beschäftige ich mich selbst sowohl praktisch als auch theoretisch seit mehreren Jahren; ein Buch dazu ist in Arbeit. Meine Reaktion auf dieses Buch ist daher geprägt von meinen emotionalen Reaktionen (als liebender Mensch) und von meiner eigenen thematischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich will die Frage beantworten, an welchen Punkten SCHOTTs vom Prinzip her überzeugende Darstellung  bei  mir Skepsis oder Widerstände ausgelöst hat:

  • Bei mir sind schnell Zweifel entstanden, ob der Autor den Zustand einer romantisch-symbiotischen Liebe wirklich aus eigener Erfahrung kennt. Natürlich hätte er auch ohne diesen Hintergrund alles Recht der Welt, für seine Thesen einzutreten. Aber es entsteht der Eindruck, dass sich SCHOTT an etwas abarbeitet, was ihm selbst doch irgendwie fremd und seltsam vorkommt. Er gibt sich zwar redliche Mühe, diese “Absonderlichkeiten” des menschlichen Seins zu verstehen – aber er bewegt sich da wie ein Anthropologe bei der Erforschung eines  unbekannten Urwald-Stammes.
  • Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass mir die innere Ambivalenz, das mühsame und schmerzhafte Abwägen von Positionen und Alternativen fehlt. Es ist alles so eindeutig. Wenn man sich auf seine Erkenntnisse und Argumente einlässt – so erlebt man den Autor – dann kommt man doch geradezu “zwingend” zu den gleichen Schlussfolgerungen.
    Was ist mit den inneren Kämpfen, mit dem “Sowohl-Als-Auch”?
  • Es hätte dem Buch und seiner Überzeugungskraft gut getan, wenn es mehr Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Arten von “Liebe” und zwischen unterschiedlichen Phasen eines Beziehungsverlaufs gegeben hätte. Zwar werden diese Aspekte vom Autor gestreift, letztlich kommt es dann aber immer wieder zu Pauschalaussagen, gegen die man sich dann innerlich zu Wehr setzt.
  • In dem Universum von SCHOTT sind Beziehungsmenschen starke, selbstbewusste, autonome Menschen auf der Suche nach erfüllender Selbstverwirklichung. Er scheint mir kein wirkliches Auge für Liebende zu haben, die in Beziehungen auch Sicherheit, Schutz und unbedingte Geborgenheit suchen. Weil sie vielleicht nicht die innere Kraft mitbringen, sich durch eine Nebenbeziehung ihres Partners nicht in Frage gestellt zu fühlen.
    Vielleicht gibt es auch einfach  – viel häufiger als er denkt – ein Bedürfnis nach Ruhe und Gewissheit, zumindest in diesem einen Lebensbereich.

Das soll reichen.
Für Menschen, die ihre eigene Position hinsichtlich der Monogamie und möglicher Alternativen mal (wieder?) überprüfen wollen, ist dieses Büchlein durchaus eine Empfehlung. Es ist anregend und engagiert geschrieben.
Wenn man es erträgt, mit einem “Überzeugungstäter” zu tun zu haben, ist es durchaus gewinnbringend zu lesen.
Es muss kein Nachteil sein, dass das eigene Urteil am Ende vermutlich weniger eindeutig ausfällt.